Götter­dämmerung

11. August 2022

Vom Herrenmenschen zum alten Weißen Mann

Als die Herren der Welt konnten sich die Europäer im 19. Jahrhundert, in jener Periode des Imperialismus, mit Fug und Recht fühlen. Alle europäischen Nationen, die Briten, Franzosen, Italiener, Portugiesen, Spanier und auch die Holländer verfügten über ein Kolonialreich. Die Deutschen, jene zu spät gekommene Nation, konnte sich ein spätes Kolonialreich erkämpfen. Naturgemäß unter hass-
erfüllter Konkurrenz mit den alten Kolonialmächten, den Briten und Franzosen.
Der weiße Mann, der Europäer also, beherrschte die Welt und das Bild dieser Welt, das Bild der Geschichte war eines, in dem Europa im Mittelpunkt stand. Man versuchte, die Welt und die Weltgeschichte also nur mittels eines eurozentrischen Weltbildes zu verstehen. Europäische Sitten und Gebräuche, all jene Errungenschaften zivilisatorischer Natur, auf die sich die Europäer so viel zugute hielten, wurden weltweit kopiert: Europäische Kleidung, europäische Staatsformen, europäisches Essen, all dies übernahm weltweit die Dominanz.
Und selbstverständlich herrschte bei den Europäern selbst die feste Überzeugung, in den von ihnen beherrschten Territorien den dort lebenden Menschen, den Eingeborenen also, auch Gutes zu tun, indem man ihnen das Christentum aufzwang und den europäischen Lebensstil. Und klarerweise nahm sich der weiße Mann gleichzeitig das Recht heraus, diese von ihm Beherrschten auch auszubeuten. In archaischen Zeiten geschah dies noch in Form der Sklaverei, später dann durch die unbeschränkte Nutzung der Rohstoffe und der Arbeitskraft der Kolonialvölker.
Den ideengeschichtlichen Hintergrund dieser Entwicklung bildete der Sozialdarwinismus und das Denken in rassischen Kategorien, Nietzsches Thesen über das Herrenmenschentum, die Auslassungen des Grafen Gobineau, Chamberlains Mythos des 20. Jahrhunderts und ähnliche Werke.
Die Europäer fühlten sich also als Herrenmenschen und tatsächlich beherrschten sie die Welt auch wirklich. Bei aller innereuropäischen Konkurrenz einte sie dieses Denken trotzdem. Deutlich wurde dies bei gemeinsamen imperialistischen Unternehmungen wie etwa jene, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Falle des chinesischen Boxersaufstands durchgeführt wurde. Ein Aufbegehren gegen die europäische Dominanz und die Weltherrschaft der Kolonialmächte wurde nicht wirklich geduldet Die damals jungen Vereinigten Staaten von Amerika galten gewissermaßen als Ableger Europas. Nur Japan vermochte sich dem Zugriff Europäer zu entziehen, indem es das zaristische Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts militärisch besiegte.
Und dann kam die Epoche der beiden Weltkriege, die auch so etwas wie ein europäischer Bürgerkrieg waren. Darauf folgte das Ende der alten Kolonialreiche und die Teilung der Welt in einen westlichen und einen östlichen Einflussbereich. Die europäischen Flügelmächte, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion, übernahmen die Weltherrschaft. Beides waren ursprünglich auch Staatsgebilde, die vom weißen Mann dominiert waren, die US-Amerikaner als Kinder des britischen Weltreichs und die Sowjetunion als ein Imperium, das von den europäischen Russen beherrscht wurde.
Die mühsame europäische Integration nach dem Krieg konnte sich erst nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts und Sowjetrusslands gesamteuropäisch entfalten. Zwar wurde die Europäische Union zu einem der größten Wirtschaftsräume des Planeten, machtpolitisch aber standen die Europäer weiterhin im Schatten der USA. Parallel dazu kam es zum Aufstieg Chinas, das zum Konkurrenten der einzig verbliebenen Supermacht USA werden sollte. Während sich also mit Beginn des 21. Jahrhundert so etwas wie eine multipolare Weltordnung abzeichnete, scheint das alte Europa, dessen Einigung nach wie vor nicht vollendet ist, im Abstieg begriffen zu sein. Und mit ihm offenbar der weiße Mann insgesamt.
Das liegt zuallererst wohl an der Tatsache, dass sowohl die Vereinigten Staaten von Amerika als auch die Europäische Union nur mehr bedingt als weiße Staaten angesehen werden können. Die Massenzuwanderung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben aus den meisten europäischen Staaten längst multiethnische und multikulturelle Gebilde gemacht. Und in den USA ist es die Zuwanderung aus dem lateinamerikanischen Bereich und das starke Anwachsen der afroamerikanischen Bevölkerung, was die weiße Dominanz grundlegend in Frage stellt.
Darüber hinaus gibt es im metapolitischen Bereich Entwicklungen, die die Dominanz des weißen Mannes als überholt, wenn nicht gar als verbrecherisch darstellen. All die politisch korrekten Modeerscheinung die in den vergangenen Jahren im Zuge der political correctness weltweit zum Tragen gekommen sind, wie etwa „Black Lives Matters“ oder „Wokeness“, haben indessen den sogenannten „alten weißen Mann“ zum zentralen Übeltäter der Weltgeschichte gemacht. Aus dem einstigen europäischen Herrenmenschen ist der böse „weiße alte Mann“ geworden.
In einer Welt, in der die machtpolitische und kulturelle Dominanz Europas längst außer Kraft ist, in dieser Welt ist naturgemäß auch unser altes eurozentrisches Weltbild hinfällig. Zwar sind es weiterhin die zivilisatorischen Standards Europas, die weltweit gelebt werden, selbst chinesische Kommunisten, afrikanischen Stammeshäuptlinge und lateinamerikanische Revolutionäre tragen europäische Anzüge und englisches Schuhwerk, Mercedes, BMW und Audi finden sich in den Fuhrparks aller Staatskanzleien quer über den Planeten. Und Englisch ist unangefochten weltweit Lingua Franca.
Machtpolitisch aber ist Europa längst in die zweite Liga abgestiegen und kulturell spielt es nur mehr eine geringfügige Rolle. All die positiven Errungenschaften, die der weiße Mann in Wissenschaft, Kultur aber auch in staatspolitischer Hinsicht, etwa in Sachen Demokratie, für die Menschen geleistet hast, sie sind offenbar nicht mehr sonderlich wichtig. Dass der Zustand des Planeten und auch die Sorge um die Zukunft desselben noch immer in jenen Breiten am besten und am intensivsten ist, die vom ach so bösen weißen Mann bewohnt und gestaltet werden, ist offenbar auch nur mehr von untergeordneter Bedeutung.
Dieser Abstieg der weißen europäischen Völker im globalen Geschehen wird aber auch durch eigenes Verschulden der Menschen auf dem alten Kontinent mit verursacht. Es sind nicht nur politisch korrekte Modeerscheinungen, die mittels political correctness aus den USA importiert werden, es ist auch eine zunehmende Dekadenz der europäischen Gesellschaft, die für diesen Abstieg mitverantwortlich ist. Insbesondere in West- und Mitteleuropa, also auch in Deutschland und in Österreich hat sich eine kinderlose überalterte Gesellschaft zunehmend dem Hedonismus und der individuellen Selbstverwirklichung verschrieben. Dem entspricht auch die Abkehr der meisten europäischen Völker vom historisch gewachsenen Christentum. Ausnahmen bilden dabei wohl nur die ostmitteleuropäischen Nationen in den Visegrad-Staaten.
Hand in Hand geht diese zunehmende Krise der europäischen Gesellschaft mit dem nicht zu übersehenden Unwillen, das eigene Gemeinwesen, also das jeweils eigene Volk zu verteidigen. Gerade in Zeiten des Ukrainekrieges wird deutlich, dass Europa selbst längst nicht mehr in der Lage wäre, sich zu verteidigen. Dies bedingt einmal mehr eine Unterordnung der europäischen Sicherheitspolitik unter den Nordatlantikpakt und die Führung der USA. Dementsprechend gering ist das machtpolitische Gewicht der Europäer im globalen Machtgefüge. Und dieses Europa ist eben nach wie vor jener Kontinent, dem der weiße Mann entstammt.
Wenn sich also die Europäer einst als Herrenmenschen, gewissermaßen als Halbgötter auf diesem Planeten gefühlt haben mochten, dann hat für sie längst die kulturelle und politische Götterdämmerung stattgefunden. Aus diesen Herrenmenschen sind also missachtete dekadente Jammergestalten geworden, die sich global als Ziel des gegenwärtig grassierenden antiweißen Rassismus der allgemeinen Missachtung preisgegeben sehen.


Arbeit adelt!

