Zwischen Seniorat und Juvenilitätswahn

10. Oktober 2016

Generationenkonflikte und ­Generationen­verträge – eine Betrachtungen

Wie skandierten die 68er so schön: „Traue keinem über dreißig“. Und sie positionierten sich damals als neue linke Jugendbewegung, als weitgehend studentische Protestbewegung gegen das Establishment, gegen die Alten, gegen die Spießer und verzopften Reaktionäre.
Das war im Jahre 1968. Kaum eine Generation davor hat es auch eine Jugendbewegung gegeben, nämlich in den 30er-Jahren die Nazis. Die österreichischen Gauleiter etwa waren im Anschlussjahr tatsächlich alle unter dreißig und Hitler selbst war, als er mit 44 Reichskanzler wurde, auch noch ein vergleichsweise junger Politiker. Auch damals war Jugend alles und ältere Politiker galten als reaktionär, spießig und verzopft. Die jugendbewegten Revolutionäre der 30er-Jahre endeten häufig in den Schützengräben des Zweiten Weltkriegs oder danach vor den Entnazifizierungsgerichten. Die Jugendbewegten der späten 60er-Jahre hingegen schafften den „Weg durch die Institutionen“ und enden gerade in unseren Tagen auf Parlamentssitzen, in Chefredakteursbüros oder Aufsichtsratsfunktionen – wenn sie nicht schon in Pension sind.
Tatsächlich gibt es so etwas wie gesellschaftliche Wellenbewegungen zwischen Zeiten, in denen Jugendkult dominiert und Zeiten, in denen dem Prinzip des Seniorates, der Hochschätzung der weisen Alten, gefrönt wird. Dabei ist Alter in der Menschheitsgeschichte etwas durchaus Relatives und es verschiebt sich zunehmend nach hinten ins wirklich hohe Lebensalter. Lag die durchschnittliche Lebenserwartung in der Jungsteinzeit bei 21 Jahren, das heißt, ein Zwanzigjähriger war alt, so konnte man im altgriechischen Sparta mit siebenundzwanzig Jahren Angehöriger des Areopag, des Rats der Alten werden. Wenn man also all die Schlachten und das Schlachten überlebte, war man als Endzwanziger bereits ein weiser alter Mann. Und die griechischen Philosophen „blühten“ mit vierzig, hatten also mit diesem Alter die Höhen ihrer Schaffenskraft erreicht. Andererseits wurde Konrad Adenauer, der Repräsentant der Nachkriegspolitiker in Deutschland schlechthin, erst mit dreiundsiebzig Jahren Bundeskanzler, um es dann für lange Jahre zu bleiben. Und in der KPdSU der Sowjetunion unter Breschnew galt jeder unter achtzig als Lausbub, so relativ kann Alter sein. Wenn man aber das politische Geschehen betrachtet, so ist es wohl eine Tatsache, dass revolutionäre Phasen der Geschichte, Zeiten des Umbruches also, eher von jugendlichen Exponenten geprägt sind. Im Gegensatz dazu sind Phasen strukturkonservativer Beharrung und ruhiger Entwicklung wohl eher von reifen und langgedienten Persönlichkeiten dominiert. Dabei kann man aber auch feststellen, dass die jungen Revolutionäre häufig in den Jahren und Jahrzehnten danach zu strukturkonservativen Systemerhaltern mutieren und sich durchaus mit Zähnen und Klauen jene Pfründe zu bewahren trachten, die sie als junge Revolutionäre erkämpften. Fidel Castro lässt grüßen.
Auch in der politischen Landschaft Österreichs kann man derlei Entwicklung beobachten. Die heimischen Grünen etwa halten sich zugute, aus der Umweltbewegung der 80er-Jahre zu stammen, wobei sie eher verschweigen, dass die meisten von ihnen aus der neulinken Bewegung der späten 60er- und 70er-Jahre kommen. Viele von ihnen wurden politisiert im Spektrum der linken Sekten von Maoisten, Marxisten und Trotzkisten etc. Das Mäntelchen der Umweltschützer haben sie sich zumeist erst später mit mehr oder minder großer Überzeugung umgehängt. Zweifelsfrei ist jedenfalls, dass sie sich damals in den 70er- und 80er-Jahren mit Recht als Jugendbewegung verstehen konnten. Heute sind die meisten Grünexponenten mit ihrer Partei mitgealtert und sind längst Zierden des neuen linken Spießertums, das sich politisch korrekt bei den diversen zeitgeistigen NGOs und der vielzitierten urbanen Gesellschaft umtut. Ein Musterexemplar dieser Gattung stellt der grüne Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen dar.
