Sommer-Sager

9. August 2018

Mit dem politischen Sommerloch ist es so eine Sache. Auf der Weltbühne sorgt US-Präsident Trump immer wieder für Erstaunen, Erregung und Entsetzen. Auf der innenpolitischen Bühne gibt es allerdings kaum Stellungnahmen wesentlicher Politiker. Kanzler Kurz wandert quer durchs Land, Vizekanzler Strache urlaubt mit Familia auf Ibiza, und die Minister sind ebenfalls kaum mit medialen Wortspenden vertreten.
Da schlägt nun die Stunde der eher minder bedeutsamen politischen Figuren. Da darf der Bundespräsident, der sich sonst nach österreichischen Usancen eher in der Rolle des Frühstückdirektors sonnt, bei Festspiel-Eröffnungen und Volksfesten mit sorgenvoller Stirn mahnende Worte an das Volk richten. So wie etwa zuletzt Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele den FPÖ-General Vilimsky wegen dessen Attacken auf EU-Küsserkönig Juncker scholt.
Neben der Mahnungen des Staatsoberhaupts schlägt aber nun auch die Stunde der Künstler der zweiten, dritten und vierten Riege, die bei Pop-Konzerten, Festspiel-Aufführungen und diversen anderen sich ergebenden Möglichkeiten quer durchs Land das Wort ergreifen, um (Un-)Sinniges von sich zu geben. So dieser Tage der von jahrzehntelanger Alkohol- und Drogensucht gezeichnete Altmeister des Austropop, Wolfgang Ambros. Er, der sich trotz bemitleidenswerter Verfassung in den letzten Jahren auf die diversen Musikbühnen schleppte, beweist sich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ und liefert eine bedeutsame Analyse zur innenpolitischen Lage. In der FPÖ, so der Altbarde, gäbe es zweifellos „viele braune Haufen“, und der böse Kanzler Kurz mache „immer das Richtige, weil er inhaltlich nix sagt“, er lasse also jede klare Stellungnahme vermissen.
Nun wissen wir natürlich nicht, was der äußerlich nahezu mumifi zierte Ambros unter „braunen Flecken“ versteht, mutmaßlich aber wohl Fäkalien. Dass er aber des Kanzlers weise Zurückhaltung anprangert, dürfte wohl auf den altlinken Refl ex zurückzuführen sein, wonach bürgerliche Regierungen oder gar konservative oder patriotische schlichtweg zu bekämpfen wären. Damit steht Ambros natürlich mit all seinen Brüdern im Geiste wie etwa Rainhard Fendrich – genau, der mit „I am from Austria“ – auf einer Linie. Fendrich hat ja schon bekanntlich im Zuge der Koalitionsverhandlungen im Herbst aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht und unter Beifall der linkslinken Kulturschickeria und der politisch korrekten rot–grün orientierten Medien die neue Regierungskonstellation attackiert. Das Verständnis der Mehrheit der Österreicher für derlei Aussagen dürfte freilich gering sein.

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Sommertheater

2. August 2018

Die Innenpolitik ist im Urlaubsmodus, der Kanzler macht eine Wanderung quer durch Österreich, um Volksnähe zu demonstrieren, der Vizekanzler betreut seine Patchwork-Familie auf Ibiza, und die Medien kochen Orchideen-Themen hoch, um die Spalten der Gazetten irgendwie zu füllen.
Ein solches Orchideen-Thema ist beispielsweise die vorgebliche Beleidigung des EU-Kommissionspräsidenten Juncker durch den freiheitlichen Delegationsleiter Harald Vilimsky, ob Juncker nun illuminiert war oder wirklich einen Ischias-Anfall hatte oder vielleicht beides gleichzeitig, ist eigentlich nebensächlich. Dass sich aber dann das Staatsoberhaupt auf dieses Thema setzt, um seine pfl ichtgemäße FPÖ-Schelte fortzuführen, ist einigermaßen kurios. Wenn Junggewerkschafter mit Pfl astersteinen den Klassenkampf proben, ist ihn dies keine Bemerkung wert, irgendeine mehr oder minder geschmackvolle Presseaussendungen eines FPÖ-Repräsentanten versetzten hingegen sofort Empörung. Sehr unparteiisch, der Herr Bundespräsident.
Ein weiteres Orchideen-Thema ist die von der Sozialministerin Hartinger-Klein aufgerufene Frage, ob man mit 150 Euro im Monat leben könne. Die Nadelstreifsozialisten, die im Monat 15.000 Euro gewöhnt sind, empören sich natürlich lautstrak, wobei die Frage, ob nach Abzug aller Kosten und bei entsprechender Wohnbeihilfe durch die Wohngemeinde nicht 150 Euro tatsächlich reichen, nicht fair diskutiert wird. Auch ein Thema von unglaublicher Bedeutung, über das man debattiert, ist das Grazer Gerichtsurteil im Identitären-Prozess. Dass sich dort ein Staatsanwalt – noch dazu mit ausdrücklicher Billigung durch das Justizministerium – entblödet hat, eine Handvoll rechter Aktionisten unter dem Mafi a-Paragraph anzuklagen, hat die entsprechende Antwort erhalten: Einen glatten Freispruch nämlich. Und dass dann das Ganze als Blamage für einen politisch-korrekten, offenbar linksausgerichteten Rechtsstaat gewertet werden muss, ist klar, aber auch das ist ein Orchideen-Thema.
Die wirklich wichtigen, die wirklich harten Themen, wie etwa die weitere Eskalation in der Frage der illegalen Migranten über das Mittelmeer, nunmehr über die Iberische Halbinsel oder die Frage, ob es zu einem harten Brexit kommen könnte und damit zu einem gewaltigen Schaden für Europa insgesamt, interessiert die Medien und die Bürger im Urlaubsmodus schon weniger. Die Fußball-WM ist vorüber, nun sind es sommerliche Festspiele zwischen Mörbisch und Bregenz und der Prominentenauftritt in Salzburg, was die Medienkonsumenten umtreibt. Die Innenpolitik selbst, der Parlamentsbetrieb und die Parteipolitik haben Sommerferien. Gottlob, dürfte sich mancher gelernte Österreicher denken.


