Sommer-Sager

9. August 2018

Mit dem politischen Sommerloch ist es so eine Sache. Auf der Weltbühne sorgt US-Präsident Trump immer wieder für Erstaunen, Erregung und Entsetzen. Auf der innenpolitischen Bühne gibt es allerdings kaum Stellungnahmen wesentlicher Politiker. Kanzler Kurz wandert quer durchs Land, Vizekanzler Strache urlaubt mit Familia auf Ibiza, und die Minister sind ebenfalls kaum mit medialen Wortspenden vertreten.
Da schlägt nun die Stunde der eher minder bedeutsamen politischen Figuren. Da darf der Bundespräsident, der sich sonst nach österreichischen Usancen eher in der Rolle des Frühstückdirektors sonnt, bei Festspiel-Eröffnungen und Volksfesten mit sorgenvoller Stirn mahnende Worte an das Volk richten. So wie etwa zuletzt Alexander Van der Bellen bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele den FPÖ-General Vilimsky wegen dessen Attacken auf EU-Küsserkönig Juncker scholt.
Neben der Mahnungen des Staatsoberhaupts schlägt aber nun auch die Stunde der Künstler der zweiten, dritten und vierten Riege, die bei Pop-Konzerten, Festspiel-Aufführungen und diversen anderen sich ergebenden Möglichkeiten quer durchs Land das Wort ergreifen, um (Un-)Sinniges von sich zu geben. So dieser Tage der von jahrzehntelanger Alkohol- und Drogensucht gezeichnete Altmeister des Austropop, Wolfgang Ambros. Er, der sich trotz bemitleidenswerter Verfassung in den letzten Jahren auf die diversen Musikbühnen schleppte, beweist sich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ und liefert eine bedeutsame Analyse zur innenpolitischen Lage. In der FPÖ, so der Altbarde, gäbe es zweifellos „viele braune Haufen“, und der böse Kanzler Kurz mache „immer das Richtige, weil er inhaltlich nix sagt“, er lasse also jede klare Stellungnahme vermissen.
Nun wissen wir natürlich nicht, was der äußerlich nahezu mumifi zierte Ambros unter „braunen Flecken“ versteht, mutmaßlich aber wohl Fäkalien. Dass er aber des Kanzlers weise Zurückhaltung anprangert, dürfte wohl auf den altlinken Refl ex zurückzuführen sein, wonach bürgerliche Regierungen oder gar konservative oder patriotische schlichtweg zu bekämpfen wären. Damit steht Ambros natürlich mit all seinen Brüdern im Geiste wie etwa Rainhard Fendrich – genau, der mit „I am from Austria“ – auf einer Linie. Fendrich hat ja schon bekanntlich im Zuge der Koalitionsverhandlungen im Herbst aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht und unter Beifall der linkslinken Kulturschickeria und der politisch korrekten rot–grün orientierten Medien die neue Regierungskonstellation attackiert. Das Verständnis der Mehrheit der Österreicher für derlei Aussagen dürfte freilich gering sein.

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Sommertheater

2. August 2018

Die Innenpolitik ist im Urlaubsmodus, der Kanzler macht eine Wanderung quer durch Österreich, um Volksnähe zu demonstrieren, der Vizekanzler betreut seine Patchwork-Familie auf Ibiza, und die Medien kochen Orchideen-Themen hoch, um die Spalten der Gazetten irgendwie zu füllen.
Ein solches Orchideen-Thema ist beispielsweise die vorgebliche Beleidigung des EU-Kommissionspräsidenten Juncker durch den freiheitlichen Delegationsleiter Harald Vilimsky, ob Juncker nun illuminiert war oder wirklich einen Ischias-Anfall hatte oder vielleicht beides gleichzeitig, ist eigentlich nebensächlich. Dass sich aber dann das Staatsoberhaupt auf dieses Thema setzt, um seine pfl ichtgemäße FPÖ-Schelte fortzuführen, ist einigermaßen kurios. Wenn Junggewerkschafter mit Pfl astersteinen den Klassenkampf proben, ist ihn dies keine Bemerkung wert, irgendeine mehr oder minder geschmackvolle Presseaussendungen eines FPÖ-Repräsentanten versetzten hingegen sofort Empörung. Sehr unparteiisch, der Herr Bundespräsident.
Ein weiteres Orchideen-Thema ist die von der Sozialministerin Hartinger-Klein aufgerufene Frage, ob man mit 150 Euro im Monat leben könne. Die Nadelstreifsozialisten, die im Monat 15.000 Euro gewöhnt sind, empören sich natürlich lautstrak, wobei die Frage, ob nach Abzug aller Kosten und bei entsprechender Wohnbeihilfe durch die Wohngemeinde nicht 150 Euro tatsächlich reichen, nicht fair diskutiert wird. Auch ein Thema von unglaublicher Bedeutung, über das man debattiert, ist das Grazer Gerichtsurteil im Identitären-Prozess. Dass sich dort ein Staatsanwalt – noch dazu mit ausdrücklicher Billigung durch das Justizministerium – entblödet hat, eine Handvoll rechter Aktionisten unter dem Mafi a-Paragraph anzuklagen, hat die entsprechende Antwort erhalten: Einen glatten Freispruch nämlich. Und dass dann das Ganze als Blamage für einen politisch-korrekten, offenbar linksausgerichteten Rechtsstaat gewertet werden muss, ist klar, aber auch das ist ein Orchideen-Thema.
Die wirklich wichtigen, die wirklich harten Themen, wie etwa die weitere Eskalation in der Frage der illegalen Migranten über das Mittelmeer, nunmehr über die Iberische Halbinsel oder die Frage, ob es zu einem harten Brexit kommen könnte und damit zu einem gewaltigen Schaden für Europa insgesamt, interessiert die Medien und die Bürger im Urlaubsmodus schon weniger. Die Fußball-WM ist vorüber, nun sind es sommerliche Festspiele zwischen Mörbisch und Bregenz und der Prominentenauftritt in Salzburg, was die Medienkonsumenten umtreibt. Die Innenpolitik selbst, der Parlamentsbetrieb und die Parteipolitik haben Sommerferien. Gottlob, dürfte sich mancher gelernte Österreicher denken.


Migranten-Fußball

6. Juli 2018

Dass die Nationalmannschaft eines schwarzafrikanischen Landes bei dieser Fußball-WM in Russland im Falle eines Torerfolges oder gar eines Sieges ein gemeinsames Tänzchen im zentralafrikanischen Modus zum Besten gibt, ist verständlich und durchaus lustig. Dass dies die Stars der französischen Nationalmannschaft tun, ist hingegen grotesk. Und es macht uns deutlich, wie fragwürdig der Begriff „Nationalmannschaft“ in unseren Tagen geworden ist.
Einerseits gibt es natürlich wirkliche Nationalmannschaften, die Russen etwa oder die Kroaten, die es beide wider Erwarten gegen große Favoriten ins Viertelfi nale geschafft haben. Ihre Mannschaften bestehen tatsächlich und unzweifelhaft aus autochthonen Russen und Kroaten. Interessanterweise auch die Mannschaften von der Iberischen Halbinsel, die Spanier und die Portugiesen, die trotz großer Favoritenrolle allerdings gescheitert sind. Andere Europäer allerdings, die schmählich gescheiterten Deutschen, die bislang erfolgreichen Belgier, die Dänen und eben die Franzosen, aber auch die Schweizer: In ihren Mannschaften ist der Migrationshintergrund der Spieler in zumeist überproportionalem Maße (im Vergleich zur Wohnbevölkerung der jeweiligen Länder) vertreten.
Ob bei den Schweizern überhaupt ein Alpenalemanne oder nur Albaner spielen, ist dem Autor dieser Zeilen jetzt nicht geläufi g. Und ob die im Zeichen der Trikolore antretenden Schwarzafrikaner aus ehemaligen französischen Kolonien stammen, weiß er ebenso nicht. Auffällig ist es jedenfalls, dass nur noch die Ost- und Südosteuropäer Mannschaften mit autochthonen Spielern haben, während das westliche Europa mit Ausnahme der Iberischen Halbinsel Migrantenfußballer aufmarschieren lässt. Woran das nun liegt, dass so viele schwarze Fußballstars die Spielfelder bevölkern, wagen wir an dieser Stelle nicht zu analysieren.
Der zweifellos zunehmende Prozentsatz an schwarzafrikanischer Wohnbevölkerung in den betreffenden europäischen Staaten allein ist als Erklärung nicht ausreichend. Zu mutmaßen, dass es einen biologischen Grund gäbe, dass etwa Schwarzafrikaner schneller laufen könnten als Weiße, wäre zweifellos rassistisch, und die Erklärung, dass eben die Buben in diversen Zuwandererghettos der Pariser Banlieues oder der Londoner Vorstädte wesentlich häufi ger auf der Straße kicken würden als weiße Wohlstandseuropäer, ist alleine auch nicht ausreichend.
Wahrscheinlich sind es alle Faktoren zusammen oder ist auch die simple Möglichkeit, über den Sport, speziell über den Fußball, einen sozialen und ökonomischen Aufstieg zu schaffen. Dass das Ganze allerdings mit einer „Nationalmannschaft“ im klassischen Sinne nur mehr wenig zu tun hat, dürfte jedem Beobachter, der nicht völlig von den Dogmen der Political Correctness verblödet ist, klar sein.


