Österreichs verlorene Söhne

13. Mai 2018

Restvolksgruppen – die Altösterreicher deutscher Muttersprache

Sie leben zumeist in unmittelbarer Nachbarschaft der Alpenrepublik. In den Jahrzehnten des Kommunismus hat man sie, als Teil des Ostblocks, jenseits des Eisernen Vorhangs beinahe vergessen. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus schöpften sie kurz Hoffnung auf eine Renaissance. Alte versuchten, zumeist kümmerliche Reste ihrer Identität und Kultur zu bewahren: Die Altösterreicher deutscher Muttersprache in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie jenseits der heutigen österreichischen Grenzen.
Banater-Schwaben und Siebenbürger Sachsen, Banater Bergland-Deutsche, Gottscheer, Deutsch-Untersteirer, Ungarndeutsche, Zipser, Mährer, Südböhmen, Reste in den sudetendeutschen Gruppen, Karpaten-Deutsche in der heutigen Ukraine, Buchenland-Deutsche in der Bukowina, die kleine Gruppe der Deutschen in Tischelwang südlich der Kärntner Grenze, die Kanaltaler und natürlich die Südtiroler, sie alle sind Altösterreicher, das ist eine zweifelsfreie Tatsache. Altösterreicher sind allerdings die Tschechen, Slowaken, Ungarn, Slowenen, Kroaten etc. auch, die vorher Genannten allerdings sind Altösterreicher deutscher Muttersprache. Sie waren Angehörige des dominierenden Staatsvolks der cisleithanischen Reichshälfte der Habsburger Monarchie, der Deutsch-Österreicher nämlich, und sie wurden mit den Pariser Vorortverträgen im Jahre 1919 vom österreichischen Mutterland abgetrennt. Und zumeist verloren sie nach dem Zweiten Weltkrieg dann durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung vollends ihre Heimat. Sie, beziehungsweise die Reste dieser Volksgruppen, die heute noch in ihren angestammten Siedlungsgebieten leben, sind Österreichs verlorene Söhne.
Österreich, beziehungsweise die babenbergische Ostmark des Hochmittelalters, war ein Teil der deutschen Ostsiedlung. Entlang der Donau schoben sich deutsche Siedler hinein ins östliche Mitteleuropa, entlang von Mur und Drau drangen sie in den Südosten vor. Das Herzogtum Kärnten, das Herzogtum Krain, das Herzogtum Steiermark, später dann die Militärgrenze am Balkan und nach den Türkenkriegen die Besiedlung durch die Banater Schwaben, sie ergänzten uralte hochmittelalterliche Siedlungen wie jener der Siebenbürger Sachsen im Karpatenbogen, die rheinfränkischen Ursprungs ist. Und weit im slawischen Bereich Böhmens und Mährens, aber auch Kroatiens und Sloweniens und auch hinein in die ungarische Tiefebene bildeten sich durch diese jahrhundertelange Ostsiedlung deutsche Sprachinseln, kleinere und größere deutsche Siedlungsgebiete. Sie waren des Kaisers treue Kolonisten und häufig auch des Kaisers treueste Soldaten. Und sie bildeten ein Netz deutscher Kultur, braven Christentums und großen Arbeitsfleißes quer über den Donau- und Karpatenraum. Ein Netz, das wie kaum ein anderes den habsburgischen Herrschaftsgebieten zu Stabilität und Stärke verhalf. Sie hatten im frühen Hochmittelalter gegen die Magyaren, dann später gegen Hussiten und Kuruzzen und insbesondere gegen die Osmanen zu kämpfen. Ihnen war Tod und Not und das Ringen um den eigenen Siedlungsraum stets Begleiter ihrer gesamten Existenz. Und sie wurden vom österreichischen Mutterland, auch von der heutigen Republik, nur allzu oft vergessen.
