Die Länder und der „Wasserkopf“

11. Februar 2018

Österreich-Patriotismus, Heimatgefühl und das Landesbewusstsein

Die „Weaner Bazi“, die mag man halt einfach nicht als Tiroler, als Steirer oder Kärntner. Und der Wiener „Wasserkopf“ war schon in der Ersten Republik ein Problem als einer Großstadt von nahezu zwei Millionen Einwohnern, der eine geschrumpfte Republik mit insgesamt sechs Millionen Einwohnern gegenüberstand. Und überhaupt: Die Länder gegen Wien, die Landeshauptleute gegen die Bevormundung durch die Bundesregierung und ein auf das jeweilige Bundesland bezogenes Heimatgefühl, welches unter Umständen viel stärker ist als jedes Österreichbewusstsein. Das ist das emotionale Substrat des österreichischen Föderalismus. Und tatsächlich sind die Bundesländer, die zuvor die Kronländer der Habsburger Monarchie waren, historisch gewachsene territoriale Einheiten mit größtenteils ehrwürdiger Tradition und nicht zu unterschätzenden Eigenheiten, welche bedeutende kulturelle Unterschiedlichkeiten begründen.
Das Kernland, die im Zuge des Hochmittelalters donauabwärts nach Osten hin wachsende babenbergische Ostmark, das spätere Herzogtum Österreich und danach Erzherzogtum Österreich, ist einerseits „unter der Enns“, also in Niederösterreich, von einer überdominanten Großstadt, nämlich der vormaligen habsburgischen Residenzstadt und nachmaligen Bundeshauptstadt Wien in gewisser Weise immer marginalisiert gewesen. Und „ob der Enns“, in Ober österreich also, war dieses Kernland immer sehr bajuwarisch geprägt, von der Mentalität und dem Dialekt her sehr dem benachbarten Bayern verbunden.
Wie im Übrigen auch Salzburg, das allerdings aufgrund seiner kirchlichen Sonderstellung und seines relativ späten Falls – erst vor 200 Jahren – an das Haus Österreich wiederum eine Sonderrolle spielt. Die Steiermark hingegen, das alte von den Traungauern regierte Herzogtum, die grüne Mark, war sehr früh mit den Habsburgern verbunden, um in der Folge mit dem etwas später, Mitte des 14. Jahrhunderts, erworbenen Herzogtum Kärnten als „Innerösterreich“ ein gewisses Eigenleben zu führen. Dies immer wieder im Zuge der habsburgischen Erbteilungen, zuerst im Spätmittelalter und dann noch einmal unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Krieg, um dann unter dem Gegenreformationskaiser Ferdinand II. endgültig mit dem Erzherzogtum Österreich vereint zu werden.
Kärnten hingegen, das über eine noch ältere Tradition des territorialen und staatlichen Eigenlebens verfügt als die Steiermark, fi el erst unter Albrecht dem Weisen an das Haus Habsburg. Das uralte, alpenslawisch und bajuwarisch geprägte, aus der römischen Provinz Binnennoricum hervorgegangene Herzogtum mit seiner „windischen“ Tradition, den slawischen Einfl üssen in Mentalität, Brauchtum und Kulturleben, wurde indes unter der Herrschaft der Habsburger seit der Mitte des 14. Jahrhunderts insofern provizialisiert, als es nie mehr aus dem Lande heraus selbst regiert wurde. Die spätestens seit Kaiser Maximilian zu konstatierende Sonderrolle der Kärntner Landstände  aber – vor 500 Jahren schenkte er ihnen die nachmalige Landeshauptstadt Klagenfurt – und ein eigenwilliges, eben auch slawisch beeinfl usstes Landesbewusstsein, blieben trotz dieser „Fremdbestimmung“ und Regierung von außen, von Graz oder Wien, kurzeitig auch von Laibach aus, ein starker Faktor, ein Faktor, der ein eigenes Landesbewusstsein beförderte.