Österreich, alles in allem ein gutes Land…

29. Juni 2018

Können wir es erhalten?

Gesetzt den Fall, ein beliebiger Erdenbürger könnte sich heute, zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes, also im Frühjahr des Jahres 2018, aussuchen, auf welchem Flecken dieses Planeten er gerne leben möchte, so müsste er eigentlich auf Österreich kommen. Alles in allem, von der Landschaft, von den Menschen, von der Kultur, vom Sozialsystem, vom Rechtsgefüge, von der Lebensqualität und allen anderen Kriterien her ist unsere Heimat wahrscheinlich jener Flecken auf diesem Planeten, der am lebens- und liebenswertesten ist. Und das nicht nur für den gelernten Österreicher, der seine Heimat mit einer gewissen Zwangsläufigkeit liebt, sondern tatsächlich nach objektiven Kriterien.
Nach wie vor ist die heimische Naturlandschaft schlicht und einfach zauberhaft. In erster Linie ist Österreich ein Bergland. Nun sind die Alpen das am meisten und lückenlosest durchsiedelte Hochgebirge der Erde. Vor allem im bajuwarischen Bereich hat die bäuerliche Siedlung den alpinen Raum hoch bis über die Waldgrenze durchdrungen. Bergbauern und noch höher gelegene Almwirtschaft haben dieses Hochgebirge, das sich auf österreichischem Territorium an die 4.000 Meter erhebt, kultiviert. Die Ebenen und Flusstäler des Landes sind nicht minder reizvoll. Das fruchtbare Alpenvorland, welches das nördliche Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich prägt, die Ebenen des Marchfeldes und des Weinviertels, das größte inneralpine Talbecken in Kärnten mit seinen Seen und sanften Hügeln, darin verstreut wie Perlen Dörfer und Landstädte.
Diese erlesene Naturlandschaft und ihre Kultivierung ist von Zersiedlung und schrankenlosem Zubetonieren gefährdet. Das Bauernsterben stellt überdies die alpine Kulturlandschaft in Frage, da es schlicht niemanden mehr geben wird, der Hochwälder und Almen kultiviert und bearbeitet. Und die Abwanderung aus den ländlich geprägten Tälern, den Dörfern und kleineren Städten des flachen Landes bedingt ebenso den sukzessiven Verlust der kultivierenden Kraft durch den Menschen.
Droht also eine Zukunft, in der die österreichische Landschaft von verlassenen und verödeten Almen, von ungepflegten Wäldern, dafür aber von auswuchernden Ballungsräumen, brutal zugebauten Seen, von zu Tode gestauten und regulierten Flüssen, dafür aber von verödeten Tälern, Dörfern und Landstädten geprägt ist? In den letzten Jahrzehnten gab es zahllose Programme zur Rettung und Belebung des ländlichen Raums – sowohl auf EU-Ebene als auch auf nationaler österreichischer Ebene. Die Ausdünnung und Verödung dieses ländlichen Raumes schreitet dennoch offenbar unaufhaltsam voran. Dass damit die kultivierte Naturlandschaft Österreichs gefährdet ist, steht außer Frage.

„Österreich – eine Provokation“

Unter diesem Titel werden die Texte, die Andreas Mölzer im letzten halben Jahr zum Thema Österreich geschrieben hat, im Herbst in umfangreicherer und tiefschürfenderer Form als Buch erscheinen. Dieser Text ist der letzte in dieser Reihe.
Das Buch wird über www.ZurZeit.at/Buchladen zu beziehen sein

Dem gegenüber steht das massive Zubetonieren weiterer Fläche des Landes durch Straßen, Industriebauten und Gewerbegebiete sowie eine Zersiedelung, die im Umfeld der Ballungsräume allzu häufig planlos und ohne die Schaffung von quasidörflichen Strukturen vonstattengeht. Während die Täler veröden, wuchern die Vorstädte. Rund um Wien, rund um Linz und Graz, in Kärnten zwischen Villach und Klagenfurt, rund um die Stadt Salzburg und auch um Innsbruck und Bregenz wachsen Vorortsiedlungen ohne Gesicht, ohne Kultur, ohne die Möglichkeit zu menschlicher Kommunikation und vor allem ohne jeglichen architektonisch-baukulturellen Reiz. Ob diese Entwicklung noch zu stoppen ist oder umkehrbar wäre?
Und die Menschen? Was ist mit den Bewohnern dieses nach wie vor schönen Landes? Der autochthone Österreicher mit seinen weitgehend bajuwarischen, in Vorarlberg auch alemannischen sowie in Niederösterreich und im Burgenland auch fränkischen Wurzeln, mit den vielfältigen Einsprengseln aus anderen, benachbarten Nationalitäten, die aus der Monarchie stammen und mit den autochthonen Volksgruppen ist alles in allem ein liebenswerter  Menschenschlag. Begabt und kreativ, aber auch zum Kulturpessimismus und zur Miesmacherei sowie zu Vorurteilen neigend, zweifellos auch mit negativen Eigenschaften behaftet, die allerdings durch eine gewisse Skurrilität auch liebenswert wirken können. Heute ist tendenziell ein Viertel der Wohnbevölkerung von ausländischer Herkunft. Die Gastarbeiterzuwanderung seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und die Massenimmigration, wie sie erst in den Jahren 2015 und 2016 einen apokalyptischen Höhepunkt erreicht hat, sind die Ursachen für diesen großen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund. Familiennachzug und eine höhere Geburtenrate der Zuwanderungsbevölkerung dürften diesen Anteil in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch dramatisch steigern und die Gefahr, dass die autochthone Bevölkerung zur Minderheit im eigenen Land werden kann, ist ganz real gegeben.
Natürlich war Österreich, sowohl die Erste und Zweite Republik als auch das alte Habsburgische Österreich, ein Ein- und Zuwanderungsland. Im Hochmittelalter war es die deutsche Ostsiedlung, die das ursprünglich keltoromanisch und slawisch dünnbesiedelte Land durchdrang. In späteren Jahrhunderten war es der stete Zuzug aus den westlichen, nördlichen deutschen Territorien, der durch die Anziehungskraft der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien bedingt war. Vor dem Ersten Weltkrieg waren es massenhaft Menschen, die in den nicht-deutschen Kronländern der Monarchie kein Auskommen zu finden glaubten, und nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Vertreibung der Volksdeutschen, die hunderttausende Neubürger nach Österreich schwemmte.
Die gegenwärtige Zuwanderung allerdings schwemmt Menschen aus allen Teilen der Welt, häufig auch aus nicht europäischen Bereichen, der Dritten Welt insbesondere, aber auch Menschen aus Anatolien und aus anderen islamischen Weltgegenden nach Österreich. Die Motive für ihre Migration, seien es nun tatsächliche politische und religiöse Verfolgung oder das bloße Streben nach einem ökonomisch besseren Leben, sind vielfältig.
Die moralische und rechtliche Berechtigung, nach Österreich zu kommen, variieren ebenso. Abgesehen davon aber ist es eine Tatsache, dass sich hier erstmals seit Jahrhunderten eine die kritische Masse längst übersteigende Anzahl von Menschen im Lande gesammelt hat, die nicht aus der genetischen Nachbarschaft des europäischen Umfelds stammen, sondern eine völlige Veränderung der biologisch-ethnischen Struktur der Bevölkerung mit sich bringen könnten und überdies von ihrem kulturellen, häufig auch religiösen Hintergrund kaum mehr in unsere Gesellschaft integrierbar, geschweige denn, assimilierbar sind. Da es sich bei diesen Zuwanderern allerdings auch nicht um eine homogene Gruppe handelt, sondern um viele Ethnien und Zuwanderer, ist die Bildung von Parallelgesellschaften, von verschiedensten „Communities“ und Ghettos mit all den sozialen und ökonomischen und sicherheitspolitischen Problemen, die damit verbunden sind, unausweichlich.
Ob also der künftige Österreicher ein ethnisch-kulturelles Amalgam aus der autochthonen Bevölkerung und den diversen Zuwanderungspopulationen von weitgehend südländischem Aussehen, einer Umgangssprache, gemischt aus Pidgin, Englisch und Türkisch-Deutsch sein wird oder ob es zu einer segregierten Gesellschaft kommt, in der sozial und kulturell abgegrenzt einerseits die autochthone Bevölkerung, andererseits die Zuwanderungsethnien in verschiedensten Gemeinschaften nebeneinander und gegeneinander leben, wir wissen es nicht! Wenn in der Bundeshauptstadt Wien die Kinder unter zehn Jahren bereits zu 70 Prozent Migrationshintergrund haben, muss jedenfalls klar sein, dass es in den kommenden ein, zwei Jahrzehnten, also im Grunde im Zeitraum einer Generation, österreichweit zu einer massiven Veränderung der Bevölkerungsstruktur kommen wird. Ob damit der liebenswürdige Volkscharakter, wie er sich in Österreich historisch entwickelt hat – und das sind jetzt natürlich Klischees – erhalten bleiben wird, ist eine andere Frage.
Und damit sind wir bei der Kultur und beim sozialen Gefüge. Natürlich hat Österreich bereits in vergangenen Jahrhunderten vielfältige kulturelle Einflüsse von außen aufgenommen.
Dass tschechisches, slowakisches und polnisches Kulturgut, magyarische Einflüsse, solche vom Balkan und natürlich auch aus dem benachbarten Oberitalien in die österreichische Kultur, in das österreichische Geistesleben eingeflossen sind, dass dieses in hohem Maße von jüdischen intellektuellen Kulturschaffenden mitgeprägt wurde, steht außer Zweifel. Ebenso bewusst sollte uns allerdings sein, dass es „reichsdeutsche“ Einflüsse sonder Zahl gibt, die im alten Österreich, aber auch heute, in der Zweiten Republik, wirkmächtig geworden sind. All das hat jedenfalls das österreichische Geistes- und Kulturleben wesentlich geprägt.
Durch die massive Zuwanderung aus Bereichen, die nicht aus dem mitteleuropäischen, benachbarten Umfeld stammen, dürfte sich das aber nunmehr nachhaltig ändern. Moslemische Werthaltungen und die Einflüsse aus archaischen, nach wie vor patriarchalisch organisierten Gesellschaften könnten unser durch Christentum und Aufklärung nachhaltig geprägtes Geistesleben massiv beeinflussen. So wie im Gesundheitsbereich Keuchhusten und Kinderlähmung nahezu ausgerottet waren, gab es seit vielen Generationen keine Zwangsheirat, keine zu Blutrache gesteigerten Familienfehden und ähnlich Archaisches in unserer Gesellschaft. Nun sind all diese Phänomene zurückgekehrt. Ehrenmorde, Zwangsheiraten, Entrechtung der Frauen und ähnliches sind in den islamischen Parallelgesellschaften an der Tagesordnung, wie es auch übrigens im Gesundheitsbereich wieder das Auftreten von Krankheiten gibt, die man längst vergessen hatte, wie Tuberkulose und ähnliches.
Ob die schöpferische Potenz, die Kreativität dieser Zuwanderungspopulationen ein ähnliches Niveau erreichen wird, wie es im Laufe des jahrhundertelangen Kulturschaffens der autochthonen österreichischen Bevölkerung zustande gebracht wurde, ist ebenso fraglich. Und ob islamische Intellektuelle hierzulande eine Rolle spielen könnten, wie es die jüdischen in der Monarchie und in der Zwischenkriegszeit taten, darf wohl auch bezweifelt werden. Letztlich aber ist noch nicht abzusehen, wie fruchtbar in kultureller und geisteswissenschaftlicher Hinsicht die gegenwärtigen Überschichtungsprozesse sein werden. Kommt es zu einer „Fellachisierung“ der österreichischen Bevölkerung durch überbordende Zuwanderung, Familiennachzug und Kinderreichtum  der Bevölkerung mit Migrationshintergrund  oder können sich durch Integration und Assimilation neue fruchtbare, zivilisatorische und kulturelle Phänomene entwickeln?