Jugendbewegt war aber auch die Gegenseite. Bereits im freiheitlichen Atterseekreis und später in der Haider-FPÖ verstand sie sich als jugendliche Gegenbewegung gegen altnationale und reaktionäre Bildungsbürger. Norbert Steger wollte den Aufbruch der jungen Liberalen repräsentieren, und Jörg Haiders Buberlpartie wurde von ihren medialen Kritikern als Exponenten des sogenannten „Feschismus“ abgestempelt. Aber auch in der heutigen großen Oppositionspartei wird viel von „Verjüngung“ gesprochen. Dabei übersehen jene, die dieselbe verlangen, häufig, dass sie selbst auf die fünfzig zugehen und – schwuppdiwupp – in eigener Person schon recht bald das Pensionsalter vor Augen haben müssen.
Wenn man sich das Problem aber ernsthaft vor Augen führt, muss man sich einerseits eingestehen, dass jugendlicher Schwung, jugendliche Energie, das Frische und Unverbrauchte, durchaus so etwas wie ein politisches und gesellschaftliches Modell sein können. Wie könnte in einer Gemeinschaft Aufbruchsstimmung und Zukunftsoptimismus erzeugt werden, wenn nicht durch junge Menschen und ihrem Streben nach Erfolg und Glück. Dabei mögen Naivität und Unerfahrenheit eine Rolle spielen, zynische Abgeklärtheit und allzu viele schlechte Erfahrungen wären da womöglich nur Bremsfaktoren, die eben jene Aufbruchsstimmung behindern würden. Mit einem Wort: Jugendliche Politiker, jugendliche Manager, jugendliche Führungskräfte müssen wohl an der Spitze eines jeden neuen Aufbruchs stehen.
Im Gegensatz dazu steht die Erfahrung, die Abgeklärtheit, die Weisheit des reifen Menschen, der Verantwortung in der Familie, in den diversen Gemeinschaften, in der Politik und der Gesellschaft trägt. Die eigene individuelle Lebenserfahrung, aber auch die kollektive Erfahrung durch die Kenntnis der Geschichte vermögen die Beurteilung von Problemen und Aufgabestellungen gewiss besser zu ermöglichen, als dies bei jungen Menschen möglich ist. Ob es jetzt in der kleineren Familie stattfindet oder in einem Wirtschaftskonzern, im Bereich der Politik oder anderswo, konservative Gesinnung zielt stets auf die Erhaltung des Bewährten ab. Und das scheint zu den Gesetzlichkeiten des menschlichen Lebens zu gehören, dass man ab einem gewissen Alter Veränderung eher kritisch sieht und eher von Sorgen und Ängsten bewegt wird, dass man Erreichtes verlieren könnte.
Angst ist ein schlechter Ratgeber, könnte man den Alten vorwerfen, die Gier aber auch. Die Gier nach Erfolg und nach Glück, muss man wohl den Jungen sagen. Im Wechsel zwischen beiden Faktoren, im steten Pendelschlag zwischen Verjüngung und Erfahrung, zwischen Neubeginn und Vollendung, liegt also zweifellos eine anzustrebende harmonische, individuelle, aber auch kollektiv gesellschaftliche Entwicklung. Der Jugendlichkeitswahn mancher gesellschaftlicher und politischer Epochen kann ins Verderben führen, das allzu starre Festhalten am Prinzip der Seniorität andererseits muss zur Versteinerung führen, der Wechsel zwischen beiden Extremen und der Kompromiss ist hingegen die Lösung.
Gewiss gibt es immer wieder Generationenkonflikte, die Konflikte zwischen Vätern und Söhnen, zwischen Müttern und Töchtern, es gibt aber auch so etwas wie Generationenverträge – nicht nur zur Erhaltung unseres Sozialsystems oder unseres Pensionssystems, sondern auch zur Erhaltung familiären Zusammenhalts, zur Bewahrung gesellschaftlicher Strukturen, die das Staatsganze, ganze Kulturen zusammenhalten.
Der unausweichliche von der Evolution, der Schöpfung und dem Schicksal vorgegebene Wandel von jung zu alt, von Werden und Vergehen, von geboren werden und sterben zwingt uns Menschen in solche Generationenverträge. Die Sorge der Alten für die ganz Jungen und das Verständnis für ihre Probleme beim Heranwachsen und schließlich umgekehrt die Versorgung der Alten durch die Jüngern, sie bis zum Lebensende hin zu begleiten, all das macht diese Generationenverträge aus und beweist letztlich, dass es eine wirkliche Kluft zwischen Jung und Alt nicht geben kann, da alt einmal jung war und jung zwangsläufig alt werden wird.


