Europa am Scheideweg

21. Juni 2018

Europa ist zerrissen und gespalten: In seiner erstrangigen Überlebensfrage, der Zuwanderungs- und Asylproblematik, tut sich eine scheinbar schier unüberwindbare Kluft auf zwischen dem politisch korrekten linksorientierten Europa der „Willkommenskultur“ und der von Bundeskanzler Sebastian Kurz propagierten „Achse der Willigen“, die das Asylproblem ein für alle Mal lösen will. Erstere, angeführt von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, unterstützt von der neuen sozialistischen Regierung in Spanien, vom französischen Staatspräsidenten Macron und den anderen linken Kräften quer durch Europa haben die autochthonen Völker des Kontinents offenbar aufgegeben. Unbeschränkte Massenzuwanderung von Wirtschaftsmigranten – Kriegsflüchtlinge sind das alle längst nicht mehr –, vorwiegend aus Schwarzafrika wird von ihnen nicht nur zugelassen, sondern aktiv gefördert. Das Umdirigieren des NGO-Schiffes „Aquarius“ nach Spanien und der in Valencia orchestrierte triumphale Empfang derselben macht dies überaus deutlich. Und natürlich wissen diese Kräfte, dass damit eine Sogwirkung entsteht, dass damit zahlreiche weitere Schiffe von Nordafrika ablegen werden, um über das linksregierte Spanien oder das linksregierte Griechenland den europäischen Kontinent zu erreichen. Beim mit Sicherheit prognostizierten Bevölkerungswachstum Schwarzafrikas in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ist damit die Büchse der Pandora geöffnet, und Europa würde wohl zu einem Ableger Schwarzafrikas.
Die Gegenkräfte allerdings formieren sich, Italiens Innenminister Matteo Salvini, der von der bayrischen CSU kommende deutsche Innenminister Horst Seehofer und Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz, flankiert von den Vertretern der Visegrád-Staaten um Viktor Orban, sie stehen für das andere Europa: Für ein Europa, das überleben will in seiner historisch gewachsenen ethnischen und kulturellen Struktur, das schlicht und einfach die europäischen Völker erhalten will und die weitere Massenzuwanderung in die europäischen Sozialsysteme verhindern will. Alles, was diese Kräfte fordern – eine Verstärkung der EU-Grenzschutzagentur Frontex, die in Zukunft die illegalen Einwanderer und Schlepperboote zurück an die nordafrikanische Küste begleiten soll, die Errichtung von außereuropäischen Camps, die rigorose Grenzschließung des Balkans und die verstärkte Abschiebung von abgelehnten Asylanten – ist vernünftig und wird sich vielleicht in Europa auch durchsetzen.
Allein, es stellt sich die Frage, ob all diese Maßnahmen nicht bereits zu spät kommen, ob die kritische Masse an Zuwanderern als Basis für eine Landnahme durch außereuropäische Völker nicht längst überschritten ist. Die organisatorische Fähigkeit und die ethische Legitimation für Massenabschiebungen im Bereich von Hunderttausenden, ja sogar Millionen Menschen dürfte auch im Bereich dieser „Achse der Willigen“ nicht groß genug sein. Und die Anzahl der Menschen, die mit Migrationshintergrund, aber bereits einer europäischer Staatsbürgerschaft innerhalb der EU leben, könnte bereits so groß sein, dass sie mit deren Kinderreichtum und entsprechenden Familienzusammenführungen auch bei völligem Stopp der weiteren Zuwanderung ausreicht, um die Ethnomorphose – sprich „Umvolkung“ – zu finalisieren.
Fest steht jedenfalls, dass das Europa der Zukunft nicht mehr das Gleiche sein wird wie das, welches wir bisher kennen. Die Frage, die nunmehr entschieden wird, ist, in welchem Ausmaße sich Europa verändert. Wenn sich die Apologeten der linken Willkommenskultur weiter behaupten, wird dieses Ausmaß verheerend sein. Wenn sich die Achse der Willigen durchsetzt, könnte es vielleicht noch auf ein erträgliches Maß beschränkt bleiben.
So gesehen steht Europa nunmehr also tatsächlich auf dem Scheideweg.

Advertisements

Österreich – deine Juden

16. Juni 2018

Von Pogromen und Symbiosen

Wien war zweifellos eine der Hauptstädte des jüdischen Geisteslebens – zumindest in den letzten Jahrzehnten der Habsburger Monarchie, vom Toleranzpatent Josephs II. über die judenfreundliche Politik Kaiser Franz Josephs bis hin in die Erste Republik. Der Einfluss jüdischer Intellektueller und Künstler auf die österreichische Kultur in diesem Zeitraum ist gewaltig. Und in Wien wirkte auch der Gründervater des Zionismus, Theodor Herzl, der den Staatsgedanken des neuen Israels entwickelte.
Das Wien Georg Ritter von Schönerers und des jungen Gelegenheitsmaler aus Braunau war aber auch eine der geistigen Pflanzstätten des Rassenantisemitismus und des daraus resultierenden Holocaust, eines singulären Menschheitsverbrechens.  Dass Wien heute wieder eine jüdische Gemeinde von 8.000 bis 15.000 (laut Wikipedia) Menschen aufweisen kann, ist eigentlich unter Berücksichtigung dieser leidvollen Geschichte ein wahres Mirakel.