Mit dem Erwerb der Grafschaft Tirol vermochten die Habsburger die territoriale Brücke zu ihrer ursprünglichen alemannischen Herkunftsregion zu schlagen. Und mit dem Erwerb der kleineren Grafschaften am Bodensee war beinahe schon so etwas wie eine Landbrücke nach Vorderösterreich, zum Breisgau und zu ähnlichen zwischenzeitlich habsburgischen Landen geschlagen.
Die Abrundung der ehemaligen Kronländer zum territorialen Umfang des heutigen Österreich folgte dann erst nach dem Ersten Weltkrieg durch den teilweisen Erwerb Westungarns, des heutigen Burgenlands. Wobei gleichzeitig aber Südtirol und das Kärntner Kanaltal sowie das Kärntner Miestal verloren gingen. Allerdings auch die deutsch besiedelten Gegenden rund um das böhmisch-mährische Kernland, jene Regionen also, die später als „Sudetenland“ bezeichnet wurden und bereits unmittelbar nach der Republiksgründung im Herbst 1918 von den Tschechen annektiert worden waren.
So hat also jedes der heutigen österreichischen Bundesländer eine eigene unverwechselbare Geschichte, eine eigene unverwechselbare historischkulturelle Identität und ein Landesbewusstsein, dessen Verletzung von den Menschen sehr unmittelbar und direkt mit Ablehnung bestraft wird. Als etwa während der NS-Zeit das südliche Burgenland zur Steiermark und Osttirol zu Kärnten geschlagen wurden, beides territorial und ökonomisch nicht ohne Vernunft (ist das bereits „Verharmlosung“?), stieß dies bei der betroffenen Bevölkerung auf heftige Ablehnung. Und alle Vorarlberger, Tiroler, Steirer, Kärntner, Salzburger, Oberösterreicher und Burgenländer finden sich gemeinsam im Misstrauen gegenüber der Zentrale, dem Wiener „Wasserkopf“. Mit Anti-Wien-Emotionen lässt sich gut regionale Politik machen, lassen sich treffliche Landtagswahlkämpfe bestreiten, ein billiges aber immer wieder funktionierendes Rezept.
Die solcherart existente Vielfalt an Landesidentitäten und regionalen, auf die ehemaligen Kronländer und nunmehrigen Bundesländer zentrierten, Heimatbindungen verfügt natürlich auch über die dementsprechenden Klischees. Salzburg ist natürlich Mozart samt Mozartkugeln, die Festspiele und Herbert von Karajan, der Wintersport-Recke Hermann Maier, der Jedermann am Domplatz, das Café Bazar und die tourismusverseuchten Bergtäler bis hinein nach Zell am See, Bad Gastein und Flachau gehören dazu.
In der Steiermark heißt es: „Grün sind Wiesen und Äcker, Peter Rosegger“. Und der Erzberg samt Hüttenwerk, der VOEST-Alpine und der Leobner Montan-Universität sind ebenso steirisch wie der Grazer Schlossberg samt Uhrturm, der auf das Landhaus samt Zeughaus, dem alten und jungen Josef Krainer – beide längst verstorben – herunter schaut. Die steierische Weinstraße, Schilcher und Welschriesling, Mariazell und Radkersburg, die Murauer Brauerei und die Riegersburg, die Grazer Burschenschafter und die Donawitzer Werkskapelle, all das ist steierisch.
