Nutztier Mensch

20. August 2020

Über Sklaverei, Knechtschaft und Selbst-Verhausschweinung

Die Sklaverei war zweifellos in allen archaischen Gesellschaften der Menschheitsgeschichte verbreitet. Ob sie in ihren Ursprüngen Frucht von Gewaltanwendung gegenüber fremden Sippen, Stämmen und Völkern war oder ob sie aus der Vormundschaft gegenüber schutzbefohlenen Frauen, Kindern, Mitglieder des eigenen Hausstands resultiert, ist schwer zu sagen. Fest steht allerdings, dass die Sklaverei auf Seiten der Sklavenhalter stets ein Gewaltmonopol beinhaltete und auf der Seite der Sklaven die Rechtlosigkeit.
Einerseits bedeutete es die Gewalt über Leib, Leben und Arbeitskraft des Sklaven, andererseits das Ausgeliefertsein desselben gegenüber seinem Herrn. Ob der Sklavenhalter nunmehr ein gütiger Herr war, der weise, gütig und verständnisvoll über die ihm Unterworfenen regierte, oder ob er ein sadistischer Gewalttäter war, ändert nichts an dieser Tatsache. Der Wert des versklavten Menschen selbst, als Arbeitskraft, als Sexualobjekt, oder gar als „Zuchttier“ für weitere Sklaven, gehörte zum verfügbaren Vermögen des Sklavenhalters.
Wesentliches Kriterium der Sklaverei war also stets das Fehlen persönlicher Freiheit. Dabei allerdings gab es, unterschiedlich in den jeweiligen Kulturen und Gesellschaften, die verschiedensten Abstufungen dieser Unfreiheit: Vom todgeweihten Galeerensklaven und Sklavenarbeitern in den Goldminen der Antike über versklavte Insassinnen orientalischer Frauenhäuser bis hin zu den leibeigenen Bauern in den feudalen Gesellschaften des Abendlands und zu den Lohnsklaven der frühen Industrialisierung reichen diese Abstufungen. Und die jeweilig dazugehörenden Gesellschaftssysteme funktionierten dann am besten und am klaglosesten, wenn es sich um „glückliche Sklaven“ handelte, die ihre Situation gewissermaßen als gottgegeben oder gesellschaftlich alternativlos betrachteten. Die ganze Spannbreite des Sklaven-Daseins reicht vom aufständischen römischen Sklaven Spartacus bis zur schwarzen Mammi mit Familienanschluss in „Vom Winde verweht“ der US-amerikanischen Südstaaten. Fest steht jedenfalls, dass dem Sklaven – gleich welcher Schattierungen und Nuance – die Ausübung seines individuellen freien Willens weitgehend verwehrt blieb.
Das Bestreben, andere Menschen zu beherrschen, sie zu entrechten, mit ihnen nach Gutdünken umzugehen, über sie ohne Einschränkung zu verfügen, scheint ein archaischer Trieb des Menschen zu sein. Daraus resultiert zweifellos die Versklavung von Untergebenen, von Gefangenen, von gesellschaftlich Schwachen, oder auch nur von Fremden.
Dazu gehört allerdings nicht nur die Bereitschaft des Versklavten, sich in sein Schicksal zu fügen, sondern auch das Selbstbewusstsein des Sklavenhalters, dass er legitimerweise, und sei es nur aufgrund größerer Stärke, befugt sei, andere Menschen zu versklaven.
Genauso, wie es ein archaischer Trieb sein mag, über Mitmenschen zu verfügen, ist dem Menschen gewiss von Anbeginn seines Bewusstseins das Wissen um die Unrechtmäßigkeit von Gewaltausübung über andere eingegeben. Dies mag dem sadistischen Sklavenhalter kaum bewusst geworden sein, für den „gütigen“ Sklavenhalter dürfte es indessen ständige Seelenqual gewesen sein.
Zweifellos war die Sklaverei, insbesondere in der Antike rund um das Mittelmeer, aber auch in anderen Kulturen, ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Gewisse Kulturleistungen, wie der Bau antikerGroßmonumente, von den Pyramiden, über die griechische Akropolis bis hin zur byzantinischen Hagia Sofia sind ohne Sklavenarbeit schlicht und einfach undenkbar.
Die römische Latifundien-Wirtschaft war nahezu ausschließlich auf Sklavenarbeit aufgebaut, genauso wie 2000 Jahre später das agrarische Wirtschaftsgefüge der US-amerikanischen Südstaaten. Natürlich war auch das alteuropäische Feudal-System des Mittelalters ohne leibeigene Bauern – gewiss eine gemilderte Form der Sklaverei – undenkbar. Wie weit die Lohnsklaven der frühen Industrialisierung mit 12-Stunden-Tag und Kinderarbeit in Bergwerken und Eisenhütten vor ihrer Emanzipation durch Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie mit klassischen Sklaven gleichgesetzt werden können, ist nicht ganz einfach zu sagen. Fest steht allerdings, dass ohne sie die Industrialisierung als solche nicht stattgefunden hätte.
Sklaverei als Wirtschaftsfaktor in der Antike steht außer Frage! Aber auch in der Geschichte der Neuzeit war sie stets ein großes Geschäft. Mit dem Genozid an der indigenen Bevölkerung des neuentdeckten Amerikas und der vermeintlichen Notwendigkeit, Schwarzafrikaner in die Neue Welt zu exportieren, tat sich bis hinein ins 19. Jahrhundert ein Geschäftsfeld auf, das beinahe schon globalisierte Dimensionen hatte: Miteinander verfeindete Stammeshäuptlinge verkauften ihre schwarzafrikanischen Gegner, arabische Sklavenhändler fingen sie und verfrachteten sie an die Küsten, die Kapitäne großer europäischer und nordamerikanischer Reedereien, deren Eigener zwischen Amsterdam und Boston saßen, verfrachteten sie nach Amerika, wo sie auf den karibischen und Südstaaten-Sklavenmärkten landeten. An die 70 oder 80 Millionen Afroamerikaner sind die Nachfahren der solcherart versklavten Schwarzen.