Von Hofjuden, blutigen Pogromen und vorbildlicher Emanzipation

In der Monarchie waren bis zum Zusammenbruch, also bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, etwa 200.000 Juden allein in der Reichs- und Residenzstadt ansässig. Diese waren zumeist im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung aus dem Osten des habsburgischen Territoriums zugezogen und vermochten im Kulturleben und im Wirtschaftsleben der Stadt bedeutenden Einfluss zu gewinnen. Zwei Drittel dieser jüdischen Bevölkerung musste rund um den Anschluss der Alpenrepublik an Hitler-Deutschland emigrieren, ein Drittel, etwa 66.000 Menschen, wurden im Zuge der systematischen Vernichtung der Juden durch das Dritte Reich ermordet.
Jüdische Präsenz auf dem Territorium Österreichs dürfte es bereits zur Römerzeit gegeben haben. Im Frühmittelalter haben mit Sicherheit jüdische Kaufleute auch im Alpen- und Donauraum gelebt. Der erste namentliche erwähnte Jude in Österreich war ein gewisser Schlom, der vom Babenberger-Herzog Leopold V. zum Münzmeister und zum Verwalter des herzögliche Vermögens ernannt wurde. Leopold V. bekam damals das englische Lösegeld für die Freilassung von König Richard Löwenherz. Besagter Schlom wurde dann allerdings zusammen mit 15 anderen Juden im Jahre 1196 von österreichischen Rittern ermordet, deren Anführer allerdings wiederum vom Babenberger-Herzog Friedrich I. deswegen zum Tode verurteilt wurden.
Bereits im Jahre 1204 war in Wien eine Synagoge urkundlich belegt und 1230 entstand eine jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt, 1237 in Tulln, wobei der Großteil der damaligen jüdischen Bevölkerung aus den rheinischen Städten Worms, Mainz und Trier stammte, die sie wegen der Verfolgungen während des ersten Kreuzzug verlassen hatten müssen. Schon am Beginn des 13. Jahrhunderts war es am Herzogshof in Wien üblich, dass Juden als Berater in Wirtschafts- und Finanzfragen tätig waren.
Während die Juden ursprünglich durchaus in hohe Stellungen aufsteigen konnten, gerieten sie im ausgehenden Hochmittelalter zwischen die Mühlsteine der Machtpolitik. Im Streit zwischen dem Babenberger Herzog Friedrich II. und dem letzten Stauferkaiser Friedrich II. wurden die Wiener Juden abwechselnd diskriminiert und privilegiert. Im Jahre 1238erließ der Staufer ein Privileg für die Wiener Juden,  welches auf einem im Jahre 1236 ausgestellten Privileg  für die Juden im Reich basierte. Wenige Jahre  später, im Jahre 1244, erließ dann der Babenberger- Herzog Friedrich II. seinerseits ein Privileg für die  Juden in ganz Österreich, das sogenannte „Fridericianum“.  Dies konnte allerdings nicht verhindern,  dass Legenden über Hostienfrevel und Blutbeschuldigungen  – wahrscheinlich auch im Zuge von wirtschaftlichen  Krisen – ein Anwachsen des Hasses auf die Juden verursachten.
Vollends entflammte dieser Judenhass in den Jahren der Hussitenkriege, da die jüdische Gemeinde in Wien verdächtigt wurde, mit den Ketzern zusammenzuarbeiten und ihnen Waffen zu verkaufen. Im Frühjahr des Jahres 1420 befahl Herzog Albrecht V. (Albrecht II. als deutscher König) die Verhaftung aller Juden in Österreich. In der Folge wurden mittellose Juden donauabwärts vertrieben und jüdische Kinder zwangsgetauft. Am 12. März 1421 schließlich verkündete ein Dekret Herzog Albrechts, dass die Juden zum Tode verurteilt seien. Neben der allgemeinen „Bosheit“ der Juden führte man als Begründung vor allem Hostienfrevel an. 92 Männer und 120 Frauen wurden an diesem Tag auf der Gänseweide in Erdberg hingerichtet. Diese „Wiener Geserah“ ist in ihrer Brutalität in der frühen österreichischen Geschichte einmalig.
Im Jahre 1496 wurden die Juden auf Drängen der Stände von Kaiser Maximilian aus der Steiermark und Kärnten vertrieben. Sie durften sich aber am Ostrand des Reichs, also etwa auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands ansiedeln. Ab 1551 mussten sie beim Aufenthalt in Städten und Märkten den „gelben Fleck“ tragen. Dennoch stieg die Anzahl der in Wien lebenden Juden am Ende des 16. Jahrhunderts wieder an und 1624 wurde von Kaiser Ferdinand II. dekretiert, dass sie sich auf dem Gebiet der heutigen Leopoldstadt ansiedeln durften. Dennoch wurden sie in den Jahren 1669/70 neuerlich aus Österreich vertrieben, obgleich bereits zehn Jahre später mit Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer in Wien bedeutende „Hofjuden“ wirkten.
Das Toleranzpatent Josephs II. schließlich leitet die Emanzipation der etwa 1,5 Millionen Juden der Habsburger Monarchie ein. Zwar war es ursprünglich nur für die christlichen Minderheiten im Reich erlassen worden, 1781 allerdings wurde das Hofdekret für die Juden Böhmens erlassen und gleichzeitig wurden sie zu allen Schulen und Hochschulen zugelassen und erhielten weitgehend Gewerbefreiheit. Das Ziel der josephinischen Politik war es, die Juden zu handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen zu bewegen, um sie im Sinne des Merkantilismus für den Staat nützlich zu machen. Einwanderung war ihnen aber weiterhin verboten, ebenso der Erwerb von Haus- und Grundbesitz und die Einfuhr jüdischer Schriften. Dafür mussten sie allerdings ab 1788 Militärpflicht leisten. In der Folge schränkten zwar zahlreiche Sondergesetze die jüdische Emanzipation weiter ein, dennoch gelang es in Wien einer Reihe jüdischer Familien, einen bemerkenswerten sozialen und ökonomischen Aufstieg zu erreichen.
Bis 1848 stieg der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Wien auf rund 4.000 Personen an. In der Märzrevolution von 1848 engagierten sich jüdische Akademiker wie Adolf Fischhof und Josef Goldmark besonders stark, da sie eine Öffnung hin zur vollständigen Emanzipation des Judentums erhofften. Nach der Beerdigung der März-Gefallenen wurde von der burschenschaftlich geprägten Akademischen Legion tatsächlich auch eine Petition zur Emanzipation des Judentums verfasst. Demgemäß kam es in der Pillersdorf‘schen Verfassung tatsächlich zur ersehnten vollen Gleichstellung der Juden bei den Bürgerrechten und in der Frage der Religionsfreiheit. Nach dem Scheitern der Revolution allerdings gab es erneut Diskriminierung, indem etwa den Juden im Jahr 1853 wiederum der Grunderwerb verboten wurde.
Dennoch war die Emanzipation der Juden in der Habsburger Monarchie nicht aufzuhalten. Insbesondere vom Kaiser selbst wurde eine eher judenfreundliche Politik betrieben, die schließlich im Jahre 1890 zu dem noch heute geltenden Israelitengesetz führte, welches die äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft regeln sollte und auf eine einheitliche Rechtsgrundlage stellte.

Der Antisemitismus

Politisch waren die meisten österreichischen Juden damals eher deutschliberal gesinnt, weshalb zum religiös motivierten Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert auch eine antisemitische Komponente im Zusammenhang mit der Liberalismus-Kritik aufkam. Ökonomische und soziale Konflikte wurden diesbezüglich dann vor allem in der jungen christlichsozialen Bewegung unter dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger gegen die Juden instrumentalisiert. Der Rassenantisemitismus, basierend auf biologistischen Fehldeutungen des Darwinismus, der dann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts von Georg Ritter von Schönerer und seinen alldeutschen Gefolgsleuten kultiviert wurde, machte aus dem ursprünglich religiösen Antisemitismus und dem darauf entstandenen wirtschaftlichen Antisemitismus ein unheilvolles ideologisches Gebräu, welches bis hin zum Holocaust – zur Vernichtung des europäischen Judentums – führen sollte.
Gewissermaßen als Gegenbewegung entflammten auch jüdisch nationalistische Bestrebungen. Diese gipfelten in der Begründung des theoretischen Zionismus durch den Wiener Journalisten Theodor Herzl, häufig in Anlehnung an Ideen der Burschenschaft, der auch Herzl für einige Jahre angehört hatte. Und 1917 setzte sich auch in der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens der Zionismus durch. Im Ersten Weltkrieg dienten immerhin rund 300.000 jüdische Soldaten in der K.u.K. Armee.
25.000 davon als Reserveoffiziere. Antisemitismus wurde in der K.u.K. Armee offiziell nicht toleriert, obgleich den Juden der Aufstieg in die höchsten militärischen Ränge verwehrt blieb. Allerdings unterstützte die habsburgische Armeeführung jüdische Soldaten darin, ihre religiösen Traditionen aufrecht zu erhalten. So gab es ab 1916 koschere Küchen hinter den Frontlinien und die israelitische Kultusgemeinde konnte kleinformatige Gebetsbücher an die Soldaten verteilen. Bis zu Kriegsende wirkten immerhin 79 jüdische Geistliche in der K. u. K. Armee. All das führte dazu, dass seitens der Juden in Österreich ein hohes Maß an Loyalität gegenüber der Monarchie bestand. Eine stärkere gesellschaftliche Integration resultierte aus dieser guten Behandlung in der K.u.K. Armee allerdings nicht.
Das politische Engagement der österreichischen Juden begann ursprünglich eher im liberalen Bereich, um sich schließlich nahezu vollständig auf die Sozialdemokratie zu konzentrieren. Vom Parteigründer Victor Adler angefangen, über den „Chefideologen“ der Sozialdemokratie in der Ersten Republik Otto Bauer, bis hin zu Hugo Breitner, Robert Danneberg, Julius Deutsch und Julius Tandler prägten jüdische Politiker die austromarxistisch orientierte Sozialdemokratie. Eine Ausnahme war der Prager Jude Ignaz Kuranda, der Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche war und später als Abgeordneter der Verfassungspartei im Reichsrat wirkte, wo er maßgeblichen Anteil an der Dezember-Verfassung von 1867 hatte. Er galt als maßgeblicher Vertreter der deutschliberalen Gruppierungen und wurde schließlich im Jahr 1872 zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien gewählt.
Der Antisemitismus war zweifellos in der österreichischen Gesellschaft der ausgehenden Habsburger Monarchie in der Ersten Republik ein nahezu flächendeckendes Phänomen. Die christlichsoziale Partei und die Großdeutsche Volkspartei hatten beide einen nahezu wortgleichen Arierparagraphen. Undd sogar in er Sozialdemokratie galt das ungeschriebene Gesetz, dass der Anteil von Juden im Parteivorstand nicht über ein gewisses Maß anwachsen dürfe. Aus dieser Haltung erwuchs zweifellos die Politik der SPÖ nach 1945, welche die Rückkehr prominenter jüdischer Migranten nach Österreich eher unterbinden wollte.

