Europas ­„Bloodlands“

6. Mai 2022

Von Schlachtfeldern und Friedensregionen (Teil II)

Die „Bloodlands“ zwischen Baltikum und Schwarzen Meer – die Ukraine: Der amerikanische Historiker Timothy Snyder schilderte in seinem heftig diskutierten Buch „Bloodlands“ drei miteinander verknüpfte Geschichten, nämlich Stalins Terrorkampagnen, Hitlers Holocaust und den Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen und die Zivilbevölkerung. Blutige Tragödien, die sich zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, nämlich im Raum rund um die Ukraine zugetragen haben. Damit wirft er einen Blick auf diesen tragischen Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der zeigt, dass es dieses dritte zentrale Schlachtfeld zwischen Bug und Don, zwischen Baltikum und Karpaten war, in dem sich unsägliche Tragödien abspielten.
Natürlich gab es in diesem Raum auch im Laufe der Jahrhunderte vor den zwei Weltkriegen und vor unseren Tagen blutiges Völkerringen. Die Gründung des Reichs der Rus-Wikinger in Kiew und dann die Expansion des zaristischen Russlands seit Iwan dem Schrecklichen war mit gewaltigem Blutvergießen verbunden. Davor die Herrschaft der Mongolen, der Goldenen Horde, stellte ebenso eine blutrünstige Despotie dar. Auch die Kriegszüge des schwedischen Königs Karl XII. forderten zahlreiche Opfer.
Einen ersten Höhepunkt des kriegerischen Schlachtens stellt zweifellos der Napoleonische Russ­landfeldzug aus dem Jahr 1812 dar. Die zaristische Strategie der verbrannten Erde, der Untergang der französischen Grande Armée und die Opfer der russischen Zivilbevölkerung und der Streitkräfte Kutusows deuteten bereits an, was ein Jahrhundert später in dieser Region stattfinden sollte: Im Ersten Weltkrieg war die Ostfront zwischen dem Ostseestrand und den Karpaten gekennzeichnet von beispiellosen Menschenmorden.
Allein die k. u. k. Armee verlor in Galizien, das heute bekanntlich zur Ukraine gehört, in den ersten Kriegsmonaten im Herbst des Jahres 1914 mehr als eine Million Soldaten. Und die Russen trieben die zum Teil schlecht ausgebildeten und schlecht bewaffneten Muschiks in den Schlachten gegen die preußisch-deutschen Armeen im Norden und im Karpatenbereich gegen die habsburgischen Truppen gnadenlos an die Front. Menschenopfer zählten nur wenig. Bis zum Ende des Zarenreichs und bis zum Frieden von Brest-Litowsk Anfang März 1918 fielen Millionen Soldaten, Russen, Österreicher und Deutsche auf dem Territorium dieser „Blood­lands“. Und der darauffolgende Bürgerkrieg zwischen roten und weißen Einheiten in den frühen Jahren der Sowjetunion forderte weitere zahllose Opfer.
Doch damit nicht genug, forderte Stalins „Holodomor“ insbesondere in der ukrainischen Sowjetrepublik Millionen Todesopfer. Die vom sowjetischen Diktator mutmaßlich willentlich verursachte Hungernot und die politischen Säuberungen und die Maßnahmen gegen die Kulaken verursachten insgesamt wohl an die 30 Millionen Tote.
Das solcherart geschundene Land, vergrößert durch Ostpolen, das durch den Hitler-Stalin-Pakt in den Machtbereich der Sowjets fiel, sollte in der Folge zum Hauptkriegsschauplatz des deutschen Russlandfeldzuges werden. Keineswegs nur die gefallenen Soldaten, sondern Millionen sowjetischer Kriegsgefangener wurden zum Opfer des Vernichtungskriegs der Nationalsozialisten.
Vice versa kamen in der Folge Millionen deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern um. Und auf dem gleichen Territorium fanden die von den sogenannten Einsatzgruppen verursachten Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung statt, wobei diese bereits vor dem Einmarsch der Deutschen im hohen Maße als „Klassenfeinde“ Opfer der sowjetischen Geheimdiensteinheiten geworden waren. Blutgetränkte Erde also in dieser europäischen Großregion zwischen Baltikum und Schwarzem Meer, zwischen Bug und Don, „Bloodlands“, wie es Timothy Snyder, der amerikanische Historiker formuliert.
Wenn man gehofft hatte, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts und mit der Gründung demokratischer Staaten, beziehungsweise Systeme, den ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts die Chance für die Entwicklung einer dauerhaften Friedensregion gegeben wäre, sollte letztlich in unseren Tagen dann auch eines Besseren belehrt werden.
Nach der vorübergehenden Schwäche Russlands unter Boris Jelzin war es das Bestreben des Kremls unter dem neuen „Zaren“ Wladimir Putin, die Großmachtstellung Russlands wiederherzustellen. „Make Russia great again“, mochte sich der Kremlherr in Anlehnung an die Devise Donald Trumps gedacht haben, als er erst im Kaukasus, dann auf der Krim und in der Ostukraine militärische Gewalt obwalten ließ. Die Hoffnung des Westens, insbesondere der EU-Europäer, dass die Demokratisierung der Staaten Mittel- und Osteuropas auch Russland erfassen könnte, blieb Illusion.
Die EU-Ostererweiterung festigte allerdings den Staatengürtel zwischen Baltikum und Balkan. Der NATO-Beitritt der meisten dieser Länder allerdings musste im Kreml das Bedrohungsszenario einer militärischen Einkreisung hervorrufen. Wladimir Putins aktueller Einmarsch in der Ukraine darf zwar als Reaktion auf diese Entwicklung definiert werden, dies stellt aber keinesfalls auch nur irgendeine Form von Rechtfertigung dafür dar.
Und wieder ist die Ukraine Schlachtfeld. Und so erweist sich, dass die Balkankriege der 90er Jahre keineswegs die letzte militärische Auseinandersetzung in Europa darstellten. Die „Blood­lands“ im Osten Europas werden neuerlich zur Stätte großflächiger militärischer Gewalt. Die Zerstörung von Städten und Dörfern, Flucht und Vertreibung von Millionen Menschen, zehntausende gefallene Soldaten und traumatisierte Zivilisten sind die Folge dieses Angriffskriegs. Von der Möglichkeit, in diesem Bereich Osteuropas auch nur langfristig so etwas wie eine Friedensregion, vergleichbar etwa mit der Alpen-Adria-Region oder dem deutsch-französischen Bereich westlich des Rheins herzustellen, wagt man nicht einmal mehr zu träumen.
Auf den europäischen Schlachtfeldern rund um Verdun und auch im Tal der Soca, wie der Isonzo heute heißt, künden nur mehr Soldatenfriedhöfe und Gedenkstädten vom einstigen großen Morden. Dort hat man sich längst auf gemeinsame Geschichtsbilder geeinigt und ist nicht mehr auf gegenseitige Schuldzuweisungen an den einstigen Gräueln angewiesen.
Friedensregionen zeichnen sich durch gemeinsames und grenzüberschreitendes Opfergedenken aus. Ein gemeinsames Opfergedenken, wie es etwa durch die Aktivitäten der Kärntner Konsensgruppe im südlichsten Bundesland Österreichs im Hinblick auf die Opfer des Nationalsozialismus und auf jene der Partisanenverbrechen längst üblich ist. Im Herzen des Balkans rund um die Schädelstätte von Srebrenica ist man allerdings noch nicht so weit. Vorläufig schweigen dort aber wenigstens die Waffen. Im Donbass tobt der Kriegsfuror weiter, wird das alte Schlachtfeld neuerlich mit frischem Blut gedüngt.


Europas „Bloodlands“

28. April 2022

Von Schlachtfeldern und Friedensregionen (I. Teil)

Europas Geschichte, der Werdegang des Abendlandes durch mehr als zweieinhalb Jahrtausende, ist nicht zuletzt eine geradezu chaotische Abfolge von kriegerischen Auseinandersetzungen, von mörderischem Völkerringen, von der blutigen Austragung von Erbfeindschaften und damit auch eine Geschichte von Schlachtfeldern. Von Marathon, wo die Athener Hopliten gegen die persischen Eindringlinge kämpften, bis Verdun, wo Deutsche und Franzosen einander mit Giftgas im Grabenkrieg massakrierten, vom den Katalaunischen Feldern, wo die Einheiten des Aetius die Hunnen des Attila bekämpften, bis zum Winter von Stalingrad, wo die deutsche Sechste Armee erfror, vom jüdischen Masada, das die Legionen des Titus belagerten bis zum ukrainischen Mariupol unserer Tage: Blutgetränkte Schlachtfelder, „bloodlands“ eben, bilden die Stationen dieser europäischen Geschichte.
Natürlich gibt es neben dem Völkerringen, neben dem Wirken machtgieriger Fürsten und blutrünstiger Feldherren auch die Kulturgeschichte Europas. Und es gibt die Sozialgeschichte, das Leben der kleinen Leute. Natürlich hat die historische Entwicklung zahlreiche andere Facetten, für die die Schlachtfelder eine untergeordnete Rolle spielen. Angesichts der Tatsache aber, dass der Krieg in unseren Tagen nach Europa zurückgekehrt ist, dass das, was wir alle längst nicht mehr für möglich gehalten haben, nämlich Krieg in der unmittelbaren Nachbarschaft, schreckliche Realität geworden ist, drängt sich der Blick auf eben jene Schlachtfelder wieder auf.
Gleichzeitig aber sehen wir uns mit der Frage konfrontiert, ob und wie es möglich ist, aus diesen „bloodlands“, die es quer durch die Jahrhunderte und quer durch Europa gibt, Friedensregionen zu machen, Bereiche, in denen einst verfeindete Völker und Kulturen friedlich und fruchtbar miteinander zusammenleben. Gerade für den Bereich der Ukraine, der mehrmals in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten zum Schlachtfeld wurde, stellt sich die Frage, ob es dafür auch eine Friedensperspektive geben kann. Und die Beispiele einstiger „bloodlands“, in denen genau eine solche Entwicklung möglich wurde, etwa die Konfliktlinie zwischen Deutschen und Franzosen oder der Beriech des Balkans zwischen Alpen-Adria und Donau, zwei Großregionen, die ebenfalls in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten mehrmals Schlachtfeld waren, können hier Hoffnung spenden.
Tatsächlich waren es ja drei europäische Großregionen, die in den Jahrzehnten von 1914 bis zum heutigen Tag solche zentrale „bloodlands“ in Europa waren. Der Überschneidungsbereich zwischen den Jahrhunderte als Erbfeinde agierenden Deutschen und Franzosen westlich des Rheins auf der einen Seite andererseits die Balkanregion von den Alpen und der Adria bis hin zur Donau und dem Schwarzen Meer: Dort, wo seit der Spätantike der byzantinisch-oströmische Bereich an das Abendland grenzte, dort, wo später das Osmanische Reich auf den Machtbereich der Habsburger stieß. Und schließlich ist da noch jene Großregion in Osteuropa, die wie heute die Ukraine zum zentralen Kriegsschauplatz sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg werden sollte und es in den Tagen des russischen Angriffskriegs wieder geworden ist. Drei blutige, mit Millionen von Toten gedüngte Schlachtfelder, von denen zwei zuallererst nach dem Zweiten Weltkrieg, jenes zwischen Deutschen und Franzosen, Jahrzehnte später um die Jahrtausendwende der Balkan – und das noch nicht endgültig – zu Friedensregionen wurden. Und schließlich jenes zwischen Bug und Dnjepr, das heute wieder massenhaft vom Blut der Russen und Ukrainer gedüngt wird.

