Politisches Sommertheater

5. August 2021

Welch schönere Bühne fürs Sommertheater könnte es geben als Salzburg, das während der Festspiele alljährlich so etwas wie die Kulturhauptstadt der Welt ist? Und da sind es nicht nur Jedermann und die Buhlschaft, welche die Bühne bespielen, sondern auch die hohen Herr-/Damschaften der Politik, die dieselbe nützen oder auch missbrauchen. Neben den mehr oder minder hochgeistigen Eröffnungsvorträgen von Philosophen, Schriftstellern oder anderen Kulturschaffenden beglücken uns auch das Staatsoberhaupt und die Spitzen der Bundesregierung mit ihren Wortspenden.
Heuer bestand die politische Begleitmusik zur Eröffnung der Salzburger Festspiele primär aus grün angehauchten Wortspenden. Einerseits war da der Bundespräsident, der bekanntlich auch aus den grünen Reihen kommt, und andererseits war da der Vizekanzler, der grüne Werner Kogler, der den krankheitsbedingt absenten Bundeskanzler vertrat. Und in beiden Reden ging es nicht so sehr um Kunst und Kultur, sondern vielmehr um den Klimaschutz, der – so haben sich Mainstreammedien und etablierte Politik ja geeinigt – das wichtigste Thema unserer Tage sein soll.
Ein wenig erheiternd mochte das auf den einen oder anderen kritischen Beobachter gewirkt haben, waren im Premierenpublikum doch die Reichen und Schönen und Wichtigen Europas versammelt, die zum guten Teil wohl in der Business-Klasse der Fluglinien, wenn nicht gar im Privatjet angereist waren und deren Lebensführung wohl einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen würde wie die gesamte Bevölkerung eines mittleren Entwicklungslands. Aber unser kettenrauchender Bundespräsident sagte es uns dabei so richtig hinein: Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen den Klimaschutz energisch und schneller betreiben.
Und dann war da der Vizekanzler aus den grünen Reihen, der die Gelegenheit nützte, um publikums- und medienwirksam einen verbalen Schlenker gegenüber seinem türkisen Koalitionspartner auszuteilen: Der Bundeskanzler, der wenige Tage zuvor erklärt habe, er wolle mit dem Klimaschutz „nicht zurück in die Steinzeit“ gehen, sei ein Vertreter „alten Denkens“. Seine Berater seien offenbar „Betonköpfe“. Und damit wären wir bereits im Bereich des politischen Schmierentheaters. Da geht es in der türkis–grünen Koalition hin und her mit Hauen und Stechen, wobei es die Grünen als 10-Prozent-Partei trefflich schaffen, sich in den Mittelpunkt des Geschehens zu spielen. Der Klimaschutz sei eben ihre ureigenste Domäne, meinen politische Beobachter.
Und dabei erweisen sie sich als treffliche Schauspieler. Sommertheater – so sei nebenbei bemerkt – bedarf eben auch der Mimen! Was anderes als Schauspielerei kann es sein, wenn Altmarxisten wie Werner Kogler, der wie viele seiner grünen Gesinnungsfreunde aus den diversen maoistischen, trotzkistischen, kommunistischen Splittergruppen der 70er- und 80er-Jahre kommt, seinen Koalitionspartner des „alten Denkens“ zeiht. Und was anderes als Schauspielerei ist es, wenn die grünen Damen, die gegenwärtig in den Medien in Sachen Klimaschutz omnipräsent sind, die Ministerin Leonore Gewessler und die Klubobfrau Sigrid Maurer, wiederholt und demonstrativ äußern, der Klimaschutz sei oberste Priorität, da wir das „unseren Kindern“ schulden würden. Zwei Damen, die genauso wie Werner Kogler und andere grüne Spitzenexponenten, natürlich keine Kinder haben. Aber Pardon: Altruistisch, wie die Grünen nun einmal sind, denken sie natürlich an alle Kinder dieser Welt, da braucht es keine eigenen.
Mit einiger Spannung darf man abwarten, wie lange die türkise Regierungsspitze, wie lange Sebastian Kurz und seine Buberlpartie bei diesem sommerlichen Schmierentheater mitspielen, bei dem sie zu Statisten degradiert wurden. Dabei stellt sich für den außenstehenden Beobachter, der weder für die Türkisen noch für die Grünen sonderliche Sympathien hegt, die Frage, ob die türkise ÖVP noch als Vertreter der praktischen ökonomischen Vernunft, also als Stimme der Wirtschaft betrachtet werden kann, oder ob sie auch schon von den zeitgeistigen Dogmen der Klimahysterie und anderer spätlinker Modetrends angekränkelt ist.
Jenseits des innenpolitischen Sommer-Schmierentheaters wird nämlich auf der Bühne der globalen politischen Korrektheit eine breite Palette von skurrilen Stücken aufgeführt, die da sind: „Black Lives Matter“, „Wokeness“, „Cancel Culture“, „Genderismus“ usw. Samt und sonders Zeitgeist-Wogen, auf denen die spätlinken Grünen trefflich zu reiten wissen, wiewohl die breite Masse der ganz normalen Bürger all das weder versteht noch Interesse dafür zeigt.