Auf der Basis des Rassenantisemitismus, der in weiten Bereich des deutschnationalen Lagers salonfähig geworden war, auf dem noch älteren christlichkatholischen Antisemitismus aufbauend und auch auf wirtschaftlich-beruflichem Konkurrenzdenken fußend, hatte sich so in Österreich ein Judenhass aufgebaut, der den unseligen Humus für die Politik des Nationalsozialismus bildete. Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich begann sehr rasch die Ausgrenzung, Diskriminierung und schließlich auch brutale Verfolgung der österreichischen Juden. Im Jahre 1938 hatten im Lande zwischen 201.000 und 214.000 Menschen jüdischer Abstammung gelebt, die gemäß den unseligen „Nürnberger Gesetzen“ als „Voll-, Halb-, Viertel-, Achteljuden“ galten, davon nahezu 182.000 „Volljuden“.
Es kam sehr schnell zu Enteignungen und Pogromen und insbesondere im Zuge des sogenannten „Novemberpogroms“ Anfang November des Jahres 1938 wurden dann 27 Juden getötet, 88 verletzt, 6.547 verhaftet. Es wurden 4.000 Geschäfte geplündert und 42 Tempel und Bethäuser zerstört. Damit war der Weg des österreichischen Judentums in die NS-Konzentrationslager bis hin zur industriell geplanten massenhaften Vernichtung vorgezeichnet. Nahezu 66.000 jüdische Österreicher sollten in der Folge tatsächlich ums Leben kommen.

Jüdisches Geistesleben

Es ist nun zweifellos problematisch, den Anteil von Menschen jüdischer Herkunft in Kunst, Kultur und Wissenschaft unter dem Vorzeichen „jüdisches Geistesleben“ zu betrachten, da es sich ja weitestgehend um emanzipierte Juden handelte, die kaum mehr Bindung zur mosaischen Religion hatten. Erst durch die Vertreibung dieser Menschen durch die NS-Despotie wurde die jüdische Herkunft dieser Geistesgrößen wieder von Bedeutung und so wirklich bewusst. Im Bereich der Medizin etwa kann ein guter Teil der prominentesten österreichischen Ärzte auf jüdische Herkunft zurückblicken. Viktor Frankl etwa oder Sigmund Freud, die Nobelpreisträger Robert Barany und Otto Loewi, Julius Tandler, Emil Zukkerkandl, Josef Bräuer, Ludwig von Mautner sind bis heute klingende Namen im Bereich der Wissenschaft. Der Erfinder des Automobils Siegfried Marcus, die Physikerin Lise Meitner, der Biochemiker Max Perutz waren Geistesgrößen der österreichischen Wissenschaft.
Eindrucksvoll ist auch der Beitrag der Wiener Juden zu Musik, Literatur und Publizistik. Komponisten wie Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Emmerich Kálmán, Dichter wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und Stefan Zweig, Franz Kafka, Elias Canetti. Josef Roth und Jura Soyfer, Alfred Polgar, Karl Krauss und Peter Altenberg, sie bilden Monumente in der Ruhmeshalle der österreichisch-deutschen Literatur. Egon Friedell, die Philosophen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper, Martin Buber und schließlich die Kabarettisten – diese sind in Österreich wie gesagt, nicht zu verachten – von Karl Farkas über Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi bis Georg Kreisler und Hugo Wiener, allesamt Intellektuelle und Denker von weltkulturellem Format.
Nun wäre es zwar eine gewisse Hybris, das gesamte österreichische Geistesleben der ausgehenden Habsburger Monarchie und der Ersten Republik auf jüdische Einflüsse zu reduzieren. Zweifelsfrei ist aber, dass dieses österreichische Geistesleben ohne diese Einflüsse wesentlich ärmer, wesentlich weniger faszinierend, wesentlich weniger schillernd und beeindruckend gewesen wäre. Die Vertreibung des jüdischen Geistes aus Österreich, wie sie nach 1938 erfolgte, bewirkte daher zweifellos einen wesentlichen Einbruch in das geistig-kulturelle Potential des Landes.

Und heute?

Bei Kriegsende lebten in Österreich vielleicht noch an die 5.000 Juden. Davon sollen 1.000 bis 2.000 im Krieg in Wien als „Mitglieder des Ältesten-Rates der israelitischen Kultusgemeinde“, in „geschützten Ehen“ oder auch als „U-Boote“ überlebt haben, der Rest von ihnen kam aus den Konzentrationslagern zurück. Das streng orthodoxe Judentum war fast völlig ausgerottet und die israelitische Kultusgemeinde, die im April 1945 aus den von den Nationalsozialisten installierten „Ältestenrat“ neu entstanden war, musste zuerst vor allem Alte und Kranke betreuen und den wenigen Rückkehrern aus dem Exil und aus den Konzentrationslagern bei der Eingliederung in die Gesellschaft helfen. Die Verantwortlichen dieser Israelitischen Kultusgemeinde waren bei Kriegsende weitgehend davon überzeugt, dass in Wien in Zukunft keine jüdische Gemeinde mehr entstehen würde. Daher hatten alle ihre Handlungen eher provisorischen Charakter und man war bestrebt, das Eigentum, Liegenschaften etc. zu verkaufen. Auch das Archiv der Kultusgemeinde wurde im Jahre 1952 nach Jerusalem überstellt.
Insgesamt allerdings weilten während der zehnjährigen Besatzungszeit an die 300.000 „displaced Persons“, auch viele Juden, in Lagern in Österreich, von wo sie weiter in den Westen oder auch nach Palästina in den jungen Staat Israel zogen. Etwa 3.000 von ihnen blieben allerdings in Österreich, weshalb sich in Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck kleine israelitische Kultusgemeinden bildeten. Nach dem ungarischen Aufstand von 1956 flüchteten etwa 17.000 Juden nach Österreich und durch den Zuzug aus dem Osten vergrößerte sich diese jüdische Gemeinde auf 8.000 bis 15.000 Juden. 1975 konstituierte sich in Wien dann eine bucharische Gemeinde und seit den 80er Jahren blüht ein vielfältiges, eigenständiges jüdisches Leben in Wien, das sich durch Schulgründungen, Gemeindezentren, Sportvereine und zahlreiche kulturelle Aktivitäten auszeichnet. Das im Jahre 1980 gegründete Jewish Welcome Service hat sich die Aussöhnung zwischen den während der NS-Herrschaft in Österreich vertriebenen Juden und den Österreichern sowie eine Verbesserung des Verständnisses zwischen Juden und Nichtjuden zum Ziel gesetzt. Eine Reihe von Schulen, vom Kindergarten über die Volksschule bis zum Gymnasium und das Hakoah-Sportzentrum sowie Altersheime und Pensionistenheime stehen der Kultusgemeinde zur Verfügung. Ab dem Jahre 1991 setzt eine Zuwanderung von Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ein, die die bislang zahlenmäßige schwache jüdische Gemeinschaft wesentlich gestärkt hat. Die letzte Volkszählung vom Jahr 2001, bei der die Religionszugehörigkeit amtlich erfasst wurde, hat 8.140 Juden in Österreich ausgewiesen. Die Israeltische Kultusgemeinde geht jedoch von rund 15.000 Juden, manche auch von 20.000 aus.
Die Bemühungen der öffentlichen Hand in Österreich, sowohl des Bundes als auch der Stadt Wien und anderer Institutionen zur Unterstützung der jüdischen Gemeinde in der Bundeshauptstadt und in der Republik insgesamt sind also mannigfaltig. Auch die Pflege der Erinnerungskultur für die im Holocaust umgekommenen österreichischen Juden ist von großer, immer wieder neu wachsender Vielfalt gekennzeichnet. Wenn die gegenwärtige Bundesregierung eine Gedenkmauer mit den Namen aller ermordeten Juden plant, ist dies ein weiterer Schritt. Das Museum, das im Jahre 2000 auf dem Judenplatz errichtet wurde, das Hrdlicka-Denkmal auf dem Albertinaplatz und die zahllosen Stolpersteine für österreichische Holocaust-Opfer, die es quer durchs Land gibt, sind weitere Belege für diese bewusst gepflogene Erinnerungskultur.
Dass die Israelitische Kultusgemeinde in der gegenwärtigen Gesellschaft und in der politisch-gesellschaftlichen Landschaft Österreich nicht frei von parteipolitischen Präferenzen ist, muss bedauert werden. Die Politik der IKG, deren Präsident unter anderem der deutschliberale Politiker Ignaz Kuranda – ein überzeugter Deutschnationaler – war, und die spätestens seit der Präsidentschaft von Ariel Muzicant und nunmehr unter dem Vorsitz von Oskar Deutsch proaktiv und demonstrativ gegen die Freiheitliche Partei agiert, darf kritisch hinterfragt werden. Noch unter Muzicants Vorgänger Paul Grosz hielt sich die Kultusgemeinde vornehm aus den Niederungen der Tagespolitik zurück. Muzicant mit seinen intensiven Beziehungen zur Wiener Sozialdemokratie und nunmehr offensichtlich auch Oskar Deutsch beschwören hingegen immer wieder das Gespenst eines von den bösen „Rechtspopulisten“ angeheizten Antisemitismus im Lande herauf. Dies gipfelt in der demonstrativen Gesprächsverweigerung gegenüber der nunmehrigen Regierungspartei. Diese lässt sich indessen nicht dazu hinreißen, mit antijüdischen Aussagen oder auch nur Emotionen darauf zu reagieren.
Das wahre Problem aber der nunmehr so wohlintegrierten jüdischen Gemeinschaft in Österreich ist das Anwachsen des politischen Islams im Lande. Hunderttausende Zuwanderer, die einem zunehmend fundamentalistisch geprägten Islam huldigen, bis hin zum radikalen Islamismus, vertreten weitgehend antisemitische, zumindest aber anti-israelische Haltungen. Diese äußern sich auch in einer anwachsenden Vielzahl von antisemitischen Aussagen und Ausfällen im öffentlichen Raum. Eine Entwicklung, der Österreich nicht tatenlos zuschauen darf.
Die Bemühung, insbesondere der freiheitlichen Regierungspartner, in den vergangenen Jahren bei ihrem Kampf gegen die Islamisierung Europas und gegen den politischen Islam in der Zuwandererpopulation Verbündete in der politischen Landschaft Israels zu finden, werden wahrscheinlich innerhalb des österreichischen Judentums hinter vorgehaltener Hand durchaus positiv registriert. Nach außen hin aber scheint die von der IKG-Spitze verordnete Kontaktsperre aufrecht zu bleiben. Ob die jüdische Gemeinde in Österreich wiederum zu jener geistig intellektuellen Kapazität heranzuwachsen vermag, die sie am Ende der Habsburger Monarchie und in der Ersten Republik hatte und ob die Republik selbst von ihren jüdischen Bürgern wieder in  jenem Maße profitieren kann, wie sie dies vor 1938 tat, hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Israelitischen Kultusgemeinde ab.
Und es hängt auch von deren Fähigkeit ab, mit allen Bereichen der österreichischen Bevölkerung in einen konstruktiven und offenen Dialog zu treten. Gesprächsverweigerung und Ausgrenzung gegenüber einem Bereich, der nun noch dazu in der Regierung vertreten ist, wäre diesbezüglich wohl eher hinderlich.