Ja und Kärnten? Kasnudln und Abwehrkampf, zweisprachige Ortstafeln, Koschat-Lieder und Lobisser-Holzschnitte, die Expressionisten des Nötscher-Kreises und Kiki Kogelnik, Peter Handke und Peter Kaiser (letzterer ist ein Landeshauptmann), Haiders Bärental und das Paradies des Cornelius Kolig, der Lindwurm, die Karawanken-Bären und nicht zu vergessen der Wörther See samt Villacher Fasching/ Kirchtag, das ist Kärnten mit seinen Berufs-Lustigen.
Und Tirol? Andreas Hofer und Karl Schranz, Toni Sailer und Pater Haspinger, das Hospiz am Arlberg und die Streif in Kitzbühel, die verstopfte Inntalautobahn und der kollektive Phantomschmerz am Brenner wegen des abgetrennten Südtirols, die Schützen und das Skigymnasium von Stams und natürlich das Goldene Dachl von Innsbruck, das ist Tirol.
Über die Vorarlberger ist genug gesagt, wenn man feststellt, dass dort die einzigen Alemannen leben, die Österreich aushalten, die umgekehrt Österreich auszuhalten hat, von Ewald Stadler bis Hans-Peter Martin (soweit sich noch irgendjemand ihrer entsinnt). Und natürlich sind da noch der Bodensee und die Bregenzer Festspiele, das kleine Walsertal und der Bregenzerwald. Das Burgenland mit seiner vorwiegend fränkischen, also nicht-bajuwarischen Besiedlung, das einst in der Monarchie Deutsch-Westungarn hieß und als einziger Zugewinn der jungen Republik in den frühen 20er-Jahren zu Österreich kam, ist bekanntlich unvollständig. Ursprünglich sollte es ja Vier-Burgenland heißen und auch Ödenburg und Pressburg umfassen.
Heute jedoch ist es derart selbstverständlich ein Teil Österreichs, jener vielleicht, über den man am ehesten Witze macht, der aber mit dem Neusiedler See und dem Schloss Esterhazy, mit den Mörbischer Festspielen, mit der wunderbaren Altstadt von Rust, mit seinen gediegenen Rotweinen unverzichtbarer Teil der österreichischen Identität ist.
Und dann ist da noch das eigentliche Österreich ob und unter der Enns: Unter der Enns mit seinen vier Vierteln, von der Weltstadt Wien marginalisiert und doch das größte Bundesland des heutigen Österreichs. Ein Bundesland, das eine dominierende Rolle im Rahmen des rot-weiß-roten Föderalismus spielt.
Und dann ist da noch – zu guter Letzt und doch so dominant – die vormalige Hauptund Residenzstadt, die Kaiserstadt, die heutige Bundeshauptstadt, das eigene Bundesland Wien. Das Wien der Habsburger, das Wien des Karl Lueger, das Rote Wien, das die letzten langen Jahre von einem ebenso grantigen wie trinkfreudigen Fiakertypen regiert wurde, und dennoch eine der europäischen Metropolen mit der höchsten Lebensqualität ist. Dieses Wien stellt so etwas wie einen natürlichen Antagonismus zu den Bundesländern, zu den ehemaligen Kronländern dar. Es ist nicht nur Zentrale, es ist auch „Wasserkopf“, es ist nicht nur Drehscheibe für die Österreicher aller Länder, es ist auch ganz reales Feindbild, eine Metropole, die über Jahrhunderte nach Osten geblickt hat in Richtung Slawen und Magyaren, die die europäische Ankerstadt für Serben und Kroaten, für Ungarn, Slowaken und Tschechen war, eine Stadt, die eine der Welthauptstädte des jüdischen Geisteslebens war und teilweise noch ist. Jene Stadt, wo Adolf Hitler politisiert wurde in der gleichen Zeit, in der Sigmund Freud die Psychoanalyse entwickelte und Karl Kraus das Feuilleton prägte. Das ist die Stadt der Gebrüder Strauß und des Walzers, der Heurigensänger und der Schwulen-Hochämter beim Life-Ball. Was der „echte Wiener“ ist, ist schwer zu definieren.