Trotz Corona und alledem …

5. August 2020

Angeblich nur „Covidioten“, aber doch 20.000 Menschen, haben am vergangenen Wochenende in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen der bundesdeutschen Regierung protestiert. Es könnten jedoch auch zehn- bis fünfzig Mal mehr gewesen seien. Es seien dies Obskuranten, Sektierer, Reichsbürger, Rechtsextreme, Impfgegner etc., die den Ernst der Pandemie nicht begreifen würden, heißt es.
76.000 Tickets haben die Salzburger Festspiele dieses Jahr zum Verkauf gestellt.
76.000 Menschen werden also in Salzburg dem Kunstgenuss frönen und damit mehr oder weniger direkt den restriktiven Corona-Maßnahmen die Stirne bieten. Auch sie also – unausgesprochen – Protestierer gegen die Corona-Maßnahmen. Sie werden allerdings nicht von den Mainstream-Medien beschimpft, repräsentieren sie doch die Crème de la Crème der Gesellschaft, die Schönen und Reichen, die kunstsinnige Oberschicht. Eines aber haben die beiden Gruppierungen, die hier – mehr oder weniger offen – gegen die Corona-Maßnahmen auftreten, gemeinsam: Sowohl von den Berliner „20.000“, die auf Masken und Abstandsregelung gepfiffen haben, als auch von den Salzburger 76.000, die es sich nicht nehmen ließen, Hugo von Hofmannsthal und Wolfgang Amadé Mozart zu genießen, dürfte ein gewisser Prozentsatz Corona-positiv sein.
Würde man alle 76.000 Salzburger Festspielgäste testen, wären gewiss ein bis zwei Prozent Coronapositiv – das wären dann schon mehr als 1.000 Fälle – und das gleiche kann man gewiss von den Berliner Demonstranten sagen. Wirklich krank aber oder gar hospitalisiert oder noch schlimmer, auf Intensivstation wird – hoffentlich – kaum jemand von ihnen sein.
Und da liegt der Hund begraben. Wir werden mit Corona leben müssen. Wenn die Weltgesundheitsorganisation dieser Tage angstschürend verkündet, dass wir mit der Seuche noch ein Jahrzehnt rechnen müssen, mag das stimmen. Allerdings lernt man indessen, wie man medizinisch mit ihr umzugehen hat, wie man die Patienten behandeln kann, und Impfstoffe sind ja auch auf dem Weg.
Und nachdem wir auch erkennen konnten, dass es sich nicht um die Beulenpest handelt und auch nicht um Ebola, sondern in den meisten Fällen um eine leichte Erkrankung – wenn überhaupt, mit relativ geringer Mortalität –, sollte es auch möglich sein, mit Corona zu leben. Zu leben, ohne die Wirtschaft völlig zu ruinieren, zu leben, ohne unser Sozialleben auf ein unerträgliches Maß einzuschränken, zu leben, ohne das menschliche Miteinander auf Null herunterzufahren. So banal es klingt und so sehr die Vergleiche hinken mögen, aber weder die Ausbreitung von Aids noch irgendeine lokale Masernepidemie – und schon gar nicht irgendeine Grippewelle – haben uns genötigt, Wirtschaft und Gesellschaft in dem Maße zu ruinieren, wie wir dies in diesem Jahr durch Corona glaubten, tun zu müssen. Und das Bedenkliche ist, dass uns die Mainstream-Medien und die Regierenden mehr oder minder deutlich signalisieren, dass dies so weitergehen soll, dass eine drohende zweite Welle oder die Verlängerung der Pandemie auf das nächste Jahrzehnt uns dazu zwingt, mit Social Distancing, Homeoffice, Maskenpflicht, Reisebeschränkungen und ähnlichem weiterzuleben. Wahrlich eine Horrorvision! Die durch ihre sozi-ökonomischen Folgen möglicherweise weit mehr Menschenleben kosten könnte als COVID19.
Und das ist auch der Grund, weshalb der mehr oder weniger offene Protest gegen die COVID-Maßnahmen, wie er durch die Salzburger Festspielgäste gelebt wird, und wie er durch die – mögen sie auch noch so irrational sein – Berliner Demonstranten an den Tag gelegt wird, nicht nur verständlich ist, sondern eigentlich begrüßt und unterstützt werden sollte: Trotz Wien, Berlin und alledem, trotz Klimakatastrophe, Black Lives Matter, Corona und alledem …