Immer wieder Öl ins Feuer gießen

14. Juni 2018

Bundeskanzler Kurz war dieser Tage in Israel. Vertreter seines Koalitionspartners, der FPÖ, waren ausdrücklich nicht erwünscht. Nachdem diese Bundesregierung ein Kollegialorgan ist, ist der Ausschluss des einen Partners schon ein solider Affront. Ein Affront, den die Regierung hinnimmt, der freiheitliche Teil wohl eher zähneknirschend.
Die Gespräche des jungen Bundeskanzlers in Jerusalem, insbesondere jene mit jüdischen Altösterreichern, fanden in freundlicher Atmosphäre statt. Weise alte Menschen neigen eben dazu, versöhnlich zu sein. Und auch auf der offiziellen hochpolitischen Ebene im Gespräch mit Israels Regierungschef Netanjahu waren die Differenzen geringfügig. Einzig der Ausstieg aus dem Iranabkommen sorgte für Differenzen. Das österreichische Versprechen, eine Million Euro für die Errichtung eines weiteren Archivs zur Erforschung des Holocaust zu spenden, stieß sicher auch auf Wohlgefallen.
Misstöne gab es allerdings auch: Wie etwa jene, für die die junge Wiener Jüdin Deborah Hartmann sorgte, die als Führerin durch Yad Vashem fungierte. Sie missbrauchte ihre Funktion dazu, den Bundeskanzler damit zu konfrontieren, dass es ein Unding sei, dass es in der mitregierenden FPÖ noch immer „Politiker wie Andreas Mölzer gebe, denen man erklären müsse, welche Katastrophe die Shoa“ gewesen sei. Und es blieb dem offenbar mitreisenden „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak vorbehalten, diese Attacke in seinem Blatt solcherart zu erklären, dass es Mölzer bei einer jüngsten TV-Debatte („Im Zentrum“) gewagt habe, dem jüdischen Literaten Doron Rabinovici „zynisch zu kontern“, als dieser erklärte, dass es Nachkommen von Holocaust-Opfern gestattet sein müsse, das Gedenken an ihre ermordeten Vorfahren ausschließlich mit jenen zu begehen, die sie sich wünschen.
In Wahrheit bezog sich die besagte TV-Debatte auf die Nichteinladung der freiheitlichen Regierungspartei zu Gedenkfeiern in Mauthausen, wobei Rabinovici gemeint habe, er würde sich schon gerne aussuchen, mit wem er etwa im Baltikum, wo Mitglieder seiner Familie zu Tode gekommen seien, trauern würde. Und dazu würden FPÖ-Politiker mit Sicherheit nicht gehören. Worauf Mölzer gemeint habe, er habe dafür Verständnis: Er selbst würde auch keinen Wert legen, am Grab seiner verstorbenen Eltern gemeinsam mit Leuten wie Herrn Rabinovici zu trauern. Dieser Hinweis Mölzers, dass Trauer um Verstorbene – ganz gleich aus welchem Volke – von gleicher Würde sein müsse und dass man auch die Trauer um die Opfer der ganz gewöhnlichen autochthonen österreichischen Bevölkerung respektieren müsse, genauso wie sie demonstrativ und vielfältigst für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus von allen Seiten aus Anlass des Gedenkjahres bekundet wird, dieser Hinweis war für den „Presse“-Chefredakteur ein „zynischer Konter“. Soweit, so seltsam …
Dieser eigentlich nebensächliche Vorfall beim Israel-Besuch zeigt allerdings wie die immer wieder demonstrierte Wohlmeinung des freiheitlichen Regierungspartners im Hinblick auf die jüdische Gemeinde in Österreich und auf den Staat Israel missachtet wird. Bundeskanzler Kurz hat im Vorfeld des Besuches noch gemeint, dass es nunmehr in Österreich die wohl Israelfreundlichste Regierung der Geschichte gäbe.
Die neuerliche Millionenspende für das Archiv in Israel selbst, die Errichtung einer zusätzliche Gedenkmauer für die 66.000 jüdischen Opfer des Holocaust beweisen dies wohl deutlich. Ebenso wie die zahlreichen publizistischen Bekundungen des attackierten Andreas Mölzer im Hinblick auf die österreichische und insgesamt deutsche Verantwortung für den Holocaust als singuläres Menschheitsverbrechen. Da dürfte sich auf der freiheitlichen Seite so etwas wie eine gewisse Ratlosigkeit breit machen. Traurig eigentlich…