30. Juni 2022

Über Arbeitsethos, Müßiggang und den Sinn des Lebens

Es war vor langen Jahren, noch in den Tagen des untergegangenen Tito-Jugoslawien, als der Autor dieser Zeilen in der untersteirischen, heute slowenischen Stadt Pettau/Ptui auf einem alten deutschen Bürgerhaus eine verwitterte Vignette mit einer Aufschrift entdeckte. Dort stand geschrieben: „Arbeit adelt, Bildung macht frei“. Im Gegensatz zum zynisch-mörderischen Ausspruch „Arbeit macht frei“, wie er in den dunklen Tagen der NS-Despotie auf den Toren diverser Konzentrationslager abgebildet war, bedeutete dieser Spruch im untersteirischen Pettau offenbar wirklich das Lebensmotto der seinerzeit dort lebenden Bildungsbürger.
Arbeit soll also adeln, soll dem Leben einen höheren Sinn und dem Menschen eine höhere Wertigkeit geben, wenn man diesem Spruch folgt. Und in der Tat scheint es ja so zu sein in unserer Leistungsgesellschaft. Die Arbeit, die der jeweilige Mensch in seinem Leben ausübt, die Karriere, die er macht, die berufliche Bedeutung, die er sich erkämpft, sind wesentlich für seinen gesellschaftlichen Status, für sein Ansehen unter seinen Mitmenschen.
Umgekehrt ist derjenige, der keine Arbeit hat, der nichts für die Gemeinschaft leistet, der Arbeitslose, der Veränderungs-Verlierer, der „Sozialschmarotzer“ im schlimmsten Falle gewissermaßen ein wertloses Mitglied der Gesellschaft. Er verfügt über keinerlei sozialen Status, gilt als Außenseiter, ja als Sozialfall, der von den staatlichen Transferleistungen oder den Almosen seiner Mitmenschen abhängig ist. Diese soziale Stigmatisierung gilt sogar für vermögende Müßiggänger, für reiche Menschen, die es nicht notwendig haben zu arbeiten. Auch sie gelten gewissermaßen als gesellschaftlich wertlos, wenn sie nicht einen Beruf ausüben und wenn sie nicht danach streben, Karriere zu machen. Wer da heutzutage sein Leben nur als „Erbe“ fristet, vermag wenig öffentliche Anerkennung für sich zu verbuchen. Goethes Spruch „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“, gilt also relativ unbeschränkt auch in unseren Tagen!
Das war nicht immer so. Das antike Ideal des Phäaken-Lebens und jenes der Romantik, wonach der fröhliche Taugenichts, der edle Müßiggänger, sein Leben nur der Freude, dem Spiel und dem Genuss widmet, war auch in verschiedenen Phasen der Geschichte gesellschaftlich anerkannt und erstrebenswert. Auch in archaischen Krieger-Gesellschaften war es so, dass der Aristokrat, der Ritter, der Kämpe, sein Leben nur dem Kampf und der entsprechenden Ausbildung widmete und Arbeit, allzumal körperliche Handarbeit, verachtete. Arbeit war die Aufgabe von Sklaven und Leibeigenen. Und sogar die geistige Arbeit, etwa in der altrömischen Gesellschaft, blieb griechischen Haussklaven vorbehalten, der freie Römer widmete sich allenfalls den Staatsgeschäften und dem Krieg.
Müßiggang jedenfalls war allenfalls der Oberschicht, der Aristokratie oder in späterer Folge dem Großbürgertum vorbehalten. Und solcher Müßiggang wurde nur akzeptiert, wenn er mit kultivierter, gehobener Lebensweise verbunden war und der Repräsentation oder der Pflege entsprechender Standesusancen diente. Der Fürst, der Bildungsbürger, der Gutsherr, sie verrichteten keine Arbeit, sie hatten allenfalls Pflichten und Verpflichtungen, die ihnen hier Stand auferlegte.
Dies änderte sich eigentlich grundlegend erst mit dem Anbruch der Neuzeit. Insbesondere der Calvinismus mit seiner Prädestinationenlehre begründete ein Arbeitsethos, wie wir es bis in unsere Zeit kultivieren. An die Stelle barocker katholischer Lebensfreude trat protestantische Nüchternheit und eben calvinistische Arbeitsbeflissenheit. Wie es der Klassiker formulierte: „Glücklich ist, wem die Pflicht zur Neigung wird“. Da wurde postuliert, dass ein arbeitsames Leben Christenpflicht sei und dass man die einem auferlegte Pflicht möglichst auch mit Freude akzeptieren müsse. Und das natürlich im Rahmen jenes Standes, in welchen man hineingeboren wurde, ohne die Schranken desselben verlassen zu wollen. Erst nach und nach kam der Gedanke auf, dass man durch Arbeit, durch Pflichterfüllung und Leistung auch gesellschaftlich aufsteigen und Standesschranken überwinden könnte. Erst daraus ergab sich dann jenes Motto, das eingangs zitierte wurde: „Arbeit adelt, Bildung macht frei“.
Dieses ursprünglich calvinistische Arbeitsethos wurde dann im Laufe der letzten Jahrhunderte in weiten Bereichen in einem so hohen Maße übersteigert, dass es zum eigentlichen Lebenszweck hochstilisiert wird, nur bearbeitet hat ein wertvolles Leben hat einen Lebenssinn gefunden. Und in manchen Nationen, insbesondere auch bei den Deutschen, wurde Arbeitsmoral zum eigentlich wertvollsten Charakteristikum des Einzelmenschen, aber auch der Gesellschaft. Und nicht nur unter den Deutschen galt dieser Grundsatz. Auch in Frankreich beispielsweise sprach der seinerzeitige Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy, er stehe für das Frankreich, das früh aufstehe, also für jene Franzosen, die tüchtig, leistungsbereit und arbeitsam seien. Diese Maxime wurde zweifellos zur Grundlage für die modernen leistungsorientierten Industriegesellschaften. Der Exportweltmeister unserer Tage, also die Bundesrepublik Deutschland, ist ohne diese Grundeinstellung der arbeitenden Bevölkerung nicht denkbar. Im Sozialstaat aber erweist sich die Problematik dieser Grundhaltung: Einerseits ist dieser nur durch ein hohes Arbeitsethos der leistungsbereiten Bevölkerung finanzierbar, andererseits aber finanziert er genau jenen Teil der Gesellschaft, der diesem Arbeitsethos nicht entspricht. Freiwillig oder unfreiwillig ist es eben der Müßiggang, der im Sozialstaat durch eine leistungsorientierte Gesellschaft mitfinanziert wird.
Und in diesem Zusammenhang wirft sich auch die Frage des Lebenszwecks und des Lebenssinns auf. Haben Menschen ohne Arbeit keinen Lebenssinn, können sie ihrem Dasein nicht auch ohne Arbeitsleistung höhere Wertigkeit verleihen? Außer Zweifel steht, dass der edle Müßiggänger, der sein Leben der Kunst, dem Edlen, Wahren und Schönem, der Literatur und ähnlichen Kulturgütern widmet, durchaus ein sinnvolles Leben zu führen vermag. Ob andererseits der Arbeitslose und sozial Deklassierte, der Veränderungsverlierer unserer Tage, der seine Stunden vor der Flimmerkiste bei Dosenbier und Fast Food verbringt, ein sinnvolles Leben führt, ist doch zu bezweifeln.
Einst bestand der Sinn des Lebens im christlichen Verständnis darin, den Versuchung des Irdischen zu widerstehen, seine Sünden zu büßen, um dereinst in der Ewigkeit die Seligkeit zu erlangen. Im Zuge des Humanismus kam für geistig höherstehende Schichten das Streben nach Erkenntnis als Lebenssinn dazu. Und insgesamt galt danach im Zuge der Aufklärung und der Industrialisierung eben Arbeit und Arbeitsleistung als Lebenssinn in der Gesellschaft und für deren einzelnes Mitglied. Nunmehr in den Tagen einer dekadenten und hedonistischen Gesellschaft ist dies anders geworden. Das Streben nach ewiger Seligkeit im Jenseits ist wohl nur noch ein Minderheitenprogramm. Und auch das Streben nach Erkenntnis dürfte in unseren Tagen nur wenige bewegen. Ebenso verhält es sich mit der Arbeit als Lebenssinn. In Zeiten, in denen ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert wird, in denen Arbeitslose über staatliche Transferleistungen mehr Geld erhalten als Arbeiter und Angestellte, in solchen Zeiten scheint die Arbeit als Sinn des Lebens auch ausgedient zu haben. Ungewiss ist allerdings, was an die Stelle dieser sinnstiftenden Faktoren treten wird. Nur die Selbstverwirklichung, nur Genuss, nur Hedonismus dürften wohl zu wenig sein.


Wir sind Dritte Welt

23. Juni 2022

Ein Kontinent zwischen Hedonismus und Veränderung, zwischen Anarchie und Autoritarismus

Das Projekt eines vereinigten Europas war zweifellos die Folge der Einsichten, zu welchen die europäischen Völker und ihre Eliten nach zwei desaströsen Weltkriegen gelangten. Und das Versprechen der europäischen Integration betraf somit den Frieden, die Freiheit und den Wohlstand. Und tatsächlich vermochte dieses europäische Projekt über längere Zeiträume und in vielen Bereichen des Kontinents tatsächlich Frieden zu schaffen, Freiheit zu gewähren und Wohlstand zu entwickeln. Zuerst im westlichen Teil Europas, und dann, nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus, auch in weiten Teilen Osteuropas. Nach den Jahrzehnten des Totalitarismus, der in Form des Nationalsozialismus und Faschismus weite Teile Mittel-, Süd- und Westeuropas unterdrückt hatte und dem real existierenden Sozialismus des Sowjetsystems, der in Osteuropa die Völker geknechtet hatte, brachten die demokratischen Prämissen, die zur EU-Mitgliedschaft notwendig waren und sind, tatsächlich Freiheit.
Nach dem Ende der Supermacht-Konfrontation war es wirklich Frieden, der durch das europäische Vereinigungsprojekt geschaffen wurde. Und was den Wohlstand betraf, so herrschte dieser im westlichen Teil Europas ohnedies seit den Jahren des Wirtschaftswunders, also seit der Nachkriegszeit, und wurde nunmehr auch für den östlichen Teil Europas zur ganz realen Perspektive. Milliardenzahlungen und Transferleistungen, die über Brüssel erbracht wurden, erfüllten dieses Versprechen zumindest teilweise.
Grundlegende Auffassungsunterschiede aber, was die Zielsetzung der Integration betrifft, schufen auch in dieser Phase der europäischen Erfolgsgeschichte für massive Differenzen. Die einen wollten die „Vereinigten Staaten von Europa“, was der Brüsseler Zentralismus beschönigend zum Ziel hatte, die anderen träumten von einem „Europa der Vaterländer“, in dem sie ihre nationale Identität und auch die Souveränität ihrer Staaten frei entwickeln könnten.
Insbesondere die Nationen des östlichen Europas, die über Jahrzehnte unter dem Joch des Kommunismus gelitten hatten, meinten nunmehr, im Rahmen des vereinten Europas ihre Eigenstaatlichkeit und ihre nationale Kultur ohne Beeinflussung von außen leben zu können. Dies war aber mit dem Brüsseler Zentralismus kaum vereinbar, weswegen die sogenannten Visegrád-Staaten in der EU-Zentrale bald in Verruf gerieten. Die EU-Vertragsverfahren gegen Polen und Ungarn machen dies deutlich. Einzig der gegenwärtige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und damit auch die vermeintliche Gefährdung der östlichen EU-Staaten, die einst im Warschauer Pakt waren, verdrängt zur Zeit diesen Antagonismus zwischen östlichen EU-Mitglieder und der Brüsseler Zentrale.
Was das Versprechen der Freiheit innerhalb der Europäischen Union betrifft, so hat man in den Jahren der Corona-Pandemie gesehen, wie schnell die Bürgerrechte grundlegend eingeschränkt werden können. Und die angedachten Maßnahmen für den längst zur Zivilreligion gewordenen Klimaschutz lassen die Gefahr erahnen, dass es noch weit größere Einschränkungen der Bürgerfreiheit geben wird. Dies bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass das große Freiheitsversprechen der Europäischen Union ziemlich hohl geworden ist. Im Grunde ist es mit der demokratischen Mitbestimmung, sowohl in der Brüsseler Zentrale als auch in vielen einzelnen Mitgliedstaaten der Union, nicht besser bestellt als in manchen autokratisch geführten Staaten der Dritten Welt. Und was das Friedensversprechen der europäischen Integration betrifft, so macht uns nicht nur der gegenwärtige Ukrainekrieg klar, wie rasch sich dieses in Luft auflösen kann.
Aber auch der innere Frieden innerhalb der Union und innerhalb der meisten einzelnen Mitgliedstaaten ist längst in hohem Maße gefährdet. In erster Linie ist es die unkontrollierte Massenzuwanderung von Armutsflüchtlingen aus der Dritten Welt, die aus den Gesellschaftssystemen der EU-Staaten längst weitgehend eine Konflikt- und Ghetto-Gesellschaft gemacht hat. Diese einst als multikulturelle Gesellschaft beschönigend definierte Entwicklung könnte im Extremfall in bürgerkriegsähnliche Situationen ausarten. Die jüngsten Ereignisse vom italienischen Gardasee und die Zustände in den Vororten europäischer Großstädte wie Paris und London beweisen dies. Zivilisatorische Werte, wie sie in Europa gang und gäbe waren, zählen hier kaum mehr etwas. Einerseits herrscht die islamische Scharia, andererseits blanke Anarchie. Von Integration ist bei der Masse der Migranten kaum mehr die Rede, vielmehr muss sich die autochthone Bevölkerung den Migranten in den diversen Parallelgesellschaften anpassen.
Dazu kommt nunmehr die Zeit der breitflächigen Verarmung innerhalb der europäischen Gesellschaft, die sich seit Jahren andeutet. In den unteren Einkommensklassen, die von den staatlichen Transferleistungen abhängig sind, führt die nunmehr in allen EU-Staaten hereinbrechende Inflation tatsächlich zur Verelendung. Staatliche Maßnahmen wie Preisdeckelungen und Finanzhilfen dürften sich als mehr oder minder untaugliche Mittel zur Armutsbekämpfung erweisen. Arbeitslosigkeit und auch Arbeitsunwilligkeit in Wirklichkeit, die sich durch die Verhaltensweisen in der Corona-Zeit verstärkt haben, tragen das Ihre zu dieser Verarmung breiter Bevölkerungsschichten bei. Aber neben den unteren Einkommensklassen ist es auch der Mittelstand, der von dieser Verarmung bedroht ist. Sparvermögen werden durch die Inflation breitflächig zerstört, Freiberufler und Kleinunternehmer kommen unter die Räder. Und die Perspektiven für die jüngere Generation für einen eigenen Vermögensaufbau den tendieren gegen Null.
Europa droht also vom Wohlstandskontinent zum Wohlstandsverlierer des 21. Jahrhunderts zu werden. Die Versprechungen des „European way of life“ sind also nicht mehr viel wert. Sie reichen gerade noch dazu aus, dass Europa weiterhin das Ziel der weltweiten Massen Migration bleibt. Zwar wären andere Bereiche des Planeten längst attraktiver, natürlich die Vereinigten Staaten von Amerika oder auch einzelne Staaten Ostasiens, diese aber haben wesentlich härtere Migrationsgesetze als die Europäische Union und sind daher von dieser Massenmigration weitgehend ausgeschlossen. Schleichend, aber unübersehbar, nehmen viele der EU-Mitgliedstaaten, aber auch deren Wirtschaftssysteme und die einzelnen Gesellschaftssysteme den Charakter von Dritte-Welt-Staaten an. Die Sozialsysteme werden bei anhaltender weiterer Zuwanderung nicht mehr finanzierbar sein, die Gesundheitssysteme werden kollabieren oder zumindest in Richtung Mehr-Klassen-Medizin verändert werden. Die Bildungseinrichtungen dürften durch zunehmende qualitative Nivellierung Schaden nehmen, die technologischen Innovationsfähigkeiten werden schwinden.
Die Verelendung wird schließlich nicht nur die materielle und wirtschaftliche Situation der Bevölkerung betreffen, sondern auch das Geistesleben und die Kultur. Die Hochkultur der einzelnen europäischen Völker hat ohnedies schon in der Vergangenheit durch Globalisierung und europäischen Zentralismus gelitten. Sie wird nunmehr durch die triviale Alltagskultur der Gesellschaft des elektronischen Biedermeiers und unserer Wegwerfgesellschaft vollends zerstört. Letztlich droht Europa damit das Schicksal eines „failed State“, eines versagenden Staatswesens, das außenpolitisch absolut bedeutungslos ist und in den globalen Machtfragen keinerlei Rolle spielt, und andererseits im Inneren durch sozioökonomischen Niedergang, kulturelle Bedeutungslosigkeit und Anarchie geprägt ist. Ein solches Europa wäre integraler Bestandteil der Dritten Welt und würde dem ursprünglichen Versprechen der europäischen Integration auf Freiheit und Wohlstand in keiner Weise mehr gerecht werden. Die Apologeten der legendären „Willkommens-Kultur“ und der political correctness könnten dann mit Fug und Recht behaupten: Wir sind Afrika.