Die bürgerliche Feigheit

2. September 2013

Es ist bekanntlich strittig, ob der Begriff „bürgerlich“ überhaupt noch so etwas wie eine politisch-soziologische Aussagekraft hat. Die neuen Bürgerlichen, das sind wahrscheinlich die linken Spießer, die sich rund um die Grünbewegung sammeln. Das was man früher unter Bürgerlich verstand, nämlich christlich-konservative Menschen, Gewerbetreibende, Freiberufler, Bauern, Beamten, das gibt es wahrscheinlich nur noch in Restbeständen, vielleicht im Kernwählerbereich der Volkspartei. Früher hätte man eine Kooperation zwischen National-Liberalen und Christlich-Konservativen, eine „bürgerliche Koalition“ genannt, da einer solchen Regierung die konservativen Werte des christlichen Abendlands, die Werte der Familie und des Patriotismus gemeinsam gewesen wären. Heute ist das alles vielleicht noch ein schöner Wunschtraum.

Nun plakatieren die Sozialdemokraten den Angst-Slogan „gegen Schwarz-Blau“ und sie wollen damit wahrscheinlich die Mobilisierung ihrer roten Kernwählerschichten bewirken. Von der Realität ist so eine schwarz-blaue Koalition nämlich ebenso weit entfernt wie ein rot-blaue, da die Freiheitlichen und Heinz-Christian Strache offenbar die einzige politische Kraft darstellen, die nicht mit dem politischen Mainstream und der Political Correctness mitschwimmt. Glaubt man den etablierten Gazetten und politischen Meinungsmachern, so kann man mit allen zusammenarbeiten, nur nicht mit den freiheitlichen Schmuddelkindern. Kooperation mit den altkommunistischen Grünen, mit den Stronach-Opportunisten, mit irgendwelchen Piraten oder Neos, alles ist denkbar. Nur Straches Freiheitliche, das sind die Bösen. Die Anti-Europäer, die Extremisten und Rassisten. So zumindest, wenn man den etablierten Meinungsmachern glaubt. Bei den Freiheitlichen selbst hieß es früher immer: Im Zweifelsfall lieber mit Rot als mit Schwarz, was in den 80er Jahren auch zur sozial-liberalen Koalition unter Sinowatz und Steger geführt hatte. Diese Haltung resultierte aus der Erfahrung des frühen 20. Jahrhunderts, dass die Nationalfreiheitlichen mit den Sozialisten eher konnten, weil diese zumindest Handschlagqualität hatten, während die Schwarzen als „hinterfotzig“ und unzuverlässig galten. Selbiges scheint sich in den Jahren 2000 bis 2006 bestätigt zu haben, als Schüssels ÖVP Haiders Freiheitliche ganz schön aufs Glatteis führten und schließlich zur Parteispaltung und zum Absturz in der Wählergunst brachten.

Demgemäß ist es in der Strache FPÖ „common sence“, dass es eine Koalition mit der ÖVP nur mehr geben könnte, wenn die Freiheitlichen die stärkere und bestimmende Kraft wären. Ob sich dies aufgrund der Wahlarithmetik und der Wählerstimmen irgendwann einmal, eventuell bereits nach dem kommenden September, ergeben kann, weiß man nicht. Und ob die ÖVP – gleich unter welcher neuen Führung – opportunistisch genug wäre, ihre politisch korrekten Standpunkte zugunsten einer gemeinsamen österreich-patriotischen Politik aufzugeben, oder zumindest zu relativieren weiß man ebenso wenig. Zuzutrauen ist den Schwarzen – man entsinne sich an Wolfgang Schüssel im Jänner des Jahres 2000 – jedenfalls alles wenn es darum geht, ihnen die Macht oder gar das Kanzleramt zu sichern. Nur genau das wird Strache sicher nicht machen.

