Zwischen Seniorat und Juvenilitätswahn

10. Oktober 2016

Generationenkonflikte und ­Generationen­verträge – eine Betrachtungen

Wie skandierten die 68er so schön: „Traue keinem über dreißig“. Und sie positionierten sich damals als neue linke Jugendbewegung, als weitgehend studentische Protestbewegung gegen das Establishment, gegen die Alten, gegen die Spießer und verzopften Reaktionäre.
Das war im Jahre 1968. Kaum eine Generation davor hat es auch eine Jugendbewegung gegeben, nämlich in den 30er-Jahren die Nazis. Die österreichischen Gauleiter etwa waren im Anschlussjahr tatsächlich alle unter dreißig und Hitler selbst war, als er mit 44 Reichskanzler wurde, auch noch ein vergleichsweise junger Politiker. Auch damals war Jugend alles und ältere Politiker galten als reaktionär, spießig und verzopft. Die jugendbewegten Revolutionäre der 30er-Jahre endeten häufig in den Schützengräben des Zweiten Weltkriegs oder danach vor den Entnazifizierungsgerichten. Die Jugendbewegten der späten 60er-Jahre hingegen schafften den „Weg durch die Institutionen“ und enden gerade in unseren Tagen auf Parlamentssitzen, in Chefredakteursbüros oder Aufsichtsratsfunktionen – wenn sie nicht schon in Pension sind.
Tatsächlich gibt es so etwas wie gesellschaftliche Wellenbewegungen zwischen Zeiten, in denen Jugendkult dominiert und Zeiten, in denen dem Prinzip des Seniorates, der Hochschätzung der weisen Alten, gefrönt wird. Dabei ist Alter in der Menschheitsgeschichte etwas durchaus Relatives und es verschiebt sich zunehmend nach hinten ins wirklich hohe Lebensalter. Lag die durchschnittliche Lebenserwartung in der Jungsteinzeit bei 21 Jahren, das heißt, ein Zwanzigjähriger war alt, so konnte man im altgriechischen Sparta mit siebenundzwanzig Jahren Angehöriger des Areopag, des Rats der Alten werden. Wenn man also all die Schlachten und das Schlachten überlebte, war man als Endzwanziger bereits ein weiser alter Mann. Und die griechischen Philosophen „blühten“ mit vierzig, hatten also mit diesem Alter die Höhen ihrer Schaffenskraft erreicht. Andererseits wurde Konrad Adenauer, der Repräsentant der Nachkriegspolitiker in Deutschland schlechthin, erst mit dreiundsiebzig Jahren Bundeskanzler, um es dann für lange Jahre zu bleiben. Und in der KPdSU der Sowjetunion unter Breschnew galt jeder unter achtzig als Lausbub, so relativ kann Alter sein. Wenn man aber das politische Geschehen betrachtet, so ist es wohl eine Tatsache, dass revolutionäre Phasen der Geschichte, Zeiten des Umbruches also, eher von jugendlichen Exponenten geprägt sind. Im Gegensatz dazu sind Phasen strukturkonservativer Beharrung und ruhiger Entwicklung wohl eher von reifen und langgedienten Persönlichkeiten dominiert. Dabei kann man aber auch feststellen, dass die jungen Revolutionäre häufig in den Jahren und Jahrzehnten danach zu strukturkonservativen Systemerhaltern mutieren und sich durchaus mit Zähnen und Klauen jene Pfründe zu bewahren trachten, die sie als junge Revolutionäre erkämpften. Fidel Castro lässt grüßen.
Auch in der politischen Landschaft Österreichs kann man derlei Entwicklung beobachten. Die heimischen Grünen etwa halten sich zugute, aus der Umweltbewegung der 80er-Jahre zu stammen, wobei sie eher verschweigen, dass die meisten von ihnen aus der neulinken Bewegung der späten 60er- und 70er-Jahre kommen. Viele von ihnen wurden politisiert im Spektrum der linken Sekten von Maoisten, Marxisten und Trotzkisten etc. Das Mäntelchen der Umweltschützer haben sie sich zumeist erst später mit mehr oder minder großer Überzeugung umgehängt. Zweifelsfrei ist jedenfalls, dass sie sich damals in den 70er- und 80er-Jahren mit Recht als Jugendbewegung verstehen konnten. Heute sind die meisten Grünexponenten mit ihrer Partei mitgealtert und sind längst Zierden des neuen linken Spießertums, das sich politisch korrekt bei den diversen zeitgeistigen NGOs und der vielzitierten urbanen Gesellschaft umtut. Ein Musterexemplar dieser Gattung stellt der grüne Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen dar.