Auf der anderen Seite ist die Emanzipation von Sklaven und Leibeigenen aus der Gewalt ihrer Herren auch ein Phänomen, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht. Freigelassene konnten bereits in der römischen Republik zu Reichtum und Ansehen kommen. Ministeriale, also unfreie Gefolgsleute, stiegen im Hochmittelalter im christlichen Abendland in den Adelsstand auf. Und erst die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung, angeführt von Männern, wie Martin Luther King, erlangte einigermaßen Gleichberechtigung in „gods own country“.
Auch die Emanzipation der Arbeiterschaft durch die Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung entsprach in ihren Mechanismen der Befreiung vom Joch der Sklaverei. Die damit erreichte Sozialgesetzgebung und das allgemeine und gleiche Wahlrecht waren die wohl wichtigsten Errungenschaften dieser Emanzipation. Die von den Apologeten des Sozialismus, beziehungsweise des Kommunismus propagierte Diktatur des Proletariats allerdings sollte den Weg zurück in die Knechtschaft, in eine Sklaverei anderer Art, in die Staatssklaverei nämlich bedeuten. Der real existierende Sozialismus des 20. Jahrhunderts, allen voran in der Sowjetunion, war in seinem gesellschaftlichen und philosophischen Nukleus nichts anderes als Staatssklaverei. Und das Abschütteln des kommunistischen Jochs durch die Völker Osteuropas in den Jahren 1989 und folgende stellt daher nichts anderes dar als Emanzipation von dieser Staatssklaverei.
Wer nun glauben könnte, die Geschichte der Sklaverei, also der menschlichen Unfreiheit und der individuellen Entrechtung, der Unterdrückung des freien Willens des Einzelmenschen wäre damit zu Ende geschrieben, der irrt. In der globalisierten Welt, in der die ach so liberalen Demokratien westlicher Prägung das gesellschaftspolitische Idealbild darstellen, sind es indessen Medien-Manipulation und Meinungsmache durch die sogenannten sozialen Medien und das Internet, die die Menschen im politisch korrekten Sinne der eigenen Willensbildung und der freien Meinungsäußerungen berauben.
Mit subtilen Methoden und mittels diffiziler psychologischer Strategien werden damit die Menschen des 21. Jahrhunderts „gemainstreamt“, also gleichgeschaltet. Und dies betrifft vielleicht nicht einmal zuallererst das politische Verhalten, sondern vielmehr das ökonomische. Der Mensch des 21. Jahrhunderts befi ndet sich nämlich zuvorderst in einer Form von Konsum-Knechtschaft, in die er mittels Werbung und der Nutzung mathematischer Algorithmen hinein getrieben wird. Weltweit durchgeschaltene Kampagnen, die einerseits gesellschaftspolitisches Verhalten erzwingen – „Mee too“, „black lives matter“ etc. lassen grüßen – und die globalisierte Steuerung des Konsumverhaltens beziehungsweise dessen ökonomische Maximierung gehen da Hand in Hand.
Nun könnte man meinen, dass es da vom Galeeren-Sklaven über den leibeigenen Hintersassen und den schwarzen Baumwollpfl ücker in Louisiana bis hinauf zum Industriearbeiter, bis zum perfekt angepassten Konsumenten doch so etwas wie eine kulturelle Evolution gibt. Fest steht, dass die physische Gewalt geringer ist beziehungsweise kaum mehr gegeben ist. Die mentale Unfreiheit allerdings, die Versklavung von Geist und Seele – so könnte man kritisch meinen – hat allerdings eine Dimension angenommen, die sich Sklaven der Antike, Leibeigene des Mittelalters und Industriearbeiter des 19. Jahrhunderts gar nicht vorstellen konnten. Und da kommt wiederum ein Faktor ins Spiel, der bereits erwähnt wurde: Die glücklichen Sklaven, die sich ihr Schicksal nicht nur selbst aussuchen, sondern dieses auch noch bewusst herbeiführen und bejubeln. Die geistige Selbst-Verhausschweinung im Sinne des politisch korrekten Zeitgeistes und der damit verbundenen Denk- und Redeverbote ist nämlich zu einem Faktor im Zuge dieser modernen geistigen Sklaverei geworden, der sich als wesentlich effi zienter erweist als die antiken Trommeln der Galeeren-Kapitäne, das ius prima noctis mittelalterlicher Feudalherren, oder die Peitsche von Südstaaten-Plantagenbesitzern. Und wenn der Mensch in der Antike ganz reale Handelsware war, wie auch noch auf den Südstaaten-Sklavenmärkten des beginnenden 19. Jahrhunderts, wenn er eine primäre Einkommensquelle für Feudalherren im Mittelalter darstellte, so ist er heute als Verfügungsmasse für global agierende multinationale Konzerne auch nur ein ökonomischer Faktor. Der Konsum-Sklave unserer Tage gehört also genauso in die Kategorie „Nutztier Mensch“ wie seine unfreien Vorfahren in den Sklavenquartieren der Antike und des Mittelalters.