Natürlich waren diese deutschen Volksgruppen nach 1918 in den neuen Nationalstaaten der Slawen und der Magyaren häufig auch beliebte Mitbürger, da sie tüchtig und zuverlässig waren. Letztlich aber waren sie doch Opfer der tragischen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie mussten für deutschen Größenwahn und deutschen Imperialismus durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung büßen. Und jene deutschen Restvolksgruppen, die nach 1945 auf dem Boden der ehemaligen Habsburger Monarchie noch weiter existierten, sie hatten häufig unter Diskriminierung und Entrechtung zu leiden – bis heute.
Im Nachkriegsösterreich waren zwar die volksdeutschen Vertriebenen, die ja in den ersten Nachkriegsjahren zu hunderttausenden ins Land kamen, ein zwar nicht immer beliebter, aber wirtschaftlich höchst wichtiger Faktor, sie waren treibende Kräfte des Wiederaufbaus und integrierten sich innerhalb kürzester Zeit problemlos in die angestammte Bevölkerung der österreichischen Bundesländer. Ihre Selbstorganisation in Landsmannschaften und Vertriebenenverbände war zumeist ziemlich unpolitisch, ja geradezu spießig bieder und ohne nennenswerten Revanchismus. Nun, im achten Jahrzehnt nach Kriegsende sind diese Verbände längst zu überalterten Trachten- und Brauchtumsgruppen geschrumpft. Jene Versuche, die man nach dem Zusammenbruch des Kommunismus da und dort startete, um verlorenes Vermögen, enteignetes Gut und widerrechtlich unter fremde Herrschaft gekommenes Eigentum zurück zu erhalten, waren von mäßigem Erfolg begleitet. Zwar gab es die eine oder andere Geste, wirklich erfolgreich aber waren nur Kirche und aristokratische Großgrundbesitzer – zumindest in Böhmen. Man war schon froh, wenn Länder wie Kroatien sich von den titoistischen AVNOJ-Beschlüssen distanzierten und überdies einigermaßen ohnmächtig, wenn Länder wie Tschechien die alten Beneš-Dekrete kaltschnäuzig beibehielten.
Neben den Folgen von Flucht und Vertreibung und dem Druck der kommunistischen Diktaturen war es aber paradoxerweise das bundesdeutsche Grundgesetz, das zum Schwinden dieser Volksgruppen entscheidend beitrug. Die Bestimmung, dass jedem Deutschen, aus welchem Lande der Welt auch immer, auch die deutsche Staatsbürgerschaft mit all ihren Benefizien zusteht, sorgte beispielsweise für die brutale Ausdünnung der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben in Rumänien. Trotz brutalster Behandlung der Siebenbürger Sachsen durch die sowjetische Rote Armee und trotz Flucht und Vertreibung waren es noch an die 900.000 Siebenbürger Sachsen, die in den Nachkriegsjahren das Land zwischen Hermannstadt und Kronstadt bevölkerten. Ebenso war das rumänische Banat rund um Temeschwar noch von einer starken deutschen Volksgruppe bewohnt. Sie wurden dann in der Folge in den 70er- und 80er- Jahren von der Bundesrepublik aus Ceausescu-Rumänien geradezu herausgekauft. Ein blendendes Geschäft für die roten Despoten und der Tod für die historischen deutschen Volksgruppen.