Die österreichische Kultur, das österreichische Geistesleben, werden sich verändern.

Was das Sozialgefüge im Lande betrifft, so dürfte unser österreichisch gewachsenes Sozialsystem, das auf der – horribile dictu – „Volksgemeinschafts-Ideologie“ und auf dem Gedanken der Solidargemeinschaft fußt, schon rein mathematisch-statistisch nicht haltbar sein. Der diesem Sozialgefüge zugrunde liegende Generationenvertrag ist nämlich nur dann tragfähig, wenn tatsächlich über Generationen in ein gemeinsames Sozialsystem eingezahlt wird, wenn dafür generationenübergreifend Leistungen erbracht werden. Nur dann ist ein Gesundheitssystem, ein Pensionssystem und die Fürsorge für sozial und beruflich schwächere Schichten und für unverschuldete Armut und Not Geratene gewährleistet. Wenn ein guter Teil oder sogar der Großteil der Gesellschaft neu zu diesem Sozialsystem hinzukommt ohne generationenübergreifende Leistungen dafür zu erbringen, dafür aber überproportional solche Leistungen in Anspruch nimmt, muss dieses Sozialsystem zwangsläufig kollabieren.
Damit fragt sich, ob in einer ethnisch-kulturell segregierten Gesellschaft, die durch Ghettobildungen und Parallelgesellschaften gekennzeichnet ist, nicht auch ein Mehrklassensozialsystem und ein Mehrklassenbildungssystem überhandnimmt. Die alte harmonische und offene Gesellschaft, die Österreich  in den Jahrzehnten der Zweiten Republik prägte, scheint damit Geschichte zu sein.  Trotz all dieser bedenklichen Entwicklungen, die nicht nur möglich, sondern eher sogar wahrscheinlich sind, ist Österreich nach wie vor ein gutes Land.
Vielleicht das Beste in Europa, vielleicht eines der besten auf diesem Planeten. Ein Land, in dem wir leben wollen, für das wir zu arbeiten und zu kämpfen bereit sind. Nicht der typische Pessimismus des gelernten Österreichers sollte uns dabei bewegen, sondern Dankbarkeit für das Gute, Realismus im Hinblick auf die Gefahren und ein optimistischer Glaube in die Fähigkeiten und in das Potential von Land und Leuten. Trotz alledem …