Jugendbewegt war aber auch die Gegenseite. Bereits im freiheitlichen Atterseekreis und später in der Haider-FPÖ verstand sie sich als jugendliche Gegenbewegung gegen altnationale und reaktionäre Bildungsbürger. Norbert Steger wollte den Aufbruch der jungen Liberalen repräsentieren, und Jörg Haiders Buberlpartie wurde von ihren medialen Kritikern als Exponenten des sogenannten „Feschismus“ abgestempelt. Aber auch in der heutigen großen Oppositionspartei wird viel von „Verjüngung“ gesprochen. Dabei übersehen jene, die dieselbe verlangen, häufig, dass sie selbst auf die fünfzig zugehen und – schwuppdiwupp – in eigener Person schon recht bald das Pensionsalter vor Augen haben müssen.
Wenn man sich das Problem aber ernsthaft vor Augen führt, muss man sich einerseits eingestehen, dass jugendlicher Schwung, jugendliche Energie, das Frische und Unverbrauchte, durchaus so etwas wie ein politisches und gesellschaftliches Modell sein können. Wie könnte in einer Gemeinschaft Aufbruchsstimmung und Zukunftsoptimismus erzeugt werden, wenn nicht durch junge Menschen und ihrem Streben nach Erfolg und Glück. Dabei mögen Naivität und Unerfahrenheit eine Rolle spielen, zynische Abgeklärtheit und allzu viele schlechte Erfahrungen wären da womöglich nur Bremsfaktoren, die eben jene Aufbruchsstimmung behindern würden. Mit einem Wort: Jugendliche Politiker, jugendliche Manager, jugendliche Führungskräfte müssen wohl an der Spitze eines jeden neuen Aufbruchs stehen.
Im Gegensatz dazu steht die Erfahrung, die Abgeklärtheit, die Weisheit des reifen Menschen, der Verantwortung in der Familie, in den diversen Gemeinschaften, in der Politik und der Gesellschaft trägt. Die eigene individuelle Lebenserfahrung, aber auch die kollektive Erfahrung durch die Kenntnis der Geschichte vermögen die Beurteilung von Problemen und Aufgabestellungen gewiss besser zu ermöglichen, als dies bei jungen Menschen möglich ist. Ob es jetzt in der kleineren Familie stattfindet oder in einem Wirtschaftskonzern, im Bereich der Politik oder anderswo, konservative Gesinnung zielt stets auf die Erhaltung des Bewährten ab. Und das scheint zu den Gesetzlichkeiten des menschlichen Lebens zu gehören, dass man ab einem gewissen Alter Veränderung eher kritisch sieht und eher von Sorgen und Ängsten bewegt wird, dass man Erreichtes verlieren könnte.
Angst ist ein schlechter Ratgeber, könnte man den Alten vorwerfen, die Gier aber auch. Die Gier nach Erfolg und nach Glück, muss man wohl den Jungen sagen. Im Wechsel zwischen beiden Faktoren, im steten Pendelschlag zwischen Verjüngung und Erfahrung, zwischen Neubeginn und Vollendung, liegt also zweifellos eine anzustrebende harmonische, individuelle, aber auch kollektiv gesellschaftliche Entwicklung. Der Jugendlichkeitswahn mancher gesellschaftlicher und politischer Epochen kann ins Verderben führen, das allzu starre Festhalten am Prinzip der Seniorität andererseits muss zur Versteinerung führen, der Wechsel zwischen beiden Extremen und der Kompromiss ist hingegen die Lösung.
Gewiss gibt es immer wieder Generationenkonflikte, die Konflikte zwischen Vätern und Söhnen, zwischen Müttern und Töchtern, es gibt aber auch so etwas wie Generationenverträge – nicht nur zur Erhaltung unseres Sozialsystems oder unseres Pensionssystems, sondern auch zur Erhaltung familiären Zusammenhalts, zur Bewahrung gesellschaftlicher Strukturen, die das Staatsganze, ganze Kulturen zusammenhalten.
Der unausweichliche von der Evolution, der Schöpfung und dem Schicksal vorgegebene Wandel von jung zu alt, von Werden und Vergehen, von geboren werden und sterben zwingt uns Menschen in solche Generationenverträge. Die Sorge der Alten für die ganz Jungen und das Verständnis für ihre Probleme beim Heranwachsen und schließlich umgekehrt die Versorgung der Alten durch die Jüngern, sie bis zum Lebensende hin zu begleiten, all das macht diese Generationenverträge aus und beweist letztlich, dass es eine wirkliche Kluft zwischen Jung und Alt nicht geben kann, da alt einmal jung war und jung zwangsläufig alt werden wird.