Vom Fluch der linken Heuchelei

2. Juni 2022

Wie aus Pazifisten Kriegshetzer wurden

Wer die gegenwärtige Debatte um den Ukraine-Krieg analysiert, muss schnell zum Schluss kommen, dass die größten Kriegshetzer gegenwärtig aus den Reihen der europäischen Linken kommen. Der Ruf nach der Lieferung von schweren Waffen, nach immer stärkerem Engagement zu Gunsten Kiews und in manchen Fällen schon die Forderung nach einem aktiven Eingreifen in den Konflikt, kam in den letzten Wochen am heftigsten, ja am hysterischsten, von Seiten der linken Exponenten des politischen Spektrums.
Wer etwa die bundesdeutsche Grünen, angefangen von der größten Außenministerin aller Zeiten bis hin zum zottelhaarigen Vorsitzenden der bayrischen Grünen, hört, der weiß, dass sich hier eine Partei von veritablen Bellizisten gebildet hat, die den einstigen Pazifismus der 68er-Revolte und der Neuen Linken gründlich hinter sich gelassen hat. Damals hieß es „Pflugschare statt Schwerter“ und „Frieden schaffen ohne Waffen“ und man demonstrierte gegen den Vietnamkrieg und gegen die NATO-Nachrüstung. Heute sind es die Epigonen dieser einstigen Neuen Linken, die den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz massiv kritisieren, weil er nicht schwere Angriffswaffen in die Ukraine zu liefern bereit ist.
Wie ein solch radikaler Wandel in der grundlegenden Einstellung der Linken zu Krieg und Frieden erklärbar ist, bedarf der näheren Analyse. Zum einen liegt es natürlich am aktuellen Kriegsgegner. Wladimir Putin ist seit langem das idealtypische Feindbild der Linken, da er mit seinen wertkonservativen Positionen im Hinblick auf Patriotismus, Familie und die Einstellung gegenüber Homosexuellen all das verkörpert, was die Linke hasst und ablehnt. Da wird dann Wladimir Putin flugs mit Adolf Hitler verglichen und politikwissenschaftliche Wortspender sprechen leichterdings davon, dass die gegenwärtige Kremlherrschaft natürlich ganz realer Faschismus sei. Mäßigende Stimmen, die darauf hinweisen, dass Putin weder eine ethnische noch eine soziale Gruppe mit der Ausrottung bedrohe und dass zum Faschismus die organisatorische Durchdringung der Bevölkerung und aller Bereiche der Gesellschaft gehört, werden da ignoriert. Das Feindbild Putin und der böse russische Imperialismus reichen als Motiv für die neue linke Kriegsbegeisterung allemal.
Eine weitere Ursache für diesen ideologischen Paradigmenwechsel der Linken ist wohl die längst verinnerlichte Heuchelei, die man sich in diesem Bereich konkret in der Funktion des Gutmenschen angewöhnt hat. Dieses linke Gutmenschentum, das sich insbesondere in der Frage der Massenmigration der vergangenen Jahre herausgebildet hat, vermag natürlich locker in der selbstgefälligen Pose der moralischen Überlegenheit auch Urteile in Sachen Krieg und Frieden zu fällen. Da sind plötzlich die Ukrainer und deren Präsident Selenski, die zuvor noch als eines der korruptesten Länder mit einem überaus korrupten Staatspräsidenten gegolten haben, jene, die einen gerechten Krieg, nämlich einen Verteidigungskrieg führen, wohingegen Putin als verrückter, blutrünstiger Tyrann an der Spitze eines ebenso blutrünstigen Regimes und einer nicht minder blutrünstigen Armee dargestellt wird. Und dagegen ist dann der Einsatz von schweren Waffen das Mindeste.
In der bundesdeutschen Politik und Medienlandschaft trifft sich die kriegslüsterne Linke kurioserweise mit den Christdemokraten des Friedrich Merz und der publizistischen Polemik der „Bild-Zeitung“. Während die Sozialdemokratie unter Olaf Scholz bremst und sich im Hinblick auf die Lieferung schwerer Waffen zögerlich gibt, sind es diese beiden Bereiche, die sich geradezu als Kriegstreiber profilieren. Und jeder, der eine vorsichtige Haltung in Bezug auf die Parteinahme im Ukraine-Krieg setzt, wird da leichterdings als „Putin-Versteher“ diffamiert.
Zwar mehren sich in den Medien die Stimmen, die erkannt haben, dass eine totale militärische Niederlage der Russen schlicht und einfach undenkbar ist und dass jede weitere Eskalation und Ausweitung des Krieges hin zu einem europäischen Konflikt oder gar zu einem Weltkrieg um jeden Preis zu vermeiden ist, dennoch scheint die einzig logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis, dass nämlich ein Verhandlungsfriede anzustreben ist, noch in weiter Ferne zu liegen. Gespräche zwischen Moskau und Kiew haben sich in den vergangenen Wochen als Scheinverhandlungen erwiesen und sind ohnedies ohne Ergebnis gescheitert.
Vermittlungsversuche wie etwa vom Türken Erdogan oder von Seiten Israels sind bisher im Sande verlaufen, und die kolportierten telefonischen Kontakte, die es etwa zwischen Macron und Putin oder Scholz und Putin geben soll, haben wohl auch kaum etwas gebracht. Gar nicht zu reden von den eher lächerlichen Versuchen des österreichischen Bundeskanzlers, mit dem Kreml-Herrn zu kommunizieren. Dennoch bleibt es eine Tatsache, dass es irgendwann einmal ernsthafte Verhandlungen geben muss. Und diese werden davon ausgehen müssen, dass ein möglicher Friedenskompromiss natürlich auch die russische Seite berücksichtigen wird müssen, sprich die russischen Geländegewinne im Osten und Südosten der Ukraine werden wohl auf Dauer erhalten bleiben müssen. Die linken Bellizisten im Westen wollen davon nichts hören. Und auch die Scharfmacher in Downing Street 10 und im Weißen Haus in Washington wollen uns bis zum heutigen Tag weis machen, dass nur eine völlige Niederlage der Russen den Krieg beenden könne. All dies ist allerdings illusorisch und birgt nur die Gefahr einer weiteten Eskalation bis hin zum nuklearen Weltkrieg.
Und so erweisen sich die linken Kriegsfreunde ebenso wie die angloamerikanischen Russenhasser als die wirklich große Gefahr für den Weltfrieden. Das ändert natürlich nichts daran, dass Wladimir Putin und Russland einen völkerrechtlich durch nichts zu rechtfertigenden Angriffskrieg vom Zaun gebrochen haben. Nichtsdestotrotz bleiben Verhandlungen die einzige Möglichkeit, um diesen auch zu beenden. Und dazu wird man Putin ein Ausstiegs-Szenario eröffnen müssen. Mit Kriegsgeilheit, die man heuchlerisch als Verteidigung westlicher Werte tarnt, wie dies die Linke gegenwärtig tut, wird ein Kriegsende und eine friedliche Lösung jedenfalls unmöglich sein.