Jener Phänotypus, der von der bajuwarisch-fränkischen Zuwanderung in der babenbergischen Ostmark geprägt war und heute noch in Resten in den Weinbau- und Heurigenviertel der Stadt vorzufinden ist, wohl nur noch in geringem Maße. Die slawischen und magyarischen Zuwanderer aus der Nachbarschaft in der Donaumonarchie schon eher. Es gibt ihn jedenfalls, den Typus des Wieners und er ist immer der Gegentypus zum Provinzler, zum Älpler, zum Rustikal-Österreicher. Alles in allem ist es also eine Art Hassliebe, die die Österreicher aus den Bundesländern mit den Wienern und umgekehrt verbindet.
Im politischen Gefüge der Republik ist es der Föderalismus, der aus der Existenz der Eigenwilligkeit der österreichischen Bundesländer, der ehemaligen Kronländer erwächst. Es ist dies ein Föderalismus, der zweifellos zahlreiche Mehrgleisigkeiten, bürokratische Umständlichkeiten und kleingeistige Bürokratie erzeugt. Es ist aber auch ein Föderalismus, der aufgrund der historisch gewachsenen und so ausgeprägten Landesidentitäten unverzichtbar ist.
Nehmen wir beispielsweise die Idee, die Landtage, die ja tatsächlich in der Legislative nur geringe Kompetenz und wenige Aufgaben wahrnehmen können, abzuschaffen. Will man wirklich Landesparlamente, die es über Generationen gegeben hat und die mit den Landständen eine Tradition bis ins Mittelalter haben, abschaffen und damit regionalen Parlamentarismus und an die kleinräumige Heimat gebundene Demokratie der Zentralisierung opfern? Und ist tatsächlich das Prinzip der Rationalisierung im Bereich der Landesverwaltung und der Landespolitik die einzig denkbare Maxime? Sollte man nicht vielmehr davon ausgehen, dass Demokratie und demokratische Politik eben auch Geld und Mühen kosten?
Ein historische Gemeinwesen, wie etwa das Land Kärnten, das über tausend Jahre Reichsherzogtum war, oder die grüne Mark oder das Land Tirol, sollten sie nicht selbstverständlich Vertretungskörper eben Landtage und eine eigene Landespolitik haben? Gewiss, eine Reform der Aufgabenstellungen und der Befugnisse dieser Vertretungskörper ist zweifellos angesagt. Im Zuge einer europäischen Subsidiarität aber müsste man Subsidiarität auch im nationalstaatlichen Bereich verwirklichen! Nach dem Motto, der Bund ist nur für all das zuständig, was die Länder nicht selbst lösen können, und jene sind nur für das zuständig, was die Kommunen nicht im wohlverstandenen Eigeninteresse regeln. Das wäre Subsidiarität, mehr Rechte also für die Länder, mehr Befugnisse, mehr unmittelbare Bürgerbeteiligung im unmittelbaren Lebensbereich jener historisch gewachsenen Entitäten, mit denen sich die Menschen als Tiroler, Steirer, Kärntner, Salzburger so verbunden fühlen. Diese Verbundenheit mit der jeweiligen Heimat, die im Wesentlichen wohl deckungsgleich ist mit dem jeweiligen Bundesland, schafft in Summe Verbundenheit mit Österreich. Österreichbewusstsein und Österreichpatriotismus ohne das auf die Länder bezogene Heimatgefühl ist nämlich kaum denkbar.