Heute sind es Reste von Resten, die in alten deutschen Städten wie Hermannstadt in Rumänien oder Iglau in Tschechien, in der Zips in der Slowakei oder in den Dörfern der Karpato-Ukraine, aber auch in der slowenischen Gottschee, in Marburg und Abstall die Existenz einer deutschen Volksgruppe zu behaupten zu versuchen. Und das zumeist gegen staatliche Schikanen und gegen mangelnde Hilfe aus Österreich. Zumeist war das Wiener Außenamt der Ansicht, dass sich doch die Bundesdeutschen um diese Restvolksgruppen kümmern sollten, auch wenn diese völlig klar und zweifelsfrei Altösterreicher waren und sind. Zwar gab und gibt es immer wieder das eine oder andere freundliche Wort, die eine oder andere zaghafte Initiative des österreichischen Außenministeriums, etwa den restlichen deutschsprachigen Altösterreichern in Slowenien Volksgruppenrechte zu verschaffen. Appelle an die Verantwortlichen in Laibach sind allerdings bislang stets ohne Ergebnis verhallt. Und mit Prag, Budapest, Bukarest oder gar mit Kiew hat man diesbezüglich wohl noch nie wirklich über die Problematik und die Rechte dieser versprengten Altösterreicher verhandelt. Es handelt sich eben um Österreichs verlorene Söhne, verraten, verkauft und vergessen.
Irgendwo scheint bei dieser Verweigerung der Zweiten Republik, die Verantwortung für diese altösterreichischen Restvolksgruppen zu übernehmen, auch die Angst mitzuspielen, dass man damit implizit ja die deutsche Identität Österreichs zugeben würde. Tatsächlich müsste man sich logischerweise die Frage stellen, warum sollte sich Österreich denn um deutsche Volksgruppen kümmern, wenn es selbst nicht in irgendeiner bestimmenden Weise auch „deutsch“ wäre?
Dieselbe Frage muss man natürlich im Hinblick auf Südtirol stellen. Da stand es zwar seit der Wiedergründung der Zweiten Republik stets außer Frage, dass Österreich so etwas wie eine Schutzmachtfunktion für die Südtiroler, die Deutschsprachigen, aber auch die Ladiner zu übernehmen hatte. Und man war ja auch tatsächlich Verhandlungspartner Italiens, als es um die Autonomie für Südtirol ging. Ein wirkliches Herzensbedürfnis allerdings war auch Südtirol nur dem nationalliberalen Lager und dessen politischen Vertretern. Kein Wunder auch, dass die neue türkis-blaue Bundesregierung Österreichs unter freiheitlichem Einfluss nunmehr das Recht auf eine Doppelstaatsbürgerschaft für die Südtiroler einfordert. Die Autonomie Südtirols allerdings ist eine derart starke und mit wirklichem Recht und wirklicher Eigenverantwortung so positiv abgesicherte, dass man mutmaßen muss, dass die Mehrheit auch der deutschsprachigen Südtiroler heute eine Rückkehr zum österreichischen Mutterland gar nicht mehr wirklich für wünschenswert erachten.
Heute sind die geschrumpften und marginalisierten Restvolksgruppen der deutschsprachigen Altösterreicher in der Situation, dass sie sich allesamt fragen müssen, ob sie in der kommenden Generation überhaupt noch existieren werden. In Ungarn, wo es an die 200.000 Ungarndeutsche gibt, ist die kulturelle Nivellierung längst soweit fortgeschritten, dass man davon ausgehen muss, dass diese eigentlich keine deutschen Muttersprachler sind, sondern Deutsch allenfalls als Fremdsprache in der Schule lernen. Sie sind also eigentlich nur mehr deutschstämmig und keine Deutschen mehr, Altösterreicher allerdings sind sie in jedem Falle.
Und was die kleineren Restvolksgruppen in Tschechien, in der Slowakei, in Slowenien, in Kroatien und in Rumänien betrifft, so ist deren Existenz insgesamt für die Zukunft mehr als gefährdet. Für sie besteht die Gefahr, dass sie nur mehr als historische Reminiszenz und als Teil einer historischen Gendenkkultur in Restbeständen überleben. Und das auch nur mit massiver Förderung jener Staaten, auf deren Territorium sie existieren und mit massiver Förderung aus Österreich. Eine solche allerdings zeichnet sich bislang nicht wirklich ab. Zwar gibt es Brosamen aus dem Bereich der staatlichen Auslandskulturarbeit und es gibt natürlich zivilgesellschaftliche Initiativen wie etwa jene des Kärntner Heimatdienstes für die Slowenien-Deutschen. Insgesamt aber sind die Mittel, die hier fließen für die Erhaltung einer kulturell gefestigten ethnischen Minderheit viel zu gering.