Das Schlachtfeld der deutsch-französischen Erbfeinde:
Links und rechts des Rheins verläuft seit der Römerzeit eine Grenze zwischen Machtblöcken, beziehungsweise zwischen Völkern. Seit den Tagen Julius Cäsars bildete der Rhein die Grenze zwischen der römischen Welt und den germanischen Stämmen. Die Schlacht von Mühlhausen, als Cäsar Ariovist besiegte, vier Jahrhunderte später die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, sie sind Beispiele dafür, dass der große Strom und sein Umland seit der Antike Stätte mörderischen Ringens waren. Im Mittelalter dann das Ringen zwischen den römisch-deutschen Kaisern und dem französischen Königshaus. In den Tagen Ludwig des XIV. zeigen dies die französischen Raubkriege, danach die Auseinandersetzung zwischen Habsburgern und Franzosen im bayrischen Erbfolgekrieg, später die Napoleonischen Kriege. Diese deutsch-französische Erbfeindschaft, die lange eine habsburgisch-französische war, fand ihre Höhepunkte dann im Krieg von 1870/71 und schließlich in den beiden Weltkriegen. Die sogenannte Westfront zwischen 1914 und 1918 wurde zur Stätte eines beispiellosen Volkermordens, des Grabenkrieges zwischen Flandern und dem Elsass. Und die Festung Verdun wurde zum Symbol mörderischer Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Franzosen. Der Frankreichfeldzug von 1940 und schließlich der alliierte Vorstoß nach der Landung in der Normandie in den Jahren 1944 und 45 stellten dann den letzten Akt des Geschehens auf diesem großen Schlachtfeld zwischen Deutschen und Franzosen dar.
Dass aus diesem großen zentraleuropäischen Schlachtfeld in der Folge nach dem Zweiten Weltkrieg doch eine Friedensregion werden konnte und damit so etwas wie ein Zentrum der europäischen Integration, die in die heutige Europäische Union mündete, grenzt an ein historisches Wunder. Auch wenn es uns heute selbstverständlich erscheint, war die Entwicklung hin zu dieser Friedensregion, die von der Schweiz bis hinauf zu den Beneluxstaaten reicht, alles andere als selbstverständlich. Die deutsch-französische Versöhnung und schließlich die Freundschaft zwischen beiden Völkern, getragen durch das Wirken von Männern wie Charles de Gaulle, Konrad Adenauer und Robert Schuman ist vielleicht die Frucht der Erschöpfung nach zwei mörderischen Weltkriegen. Sie stellte aber auch so etwas wie ein Musterbeispiel historischer Vernunft dar. Diese Vernunft hat den beteiligten Regionen, Völkern und Menschen Freiheit, Frieden und Wohlstand beschert, war im Lauf einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte wohl einmalig ist.

Das Schlachtfeld an der Südflanke Europas am Balkan:
Die Balkanhalbinsel, die europäische Großregion zwischen Alpen-Adria und Donau und Schwarzem Meer stellt so etwas wie den weichen und gefährdeten Unterbauch Europas dar. Zwar bildete die Südspitze der Balkanhalbinsel, die hellenische Welt, eine der Heimstätten Europas, die sich bereits in vorchristlicher Zeit gegen Asien, ganz konkret gegen das Perserreich zu behaupten hatte. Aber bereits dann in römischer Zeit wurde der Balkan zur Grenze und damit zum Überschneidungsbereich zwischen Ost und West. Die Teilung des Römischen Reichs in Ost- und Westrom zog die Grenze auf dem Balkan und dieser wurde dann in der Völkerwanderung zum Einfallstor germanischer Stämme. Die Spaltung des Christentums in Orthodoxie und Katholizismus machte den Balkan auch zum konfessionellen Grenzraum und damit einmal mehr zur Stätte kriegerischer Auseinandersetzungen.
Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken und dem Vordringen der Osmanen bis vor die Tore Wiens wurde der Balkan Jahrhunderte lang zum Schlachtfeld zwischen dem christlichen Abendland und den islamischen Heeren des Sultans. Nach der Rückgewinnung dieses Raumes, insbesondere durch den habsburgischen Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen, wurde dieser befreite Raum aber keineswegs zur Friedensregion, sondern blieb die Stätte mörderischer Auseinandersetzungen zwischen den Balkanvölkern.
Die Balkankriege des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg und schließlich der Zweite Weltkrieg, der Partisanenkrieg und die Kriege nach dem Zerfall Tito-Jugoslawiens machten den Balkan zu einem blutgetränkten gewaltigen Schlachtfeld. Ein Schlachtfeld, das im 19. Jahrhundert durch die Kriege des sich einigenden Italiens gegen Habsburg seine Ausläufer bis in die Poebene fand.
Der Höhepunkt dieses kriegerischen Massenmordens auf dem Balkan war zweifellos der Erste Weltkrieg mit dem Ringen in den Isonzoschlachten. Hunderttausende Tote in einem grausamen Gebirgskrieg bleiben bis zum heutigen Tag Zeugen eines sinnlosen Völkerschlachtens. Der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Balkanfeldzug und dem darauffolgenden Partisanenkrieg und dem Ringen schließlich zwischen Roter Armee und Deutscher Wehrmacht bis Kriegsende, aber auch die Kriegsereignisse an der italienischen Front in den Jahren 1944 und 45 bildeten schließlich einen weiteren Höhepunkt dieses Schlachtens.
Dass dann aus dem nordwestlichen Teil dieser Großregion, nämlich aus der Alpen-Adria-Region, bis in unsere Tage eine modellhafte Friedensregion werden konnte, ist nahezu noch erstaunlicher als die zuvor zitierte deutsch-französische Aussöhnung. Dies deshalb, da hier am Schnittpunkt zwischen slawischer, germanischer und romanischer Welt mit Tito-Jugoslawien bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts eine kommunistische Diktatur existierte und so zusätzlich zum Antagonismus zwischen den Balkanvölkern und der klerikalen Spaltung zwischen Orthodoxie und Katholizismus noch die ideologische Kluft zwischen Kommunismus und den westlichen Demokratien kam.
Der Ausgleich zwischen Italienern und Österreichern, der über lange Jahrzehnte durch den Konflikt um Südtirol behindert worden war, mündete sehr bald nach dem Zweiten Weltkrieg in friedliche und freundschaftliche Beziehungen. Zwischen Friaul Julisch-Venetien, der Lombardei, dem Trentino, Tirol, Kärnten und der Steiermark bildete sich so sehr bald der Kern einer Friedensregion, die erst nach dem Tod Titos und dem Zerfall Jugoslawiens um Slowenien und die nordwestlichen Bereiche Kroatiens erweitert werden konnte. Historische Nationalitätenkonflikte, wie etwa jener zwischen Kärntner Slowenen und der Deutschkärntner Mehrheitsbevölkerung waren dabei Hemmnisse, die es zu überwinden galt. Ebenso aber auch der Streit zwischen Slowenen und Kroaten beispielsweise um die Hoheitsgebiete an der Adriaküste, oder der alte und vielschichtige Konflikt um Triest. Und das Erbe dieser indessen meist historisierten Streitigkeiten wirkt natürlich subkutan nach und bedarf immer wieder des gemeinsamen Bemühens und der gemeinsamen Aufarbeitung, um nicht wieder aufzubrechen. Dennoch ist diese Alpen-Adria-Region, die noch vor einem guten Jahrhundert Stätte der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs war, heute das Modell einer multinationalen grenzüberschreitenden Friedensregion.
Im südlichen Bereich dieser europäischen Großregion, dem Balkan eben, stehen die Dinge allerdings noch anders. Zwar konnte die zentrale Auseinandersetzung nach dem Zerfall Tito-Jugoslawiens, der Krieg zwischen Serben und Kroaten beigelegt werden und die Serben durch den Einsatz der NATO und US-Amerikas zur Aufgabe ihrer großserbischen Ambitionen gezwungen werden, Frieden und Verständigung herrschen deshalb aber längst noch nicht. Mit Bosnien-Herzegowina besteht ein Staatswesen, dessen innere Zerrissenheit im Konflikt zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten längst nicht überwunden ist. Mit dem Kosovo ist ein zusätzliches Staatswesen entstanden, das Belgrad offenbar nicht akzeptieren kann. Und mit Montenegro und mit Nordmazedonien existieren zwei weitere Kleinstaaten, die die Zerrissenheit des Balkans, des ehemaligen Jugoslawiens, deutlich machen.
Albanien ist auch kein Garant für Stabilität, und eine zeitnahe Zukunftsperspektive im Hinblick auf einen EU-Beitritt ist für den Westbalkan noch immer nicht wirklich absehbar. Slowenien und Kroatien allerdings sind nicht zuletzt durch den EU-Beitritt stabilisiert und eben damit in der Lage, Teil der vorhin zitierten Friedensregion zu werden. Ebenso steht es natürlich im Falle Bulgariens und Rumäniens. Beides Länder, die nach wie vor unter den postkommunistischen Defiziten in ökonomischer und gesellschaftlicher Hinsicht leiden, die aber durch die EU-Mitgliedschaft und den Beitritt zur NATO in ein relativ ruhiges Fahrwasser zu gelangen vermochten. Natürlich gibt es in diesem Bereich des östlichen Balkans nach wie vor gewaltige Nationalitätenprobleme. Die große Anzahl ethnischer Ungarn in Rumänien, in Siebenbürgen, die türkische Minderheit in Bulgarien und insgesamt am Balkan, die von den Golfstaaten, aber wohl auch von der Türkei betriebene Re-Islamisierung weiter Bereiche, insbesondere in Bosnien, stellen Gefährdungen für die Stabilität dieser Region dar und lassen das Entstehen einer Friendensregion in ferne Zukunft rücken.
Dennoch scheint die unmittelbare Gefahr neuer Balkankriege weitestgehend gebannt zu sein. Serbien, jene Nation am Westbalkan, die sich gekränkt fühlen muss, die weite Teile ihrer Landsleute außerhalb der Landesgrenzen sieht, verharrt zwar in panslawischer Sympathie mit Russ­land, der Beitritt zur Europäischen Union dürfte es aber verhindern, dass damit wieder neuerlich großserbische Ambitionen zutage treten könnten. Die Aufsplitterung des ehemaligen Jugoslawiens in ein halbes Dutzend miteinander konkurrierender Kleinstaaten könnte wohl nur durch den EU-Beitritt überwunden werden. So wie es zwischen Slowenien und Kroatien kam, die anfangs nach der neuen Selbständigkeit noch große Gegensätze hatten, könnten auch für die anderen postjugoslawischen Staaten durch den EU-Beitritt Gemeinsamkeit und nachbarliche Beziehungen gefunden werden. Ob dadurch zumindest in fernerer Zukunft so etwas wie eine Friedensregion entstehen könnte, wie sie im Alpen-Adria-Raum zur erfreulichen Tatsache geworden ist, bleibt allerdings abzuwarten.