Die wahren Sieger der Fußball-WM

19. Juli 2018

Frankreich ist Weltmeister – so heißt es zumindest offi ziell. Und auch wenn zwei Tore aufgrund eines nicht gerechtfertigten Elfmeters und eines durch eine Schwalbe herbeigeführten Freistoßes geschenkt waren, so hat die französische Nationalelf Kroatien doch besiegt. Die wahren Weltmeister allerdings sind der Veranstalter Russland, der kleine Balkanstaat Kroatien und die französischen Banlieues.
Wladimir Putins Russland hat von der WM zweifellos in ungeahntem Ausmaß profi tiert. Es hat sich als moderner, gastfreundlicher und gut organisierter Staat präsentiert. Die Spielstätten zwischen Samara und St. Petersburg, Moskau und Königsberg haben modern und effi zient gewirkt. Es gab bei dieser gesamten WM keinerlei Zwischenfälle. Die Welt hat nun zweifellos ein anderes, ein wesentlich freundlicheres Bild von Putins Russland.
Ein weiterer Sieger sind zweifellos die Kroaten. Das kleine Land am Balkan mit seinen gut vier Millionen Einwohnern und einem Team, dass ausschließlich aus autochthonen Kroaten besteht, wurde insgesamt von einer patriotischen, sportlichen Euphorie erfasst, die durch die Niederlage im Endspiel keineswegs geschmälert wurde. So wie das deutsche Sommerwunder von 2006, bei dem die deutsche Elf ja auch nicht Weltmeister wurde, könnte diese Euphorie einen allgemeinen – auch wirtschaftlichen – Aufschwung nach sich ziehen. Kroatien, das bislang ein Auswanderungsland ist, dürfte einen neuen nationalen Optimismus entwickeln.
Und ein weiterer Sieger sind zweifellos die französischen Banlieues, jene Vororte, in denen die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Parallelgesellschaften und sogar in No-Go-Areas eine sozial- und ökonomische Randexistenz führt. Für die jungen Männer aus diesen Banlieues ist der Fußball, ja überhaupt der Sport, ein Weg zur Integration und zur gesellschaftlichen Akzeptanz.
Wenn im Endspiel die französische Mannschaft sechs Schwarzafrikaner aufwies, war dies wohl nur ein Spiegel des demographischen Wandels innerhalb der Grande Nation. Die autochthonen Franzosen sind in der Fußballmannschaft eine Minderheit geworden, sie werden es wahrscheinlich über kurz oder lang auch in der gesamten Bevölkerung sein.
Dennoch waren die Fußballweltmeisterschaften eben Spiele, Wettkämpfe und keine Kämpfe, jedenfalls keine nationalistisch motivierten Kriege. Sie waren natürlich für die Veranstalter ein gewaltiges Geschäft und für die Menschen quer über den Globus ein über Wochen andauerndes Spektakel. Jetzt sind sie vorbei und wir alle wissen, dass sie in vier Jahren mit schöner Regelmäßigkeit wieder kommen, diesmal im arabischen Wüstensand. Gespannt dürfen wir überlegen, wer dann die großen Sieger sein werden.


Migranten-Fußball

6. Juli 2018

Dass die Nationalmannschaft eines schwarzafrikanischen Landes bei dieser Fußball-WM in Russland im Falle eines Torerfolges oder gar eines Sieges ein gemeinsames Tänzchen im zentralafrikanischen Modus zum Besten gibt, ist verständlich und durchaus lustig. Dass dies die Stars der französischen Nationalmannschaft tun, ist hingegen grotesk. Und es macht uns deutlich, wie fragwürdig der Begriff „Nationalmannschaft“ in unseren Tagen geworden ist.
Einerseits gibt es natürlich wirkliche Nationalmannschaften, die Russen etwa oder die Kroaten, die es beide wider Erwarten gegen große Favoriten ins Viertelfi nale geschafft haben. Ihre Mannschaften bestehen tatsächlich und unzweifelhaft aus autochthonen Russen und Kroaten. Interessanterweise auch die Mannschaften von der Iberischen Halbinsel, die Spanier und die Portugiesen, die trotz großer Favoritenrolle allerdings gescheitert sind. Andere Europäer allerdings, die schmählich gescheiterten Deutschen, die bislang erfolgreichen Belgier, die Dänen und eben die Franzosen, aber auch die Schweizer: In ihren Mannschaften ist der Migrationshintergrund der Spieler in zumeist überproportionalem Maße (im Vergleich zur Wohnbevölkerung der jeweiligen Länder) vertreten.
Ob bei den Schweizern überhaupt ein Alpenalemanne oder nur Albaner spielen, ist dem Autor dieser Zeilen jetzt nicht geläufi g. Und ob die im Zeichen der Trikolore antretenden Schwarzafrikaner aus ehemaligen französischen Kolonien stammen, weiß er ebenso nicht. Auffällig ist es jedenfalls, dass nur noch die Ost- und Südosteuropäer Mannschaften mit autochthonen Spielern haben, während das westliche Europa mit Ausnahme der Iberischen Halbinsel Migrantenfußballer aufmarschieren lässt. Woran das nun liegt, dass so viele schwarze Fußballstars die Spielfelder bevölkern, wagen wir an dieser Stelle nicht zu analysieren.
Der zweifellos zunehmende Prozentsatz an schwarzafrikanischer Wohnbevölkerung in den betreffenden europäischen Staaten allein ist als Erklärung nicht ausreichend. Zu mutmaßen, dass es einen biologischen Grund gäbe, dass etwa Schwarzafrikaner schneller laufen könnten als Weiße, wäre zweifellos rassistisch, und die Erklärung, dass eben die Buben in diversen Zuwandererghettos der Pariser Banlieues oder der Londoner Vorstädte wesentlich häufi ger auf der Straße kicken würden als weiße Wohlstandseuropäer, ist alleine auch nicht ausreichend.
Wahrscheinlich sind es alle Faktoren zusammen oder ist auch die simple Möglichkeit, über den Sport, speziell über den Fußball, einen sozialen und ökonomischen Aufstieg zu schaffen. Dass das Ganze allerdings mit einer „Nationalmannschaft“ im klassischen Sinne nur mehr wenig zu tun hat, dürfte jedem Beobachter, der nicht völlig von den Dogmen der Political Correctness verblödet ist, klar sein.