Österreichs gespaltene Zivilgesellschaft

22. Juni 2018

Die Zivilgesellschaft, das ist ein Faktor in den westlichen Demokratien, der immer bedeutsamer wird. Ein Faktor, der neben den gewählten Volksvertretungen, neben den Parlamenten also, mitentscheiden und mitbestimmen will in den gesellschaftlichen Abläufen und Prozessen. Ein Faktor, der für das Alltagsleben der Menschen häufi g ebenso wichtig ist wie die Familie, der Beruf und wie die ganz reale offi zielle Politik.
In Österreich ist diese Zivilgesellschaft, wenn wir bei diesem Terminus bleiben wollen, eine höchst zwiespältige: Da gibt es einerseits die zeitgeistgemäßen und politisch korrekten „NGOs“, in denen sich die Kulturschickeria, Meinungsmacher und antifaschistische Bedenkenträger tummeln, jene Kräfte, die sich auf der Höhe des Zeitgeists natürlich als die eigentliche und alleinige Zivilgesellschaft  betrachten. Und dann gibt es da die vielen Vereine und Vereinigungen, wo Freiwilligenarbeit geleistet wird, die Feuerwehren, die Vereinigungen des Zivilschutzes sowie schließlich die Vereine, die Volkskultur und Brauchtum pfl egen, Blaskapellen, Chöre, Trachtenvereine usw.
Die zeitgeistig schicke Zivilgesellschaft belächelt natürlich die andere Facette der österreichischen Zivilgesellschaft, die Brauchtumsvereine, die Freiwilligen-Organisationen. Oder sie verachtet sie sogar und hält sie insgeheim für einen Hort reaktionären Denkens und tendenziell faschistoider Blut- und Bodenideologie. Und doch sind Millionen Österreicher in dieser wertkonservativen Zivilgesellschaft, in den Brauchtumsvereinen und in den Freiwilligen-Organisationen tätig und sie leisten in letzteren eine wichtige soziale Aufgabe und in den ersteren eine kulturelle Arbeit, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Die linke „Civil Society“ – Betrachten wir zuerst einmal die zeitgeistige, eher links gepolte Zivilgesellschaft. Am lautstärksten ist sie dort, wo es gilt, den gesellschaftspolitischen ach so wichtigen „Kampf gegen Rechts“ gegen faschistoide Tendenzen, gegen Rechtspopulismus und all das zu führen. Wer entsinnt sich nicht des indessen sanft entschlafenen „Republikanischen Klubs“, der seinerzeit das Holzpferd gegen Bundespräsident Kurt Waldheim präsentierte?
Oder wer kennt ihn nicht, den einigermaßen obsessiven Herrn Alexander Pollak, der seinen Verein „SOS-Mitmensch“ ganz im Stil einer religiösen Sekte führt und als unermüdlicher Warner – wenn es sein muss auch ganz allein, mit selbst gezimmerten Warntafeln – gegen das Wiedererstarken des rot-weiß-roten Faschismus kämpft. Und wer kennt sie nicht, all die Schriftsteller, die sich politisch korrekt bei jeder Unterschriftenaktion gegen den Rechtspopulismus rund um den Vorarlberger Literaten Michael Köhlmeier gruppieren? Oder die linken Kabarettisten, die sich in Österreich nahezu als Hochadel der Kulturschickeriafühlen.
Sie bilden die Crème de la Crème der linken politisch korrekten Zeitgeist-Zivilgesellschaft und sie sind es, die die Unterstützungskomitees für Grüne oder sozialdemokratische Politiker zieren. Und sie sind es – was noch viel wichtiger ist –, die bislang die Listen der staatlichen Subventionen und Förderungen mit ihren Namen anführten.
Insbesondere die Antifa-Szene, die sich beispielsweise in der Organisation diverser Großdemonstrationen etwa gegen den Ball der Wiener Studentenverbindungen oder ähnlicher Anlässe hervortut, gestützt früher vom grünen Parlamentsklub oder der österreichischen Hochschülerschaft, sie gehört auch zu diesem Bereich der zeitgeistigen Zivilgesellschaft.
Dann sind da Organisationen wie das „Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands“ oder das „Mauthausen Komitee“, die beinahe schon den offiziösen Charakter staatlicher Tugendwächter-Vereine haben, die in dieser Zivilgesellschaft eine große Rolle spielen.
Und natürlich jene Vereine, die die Willkommenskultur des Landes zelebrieren und sich die Betreuung von echten oder auch nur Scheinasylanten aufs Panier geschrieben haben. „SOS-Asyl“, die Caritas und viele nachgeordnete Vereine bilden diesen Teil der Zivilgesellschaft, der im Übrigen zumeist in den vergangenen Jahren auch hochsubventioniert war. Wie viele Österreicher in diesem Bereich der Zivilgesellschaft engagiert sind, ist eine andere Frage. Es ist wohl eher jene Minderheit, die sich als linke Intelligenzija versteht und den spätlinken Zeitgeist, angeführt von den in die Jahre gekommen Alt-68ern, repräsentiert.
Die Freiwilligen – Stützen der Gesellschaft – Ganz anders verhält es sich mit jenem Bereich der österreichischen Zivilgesellschaft, der in der Freiwilligenarbeit Leistungen für Land und Leute erbringt.
Wenn man sich allein das österreichische System der Freiwilligen Feuerwehren vergegenwärtigt, das flächendeckend quer übers Land zehntausende von Bürgern vereint, die in Notfällen bestens ausgebildet und technisch gut ausgerüstet bei Unfällen, Bränden und anderen Katastrophen stets bereitstehen, weiß man, wie wichtig diese Freiwilligenarbeit ist. Natürlich ist damit auch ein sozialer Faktor gegeben, da in diesen Freiwilligen-Verbänden, eben beispielsweise bei der Freiwilligen Feuerwehr, auch Gemeinschaft und Geselligkeit praktiziert werden. Gerade in kleineren Kommunen ist die Feuerwehr häufig auch der gesellschaftliche Mittelpunkt des dörflichen Lebens und mit der Mitgliedschaft beziehungsweise der Leistung in dieser Feuerwehr ist auch ein gewisses Sozialprestige verbunden.
Ähnlich ist es natürlich bei anderen Zivilschutzorganisationen, bei der Wasserrettung, beim Roten Kreuz, bei der Bergrettung und in vielen anderen Bereichen. Weitestgehend ehrenamtlich investieren zahlreiche Österreicher Zeit, Mühe und Idealismus in diese Freiwilligen-Tätigkeiten, ohne die viele Bereiche der Gesellschaft auch nicht funktionieren würden.
Außerdem ist es mit bezahlten Hilfsdiensten, in denen sogenannte „Profis“ dieselben Leistungen erbringen sollen wie die Freiwilligen, häufig unmöglich, die Quantität der Freiwilligendienste zu ersetzen. Gewiss, in den großen Städten Österreichs gibt es auch wie in den anderen europäischen Ländern Berufsfeuerwehren, die sich natürlich aus gutbezahlten professionellen Kräften zusammensetzen. Die gleiche flächendeckende Effizienz, wie sie die Freiwilligen Feuerwehren bieten, könnte man landesweit aber gar nicht finanzieren.
Nicht zu unterschätzen ist der altruistische und idealistische Ansatz dieser Freiwilligenarbeit: Zumeist handelt es sich ja um Hilfestellungen im Katastrophenfall, bei Unfällen oder, was Rettungsdienste betrifft, im Krankheitsfalle. Und im dörflichen Bereich ist beispielsweise der Dienst in der Feuerwehr auch eine Form der Nachbarschaftshilfe, nach dem Motto: „Wenn es bei uns im Dorf brennt, helfen wir alle zusammen“. Das besagt nicht mehr und nicht weniger, als dass diese Freiwilligen-Dienste, die in Österreich in großer Masse quer durch das Land geleistet werden, ein Ausdruck von humanistischer Gesinnung im besten Sinne des Wortes sind. Die Volkskultur-Vereine – Ein weiterer und überaus bedeutsamer Bereich dieser – nennen wir es wertkonservativen – Vereinigungen der österreichischen Zivilgesellschaft sind die vielen Volkstums-, Brauchtums- und traditionellen Kulturvereinigungen: Von den Tiroler Schützen bis zu den zahllosen Musikkapellen, die es quer durch Österreich gibt, von den vielen Chören über Volkstanzgruppen bis zu Kirchtagsvereinigungen und Faschingsgilden reicht das Spektrum im österreichischen Vereinswesen, das traditionelles Brauchtum, historisch gewachsene Volkskultur, Sitten und Bräuche des Landes und seiner Leute pflegt und in die Zukunft trägt. Hunderttausende Österreicher sind in diesem Bereich der Zivilgesellschaft engagiert und tätig, ihre kulturelle Identität wird dadurc wesentlich geprägt.
Traditionsbewusstsein wird dort gemeinsam mit geselligem Beisammensein, eben mit traditioneller Gemeinschaft, gepflegt. Die „Oberlandler“ in der Steiermark, die Villacher „Bauerngman“, der Arnoldsteiner Grenzland-Chor, die diversen Bürgergarden, die eine oder andere Jugendblaskapelle, sie alle sind Teil einer spezifisch österreichischen Zivilgesellschaft, die das Land prägt. Außerdem sind die Chöre, die Kapellen und Orchester der Humus für künstlerische Leistungen von Weltformat. Ein Land, in dem zehntausende Menschen Musik machen, bringt mit einer gewissen Zwangsläufigkeit eben auch das eine oder andere Musikgenie hervor und so sind wahrscheinlich ein Mozart, ein Schubert, so sind die Gebrüder Strauß nicht denkbar ohne die vielen Menschen, die musizieren, Instrumente lernen und in Chören singen.
In vermeintlich ach so progressiven Zeiten, die von kultureller Globalisierung geprägt sind, mag diese Pflege von traditioneller Volkskultur für viele reaktionär, ja gestrig anmuten. Sie ist aber identitätsstiftend für Österreich. Natürlich wird sie auch in einem Fremdenverkehrsland touristisch benützt, bisweilen sogar missbraucht, der eine oder andere „Tiroler Abend“ in der alpinen Gastronomie und Hotellerie mag für den kritischen Zeitgenossen unerträglich sein.
Und zwischen Volksmusik und volkstümlicher Musik, bisweilen auch „volksdümmlicher Musik“, ist zweifellos ein Riesenunterschied. Dennoch sind auch jene Österreicher, die der trivialen volkstümlichen Musik und Kultur anhängen, Menschen, die eine gewisse Wertehaltung und auf jeden Fall Heimatbindung aufweisen. Dass damit eine nicht zu unterschätzende Unterhaltungsindustrie auch ihr Geschäft macht, ist eine andere Sache. Einen besonderer Bereich der konservativen, traditionellen und historisch gewachsenen Zivilgesellschaft stellen die heftig angefeindeten studentischakademischen Korporationen, die Burschenschaften, Corps, Landsmannschaften und Sängerschaften dar. Sie, die wie auch alle anderen Bereiche des traditionellen Vereinswesens auf das 19. Jahrhundert und die Zeit nach dem Erkämpfen der Vereins- und Versammlungsfreiheit zurückgehen, sind durch ihre vaterländisch-patriotische, auf den alten Deutschnationalismus zurückgehende Haltung sowie durch die studentische Mensur und ein altes vaterländisches Liedgut für viele Zeitgenossen heute unverständlich.
Durch ihre Verknüpfung über lange Jahre mit einer fundamental-oppositionellen politischen Partei sind sie überdies in die tagespolitische Auseinandersetzung gezerrt worden. Ebenso aber wie der klerikale Cartellverband es für den Bereich der Volkspartei darstellt, sind eben diese nationalfreiheitlichen Korporationen für die Freiheitliche Partei Elite-Reservoirs und akademisches Potential und deshalb ein gesellschaftspolitisch nicht zu unterschätzender Faktor.
Aufgeführt müssen in diesem Zusammenhang auch noch die vielen Turn- und Sportvereine werden, die es quer durchs Land gibt. Ursprünglich war es das auf den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn zurückgehende Turnen, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch in Österreich Verbreitung fand. Heute stehen dem österreichischen Turnerbund, der Nachfolge-Organisation der deutschen Turnvereine, längst ein eher ÖVP-naher Verband und eine SPÖ-naher Verband, die beide ebenfalls Turnvereine zusammenfassen, gegenüber. Abgesehen aber von solchen Parteipräferenzen ist die idealistische Arbeit im Sinne der Volksgesundheit, die von diesen Vereinigungen geleistet wird, nicht zu unterschätzen.
Ein weiterer Bereich einer wirklich gemeinnützigen und allgemein beliebten Zivilgesellschaft sind die zahlreichen Sportvereine: Keine österreichischen Gemeinde, die nicht einen Fußballklub hätte, wobei Österreich natürlich kein Fußballland mehr im althergebrachten – oder heute im lateinamerikanischen – Sinne ist, wo die Buben auf der Straße ständig Fußball spielen. Es ist aber nach wie vor ein Land des Vereinsfußballs. Dass dabei die Liebe zum runden Leder oft den internationalen Erfolg überragt, ist eine ganz andere Sache. Dennoch sind die Sport- und Fußballvereine – wobei auch jede Menge anderer Sportarten betrieben werden – ein wichtiger Faktor des zivilen österreichischen Alltagslebens. Junge Österreicher lernen dort Teamgeist, Zusammenarbeit und Leistungsbereitschaft.
Vielleicht ist diese Vielfalt der traditionellen, aber auch der zeitgeistigen Zivilgesellschaft mit ihren zahllosen Vereinen, Vereinigungen, Klubs und Zirkeln ein typischer Ausdruck deutscher und auch österreichischer Vereinsmeierei.
Tatsächlich spielt sich aber das gesellschaftliche Leben der Österreicher neben der Familie und dem beruflichen Umfeld, fernab der hohen Politik und auch der Hochkultur, fernab von gesellschaftlichen Events wie den Salzburger Festspielen oder den Wiener Festwochen, im Kleinen und im Alltag in diesen zivilgesellschaftlichen Vereinigungen ab.
Sie sind ein wesentlicher Faktor, in dem die Menschen  sozialisiert werden. Sie sind ein Faktor eines gesellschaftlichen geselligen Zusammenlebens, sie schaffen ihnen Identität und Identifikation, sie fordern Idealismus und auch Altruismus gegenüber den Mitbürgern, gegenüber den Nachbarn und allgemein gegenüber den Mitbürgern. Wir Österreicher sind Vereinsmeier – und das ist gut so.