Nach Wegfall der nachbarschaftlichen Aversionen und der alten Erbfeindschaften, die die Österreicher gegenüber vielen ihrer Nachbarn, zu Tschechen und Slowaken, zu den Südslawen und zu den Ungarn und Italienern auch hegten – und das trotz der gemeinsamen Geschichte innerhalb der Habsburger Monarchie – könnten diese kleinen Restvolksgruppen der Altösterreicher deutscher Muttersprache allerdings eine kulturelle und auch soziologische Brückenfunktion zwischen Österreich und seinen Nachbarn einnehmen.
All dies war in vergangenen Jahrzehnten und für vergangene Generationen Argument für territoriale Ansprüche und nationales Besitzstandsdenken. Diese Brückenfunktion, die Österreichs verlorene Kinder ausfüllen könnten, ist aber nur dann möglich, wenn sich die Menschen dieser kleinen ethnischen Restminderheiten und die Menschen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung gemeinsam, vor allem im zivilgesellschaftlichen Bereich, zur Aufarbeitung der leidvollen Geschichte des 20. und 19. Jahrhunderts finden.
Die Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs müssen Österreicher und Italiener längst nicht mehr trennen. Im Gegenteil, sie können gemeinsam der Opfer dieser Schlachten gedenken und den Wahnsinn der alten nationalen Antagonismen ächten. Ebenso verhält es sich mit den Benes-Dekreten, die man als das betrachten kann, was sie sind: Eine historische Hypothek, die keine Rolle mehr spielen darf. Und ähnlich wird es mit den AVNOJ-Beschlüssen sein, wenn die kleine deutsche Restminderheit in Slowenien doch noch so wie die Ungarn und die Italiener die Rechte einer ethnischen Minderheit und die dazugehörende Förderung seitens der Zentrale in Laibach/Ljubljana erhält.
Dazu wird es notwendig sein, dass seitens der führenden Persönlichkeiten dieser Restminderheit jeder Verdacht, sie würden revanchistische Gelüste oder ähnliches hegen, ausgeräumt wird. Und seitens der Mehrheitsbevölkerung beziehungsweise der Regierenden in den betreffenden Staaten wird es notwendig sein, vergangenes Unrecht wie Vertreibung, Entrechtung und Enteignung zu bedauern und die Restminderheit als wertvollen Bestandteil der eigenen Bevölkerung und als wertvollen Teil der historischen gewachsenen kulturellen Vielfalt des eigenen Landes zu begreifen.

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Europas Ethnopluralismus

11. Dezember 2017

Gedanken zu Sprachgemeinschaften, Völkern und Volksgruppen

Angeblich sind es an die siebzig Sprachen, die quer durch Europa, von der Algarve bis zum Ural, vom Nordkap bis Sizilien, gesprochen werden. Sprachen, die das primäre Definitionsmerkmal für Völkerfamilien, einzelne Völker und Volksgruppen darstellen. Sprachen, die weitgehend den großen Sprachfamilien der romanischen, der germanischen und der slawischen zuzuordnen sind, die aber auch vor-indoeuropäische Sprachen umfassen wie etwa das Baskische oder das Albanische. Sprachen, die von Zuwanderungsethnien aus Zentralasien gesprochen werden wie die Finno-Ugirischen, also das Finnische, das Estnische und das Ungarische betreffen, und Sprachen, die durch vielerlei Differenzierung von örtlich begrenzten Dialekten zu kleinräumigen Hochsprachen angewachsen sind. Sie alle definieren die Vielfalt der historisch gewachsenen Völker und Volksgruppen Europas.
