Die deutsche Ein-Hund-Familie

Nachhaltigkeit interessiert nur jene, die Kinder haben

Es war die Gattin des Mehrheitseigentümers der größten Zeitung Österreichs, die vor wenigen Jahren in einem Interview mit einem renommierten Wirtschaftsmagazin des Landes erklärte: Es sei doch seltsam, dass die wesentlichen politischen Akteure Europas – konkret nannte sie damals den EU-Kommissionspräsidenten Junckers, die britische Premierministerin May, die deutsche Bundeskanzlerin Merkel und den französischen Staatspräsidenten Macron – keine Kinder hätten. Nun war die Gattin des Zeitungs-Tycoons durchaus Jetset-affin und zählt zu den Schönen und Reichen des Landes. Allerdings hat sie in aufrechter Ehe drei Kinder, und das, so meinte sie in dem Interview sinngemäß weiter, sei wohl auch der Grund, warum sie – im Gegensatz zu den genannten Spitzenpolitikern – anders an die Zukunft denke als diese.
Von der Psychologie her, insbesondere in Bezug auf politische Einstellungen und Entscheidungen, dürfte dies durchaus richtig sein, dass Menschen, insbesondere politische Akteure, die selber Kinder und Kindeskinder haben, anders über die Zukunft denken, ihre Entscheidungen in Bezug auf Zukunftsentwicklungen anders tätigen als Kinderlose, die gewissermaßen vom eigenen Empfinden her wegen der fehlenden genetisch eigenen Nachkommen andere Entscheidungen treffen. Zwar mag es bei vielen kinderlosen Menschen, auch bei Politikern, durchaus zahlreiche Beispiele geben von Verantwortung insgesamt für die Menschheit, für die eigene Gesellschaft oder gar – horribile dictu – für das eigene Volk.
Vom gewissermaßen atavistischen Zugang her allerdings ist der Mensch so etwas wie ein genetischer Egoist. Das heißt also, es kümmern ihn eigene Nachkommen mehr als fremde. Und so ist es auch eine der großen Lügen, dass angenommene oder adoptierte Kinder absolut das gleiche sind wie das eigene Fleisch und Blut.
Solcherart mag die zunehmende Kinderlosigkeit bzw. Kinderarmut im Kreise des deutschen Volkes auch eine Ursache dafür sein, dass nachhaltige, auf die Zukunft des eigenen Volkes und des eigenen Gemeinwesens orientierte Politik zunehmend vernachlässigt wird. Für eines ist aber die geringe Reproduktionsrate der Deutschen jedenfalls ursächlich: für die Abnahme der autochthonen Bevölkerung. Wie an dieser Stelle bereits mehrfach zitiert und analysiert, hat eben diese autochthone deutsche Bevölkerung in der Bundesrepublik, aber auch in Österreich, in den letzten Jahren um rund ein Viertel abgenommen. Wenn beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland bei der Wiedervereinigung zwischen BRD und DDR etwa 81 bis 82 Millionen Wohnbevölkerung aufzuweisen hatte, wovon etwas mehr als zwei Millionen Migrationshintergrund hatten, so ist es nunmehr gut 20 Jahre später so, dass von etwa 82 Millionen Menschen gut 25 Millionen Migrationshintergrund haben.
Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass es kaum mehr 60 Millionen „Biodeutsche“ in der Bundesrepublik gibt. Und ähnlich dürfte die Entwicklung auch in Österreich sein. Und dazu hat zweifellos die geringe Kinderzahl pro gebärfähige Frau, aber auch die Verzögerung der Erstgeburt bei den Frauen von einem Lebensalter von Anfang oder Mitte 20 auf Anfang bis Mitte 30 geführt.
Abgesehen von der demographischen Entwicklung führt dies natürlich im Bereich der Sozialpolitik und vor allem der Finanzierung der Sozialsysteme zu kaum zu lösenden Problemen. Die Altersstruktur in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in Österreich, hat sich nämlich dergestalt verändert, dass in wenigen Jahren ein Pensionsbezieher auf zwei Erwerbstätige kommen und dass damit das Pensionssystem kaum mehr finanzierbar sein wird. Jene politischen Kräfte, die da der Ansicht sind, dass dieses Problem durch Zuwanderung gelöst werden kann, übersehen, dass die hohen Kosten dieser Zuwanderung, allzumal von minderqualifizierten Menschen, Kindern und Familien ungleich höher sind als die dadurch erzielten Beiträge für die Sozialsysteme.