Vom Ende des Christentums

13. April 2022

Europa ist längst ein gottloser Kontinent

Die Kirchen in Europa sind leer. Zwar sind die Kathedralen, die wehrhaften romanischen Kaiserdome am Rhein, die gotischen Leuchttürme Gottes von Reims und Chartres, von Ulm und St. Stephan in Wien, nach wie vor vorhandene Zeugen von der Kraft des Christentums. Sie zeugen aber nur von einer vergessenen Spiritualität, so wie die Paläste Versailles, der El Escorial, Schönbrunn vom einstigen Glanz einstiger Monarchen sprechen, so eben diese Dome von der einstigen Bedeutung des Christentums.
Doch heute hat Jesus Europa, das alte, ehemals christliche Abendland offenbar verlassen. Möglich, dass er bisweilen noch in Polen und in Kroatien präsent ist, ansonsten aber ist dieses Christentum zwar noch ein Faktor, der gewissermaßen als kultureller Unterbau den Jahreslauf und auch den Lebenslauf der Menschen bestimmt. Die christliche Lehre insgesamt, die Katholische Kirche mit ihren Dogmen, ist nur mehr eine geradezu verdrängte Erinnerung. Die Dreifaltigkeit mitsamt Gottvater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, die Auferstehung, der jüngste Tag, das Paradies, die Engel und schließlich Satan und die Hölle, das Fegefeuer, all dies sind religiöse Postulate, an die kaum mehr jemand in Europa zu glauben vermag.
Zwar ist mit der Orthodoxie im Osten, in der slawischen und christlichen Welt noch eine Sonderentwicklung vorhanden, die in den postkommunistischen Staaten noch einmal Wirkmächtigkeit zu entfalten vermochte. Das Lutheranertum, der Protestantismus, ist längst zur politisch korrekten Lebenshilfe-Organisation verkommen. Die römische Kirche taumelt von der Aufarbeitung eines Missbrauchs-Skandals zum nächsten, und der emeritierte bayerische Papst ist längst entrückt, während sein argentinischer Nachfolger mittels platter Signale vorgeblicher Bescheidenheit nur dem Zeitgeist hinterher hechelt.
Und so ist das Christentum, allzumal das römisch-katholische, längst einer politisch korrekten Zivilreligion gewichen, in der Cancel Culture und Wokeness wichtiger sind als die zehn Gebote. Und vormals sich christlich nennende politische Parteien haben das „hohe C“ bei ihrem Namen längst verdrängt und die christliche Sozialllehre auf dem Altar eines spätlinken Zeitgeists geopfert.
Was war dieses Christentum einst? Ursprünglich wohl so etwas wie eine jüdische Sekte in der Nachfolge eines legendenumwobenen Messias, die dann erst von Paulus, dem römischen Bürger, zur Kirche gemacht wurde, die den Anspruch erhob, allen Menschen zugänglich zu sein. Dieses Christentum war in der Nachfolge des Judentums natürlich eine monotheistische Religion. Eine Religion aber, die noch in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens mit Spaltungen, Glaubensstreit, Schisma und vielfältigen Konflikten eine Religion mit der Dreifaltigkeit, mit Engeln, mit zahllosen Heiligen, mit kultisch verehrten Gegenständen, Bildern, Reliquien und ähnlichem wurde. Eine Religion, deren jüdische Wurzeln mit den Mechanismen der römischen Staatsreligion und nach der Völkerwanderung mit germanischen spirituellen Vorstellungen angereichert wurde, eine Religion, die solcherart für die romanische, die germanische und die slawische Welten Europas zum zentralen geistigen und spirituellen Faktor wurde.
Und im Namen dieser Religion wurden Millionen Menschen gemetzelt, wurden Ströme an Blut vergossen, wurden Glaubenskriege geführt, Hexen verbrannt und Ketzer verfolgt. Die Christianisierung Alteuropas mag ein Bekehrungsprozess gewesen sein, begleitet wurde dieser aber von Blutbädern sonder Zahl. Die Kreuzzüge des Hochmittelalters mögen im Kampf um die Befreiung des Grabes Christi geführt worden sein, sie waren auch mörderische Eroberungskriege. Die Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts bis hin zum Dreißigjährigen Krieg dezimierten die Bevölkerung Europas in ähnlichem Maße wie die Pest.
Dennoch, das Christentum als monotheistische Religion, deren zentrales Gebot die Nächstenliebe ist, war wohl der maßgebliche Faktor einer Entwicklung, die man als kulturelle Evolution, als Ansporn für die christlich geprägte Menschheit, der Gewalt zu entsagen, definieren kann. Und heute, da die universalen Menschenrechte theoretisch im Mittelpunkt der neuen Zivilreligion stehen, muss gesagt werden, dass auch diese ohne den Anspruch des Christentums, wonach alle Menschen mit der gleichen Würde geboren seien, Kaiser, König, Edelmann, Bürger Bauer, Bettelmann, Sklave die Basis dafür darstellt.
Nun scheint es so, als stünde dieses Christentum im alten Europa vor seinem Ende. Gewiss, in diesen Tagen wird auch in unseren Tagen das Osterfest begangen, mit allerlei folkloristischen Weihwerk, vom Osterhasten, den Ostereiern, bis hin zur Kärntner Fleischweihe, und dennoch muss die Frage gestellt werden, wer dabei noch an die Auferstehung Christi, an die Himmelfahrt und an das dem jeweiligen Individuum bevorstehende Jüngste Gericht denkt. Der argentinische Papst in Rom mag da die Füße irgendwelcher Obdachloser waschen, und seinen Segen Urbi et orbi mögen viele Millionen Menschen via Bildschirm mitbekommen, bedeuten tut all dies kaum etwas.
Vielleicht ist das Christentum längst zu einer Religion der Dritten Welt geworden, die in Schwarzafrika, in Lateinamerika und vielleicht sogar in Teilen Südostasiens eine Rolle spielt. Dass der Papst ein Lateinamerikaner ist, trägt dem ja Rechnung. Konsequenter Weise sollte man allerdings auch den Sitz des Kirchenoberhaupts nach Schwarzafrika oder nach Lateinamerika verlegen und aus dem Vatikan ein einziges Museum machen.
Tatsache ist jedenfalls, dass die Europäer das Christentum vergessen, wenn nicht gar verdrängt haben. Zwar lässt man seine Kinder taufen und bemüht einen Geistlichen bei Eheschließungen und Begräbnissen, begeht das Weihnachtsfest und wie schon erwähnt das Osterfest. Die spirituelle Bedeutung all dessen aber ist längst in hohem Maße in den Hintergrund gerückt. Stattdessen gibt es in den zeitgeistigen Kreisen eben die neue Zivilreligion der Political Correctness mit all ihren Begleiterscheinungen wie dem Plicht-Antifaschismus, dem radikalen Feminismus, das Gendern und neuerdings eben mit Wokeness, Cancel Culture und Black Lives Matter und ähnlichem Irrsinn.
Jene Bereiche der ganz normalen Menschen, an denen diese Moden des Zeitgeists eher vorübergehen, sind deswegen allerdings auch kaum mehr Christen im wahrsten Sinne des Wortes, sie sind vielmehr Teil einer absolut materialistischen Kultur, die einerseits wirtschaftlichen Wachstumsfetischismus lebt, andererseits Hedonismus und sehr oberflächliche Selbstverwirklichung anstrebt.
Statt der ewigen Seligkeit im Jenseits strebt man die Maximierung des eigenen Wohlergehens im Diesseits an, und das Postulat der christlichen Nächstenliebe wird durch eine diffuse politisch korrekte Allerwelts- und Fernstenliebe ersetzt, die sich meist mit schönen Worten und Wohlmeinung begnügt. Der Anspruch, ein christliches Leben zu führen und ein guter Christenmensch zu sein, gilt als lächerlich und antiquiert, und mit dem Begriff Sünde oder gar der Vergebung der Sünden durch Beichte und Absolution verbindet die Menschen kaum mehr etwas. Und so muss man unter Beachtung all dieser Entwicklungen zum traurigen Schluss kommen, dass das Christentum in Europa wohl vor seinem Ende steht.