Österreich, alles in allem ein gutes Land…

29. Juni 2018

Können wir es erhalten?

Gesetzt den Fall, ein beliebiger Erdenbürger könnte sich heute, zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes, also im Frühjahr des Jahres 2018, aussuchen, auf welchem Flecken dieses Planeten er gerne leben möchte, so müsste er eigentlich auf Österreich kommen. Alles in allem, von der Landschaft, von den Menschen, von der Kultur, vom Sozialsystem, vom Rechtsgefüge, von der Lebensqualität und allen anderen Kriterien her ist unsere Heimat wahrscheinlich jener Flecken auf diesem Planeten, der am lebens- und liebenswertesten ist. Und das nicht nur für den gelernten Österreicher, der seine Heimat mit einer gewissen Zwangsläufigkeit liebt, sondern tatsächlich nach objektiven Kriterien.
Nach wie vor ist die heimische Naturlandschaft schlicht und einfach zauberhaft. In erster Linie ist Österreich ein Bergland. Nun sind die Alpen das am meisten und lückenlosest durchsiedelte Hochgebirge der Erde. Vor allem im bajuwarischen Bereich hat die bäuerliche Siedlung den alpinen Raum hoch bis über die Waldgrenze durchdrungen. Bergbauern und noch höher gelegene Almwirtschaft haben dieses Hochgebirge, das sich auf österreichischem Territorium an die 4.000 Meter erhebt, kultiviert. Die Ebenen und Flusstäler des Landes sind nicht minder reizvoll. Das fruchtbare Alpenvorland, welches das nördliche Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich prägt, die Ebenen des Marchfeldes und des Weinviertels, das größte inneralpine Talbecken in Kärnten mit seinen Seen und sanften Hügeln, darin verstreut wie Perlen Dörfer und Landstädte.
Diese erlesene Naturlandschaft und ihre Kultivierung ist von Zersiedlung und schrankenlosem Zubetonieren gefährdet. Das Bauernsterben stellt überdies die alpine Kulturlandschaft in Frage, da es schlicht niemanden mehr geben wird, der Hochwälder und Almen kultiviert und bearbeitet. Und die Abwanderung aus den ländlich geprägten Tälern, den Dörfern und kleineren Städten des flachen Landes bedingt ebenso den sukzessiven Verlust der kultivierenden Kraft durch den Menschen.
Droht also eine Zukunft, in der die österreichische Landschaft von verlassenen und verödeten Almen, von ungepflegten Wäldern, dafür aber von auswuchernden Ballungsräumen, brutal zugebauten Seen, von zu Tode gestauten und regulierten Flüssen, dafür aber von verödeten Tälern, Dörfern und Landstädten geprägt ist? In den letzten Jahrzehnten gab es zahllose Programme zur Rettung und Belebung des ländlichen Raums – sowohl auf EU-Ebene als auch auf nationaler österreichischer Ebene. Die Ausdünnung und Verödung dieses ländlichen Raumes schreitet dennoch offenbar unaufhaltsam voran. Dass damit die kultivierte Naturlandschaft Österreichs gefährdet ist, steht außer Frage.

„Österreich – eine Provokation“

Unter diesem Titel werden die Texte, die Andreas Mölzer im letzten halben Jahr zum Thema Österreich geschrieben hat, im Herbst in umfangreicherer und tiefschürfenderer Form als Buch erscheinen. Dieser Text ist der letzte in dieser Reihe.
Das Buch wird über www.ZurZeit.at/Buchladen zu beziehen sein