Böse Menschen haben keine Lieder

7. Juni 2018

Über das Musikland Österreich, Mozart, Falco und Musikkapellen

Wolfgang Amadeus Mozart hat man leichterdings zum Österreicher gemacht. Und das, obwohl er bekanntlich im reichsunmittelbaren und unabhängigen Fürsterzbistum Salzburg als Untertan des Primas Germaniae, des Erzbischofs von Salzburg, das Licht der Welt erblickte. Und Ludwig van Beethoven gilt ebenso als österreichisches Musikgenie, obwohl er aus dem Rheinland stammt. Dafür hat man ebenso leichterdings den Braunauer zum ultimativ bösen Deutschen ausgebürgert. Typisch österreichische Chuzpe, könnte man meinen, eben ein „Wiener Schmäh“. Die Einbürgerung Mozarts und Beethovens allerdings ist für das österreichische Selbstverständnis tatsächlich von eminenter Bedeutung, denn was wäre das Musikland Österreich ohne diese beiden ultimativen Genies? Wenn Bach und später Wagner zweifelsfrei als Deutsche firmieren, müssen Mozart und Beethoven schon Österreicher bleiben dürfen (auch wenn sie damit natürlich zu ihren Lebzeiten auch ebenso zweifelsfrei Deutsche waren).
So bleibt es jedenfalls eine Tatsache, dass sich das kleine Österreich als Musikland von Weltrang betrachten darf. Mozart, Haydn, Beethoven, Liszt, Schubert, Brahms (auch so ein zugereister Deutscher) Bruckner, Richard Strauss – das ist schon die Creme de la Creme der klassischen Musik, die Spitzenleistung eben eines wesentlichen Bereichs der Menschheitskultur.
Die Werke dieser österreichischen Meister stellen bis zum heutigen Tag einen Großteil des Repertoires der Konzert- und Opernhäuser dieses Planeten dar, und verglichen mit der musikalischen Potenz, die sie repräsentieren, ist das übrige europäische Musikschaffen von Vivaldi bis Tschaikowsky, von Edvard Grieg bis Claude Debussy nur – wenn auch besonders beeindruckende – Begleitmusik. Und auf dem entsprechenden Niveau befindet sich auch die Pflege dieser klassischen Musik, die Wiener Staatsoper ist nach wie vor eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Die Wiener Philharmoniker sind im langfristigen Vergleich wahrscheinlich das beste Orchester des Planeten. Da erweist sich das kleine Österreich als Weltmacht in Sachen klassischer Musik.
Daneben waren die Alpen- und Donauländer aber auch immer ein Hort der leichten Muse. Operettenmelodien und Walzerklänge von den Gebrüdern Strauß bis zu Franz Lehár sind Zeugen eines scheinbar verspielten Lebensstils und eines beschwingten Musikgeschmacks, der musikalische Leichtigkeit mit tonschöpferischem Tiefgang zu verbinden wusste. Dazu kommt Schrammel- und Heurigenmusik, die über Generationen das Wiener Lebensgefühl bestimmten.
Der liebe Augustin, jener österreichische Nationalheld, der aus der Pestgrube der frühen Neuzeit in unsere Zeit herüber grüßt, war nicht zufällig ein Spielmann, er blies auf dem Dudelsack, und der kleine Wolfgang Amadeus Mozart war auch so etwas wie ein kindlicher Spielmann, der als junges Genie der Kaiserin Maria Theresia am Piano Forte vorspielen durfte. Spielleute waren auch die Gebrüder Strauß, die in ihren Wiener Walzer-Etablissements der tanzwütigen besseren Gesellschaft der k. u. k. Haupt- und Residenzstadt aufspielen durften. Aber auch typisch österreichische Liedermacher der jüngeren Generation, von Hansi Hölzel vulgo Falco bis zu Wolfgang Ambros, Georg Danzer und den anderen Austropopern, auch sie sind Spielleute, die so etwas wie eine typisch österreichische Klangwelt vertreten. Gewiss, zwischen den Schubertliedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder oder „Skifoan“ von Wolfgang Ambros liegen Welten, beides ist aber Teil eines spezifisch österreichischen Liedguts, das im Zeitraum von zwei Jahrhunderten die Menschen des Landes auf ihre ganz verschiedene und irgendwie doch ähnliche Weise er fasste und bewegte.
Was ist nun der Humus, auf dem diese Musikalität des Landes und seiner Menschen wächst? Zuerst war da wohl einmal ein sangesfreudiges Völkchen, das da auf seinem keltoromanischen, alpenslawischen Urgrund die bajuwarischfränkische Landbevölkerung ausmachte. Gesang und Musik auf einfachen rustikalen Instrumenten, die zuerst im ländlichen Gemeinschaftsleben gepflegt wurden, darüber natürlich die Musikpflege auf Adelssitzen und Fürstenhöfen bis hin zum kaiserlichen Hof in Wien. Zum einen zog der Kaiserhof große musikalische Genies an, die dort auch Aufträge und entsprechende Honorierung erhielten, zum anderen war diese aristokratische und höfische Musikpflege in der Folge dann auch Vorbild für die Musikpflege in bürgerlichen Häusern.
Im Biedermeier und dann später der Gründerzeit wurde in den großbürgerlichen Salons ebenso wie im biederen Familienkreis Musik gemacht und Musik konsumiert. Und natürlich war es immer auch Unterhaltungsmusik, Tanzmusik sowohl für den höfischen Adel, als auch dann für die bürgerlichen Schichten und auch für die einfache Landbevölkerung, welche die musikalische Grundstimmung des Landes und seiner Menschen prägte. Von der Walzerseligkeit des 19. Jahrhunderts bis zum Austropop des ausgehenden 20. Jahrhundert hat mehr oder weniger hochstehende oder mehr oder weniger triviale Unterhaltungsmusik in das Musikland Österreich mitgeprägt.
Quer übers Land gab und gibt es außerdem Chöre und Musikkapellen, jede bessere Gemeinde verfügt über eine Blaskapelle und jede Schule über einen Chor. In den Wirtshäusern, an Kirchtagen und anderen ländlichen Festen wurde gesungen, organisiert oder auch spontan in launiger Runde. Die Studenten sangen auf ihren Verbindungshäusern, die Zecher beim Heurigen, die Bauersleute bei schweißtreibender Erntearbeit und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter am 1. Mai. Am Kirchtag marschierte die Blaskapelle durch die Ortschaft und am Abend spielte sie mit Landler und Polka zum Tanz auf, und mit der Erfindung des Radios im frühen 20. Jahrhundert kam die Musik auch noch massenhaft in die privaten Haushalte. Und überall im Lande gab und gibt es Musikschulen, die neben den Chören und Orchestern für Nachwuchs bei Gesang und Instrumentenspiel sorgen.
Dass die Musik Österreichs Image im europäischen, aber auch im überseeischen, Ausland prägt, ist völlig klar. Mozart und seine Zauberflöte, „The Sound of Music“ der Familie Trapp, die Wiener Sängerknaben mit ihren Konzertauftritten zwischen Kalifornien und Japan und das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das Jet-Set-Getriebe bei den Salzburger Festspielen, die Fledermaus auf der Seebühne von Mörbisch und der Videoclip von Falco als Amadeus, das sind die musikalischen Bilder, welche die Erwähnung des Musiklandes Österreich weltweit in den Köpfen der Menschen hervorruft. Dass die damit verbundenen Klischees im Zuge der Tourismuswerbung auch vermarktet werden und dass Orchester von Weltformat gewaltige Budgets verschlingen, steht allerdings auch außer Zweifel. Auch die Einrichtung und der Betrieb von Musikschulen kosten Geld, und zwar Steuergeld, und das nicht wenig, und Jahr für Jahr muss die Kulturpolitik viele Steuermillionen für Kulturförderung, sei es im Bereich der Hochkultur oder auch der volkstümlichen breiten Kultur, zur Verfügung stellen, um das Niveau, das Österreich in diesem Bereichen erreicht hat, zu halten. Letztlich aber sind dies Investitionen, die dem Land und seinen Menschen einen unglaublich großen Gewinn in kultureller und moralischer Hinsicht, aber auch ganz realer wirtschaftlicher – man denke an den Tourismus – bringen.
Wenn heute immer wieder die Binsenweisheit zu hören ist, dass das größte Kapital eines Landes und eines Volkes die Bildung und die Pflege der Wissenschaft und Erforschung sei, so ist hinzuzufügen, dass die Pflege unserer Musikkultur, das Fördern musikalischer Talente und die gezielte Ausbildung im musikalischen Bereich – sowohl was den Gesang als auch das Spielen von Instrumenten betrifft –ein wichtiger und insbesondere für Österreich zentraler Bestandteil einer solchen Bildungsförderung sein muss. Das weltweit anerkannte Musikland Österreich ist in weit höherem Maße von dieser Pflege der musikalischen Kultur abhängig als andere Länder. Das sollte uns bewusst sein.