Der Teufel schläft nie

22. Dezember 2021

Über Geheimgesellschaften, ­Verschwörungstheorien und den Generalstab des Bösen

Verdammnis, Hölle und Teufel sind ziemlich aus der Mode gekommen – selbst in der Katholischen Kirche. Satan und Ischariot, der Versucher, der Herr der Fliegen, spielt im zeitgenössischen spirituellen Diskurs keine Rolle. Er, der das Böse verkörpert, als Gegenpol zum gütigen Gott, droht in einer Welt, in der die Gutmenschen, (selbst-)gerecht den Ton angeben, in Vergessenheit zu geraten. Dabei versteht es Satan wie kein anderer – ob Erzengel oder gefallener Engel – in vielerlei Gestalt auch in unseren Tagen aufzutreten. Da mag er vielleicht in den Jahren 2007/2008 in der Finanzkrise im Gewande eines Investmentbankers erschienen sein, oder im Jahre 2015 in der Flüchtlingskrise als Boss einer internationalen Schlepperbande oder vielleicht auch als Spin-Doktor im Umfeld des Bundeskanzlerin Merkel. Und in unseren Tagen könnte er vielleicht als Vorstandsvorsitzender eines internationalen Pharmakonzerns oder gar als Virologe erscheinen, was weiß man. Der Teufel schläft jedenfalls nicht, auch wenn wir heutzutage meinen, er sein gewissermaßen in die theologische Pension gegangen.
Das manichäische Erbe, welches auch im Christentum nachwirkt, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Hell und Dunkel, wie wir sie auch aus dem Zarathustra-Kult kennen, existiert auch in unserer Welt, der scheinbar wohlwollenden und sie existiert mit Gewissheit in der uns verborgenen Welt der Geheimgesellschaften. Ob die Templer nun das Grab Christi zu schützen hatten oder doch die alttestamentarische Bundeslade oder gar den heiligen Gral, ob die Freimaurer die Veredelung des Menschen bezweckten oder irgendwelche Logen und Orden anderer Art verborgene Ziele zu verwirklichen trachten, immer ging und geht es doch um Wege, um das Böse zu überwinden und zum Guten zu streben, von der Finsternis ins Licht gewissermaßen.
Nun wird manchen Geheimgesellschaften auch so etwas wie ein Teufelskult, Satanismus eben nachgesagt. Mit diesem Argument etwa vermochte der französische König Philipp IV. im 14. Jahrhundert den Templerorden zu verbieten, die einzelnen Ordensritter zu verfolgen, den Großmeister hinzurichten und deren Vermögen zu beschlagnahmen. Und Verschwörungstheorien unserer Tage – und diese blühen gerade im gewaltigen Maße – gehen zumeist davon aus, dass es so etwas wie einen Generalstab des Bösen gäbe, der dunkle, eben teuflische Ziele verfolge. Ob etwa Bill Gates – mutmaßlich auch so etwas wie eine Inkarnation von Satan – die Menschheit mittels Massen-impfung mit Mikrochips infiltrieren will, ob ein unheiliges Bündnis zwischen Regierungen und Pharmakonzernen mittels Impfzwanges globale Genmanipulationen durchführen will, all das fällt in den Bereich solcher mehr oder minder abstrusen Verschwörungstheorien, die gegenwärtig im Internet massenhaft kursieren.
So wie der Glaube und die Hoffnung die Gottesexistenz konstituieren, so ist es die Angst, die den Teufel gebiert. Angst vor dem Unerklärlichen, Angst vor dem scheinbar Unabwendbaren und die daraus resultierende Flucht in Verschwörungstheorien, die nach Schuldigen und Sündenböcken suchen.
Natürlich nährt die Heimlichtuerei von Geheimgesellschaften, die mangelnde Transparenz, was deren Ziele, deren Mitglieder und deren Riten betrifft, sie betreffen die Verschwörungstheorien. Und manches an den Gerüchten über klandestine Verbindungen und Verhaltensweisen von Geheimgesellschaften mag auch der Realität entsprechen. Da mögen verborgene Netzwerke wirksam werden, wenn es um Karriereförderung, Postenbesetzung oder auch Geschäftsanbahnungen geht. Dies liegt sowohl in der Natur des Menschen als auch im Wesen solcher Gesellschaften, dass man einander unterstützt, fördert und möglicherweise auch vor Angriffen beschützt.
Und die eine oder andere Verschwörungstheorie, die von Mainstreammedien und etablierter Politik abgetan oder gar heftig bekämpft wird, mag auch ganz reale Hintergründe haben. Natürlich gibt es Absprachen zwischen politischen Kräften oder auch in Wirtschaftskreisen, etwa um Wettbewerbsvorteile zu lukrieren oder etwa Bieter-Absprachen, wenn es um öffentliche Ausschreibungen geht. Und natürlich sind beispielsweise, wie gerade die jetzt im Fokus des Interesses stehenden Pharmakonzerne hoch kapitalistische, auf absolute Gewinnmaximierung ausgerichtete Institutionen. Ihnen mag das Wohl der Menschheit, die Gesundheit der Menschen selbst im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen, dessen ungeachtet aber stehen sie im weltweiten Wettbewerb, sind dem kapitalistischen Grundsätzen der freien Marktwirtschaft verpflichtet, sie wollen also in erster Linie Gewinn machen. Und dass dazu vielerlei Mittel und Wege recht und billig sind, möglicherweise jene, die ethischen Grundsätzen und auch gesetzlichen Vorgaben widersprechen, das steht außer Frage.
Und es mag auch internationale diskrete Gesprächsrunden geben, wie etwa das Weltwirtschaftsforum des ominösen Herrn Klaus Schwab, die so etwas wie den „Great Reset“ oder den neuen lenkbaren und manipulierbaren Menschen vielleicht nicht anstreben, so zumindest diskutieren. Gleich ob dies nun maßlos aufgeblasen Gerüchte sind oder ob es nun der Realität entspricht, es wird jedenfalls in den Bereich der Verschwörungstheorien verbannt und damit stigmatisiert.
In Zeiten allgemeiner Bedrängnis und unserer Tage der Pandemie und des damit verbundenen staatlichen Zwangsregimes bis hin zum Lockdowns blühen derlei Verschwörungstheorien in besonderem Maße. Und die Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit und damit das Erkennen von Gut und Böse wird in solchen Tagen der Irrnis besonders schwer. Wem soll man glauben in Zeiten, da das Vertrauen in die Institutionen des Staates und in die etablierten Medienwelt dramatisch und das berechtigt geschrumpft ist? Nicht zufällig wird das Böse, wird der Teufel als der große Versucher betrachtet, und dieses Böse bedarf keines Generalstabs. Es ist gewissermaßen selbstorganisierend und hat über eigendynamische Interessen, die der menschlichen Planung nicht bedürfen. Das sind beispielsweise verschiedenste ökonomische Interessen, eben solche der Gewinnmaximierung, die sich hier bündeln und den Effekt einer generalstabsmäßigen Planung haben.
Wenn etwa derlei ökonomische Interessen mit parteipolitischem Kalkül zusammenfallen, Streben von Machterhalt von einzelnen Parteien und einzelnen Politikern, kann dies eine unheimliche Allianz zeitigen, die ebensowenig der generalstabsmäßigen Planung bedarf, sondern eben durch Eigendynamik funktioniert. Der Verschwörungstheoretiker nunmehr bedarf der Sündenböcke, um derlei Vorgänge erklären zu können. Dabei ist es schlichtweg das Böse, das hier aktiv ist und eigenständige Kraft entfaltet. Der Teufel schläft eben nicht, oder wie es Goethes Mephisto im „Faust“ ausdrückt: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Das kann uns Hoffnung geben.


Wir sind so verletzlich …

15. Dezember 2021

Über die Gefahren unserer Hightech-Zivilisation

Der Wiener Soziologe und Anthropologe Roland Girtler hat einmal bemerkt, dass im Leben der einfachen bäuerlichen Bevölkerung sich seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in wenigen Jahrzehnten mehr geändert habe als im Zeitraum davor von der Jungsteinzeit an. Was die Ernährung, die Arbeitsweise, den Tagesablauf, die Kleidung der Menschen betreffe, sei über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende für diese einfachen bäuerlichen Menschen alles gleich gewesen. Und danach hat die industrielle Revolution in kaum einem halben Jahrhundert nicht nur das Leben der bäuerlichen Bevölkerung, sondern unser aller Leben in einem Maße verändert, das zuvor kaum vorstellbar war.
Noch in den Jahren der Not und des Mangels etwa zischen den beiden Weltkriegen oder in der Nachkriegszeit gab es Möglichkeiten der Selbstversorgung, die den Menschen auch bei Zusammenbruch der staatlichen Versorgung und des Wirtschaftsgefüges das Überleben ermöglichte. Ein paar Hühner, ein paar Kaninchen auf den Balkon, ein Sack Kartoffel im Keller und ein paar Dutzend Krautköpfe, ein Schaffell Sauerkraut und die Milch in der Milchkanne vom Bauern, gekühlt im Winter zwischen den Außen- und Innenfenster und Gemüse aus dem eigenen Garten. Und bei Waldspaziergängen sammelte man Fichtenprügel, die man zu Hause im Keller zerhackte, um den Kanonenofen in der guten Stube zu befeuern. Warme Pullover, Schals, Mützen und Handschuhe wurden selbst gestrickt. Und wenn der Strom ausfiel oder man noch gar keinen hatte, gab es Petroleumlampen und Kerzen. Und statt Radio und Fernsehen in den ambitionierteren Familien allenfalls Hausmusik.
Dieses Maß an Selbstversorgung ermöglichte bis hinein in die 50er Jahre, bis zum Beginn des Wirtschaftswunders auch in Notzeiten ein erträgliches Überleben der Menschen. Gewiss, in den Großstädten, in Wien etwa, war es in den ärgsten Notzeiten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wesentlich schwieriger. Da war der Wienerwald bereits teilweise abgeholzt und die Lebensmittelzuteilungen auf ein Maß reduziert, das zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben bedeutete.
Mit der Technisierung und in der Folge Digitalisierung unseres Lebens bis hinein in die kleinsten privaten Haushalte wurde diese Lebens- und Überlebensmöglichkeit allerdings sukzessive zurückgedrängt, ja sogar völlig ausgeschaltet. In jenen Siedlungsbauten und Wohnblocks, in denen ein Gros der Bevölkerung heute, nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Landstädten lebt, gibt es teilweise nicht einmal mehr Kamine, um im Falle des Ausfalls der diversen „modernen“ Heizungssysteme der winterlichen Kälte zu trotzen und damit ist bei Stromausfall zumeist auch die Unmöglichkeit gegeben zu kochen oder zumindest Wasser zu erhitzen. Gemüsegärten gibt es für die Masse der Bevölkerung überhaupt nicht mehr und das Halten von Kleintieren wurde auf Schmusekatzen und Haushunde reduziert, deren Verzehr erst bei Zuständen möglich wäre, wie sie etwa bei der Belagerung Leningrads im vergangenen Weltkrieg gegeben waren.
Nun gab es in unserer jüngeren zivilisatorischen Entwicklung immer wieder Phasen, wo diese Probleme erkannt wurden und wo es auch zu Gegenbewegungen kam. Die Tendenz in den 70er und 80er Jahren etwa zum „Aussteiger“ zu werden, sich irgendwelchen alternativen Gruppen anzuschließen, die zurück zur Natur, mittels einfacher Landwirtschaft Selbstversorgung pflegen wollten, gab es – zumindest an den Rändern der Gesellschaft. Und in der Ursprungsphase der Grünenbewegung war die Tendenz zurück zur natürlichen Nahrung, zu regionalen Produkten und zu Konsumverzicht ebenfalls feststellbar. Durchgesetzt hat sich dies alles in Summe und in der Breite der Masse der Bevölkerung allerdings nicht.
Diese lebt heute in einem ungeahnt hohen Maße abhängig von modernen, zumeist elektronisch gesteuerten Technologien und umfassenden Versorgungsketten, die den eigenen Lebensbereich weit überschreiten. Beginnend mit der Stromversorgung, die gewissermaßen die Basis für das tägliche Leben darstellt, ohne die es weder Information durch Radio, Fernsehen oder Computer gibt und auch kein Funktionieren der diversen technischen Geräte des Haushalts, ist der moderne Mensch – gleich ob arm oder reich – von Technologie und zentral gesteuerter Versorgung abhängig. Dazu kommt die Tatsache, dass die Lebensmittelversorgung über die Supermärkte ebenso zentral gesteuert ist und bei Ausfall etwa der Stromversorgung durch einen Blackout sehr schnell zusammenbrechen würde. Um diese überregionale Lebensmittelversorgung durch eine regionale zu ersetzen, bräuchte es große organisatorische Maßnahmen und Zeiträume, die im Falle eines Blackouts einfach nicht zur Verfügung stehen würden.
Seit dem Buch des österreichischen Journalisten Mark Elsberg mit dem Titel „Blackout“ können wir uns vorstellen, welche Folgen ein solcher wirklich hätte. Ohne die Dramatik des Romans, die insbesondere von einer Überhitzung der Atomkraftwerke im benachbarten Ausland ausgeht, ist in dem Buch doch eindrucksvoll geschildert, wie nach bereits wenigen Tagen nicht nur die Versorgung zusammenbräche, sondern auch Anarchie ausbrechen könnte. Zu denken gibt nun, dass in den letzten Wochen und Monaten von Medien und staatlichen Stellen das Thema „Blackout“ massiv gespielt wurde. Da gab es Übungen des Bundesheers, Anzeigen-Kampagnen in den Printmedien und diverse Berichte in Funk und Fernsehen. Verschwörungstheoretiker mutmaßten natürlich sofort, dass das nach der Corona-Pandemie die nächste Planung finsterer Mächte darstelle, womit sie die Menschen maßregeln und kujonieren wollten. Nüchternere Beobachter dieser Kampagne wiesen darauf hin, dass tatsächlich unsere hochtechnisierte Gesellschaft so verletzlich und anfällig für Störungen wäre und dass man bereits mehrmals an einem solchen Blackout beziehungsweise an einem flächendeckenden Stromausfall mit viel Glück vorbeigeschrammt wäre.
Und Vertreter des Zivilschutzes, die ohnedies über Jahre und Jahrzehnte zu wenig beachtet wurden, sahen ihre Stunde gekommen und wiesen darauf hin, dass man stärkere und intensivere Maßnahmen setzen müsse, um derlei Gefahren im Falle ihres Auftretens beherrschen zu können.
So wie man in den Jahren des Höhepunktes des Kalten Krieges auch hierzulande Atombunker baute und Schutzräume auch in Einfamilienhäusern, scheint sich nunmehr das Bewusstsein auszubreiten, dass man für einen drohenden Blackout doch in irgendeiner Art vorsorgen müsse. Indessen gibt es im Internet eine breite Szene, die für den Katastrophenfall Ratschläge gibt, die Überlebenspakete anbietet und Selbstversorgung für den Katastrophenfall propagiert.
Nun ist es sicherlich eine Tatsache, dass unsere übertechnisierte Welt mit den sensiblen elektronischen Systemen und den zentralen Störungsstellen im hohen Maße verletzlich ist. Ob dies jetzt nur eine Überlastung des Stromnetzes, ein Atomkraftwerksunfall im benachbarten Ausland oder gar ein Terroranschlag ist, der solch einen Blackout auslösen könnte, ist eine andere Frage. Unter Umständen reicht bereits extrem starker Schneefall, der – wie wir ja wissen – länger andauernden Stromausfall für ganze Täler und Regionen verursachen könnte. Und es bedarf daher nicht des Glaubens an irgendwelche Verschwörungen oder sinisteren Ziele dunkler Mächte, um sich im Sinne des Zivilschutzes gegenüber der Gefahr eines Blackouts zu wappnen.
Dabei wird es naturgemäß kein Zurück in die 50er Jahre und in die Selbstversorgerwirtschaft vergangener Epochen geben können, aber angefangen von der großen gesamtstaatlichen Wirtschaft bis hin zu den privaten Haushalten gäbe es doch Methoden und Mechanismen, die diesbezügliche Anfälligkeit unserer Gesellschaft zu minimieren.
Dies beginnt damit, dass regionale Selbstversorgung verstärkt werden könnte und man in höherem Maße regionale Produkte anbieten und kaufen sollte. Es geht weiter über vernünftige Vorratshaltung der privaten Haushalte und führt hin zu einer neuen Bescheidenheit, die vielleicht nicht Konsumverzicht bedeutet, aber die Fähigkeit zu Einschränkung, zur Beschränkung in der privaten Lebensführung bedeuten könnte.


