Wirecard und der schwarze Sauhaufen

28. Januar 2021

Da hat sich also vor einigen Monaten ein höchst obskurer Herr Namens Jan Marsalek mittels Privatflugzeug nach Weißrußland abgesetzt. Gleichzeitig sind mit ihm zwei Milliarden Euro von den Konten des ebenso obskuren Finanzdienstleisters Wirecard, dessen Finanzvorstand Marsalek war, verschwunden. Nun wurden Beamte des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung verhaftet und – man höre und staune – ein ehemaliger Nationalratsabgeordneter der FPÖ. Die Verhafteten hätten besagtem Herrn Marsalek zur Flucht verholfen. Wobei Fluchthilfe ein wenig überinterpretiert zu sein scheint, da angeblich zum Zeitpunkt seines Abflugs gar kein Haftbefehl gegenüber Marsalek bestand.
Von den etablierten medialen Wortspendern des Landes – so etwa in der angeblich so seriösen „Presse“ – hört man nun, dass das Ganze wieder einmal ein FPÖ-Skandal sei und dass Kurzzeit-Innenminister Herbert Kickl offenbar dafür die Verantwortung trage. Und der genannte FPÖ-Nationalratsabgeordnete sei ja schon amts- und medienbekannt aus den Ermittlungen gegenüber dem einstigen FPÖ-Chef in Sachen Bargeld-Sporttasche. Er sei offenbar der Strohmann irgendwelcher ukrainischer Oligarchen, die sich rund um das Hotel Panhans auf dem Semmering betätigt hätten. Nun wissen wir, dass Kickls Aktivitäten als Innenminister unter seinem Nachfolger, dem türkisen Nehammer, samt und sonders zurückgenommen wurden. Aus dem „Ausreisezentrum“ Traiskirchen wurde wieder eine Stätte der Willkommenskultur, die geplanten Polizeipferde wurden mutmaßlich der Salamiproduktion zugeführt, der von Kickl geforderte Grenzschutz existiert weiter, aber nicht gegenüber illegalen Migranten, sondern gegenüber Coronavirusträgern. Allerdings muss man auf die Kleingkeit hinweisen, dass die letzten 20 Jahre, mit Ausnahme des kaum einjährigen Zwischenspiels unter Kickl, schwarze bzw. türkise Minister das Innenministerium beherrschten. Angefangen von Ernst Strasser über Liese Propkop, Günther Platter, Maria Fekter, Johanna Mikl-Leitner und Wolfgang Sobotka bis eben zum unsäglichen Herrn Nehammer war das Innenministerium – und damit auch das BVT – eine tiefschwarze Domäne. Insidern zufolge war und ist es ein veritabler Sauhaufen. Dies bestätigte auch der gegenwärtige Innenminister indirekt, indem er ständig von notwendigen Reformen spricht, die allerdings nicht durchgeführt werden.
Wenn nunmehr zwei Jahre nach Kickls Abtreten Beamte des BVT verhaftet werden, weil sie privat für einen obskuren Finanzdienstleister gearbeitet und diesen illegal mit Daten versorgt haben, wird das wohl schwer dem seinerzeitigen blauen Innenminister angelastet werden können. Da ist schon Herr Nehammer verantwortlich. Und was Wirecard betrifft, so muss daran erinnert werden, dass deren Vorstandsvorsitzender Markus Braun zum hochgepriesenen Beraterkreis unseres verehrten Bundeskanzlers Kurz gehörte. Der einzige wirkliche blaue Berührungspunkt ist zweifellos der nun verhaftete vormalige FPÖ-Nationalratsabgeordnete. Und da wissen die Ermittlungsbehörden natürlich längst, dass dieser ausschließlich auf Betreiben des vormaligen ebenso im Focus der Ermittlunsgbehörden stehenden Parteivorsitzenden in die Mandatsposition gedrückt wurde. Wobei auch die übrigen Vertreter der damaligen Parteispitze nicht wußten, warum eigentlich. Wenn man heute, nahezu acht Jahre später, mutmaßen kann, dass es damals so etwas wie einen Mandatskauf durch diesen obskuren Strohmann irgendwelcher osteuropäischer Oli-garchen gab, ist das schlimm genug. Mit dem schwarzen Sauhaufen im BVT hat das rein gar nichts zu tun.