Deshalb gibt es nur mehr einen Grund, weswegen die ÖVP eine Koalition mit den Freiheitlichen nicht ausschließt, so wie es Faymann und die rote Parteispitze vom schwarzen Koalitionspartner verlangt: Nicht dass Spindelegger und seine schwarzen Brüder ernsthaft daran dächten, mit der Strache FPÖ zu koalieren. Nein, sie wollen nur ein Drohpotential gegenüber der SPÖ aufrechterhalten. Die schwarz-blaue Variante, die die SPÖ als Menetekel auf ihre Plakate pinselt, ist für die ÖVP Spitze nicht mehr und nicht weniger als die Möglichkeit, die roten Großkoalitionäre später bei den Regierungsverhandlungen unter Druck zu setzen. Und selbst das wird nur funktionieren, wenn es eine knappe schwarz-blaue Mehrheit gäbe. Denn die Variante Schwarz-Blau-Stronach ist mehr als illusionär. Stronach wurde nämlich vom Establishment in die österreichische Politik gelassen nicht um den Freiheitlichen zum Mitregieren zu verhelfen, sondern um genau das zu verhindern. Da dürften sich Rot und Schwarz in schöner Einigkeit treffen. Den Mut auf der schwarzen Seiten jedenfalls, irgendetwas im wertkonservativen Sinne in Österreich zu verändern, den gibt es längst nicht mehr. Wenn es bei der ÖVP noch ein bürgerliches Element gibt, dann ist es die altbekannte bürgerliche Feigheit. Diese kann man allenthalben immer wieder feststellen.


Wenn’s der Teufel will…

20. März 2013

Franz I, Bischof von Rom und Pontifex Maximus war es, der uns in diesen Tagen wieder einmal den Teufel ins Gedächtnis rief: Wer nicht an Christus glaube, gehe mit dem Satan. In einer Zeit, in der das Gutmenschen-Christentum die Existenz des Teufels beinahe in Vergessenheit geraten ließ, machte uns der Jesuiten-Papst darauf aufmerksam, dass man an Gott nur glauben könne, wenn man auch um die Existenz des Teufels, also des Bösen wisse und damit wohl auch um die Hölle und die ewige Verdammnis. Vom Teufel der Hölle und der Verdammnis auf die österreichische Innenpolitik zu kommen, erscheint vielleicht ein bisschen weithergeholt. Lug und Trug in der Politik, das Brechen von Versprechungen und Loyalitäten, der Verrat, das schamlose Wechseln der Seite und der jeweiligen Partei, der Vertrauensbruch gegenüber dem Wähler mögen in der Politik, allzumal in der kleinkarierten unserer rot-weiß-roten Alpenrepublik, zum Alltag gehören, gewissermaßen als Kavaliersdelikte lässliche Sünden betrachtet werden. Herkömmlichen christlichen Moralvorstellungen zufolge aber wären das eben Sünden und zwar schwere, solche, für die man sich dereinst zu verantworten hätte – wo auch immer. Nun mag es zwar übertrieben sein zu behaupten, da hätte der eine oder andere Politiker einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, dass er aber seine Seele verkauft habe, also seine politischen Überzeugungen, wenn er solche jemals hatte, steht fest.

Wer damit gemeint ist? Na zweifellos einmal jene, die ihre Gesinnung und ihre Partei wechseln wie die schmutzige Unterwäsche. Und dann solche, die den demokratischen Wählerwillen ignorieren, die sich kaufen lassen, durch Geld, Mandate oder Versprechungen.

Der gelernte Österreicher mag sich denken: soll sie doch der Teufel holen, diese politischen Huren am Jahrmarkt der innenpolitischen Eitelkeiten. Im allgemeinen Sprachgebrauch geht man mit dem Teufel ja eher salopp um. Vergegenwärtigt man sich aber die Worte des neuen Papstes weckt man vielleicht doch auf: Vielleicht ist es ja wirklich der Teufel, der seine Hand im Spiel hat, in einer Zeit, in der Wortbruch, Lüge, Hinterhältigkeit und Niedertracht dominieren – nicht nur in der Politik.