Eine multipolare Weltordnung

11. November 2021

Der Gegenentwurf zur „one world“

Was war die Welt noch einfach, wie übersichtlich war die Weltpolitik, als es noch die beiden großen Machtblöcke, die US-dominierte NATO und den sowjetbeherrschten Warschauer Pakt gab. Als der freie Westen und der kommunistische Ostblock einander gegenüberstanden. Da war nichts anderes wichtig, der Rest war Dritte Welt und das kommunistische China dämmerte in strikter Isolation dahin. Mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus des Sowjetblocks glaubten manche politische Beobachter, dass nunmehr der Sieg der westlichen Demokratie im globalen Ausmaße bevorstehe, dass es demnach nur eine Supermacht, nämlich die USA mitsamt ihren Verbündeten in Europa und damit die Dominanz der westlichen Demokratie geben werde. Weltweit, so meinte man, müsse sich diese westliche Demokratie durchsetzen und die Zivilreligion der Menschenrechte würde darüber gewissermaßen als letztgültige moralische und ethische Maxime mit globalem gesamtmenschlichem Anspruch schweben. Die gesamte Völkergemeinschaft von den ehemals kommunistischen Sowjetrepubliken bis hin zu den Entwicklungsländern, von den Schwellenländern bis hin zu den islamischen Gottesstaaten, alle, alle müssten sich diesem westlichem Gesellschafts- und Staatsmodell beugen, wobei der Neoliberalismus als Ordnungsmodell, der Freihandel, die freie Marktwirtschaft als ökonomisches System obsiegen würden. „One world“, eine Welt, gleichgeschaltet im Sinne der politischen Korrektheit, würde somit gewissermaßen zum finalen Ziel der Menschheitsgeschichte werden.
Diese durchaus im Sinne des Neoliberalismus und des Spätkapitalismus entwickelte Vorstellung einer neuen Weltordnung war kurioserweise von den kulturkommunistischen Konzepten des neuen Menschen in einer klassenlosen Gesellschaft und der Überwindung ethnischer und kultureller Unterschiede nicht allzu weit entfernt. Beide Konzeptionen, sowohl die neoliberale von der globalen Gleichschaltung der Nationen als auch die kulturkommunistische von der Nivellierung des Individuums an sich, ignorierten die Unterschiedlichkeit und die Vielfalt der Menschen, seiner gesellschaftlichen Entwicklung und seiner kulturellen Eigenheiten. Und beide Konzepte sind im Grund deshalb auch gescheitert.
Im Zuge der beiden ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts hat sich nämlich eine multipolare Welt herauskristallisiert, die sich durch mehrere machtpolitische Zentren, durch eine Vielfalt globaler „Player“ und auch durch völlig unterschiedliche staatspolitische Wertvorstellungen auszeichnet. Zuletzt wurde das Versagen der neoliberalen „One-World“-Konzeptionen am desaströsen Scheitern der US-Politik in Afghanistan deutlich. Und so finden wir neben den westlichen Industriestaaten, neben der traditionellen Super- und Weltmacht USA samt dem nordamerikanischen Flächenstaat Kanada und dem sich integrierenden Europa eine Reihe anderer machtpolitischer Zentren auch diesem Planeten. Wladimir Putins Russland, das sich nach dem Absturz und Zerbrechen des Sowjet-Vielvölkerstaats wieder festigen konnte, spielt hier ebenso eine weltpolitische Rolle wie vor allem das ökonomisch aufstrebende China. Daneben spielt die islamische Welt eine Rolle, die südamerikanischen Schwellenländer rund um Brasilien ebenso, aber auch Indien und der Südkontinent Australien.
Traditionelle und überkommene Ordnungsmodelle wie das britische Commonwealth würden hier zur bloßen historischen Hülle degradiert und bisher bestehende Dominanz, wie sie die USA gemeinsam mit der NATO auszuüben vermochte, wurde relativiert. Natürlich sind die US-Amerikaner nach wie vor die stärkste Militärmacht des Planeten, innere Zerrissenheit aber, struktureller und ökonomischer Niedergang relativieren diese Militärmacht in beträchtlichem Maße. Und die Europäer, die insgesamt noch immer das ökonomische Zentrum des Planeten sein könnten, werden durch zunehmende gesellschaftliche Dekadenz und machtpolitische Mutlosigkeit zum eher zweitrangigen „Player“ in der Weltpolitik.
Bleiben Wladimir Putins Russland und das kommunistische China mit seinem staatskapitalistischen Wirtschaftssystem. Nach dem Zwischenspiel mit Boris Jelzin ist Russland längst auf die weltpolitische Bühne zurückgekehrt und spielt dort eine wichtige und durchaus maßvolle Rolle. Verglichen mit den militärischen Abenteuern der USA, die samt und sonders im Fiasko zu enden pflegen, ist Putins militärisches Engagement beispielsweise in Syrien entsprechend begrenzt, aber effektiv. Der syrische Machthaber Assad vermochte sich nur mit russischer Hilfe zu behaupten. Und was China betrifft, so vermochte das KP-Regime seinen Bürgern durchaus ein gewisses Maß an gesichertem Wohlstand zu gewährleisten und gleichzeitig weltweit zum ökonomischen Rivalen der westlichen Mächte zu werden. Längst hat die Wirtschaftsmacht China einen Status auf Augenhöhe mit den USA und auch mit der Europäischen Union.
Verbunden mit dieser Multipolarität der gegenwärtig real existierenden Weltordnung ist auch eine Pluralität der gesellschaftlichen und ökonomischen Systeme, der Werthaltungen, die hinter den einzelnen Mächten stehen. Das sind einerseits die Demokratien westlicher Prägung, wobei sich schon in den Vereinigten Staaten demokratiepolitische Auflösungserscheinungen zeigen beziehungsweise Spaltungen in die beiden antagonistischen Lager, die auf dem Wege des demokratischen Konsenses nicht mehr überwunden werden können.
Da sind die gesteuerten Demokratien, wie sie etwa in Putins Russland existieren, in qualitativer Hinsicht gar nicht mehr so weit davon entfernt. Und autoritäre Systeme, wie die KP-Diktatur in China oder der islamische Gottesstaat im Iran, oder diverse Oligarchien in Schwellenländern zeigen, dass es hier eine Vielfalt politischer Ordnungssysteme gibt, die mit westlichen oder europäischen Maßstäben nicht zu messen sind. Es dürfte eine Folge des alten, herkömmlichen eurozentrischen Weltbildes sein, dass die Europäer, und in ihrer Folge die US-Amerikaner glaubten, es müssten sich weltweit auch europäische beziehungsweise westliche Wertmaßstäbe und Staatsvorstellungen durchsetzen. Von dieser Vorstellung muss man sich wohl in einer multipolaren Welt verabschieden. Und selbst die angeblich universellen Menschenrechte sind solcherart nur bedingt gültig und durchsetzbar. In der Kastengesellschaft Indiens, in schwarzafrikanischen Staaten mit traditionellen Stammesstrukturen, aber auch in Ländern wie dem kommunistischem Kuba gelten eben andere Maßstäbe. Wer sich in dieser multipolaren Weltordnung durchsetzt, wer die Führungsposition erringt, ist offen. Die globale Hegemonie der USA gehört jedenfalls der Geschichte an, die Pax Amerikana ist Vergangenheit. Deshalb allerdings muss sich längst noch keine chinesische Weltordnung durchsetzen, es könnte vielmehr ein Konzert der Weltmächte entstehen. Und dabei könnten auch neu Weltmächte aufsteigen. Bisherige Regionalmächte wie Indien, der Iran, Brasilien, die Türkei, zeigen deutliche Ambitionen, über ihre bisherigen regionalen Einflusssphären hinauszuwirken.
Für uns Europäer stellt sich die Frage, ob wir in diesem Konzert der Weltmächte, wie es das ­21. Jahrhundert zu prägen scheint, noch eine Rolle spielen. Traditionelle Großmächte wie Frankreich und das Vereinigte Königreich sind angesichts der neuen Maßstäbe auf sich selbst gestellt, auch zu schwach dafür. Deutschland, die führende Wirtschaftsmacht der Europäischen Union, vermeidet es bislang peinlich, überhaupt Machtpolitik gleich welcher Art, zu betreiben. Die Union insgesamt taumelt von einer Krise in die andere und vermag sich nicht wirklich als weltpolitischer und machtpolitischer „Player“ zu etablieren. Und bislang gibt es kaum gegenteilige Tendenzen. Eher schon werden die zentrifugalen Kräfte zwischen den europäischen Mächten wirksamer, da kann der Brexit möglicherweise nur ein erster Schritt gewesen sein. Und dennoch muss man festhalten: Die einzige Chance der europäischen Nationen, sich künftig weltpolitisch zu behaupten, liegt in der Gemeinsamkeit.