Österreich – deine Juden

16. Juni 2018

Von Pogromen und Symbiosen

Wien war zweifellos eine der Hauptstädte des jüdischen Geisteslebens – zumindest in den letzten Jahrzehnten der Habsburger Monarchie, vom Toleranzpatent Josephs II. über die judenfreundliche Politik Kaiser Franz Josephs bis hin in die Erste Republik. Der Einfluss jüdischer Intellektueller und Künstler auf die österreichische Kultur in diesem Zeitraum ist gewaltig. Und in Wien wirkte auch der Gründervater des Zionismus, Theodor Herzl, der den Staatsgedanken des neuen Israels entwickelte.
Das Wien Georg Ritter von Schönerers und des jungen Gelegenheitsmaler aus Braunau war aber auch eine der geistigen Pflanzstätten des Rassenantisemitismus und des daraus resultierenden Holocaust, eines singulären Menschheitsverbrechens.  Dass Wien heute wieder eine jüdische Gemeinde von 8.000 bis 15.000 (laut Wikipedia) Menschen aufweisen kann, ist eigentlich unter Berücksichtigung dieser leidvollen Geschichte ein wahres Mirakel.

Von Hofjuden, blutigen Pogromen und vorbildlicher Emanzipation

In der Monarchie waren bis zum Zusammenbruch, also bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, etwa 200.000 Juden allein in der Reichs- und Residenzstadt ansässig. Diese waren zumeist im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung aus dem Osten des habsburgischen Territoriums zugezogen und vermochten im Kulturleben und im Wirtschaftsleben der Stadt bedeutenden Einfluss zu gewinnen. Zwei Drittel dieser jüdischen Bevölkerung musste rund um den Anschluss der Alpenrepublik an Hitler-Deutschland emigrieren, ein Drittel, etwa 66.000 Menschen, wurden im Zuge der systematischen Vernichtung der Juden durch das Dritte Reich ermordet.
Jüdische Präsenz auf dem Territorium Österreichs dürfte es bereits zur Römerzeit gegeben haben. Im Frühmittelalter haben mit Sicherheit jüdische Kaufleute auch im Alpen- und Donauraum gelebt. Der erste namentliche erwähnte Jude in Österreich war ein gewisser Schlom, der vom Babenberger-Herzog Leopold V. zum Münzmeister und zum Verwalter des herzögliche Vermögens ernannt wurde. Leopold V. bekam damals das englische Lösegeld für die Freilassung von König Richard Löwenherz. Besagter Schlom wurde dann allerdings zusammen mit 15 anderen Juden im Jahre 1196 von österreichischen Rittern ermordet, deren Anführer allerdings wiederum vom Babenberger-Herzog Friedrich I. deswegen zum Tode verurteilt wurden.
Bereits im Jahre 1204 war in Wien eine Synagoge urkundlich belegt und 1230 entstand eine jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt, 1237 in Tulln, wobei der Großteil der damaligen jüdischen Bevölkerung aus den rheinischen Städten Worms, Mainz und Trier stammte, die sie wegen der Verfolgungen während des ersten Kreuzzug verlassen hatten müssen. Schon am Beginn des 13. Jahrhunderts war es am Herzogshof in Wien üblich, dass Juden als Berater in Wirtschafts- und Finanzfragen tätig waren.
Während die Juden ursprünglich durchaus in hohe Stellungen aufsteigen konnten, gerieten sie im ausgehenden Hochmittelalter zwischen die Mühlsteine der Machtpolitik. Im Streit zwischen dem Babenberger Herzog Friedrich II. und dem letzten Stauferkaiser Friedrich II. wurden die Wiener Juden abwechselnd diskriminiert und privilegiert. Im Jahre 1238erließ der Staufer ein Privileg für die Wiener Juden,  welches auf einem im Jahre 1236 ausgestellten Privileg  für die Juden im Reich basierte. Wenige Jahre  später, im Jahre 1244, erließ dann der Babenberger- Herzog Friedrich II. seinerseits ein Privileg für die  Juden in ganz Österreich, das sogenannte „Fridericianum“.  Dies konnte allerdings nicht verhindern,  dass Legenden über Hostienfrevel und Blutbeschuldigungen  – wahrscheinlich auch im Zuge von wirtschaftlichen  Krisen – ein Anwachsen des Hasses auf die Juden verursachten.
Vollends entflammte dieser Judenhass in den Jahren der Hussitenkriege, da die jüdische Gemeinde in Wien verdächtigt wurde, mit den Ketzern zusammenzuarbeiten und ihnen Waffen zu verkaufen. Im Frühjahr des Jahres 1420 befahl Herzog Albrecht V. (Albrecht II. als deutscher König) die Verhaftung aller Juden in Österreich. In der Folge wurden mittellose Juden donauabwärts vertrieben und jüdische Kinder zwangsgetauft. Am 12. März 1421 schließlich verkündete ein Dekret Herzog Albrechts, dass die Juden zum Tode verurteilt seien. Neben der allgemeinen „Bosheit“ der Juden führte man als Begründung vor allem Hostienfrevel an. 92 Männer und 120 Frauen wurden an diesem Tag auf der Gänseweide in Erdberg hingerichtet. Diese „Wiener Geserah“ ist in ihrer Brutalität in der frühen österreichischen Geschichte einmalig.
Im Jahre 1496 wurden die Juden auf Drängen der Stände von Kaiser Maximilian aus der Steiermark und Kärnten vertrieben. Sie durften sich aber am Ostrand des Reichs, also etwa auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands ansiedeln. Ab 1551 mussten sie beim Aufenthalt in Städten und Märkten den „gelben Fleck“ tragen. Dennoch stieg die Anzahl der in Wien lebenden Juden am Ende des 16. Jahrhunderts wieder an und 1624 wurde von Kaiser Ferdinand II. dekretiert, dass sie sich auf dem Gebiet der heutigen Leopoldstadt ansiedeln durften. Dennoch wurden sie in den Jahren 1669/70 neuerlich aus Österreich vertrieben, obgleich bereits zehn Jahre später mit Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer in Wien bedeutende „Hofjuden“ wirkten.
Das Toleranzpatent Josephs II. schließlich leitet die Emanzipation der etwa 1,5 Millionen Juden der Habsburger Monarchie ein. Zwar war es ursprünglich nur für die christlichen Minderheiten im Reich erlassen worden, 1781 allerdings wurde das Hofdekret für die Juden Böhmens erlassen und gleichzeitig wurden sie zu allen Schulen und Hochschulen zugelassen und erhielten weitgehend Gewerbefreiheit. Das Ziel der josephinischen Politik war es, die Juden zu handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen zu bewegen, um sie im Sinne des Merkantilismus für den Staat nützlich zu machen. Einwanderung war ihnen aber weiterhin verboten, ebenso der Erwerb von Haus- und Grundbesitz und die Einfuhr jüdischer Schriften. Dafür mussten sie allerdings ab 1788 Militärpflicht leisten. In der Folge schränkten zwar zahlreiche Sondergesetze die jüdische Emanzipation weiter ein, dennoch gelang es in Wien einer Reihe jüdischer Familien, einen bemerkenswerten sozialen und ökonomischen Aufstieg zu erreichen.
Bis 1848 stieg der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Wien auf rund 4.000 Personen an. In der Märzrevolution von 1848 engagierten sich jüdische Akademiker wie Adolf Fischhof und Josef Goldmark besonders stark, da sie eine Öffnung hin zur vollständigen Emanzipation des Judentums erhofften. Nach der Beerdigung der März-Gefallenen wurde von der burschenschaftlich geprägten Akademischen Legion tatsächlich auch eine Petition zur Emanzipation des Judentums verfasst. Demgemäß kam es in der Pillersdorf‘schen Verfassung tatsächlich zur ersehnten vollen Gleichstellung der Juden bei den Bürgerrechten und in der Frage der Religionsfreiheit. Nach dem Scheitern der Revolution allerdings gab es erneut Diskriminierung, indem etwa den Juden im Jahr 1853 wiederum der Grunderwerb verboten wurde.
Dennoch war die Emanzipation der Juden in der Habsburger Monarchie nicht aufzuhalten. Insbesondere vom Kaiser selbst wurde eine eher judenfreundliche Politik betrieben, die schließlich im Jahre 1890 zu dem noch heute geltenden Israelitengesetz führte, welches die äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft regeln sollte und auf eine einheitliche Rechtsgrundlage stellte.