Das „gesunde Volksempfinden“

14. März 2012

Ach ja: „Gesundes Volksempfinden“ darf ja man nicht sagen. Dieser Begriff ist angeblich NS-belastet. Keine Ahnung, welcher verbrecherische Nazi es verwendet hat, auch keine Ahnung, ob es den Terminus zuvor bereits gegeben hat. Sehr wohl weiß man aber, dass es so etwas gibt wie dieses „gesunde Volksempfinden“. Am deutlichsten kann man dies immer wieder daran erkennen, dass auch die Menschen hierzulande, die gelernten Österreicher, keineswegs all das glauben, was ihnen die etablierten Medien vorbeten und keineswegs sklavisch den Meinungen der etablierten Politik hinterher hecheln. Nein. Sie haben ihren eigenen Kopf und der ist bemerkenswert nonkonformistisch.

Nehmen wir etwa die Meinungsumfragen: Da wurde in den letzten Wochen und Monaten geradezu hektisch der Niedergang der Strache-FPÖ herbeigebetet. Mit seinem „Juden-Sager“ im Anschluss an den WKR-Ball habe er sich endgültig demaskiert, als unverbesserlicher Ewiggestriger und ungebildeter Mensch. Und nunmehr würden sich die Menschen abwenden. Tatsächlich waren zwei, drei Wochen hindurch die Umfragen für die FPÖ ein bisschen schwächer, nunmehr hat sich die freiheitliche Opposition wieder auf das Umfragen-Niveau eingependelt, das sie zuvor hatte – ein für die etablierten Medien und Parteisekretariate leider beängstigend hohes. Die Menschen haben sich also nicht beeindrucken lassen von dem heuchlerischen Entsetzen über Straches Aussage.

Und ähnlich ist es im Fall der gegenwärtig debattierten Korruptionsskandale der Republik: Da will und will der gelernte Österreicher nicht glauben, dass das Ganze in erster Linie ein freiheitliches Phänomen sei. Da können die Medien das noch so sehr herbei schreiben, zuletzt etwa Peter Michael Lingens im Profil. Weswegen stand dieser übrigens vor Jahr und Tag vor dem Richter? War es nicht auch Steuerhinterziehung oder dergleichen? Na jedenfalls hat eben diese Profil-Edelfeder wieder nachgewiesen, dass die ganze Korruption ein freiheitliches Phänomen sei. Und siehe da, die Menschen in Österreich glauben es ihm nicht. Und auch nicht den zahlreichen anderen Medien und auch nicht dem rot-schwarz-grünen Einheitspolitikern. Die Österreicher wissen vielmehr, dass es dabei so etwas wie Regierungskriminalität gegeben hat. Dass jene, die im System Haider-Schüssel an den Futtertrögen saßen, sich bedient haben und dass das dieselben waren, die nach der Parteispaltung die FPÖ natürlich verlassen haben und zum viel gepriesenen BZÖ gegangen sind. Und die Österreicher wissen natürlich auch, dass zuvor bei den rot-schwarzen und schwarz-roten Regierungen, bei der roten Alleinregierung und bei der schwarzen Regierung dasselbe gewesen ist. Dort, wo es etwas zu verteilen gibt, mästen sich die Schweine an den Futtertrögen. Und nicht, dass eben diese gelernten Österreicher den heutigen Freiheitlichen messianischen Edelmut zutrauen würden, nein, sie wissen schlicht und einfach, dass diese nicht in der Regierung sind und deswegen auf jeden Fall nicht an der Korruption teilhaben können. So einfach ist das. Ja, ja. Das verbotene und viel geschmähte „gesunde Volksempfinden“ gibt es also doch. Und da mögen die politisch korrekten Heuchler die medialen Mainstreamler und die rot-schwarzen Machtmechaniker darüber schimpfen wie sie wollen. Die Leute wissen schon, was los ist. Gottseidank.


Sommerloch und Nachdenkpause

27. Juni 2011

Die Sommermonate sind angebrochen. Politik und Medien bereiten sich auf die Ferien vor. Die Schüler haben noch einige aufregende Tage, aber mehr als drei Nichtgenügend kann man ja kaum haben und damit ist das Aufsteigen ja ohnedies nicht mehr gefährdet. So wie jeder Sozialschmarotzer mit der Mindestsicherung rechnen kann, so wird künftig jeder Vollkoffer mit dem Maturazeugnis vorlieb nehmen können (was nicht heißt, dass jeder der eine Matura hat, ein Vollkoffer sein muss und jeder der eine Mindestsicherung hat, auch ein Sozialschmarotzer. Nein, es gibt sie noch, die intelligenten und die wirklich bedürftigen).