Advertisements

Der fatale ­Gewöhnungseffekt

5. Oktober 2016

Mein Gott: Da oder dort gibt es halt eine Vergewaltigung, der flüchtige Täter, ein junger Mann südländischen Typs, täglich liest man davon in der Zeitung. Da und dort rast einer mit seinem Auto in die Menge und brüllt dabei „Allahu akbar“. Eh nur ein frustrierter Elektriker, der gerade entlassen wurde, was ist schon dabei? Gewiss explodiert wöchentlich irgendwo in Europa eine Bombe, wenn es nur eine geringe Opferanzahl gibt, regt das kaum mehr jemanden auf. Ja und die Flüchtlinge, kaum mehr der Rede wert, die Balkanroute ist ohnedies geschlossen, wenn da in Griechenland zwischendurch einmal von den Schutzsuchenden ein Lager angezündet wird, regt sich keiner auf. Und natürlich kommen Schwarzafrikaner über die Grenze von Italien her, ein paar zu Fuß über die Autobahn, die anderen in Zügen, alles kaum der Erwähnung in den Gazetten wert. Und die Marineeinheiten der diversen EU-Staaten fischen nahezu täglich hunderte aus dem Mittelmeer ganz nahe der libyschen Küste und bringen sie nach Italien, wen regt das auf?
Man gewöhnt sich an alles, man stumpft ab, und die uniformierte Wache des Bundesheers in der Maria-Theresien-Kaserne besteht aus Schwarzafrikanern, im Gardebataillon stehen Türken stramm, das Servicepersonal in der Gastronomie spricht zumeist nur mehr gebrochen Deutsch, die Zeitungszusteller des Nachts heben sich in der Dunkelheit kaum von ihrer Umgebung ab und Tschador, Burka und Kopftücher sind alltäglich im Straßenbild, wen regt das auf? Man gewöhnt sich an alles.
Ja und die Kriminalstatistik, was soll so besonderes daran sein? Geklaut, geprügelt und geschossen haben auch die biederen Österreicher. Und dass die Gefängnisse zu Stätten zahlloser verschiedener Migrationshintergründe geworden sind, ja und wen regt das auf? Man gewöhnt sich an alles.
Dieser fatale Gewöhnungseffekt hat die Österreicher längst ergriffen. Und fatalistische Gleichgültigkeit, „Wurstigkeit“ um es auf gut österreichisch auszudrücken, war schon immer ein Überlebensprinzip des gelernten Österreichers. Meckert ein bisschen, findet sich aber achselzuckend damit ab und lässt sich womöglich von der Schönfärberei in den etablierten Medien einlullen. All die vielen Beispiele „gelungener Integration“ beweisen doch: Wir schaffen das. Im Übrigen macht die Regierung eh alles, was sie kann, um das Problem in den Griff zu bekommen, der junge Außenminister, der Kurz, schließt ohnedies alle Zugangswege nach Österreich, und der fesche Bundeskanzler, der Kern, der macht ja gemeinsam mit dem G‘stopften mit dem Verteidigungsminister und mit dem Glatzertem, dem Innenminister, eh alles, was er kann, damit nicht mehr als 38.500 – oder waren es 138.500? – Asyl­anten kommen, das schaffen wir doch locker. Oder etwa nicht?