Ganz Österreich ist ein Hütteldorf

3. Juni 2018

Kulturlandschaft – zersiedelt, zubetoniert, zerstört

Vielleicht sind es romantische Wunschträume und irreale Bilder, die man sich von der Schönheit der historisch gewachsenen Kulturlandschaft, wie sie einmal war, macht. Gewiss, die Städte waren von Mauern und Gräben, Wehrtürmen und häufig prunkvoll gestalteten Toren eingefasst, gotische oder barocke Bürgerhäuser gruppierten sich um einen Stadtplatz, der mit Kirche oder gar Kathedrale und Rathaus prunkte.
Die Dörfer waren Kleinode, die Bauernhöfe im alpinen, bajuwarischen oder fränkisch geprägten Stil. Und Burgen und Schlösser lagen wie Perlen verstreut im Lande. Soweit das idealisierte Bild der Vergangenheit. In Wahrheit allerdings stank es fürchterlich in den Städten, es gab keine Kanalisation, Fäkalienfässer standen vor den Häusern, Senkgruben und Plumpsklos dominierten diese unsere Kulturlandschaft bis weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Die Straßen und Gassen in den Dörfern waren morastige Löcher. Wenn es regnete, und es regnete immer, versank man im Schlamm. Aber wie auch immer, es war jedenfalls eine Kulturlandschaft. Eine Baukultur mit dem unverwechselbaren Stil der Alpen- und Donauländer, geprägt vom jeweils baulich-kulturellen Zeitgeist, von der Gotik, von der Romantik, dann vom Barock, Rokoko und so weiter.
Und heute, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die kaum von Kampfhandlungen, vielmehr vom Bombenterror der angloamerikanischen Luftangriffe hervorgerufen wurden und den noch viel schlimmeren Zerstörungen des Wiederaufbaus, des Wirtschaftswachstums und der Zeitgeist-Architektur heute sieht unser Land zwischen Bodensee und Neusiedler See zwar relativ wohlhabend und wohl auch sauberer als in früheren Zeiten aus, es ist aber zersiedelt und zubetoniert und die historisch gewachsene Kulturlandschaft ist weitgehend zerstört.
Angeblich sind es bis zu zwanzig Hektar, also die Fläche von dreißig Fußballfeldern, die täglich in Österreich zubetoniert und damit baulich versiegelt werden. Fläche, auf der man nie mehr etwas anbauen wird können, Fläche, die für die Nahrungsmittel- Produktion des Landes verloren gegangen ist.
Das Phänomen dabei ist, dass immer neue Gewerbe- und Industriehallen errichtet werden, während viele alte leer stehen und vor sich hin verrotten. Ebenso werden ständig neue Wohnblöcke und Satellitenstädte errichtet, während in den historischen Innenstädten Wohnraum ungenutzt leer steht und ebenso verkommt. Nun ist zwar die Wohnbevölkerung in Österreich wegen des Massenzustroms von Migranten zwischen zehn und zwanzig Prozent gewachsen und der höhere Bedarf an Wohnraum dürfte weitgehend darauf zurückzuführen sein, dennoch ist die Ausweitung von Wohnsiedlungen eine ungleich größere und man fragt sich, wer dies eigentlich benötigt.
Die Schaffung von zusätzlichem Wohnraum ist also nur durch die Zuwanderung begründbar. Dennoch werden die Speckgürtel rund um die großen Ballungszentren weiter zubetoniert und in Zeiten instabiler Börsen gilt „Betongold“, also die Investition in Wohnraum, nach wie vor als lukratives Geschäft. Was hier an Bauten entsteht, der Stil, in dem gebaut wird, ist allerdings seit Jahren von einem platten architektonischen Utilitarismus geprägt. Zunehmend prägen Betonkisten mit Stahl-Glas-Fassaden das Bild von Vorstädten und Zwischenräumen zwischen den Ballungsräumen. Parallel zur Verödung des ländlichen Raumes entstehen in den Ballungsräumen Satellitenstädte ohne Struktur und ohne Plan, wird die Landschaft zersiedelt, ohne dass dabei auch jene Faktoren entstehen, die menschliche Gemeinschaft eben nötig hat, nämlich Dorfplätze, Gasthäuser, Kirchen, Zentren und menschliche Treffpunkte. Das Bild der österreichischen Kulturlandschaft, das solcherart entstanden ist, ist von Widersprüchlichkeit, Konzept- und Geschmacklosigkeit geprägt. Da haben wir einerseits die historisch gewachsenen städtischen und dörflichen Strukturen, die allerdings häufig nach den Kriegszerstörungen durch einen allzu billigen und allzu pseudomodernen Wiederaufbau ergänzt wurden. Und dazu gibt es Wohnsiedlungen mit einem kunterbunten Chaos von Baustilen: Da gibt es Architektenvillen aus der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Sie sind aber – leider – die Ausnahme.
Dann gibt es Häuser im Lederhosenstil mit alpin bemühten Walmdächer. Dazwischen Bungalows im Stil der 70er- und 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und nunmehr zunehmend Bauten mit Flachdächern und sich selbst als „Niedrig-Energie-Häuser“ stilisierende Zündholzschachteln. Und all dies ohne eine erkennbar sinnvolle Flächenwidmung, ohne dass dörfliche Strukturen entwikkelt werden und ohne städtebauliche Gesamtkonzeption.
Ganz Österreich ist also Hütteldorf. Nun prägen Bauten das Land, die zwischen San Francisco und Wladiwostok weltweit ähnlich ausschauen. Die agierenden Architekten sind Konformisten, wie man sie kaum in einem anderen Bereich findet. Ursächlich waren einmal die gewaltigen Kriegszerstörungen: Wer sich Städte wie Wiener Neustadt, Villach oder Knittelfeld ansieht, die am stärksten vom Bombenterror betroffen waren und die stärksten Zerstörungen aufzuweisen hatten, der weiß, dass die Verletzungen bis heute nicht wirklich vernarbt sind. Die Erfordernisse eines auf das Existenzminimum reduzierten Wiederaufbaus vom Wohnraum haben in den unmittelbaren Nachkriegsjahren keine sehr schöne neue Bausubstanz geschaffen.
Das danach kommende Wirtschaftswunder in den 50er- und 60er-Jahren hat für Kaufhausketten und Banken Platz gemacht, die zwar dann häufig mit teureren Materialien, deswegen aber keineswegs geschmackvoller gebaut haben. Der österreichische Denkmalschutz, der einen historisch authentischen Wiederaufbau auch weitgehend verhindert hat, tat ein Übriges. Erneuerte historische Stadtkerne, wie sie etwa in Polen in Städten wie Breslau in einer zweiten Wiederaufbauphase völlig historisch getreu renoviert wurden, gab und gibt es in Österreich nicht. Wer wie der Kärntner Uhrenproduzent Riedl etwa eine historische Burg sanieren und restaurieren will – im konkreten Fall etwa die Ruine Taggenbrunn bei St. Veit –, der darf zwar einen Glasbeton-Kobel in das gotische Gemäuer stellen, dieses aber historisch getreu wiederaufzubauen, ist ihm untersagt.
Ein weiterer destruktiver Faktor für Österreichs Kulturlandschaft ist der Massentourismus. Was zwischen Bergen und Seen da in den letzten Jahrzehnten gebaut wurde, ist ebenso ein bedauerlicher Beitrag zur Verschandelung des Landes. Der Klimawandel in den Alpen, die überbordende Vielzahl von Liftbauten und Skipisten und die für den Tourismus vermeintlich erforderlichen Hotelbauten und Apartment-Häuser zerstören die alpine Naturlandschaft.
Insgesamt ist Österreich nach wie vor ein schönes Land. Die Verbauung und das Zubetonieren habe aber eine Dimension angenommen, die dringend gestoppt gehört. Bodenrecycling wäre angesagt, um den Raubbau der vergangenen Jahrzehnte umzudrehen. Und gleichzeitig ginge es um eine Revitalisierung der historischen Alt- und Innenstädte, um den grenzenlosen Neubau sinnloser Satellitenstädte und hässlicher Massenwohnsiedlungen unnötig zu machen. Wohnungsleerstände gehören aufgelöst, was wohl auch mit einem Mietrecht zu tun hat, das eindeutig nachteilig für die Hauseigentümer ist und spätsozialistischen Vorstellungen folgt.
Österreichs Kapital als Tourismusland ist eine unzerstörte Naturlandschaft. Sie gilt es zu erhalten, beziehungsweise wieder herzustellen. Österreichs Kapital als Kulturnation ist eine historisch gewachsene, liebevoll gepflegte und erweiterte Kulturlandschaft und ein niveauvoller Städtebau. Hier gilt es, die historische Substanz zu erhalten und zu revitalisieren und zeitgenössische Erneuerungen von einem platten und allzu häufig wechselnden Zeitgeist zu befreien. Dies wären die Erfordernisse! Allein die Hoffnung auf ihre Realisierung ist gering.