Europas ­„Bloodlands“

6. Mai 2022

Von Schlachtfeldern und Friedensregionen (Teil II)

Die „Bloodlands“ zwischen Baltikum und Schwarzen Meer – die Ukraine: Der amerikanische Historiker Timothy Snyder schilderte in seinem heftig diskutierten Buch „Bloodlands“ drei miteinander verknüpfte Geschichten, nämlich Stalins Terrorkampagnen, Hitlers Holocaust und den Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen und die Zivilbevölkerung. Blutige Tragödien, die sich zur gleichen Zeit und am gleichen Ort, nämlich im Raum rund um die Ukraine zugetragen haben. Damit wirft er einen Blick auf diesen tragischen Teil der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der zeigt, dass es dieses dritte zentrale Schlachtfeld zwischen Bug und Don, zwischen Baltikum und Karpaten war, in dem sich unsägliche Tragödien abspielten.
Natürlich gab es in diesem Raum auch im Laufe der Jahrhunderte vor den zwei Weltkriegen und vor unseren Tagen blutiges Völkerringen. Die Gründung des Reichs der Rus-Wikinger in Kiew und dann die Expansion des zaristischen Russlands seit Iwan dem Schrecklichen war mit gewaltigem Blutvergießen verbunden. Davor die Herrschaft der Mongolen, der Goldenen Horde, stellte ebenso eine blutrünstige Despotie dar. Auch die Kriegszüge des schwedischen Königs Karl XII. forderten zahlreiche Opfer.
Einen ersten Höhepunkt des kriegerischen Schlachtens stellt zweifellos der Napoleonische Russ­landfeldzug aus dem Jahr 1812 dar. Die zaristische Strategie der verbrannten Erde, der Untergang der französischen Grande Armée und die Opfer der russischen Zivilbevölkerung und der Streitkräfte Kutusows deuteten bereits an, was ein Jahrhundert später in dieser Region stattfinden sollte: Im Ersten Weltkrieg war die Ostfront zwischen dem Ostseestrand und den Karpaten gekennzeichnet von beispiellosen Menschenmorden.
Allein die k. u. k. Armee verlor in Galizien, das heute bekanntlich zur Ukraine gehört, in den ersten Kriegsmonaten im Herbst des Jahres 1914 mehr als eine Million Soldaten. Und die Russen trieben die zum Teil schlecht ausgebildeten und schlecht bewaffneten Muschiks in den Schlachten gegen die preußisch-deutschen Armeen im Norden und im Karpatenbereich gegen die habsburgischen Truppen gnadenlos an die Front. Menschenopfer zählten nur wenig. Bis zum Ende des Zarenreichs und bis zum Frieden von Brest-Litowsk Anfang März 1918 fielen Millionen Soldaten, Russen, Österreicher und Deutsche auf dem Territorium dieser „Blood­lands“. Und der darauffolgende Bürgerkrieg zwischen roten und weißen Einheiten in den frühen Jahren der Sowjetunion forderte weitere zahllose Opfer.
Doch damit nicht genug, forderte Stalins „Holodomor“ insbesondere in der ukrainischen Sowjetrepublik Millionen Todesopfer. Die vom sowjetischen Diktator mutmaßlich willentlich verursachte Hungernot und die politischen Säuberungen und die Maßnahmen gegen die Kulaken verursachten insgesamt wohl an die 30 Millionen Tote.
Das solcherart geschundene Land, vergrößert durch Ostpolen, das durch den Hitler-Stalin-Pakt in den Machtbereich der Sowjets fiel, sollte in der Folge zum Hauptkriegsschauplatz des deutschen Russlandfeldzuges werden. Keineswegs nur die gefallenen Soldaten, sondern Millionen sowjetischer Kriegsgefangener wurden zum Opfer des Vernichtungskriegs der Nationalsozialisten.
Vice versa kamen in der Folge Millionen deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern um. Und auf dem gleichen Territorium fanden die von den sogenannten Einsatzgruppen verursachten Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung statt, wobei diese bereits vor dem Einmarsch der Deutschen im hohen Maße als „Klassenfeinde“ Opfer der sowjetischen Geheimdiensteinheiten geworden waren. Blutgetränkte Erde also in dieser europäischen Großregion zwischen Baltikum und Schwarzem Meer, zwischen Bug und Don, „Bloodlands“, wie es Timothy Snyder, der amerikanische Historiker formuliert.
Wenn man gehofft hatte, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts und mit der Gründung demokratischer Staaten, beziehungsweise Systeme, den ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts die Chance für die Entwicklung einer dauerhaften Friedensregion gegeben wäre, sollte letztlich in unseren Tagen dann auch eines Besseren belehrt werden.
Nach der vorübergehenden Schwäche Russlands unter Boris Jelzin war es das Bestreben des Kremls unter dem neuen „Zaren“ Wladimir Putin, die Großmachtstellung Russlands wiederherzustellen. „Make Russia great again“, mochte sich der Kremlherr in Anlehnung an die Devise Donald Trumps gedacht haben, als er erst im Kaukasus, dann auf der Krim und in der Ostukraine militärische Gewalt obwalten ließ. Die Hoffnung des Westens, insbesondere der EU-Europäer, dass die Demokratisierung der Staaten Mittel- und Osteuropas auch Russland erfassen könnte, blieb Illusion.
Die EU-Ostererweiterung festigte allerdings den Staatengürtel zwischen Baltikum und Balkan. Der NATO-Beitritt der meisten dieser Länder allerdings musste im Kreml das Bedrohungsszenario einer militärischen Einkreisung hervorrufen. Wladimir Putins aktueller Einmarsch in der Ukraine darf zwar als Reaktion auf diese Entwicklung definiert werden, dies stellt aber keinesfalls auch nur irgendeine Form von Rechtfertigung dafür dar.
Und wieder ist die Ukraine Schlachtfeld. Und so erweist sich, dass die Balkankriege der 90er Jahre keineswegs die letzte militärische Auseinandersetzung in Europa darstellten. Die „Blood­lands“ im Osten Europas werden neuerlich zur Stätte großflächiger militärischer Gewalt. Die Zerstörung von Städten und Dörfern, Flucht und Vertreibung von Millionen Menschen, zehntausende gefallene Soldaten und traumatisierte Zivilisten sind die Folge dieses Angriffskriegs. Von der Möglichkeit, in diesem Bereich Osteuropas auch nur langfristig so etwas wie eine Friedensregion, vergleichbar etwa mit der Alpen-Adria-Region oder dem deutsch-französischen Bereich westlich des Rheins herzustellen, wagt man nicht einmal mehr zu träumen.
Auf den europäischen Schlachtfeldern rund um Verdun und auch im Tal der Soca, wie der Isonzo heute heißt, künden nur mehr Soldatenfriedhöfe und Gedenkstädten vom einstigen großen Morden. Dort hat man sich längst auf gemeinsame Geschichtsbilder geeinigt und ist nicht mehr auf gegenseitige Schuldzuweisungen an den einstigen Gräueln angewiesen.
Friedensregionen zeichnen sich durch gemeinsames und grenzüberschreitendes Opfergedenken aus. Ein gemeinsames Opfergedenken, wie es etwa durch die Aktivitäten der Kärntner Konsensgruppe im südlichsten Bundesland Österreichs im Hinblick auf die Opfer des Nationalsozialismus und auf jene der Partisanenverbrechen längst üblich ist. Im Herzen des Balkans rund um die Schädelstätte von Srebrenica ist man allerdings noch nicht so weit. Vorläufig schweigen dort aber wenigstens die Waffen. Im Donbass tobt der Kriegsfuror weiter, wird das alte Schlachtfeld neuerlich mit frischem Blut gedüngt.


Europas „Bloodlands“

28. April 2022

Von Schlachtfeldern und Friedensregionen (I. Teil)

Europas Geschichte, der Werdegang des Abendlandes durch mehr als zweieinhalb Jahrtausende, ist nicht zuletzt eine geradezu chaotische Abfolge von kriegerischen Auseinandersetzungen, von mörderischem Völkerringen, von der blutigen Austragung von Erbfeindschaften und damit auch eine Geschichte von Schlachtfeldern. Von Marathon, wo die Athener Hopliten gegen die persischen Eindringlinge kämpften, bis Verdun, wo Deutsche und Franzosen einander mit Giftgas im Grabenkrieg massakrierten, vom den Katalaunischen Feldern, wo die Einheiten des Aetius die Hunnen des Attila bekämpften, bis zum Winter von Stalingrad, wo die deutsche Sechste Armee erfror, vom jüdischen Masada, das die Legionen des Titus belagerten bis zum ukrainischen Mariupol unserer Tage: Blutgetränkte Schlachtfelder, „bloodlands“ eben, bilden die Stationen dieser europäischen Geschichte.
Natürlich gibt es neben dem Völkerringen, neben dem Wirken machtgieriger Fürsten und blutrünstiger Feldherren auch die Kulturgeschichte Europas. Und es gibt die Sozialgeschichte, das Leben der kleinen Leute. Natürlich hat die historische Entwicklung zahlreiche andere Facetten, für die die Schlachtfelder eine untergeordnete Rolle spielen. Angesichts der Tatsache aber, dass der Krieg in unseren Tagen nach Europa zurückgekehrt ist, dass das, was wir alle längst nicht mehr für möglich gehalten haben, nämlich Krieg in der unmittelbaren Nachbarschaft, schreckliche Realität geworden ist, drängt sich der Blick auf eben jene Schlachtfelder wieder auf.
Gleichzeitig aber sehen wir uns mit der Frage konfrontiert, ob und wie es möglich ist, aus diesen „bloodlands“, die es quer durch die Jahrhunderte und quer durch Europa gibt, Friedensregionen zu machen, Bereiche, in denen einst verfeindete Völker und Kulturen friedlich und fruchtbar miteinander zusammenleben. Gerade für den Bereich der Ukraine, der mehrmals in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten zum Schlachtfeld wurde, stellt sich die Frage, ob es dafür auch eine Friedensperspektive geben kann. Und die Beispiele einstiger „bloodlands“, in denen genau eine solche Entwicklung möglich wurde, etwa die Konfliktlinie zwischen Deutschen und Franzosen oder der Beriech des Balkans zwischen Alpen-Adria und Donau, zwei Großregionen, die ebenfalls in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten mehrmals Schlachtfeld waren, können hier Hoffnung spenden.
Tatsächlich waren es ja drei europäische Großregionen, die in den Jahrzehnten von 1914 bis zum heutigen Tag solche zentrale „bloodlands“ in Europa waren. Der Überschneidungsbereich zwischen den Jahrhunderte als Erbfeinde agierenden Deutschen und Franzosen westlich des Rheins auf der einen Seite andererseits die Balkanregion von den Alpen und der Adria bis hin zur Donau und dem Schwarzen Meer: Dort, wo seit der Spätantike der byzantinisch-oströmische Bereich an das Abendland grenzte, dort, wo später das Osmanische Reich auf den Machtbereich der Habsburger stieß. Und schließlich ist da noch jene Großregion in Osteuropa, die wie heute die Ukraine zum zentralen Kriegsschauplatz sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg werden sollte und es in den Tagen des russischen Angriffskriegs wieder geworden ist. Drei blutige, mit Millionen von Toten gedüngte Schlachtfelder, von denen zwei zuallererst nach dem Zweiten Weltkrieg, jenes zwischen Deutschen und Franzosen, Jahrzehnte später um die Jahrtausendwende der Balkan – und das noch nicht endgültig – zu Friedensregionen wurden. Und schließlich jenes zwischen Bug und Dnjepr, das heute wieder massenhaft vom Blut der Russen und Ukrainer gedüngt wird.