Dem gegenüber steht das massive Zubetonieren weiterer Fläche des Landes durch Straßen, Industriebauten und Gewerbegebiete sowie eine Zersiedelung, die im Umfeld der Ballungsräume allzu häufig planlos und ohne die Schaffung von quasidörflichen Strukturen vonstattengeht. Während die Täler veröden, wuchern die Vorstädte. Rund um Wien, rund um Linz und Graz, in Kärnten zwischen Villach und Klagenfurt, rund um die Stadt Salzburg und auch um Innsbruck und Bregenz wachsen Vorortsiedlungen ohne Gesicht, ohne Kultur, ohne die Möglichkeit zu menschlicher Kommunikation und vor allem ohne jeglichen architektonisch-baukulturellen Reiz. Ob diese Entwicklung noch zu stoppen ist oder umkehrbar wäre?
Und die Menschen? Was ist mit den Bewohnern dieses nach wie vor schönen Landes? Der autochthone Österreicher mit seinen weitgehend bajuwarischen, in Vorarlberg auch alemannischen sowie in Niederösterreich und im Burgenland auch fränkischen Wurzeln, mit den vielfältigen Einsprengseln aus anderen, benachbarten Nationalitäten, die aus der Monarchie stammen und mit den autochthonen Volksgruppen ist alles in allem ein liebenswerter  Menschenschlag. Begabt und kreativ, aber auch zum Kulturpessimismus und zur Miesmacherei sowie zu Vorurteilen neigend, zweifellos auch mit negativen Eigenschaften behaftet, die allerdings durch eine gewisse Skurrilität auch liebenswert wirken können. Heute ist tendenziell ein Viertel der Wohnbevölkerung von ausländischer Herkunft. Die Gastarbeiterzuwanderung seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und die Massenimmigration, wie sie erst in den Jahren 2015 und 2016 einen apokalyptischen Höhepunkt erreicht hat, sind die Ursachen für diesen großen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund. Familiennachzug und eine höhere Geburtenrate der Zuwanderungsbevölkerung dürften diesen Anteil in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch dramatisch steigern und die Gefahr, dass die autochthone Bevölkerung zur Minderheit im eigenen Land werden kann, ist ganz real gegeben.
Natürlich war Österreich, sowohl die Erste und Zweite Republik als auch das alte Habsburgische Österreich, ein Ein- und Zuwanderungsland. Im Hochmittelalter war es die deutsche Ostsiedlung, die das ursprünglich keltoromanisch und slawisch dünnbesiedelte Land durchdrang. In späteren Jahrhunderten war es der stete Zuzug aus den westlichen, nördlichen deutschen Territorien, der durch die Anziehungskraft der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien bedingt war. Vor dem Ersten Weltkrieg waren es massenhaft Menschen, die in den nicht-deutschen Kronländern der Monarchie kein Auskommen zu finden glaubten, und nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Vertreibung der Volksdeutschen, die hunderttausende Neubürger nach Österreich schwemmte.
Die gegenwärtige Zuwanderung allerdings schwemmt Menschen aus allen Teilen der Welt, häufig auch aus nicht europäischen Bereichen, der Dritten Welt insbesondere, aber auch Menschen aus Anatolien und aus anderen islamischen Weltgegenden nach Österreich. Die Motive für ihre Migration, seien es nun tatsächliche politische und religiöse Verfolgung oder das bloße Streben nach einem ökonomisch besseren Leben, sind vielfältig.
Die moralische und rechtliche Berechtigung, nach Österreich zu kommen, variieren ebenso. Abgesehen davon aber ist es eine Tatsache, dass sich hier erstmals seit Jahrhunderten eine die kritische Masse längst übersteigende Anzahl von Menschen im Lande gesammelt hat, die nicht aus der genetischen Nachbarschaft des europäischen Umfelds stammen, sondern eine völlige Veränderung der biologisch-ethnischen Struktur der Bevölkerung mit sich bringen könnten und überdies von ihrem kulturellen, häufig auch religiösen Hintergrund kaum mehr in unsere Gesellschaft integrierbar, geschweige denn, assimilierbar sind. Da es sich bei diesen Zuwanderern allerdings auch nicht um eine homogene Gruppe handelt, sondern um viele Ethnien und Zuwanderer, ist die Bildung von Parallelgesellschaften, von verschiedensten „Communities“ und Ghettos mit all den sozialen und ökonomischen und sicherheitspolitischen Problemen, die damit verbunden sind, unausweichlich.
Ob also der künftige Österreicher ein ethnisch-kulturelles Amalgam aus der autochthonen Bevölkerung und den diversen Zuwanderungspopulationen von weitgehend südländischem Aussehen, einer Umgangssprache, gemischt aus Pidgin, Englisch und Türkisch-Deutsch sein wird oder ob es zu einer segregierten Gesellschaft kommt, in der sozial und kulturell abgegrenzt einerseits die autochthone Bevölkerung, andererseits die Zuwanderungsethnien in verschiedensten Gemeinschaften nebeneinander und gegeneinander leben, wir wissen es nicht! Wenn in der Bundeshauptstadt Wien die Kinder unter zehn Jahren bereits zu 70 Prozent Migrationshintergrund haben, muss jedenfalls klar sein, dass es in den kommenden ein, zwei Jahrzehnten, also im Grunde im Zeitraum einer Generation, österreichweit zu einer massiven Veränderung der Bevölkerungsstruktur kommen wird. Ob damit der liebenswürdige Volkscharakter, wie er sich in Österreich historisch entwickelt hat – und das sind jetzt natürlich Klischees – erhalten bleiben wird, ist eine andere Frage.
Und damit sind wir bei der Kultur und beim sozialen Gefüge. Natürlich hat Österreich bereits in vergangenen Jahrhunderten vielfältige kulturelle Einflüsse von außen aufgenommen.
Dass tschechisches, slowakisches und polnisches Kulturgut, magyarische Einflüsse, solche vom Balkan und natürlich auch aus dem benachbarten Oberitalien in die österreichische Kultur, in das österreichische Geistesleben eingeflossen sind, dass dieses in hohem Maße von jüdischen intellektuellen Kulturschaffenden mitgeprägt wurde, steht außer Zweifel. Ebenso bewusst sollte uns allerdings sein, dass es „reichsdeutsche“ Einflüsse sonder Zahl gibt, die im alten Österreich, aber auch heute, in der Zweiten Republik, wirkmächtig geworden sind. All das hat jedenfalls das österreichische Geistes- und Kulturleben wesentlich geprägt.
Durch die massive Zuwanderung aus Bereichen, die nicht aus dem mitteleuropäischen, benachbarten Umfeld stammen, dürfte sich das aber nunmehr nachhaltig ändern. Moslemische Werthaltungen und die Einflüsse aus archaischen, nach wie vor patriarchalisch organisierten Gesellschaften könnten unser durch Christentum und Aufklärung nachhaltig geprägtes Geistesleben massiv beeinflussen. So wie im Gesundheitsbereich Keuchhusten und Kinderlähmung nahezu ausgerottet waren, gab es seit vielen Generationen keine Zwangsheirat, keine zu Blutrache gesteigerten Familienfehden und ähnlich Archaisches in unserer Gesellschaft. Nun sind all diese Phänomene zurückgekehrt. Ehrenmorde, Zwangsheiraten, Entrechtung der Frauen und ähnliches sind in den islamischen Parallelgesellschaften an der Tagesordnung, wie es auch übrigens im Gesundheitsbereich wieder das Auftreten von Krankheiten gibt, die man längst vergessen hatte, wie Tuberkulose und ähnliches.
Ob die schöpferische Potenz, die Kreativität dieser Zuwanderungspopulationen ein ähnliches Niveau erreichen wird, wie es im Laufe des jahrhundertelangen Kulturschaffens der autochthonen österreichischen Bevölkerung zustande gebracht wurde, ist ebenso fraglich. Und ob islamische Intellektuelle hierzulande eine Rolle spielen könnten, wie es die jüdischen in der Monarchie und in der Zwischenkriegszeit taten, darf wohl auch bezweifelt werden. Letztlich aber ist noch nicht abzusehen, wie fruchtbar in kultureller und geisteswissenschaftlicher Hinsicht die gegenwärtigen Überschichtungsprozesse sein werden. Kommt es zu einer „Fellachisierung“ der österreichischen Bevölkerung durch überbordende Zuwanderung, Familiennachzug und Kinderreichtum  der Bevölkerung mit Migrationshintergrund  oder können sich durch Integration und Assimilation neue fruchtbare, zivilisatorische und kulturelle Phänomene entwickeln?