Das Sommerloch steht also vor der Tür und die heimischen Medien werden mangels anderer Themen mit der brennenden Frage ihre Spalten füllen, wo denn die heimische Politik-Prominenz ihren Urlaub verbringt. Die begeisterten Europäer des politischen Etablissements natürlich in der Toskana, an der Cote Azur oder zumindest in Kroatien. Die heimatverbundene Opposition – no na – in Kärnten. Und alle, vom Bundeskanzler bis zum letzten Landtagsabgeordneten, werden sie natürlich ihre Batterien aufladen, um dann im Herbst weiterhin unermüdlich für das Land zu wirken und zu werken. Alle werden sie Nachdenkpausen nehmen, um findig, kreativ und reformfreudig nach den Ferienwochen wieder ans Werk zu gehen.

Dieses Sommerloch hat natürlich das eine Gute, dass man endlich einmal unbehelligt vom täglichen Schwachsinn der heimischen Innenpolitik und den Unsinnigkeiten der internationalen Politik im Kaffeehaus in die Zeitung schauen kann. Endlich nur Society Berichte über das Geschehen bei den diversen Festspielen, Horrorstorys über den regelmäßigen Stau auf unseren Autobahnen und über die Vor- und Nachteile der diversen Urlaubs-Destinationen.

Der Nachteil dieser politischen Informations-Askese ist es allerdings, dass die eine oder andere Polit-Katastrophe sich nicht an Hitzeferien und Sommerurlaub halten will. Wir hören zwar nichts von ihnen, sie schwelt aber weiter.

Was etwa ist mit der Kernschmelze in Fukushima, macht sie Pause, oder geht sie unerbittlich apokalyptisch weiter von statten? Schmelzen die Kernstäbe sich durch in das Grundwasser. Wird das Plutonium, das gefährlichste Gift des Universums, seinen unerbittlichen Weg in die Umwelt, ins Erdreich und in die Atmosphäre nehmen um weltweit Schaden anzurichten?

Und was ist mit der Finanzkatastrophe in Griechenland? Jetzt nach dem EU-Gipfel, wo das Thema aus den Medien ist, ist das Problem gelöst? Sind die griechischen Staatsschulden nun auf dem Weg der Tilgung? Arbeiten die griechischen Beamten plötzlich fleißig, gehen die Pensionsberechtigten später in Pension, verzichten die politisch privilegierten von sich aus auf ihre unfinanzierbareren Vorrechte, verkauft sich das hellenische Familiensilber zur Tilgung der Schulden von selbst? Oder schreitet die hellenische Zahlungsunfähigkeit gnadenlos voran. Wird uns im August oder spätestens im September eine neuerliche Welle von Horrormeldungen über den drohenden Zahlungsausfall und die darauffolgende Eurokatastrophe um den Schlaf bringen?

Und was ist mit den übrigen Pleitestaaten, was mit Irland, was mit Portugal, was mit Spanien und Italien? Hat das Sommerloch alle Probleme verschlungen? Dürfen wir unsere Sorge um den flächendeckenden Bankrott der Mittelmeeranrainer und den darauffolgenden Zusammenbruch des Euro-Systems ad acta legen? Nur weil die Medien nicht mehr darüber berichten? Wohl kaum.

Und was schließlich die heimische Innenpolitik betrifft, werden die Repräsentanten des politischen Etablissements des Landes, von denen man, außer ihren Urlaubszielen, nunmehr über Wochen nicht mehr viel hören wird, plötzlich klüger, reformfreudiger, dynamischer? Oder werden sie in der Sommerhitze noch mehr versumpern? Die etablierten politischen Beobachter und Medien mögen hoffen, dass die aus ihrer Sicht ach so aggressive Opposition während der Sommerferien handzahmer wird. Die Kritiker des politischen Systems und die Oppositionellen selbst mögen davon träumen, dass die regierenden in ihren Ferien zum Schlusse kommen könnten es wäre besser, das Handtuch zu werfen.

So hat jeder seine Sommerträume. Der gelernte Österreicher jedenfalls wird mit gesundem Misstrauen lesen, bzw. hören, dass die bestimmenden Politiker des Landes nunmehr eine sommerliche Nachdenkpause einlegen. Eine Pause vom Nachdenken nämlich. Und das lässt wenig Hoffnung aufkommen.

Schönes Sommerloch!