Das Schlachtfeld der deutsch-französischen Erbfeinde:
Links und rechts des Rheins verläuft seit der Römerzeit eine Grenze zwischen Machtblöcken, beziehungsweise zwischen Völkern. Seit den Tagen Julius Cäsars bildete der Rhein die Grenze zwischen der römischen Welt und den germanischen Stämmen. Die Schlacht von Mühlhausen, als Cäsar Ariovist besiegte, vier Jahrhunderte später die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, sie sind Beispiele dafür, dass der große Strom und sein Umland seit der Antike Stätte mörderischen Ringens waren. Im Mittelalter dann das Ringen zwischen den römisch-deutschen Kaisern und dem französischen Königshaus. In den Tagen Ludwig des XIV. zeigen dies die französischen Raubkriege, danach die Auseinandersetzung zwischen Habsburgern und Franzosen im bayrischen Erbfolgekrieg, später die Napoleonischen Kriege. Diese deutsch-französische Erbfeindschaft, die lange eine habsburgisch-französische war, fand ihre Höhepunkte dann im Krieg von 1870/71 und schließlich in den beiden Weltkriegen. Die sogenannte Westfront zwischen 1914 und 1918 wurde zur Stätte eines beispiellosen Volkermordens, des Grabenkrieges zwischen Flandern und dem Elsass. Und die Festung Verdun wurde zum Symbol mörderischer Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Franzosen. Der Frankreichfeldzug von 1940 und schließlich der alliierte Vorstoß nach der Landung in der Normandie in den Jahren 1944 und 45 stellten dann den letzten Akt des Geschehens auf diesem großen Schlachtfeld zwischen Deutschen und Franzosen dar.
Dass aus diesem großen zentraleuropäischen Schlachtfeld in der Folge nach dem Zweiten Weltkrieg doch eine Friedensregion werden konnte und damit so etwas wie ein Zentrum der europäischen Integration, die in die heutige Europäische Union mündete, grenzt an ein historisches Wunder. Auch wenn es uns heute selbstverständlich erscheint, war die Entwicklung hin zu dieser Friedensregion, die von der Schweiz bis hinauf zu den Beneluxstaaten reicht, alles andere als selbstverständlich. Die deutsch-französische Versöhnung und schließlich die Freundschaft zwischen beiden Völkern, getragen durch das Wirken von Männern wie Charles de Gaulle, Konrad Adenauer und Robert Schuman ist vielleicht die Frucht der Erschöpfung nach zwei mörderischen Weltkriegen. Sie stellte aber auch so etwas wie ein Musterbeispiel historischer Vernunft dar. Diese Vernunft hat den beteiligten Regionen, Völkern und Menschen Freiheit, Frieden und Wohlstand beschert, war im Lauf einer mehr als zweitausendjährigen Geschichte wohl einmalig ist.

Das Schlachtfeld an der Südflanke Europas am Balkan:
Die Balkanhalbinsel, die europäische Großregion zwischen Alpen-Adria und Donau und Schwarzem Meer stellt so etwas wie den weichen und gefährdeten Unterbauch Europas dar. Zwar bildete die Südspitze der Balkanhalbinsel, die hellenische Welt, eine der Heimstätten Europas, die sich bereits in vorchristlicher Zeit gegen Asien, ganz konkret gegen das Perserreich zu behaupten hatte. Aber bereits dann in römischer Zeit wurde der Balkan zur Grenze und damit zum Überschneidungsbereich zwischen Ost und West. Die Teilung des Römischen Reichs in Ost- und Westrom zog die Grenze auf dem Balkan und dieser wurde dann in der Völkerwanderung zum Einfallstor germanischer Stämme. Die Spaltung des Christentums in Orthodoxie und Katholizismus machte den Balkan auch zum konfessionellen Grenzraum und damit einmal mehr zur Stätte kriegerischer Auseinandersetzungen.
Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken und dem Vordringen der Osmanen bis vor die Tore Wiens wurde der Balkan Jahrhunderte lang zum Schlachtfeld zwischen dem christlichen Abendland und den islamischen Heeren des Sultans. Nach der Rückgewinnung dieses Raumes, insbesondere durch den habsburgischen Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen, wurde dieser befreite Raum aber keineswegs zur Friedensregion, sondern blieb die Stätte mörderischer Auseinandersetzungen zwischen den Balkanvölkern.
Die Balkankriege des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg und schließlich der Zweite Weltkrieg, der Partisanenkrieg und die Kriege nach dem Zerfall Tito-Jugoslawiens machten den Balkan zu einem blutgetränkten gewaltigen Schlachtfeld. Ein Schlachtfeld, das im 19. Jahrhundert durch die Kriege des sich einigenden Italiens gegen Habsburg seine Ausläufer bis in die Poebene fand.
Der Höhepunkt dieses kriegerischen Massenmordens auf dem Balkan war zweifellos der Erste Weltkrieg mit dem Ringen in den Isonzoschlachten. Hunderttausende Tote in einem grausamen Gebirgskrieg bleiben bis zum heutigen Tag Zeugen eines sinnlosen Völkerschlachtens. Der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Balkanfeldzug und dem darauffolgenden Partisanenkrieg und dem Ringen schließlich zwischen Roter Armee und Deutscher Wehrmacht bis Kriegsende, aber auch die Kriegsereignisse an der italienischen Front in den Jahren 1944 und 45 bildeten schließlich einen weiteren Höhepunkt dieses Schlachtens.
Dass dann aus dem nordwestlichen Teil dieser Großregion, nämlich aus der Alpen-Adria-Region, bis in unsere Tage eine modellhafte Friedensregion werden konnte, ist nahezu noch erstaunlicher als die zuvor zitierte deutsch-französische Aussöhnung. Dies deshalb, da hier am Schnittpunkt zwischen slawischer, germanischer und romanischer Welt mit Tito-Jugoslawien bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts eine kommunistische Diktatur existierte und so zusätzlich zum Antagonismus zwischen den Balkanvölkern und der klerikalen Spaltung zwischen Orthodoxie und Katholizismus noch die ideologische Kluft zwischen Kommunismus und den westlichen Demokratien kam.
Der Ausgleich zwischen Italienern und Österreichern, der über lange Jahrzehnte durch den Konflikt um Südtirol behindert worden war, mündete sehr bald nach dem Zweiten Weltkrieg in friedliche und freundschaftliche Beziehungen. Zwischen Friaul Julisch-Venetien, der Lombardei, dem Trentino, Tirol, Kärnten und der Steiermark bildete sich so sehr bald der Kern einer Friedensregion, die erst nach dem Tod Titos und dem Zerfall Jugoslawiens um Slowenien und die nordwestlichen Bereiche Kroatiens erweitert werden konnte. Historische Nationalitätenkonflikte, wie etwa jener zwischen Kärntner Slowenen und der Deutschkärntner Mehrheitsbevölkerung waren dabei Hemmnisse, die es zu überwinden galt. Ebenso aber auch der Streit zwischen Slowenen und Kroaten beispielsweise um die Hoheitsgebiete an der Adriaküste, oder der alte und vielschichtige Konflikt um Triest. Und das Erbe dieser indessen meist historisierten Streitigkeiten wirkt natürlich subkutan nach und bedarf immer wieder des gemeinsamen Bemühens und der gemeinsamen Aufarbeitung, um nicht wieder aufzubrechen. Dennoch ist diese Alpen-Adria-Region, die noch vor einem guten Jahrhundert Stätte der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs war, heute das Modell einer multinationalen grenzüberschreitenden Friedensregion.
Im südlichen Bereich dieser europäischen Großregion, dem Balkan eben, stehen die Dinge allerdings noch anders. Zwar konnte die zentrale Auseinandersetzung nach dem Zerfall Tito-Jugoslawiens, der Krieg zwischen Serben und Kroaten beigelegt werden und die Serben durch den Einsatz der NATO und US-Amerikas zur Aufgabe ihrer großserbischen Ambitionen gezwungen werden, Frieden und Verständigung herrschen deshalb aber längst noch nicht. Mit Bosnien-Herzegowina besteht ein Staatswesen, dessen innere Zerrissenheit im Konflikt zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten längst nicht überwunden ist. Mit dem Kosovo ist ein zusätzliches Staatswesen entstanden, das Belgrad offenbar nicht akzeptieren kann. Und mit Montenegro und mit Nordmazedonien existieren zwei weitere Kleinstaaten, die die Zerrissenheit des Balkans, des ehemaligen Jugoslawiens, deutlich machen.
Albanien ist auch kein Garant für Stabilität, und eine zeitnahe Zukunftsperspektive im Hinblick auf einen EU-Beitritt ist für den Westbalkan noch immer nicht wirklich absehbar. Slowenien und Kroatien allerdings sind nicht zuletzt durch den EU-Beitritt stabilisiert und eben damit in der Lage, Teil der vorhin zitierten Friedensregion zu werden. Ebenso steht es natürlich im Falle Bulgariens und Rumäniens. Beides Länder, die nach wie vor unter den postkommunistischen Defiziten in ökonomischer und gesellschaftlicher Hinsicht leiden, die aber durch die EU-Mitgliedschaft und den Beitritt zur NATO in ein relativ ruhiges Fahrwasser zu gelangen vermochten. Natürlich gibt es in diesem Bereich des östlichen Balkans nach wie vor gewaltige Nationalitätenprobleme. Die große Anzahl ethnischer Ungarn in Rumänien, in Siebenbürgen, die türkische Minderheit in Bulgarien und insgesamt am Balkan, die von den Golfstaaten, aber wohl auch von der Türkei betriebene Re-Islamisierung weiter Bereiche, insbesondere in Bosnien, stellen Gefährdungen für die Stabilität dieser Region dar und lassen das Entstehen einer Friendensregion in ferne Zukunft rücken.
Dennoch scheint die unmittelbare Gefahr neuer Balkankriege weitestgehend gebannt zu sein. Serbien, jene Nation am Westbalkan, die sich gekränkt fühlen muss, die weite Teile ihrer Landsleute außerhalb der Landesgrenzen sieht, verharrt zwar in panslawischer Sympathie mit Russ­land, der Beitritt zur Europäischen Union dürfte es aber verhindern, dass damit wieder neuerlich großserbische Ambitionen zutage treten könnten. Die Aufsplitterung des ehemaligen Jugoslawiens in ein halbes Dutzend miteinander konkurrierender Kleinstaaten könnte wohl nur durch den EU-Beitritt überwunden werden. So wie es zwischen Slowenien und Kroatien kam, die anfangs nach der neuen Selbständigkeit noch große Gegensätze hatten, könnten auch für die anderen postjugoslawischen Staaten durch den EU-Beitritt Gemeinsamkeit und nachbarliche Beziehungen gefunden werden. Ob dadurch zumindest in fernerer Zukunft so etwas wie eine Friedensregion entstehen könnte, wie sie im Alpen-Adria-Raum zur erfreulichen Tatsache geworden ist, bleibt allerdings abzuwarten.