Die österreichische Kultur, das österreichische Geistesleben, werden sich verändern.

Was das Sozialgefüge im Lande betrifft, so dürfte unser österreichisch gewachsenes Sozialsystem, das auf der – horribile dictu – „Volksgemeinschafts-Ideologie“ und auf dem Gedanken der Solidargemeinschaft fußt, schon rein mathematisch-statistisch nicht haltbar sein. Der diesem Sozialgefüge zugrunde liegende Generationenvertrag ist nämlich nur dann tragfähig, wenn tatsächlich über Generationen in ein gemeinsames Sozialsystem eingezahlt wird, wenn dafür generationenübergreifend Leistungen erbracht werden. Nur dann ist ein Gesundheitssystem, ein Pensionssystem und die Fürsorge für sozial und beruflich schwächere Schichten und für unverschuldete Armut und Not Geratene gewährleistet. Wenn ein guter Teil oder sogar der Großteil der Gesellschaft neu zu diesem Sozialsystem hinzukommt ohne generationenübergreifende Leistungen dafür zu erbringen, dafür aber überproportional solche Leistungen in Anspruch nimmt, muss dieses Sozialsystem zwangsläufig kollabieren.
Damit fragt sich, ob in einer ethnisch-kulturell segregierten Gesellschaft, die durch Ghettobildungen und Parallelgesellschaften gekennzeichnet ist, nicht auch ein Mehrklassensozialsystem und ein Mehrklassenbildungssystem überhandnimmt. Die alte harmonische und offene Gesellschaft, die Österreich  in den Jahrzehnten der Zweiten Republik prägte, scheint damit Geschichte zu sein.  Trotz all dieser bedenklichen Entwicklungen, die nicht nur möglich, sondern eher sogar wahrscheinlich sind, ist Österreich nach wie vor ein gutes Land.
Vielleicht das Beste in Europa, vielleicht eines der besten auf diesem Planeten. Ein Land, in dem wir leben wollen, für das wir zu arbeiten und zu kämpfen bereit sind. Nicht der typische Pessimismus des gelernten Österreichers sollte uns dabei bewegen, sondern Dankbarkeit für das Gute, Realismus im Hinblick auf die Gefahren und ein optimistischer Glaube in die Fähigkeiten und in das Potential von Land und Leuten. Trotz alledem …


Euro-Masochismus

27. Juni 2018

In einem interessanten Kommentar hat dieser Tage Ernst Sittinger dargestellt, dass es gegenwärtig quer durch Europa zwei Lager gäbe; das eine symbolisiert durch die neue spanische Regierung mit ihrer neuen Willkommenskultur, das andere repräsentiert durch Matteo Salvini und die neue harte italienische Flüchtlingspolitik. Er attestiert dabei Salvini, dem bayerischen Ministerpräsidenten Söder, unserem Bundeskanzler Kurz und Vizekanzler Strache gute Argumente: Die „Verfechter der Abschottung Europas“, hätten nicht nur „die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich“, ihre „Idee, Auffanglager zu bauen und Asylanträge nur von außerhalb Europas zuzulassen, würde gegenüber dem Istzustand weniger Schlepperei, weniger Lebensgefahr im Mittelmeer und noch dazu ein Mehr an Rechtstaatlichkeit in Europa bringen. Nur sollten wir uns nicht in die eigene Tasche lügen: Anklang findet der Plan vor allem deshalb, weil er die Lasten der globalen Flucht- und Wanderströme von den Gestaden Europas zurück nach Nordafrika schiebt“, das sei „leider keine Grundlage für globalen Frieden“.
Und weiter meint Sittinger und darum geht es: „Europas Wohlstand, der global Menschen anlockt, steht auf dem Treibsand des ökonomischökologischen Raubbaus in der südlichen Hemisphäre, diesem Makel müssen wir uns irgendwann stellen, auf Dauer wird es nicht reichen, die Tore für Wohlstandsmigranten zu schließen“. Und damit sind wir bei einer Haltung, die selbst bei den Vertretern der „Achse der Willigen“ nach wie vor verbreitet ist: Wir seien schuld am Elend Afrikas und überhaupt der südlichen Hemisphäre und hätten deswegen letztlich Zuwanderung zu akzeptieren.