Dazu kommen nunmehr die Sprachen der zeitgenössischen Zuwanderungspopulationen, jene der Gastarbeiter aus Anatolien und die der Kriegsoder Elendsflüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten, aus Afrika und den meisten anderen Teilen der Dritten Welt. Im Gegensatz zu den historisch gewachsenen Sprachen und Sprachgruppen Europas, die zum großen Teil auch mit einem klar eingrenzbaren Territorium verbunden sind, verfügen die Sprachen der Zuwanderungspopulationen ein solches nicht, beschränken sich allenfalls auf gewisse Parallelgesellschaften oder Zuwandererghettos, wie es sie in den französischen Banlieues und anderen Vororten europäischer Großstädte bereits seit langem gibt.
Insbesondere die kleineren Völker und Volksgruppen in Europa verfügen in vielen Fällen über keinerlei nationale Souveränität oder auch nur über territoriale Autonomie. In den zentralistischen europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien oder Italien, in denen die national-kulturelle Mehrheitsbevölkerung etatistisch denkt, haben ethnische Minderheiten und Volksgruppen kaum Rechte, ja bisweilen wird ihre Existenz gar vollends geleugnet. In föderativ organisierten Staaten wie etwa in Deutschland und Österreich hingegen gibt es ein entwickeltes System von Minderheitenrechten, das die Existenz autochthoner Volksgruppen schützt. Insgesamt aber ist auch das moderne sich integrierende Europa nach wie vor in sogenannten Nationalstaaten organisiert, die kulturelle und ethnische Vielfalt entweder kaum zulassen oder ausblenden. Ein europäisches Minderheiten- oder Volksgruppenrecht ist nach wie vor inexistent.Noch problematischer ist die Situation der Zuwanderungsethnien.
Nachdem sie über kein klar definierbares Territorium verfügen und zumeist auch durch die Vorläufigkeit ihrer Existenz innerhalb Europas – entweder als Asylsuchende oder Gastarbeiter – beeinträchtigt waren, existieren sie weitgehend verstreut und unorganisiert oder eben in Parallelgesellschaften mit Ghetto-Charakter. Demgemäß ist in Bezug auf sie auch eher eine Begrifflichkeit wie etwa die einer „türkischen Community“ oder eben die einer anderssprachigen „Gemeinschaft“ anzuwenden, als die Begrifflichkeit von Volksgruppe und Minderheit. Demgemäß fehlen diesen Zuwanderungspopulationen auch Volksgruppenrechte wie muttersprachliches Bildungswesen, topographische Bezeichnungen und ähnliches dergleichen mehr. Dennoch stellt sich auch im Hinblick auf die Zuwanderungsethnien die Frage, wann man von „autochthonen Minderheiten“ sprechen muss. Muss man tatsächlich fünfzig Generationen im Land sein, wie etwa die Alpenslawen in Kärnten, um autochthon zu sein, oder ist man es nach drei Generationen wie viele türkische Gastarbeiter in Deutschland und Österreich? Die Tatsache der Staatsbürgerschaftund der Besitzeines Reisepasses verbürgen im soziokulturellen Sinne leider keineswegs die Mitgliedschaft bei einer autochthonen Volksgruppe.