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Schluss mit dem Pseudo-Patriotismus!

23. Juni 2016

Ein Plädoyer für das Gladiatorenprinzip im Sport

Spiele der Nationen, Wettkämpfe der Völker, das sind sie längst nicht mehr, jene internationalen Sportereignisse, die sich da unter dem Titel „Olympische Spiele“, „Weltmeisterschaften“ oder, wie gegenwärtig, „Europameisterschaften“ den begeisterten Publikum darbieten. Längst sind es nicht mehr die schnellsten, die stärksten und gewitztesten Söhne der europäischen Völker, die sich hier beispielsweise bei einer Fußball-Europameisterschaft ins Getümmel werfen. Es sind vielmehr „Multikulti-Teams“ (so dieser Tage die Tageszeitung „Die Presse“), die hier aufeinander treffen. Multikulti-Teams, die bestenfalls ein Abbild der zeitgenössischen Zuwanderungsgesellschaften darstellen und einmal mehr deutlich machen, dass der Sport ebenso wie etwa die Pop-Szene ein Mittel sein kann für die Integration und auch den sozialen Aufstieg aus der sozialen Deklassierung und des Migrationsmilieus. Jene patriotischen, wenn nicht gar chauvinistischen Emotionen aber, die bei derlei sportlichen Wettkämpfen frei werden, stellen im Grunde geradezu ein Paradoxon dar. Da werden „Nationalmannschaften“ abgefeiert, die mit der herkömmlichen Nation, für die sie antreten sollen, nur mehr sehr am Rande zu tun haben. Am deutlichsten wird dies, wenn vor dem jeweiligen Spiel die jeweilige Nationalhymne abgespielt wird, die von den Spielern aus den autochthonen Bevölkerungsteilen begeistert mitgesungen wird, während die Spieler mit Migrationshintergrund sie nur allzu häufig tonlos und mit steinerner Miene über sich ergehen lassen. Wenn etwa Alaba und Arnautovic zu „Heimat bist du großer Söhne …“ demonstrativ schweigen, ebenso wie Özil und Boateng dies zu „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland …“ tun, so wohnt dieser Geste beziehungsweise der Verweigerung einer Teilhabe an derselben ein gewisses Maß an Ehrlichkeit inne. Ziemlich deutlich machen die Betroffenen nämlich damit klar, was sie von dem mittels Nationalhymne demonstrierten Patriotismus halten.
Die bereits erwähnten nationalen, patriotischen, chauvinistischen Emotionen, die rund um derlei Sportereignisse entflammen, machen allerdings deutlich, dass es in Menschen – auch in dem auch so aufgeklärten postmodernen Teil unserer dekadenten Gesellschaften – offenbar das Bedürfnis nach nationaler Gemeinsamkeit, nach Identifikation mit der res publica, nach Stolz auf das eigenen Land gibt.
Die jeweilige patriotische Sport-Euphorie allerdings, die ja so weit geht, dass die Teilnehmer sich in den Farben der Nationalfahne kollektiv ins Stadion begeben, sie stellt im Grunde so etwas wie einen Ersatz-Nationalismus, einen Pseudo-Patriotismus dar.
„Panem et circenses“ heißt das Prinzip, nach dem dieser Ersatz-Patriotismus funktioniert. Ein wirkliches bewusstes Pflegen der eigenen nationalkulturellen Identität, ein wirkliches opferbereites Eintreten für das eigene Land und das eigene Volk würde wesentlich mehr verlangen als das Tragenvon rot-weiß-roten Zylindern und das empathische Schwenken von Fähnchen. Und wenn die Herren dieses Ersatz-Patriotismus entweder erst vor kurzem stammende Menschen sind, die der jeweiligen Staatssprache nur radebrechend mächtig sind, wird die Groteske vollends zur Farce. Wie erfrischend ehrlich ist da doch der Vereins-Fußball, da heißen die Vereine „Bayern München“ oder „Borussia Dortmund“ oder „Rapid Wien“, ihre Spieler kommen aber aus der ganzen Welt. Sie werden, je nach Finanzkraft des jeweiligen Vereins, um Millionen zusammengekauft, haben mit dem Sitz des Vereins, dem Herkunftsort, kaum etwas zu tun. Bei Bayern München zeigt man sich zwar in Mannschaftsstärke einmal im Jahr beim Oktoberfest in Lederhosen und die millionenschweren Stürmerwaden werden von bairischen Wadenstrümpfen geziert, das ist aber auch schon alles, was die meisten Stars des Münchner Eliteklubs mit Bayern zu tun haben. Und andernorts ist es genauso.