Wir sind nicht reich, weil wir Afrika ausbeuten, sondern weil wir fleißig sind.

Ist das wirklich so? Ist beispielsweise Österreich relativ reich, weil unsere Wirtschaft Afrika ausbeutet? Das mag vielleicht für multinationale Konzerne gelten, unser Land aber – wie auch der deutsche Nachbar – ist reich, weil die Menschen nach 1945 mit großer Mühe, unter Blut, Schweiß und Tränen das Land wieder aufgebaut haben. Unser Land ist reich, weil der durchschnittliche Österreicher 50 Jahre seines Lebens zur Arbeit geht, Frauen wie Männer jährlich circa nahezu 50 Wochen arbeiten. Er hält seinen Haushalt in Ordnung, räumt den Dreck weg, auch auf der Straße vor seinem Vorgarten, erzieht seine Kinder und verhält sich insgesamt zivilisiert.
Nun sagen die politisch-korrekten Bedenkenträger, ja, in Afrika gibt es ja keine Arbeit. Ihren Dreck wegräumen, Plastikmüll von der Straße und aus den Gräben aufheben, das könnten aber auch Arbeitslose. Wer die Länder Afrikas einigermaßen kennt, weiß, dass sie in Dreck und Abfall versinken, und daran sind weder die multinationalen Konzerne, geschweige denn die Europäerschuld.
Und wir werden die Probleme der Armut in Afrika auch nicht dadurch lösen, dass wir die energischsten Afrikaner nach Europa kommen  lassen, allenfalls werden wir damit dafür sorgen, dass es in Europa in Zukunft afrikanische Zustände gibt. Deshalb muss man den Verfechtern der Abschottung  Europas eines ins Stammbuch schreiben: Zuwanderung kann es nur mehr in äußerst geringem  und selektivem Maße geben, gesteuert durch den  tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft – hier kann es nicht um Billig-Arbeitskräfte gehen – und nach dem Kriterium der Integrierbarkeit der Zuwanderer. Allen anderen Menschen kann man Hilfestellung bieten. Die Einrichtung von Schutzzonen für Asylsuchende außerhalb Europas ist sinnvoll.  Nur muss man den Menschen klar machen, dass das keine Transitcamps für die Eintrittskarte nach Europa, sondern dass das der Aufenthalt für jene ist, die Schutz brauchen vor kriegerischer, politischer, religiöser und rassischer Verfolgung. Und wenn der Schutzgrund wegfällt, kehren sie aus dieser geschützten und versorgten Schutzzone zurück in ihre Heimatländer und nicht nach Europa.