Demgemäß etwa sind zugewanderte Anatolier, die bereits in der dritten Generation in Österreich und Deutschland leben, oder die Nachkommen absolut integrierter portugiesischer oder italienischer Gastarbeiter der 60er-Jahre nicht im Besitz von Volksgruppenrechten. Ihre Gemeinschaften sind etwa in Österreich auch nicht Mitglieder des Volksgruppenbeirats, der beim Wiener Bundeskanzleramt existiert. Wenn sie Staatsbürger sind, was in den allermeisten Fällen Tatsache ist, haben sie natürlich alle staatsbürgerlichen Rechte, und wenn nicht, dann die der jeweiligen Wohnbevölkerung mit fremdem Pass, keineswegs aber Rechte und Förderung, wie es einer ethnischen Minderheit zukommt. Nun könnte es natürlich sein, dass dergleichen ohnedies völlig unnötig wäre, wenn sich diese Zuwanderungsminderheiten in die Gesellschaft ihrer Gastländer nicht nur integrieren, sondern auch tatsächlich sprachlich und kulturell in das Volkstum der Mehrheitsbevölkerung assimilieren. Bei den in Wien lebenden Tschechen beispielsweise, die ja noch aus der Donaumonarchie in die österreichische Hauptstadt gekommen sind, oder bei den vom Balkan kommenden Kroaten, Slowenen und Serben wurde eine derartige Assimilation weitestgehend bereits vollzogen. Bei den türkischen Anatoliern allerdings, deren Integrationswillen allein durch ihre islamische Identität erschwert wird, findet eine solche Assimilation nicht statt. Wenn man nun nicht von einer „Ausschaffung“ (der bei den Eidgenossen übliche Begriff) ausgeht und realistischerweise akzeptiert, dass eine Repatriierung der großen Minderheit der Zuwanderungspopulation unmöglich sein dürfte, wird man nicht umhinkommen, ihnen über kurz oder lang den Status einer Volksgruppe, also einer ethnischen Minderheit, zu zuerkennen. Und das natürlich auch ohne ein klar umrissenes Territorium, auf dem sie leben.
Eine Rolle spielt dabei natürlich auch noch die Bindung dieser Menschen an ihr Herkunftsland. Wenn sie etwa mit Doppelstaatsbürgerschaften, wie häufig im Falle der Türken, an ihr Mutterland gebunden bleiben, ist eine Integration einer Volksgruppe, die dann auch den Charakter des Autochthonen beansprucht, schwer denkbar. Aber auch wenn es schwere politisch-historische Belastungen im Zusammenhang mit einer solchen Zuwanderungsgruppe gibt, wie etwa im Falle der Russen – die etwa vierzig Prozent der Bevölkerung in den drei baltischen Ländern ausmachen – ist die Zuerkennung von Volksgruppenrechten schwierig.
Um diese vielschichtige und je nach europäischem Staat von höchst unterschiedlicher Intensität existierende Problematik einer befriedigenden Lösung zuzuführen, wird es zweifellos so etwas wie ein Bekenntnis zu einem europäischen Ethnopluralismus brauchen. Und natürlich ein verbindliches, aber auch tolerantes europäisches Volksgruppen- und Minderheitenrecht. Den großen Staatsvölkern der EU-Mitgliedstaaten, den Spaniern, den Franzosen, den Briten, den Deutschen und den Italienern wird man die Angst nehmen müssen, dass eine Zuerkennung von Volksgruppen- und Minderheitenrechten die Geschlossenheit des eigenen Staatswesen, des jeweiligen „Nationalstaats“, beeinträchtigen könnte. Sie werden ethnische Minderheiten, insbesondere die historisch gewachsenen autochthonen, aber auch jene aus den Zuwanderungspopulationen, die sich nach mehreren Generationen die Autochthonie verdient haben, als Bereicherung erkennen können und sie müssen ein allzu enges etatistisches Denken zugunsten des Denkens in ethnisch-kultureller Vielfalt und in zahllosen überlappenden, sich überschneidenden regionalen Autonomien entwickeln.
Der Brüsseler Zentralismus der real existierenden Europäischen Union wird mutmaßlich als Gegengewicht weniger die Rückverlagerung vonKompetenzen auf die Nationalstaaten, also auf die  Mitgliedstaaten, benötigen, sondern vielmehr einen solchen Regionalismus und ein solches Bekenntnis zur Vielfalt der Völker und Volksgruppen und der Sprachen und Dialekte. Gerade in Zeiten der Europäisierung und der darüberhinausgehenden Globalisierung braucht der Mensch Verwurzelung in der heimatlichen Kultur und Sprache. Ethnisch-kulturelle Vielfalt und Heimatbindung ist es, was den Menschen in dieser globalisierten Welt Verwurzelung und Sicherheit bieten kann.