Kickl – der „Dichtmacher“, den Österreich braucht

1. Juni 2018

Dass er als langjähriger Stratege und Wahlkampfexperte der Freiheitlichen in der Oppositionszeit ein politisches Schwergewicht waren, wissen wir. Dass er dies nunmehr als Innenminister der Republik in zunehmendem Maße wird, hat ihm bei Amtsantritt vielleicht nicht jeder zugetraut.
Tatsächlich aber mausert sich Herbert Kickl, freiheitlicher Bundesminister für Inneres der Republik Österreich, zunehmend zum Schwergewicht in der neuen Mitte-Rechts-Regierung. Böse Zungen haben beim Regierungsantritt gemunkelt, mit dem dreitagebärtigen Radentheiner gelangte ein politischer Typus vom Format eines Joseph Fouché, französischer Innenminister unter Napoleon und später auch unter Ludwig XVIII., in das österreichische Innenministerium.
Indessen müssen selbst Skeptiker und Kritiker erkennen, dass mit Kickl ein kompromissloser Law-and Order-Politiker ins Amt gelangte, der die programmatischen Ansagen seiner Partei und die Wahlversprechen ernst nimmt und gewillt ist, auch umzusetzen.
Gewiss, der Aufbau einer Grenzschutztruppe von 500 bis 600 Mann, die Einführung von berittener Polizei mag man als Politik mit Signalcharakter kritisieren, aber schon die wesentlich gestiegene Zahl an Abschiebungen illegaler Zuwanderer und abgewiesener Asylsuchender zeigen, dass hier einer ist, der es ernst meint. Und nun, da ein neuer „Flüchtlings“-Strom über eine verlagerte Balkanroute, die bei illegalen Einwanderern immer populärer werdende „Albanienroute“, droht, verspricht der freiheitliche Innenminister den Österreichern, dass die Grenzen wirklich dicht gemacht würden, wenn dieser Strom käme. Er wolle mit den Innenministern der benachbarten Balkanstaaten entsprechende Abkommen paktieren, um, wie er ankündigte, einen möglichen neuen „Flüchtlings“-Strom von Beginn an zu stoppen. Eine Wiederholung der Bilder des Jahres 2015 soll somit unbedingt verhindert werden.
Tatsächlich ist ja jeder neue Asylsuchende, der ins Land kommt, einer zu viel. Nahezu 90.000 Asylanträge gab es bekanntlich im Jahre 2015 und immerhin noch rund 25.000 waren es im Jahr 2017, eine Zahl die heuer wieder sprunghaft steigen könnte, wenn wir die Grenzen nicht tatsächlich dicht machen. Nach geltendem Recht haben Asylsuchende ja diesen im ersten EU-Staat, den sie betreten, abzugeben, und das kann mit Sicherheit nicht Österreich sein. Ein illegaler Grenzübertritt ist nach wie vor strafbar, wenn man dies auch 2015 von Behördenseite und von der Regierung offenbar vergessen hat.
Herbert Kickl traut man diesbezüglich eine konsequente Politik zu und die Versuche, ihn mittels einer bis zum heutigen Tag nicht völlig durchschaubaren Intrige im Bereich des Staatsschutzamtes anzupatzen beziehungsweise seine engsten Mitarbeiter vom Generalsekretär des Innenministeriums abwärts dadurch zu diskreditieren, erweisen sich zunehmend auch als Hornberger Schießen.
Sogar die Rückkehr des zwielichtigen Chefs des BVT ins Amt nach der Aufhebung seiner Suspendierung wird vom Innenminister mit professioneller Nonchalance behandelt, obwohl das für ihn sicherlich keine ganz leichte Situation darstellt. Wichtig ist, dass er damit die freiheitliche Regierungsfähigkeit und die redliche Umsetzung der Wahlversprechen demonstriert. Und damit wurde Herbert Kickl innerhalb weniger Monate zu einer wohl tragendsten Säulen der freiheitlichen Regierungsbeteiligung neben Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Infrastrukturminister Norbert Hofer. Jene, die ihn noch vor wenigen Jahren als Redenschreiber Jörg Haiders und politischen G’stanzl-Poeten abgetan hatten, dürften da einiges zu Kauen haben.
Weiter so, Herbert Kickl!


Österreichs „liebe“ Nachbarn

19. Mai 2018

Umzingelt von „Tschuschen“, „Piefkes“ und „Katzelmachern“ – was tun?