Österreichs gespaltene Zivilgesellschaft

22. Juni 2018

Die Zivilgesellschaft, das ist ein Faktor in den westlichen Demokratien, der immer bedeutsamer wird. Ein Faktor, der neben den gewählten Volksvertretungen, neben den Parlamenten also, mitentscheiden und mitbestimmen will in den gesellschaftlichen Abläufen und Prozessen. Ein Faktor, der für das Alltagsleben der Menschen häufi g ebenso wichtig ist wie die Familie, der Beruf und wie die ganz reale offi zielle Politik.
In Österreich ist diese Zivilgesellschaft, wenn wir bei diesem Terminus bleiben wollen, eine höchst zwiespältige: Da gibt es einerseits die zeitgeistgemäßen und politisch korrekten „NGOs“, in denen sich die Kulturschickeria, Meinungsmacher und antifaschistische Bedenkenträger tummeln, jene Kräfte, die sich auf der Höhe des Zeitgeists natürlich als die eigentliche und alleinige Zivilgesellschaft  betrachten. Und dann gibt es da die vielen Vereine und Vereinigungen, wo Freiwilligenarbeit geleistet wird, die Feuerwehren, die Vereinigungen des Zivilschutzes sowie schließlich die Vereine, die Volkskultur und Brauchtum pfl egen, Blaskapellen, Chöre, Trachtenvereine usw.
Die zeitgeistig schicke Zivilgesellschaft belächelt natürlich die andere Facette der österreichischen Zivilgesellschaft, die Brauchtumsvereine, die Freiwilligen-Organisationen. Oder sie verachtet sie sogar und hält sie insgeheim für einen Hort reaktionären Denkens und tendenziell faschistoider Blut- und Bodenideologie. Und doch sind Millionen Österreicher in dieser wertkonservativen Zivilgesellschaft, in den Brauchtumsvereinen und in den Freiwilligen-Organisationen tätig und sie leisten in letzteren eine wichtige soziale Aufgabe und in den ersteren eine kulturelle Arbeit, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Die linke „Civil Society“ – Betrachten wir zuerst einmal die zeitgeistige, eher links gepolte Zivilgesellschaft. Am lautstärksten ist sie dort, wo es gilt, den gesellschaftspolitischen ach so wichtigen „Kampf gegen Rechts“ gegen faschistoide Tendenzen, gegen Rechtspopulismus und all das zu führen. Wer entsinnt sich nicht des indessen sanft entschlafenen „Republikanischen Klubs“, der seinerzeit das Holzpferd gegen Bundespräsident Kurt Waldheim präsentierte?
Oder wer kennt ihn nicht, den einigermaßen obsessiven Herrn Alexander Pollak, der seinen Verein „SOS-Mitmensch“ ganz im Stil einer religiösen Sekte führt und als unermüdlicher Warner – wenn es sein muss auch ganz allein, mit selbst gezimmerten Warntafeln – gegen das Wiedererstarken des rot-weiß-roten Faschismus kämpft. Und wer kennt sie nicht, all die Schriftsteller, die sich politisch korrekt bei jeder Unterschriftenaktion gegen den Rechtspopulismus rund um den Vorarlberger Literaten Michael Köhlmeier gruppieren? Oder die linken Kabarettisten, die sich in Österreich nahezu als Hochadel der Kulturschickeriafühlen.
Sie bilden die Crème de la Crème der linken politisch korrekten Zeitgeist-Zivilgesellschaft und sie sind es, die die Unterstützungskomitees für Grüne oder sozialdemokratische Politiker zieren. Und sie sind es – was noch viel wichtiger ist –, die bislang die Listen der staatlichen Subventionen und Förderungen mit ihren Namen anführten.
Insbesondere die Antifa-Szene, die sich beispielsweise in der Organisation diverser Großdemonstrationen etwa gegen den Ball der Wiener Studentenverbindungen oder ähnlicher Anlässe hervortut, gestützt früher vom grünen Parlamentsklub oder der österreichischen Hochschülerschaft, sie gehört auch zu diesem Bereich der zeitgeistigen Zivilgesellschaft.
Dann sind da Organisationen wie das „Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands“ oder das „Mauthausen Komitee“, die beinahe schon den offiziösen Charakter staatlicher Tugendwächter-Vereine haben, die in dieser Zivilgesellschaft eine große Rolle spielen.
Und natürlich jene Vereine, die die Willkommenskultur des Landes zelebrieren und sich die Betreuung von echten oder auch nur Scheinasylanten aufs Panier geschrieben haben. „SOS-Asyl“, die Caritas und viele nachgeordnete Vereine bilden diesen Teil der Zivilgesellschaft, der im Übrigen zumeist in den vergangenen Jahren auch hochsubventioniert war. Wie viele Österreicher in diesem Bereich der Zivilgesellschaft engagiert sind, ist eine andere Frage. Es ist wohl eher jene Minderheit, die sich als linke Intelligenzija versteht und den spätlinken Zeitgeist, angeführt von den in die Jahre gekommen Alt-68ern, repräsentiert.
Die Freiwilligen – Stützen der Gesellschaft – Ganz anders verhält es sich mit jenem Bereich der österreichischen Zivilgesellschaft, der in der Freiwilligenarbeit Leistungen für Land und Leute erbringt.
Wenn man sich allein das österreichische System der Freiwilligen Feuerwehren vergegenwärtigt, das flächendeckend quer übers Land zehntausende von Bürgern vereint, die in Notfällen bestens ausgebildet und technisch gut ausgerüstet bei Unfällen, Bränden und anderen Katastrophen stets bereitstehen, weiß man, wie wichtig diese Freiwilligenarbeit ist. Natürlich ist damit auch ein sozialer Faktor gegeben, da in diesen Freiwilligen-Verbänden, eben beispielsweise bei der Freiwilligen Feuerwehr, auch Gemeinschaft und Geselligkeit praktiziert werden. Gerade in kleineren Kommunen ist die Feuerwehr häufig auch der gesellschaftliche Mittelpunkt des dörflichen Lebens und mit der Mitgliedschaft beziehungsweise der Leistung in dieser Feuerwehr ist auch ein gewisses Sozialprestige verbunden.
Ähnlich ist es natürlich bei anderen Zivilschutzorganisationen, bei der Wasserrettung, beim Roten Kreuz, bei der Bergrettung und in vielen anderen Bereichen. Weitestgehend ehrenamtlich investieren zahlreiche Österreicher Zeit, Mühe und Idealismus in diese Freiwilligen-Tätigkeiten, ohne die viele Bereiche der Gesellschaft auch nicht funktionieren würden.
Außerdem ist es mit bezahlten Hilfsdiensten, in denen sogenannte „Profis“ dieselben Leistungen erbringen sollen wie die Freiwilligen, häufig unmöglich, die Quantität der Freiwilligendienste zu ersetzen. Gewiss, in den großen Städten Österreichs gibt es auch wie in den anderen europäischen Ländern Berufsfeuerwehren, die sich natürlich aus gutbezahlten professionellen Kräften zusammensetzen. Die gleiche flächendeckende Effizienz, wie sie die Freiwilligen Feuerwehren bieten, könnte man landesweit aber gar nicht finanzieren.