Die Ursachen für diese Entwicklung hin zur kinderlosen bzw., exakter gesagt zur kinderarmen Gesellschaft, sind naturgemäß vielfältig. Zum einen ist es zweifellos ein historisch belegbares Phänomen, dass besiegte, geschlagene und gedemütigte Nationen, wie es die Deutschen nach zwei Weltkriegen zweifelsfrei waren, aufgrund geringer oder negativer Zukunftsperspektiven Nachkommenschaft einschränken bzw. verweigern. Obwohl im Zuge des Wiederaufbaus und den Wirtschaftswunders bis hin zur Phase der „Baby-Boomer“ so etwas wie ein vordergründiger Optimismus in der bundesdeutschen und auch in der österreichischen Gesellschaft vorherrschte, dürfte diese nationale Perspektivlosigkeit im kollektiven Unterbewusstsein langfristig wirksam sein und bis heute ein Hauptgrund für die Kinderlosigkeit der Deutschen darstellen.
Daneben aber ist es zweifellos der Hedonismus einer rein aufs Materielle orientierten Gesellschaft und das damit schwindende Gemeinschaftsgefühl gegenüber dem eigenen Staatswesen, dem eigenen Volk und auch dem eigenen Sozialsystem gegenüber, was dem Mut zum eigenen Kinde schwinden lässt. In einer hedonistischen, auf reine Selbstverwirklichung ausgerichteten Gesellschaft werden Mühe und Plagen der Elternschaft, die immensen Kosten für die Erziehung und Ausbildung von Kindern entweder abgelehnt oder nach den Maßstäben der eigenen Bequemlichkeit organisiert.
Zwar ist der Kinderwunsch bei nahezu allen einigermaßen Normalität, auch im deutschen Sprachraum unverändert vorhanden, er wird aber durch Faktoren wie Lebensplanung, wie Studium und Karriere, erst sehr spät oder gar nicht verwirklicht. Überdies verhindert ein Wirtschaftssystem, was den Menschen zwar weitgehend Wohlstand beschert, ihnen aber immer geringere ökonomische Spielräume lässt, die Planung von Mehr-Kind-Familien. Hier sind die Kosten für Durchschnitts- und Kleinverdiener einfach zu hoch.
Neben medizinischen Gründen, wonach die Fertilität sowohl der Frauen als auch der Männer geringer wird – das Phänomen der Samenschwäche durch Umwelteinflüsse und dergleichen gibt es –, sind es aber auch psychologische Motive, die hier ausschlaggebend sind. Wenn hier in der Zeit des Nationalsozialismus der Kinderreichtum von staatlicher Seite propagiert wurde, wobei es für Mehrfachmütter Auszeichnungen wie Mutterkreuz und ähnliches gab, wird in der heutigen hedonistischen Gesellschaft das Singledasein mehr oder weniger offen propagiert. Da werden Singlewohnungen gebaut, da werden die Selbstverwirklichung und der reine Egoismus propagiert, was natürlich auch dazu führt, dass bei den geringsten familiären und ehelichen Konflikten Trennungen und Scheidungen und daraus resultierend auch der Verzicht auf Kinder die Folge ist.
Wenn dann Paarbeziehungen, ob nunmehr verehelicht oder in bloßer Partnerschaft lebend, aufgrund welcher Faktoren auch immer mit Kinderlosigkeit geschlagen sind, existiert denn doch das Bedürfnis nach Gesellschaft, nach Gemeinschaft, nach pseudofamiliären Strukturen. Und da wird dann allzu oft das Haustier zum Surrogat, zum Ersatzobjekt, für die Liebe zum Kind und sich fürsorgend um jemand zu kümmern. Die ironisch als „deutsche Ein-Hund-Familie“ bezeichnete Gemeinschaft dieser Art ist zwar zwischen Flensburg und Bad Radkersburg, zwischen Innsbruck und Osnabrück, ein gesellschaftliches Massenphänomen, es trägt aber in keiner Weise dazu bei, die Probleme der negativen demographischen Entwicklung und der drohenden Unfinanzierbarkeit der Sozialsysteme bald zu lösen. Ein Hund mag für ältere Menschen und für ältere Paare ein treuer und tauglicher Gefährte sein, Kindersatz ist er aber zweifellos nicht.

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