Vom Ende des Christentums

13. April 2022

Europa ist längst ein gottloser Kontinent

Die Kirchen in Europa sind leer. Zwar sind die Kathedralen, die wehrhaften romanischen Kaiserdome am Rhein, die gotischen Leuchttürme Gottes von Reims und Chartres, von Ulm und St. Stephan in Wien, nach wie vor vorhandene Zeugen von der Kraft des Christentums. Sie zeugen aber nur von einer vergessenen Spiritualität, so wie die Paläste Versailles, der El Escorial, Schönbrunn vom einstigen Glanz einstiger Monarchen sprechen, so eben diese Dome von der einstigen Bedeutung des Christentums.
Doch heute hat Jesus Europa, das alte, ehemals christliche Abendland offenbar verlassen. Möglich, dass er bisweilen noch in Polen und in Kroatien präsent ist, ansonsten aber ist dieses Christentum zwar noch ein Faktor, der gewissermaßen als kultureller Unterbau den Jahreslauf und auch den Lebenslauf der Menschen bestimmt. Die christliche Lehre insgesamt, die Katholische Kirche mit ihren Dogmen, ist nur mehr eine geradezu verdrängte Erinnerung. Die Dreifaltigkeit mitsamt Gottvater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, die Auferstehung, der jüngste Tag, das Paradies, die Engel und schließlich Satan und die Hölle, das Fegefeuer, all dies sind religiöse Postulate, an die kaum mehr jemand in Europa zu glauben vermag.
Zwar ist mit der Orthodoxie im Osten, in der slawischen und christlichen Welt noch eine Sonderentwicklung vorhanden, die in den postkommunistischen Staaten noch einmal Wirkmächtigkeit zu entfalten vermochte. Das Lutheranertum, der Protestantismus, ist längst zur politisch korrekten Lebenshilfe-Organisation verkommen. Die römische Kirche taumelt von der Aufarbeitung eines Missbrauchs-Skandals zum nächsten, und der emeritierte bayerische Papst ist längst entrückt, während sein argentinischer Nachfolger mittels platter Signale vorgeblicher Bescheidenheit nur dem Zeitgeist hinterher hechelt.
Und so ist das Christentum, allzumal das römisch-katholische, längst einer politisch korrekten Zivilreligion gewichen, in der Cancel Culture und Wokeness wichtiger sind als die zehn Gebote. Und vormals sich christlich nennende politische Parteien haben das „hohe C“ bei ihrem Namen längst verdrängt und die christliche Sozialllehre auf dem Altar eines spätlinken Zeitgeists geopfert.
Was war dieses Christentum einst? Ursprünglich wohl so etwas wie eine jüdische Sekte in der Nachfolge eines legendenumwobenen Messias, die dann erst von Paulus, dem römischen Bürger, zur Kirche gemacht wurde, die den Anspruch erhob, allen Menschen zugänglich zu sein. Dieses Christentum war in der Nachfolge des Judentums natürlich eine monotheistische Religion. Eine Religion aber, die noch in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens mit Spaltungen, Glaubensstreit, Schisma und vielfältigen Konflikten eine Religion mit der Dreifaltigkeit, mit Engeln, mit zahllosen Heiligen, mit kultisch verehrten Gegenständen, Bildern, Reliquien und ähnlichem wurde. Eine Religion, deren jüdische Wurzeln mit den Mechanismen der römischen Staatsreligion und nach der Völkerwanderung mit germanischen spirituellen Vorstellungen angereichert wurde, eine Religion, die solcherart für die romanische, die germanische und die slawische Welten Europas zum zentralen geistigen und spirituellen Faktor wurde.
Und im Namen dieser Religion wurden Millionen Menschen gemetzelt, wurden Ströme an Blut vergossen, wurden Glaubenskriege geführt, Hexen verbrannt und Ketzer verfolgt. Die Christianisierung Alteuropas mag ein Bekehrungsprozess gewesen sein, begleitet wurde dieser aber von Blutbädern sonder Zahl. Die Kreuzzüge des Hochmittelalters mögen im Kampf um die Befreiung des Grabes Christi geführt worden sein, sie waren auch mörderische Eroberungskriege. Die Religionskriege des 16. und 17. Jahrhunderts bis hin zum Dreißigjährigen Krieg dezimierten die Bevölkerung Europas in ähnlichem Maße wie die Pest.
Dennoch, das Christentum als monotheistische Religion, deren zentrales Gebot die Nächstenliebe ist, war wohl der maßgebliche Faktor einer Entwicklung, die man als kulturelle Evolution, als Ansporn für die christlich geprägte Menschheit, der Gewalt zu entsagen, definieren kann. Und heute, da die universalen Menschenrechte theoretisch im Mittelpunkt der neuen Zivilreligion stehen, muss gesagt werden, dass auch diese ohne den Anspruch des Christentums, wonach alle Menschen mit der gleichen Würde geboren seien, Kaiser, König, Edelmann, Bürger Bauer, Bettelmann, Sklave die Basis dafür darstellt.
Nun scheint es so, als stünde dieses Christentum im alten Europa vor seinem Ende. Gewiss, in diesen Tagen wird auch in unseren Tagen das Osterfest begangen, mit allerlei folkloristischen Weihwerk, vom Osterhasten, den Ostereiern, bis hin zur Kärntner Fleischweihe, und dennoch muss die Frage gestellt werden, wer dabei noch an die Auferstehung Christi, an die Himmelfahrt und an das dem jeweiligen Individuum bevorstehende Jüngste Gericht denkt. Der argentinische Papst in Rom mag da die Füße irgendwelcher Obdachloser waschen, und seinen Segen Urbi et orbi mögen viele Millionen Menschen via Bildschirm mitbekommen, bedeuten tut all dies kaum etwas.
Vielleicht ist das Christentum längst zu einer Religion der Dritten Welt geworden, die in Schwarzafrika, in Lateinamerika und vielleicht sogar in Teilen Südostasiens eine Rolle spielt. Dass der Papst ein Lateinamerikaner ist, trägt dem ja Rechnung. Konsequenter Weise sollte man allerdings auch den Sitz des Kirchenoberhaupts nach Schwarzafrika oder nach Lateinamerika verlegen und aus dem Vatikan ein einziges Museum machen.
Tatsache ist jedenfalls, dass die Europäer das Christentum vergessen, wenn nicht gar verdrängt haben. Zwar lässt man seine Kinder taufen und bemüht einen Geistlichen bei Eheschließungen und Begräbnissen, begeht das Weihnachtsfest und wie schon erwähnt das Osterfest. Die spirituelle Bedeutung all dessen aber ist längst in hohem Maße in den Hintergrund gerückt. Stattdessen gibt es in den zeitgeistigen Kreisen eben die neue Zivilreligion der Political Correctness mit all ihren Begleiterscheinungen wie dem Plicht-Antifaschismus, dem radikalen Feminismus, das Gendern und neuerdings eben mit Wokeness, Cancel Culture und Black Lives Matter und ähnlichem Irrsinn.
Jene Bereiche der ganz normalen Menschen, an denen diese Moden des Zeitgeists eher vorübergehen, sind deswegen allerdings auch kaum mehr Christen im wahrsten Sinne des Wortes, sie sind vielmehr Teil einer absolut materialistischen Kultur, die einerseits wirtschaftlichen Wachstumsfetischismus lebt, andererseits Hedonismus und sehr oberflächliche Selbstverwirklichung anstrebt.
Statt der ewigen Seligkeit im Jenseits strebt man die Maximierung des eigenen Wohlergehens im Diesseits an, und das Postulat der christlichen Nächstenliebe wird durch eine diffuse politisch korrekte Allerwelts- und Fernstenliebe ersetzt, die sich meist mit schönen Worten und Wohlmeinung begnügt. Der Anspruch, ein christliches Leben zu führen und ein guter Christenmensch zu sein, gilt als lächerlich und antiquiert, und mit dem Begriff Sünde oder gar der Vergebung der Sünden durch Beichte und Absolution verbindet die Menschen kaum mehr etwas. Und so muss man unter Beachtung all dieser Entwicklungen zum traurigen Schluss kommen, dass das Christentum in Europa wohl vor seinem Ende steht.