Die deutsche Ein-Hund-Familie

27. Oktober 2021

Nachhaltigkeit interessiert nur jene, die Kinder haben

Es war die Gattin des Mehrheitseigentümers der größten Zeitung Österreichs, die vor wenigen Jahren in einem Interview mit einem renommierten Wirtschaftsmagazin des Landes erklärte: Es sei doch seltsam, dass die wesentlichen politischen Akteure Europas – konkret nannte sie damals den EU-Kommissionspräsidenten Junckers, die britische Premierministerin May, die deutsche Bundeskanzlerin Merkel und den französischen Staatspräsidenten Macron – keine Kinder hätten. Nun war die Gattin des Zeitungs-Tycoons durchaus Jetset-affin und zählt zu den Schönen und Reichen des Landes. Allerdings hat sie in aufrechter Ehe drei Kinder, und das, so meinte sie in dem Interview sinngemäß weiter, sei wohl auch der Grund, warum sie – im Gegensatz zu den genannten Spitzenpolitikern – anders an die Zukunft denke als diese.
Von der Psychologie her, insbesondere in Bezug auf politische Einstellungen und Entscheidungen, dürfte dies durchaus richtig sein, dass Menschen, insbesondere politische Akteure, die selber Kinder und Kindeskinder haben, anders über die Zukunft denken, ihre Entscheidungen in Bezug auf Zukunftsentwicklungen anders tätigen als Kinderlose, die gewissermaßen vom eigenen Empfinden her wegen der fehlenden genetisch eigenen Nachkommen andere Entscheidungen treffen. Zwar mag es bei vielen kinderlosen Menschen, auch bei Politikern, durchaus zahlreiche Beispiele geben von Verantwortung insgesamt für die Menschheit, für die eigene Gesellschaft oder gar – horribile dictu – für das eigene Volk.
Vom gewissermaßen atavistischen Zugang her allerdings ist der Mensch so etwas wie ein genetischer Egoist. Das heißt also, es kümmern ihn eigene Nachkommen mehr als fremde. Und so ist es auch eine der großen Lügen, dass angenommene oder adoptierte Kinder absolut das gleiche sind wie das eigene Fleisch und Blut.
Solcherart mag die zunehmende Kinderlosigkeit bzw. Kinderarmut im Kreise des deutschen Volkes auch eine Ursache dafür sein, dass nachhaltige, auf die Zukunft des eigenen Volkes und des eigenen Gemeinwesens orientierte Politik zunehmend vernachlässigt wird. Für eines ist aber die geringe Reproduktionsrate der Deutschen jedenfalls ursächlich: für die Abnahme der autochthonen Bevölkerung. Wie an dieser Stelle bereits mehrfach zitiert und analysiert, hat eben diese autochthone deutsche Bevölkerung in der Bundesrepublik, aber auch in Österreich, in den letzten Jahren um rund ein Viertel abgenommen. Wenn beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland bei der Wiedervereinigung zwischen BRD und DDR etwa 81 bis 82 Millionen Wohnbevölkerung aufzuweisen hatte, wovon etwas mehr als zwei Millionen Migrationshintergrund hatten, so ist es nunmehr gut 20 Jahre später so, dass von etwa 82 Millionen Menschen gut 25 Millionen Migrationshintergrund haben.
Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass es kaum mehr 60 Millionen „Biodeutsche“ in der Bundesrepublik gibt. Und ähnlich dürfte die Entwicklung auch in Österreich sein. Und dazu hat zweifellos die geringe Kinderzahl pro gebärfähige Frau, aber auch die Verzögerung der Erstgeburt bei den Frauen von einem Lebensalter von Anfang oder Mitte 20 auf Anfang bis Mitte 30 geführt.
Abgesehen von der demographischen Entwicklung führt dies natürlich im Bereich der Sozialpolitik und vor allem der Finanzierung der Sozialsysteme zu kaum zu lösenden Problemen. Die Altersstruktur in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in Österreich, hat sich nämlich dergestalt verändert, dass in wenigen Jahren ein Pensionsbezieher auf zwei Erwerbstätige kommen und dass damit das Pensionssystem kaum mehr finanzierbar sein wird. Jene politischen Kräfte, die da der Ansicht sind, dass dieses Problem durch Zuwanderung gelöst werden kann, übersehen, dass die hohen Kosten dieser Zuwanderung, allzumal von minderqualifizierten Menschen, Kindern und Familien ungleich höher sind als die dadurch erzielten Beiträge für die Sozialsysteme.
Die Ursachen für diese Entwicklung hin zur kinderlosen bzw., exakter gesagt zur kinderarmen Gesellschaft, sind naturgemäß vielfältig. Zum einen ist es zweifellos ein historisch belegbares Phänomen, dass besiegte, geschlagene und gedemütigte Nationen, wie es die Deutschen nach zwei Weltkriegen zweifelsfrei waren, aufgrund geringer oder negativer Zukunftsperspektiven Nachkommenschaft einschränken bzw. verweigern. Obwohl im Zuge des Wiederaufbaus und den Wirtschaftswunders bis hin zur Phase der „Baby-Boomer“ so etwas wie ein vordergründiger Optimismus in der bundesdeutschen und auch in der österreichischen Gesellschaft vorherrschte, dürfte diese nationale Perspektivlosigkeit im kollektiven Unterbewusstsein langfristig wirksam sein und bis heute ein Hauptgrund für die Kinderlosigkeit der Deutschen darstellen.
Daneben aber ist es zweifellos der Hedonismus einer rein aufs Materielle orientierten Gesellschaft und das damit schwindende Gemeinschaftsgefühl gegenüber dem eigenen Staatswesen, dem eigenen Volk und auch dem eigenen Sozialsystem gegenüber, was dem Mut zum eigenen Kinde schwinden lässt. In einer hedonistischen, auf reine Selbstverwirklichung ausgerichteten Gesellschaft werden Mühe und Plagen der Elternschaft, die immensen Kosten für die Erziehung und Ausbildung von Kindern entweder abgelehnt oder nach den Maßstäben der eigenen Bequemlichkeit organisiert.
Zwar ist der Kinderwunsch bei nahezu allen einigermaßen Normalität, auch im deutschen Sprachraum unverändert vorhanden, er wird aber durch Faktoren wie Lebensplanung, wie Studium und Karriere, erst sehr spät oder gar nicht verwirklicht. Überdies verhindert ein Wirtschaftssystem, was den Menschen zwar weitgehend Wohlstand beschert, ihnen aber immer geringere ökonomische Spielräume lässt, die Planung von Mehr-Kind-Familien. Hier sind die Kosten für Durchschnitts- und Kleinverdiener einfach zu hoch.
Neben medizinischen Gründen, wonach die Fertilität sowohl der Frauen als auch der Männer geringer wird – das Phänomen der Samenschwäche durch Umwelteinflüsse und dergleichen gibt es –, sind es aber auch psychologische Motive, die hier ausschlaggebend sind. Wenn hier in der Zeit des Nationalsozialismus der Kinderreichtum von staatlicher Seite propagiert wurde, wobei es für Mehrfachmütter Auszeichnungen wie Mutterkreuz und ähnliches gab, wird in der heutigen hedonistischen Gesellschaft das Singledasein mehr oder weniger offen propagiert. Da werden Singlewohnungen gebaut, da werden die Selbstverwirklichung und der reine Egoismus propagiert, was natürlich auch dazu führt, dass bei den geringsten familiären und ehelichen Konflikten Trennungen und Scheidungen und daraus resultierend auch der Verzicht auf Kinder die Folge ist.
Wenn dann Paarbeziehungen, ob nunmehr verehelicht oder in bloßer Partnerschaft lebend, aufgrund welcher Faktoren auch immer mit Kinderlosigkeit geschlagen sind, existiert denn doch das Bedürfnis nach Gesellschaft, nach Gemeinschaft, nach pseudofamiliären Strukturen. Und da wird dann allzu oft das Haustier zum Surrogat, zum Ersatzobjekt, für die Liebe zum Kind und sich fürsorgend um jemand zu kümmern. Die ironisch als „deutsche Ein-Hund-Familie“ bezeichnete Gemeinschaft dieser Art ist zwar zwischen Flensburg und Bad Radkersburg, zwischen Innsbruck und Osnabrück, ein gesellschaftliches Massenphänomen, es trägt aber in keiner Weise dazu bei, die Probleme der negativen demographischen Entwicklung und der drohenden Unfinanzierbarkeit der Sozialsysteme bald zu lösen. Ein Hund mag für ältere Menschen und für ältere Paare ein treuer und tauglicher Gefährte sein, Kindersatz ist er aber zweifellos nicht.