Der Antisemitismus

Politisch waren die meisten österreichischen Juden damals eher deutschliberal gesinnt, weshalb zum religiös motivierten Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert auch eine antisemitische Komponente im Zusammenhang mit der Liberalismus-Kritik aufkam. Ökonomische und soziale Konflikte wurden diesbezüglich dann vor allem in der jungen christlichsozialen Bewegung unter dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger gegen die Juden instrumentalisiert. Der Rassenantisemitismus, basierend auf biologistischen Fehldeutungen des Darwinismus, der dann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts von Georg Ritter von Schönerer und seinen alldeutschen Gefolgsleuten kultiviert wurde, machte aus dem ursprünglich religiösen Antisemitismus und dem darauf entstandenen wirtschaftlichen Antisemitismus ein unheilvolles ideologisches Gebräu, welches bis hin zum Holocaust – zur Vernichtung des europäischen Judentums – führen sollte.
Gewissermaßen als Gegenbewegung entflammten auch jüdisch nationalistische Bestrebungen. Diese gipfelten in der Begründung des theoretischen Zionismus durch den Wiener Journalisten Theodor Herzl, häufig in Anlehnung an Ideen der Burschenschaft, der auch Herzl für einige Jahre angehört hatte. Und 1917 setzte sich auch in der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens der Zionismus durch. Im Ersten Weltkrieg dienten immerhin rund 300.000 jüdische Soldaten in der K.u.K. Armee.
25.000 davon als Reserveoffiziere. Antisemitismus wurde in der K.u.K. Armee offiziell nicht toleriert, obgleich den Juden der Aufstieg in die höchsten militärischen Ränge verwehrt blieb. Allerdings unterstützte die habsburgische Armeeführung jüdische Soldaten darin, ihre religiösen Traditionen aufrecht zu erhalten. So gab es ab 1916 koschere Küchen hinter den Frontlinien und die israelitische Kultusgemeinde konnte kleinformatige Gebetsbücher an die Soldaten verteilen. Bis zu Kriegsende wirkten immerhin 79 jüdische Geistliche in der K. u. K. Armee. All das führte dazu, dass seitens der Juden in Österreich ein hohes Maß an Loyalität gegenüber der Monarchie bestand. Eine stärkere gesellschaftliche Integration resultierte aus dieser guten Behandlung in der K.u.K. Armee allerdings nicht.
Das politische Engagement der österreichischen Juden begann ursprünglich eher im liberalen Bereich, um sich schließlich nahezu vollständig auf die Sozialdemokratie zu konzentrieren. Vom Parteigründer Victor Adler angefangen, über den „Chefideologen“ der Sozialdemokratie in der Ersten Republik Otto Bauer, bis hin zu Hugo Breitner, Robert Danneberg, Julius Deutsch und Julius Tandler prägten jüdische Politiker die austromarxistisch orientierte Sozialdemokratie. Eine Ausnahme war der Prager Jude Ignaz Kuranda, der Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche war und später als Abgeordneter der Verfassungspartei im Reichsrat wirkte, wo er maßgeblichen Anteil an der Dezember-Verfassung von 1867 hatte. Er galt als maßgeblicher Vertreter der deutschliberalen Gruppierungen und wurde schließlich im Jahr 1872 zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien gewählt.
Der Antisemitismus war zweifellos in der österreichischen Gesellschaft der ausgehenden Habsburger Monarchie in der Ersten Republik ein nahezu flächendeckendes Phänomen. Die christlichsoziale Partei und die Großdeutsche Volkspartei hatten beide einen nahezu wortgleichen Arierparagraphen. Undd sogar in er Sozialdemokratie galt das ungeschriebene Gesetz, dass der Anteil von Juden im Parteivorstand nicht über ein gewisses Maß anwachsen dürfe. Aus dieser Haltung erwuchs zweifellos die Politik der SPÖ nach 1945, welche die Rückkehr prominenter jüdischer Migranten nach Österreich eher unterbinden wollte.

Auf der Basis des Rassenantisemitismus, der in weiten Bereich des deutschnationalen Lagers salonfähig geworden war, auf dem noch älteren christlichkatholischen Antisemitismus aufbauend und auch auf wirtschaftlich-beruflichem Konkurrenzdenken fußend, hatte sich so in Österreich ein Judenhass aufgebaut, der den unseligen Humus für die Politik des Nationalsozialismus bildete. Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich begann sehr rasch die Ausgrenzung, Diskriminierung und schließlich auch brutale Verfolgung der österreichischen Juden. Im Jahre 1938 hatten im Lande zwischen 201.000 und 214.000 Menschen jüdischer Abstammung gelebt, die gemäß den unseligen „Nürnberger Gesetzen“ als „Voll-, Halb-, Viertel-, Achteljuden“ galten, davon nahezu 182.000 „Volljuden“.
Es kam sehr schnell zu Enteignungen und Pogromen und insbesondere im Zuge des sogenannten „Novemberpogroms“ Anfang November des Jahres 1938 wurden dann 27 Juden getötet, 88 verletzt, 6.547 verhaftet. Es wurden 4.000 Geschäfte geplündert und 42 Tempel und Bethäuser zerstört. Damit war der Weg des österreichischen Judentums in die NS-Konzentrationslager bis hin zur industriell geplanten massenhaften Vernichtung vorgezeichnet. Nahezu 66.000 jüdische Österreicher sollten in der Folge tatsächlich ums Leben kommen.