Der Teufel schläft nie

22. Dezember 2021

Über Geheimgesellschaften, ­Verschwörungstheorien und den Generalstab des Bösen

Verdammnis, Hölle und Teufel sind ziemlich aus der Mode gekommen – selbst in der Katholischen Kirche. Satan und Ischariot, der Versucher, der Herr der Fliegen, spielt im zeitgenössischen spirituellen Diskurs keine Rolle. Er, der das Böse verkörpert, als Gegenpol zum gütigen Gott, droht in einer Welt, in der die Gutmenschen, (selbst-)gerecht den Ton angeben, in Vergessenheit zu geraten. Dabei versteht es Satan wie kein anderer – ob Erzengel oder gefallener Engel – in vielerlei Gestalt auch in unseren Tagen aufzutreten. Da mag er vielleicht in den Jahren 2007/2008 in der Finanzkrise im Gewande eines Investmentbankers erschienen sein, oder im Jahre 2015 in der Flüchtlingskrise als Boss einer internationalen Schlepperbande oder vielleicht auch als Spin-Doktor im Umfeld des Bundeskanzlerin Merkel. Und in unseren Tagen könnte er vielleicht als Vorstandsvorsitzender eines internationalen Pharmakonzerns oder gar als Virologe erscheinen, was weiß man. Der Teufel schläft jedenfalls nicht, auch wenn wir heutzutage meinen, er sein gewissermaßen in die theologische Pension gegangen.
Das manichäische Erbe, welches auch im Christentum nachwirkt, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Hell und Dunkel, wie wir sie auch aus dem Zarathustra-Kult kennen, existiert auch in unserer Welt, der scheinbar wohlwollenden und sie existiert mit Gewissheit in der uns verborgenen Welt der Geheimgesellschaften. Ob die Templer nun das Grab Christi zu schützen hatten oder doch die alttestamentarische Bundeslade oder gar den heiligen Gral, ob die Freimaurer die Veredelung des Menschen bezweckten oder irgendwelche Logen und Orden anderer Art verborgene Ziele zu verwirklichen trachten, immer ging und geht es doch um Wege, um das Böse zu überwinden und zum Guten zu streben, von der Finsternis ins Licht gewissermaßen.
Nun wird manchen Geheimgesellschaften auch so etwas wie ein Teufelskult, Satanismus eben nachgesagt. Mit diesem Argument etwa vermochte der französische König Philipp IV. im 14. Jahrhundert den Templerorden zu verbieten, die einzelnen Ordensritter zu verfolgen, den Großmeister hinzurichten und deren Vermögen zu beschlagnahmen. Und Verschwörungstheorien unserer Tage – und diese blühen gerade im gewaltigen Maße – gehen zumeist davon aus, dass es so etwas wie einen Generalstab des Bösen gäbe, der dunkle, eben teuflische Ziele verfolge. Ob etwa Bill Gates – mutmaßlich auch so etwas wie eine Inkarnation von Satan – die Menschheit mittels Massen-impfung mit Mikrochips infiltrieren will, ob ein unheiliges Bündnis zwischen Regierungen und Pharmakonzernen mittels Impfzwanges globale Genmanipulationen durchführen will, all das fällt in den Bereich solcher mehr oder minder abstrusen Verschwörungstheorien, die gegenwärtig im Internet massenhaft kursieren.
So wie der Glaube und die Hoffnung die Gottesexistenz konstituieren, so ist es die Angst, die den Teufel gebiert. Angst vor dem Unerklärlichen, Angst vor dem scheinbar Unabwendbaren und die daraus resultierende Flucht in Verschwörungstheorien, die nach Schuldigen und Sündenböcken suchen.
Natürlich nährt die Heimlichtuerei von Geheimgesellschaften, die mangelnde Transparenz, was deren Ziele, deren Mitglieder und deren Riten betrifft, sie betreffen die Verschwörungstheorien. Und manches an den Gerüchten über klandestine Verbindungen und Verhaltensweisen von Geheimgesellschaften mag auch der Realität entsprechen. Da mögen verborgene Netzwerke wirksam werden, wenn es um Karriereförderung, Postenbesetzung oder auch Geschäftsanbahnungen geht. Dies liegt sowohl in der Natur des Menschen als auch im Wesen solcher Gesellschaften, dass man einander unterstützt, fördert und möglicherweise auch vor Angriffen beschützt.
Und die eine oder andere Verschwörungstheorie, die von Mainstreammedien und etablierter Politik abgetan oder gar heftig bekämpft wird, mag auch ganz reale Hintergründe haben. Natürlich gibt es Absprachen zwischen politischen Kräften oder auch in Wirtschaftskreisen, etwa um Wettbewerbsvorteile zu lukrieren oder etwa Bieter-Absprachen, wenn es um öffentliche Ausschreibungen geht. Und natürlich sind beispielsweise, wie gerade die jetzt im Fokus des Interesses stehenden Pharmakonzerne hoch kapitalistische, auf absolute Gewinnmaximierung ausgerichtete Institutionen. Ihnen mag das Wohl der Menschheit, die Gesundheit der Menschen selbst im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen, dessen ungeachtet aber stehen sie im weltweiten Wettbewerb, sind dem kapitalistischen Grundsätzen der freien Marktwirtschaft verpflichtet, sie wollen also in erster Linie Gewinn machen. Und dass dazu vielerlei Mittel und Wege recht und billig sind, möglicherweise jene, die ethischen Grundsätzen und auch gesetzlichen Vorgaben widersprechen, das steht außer Frage.
Und es mag auch internationale diskrete Gesprächsrunden geben, wie etwa das Weltwirtschaftsforum des ominösen Herrn Klaus Schwab, die so etwas wie den „Great Reset“ oder den neuen lenkbaren und manipulierbaren Menschen vielleicht nicht anstreben, so zumindest diskutieren. Gleich ob dies nun maßlos aufgeblasen Gerüchte sind oder ob es nun der Realität entspricht, es wird jedenfalls in den Bereich der Verschwörungstheorien verbannt und damit stigmatisiert.
In Zeiten allgemeiner Bedrängnis und unserer Tage der Pandemie und des damit verbundenen staatlichen Zwangsregimes bis hin zum Lockdowns blühen derlei Verschwörungstheorien in besonderem Maße. Und die Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit und damit das Erkennen von Gut und Böse wird in solchen Tagen der Irrnis besonders schwer. Wem soll man glauben in Zeiten, da das Vertrauen in die Institutionen des Staates und in die etablierten Medienwelt dramatisch und das berechtigt geschrumpft ist? Nicht zufällig wird das Böse, wird der Teufel als der große Versucher betrachtet, und dieses Böse bedarf keines Generalstabs. Es ist gewissermaßen selbstorganisierend und hat über eigendynamische Interessen, die der menschlichen Planung nicht bedürfen. Das sind beispielsweise verschiedenste ökonomische Interessen, eben solche der Gewinnmaximierung, die sich hier bündeln und den Effekt einer generalstabsmäßigen Planung haben.
Wenn etwa derlei ökonomische Interessen mit parteipolitischem Kalkül zusammenfallen, Streben von Machterhalt von einzelnen Parteien und einzelnen Politikern, kann dies eine unheimliche Allianz zeitigen, die ebensowenig der generalstabsmäßigen Planung bedarf, sondern eben durch Eigendynamik funktioniert. Der Verschwörungstheoretiker nunmehr bedarf der Sündenböcke, um derlei Vorgänge erklären zu können. Dabei ist es schlichtweg das Böse, das hier aktiv ist und eigenständige Kraft entfaltet. Der Teufel schläft eben nicht, oder wie es Goethes Mephisto im „Faust“ ausdrückt: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Das kann uns Hoffnung geben.


Wir sind so verletzlich …

15. Dezember 2021

Über die Gefahren unserer Hightech-Zivilisation

Der Wiener Soziologe und Anthropologe Roland Girtler hat einmal bemerkt, dass im Leben der einfachen bäuerlichen Bevölkerung sich seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in wenigen Jahrzehnten mehr geändert habe als im Zeitraum davor von der Jungsteinzeit an. Was die Ernährung, die Arbeitsweise, den Tagesablauf, die Kleidung der Menschen betreffe, sei über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende für diese einfachen bäuerlichen Menschen alles gleich gewesen. Und danach hat die industrielle Revolution in kaum einem halben Jahrhundert nicht nur das Leben der bäuerlichen Bevölkerung, sondern unser aller Leben in einem Maße verändert, das zuvor kaum vorstellbar war.
Noch in den Jahren der Not und des Mangels etwa zischen den beiden Weltkriegen oder in der Nachkriegszeit gab es Möglichkeiten der Selbstversorgung, die den Menschen auch bei Zusammenbruch der staatlichen Versorgung und des Wirtschaftsgefüges das Überleben ermöglichte. Ein paar Hühner, ein paar Kaninchen auf den Balkon, ein Sack Kartoffel im Keller und ein paar Dutzend Krautköpfe, ein Schaffell Sauerkraut und die Milch in der Milchkanne vom Bauern, gekühlt im Winter zwischen den Außen- und Innenfenster und Gemüse aus dem eigenen Garten. Und bei Waldspaziergängen sammelte man Fichtenprügel, die man zu Hause im Keller zerhackte, um den Kanonenofen in der guten Stube zu befeuern. Warme Pullover, Schals, Mützen und Handschuhe wurden selbst gestrickt. Und wenn der Strom ausfiel oder man noch gar keinen hatte, gab es Petroleumlampen und Kerzen. Und statt Radio und Fernsehen in den ambitionierteren Familien allenfalls Hausmusik.
Dieses Maß an Selbstversorgung ermöglichte bis hinein in die 50er Jahre, bis zum Beginn des Wirtschaftswunders auch in Notzeiten ein erträgliches Überleben der Menschen. Gewiss, in den Großstädten, in Wien etwa, war es in den ärgsten Notzeiten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wesentlich schwieriger. Da war der Wienerwald bereits teilweise abgeholzt und die Lebensmittelzuteilungen auf ein Maß reduziert, das zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben bedeutete.
Mit der Technisierung und in der Folge Digitalisierung unseres Lebens bis hinein in die kleinsten privaten Haushalte wurde diese Lebens- und Überlebensmöglichkeit allerdings sukzessive zurückgedrängt, ja sogar völlig ausgeschaltet. In jenen Siedlungsbauten und Wohnblocks, in denen ein Gros der Bevölkerung heute, nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Landstädten lebt, gibt es teilweise nicht einmal mehr Kamine, um im Falle des Ausfalls der diversen „modernen“ Heizungssysteme der winterlichen Kälte zu trotzen und damit ist bei Stromausfall zumeist auch die Unmöglichkeit gegeben zu kochen oder zumindest Wasser zu erhitzen. Gemüsegärten gibt es für die Masse der Bevölkerung überhaupt nicht mehr und das Halten von Kleintieren wurde auf Schmusekatzen und Haushunde reduziert, deren Verzehr erst bei Zuständen möglich wäre, wie sie etwa bei der Belagerung Leningrads im vergangenen Weltkrieg gegeben waren.
Nun gab es in unserer jüngeren zivilisatorischen Entwicklung immer wieder Phasen, wo diese Probleme erkannt wurden und wo es auch zu Gegenbewegungen kam. Die Tendenz in den 70er und 80er Jahren etwa zum „Aussteiger“ zu werden, sich irgendwelchen alternativen Gruppen anzuschließen, die zurück zur Natur, mittels einfacher Landwirtschaft Selbstversorgung pflegen wollten, gab es – zumindest an den Rändern der Gesellschaft. Und in der Ursprungsphase der Grünenbewegung war die Tendenz zurück zur natürlichen Nahrung, zu regionalen Produkten und zu Konsumverzicht ebenfalls feststellbar. Durchgesetzt hat sich dies alles in Summe und in der Breite der Masse der Bevölkerung allerdings nicht.
Diese lebt heute in einem ungeahnt hohen Maße abhängig von modernen, zumeist elektronisch gesteuerten Technologien und umfassenden Versorgungsketten, die den eigenen Lebensbereich weit überschreiten. Beginnend mit der Stromversorgung, die gewissermaßen die Basis für das tägliche Leben darstellt, ohne die es weder Information durch Radio, Fernsehen oder Computer gibt und auch kein Funktionieren der diversen technischen Geräte des Haushalts, ist der moderne Mensch – gleich ob arm oder reich – von Technologie und zentral gesteuerter Versorgung abhängig. Dazu kommt die Tatsache, dass die Lebensmittelversorgung über die Supermärkte ebenso zentral gesteuert ist und bei Ausfall etwa der Stromversorgung durch einen Blackout sehr schnell zusammenbrechen würde. Um diese überregionale Lebensmittelversorgung durch eine regionale zu ersetzen, bräuchte es große organisatorische Maßnahmen und Zeiträume, die im Falle eines Blackouts einfach nicht zur Verfügung stehen würden.
Seit dem Buch des österreichischen Journalisten Mark Elsberg mit dem Titel „Blackout“ können wir uns vorstellen, welche Folgen ein solcher wirklich hätte. Ohne die Dramatik des Romans, die insbesondere von einer Überhitzung der Atomkraftwerke im benachbarten Ausland ausgeht, ist in dem Buch doch eindrucksvoll geschildert, wie nach bereits wenigen Tagen nicht nur die Versorgung zusammenbräche, sondern auch Anarchie ausbrechen könnte. Zu denken gibt nun, dass in den letzten Wochen und Monaten von Medien und staatlichen Stellen das Thema „Blackout“ massiv gespielt wurde. Da gab es Übungen des Bundesheers, Anzeigen-Kampagnen in den Printmedien und diverse Berichte in Funk und Fernsehen. Verschwörungstheoretiker mutmaßten natürlich sofort, dass das nach der Corona-Pandemie die nächste Planung finsterer Mächte darstelle, womit sie die Menschen maßregeln und kujonieren wollten. Nüchternere Beobachter dieser Kampagne wiesen darauf hin, dass tatsächlich unsere hochtechnisierte Gesellschaft so verletzlich und anfällig für Störungen wäre und dass man bereits mehrmals an einem solchen Blackout beziehungsweise an einem flächendeckenden Stromausfall mit viel Glück vorbeigeschrammt wäre.
Und Vertreter des Zivilschutzes, die ohnedies über Jahre und Jahrzehnte zu wenig beachtet wurden, sahen ihre Stunde gekommen und wiesen darauf hin, dass man stärkere und intensivere Maßnahmen setzen müsse, um derlei Gefahren im Falle ihres Auftretens beherrschen zu können.
So wie man in den Jahren des Höhepunktes des Kalten Krieges auch hierzulande Atombunker baute und Schutzräume auch in Einfamilienhäusern, scheint sich nunmehr das Bewusstsein auszubreiten, dass man für einen drohenden Blackout doch in irgendeiner Art vorsorgen müsse. Indessen gibt es im Internet eine breite Szene, die für den Katastrophenfall Ratschläge gibt, die Überlebenspakete anbietet und Selbstversorgung für den Katastrophenfall propagiert.
Nun ist es sicherlich eine Tatsache, dass unsere übertechnisierte Welt mit den sensiblen elektronischen Systemen und den zentralen Störungsstellen im hohen Maße verletzlich ist. Ob dies jetzt nur eine Überlastung des Stromnetzes, ein Atomkraftwerksunfall im benachbarten Ausland oder gar ein Terroranschlag ist, der solch einen Blackout auslösen könnte, ist eine andere Frage. Unter Umständen reicht bereits extrem starker Schneefall, der – wie wir ja wissen – länger andauernden Stromausfall für ganze Täler und Regionen verursachen könnte. Und es bedarf daher nicht des Glaubens an irgendwelche Verschwörungen oder sinisteren Ziele dunkler Mächte, um sich im Sinne des Zivilschutzes gegenüber der Gefahr eines Blackouts zu wappnen.
Dabei wird es naturgemäß kein Zurück in die 50er Jahre und in die Selbstversorgerwirtschaft vergangener Epochen geben können, aber angefangen von der großen gesamtstaatlichen Wirtschaft bis hin zu den privaten Haushalten gäbe es doch Methoden und Mechanismen, die diesbezügliche Anfälligkeit unserer Gesellschaft zu minimieren.
Dies beginnt damit, dass regionale Selbstversorgung verstärkt werden könnte und man in höherem Maße regionale Produkte anbieten und kaufen sollte. Es geht weiter über vernünftige Vorratshaltung der privaten Haushalte und führt hin zu einer neuen Bescheidenheit, die vielleicht nicht Konsumverzicht bedeutet, aber die Fähigkeit zu Einschränkung, zur Beschränkung in der privaten Lebensführung bedeuten könnte.