Wahlen als Herzstück der Demokratie

23. September 2021

In diesen Tagen gibt es wieder eine Reihe von Wahlen. Hierzulande in der zweitgrößten Stadt des Landes, in Graz, die Wahl für den Gemeinderat, den Bürgermeister und im Bundesland Oberösterreich die Wahlen für den Landtag sowie ebenso die Wahl der jeweiligen Bürgermeister. Und – weltpolitisch wesentlich bedeutsamer – im stärksten Mitgliedstaat der Europäischen Union, in der Bundesrepublik Deutschland, wird das Parlament gewählt, ebenso wie vor wenigen Tagen im flächenstärksten Land der Erde, in Russland, wo die die Zusammensetzung der Staats­duma neu gewählt wurde.
Wahlen sind bekanntlich das Herzstück der Demokratie und das wichtigste Recht des Bürgers. Sie mischen die politischen Karten neu und bestimmen, wer die Menschen jeweils vertritt. Sie können aber so, wie zum Beispiel in Russland, auch zur Alibiaktion für autokratische Machthaber degradiert werden. Zur häufig manipulierten und verfälschten Alibiaktion, mit der diese Machthaber ihre undemokratische Machtausübung zu
legitimieren versuchen.
Die Wahlen in Graz sind also vielleicht wirklich nur für die Bürger der steirischen Landeshauptstadt von Bedeutung. Kurios sind sie allenfalls insofern, als die „Menschenrechtsstadt“ Graz die einzige Großstadt in Mitteleuropa ist, in der es noch eine kommunistische Partei mit 20 % Wählerstimmen gibt. Und das ist kein Ruhmesblatt für die steirische Landeshauptstadt, die zweifellos weiter vom tiefschwarzen Bürgermeister Nagl regiert werden wird – ob weiter mit den Freiheitlichen des wackeren Mario Eustacchio oder doch mit den politisch korrekten Grünen, wird sich weisen.
Schon von größerer politischer Bedeutung sind die Wahlen in Oberösterreich, da es sich dort um das wirtschaftlich wohl stärkste Bundesland der Alpenrepublik handelt. Auch dort wird sich weisen, ob der türkis–schwarze Landeshauptmann Stelzer, dessen Wahlsieg auch außer Frage steht, weiter mit den Freiheitlichen des Manfred Haimbuchner regiert oder eben mit den Grünen so wie auf Bundesebene. Die wohl spannendste Frage wird dabei sein, ob zwei Jahre nach Ibiza eine freiheitliche Landesorganisation wieder in der Lage sein wird, ein respektables Ergebnis jenseits der 20 % einzufahren – etwas, was Haimbuchner allen Umfragen zu Folge doch gelingen
dürfte.
Was schließlich die Wahlen in der benachbarten Bundesrepublik betrifft, so scheint sich so etwas wie ein rotes Wunder anzubahnen: Der trockene Hanseate Olaf Scholz könnte das Rennen um das Berliner Kanzleramt machen und sich somit in eine Reihe sozialdemokratischer deutscher Kanzler, zurückgehend auf Gerhard Schröder, Helmut Schmidt und Willy Brandt stellen. Ob hinter dem pragmatischen Sozialdemokraten Scholz dann allerdings ein brutaler Linksschwenk stattfindet, bleibt abzuwarten.
Und was schließlich die erwähnten Wahlen in Russland betrifft, so scheint auch der autokratische Machthaber Wladimir Putin ohne Bestätigung durch das Wahlvolk nicht regieren zu können beziehungsweise zu wollen. Dass sich da beim umstrittenen Wahlergebnis gewisse Verschleißerscheinungen seiner Kreml-Partei zeigen, beweist, dass auch die Bäume der Kreml-Herren nicht in den Himmel wachsen.
Wenn die Bürger also die Möglichkeit haben, an der Wahlurne ihre politische Meinung zu artikulieren, gibt es für die jeweiligen Inhaber der Regierungsfunktionen und der Macht häufig bange Stunden. Und das ist gut so. Niemandes Macht sollte unbeschränkt und unkontrolliert bleiben. Keine politische Persönlichkeit und keine politische Partei sollte ohne Bestätigung durch die Menschen regieren und agieren dürfen. Diese Errungenschaft pflegen wir nicht nur in den Demokratien westlichen Stils, sogar autoritäre, ja totalitäre Regime können nicht mehr umhin, sich der Mechanismen von Wahlen zu unterziehen, wenn auch unfrei, manipuliert und verfälscht.
Freie, direkte und geheime Wahlen sind also etwas, was wir gar nicht hoch genug einschätzen können. Das sollte uns in diesen Tagen angesichts der relativ unbedeutenden Wahlgänge in Österreich – aber auch angesichts jener von weltpolitischer Bedeutung wie in der Bundesrepublik und in Russland – wieder einmal klar werden.


Macht und Ohnmacht, Mensch und Natur

31. August 2021

Von Anbeginn der Menschheitsgeschichte war das vorgebliche Ebenbild Gottes den Naturgewalten ausgesetzt. Angefangen mit der Sintflut des Alten Testaments über das Gilgamesch-Epos bis hin zu den diversen literarischen Berichten über Wirbelstürme, Fluten, Erdbeben und Vulkanausbrüche. Vom Bericht des Römers Plinius über den Ausbruchs des Vesuvs und die Zerstörung Pompejis bis hin zu den Berichten zum Ausbruch des Krakatau im 19. Jahrhundert reichen die Zeugnisse über die vernichtende Macht der Naturgewalten und des Menschen Hilflosigkeit.
Völlig klar also, dass sich die Angst vor diesen Naturgewalten übermächtig in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat und die zeitgenössischen, geradezu hysterischen Warnungen vor der drohenden Klimakatastrophe stehen so in einer historischen Kette der Menschheitsängste vor eben diesen Naturgewalten.
Nun ist es fraglos richtig, dass es gerade in jüngster Zeit wieder zunehmend Wetterextreme und katastrophale Umweltereignisse gibt. Auch hierzulande, in den Breiten des gemäßigten Klimas, häufen sich Starkregen, gibt es Tornados, Vermurungen und Überschwemmungen. All jene, die darin so etwas wie einen natürlichen Zyklus im Wechsel von Warmzeiten und Kälteperioden sehen, wie wir sie in der Erdgeschichte, insbesondere in der Ära der großen Eiszeiten natürlich wahrnehmen mussten, dürften Recht haben. Jene allerdings, die darin vom Menschen verursachte Katastrophen sehen, werden wohl auch nicht Unrecht haben.
Acht Milliarden Menschen, die diesen Planeten wie Pilzbefall einen vom Baum gefallenen Apfel überziehen – mit der in den letzten Jahrzehnten
explosionsartig gewachsenen industriellen Produktion und ihren Abfällen –, zeitigen zweifellos Wirkung in der Natur und wohl auch in der Atmosphäre, die diesen Planeten umgibt. Und dass extreme Wetterereignisse, Starkregen etwa und Überflutungen, auf einem durch die Bevölkerungsexplosion wesentlich dichter besiedelten Planeten wesentliche Auswirkungen haben, ist auch völlig logisch. Und wenn dann dazu noch eine weltweit, gewissermaßen zeitgleich funktionierende Medienberichterstattung, und über die sozialen Medien die Berichte in Echtzeit dazu kommen, ist es wenig verwunderlich, dass der Eindruck entsteht, hier würde einen gewaltige Häufung von Naturkatastrophen stattfinden.
Überhaupt mag das, was wir als Klimawandel oder gar als Klimakatastrophe bezeichnen, angesichts der Erdgeschichte ein absolut vernachlässigenswerter Vorgang sein. Für die Menschheit des 21. Jahrhunderts sind Wirbelstürme, wie jener, der jüngst über Louisiana hinweg brauste oder Flutkatastrophen, die im Frühsommer im Rheinland ganze Dörfer verwüsteten, zweifellos bedrückende und einschneidende Ereignisse. Und sie befeuern ebenso wie Tropentage in den europäischen Großstädten oder Starkregenfälle in den Alpen die medial geschürte Angst vor der vermeintlichen Klimakatastrophe.
Auch gibt es kaum Zweifel daran, dass etwa das verstärkte Abschmelzen der Polkappen und das dadurch gegebene Schwächerwerden des Golfstromes gewaltige globale Veränderungen nach sich ziehen werden. Veränderungen, die durch den Anstieg des Meeresspiegels küstennahe Gebiete bedrohen, Veränderungen, die das Klima Nordwesteuropas und Skandinaviens massiv betreffen werden, Veränderungen, die dicht besiedelte Gebiete in den betroffenen Regionen vor gewaltige Probleme und gewaltige Herausforderungen stellen werden.
Und es mag auch durchaus zutreffen, dass vom Menschen verursachte Faktoren wie der CO2-Ausstoß zumindest teilweise dafür ursächlich sind und das bedeutet natürlich auch, dass der Mensch Maßnahmen setzten kann und wohl auch muss, um diese Ursachen zu bekämpfen. Andererseits aber kann dieser Kampf gegen diese Ursachen wohl auch erst über längere Zeiträume, möglicherweise erst in Jahrzehnten, positive Effekte zeitigen. Das sagt uns die Wissenschaft auch und man wird damit andere Faktoren, wie etwa die Sonnenaktivitäten oder Präzessionsaktivitäten der Erdachse, kaum beeinflussen können.
Und damit sind wir wieder bei den Naturgewalten und bei ihrer vom Menschen, auch von der modernen Wissenschaft nicht beeinflussbaren Macht. Seit der biblischen Vertreibung Adams aus dem Paradiese ist es diese Macht und diese Willkür der Naturgewalten, mit der das menschliche Geschlecht schlicht und einfach zu leben hat. Und das hat sich auch im hochtechnisierten, digitalen 21. Jahrhundert im Grundsätzlichen nicht geändert.
Wir können also den CO2-Ausstoß auf null reduzieren, als Menschheit insgesamt Konsumaskese betreiben und der nach wie vor herrschenden Wachstumsideologie abschwören, all das wird die Macht der Naturgewalten und das Leben auf dem Planeten Erde nicht beenden.
Klar ist dennoch: Das schrankenlose Bevölkerungswachstum der letzten Jahre und Jahrzehnte und die anhaltende Wachstumsideologie, dass nur durch Wirtschaftswachstum – immer mehr, immer teurer, immer höher, immer schneller – alle Probleme der Menschheit zu lösen wären, sind Faktoren, welche die katastrophale Intensität der Naturgewalten entsprechend steigern und verstärken. Das Bevölkerungswachstum der Menschheit einzuschränken und das wirtschaftliche Wachstum von Industrie und Produktion, Ressourcenverbrauch zu mäßigen, ist solcherart gewiss ein Gebot der Stunde.
Die Kehrseite dieser Medaille besteht allerdings darin, dass es offenbar Kräfte gibt im globalen Spiel der Macht, die die aktuelle Angst vor der vermeintlichen Klimakatastrophe nützen wollen, um das, was während der Corona-Pandemie bereits begonnen wurde, weiterzuführen, nämlich die zunehmende Reglementierung der Gesellschaft, die Einschränkung der bürgerlichen Freiheitsrechte und die Schaffung eines paternalistischen, tendenziell autoritären Systems für die Zukunft. Und zu diesem Behufe scheinen das Schüren von Ängsten und die mediale Vortäuschung von geradezu apokalyptischen Entwicklungen geeignete Mittel zu sein. Die Menschen – und das hat die Corona-Pandemie bewiesen – sind durch die Schaffung eines gewissen Pegels an gesamtgesellschaftlicher Furcht bereit, derlei Einschränkungen und derlei autoritäre Tendenzen hinzunehmen. Und selbst, wenn man die Klimaveränderungen und ihre punktuell auch katastrophalen Auswirkungen als Realität wahrnimmt und akzeptieren muss, muss man deshalb nicht bereit sein, Einschränkungen der gesellschaftlichen Freiheit hinzunehmen.
Die pragmatische Vernunft würde es viel mehr gebieten, die ganz realen Auswirkungen dieses Klimawandels im Bereich des Zivilschutzes zu bekämpfen und ihnen präventiv zu begegnen. Der Rückbau der Bodenversiegelung, eine vernünftige Deregulierung von Flüssen und Gewässern, das Errichten von Dämmen und Schutzbauten, Bau von erdbebensicheren Gebäuden oder ähnliches, wie die Verstärkung von Zivilschutzmaßnahmen innerhalb der Zivilgesellschaft, wären das Gebot der Stunde, doch das ist den Apokalyptikern aus den Reihen der politisch korrekten und pseudo-grün orientierten Regierungen natürlich zu wenig. Sie bestehen auf der apokalyptischen Version der finalen Klimakatastrophe, die auf die Menschheit zukommen muss.