Jüdisches Geistesleben

Es ist nun zweifellos problematisch, den Anteil von Menschen jüdischer Herkunft in Kunst, Kultur und Wissenschaft unter dem Vorzeichen „jüdisches Geistesleben“ zu betrachten, da es sich ja weitestgehend um emanzipierte Juden handelte, die kaum mehr Bindung zur mosaischen Religion hatten. Erst durch die Vertreibung dieser Menschen durch die NS-Despotie wurde die jüdische Herkunft dieser Geistesgrößen wieder von Bedeutung und so wirklich bewusst. Im Bereich der Medizin etwa kann ein guter Teil der prominentesten österreichischen Ärzte auf jüdische Herkunft zurückblicken. Viktor Frankl etwa oder Sigmund Freud, die Nobelpreisträger Robert Barany und Otto Loewi, Julius Tandler, Emil Zukkerkandl, Josef Bräuer, Ludwig von Mautner sind bis heute klingende Namen im Bereich der Wissenschaft. Der Erfinder des Automobils Siegfried Marcus, die Physikerin Lise Meitner, der Biochemiker Max Perutz waren Geistesgrößen der österreichischen Wissenschaft.
Eindrucksvoll ist auch der Beitrag der Wiener Juden zu Musik, Literatur und Publizistik. Komponisten wie Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Emmerich Kálmán, Dichter wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und Stefan Zweig, Franz Kafka, Elias Canetti. Josef Roth und Jura Soyfer, Alfred Polgar, Karl Krauss und Peter Altenberg, sie bilden Monumente in der Ruhmeshalle der österreichisch-deutschen Literatur. Egon Friedell, die Philosophen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper, Martin Buber und schließlich die Kabarettisten – diese sind in Österreich wie gesagt, nicht zu verachten – von Karl Farkas über Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi bis Georg Kreisler und Hugo Wiener, allesamt Intellektuelle und Denker von weltkulturellem Format.
Nun wäre es zwar eine gewisse Hybris, das gesamte österreichische Geistesleben der ausgehenden Habsburger Monarchie und der Ersten Republik auf jüdische Einflüsse zu reduzieren. Zweifelsfrei ist aber, dass dieses österreichische Geistesleben ohne diese Einflüsse wesentlich ärmer, wesentlich weniger faszinierend, wesentlich weniger schillernd und beeindruckend gewesen wäre. Die Vertreibung des jüdischen Geistes aus Österreich, wie sie nach 1938 erfolgte, bewirkte daher zweifellos einen wesentlichen Einbruch in das geistig-kulturelle Potential des Landes.

Und heute?

Bei Kriegsende lebten in Österreich vielleicht noch an die 5.000 Juden. Davon sollen 1.000 bis 2.000 im Krieg in Wien als „Mitglieder des Ältesten-Rates der israelitischen Kultusgemeinde“, in „geschützten Ehen“ oder auch als „U-Boote“ überlebt haben, der Rest von ihnen kam aus den Konzentrationslagern zurück. Das streng orthodoxe Judentum war fast völlig ausgerottet und die israelitische Kultusgemeinde, die im April 1945 aus den von den Nationalsozialisten installierten „Ältestenrat“ neu entstanden war, musste zuerst vor allem Alte und Kranke betreuen und den wenigen Rückkehrern aus dem Exil und aus den Konzentrationslagern bei der Eingliederung in die Gesellschaft helfen. Die Verantwortlichen dieser Israelitischen Kultusgemeinde waren bei Kriegsende weitgehend davon überzeugt, dass in Wien in Zukunft keine jüdische Gemeinde mehr entstehen würde. Daher hatten alle ihre Handlungen eher provisorischen Charakter und man war bestrebt, das Eigentum, Liegenschaften etc. zu verkaufen. Auch das Archiv der Kultusgemeinde wurde im Jahre 1952 nach Jerusalem überstellt.
Insgesamt allerdings weilten während der zehnjährigen Besatzungszeit an die 300.000 „displaced Persons“, auch viele Juden, in Lagern in Österreich, von wo sie weiter in den Westen oder auch nach Palästina in den jungen Staat Israel zogen. Etwa 3.000 von ihnen blieben allerdings in Österreich, weshalb sich in Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck kleine israelitische Kultusgemeinden bildeten. Nach dem ungarischen Aufstand von 1956 flüchteten etwa 17.000 Juden nach Österreich und durch den Zuzug aus dem Osten vergrößerte sich diese jüdische Gemeinde auf 8.000 bis 15.000 Juden. 1975 konstituierte sich in Wien dann eine bucharische Gemeinde und seit den 80er Jahren blüht ein vielfältiges, eigenständiges jüdisches Leben in Wien, das sich durch Schulgründungen, Gemeindezentren, Sportvereine und zahlreiche kulturelle Aktivitäten auszeichnet. Das im Jahre 1980 gegründete Jewish Welcome Service hat sich die Aussöhnung zwischen den während der NS-Herrschaft in Österreich vertriebenen Juden und den Österreichern sowie eine Verbesserung des Verständnisses zwischen Juden und Nichtjuden zum Ziel gesetzt. Eine Reihe von Schulen, vom Kindergarten über die Volksschule bis zum Gymnasium und das Hakoah-Sportzentrum sowie Altersheime und Pensionistenheime stehen der Kultusgemeinde zur Verfügung. Ab dem Jahre 1991 setzt eine Zuwanderung von Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ein, die die bislang zahlenmäßige schwache jüdische Gemeinschaft wesentlich gestärkt hat. Die letzte Volkszählung vom Jahr 2001, bei der die Religionszugehörigkeit amtlich erfasst wurde, hat 8.140 Juden in Österreich ausgewiesen. Die Israeltische Kultusgemeinde geht jedoch von rund 15.000 Juden, manche auch von 20.000 aus.
Die Bemühungen der öffentlichen Hand in Österreich, sowohl des Bundes als auch der Stadt Wien und anderer Institutionen zur Unterstützung der jüdischen Gemeinde in der Bundeshauptstadt und in der Republik insgesamt sind also mannigfaltig. Auch die Pflege der Erinnerungskultur für die im Holocaust umgekommenen österreichischen Juden ist von großer, immer wieder neu wachsender Vielfalt gekennzeichnet. Wenn die gegenwärtige Bundesregierung eine Gedenkmauer mit den Namen aller ermordeten Juden plant, ist dies ein weiterer Schritt. Das Museum, das im Jahre 2000 auf dem Judenplatz errichtet wurde, das Hrdlicka-Denkmal auf dem Albertinaplatz und die zahllosen Stolpersteine für österreichische Holocaust-Opfer, die es quer durchs Land gibt, sind weitere Belege für diese bewusst gepflogene Erinnerungskultur.
Dass die Israelitische Kultusgemeinde in der gegenwärtigen Gesellschaft und in der politisch-gesellschaftlichen Landschaft Österreich nicht frei von parteipolitischen Präferenzen ist, muss bedauert werden. Die Politik der IKG, deren Präsident unter anderem der deutschliberale Politiker Ignaz Kuranda – ein überzeugter Deutschnationaler – war, und die spätestens seit der Präsidentschaft von Ariel Muzicant und nunmehr unter dem Vorsitz von Oskar Deutsch proaktiv und demonstrativ gegen die Freiheitliche Partei agiert, darf kritisch hinterfragt werden. Noch unter Muzicants Vorgänger Paul Grosz hielt sich die Kultusgemeinde vornehm aus den Niederungen der Tagespolitik zurück. Muzicant mit seinen intensiven Beziehungen zur Wiener Sozialdemokratie und nunmehr offensichtlich auch Oskar Deutsch beschwören hingegen immer wieder das Gespenst eines von den bösen „Rechtspopulisten“ angeheizten Antisemitismus im Lande herauf. Dies gipfelt in der demonstrativen Gesprächsverweigerung gegenüber der nunmehrigen Regierungspartei. Diese lässt sich indessen nicht dazu hinreißen, mit antijüdischen Aussagen oder auch nur Emotionen darauf zu reagieren.
Das wahre Problem aber der nunmehr so wohlintegrierten jüdischen Gemeinschaft in Österreich ist das Anwachsen des politischen Islams im Lande. Hunderttausende Zuwanderer, die einem zunehmend fundamentalistisch geprägten Islam huldigen, bis hin zum radikalen Islamismus, vertreten weitgehend antisemitische, zumindest aber anti-israelische Haltungen. Diese äußern sich auch in einer anwachsenden Vielzahl von antisemitischen Aussagen und Ausfällen im öffentlichen Raum. Eine Entwicklung, der Österreich nicht tatenlos zuschauen darf.
Die Bemühung, insbesondere der freiheitlichen Regierungspartner, in den vergangenen Jahren bei ihrem Kampf gegen die Islamisierung Europas und gegen den politischen Islam in der Zuwandererpopulation Verbündete in der politischen Landschaft Israels zu finden, werden wahrscheinlich innerhalb des österreichischen Judentums hinter vorgehaltener Hand durchaus positiv registriert. Nach außen hin aber scheint die von der IKG-Spitze verordnete Kontaktsperre aufrecht zu bleiben. Ob die jüdische Gemeinde in Österreich wiederum zu jener geistig intellektuellen Kapazität heranzuwachsen vermag, die sie am Ende der Habsburger Monarchie und in der Ersten Republik hatte und ob die Republik selbst von ihren jüdischen Bürgern wieder in  jenem Maße profitieren kann, wie sie dies vor 1938 tat, hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Israelitischen Kultusgemeinde ab.
Und es hängt auch von deren Fähigkeit ab, mit allen Bereichen der österreichischen Bevölkerung in einen konstruktiven und offenen Dialog zu treten. Gesprächsverweigerung und Ausgrenzung gegenüber einem Bereich, der nun noch dazu in der Regierung vertreten ist, wäre diesbezüglich wohl eher hinderlich.