Eine multipolare Weltordnung

11. November 2021

Der Gegenentwurf zur „one world“

Was war die Welt noch einfach, wie übersichtlich war die Weltpolitik, als es noch die beiden großen Machtblöcke, die US-dominierte NATO und den sowjetbeherrschten Warschauer Pakt gab. Als der freie Westen und der kommunistische Ostblock einander gegenüberstanden. Da war nichts anderes wichtig, der Rest war Dritte Welt und das kommunistische China dämmerte in strikter Isolation dahin. Mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus des Sowjetblocks glaubten manche politische Beobachter, dass nunmehr der Sieg der westlichen Demokratie im globalen Ausmaße bevorstehe, dass es demnach nur eine Supermacht, nämlich die USA mitsamt ihren Verbündeten in Europa und damit die Dominanz der westlichen Demokratie geben werde. Weltweit, so meinte man, müsse sich diese westliche Demokratie durchsetzen und die Zivilreligion der Menschenrechte würde darüber gewissermaßen als letztgültige moralische und ethische Maxime mit globalem gesamtmenschlichem Anspruch schweben. Die gesamte Völkergemeinschaft von den ehemals kommunistischen Sowjetrepubliken bis hin zu den Entwicklungsländern, von den Schwellenländern bis hin zu den islamischen Gottesstaaten, alle, alle müssten sich diesem westlichem Gesellschafts- und Staatsmodell beugen, wobei der Neoliberalismus als Ordnungsmodell, der Freihandel, die freie Marktwirtschaft als ökonomisches System obsiegen würden. „One world“, eine Welt, gleichgeschaltet im Sinne der politischen Korrektheit, würde somit gewissermaßen zum finalen Ziel der Menschheitsgeschichte werden.
Diese durchaus im Sinne des Neoliberalismus und des Spätkapitalismus entwickelte Vorstellung einer neuen Weltordnung war kurioserweise von den kulturkommunistischen Konzepten des neuen Menschen in einer klassenlosen Gesellschaft und der Überwindung ethnischer und kultureller Unterschiede nicht allzu weit entfernt. Beide Konzeptionen, sowohl die neoliberale von der globalen Gleichschaltung der Nationen als auch die kulturkommunistische von der Nivellierung des Individuums an sich, ignorierten die Unterschiedlichkeit und die Vielfalt der Menschen, seiner gesellschaftlichen Entwicklung und seiner kulturellen Eigenheiten. Und beide Konzepte sind im Grund deshalb auch gescheitert.
Im Zuge der beiden ersten Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts hat sich nämlich eine multipolare Welt herauskristallisiert, die sich durch mehrere machtpolitische Zentren, durch eine Vielfalt globaler „Player“ und auch durch völlig unterschiedliche staatspolitische Wertvorstellungen auszeichnet. Zuletzt wurde das Versagen der neoliberalen „One-World“-Konzeptionen am desaströsen Scheitern der US-Politik in Afghanistan deutlich. Und so finden wir neben den westlichen Industriestaaten, neben der traditionellen Super- und Weltmacht USA samt dem nordamerikanischen Flächenstaat Kanada und dem sich integrierenden Europa eine Reihe anderer machtpolitischer Zentren auch diesem Planeten. Wladimir Putins Russland, das sich nach dem Absturz und Zerbrechen des Sowjet-Vielvölkerstaats wieder festigen konnte, spielt hier ebenso eine weltpolitische Rolle wie vor allem das ökonomisch aufstrebende China. Daneben spielt die islamische Welt eine Rolle, die südamerikanischen Schwellenländer rund um Brasilien ebenso, aber auch Indien und der Südkontinent Australien.
Traditionelle und überkommene Ordnungsmodelle wie das britische Commonwealth würden hier zur bloßen historischen Hülle degradiert und bisher bestehende Dominanz, wie sie die USA gemeinsam mit der NATO auszuüben vermochte, wurde relativiert. Natürlich sind die US-Amerikaner nach wie vor die stärkste Militärmacht des Planeten, innere Zerrissenheit aber, struktureller und ökonomischer Niedergang relativieren diese Militärmacht in beträchtlichem Maße. Und die Europäer, die insgesamt noch immer das ökonomische Zentrum des Planeten sein könnten, werden durch zunehmende gesellschaftliche Dekadenz und machtpolitische Mutlosigkeit zum eher zweitrangigen „Player“ in der Weltpolitik.
Bleiben Wladimir Putins Russland und das kommunistische China mit seinem staatskapitalistischen Wirtschaftssystem. Nach dem Zwischenspiel mit Boris Jelzin ist Russland längst auf die weltpolitische Bühne zurückgekehrt und spielt dort eine wichtige und durchaus maßvolle Rolle. Verglichen mit den militärischen Abenteuern der USA, die samt und sonders im Fiasko zu enden pflegen, ist Putins militärisches Engagement beispielsweise in Syrien entsprechend begrenzt, aber effektiv. Der syrische Machthaber Assad vermochte sich nur mit russischer Hilfe zu behaupten. Und was China betrifft, so vermochte das KP-Regime seinen Bürgern durchaus ein gewisses Maß an gesichertem Wohlstand zu gewährleisten und gleichzeitig weltweit zum ökonomischen Rivalen der westlichen Mächte zu werden. Längst hat die Wirtschaftsmacht China einen Status auf Augenhöhe mit den USA und auch mit der Europäischen Union.
Verbunden mit dieser Multipolarität der gegenwärtig real existierenden Weltordnung ist auch eine Pluralität der gesellschaftlichen und ökonomischen Systeme, der Werthaltungen, die hinter den einzelnen Mächten stehen. Das sind einerseits die Demokratien westlicher Prägung, wobei sich schon in den Vereinigten Staaten demokratiepolitische Auflösungserscheinungen zeigen beziehungsweise Spaltungen in die beiden antagonistischen Lager, die auf dem Wege des demokratischen Konsenses nicht mehr überwunden werden können.
Da sind die gesteuerten Demokratien, wie sie etwa in Putins Russland existieren, in qualitativer Hinsicht gar nicht mehr so weit davon entfernt. Und autoritäre Systeme, wie die KP-Diktatur in China oder der islamische Gottesstaat im Iran, oder diverse Oligarchien in Schwellenländern zeigen, dass es hier eine Vielfalt politischer Ordnungssysteme gibt, die mit westlichen oder europäischen Maßstäben nicht zu messen sind. Es dürfte eine Folge des alten, herkömmlichen eurozentrischen Weltbildes sein, dass die Europäer, und in ihrer Folge die US-Amerikaner glaubten, es müssten sich weltweit auch europäische beziehungsweise westliche Wertmaßstäbe und Staatsvorstellungen durchsetzen. Von dieser Vorstellung muss man sich wohl in einer multipolaren Welt verabschieden. Und selbst die angeblich universellen Menschenrechte sind solcherart nur bedingt gültig und durchsetzbar. In der Kastengesellschaft Indiens, in schwarzafrikanischen Staaten mit traditionellen Stammesstrukturen, aber auch in Ländern wie dem kommunistischem Kuba gelten eben andere Maßstäbe. Wer sich in dieser multipolaren Weltordnung durchsetzt, wer die Führungsposition erringt, ist offen. Die globale Hegemonie der USA gehört jedenfalls der Geschichte an, die Pax Amerikana ist Vergangenheit. Deshalb allerdings muss sich längst noch keine chinesische Weltordnung durchsetzen, es könnte vielmehr ein Konzert der Weltmächte entstehen. Und dabei könnten auch neu Weltmächte aufsteigen. Bisherige Regionalmächte wie Indien, der Iran, Brasilien, die Türkei, zeigen deutliche Ambitionen, über ihre bisherigen regionalen Einflusssphären hinauszuwirken.
Für uns Europäer stellt sich die Frage, ob wir in diesem Konzert der Weltmächte, wie es das ­21. Jahrhundert zu prägen scheint, noch eine Rolle spielen. Traditionelle Großmächte wie Frankreich und das Vereinigte Königreich sind angesichts der neuen Maßstäbe auf sich selbst gestellt, auch zu schwach dafür. Deutschland, die führende Wirtschaftsmacht der Europäischen Union, vermeidet es bislang peinlich, überhaupt Machtpolitik gleich welcher Art, zu betreiben. Die Union insgesamt taumelt von einer Krise in die andere und vermag sich nicht wirklich als weltpolitischer und machtpolitischer „Player“ zu etablieren. Und bislang gibt es kaum gegenteilige Tendenzen. Eher schon werden die zentrifugalen Kräfte zwischen den europäischen Mächten wirksamer, da kann der Brexit möglicherweise nur ein erster Schritt gewesen sein. Und dennoch muss man festhalten: Die einzige Chance der europäischen Nationen, sich künftig weltpolitisch zu behaupten, liegt in der Gemeinsamkeit.