Unsere Sehnsucht nach der Apokalypse

11. August 2021

Die Mittelmeerküsten brennen. Unbezwingbare Flammenmeere wüten rings um das „Mare Nostrum“, die Menschen stöhnen unter Hitzewellen rund um 40 Grad Celsius, Metropolen wie Athen und Palermo werden vom Flammenmeer bedroht, die Menschen fliehen massenweise. In den Breiten des gemäßigten Klimas in Mitteleuropa wüten Stürme, und Starkregen verursacht Flutwellen mit katastrophalen Hochwässern und Vermurungen.
Der Weltklimarat diagnostiziert bereits eine Erd­erwärmung von mehr als einem Grad, verursacht durch den Menschen, durch die Treibhausgase, heißt es. Und die eineinhalb Grad, auf die sich die letzte internationale Klimakonferenz festgelegt hat, dürften bald erreicht sein und nahezu drei Grad werden prognostiziert, und damit das Abschmelzen der Polkappen und der großen Gletscherschilde in Arktis und Antarktis. Der Golfstrom drohe angeblich zu erliegen, der so etwas wie die Fernheizung für West- und Nordeuropa ist. Wetterextreme, eiskalte kontinentale Winter und unerträgliche Hitzewellen im Sommer seien daher für Europa zu erwarten und natürlich das Ansteigen des Meeresspiegels, die Überflutung aller weltweit küstennahen Regionen. So hohe Dämme könnten die Holländer gar nicht bauen, um dem begegnen zu können, Bangladesch würde vom Erdboden verschwinden und die Malediven wären allenfalls noch als Taucherparadies für den Tourismus nutzbar. Und Hunderte Millionen Klimaflüchtlinge würden die reichen und bislang noch verschonten Gebiete des Globus ins Chaos stürzen.
Soweit die apokalyptische Vision, die uns in diesen Tagen von den Apologeten der Klimakatastrophe präsentiert wird. Und tatsächlich scheinen die geschilderten Naturereignisse diese Dystopien zu stützen. Die Reiter der Apokalypse sind offenbar unterwegs. Und die Natur, der Planet, sie schlägt zurück, zurück auf eine Menschheit, die durch Überbevölkerung, hemmungsloses Wachstum und ebenso hemmungslosen Ressourcenverbrauch die Potenziale ihres Planeten überfordert hat.
Wie pflegt Roland Girtler, der Altmeister der rot–weiß–roten soziologischen Feldforschung zu sagen: Er fürchte nichts auf dieser Welt, außer die Naturgewalten und den Zorn seiner Frau. Letztere ist uns unbekannt, die Naturgewalten sind das hingegen keineswegs. Sie haben tatsächlich in unseren Tagen einen teilweise apokalyptischen Charakter angenommen. Wobei diese Wahrnehmung auch daran liegen dürfte, dass die Naturkatastrophen schlicht und einfach wegen der Überbevölkerung weit mehr Menschen betreffen als in früheren Jahrhunderten und auch daran, dass wir in einem Zeitalter der globalen medialen Berichterstattung leben, die jede Katastrophe gewissermaßen in Echtzeit kommunizierten.
Apokalyptische Ereignisse allerdings begleiten die Menschheit durch ihre gesamte Geschichte. Zugespitzt könnte man sogar behaupten, dass es so etwas wie eine Sehnsucht des Menschen nach der Apokalypse gibt, dass in gewissen Phasen der Menschheitsgeschichte die Apokalypse geradezu herbeigeredet wird. Wir wissen das vom Urchristentum, das die baldige Wiederkehr des Messias und das Weltengericht herbeisehnte. Wir wissen das von den Ereignissen im Abendland gegen das Jahr 1000 nach Christus, als man wähnte, dass nunmehr das Jüngste Gericht hereinbrechen werde. Und wir können das wiedererkennen in unseren Tagen, in denen der ökologisch grundierte Zeitgeist apokalyptische Dystopien thematisiert.
Das aus dem Griechischen kommende Wort Apokalypse bedeutet wörtlich bekanntlich „Entschleierung“, was im Christentum zum Begriff „Offenbarung“ umgedeutet wurde. Eine Offenbarung, die das Gottesgericht und damit den Weltuntergang, Ragnarök im Altgermanischen, darstellen sollte, und in unseren heutigen Terminologie soll der Begriff Apokalypse wohl die Gefahr radikaler Umbrüche mit katastrophalen Folgen schildern. Dabei gibt es die Vorstellung des Endkampfes zwischen Gut und Böse bereits in den altpersischen Luyken, und im alttestamentarischen Judentum existiert die Vorstellung von einem letztgültigen Weltengericht, auf das hin eine neue Welt erschaffen werde. Und sogar im Koran gibt es jene apokalyptischen Suren, die das Ende aller Tage durch Naturkatastrophen und die „Einhüllung der Sonne“, den Lichtverlust der Sterne und das Beben der Berge (sowie die Vernachlässigung trächtiger Kamele, sic!) schildern.
Doch jenseits theologischer Dystopien war die Menschheitsgeschichte immer wieder von ganz realen apokalyptischen Ereignissen begleitet. Die Bewohner von Nagasaki und Hiroshima dürften den Tag, an dem sie mittels der US-amerikanischen Atombombe der Massenvernichtung ausgesetzt waren, gewiss als apokalyptisch empfunden haben. Ebenso die Bewohner Dresdens im Februar 1945 genauso wie die Insassen der NS-Vernichtungslager rund um Auschwitz. Und sicher empfanden die Menschen im Römisch-Deutschen Reich gegen Ende des Dreißigjährigen Kriegs die Zustände als apokalyptisch. Ebenso wie jene, die sich in den Jahren der großen Pest Mitte des 14. Jahrhunderts dem Schwarzen Tod ausgesetzt sahen. Und so ließen sich zahlreiche Beispiele aus der Menschheitsgeschichte zitieren, die für breite Schichten der Bevölkerung eine ganz reale Apokalypse darstellten, eben die Offenbarung des ultimativen Schreckens.
Und so wie jedes menschliche Individuum seiner ganz persönlichen Apokalypse, nämlich dem eigenen physischen Ende, dem eigenen Tod, nicht zu entgehen vermag, kann die Spezies Mensch als solche apokalyptischen Ereignisse, die immer wieder über sie hereinbrechen, nicht entgehen. Es mag Perioden des Friedens, der Ruhe, der Harmonie geben, sie mögen Jahre, Jahrzehnte, ja Generationen andauern, die großen Katastrophen aber sind dennoch – und das beweist die Menschheitsgeschichte – ganz offenbar unausweichlich. Und sie werden eben auch von der Spezies Mensch auch mitverursacht. In unserer Zeitalter der Überbevölkerung und des maßlosen industriellen Wachstums und des ebenso maßlosen Ressourcenverbrauchs mag es der CO2-Ausstoß sein, der über die Erderwärmung zu apokalyptischen Naturkatastrophen führt. Und diesbezüglich hätte der Mensch natürlich auch die Möglichkeit, durch geändertes Verhalten eben jene apokalyptischen Folgen zu verhindern oder zumindest zu vermindern. Da dies aber nur begrenzt geschieht, stellt sich die Frage, ob es nicht auch so etwas wie einen gemeinsamen Todestrieb der Spezies, ein kollektives Bedürfnis nach Selbstvernichtung gibt.
Dies betrifft ja auch andere apokalyptische Ereignisse der Menschheitsgeschichte, die nicht von den Naturgewalten ausgingen, sondern vom Kain-und-Abel-Syndrom des Menschen, vom unauslöschlichen Drang der Spezies zu Zwist, Mord, Kampf und Krieg. Dass die Kriege der Menschheitsgeschichte bis hin zu den wahrlich apokalyptischen beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts von Menschen verursacht, ausgelöst und geführt wurden, steht ja außer Frage. Da gibt es keine Entschuldigung durch Naturgewalten oder göttlicher Fügung, da liegt die einzige Begründung nur in der wölfischen Natur der Spezies Mensch, die er natürlich durch das Geschenk des freien Willens auch mäßigen oder zähmen könnte.
Tatsache ist jedenfalls, dass die Geschichte der Menschheit auf diesem Planeten von apokalyptischen Ereignissen – naturgegeben oder von Menschen verursacht – begleitet wurde und offenbar auch in der Gegenwart und in der Zukunft begleitet wird. Die Unausweislichkeit, ja Gesetzlichkeit dieser Tatsache, entbindet uns allerdings nicht, von der verdammten Pflicht und Schuldigkeit, dagegen anzukämpfen, sei es durch Pazifizierung der menschlichen Gesellschaft und der menschlichen Natur, durch Friedenspolitik oder auch im Hinblick auf die Naturgewalten durch Umweltschutz, Klimaschutz und Naturschutz allgemein. Zu glauben aber, dass man apokalyptische Ereignisse überhaupt ausschließen würde können durch die Schaffung eines „neuen Menschen“, wie es die Linke möchte, oder durch absoluten Naturschutz, muss Illusion bleiben.