Nicht zu unterschätzen ist der altruistische und idealistische Ansatz dieser Freiwilligenarbeit: Zumeist handelt es sich ja um Hilfestellungen im Katastrophenfall, bei Unfällen oder, was Rettungsdienste betrifft, im Krankheitsfalle. Und im dörflichen Bereich ist beispielsweise der Dienst in der Feuerwehr auch eine Form der Nachbarschaftshilfe, nach dem Motto: „Wenn es bei uns im Dorf brennt, helfen wir alle zusammen“. Das besagt nicht mehr und nicht weniger, als dass diese Freiwilligen-Dienste, die in Österreich in großer Masse quer durch das Land geleistet werden, ein Ausdruck von humanistischer Gesinnung im besten Sinne des Wortes sind. Die Volkskultur-Vereine – Ein weiterer und überaus bedeutsamer Bereich dieser – nennen wir es wertkonservativen – Vereinigungen der österreichischen Zivilgesellschaft sind die vielen Volkstums-, Brauchtums- und traditionellen Kulturvereinigungen: Von den Tiroler Schützen bis zu den zahllosen Musikkapellen, die es quer durch Österreich gibt, von den vielen Chören über Volkstanzgruppen bis zu Kirchtagsvereinigungen und Faschingsgilden reicht das Spektrum im österreichischen Vereinswesen, das traditionelles Brauchtum, historisch gewachsene Volkskultur, Sitten und Bräuche des Landes und seiner Leute pflegt und in die Zukunft trägt. Hunderttausende Österreicher sind in diesem Bereich der Zivilgesellschaft engagiert und tätig, ihre kulturelle Identität wird dadurc wesentlich geprägt.
Traditionsbewusstsein wird dort gemeinsam mit geselligem Beisammensein, eben mit traditioneller Gemeinschaft, gepflegt. Die „Oberlandler“ in der Steiermark, die Villacher „Bauerngman“, der Arnoldsteiner Grenzland-Chor, die diversen Bürgergarden, die eine oder andere Jugendblaskapelle, sie alle sind Teil einer spezifisch österreichischen Zivilgesellschaft, die das Land prägt. Außerdem sind die Chöre, die Kapellen und Orchester der Humus für künstlerische Leistungen von Weltformat. Ein Land, in dem zehntausende Menschen Musik machen, bringt mit einer gewissen Zwangsläufigkeit eben auch das eine oder andere Musikgenie hervor und so sind wahrscheinlich ein Mozart, ein Schubert, so sind die Gebrüder Strauß nicht denkbar ohne die vielen Menschen, die musizieren, Instrumente lernen und in Chören singen.
In vermeintlich ach so progressiven Zeiten, die von kultureller Globalisierung geprägt sind, mag diese Pflege von traditioneller Volkskultur für viele reaktionär, ja gestrig anmuten. Sie ist aber identitätsstiftend für Österreich. Natürlich wird sie auch in einem Fremdenverkehrsland touristisch benützt, bisweilen sogar missbraucht, der eine oder andere „Tiroler Abend“ in der alpinen Gastronomie und Hotellerie mag für den kritischen Zeitgenossen unerträglich sein.
Und zwischen Volksmusik und volkstümlicher Musik, bisweilen auch „volksdümmlicher Musik“, ist zweifellos ein Riesenunterschied. Dennoch sind auch jene Österreicher, die der trivialen volkstümlichen Musik und Kultur anhängen, Menschen, die eine gewisse Wertehaltung und auf jeden Fall Heimatbindung aufweisen. Dass damit eine nicht zu unterschätzende Unterhaltungsindustrie auch ihr Geschäft macht, ist eine andere Sache. Einen besonderer Bereich der konservativen, traditionellen und historisch gewachsenen Zivilgesellschaft stellen die heftig angefeindeten studentischakademischen Korporationen, die Burschenschaften, Corps, Landsmannschaften und Sängerschaften dar. Sie, die wie auch alle anderen Bereiche des traditionellen Vereinswesens auf das 19. Jahrhundert und die Zeit nach dem Erkämpfen der Vereins- und Versammlungsfreiheit zurückgehen, sind durch ihre vaterländisch-patriotische, auf den alten Deutschnationalismus zurückgehende Haltung sowie durch die studentische Mensur und ein altes vaterländisches Liedgut für viele Zeitgenossen heute unverständlich.
Durch ihre Verknüpfung über lange Jahre mit einer fundamental-oppositionellen politischen Partei sind sie überdies in die tagespolitische Auseinandersetzung gezerrt worden. Ebenso aber wie der klerikale Cartellverband es für den Bereich der Volkspartei darstellt, sind eben diese nationalfreiheitlichen Korporationen für die Freiheitliche Partei Elite-Reservoirs und akademisches Potential und deshalb ein gesellschaftspolitisch nicht zu unterschätzender Faktor.
Aufgeführt müssen in diesem Zusammenhang auch noch die vielen Turn- und Sportvereine werden, die es quer durchs Land gibt. Ursprünglich war es das auf den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn zurückgehende Turnen, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Österreich Verbreitung fand. Heute stehen dem österreichischen Turnerbund, der Nachfolge-Organisation der deutschen Turnvereine, längst ein eher ÖVP-naher Verband und eine SPÖ-naher Verband, die beide ebenfalls Turnvereine zusammenfassen, gegenüber. Abgesehen aber von solchen Parteipräferenzen ist die idealistische Arbeit im Sinne der Volksgesundheit, die von diesen Vereinigungen geleistet wird, nicht zu unterschätzen.
Ein weiterer Bereich einer wirklich gemeinnützigen und allgemein beliebten Zivilgesellschaft sind die zahlreichen Sportvereine: Keine österreichischen Gemeinde, die nicht einen Fußballklub hätte, wobei Österreich natürlich kein Fußballland mehr im althergebrachten – oder heute im lateinamerikanischen – Sinne ist, wo die Buben auf der Straße ständig Fußball spielen. Es ist aber nach wie vor ein Land des Vereinsfußballs. Dass dabei die Liebe zum runden Leder oft den internationalen Erfolg überragt, ist eine ganz andere Sache. Dennoch sind die Sport- und Fußballvereine – wobei auch jede Menge anderer Sportarten betrieben werden – ein wichtiger Faktor des zivilen österreichischen Alltagslebens. Junge Österreicher lernen dort Teamgeist, Zusammenarbeit und Leistungsbereitschaft.
Vielleicht ist diese Vielfalt der traditionellen, aber auch der zeitgeistigen Zivilgesellschaft mit ihren zahllosen Vereinen, Vereinigungen, Klubs und Zirkeln ein typischer Ausdruck deutscher und auch österreichischer Vereinsmeierei.
Tatsächlich spielt sich aber das gesellschaftliche Leben der Österreicher neben der Familie und dem beruflichen Umfeld, fernab der hohen Politik und auch der Hochkultur, fernab von gesellschaftlichen Events wie den Salzburger Festspielen oder den Wiener Festwochen, im Kleinen und im Alltag in diesen zivilgesellschaftlichen Vereinigungen ab.
Sie sind ein wesentlicher Faktor, in dem die Menschen  sozialisiert werden. Sie sind ein Faktor eines gesellschaftlichen geselligen Zusammenlebens, sie schaffen ihnen Identität und Identifikation, sie fordern Idealismus und auch Altruismus gegenüber den Mitbürgern, gegenüber den Nachbarn und allgemein gegenüber den Mitbürgern. Wir Österreicher sind Vereinsmeier – und das ist gut so.