Böse Menschen haben keine Lieder

7. Juni 2018

Über das Musikland Österreich, Mozart, Falco und Musikkapellen

Wolfgang Amadeus Mozart hat man leichterdings zum Österreicher gemacht. Und das, obwohl er bekanntlich im reichsunmittelbaren und unabhängigen Fürsterzbistum Salzburg als Untertan des Primas Germaniae, des Erzbischofs von Salzburg, das Licht der Welt erblickte. Und Ludwig van Beethoven gilt ebenso als österreichisches Musikgenie, obwohl er aus dem Rheinland stammt. Dafür hat man ebenso leichterdings den Braunauer zum ultimativ bösen Deutschen ausgebürgert. Typisch österreichische Chuzpe, könnte man meinen, eben ein „Wiener Schmäh“. Die Einbürgerung Mozarts und Beethovens allerdings ist für das österreichische Selbstverständnis tatsächlich von eminenter Bedeutung, denn was wäre das Musikland Österreich ohne diese beiden ultimativen Genies? Wenn Bach und später Wagner zweifelsfrei als Deutsche firmieren, müssen Mozart und Beethoven schon Österreicher bleiben dürfen (auch wenn sie damit natürlich zu ihren Lebzeiten auch ebenso zweifelsfrei Deutsche waren).
So bleibt es jedenfalls eine Tatsache, dass sich das kleine Österreich als Musikland von Weltrang betrachten darf. Mozart, Haydn, Beethoven, Liszt, Schubert, Brahms (auch so ein zugereister Deutscher) Bruckner, Richard Strauss – das ist schon die Creme de la Creme der klassischen Musik, die Spitzenleistung eben eines wesentlichen Bereichs der Menschheitskultur.
Die Werke dieser österreichischen Meister stellen bis zum heutigen Tag einen Großteil des Repertoires der Konzert- und Opernhäuser dieses Planeten dar, und verglichen mit der musikalischen Potenz, die sie repräsentieren, ist das übrige europäische Musikschaffen von Vivaldi bis Tschaikowsky, von Edvard Grieg bis Claude Debussy nur – wenn auch besonders beeindruckende – Begleitmusik. Und auf dem entsprechenden Niveau befindet sich auch die Pflege dieser klassischen Musik, die Wiener Staatsoper ist nach wie vor eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Die Wiener Philharmoniker sind im langfristigen Vergleich wahrscheinlich das beste Orchester des Planeten. Da erweist sich das kleine Österreich als Weltmacht in Sachen klassischer Musik.
Daneben waren die Alpen- und Donauländer aber auch immer ein Hort der leichten Muse. Operettenmelodien und Walzerklänge von den Gebrüdern Strauß bis zu Franz Lehár sind Zeugen eines scheinbar verspielten Lebensstils und eines beschwingten Musikgeschmacks, der musikalische Leichtigkeit mit tonschöpferischem Tiefgang zu verbinden wusste. Dazu kommt Schrammel- und Heurigenmusik, die über Generationen das Wiener Lebensgefühl bestimmten.
Der liebe Augustin, jener österreichische Nationalheld, der aus der Pestgrube der frühen Neuzeit in unsere Zeit herüber grüßt, war nicht zufällig ein Spielmann, er blies auf dem Dudelsack, und der kleine Wolfgang Amadeus Mozart war auch so etwas wie ein kindlicher Spielmann, der als junges Genie der Kaiserin Maria Theresia am Piano Forte vorspielen durfte. Spielleute waren auch die Gebrüder Strauß, die in ihren Wiener Walzer-Etablissements der tanzwütigen besseren Gesellschaft der k. u. k. Haupt- und Residenzstadt aufspielen durften. Aber auch typisch österreichische Liedermacher der jüngeren Generation, von Hansi Hölzel vulgo Falco bis zu Wolfgang Ambros, Georg Danzer und den anderen Austropopern, auch sie sind Spielleute, die so etwas wie eine typisch österreichische Klangwelt vertreten. Gewiss, zwischen den Schubertliedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder oder „Skifoan“ von Wolfgang Ambros liegen Welten, beides ist aber Teil eines spezifisch österreichischen Liedguts, das im Zeitraum von zwei Jahrhunderten die Menschen des Landes auf ihre ganz verschiedene und irgendwie doch ähnliche Weise er fasste und bewegte.
Was ist nun der Humus, auf dem diese Musikalität des Landes und seiner Menschen wächst? Zuerst war da wohl einmal ein sangesfreudiges Völkchen, das da auf seinem keltoromanischen, alpenslawischen Urgrund die bajuwarischfränkische Landbevölkerung ausmachte. Gesang und Musik auf einfachen rustikalen Instrumenten, die zuerst im ländlichen Gemeinschaftsleben gepflegt wurden, darüber natürlich die Musikpflege auf Adelssitzen und Fürstenhöfen bis hin zum kaiserlichen Hof in Wien. Zum einen zog der Kaiserhof große musikalische Genies an, die dort auch Aufträge und entsprechende Honorierung erhielten, zum anderen war diese aristokratische und höfische Musikpflege in der Folge dann auch Vorbild für die Musikpflege in bürgerlichen Häusern.
Im Biedermeier und dann später der Gründerzeit wurde in den großbürgerlichen Salons ebenso wie im biederen Familienkreis Musik gemacht und Musik konsumiert. Und natürlich war es immer auch Unterhaltungsmusik, Tanzmusik sowohl für den höfischen Adel, als auch dann für die bürgerlichen Schichten und auch für die einfache Landbevölkerung, welche die musikalische Grundstimmung des Landes und seiner Menschen prägte. Von der Walzerseligkeit des 19. Jahrhunderts bis zum Austropop des ausgehenden 20. Jahrhundert hat mehr oder weniger hochstehende oder mehr oder weniger triviale Unterhaltungsmusik in das Musikland Österreich mitgeprägt.
Quer übers Land gab und gibt es außerdem Chöre und Musikkapellen, jede bessere Gemeinde verfügt über eine Blaskapelle und jede Schule über einen Chor. In den Wirtshäusern, an Kirchtagen und anderen ländlichen Festen wurde gesungen, organisiert oder auch spontan in launiger Runde. Die Studenten sangen auf ihren Verbindungshäusern, die Zecher beim Heurigen, die Bauersleute bei schweißtreibender Erntearbeit und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter am 1. Mai. Am Kirchtag marschierte die Blaskapelle durch die Ortschaft und am Abend spielte sie mit Landler und Polka zum Tanz auf, und mit der Erfindung des Radios im frühen 20. Jahrhundert kam die Musik auch noch massenhaft in die privaten Haushalte. Und überall im Lande gab und gibt es Musikschulen, die neben den Chören und Orchestern für Nachwuchs bei Gesang und Instrumentenspiel sorgen.
Dass die Musik Österreichs Image im europäischen, aber auch im überseeischen, Ausland prägt, ist völlig klar. Mozart und seine Zauberflöte, „The Sound of Music“ der Familie Trapp, die Wiener Sängerknaben mit ihren Konzertauftritten zwischen Kalifornien und Japan und das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das Jet-Set-Getriebe bei den Salzburger Festspielen, die Fledermaus auf der Seebühne von Mörbisch und der Videoclip von Falco als Amadeus, das sind die musikalischen Bilder, welche die Erwähnung des Musiklandes Österreich weltweit in den Köpfen der Menschen hervorruft. Dass die damit verbundenen Klischees im Zuge der Tourismuswerbung auch vermarktet werden und dass Orchester von Weltformat gewaltige Budgets verschlingen, steht allerdings auch außer Zweifel. Auch die Einrichtung und der Betrieb von Musikschulen kosten Geld, und zwar Steuergeld, und das nicht wenig, und Jahr für Jahr muss die Kulturpolitik viele Steuermillionen für Kulturförderung, sei es im Bereich der Hochkultur oder auch der volkstümlichen breiten Kultur, zur Verfügung stellen, um das Niveau, das Österreich in diesem Bereichen erreicht hat, zu halten. Letztlich aber sind dies Investitionen, die dem Land und seinen Menschen einen unglaublich großen Gewinn in kultureller und moralischer Hinsicht, aber auch ganz realer wirtschaftlicher – man denke an den Tourismus – bringen.
Wenn heute immer wieder die Binsenweisheit zu hören ist, dass das größte Kapital eines Landes und eines Volkes die Bildung und die Pflege der Wissenschaft und Erforschung sei, so ist hinzuzufügen, dass die Pflege unserer Musikkultur, das Fördern musikalischer Talente und die gezielte Ausbildung im musikalischen Bereich – sowohl was den Gesang als auch das Spielen von Instrumenten betrifft –ein wichtiger und insbesondere für Österreich zentraler Bestandteil einer solchen Bildungsförderung sein muss. Das weltweit anerkannte Musikland Österreich ist in weit höherem Maße von dieser Pflege der musikalischen Kultur abhängig als andere Länder. Das sollte uns bewusst sein.