Im Leben der Völker ist es offenbar ähnlich wie in jenem der menschlichen Individuen: Die meisten Morde gibt es innerhalb der Familie, den größten Hass in der Nachbarschaft. Und tatsächlich ist die europäische Geschichte voll von Erbfeindschaften, die vor allem und zuallererst unter Nachbarn gepflogen werden. Da war zuallererst die legendäre deutsch-französische Erbfeindschaft, dann natürlich – noch viel älter – der auf den Hundertjährigen Krieg zurückgehende Hass zwischen Franzosen und Briten, dann die Aversion zwischen Deutschen und Polen. Und so ließe sich die Liste allein für die europäischen Völker nahezu endlos fortsetzen.
Was unser kleines heutiges Österreich betrifft, so ist dies umso skurriler, da die meisten Nachbarn, mit denen uns über lange Generationen solche Erbfeindschaften verbanden, zumeist über Jahrhunderte auch im selben Staatsverband lebten. Es war also dieser Nachbarschaftshass und es waren die damit verbunden Vorurteile häufig auch eine gewisse Form von Selbsthass, der vielleicht aus dem Nationalitätenstreit der letzten Jahrzehnte der Habsburger Monarchie herrührte. Gewiss trifft dies für den Gegensatz zwischen Deutschen und Slawen innerhalb der Habsburger Monarchie zu, aber auch auf den Antagonismus zwischen Magyaren und österreichischen Cisleithaniern. Und ähnlich verhält es sich bei den Italienern, die zumindest, was Oberitalien betrifft, ebenso lange unter der Herrschaft Österreichs lebten. Und besonders skurril ist es natürlich, wenn es sich um die „Piefkes“ handelt, die über fast ein Jahrtausend innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit uns ein gemeinsames Staatswesen teilten.
Aber der Reihe nach: Neben den ganz realen Formen des Selbsthasses, der innerösterreichischen Vorurteilspflege, wie sie etwa die hauptstädtischen Wiener gegenüber den „Provinzlern“ hegen oder letztere umgekehrt gegenüber den „Wiener Bazis“, ist es schon die bemerkenswerte Aversion der Österreicher gegenüber den benachbarten Ausländern, die bis vor ein, zwei Generationen – vielleicht auch heute noch? – die spezielle Form der austriakischen Xenophobie ausmachte. Die „Deitschn“ beispielsweise oder die „Piefkes“, wie man so schön sagt, sie sprechen zwar dieselbe Sprache, sie waren und sind in vielerlei Hinsicht das große Vorbild für das kleine Österreich. Und zumindest bis 1938 wollten sich nahezu alle Österreicher unbedingt und mit heißem Herzen an sie anschließen! Und heute? Heute ist die Aversion gegen die „Piefkes“ die einzig tolerierte Form von Xenophobie, die es in Österreich gibt. Alles andere ist politisch korrekt tabuisiert und geächtet. Aber das, was für den Bayern der „Saupreiß“ war und ist, ist bis in unsere Tage der „Piefke“ oder „Scheipi“ (=Scheiß Piefke) für den Alpenrepublikaner. Ein unverbesserlicher „Besserwessi“, einer, der schon in den düsteren Tagen der NS-Despotie den „schlappen Ostmärkern“ zeigen wollte, was eine Harke ist. Und der heute noch durch unangenehme Rechthaberei auffällt, wobei das besonders Widerliche an ihm ist, dass er meistens tatsächlich recht hat. Und der natürlich tüchtiger, fleißiger und erfolgreicher ist als die schlampigen Österreicher.
In der Zwischenkriegszeit waren wir die besseren Deutschen, davor waren wir gar Vormacht in Deutschland und noch viel weiter davor waren wir eben Grenzland, Grenzmark, Ostmark für die Deutschen. Und wenn man es auch postmodern zeitgeistig nicht glauben mag, ist es auch kein Zufall, dass wir Deutsch sprechen. Und zwar in Form des Burgtheaterdeutsch, eine der edelsten Ausprägungen dieser Sprache, weil wir nämlich schlicht und einfach ethnisch und kulturell zu 90 Prozent – noch – eben Deutsche sind. Aber nachdem wir Ludwig van Beethoven als Österreicher betrachten und Adolf den Braunauer als deutschen Despoten, wollen wir das verständlicherweise nicht so gerne hören.
Dann sind da die „Katzelmacher“ oder die „Walschen“, wie der Tiroler guttural zu sagen pflegt. Sie galten noch vor ein, zwei Generationen als jene, die uns die Autos stehlen, die uns am Markt von Tarvis Milano Synthetics als Lederjacken verhökern und gepanschten Wein ausschenkten. Überdies waren sie jene, die uns Südtirol geraubt haben, das Kanaltal samt Tarviser Markt und Lussari-Berg. Und sie haben uns natürlich in zwei Weltkriegen verraten, sind überhaupt Gauner und Mafiosi.
So war es einmal. Indessen ist natürlich längst die allgemeine und gesamtumfassende Italophilie ausgebrochen. Jeder Bildungsbürger besucht die Biennale und schlürft Sangiovese, gibt sich die weiße Alba-Trüffel und Capelunge und selbst das gemeine Volk aus Ottakring und Simmering, aus Kapfenberg und Fohnsdorf schlürft Suave und Chianti-Wein. Der Karneval in Venedig gehört zum Pflichtprogramm und den Samstagvormittag verbringt man zwischen Shopping und Cappuccino in Udine oder Triest. Die eigenen Söhne heißen längst nicht mehr Hans oder Franz, sondern Sandro und Mario und italienische Lebensart ist schlicht und einfach erstrebenswert, trotz Lega Nord und Silvio Berlusconi. Mit den Italienern haben wir uns also ausgesöhnt und das so richtig gründlich.
„I has Kolaric, du hast Kolaric, warum sagens zu dir Tschusch?“, so konnte man in den 70er Jahren auf Plakatwänden lesen. Der „Tschusch“ oder „Jugo“ hat sich längst ausdifferenziert, man ist Mitglied der serbischen Community oder der kroatischen, ist karrierebeflissener Slowene oder slowakische Rund-um-die-Uhr-Pflegerin. Als Feindbild – die haben unseren Thronfolger Franz Ferdinand erschossen – will er auch nicht mehr so recht taugen.
Seit der Slawe dem makronationalistischen Panslawismus abgeschworen hat und in mikronationalistische Kleinräumigkeit in die Balkan-Duodez-Fürstentümer geflüchtet ist, ist er uns längst ein zwar schrulliger, doch liebenswerter Nachbar geworden. Und am liebenswertesten ist er dann, wenn er einer in Österreich beheimateten serbischen-kroatischen-slowenischen oder wie auch immer balkanischen Community angehört, die man für sich und die eigene Partei als Wahlvolk lukrieren kann. Da beschwört man dann als österreichischer Politiker die Schlacht am Amselfeld, brüstet sich mit der entfernten Bekanntschaft mit dem General Zagorec oder singt als Bass-Bariton in einem Kärntner Chor das eine oder andere slowenische Lied’l.
Und überhaupt, warum hat es Slowenien im Jahre 1990 nicht geschafft, das zehnte österreichische Bundesland zu werden, oder die Slowakei, oder noch besser Kroatien mit seiner schönen dalmatinischen Küste? Nachdem aber etatistisches Denken und nationales Besitzstandsstreben ohnedies der Vergangenheit angehören, ist es ja völlig gleichgültig. Einen Luxus-Bungalow in dem Ferienwohnungskomplex, den die Kärntner Hypo im kroatischen Savudrija finanziert hat, ein Apartment in Portopiccolo nahe Triest, oder zumindest ein Kuraufenthalt in einer slowenischen oder kroatischen Therme ist allemal möglich, auch wenn das betreffende Territorium nicht unter österreichischem Hoheitszeichen
firmiert.
Und so werden die bis vor kurzem bösartig abwertend als „Tschuschen“ abgetanen Nachbarn zu einem ebenso liebenswerten Teil eines kulturellen Großraums, der sich in erster Linie durch Kulinarik, Kurzreisen, Weinverkostungen und Billigspirituosen definiert. Dass das Ganze im übergeordneten politischen Sinne noch durch das Phänomen der Visegrád-Staaten eine andere Bedeutung gewinnt, kümmert uns kaum. Kurioserweise sammeln sich dort jene politischen Kräfte Europas, die noch Europäer bleiben und keine türkischen, syrischen oder afghanischen Townships haben wollen. So wurde der einst als „Tschusch“ abgewertete Nachbar zum heldenhaften abendländischen Kämpfer gegen die Islamisierung. Der Polenkönig Johann Sobieski – oder ist es einer der beiden Kaczynski-Zwillinge? – als Schutzpatron der Kreuzritter gegen den Islam.
Nach „Piefkes“, „Katzelmachern“ und „Tschuschen“ bleibt nicht viel in der historisch gewachsenen Vorurteilslandschaft der Österreicher. Die Tschechen, im Wiener Volksmund auch nicht gerade lobpreisend als „Behm“ bezeichnet, geben nicht viel als Feindbild her, allzumal die Wiener ja selbst zum guten Teil tschechische Vorfahren haben. Die Ungarn als Widerpart in der k. u. k. Doppelmonarchie oder als Flüchtlinge von 1956 und heute als Orbán-Jünger gereichen den Österreichern weder zum Feindbild noch zum Vorbild in puncto Lebensart. Puszta, Plattensee und Budapest, Csárdás und Zigeunerprimas und – für die Gebildeten – das eine oder andere Gedicht von Nikolaus Lenau. Das war es aber auch schon.
Ja und im Westen unsere Nachbarn aus der Schweiz? Käsebohrer und Fremdwährungskredit–Profiteure! Das war es aber auch schon.
Soweit die alten Vorurteile und jene für den Österreicher offenbar typische negative Beurteilung all seiner Mitmenschen, wie sie bei Karl Kraus in den letzten Tagen der Menschen deutlich wird: Jedem Russ a Schuss, jedem Franzos an Stoß, jedem Brit an Tritt, Indien muss verschwindien, Serbien muss Sterbien, Sibieren muss erfrieren!
Irgendwo aber scheint es so, als hätte sich diese ressentimentgeladene Grundstimmung des Homo Austriacus in den letzten Jahren und Jahrzehnten im Hinblick auf die neuen Generationen gewandelt. Xenophilie gehört ja zum politisch korrekten Pflichtprogramm und ist zweifellos dort wirklich sinnvoll, wo es Nachbarn betrifft und nicht massenhafte Zuwanderung. Und wenn diese Nachbarn dann zunehmend Ziel von Wochenendausflügen, kulinarischen Reisen und Kulturtrips werden, ist mit den alten Ressentiments schon gar nichts mehr anzufangen. Der alte Spruch, wonach der Deutsche – in unserem Fall der Österreicher – alles Fremde hasse, es sei denn, es ließe sich trinken, ist also tatsächlich überholt und Vergangenheit. Im Gegenteil: Historische Gemeinsamkeiten, kulturelle Überschneidungen und soziologische Mixturen, wie wir sie aus den Jahrzehnten und Jahrhunderten der Habsburger Monarchie kannten, gewinnen eine neue Dimension, bewirken eine neues groß-regionales Lebensgefühl in Mitteleuropa rund um Österreich und eröffnen uns in diesem Teilbereich eine tatsächliche europäische Perspektive.
Gerade in Kenntnis der alten Vorurteile und der historisch gewachsenen Aversionen unter den Nachbarn, Aversionen, die immerhin zum Massensterben wie etwa in den Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs führten, hat das Wachsen dieses gut-nachbarlichen Lebensgefühls und der relativ jungen Sympathie für die Nachbarvölker irgendwo den Charakter einer kulturellen Evolution angenommen. Einer Evolution, die tatsächlich die Hoffnung aufkommen lässt, dass der Mensch – in unserem Fall eben auch der Homo Austriacus – lernfähig ist und sich zum Guten entwickelt.
Dass seit geraumer Zeit auch die politische Linke im Land in der Lage ist, die engen Bindungen zum benachbarten großen Deutschland als positiv zu empfinden und nicht als verdecktes Anschlussstreben definiert, ist in diesem Zusammenhang auch positiv. Natürlich liegt es darin, dass beispielsweise Österreichs Grüne in der erfolgreichen Grünbewegung in der benachbarten Bundesrepublik ein Vorbild sehen. Es liegt auch darin begründet, dass die heimische Sozialdemokratie historisch bedingt noch immer in der deutschen Sozialdemokratie – so sehr sie derzeit auch am Boden liegen mag – ein Vorbild sieht. Und es mag auch dadurch begründet sein, dass österreichische Gutmenschen in der bundesdeutschen Willkommenskultur die schönsten Ausformungen der Political Correctness zu sehen glauben. Tatsache aber bleibt, dass das, was man früher den rechten und nationalen Kräften in Österreich vorgeworfen hat, dass sie nämlich stets nach Deutschland schielen würden, nunmehr von der linken Seite durchaus positiv aufgenommen wurde.
Umgekehrt ist es ein Phänomen, dass das konservative, auch das nationalfreiheitliche Potential im Lande plötzlich nach Osten ins historisch gewachsene Mitteleuropa blickt und sich den Visegrád-Staaten annähern will. Nachbarn wie die Tschechen, die man früher wegen der Benes-Dekrete gegeißelt hat, oder auch die Slowenen mit ihren AVNOJ-Beschlüssen werden damit zu begehrten Partnern, denen man kluge politische Haltung, etwa in Sachen Zuwanderungspolitik attestiert. Solcherart vermag man an historisch gewachsene kulturelle und politischen Bindungen anzuschließen, wie wir sie aus der alten Monarchie eben kannten.
All das stellt einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die österreichische Position in geopolitischen Umfeld in Mitteleuropa dar: Dieses Beziehungsgeflecht ist von anderen und positiven Emotionen der Bevölkerung begleitet. Man schätzt die Nachbarn, Konfliktpotentiale werden historisiert, ein neues Miteinander entsteht und ein positives Aufeinanderzugehen, nun sind die Nachbarn tatsächlich „liebe Nachbarn“. Wenn das nicht erfreulich ist…