Dass ein guter Teil der Mannschaften im Vereins-Fußball auch bereits im Eigentum irgendeines Supersponsors steht oder von einem solchen zumindest abhängig ist, ist die Kehrseite der Medaille. Hier ist der Sport ganz offensichtlich ein maßgeblicher Teil einer weltweiten Unterhaltungsindustrie, die Milliarden umsetzt und er versteht es, Menschenmassen nicht nur Zeitvertreib, sondern sogar Lebensinhalt zu bieten. Und die Helden dieses milliardenschweren Sportzirkus, sie funktionieren ausschließlich nach dem Gladiatorenprinzip: Wer am meisten zahlt, hat die besten Spieler und die erfolgreichsten Sportler, er kann Siege verbuchen und wiederum Milliarden dadurch verdienen.
Neben dem Mannschafts-Fußball ist es vielleicht noch die Formel 1 der Autorennen, die ganz offen nach diesem Prinzip funktioniert. Die Rennställe der Superboliden erinnern frappierend an die Gladiatorenschulen im alten Rom. Und ähnlich wie die Gladiatoren riskieren die Formel-1-Piloten sogar noch Leib und Leben, was man etwa von den millionenteuren Fußballstars nicht behaupten kann (und sich auch niemand wünschen würde), und natürlich gibt es da auch so etwas wie einen Rennstall- oder Vereins- Patriotismus. Natürlich gibt es treue Fans, die auch bei jenem Massensport, der nach dem Gladiatorenprinzip funktioniert, ohne jeden nationalen oder patriotischen Zungenschlag loyale Anhänger und treue Förderer und Unterstützer sind. Dieser Vereins-Patriotismus ist ebenfalls wesentlich ehrlicher wie der Pseudo-Patriotismus, der sich bei „Olympischen Spielen“, „Europameisterschaften“ oder „Weltmeisterschaften“ auftut. Gewiss, es gibt auch bei den gegenwärtig ablaufenden Europameisterschaften noch Mannschaften, die prototypisch für ihr Land und ihr Volk stehen. Etwa die „blonden Hünen“ (wie der Kolumnist einer großer österreichischen Tageszeitung begeistert formulierte), die für Island antreten, oder die Spieler der italienischen Squadra Azzurra, die das Absingen ihrer Nationalhymne begeistert wie eine Verdi-Oper zelebrieren und natürlich auch die Vertreter des einen oder anderen kleinen osteuropäischen Landes, dass sich schlicht und einfach keine eingebürgerte Legionäre leisten kann und für Zuwanderer uninteressant ist. Dort mögen noch Nationalmannschaften im wahrsten Sinne des Wortes existieren, insgesamt aber bei den Deutschen, bei den Franzosen, bei den Briten und auch bei den Österreichern sind es „Multikulti-Teams“, um die Terminologie der hochseriösen „Presse“ zu benützen. Es wäre also eine Frage der Ehrlichkeit, mit dem verlogenen Pseudo-Patriotismus bei solchen Spielen Schluss zu machen, die im Grunde unter dem Mäntelchen des Völker- und Nationen-Wettkampfs genauso Gladiatorenwettkämpfe sind, wie sie beim Vereins-Fußball oder bei der Formel 1 stattfinden. Die Fans mögen doch gefälligst mit irgendwelchen Firmenlogos, den Signets von Google oder Facebook, unter der Fahne von Exxon oder Chrysler, vielleicht auch im Zeichen von Volkswagen, auf den Tribünen jubeln. Die nationalen Symbole der historisch gewachsenen europäischen Völker sollen sie doch zuhause lassen. Und anstelle irgendeiner Nationalhymne möge doch „We are the Champions“ oder dergleichen ertönen. Die Marseillese, das Deutschlandlied, God save the Queen muss ja nicht unbedingt bei Gladiatorenspielen ertönen. Brot und Spiele für die Massen, Millionenhonorare für die Gladiatoren selbst, Milliardengewinne für die Sponsoren – und Ablenkung von den wahren Problemen! So funktioniert die ganze Sache und mit den europäischen Völkern, mit den Nationen und ihren Kulturen hat das Ganze verdammt wenig zu tun, lasst uns dies endlich ehrlich zugeben.
eingebürgerte oder aus Zuwanderungs-Ghettos


Am Ende gewinnen die Deutschen!?

5. Juli 2010

Dem Fußballrausch kann sich niemand so recht entziehen, auch hierzulande, wo wir nicht direkt und unmittelbar teilnehmen. Früher waren die Straßen leer gefegt und alles saß vor dem Heimkino, heute ist mit „Public Viewing“ dafür gesorgt, dass auch im öffentlichen Raum vor irgendwelchen Großbildflächen gemeinschaftlich gejubelt und getrauert wird. Und wieder einmal ist es die bundesdeutsche Elf, die für Furore sorgt.

Tatsache ist, dass nur 13 Prozent der Österreicher zur bundesdeutschen Fußballmannschaft halten. Man ist für jeden anderen, für die Brasilianer, für die Argentinier – die beide bereits ausgeschieden sind – nur nicht für die Deutschen. Was leitet sich daraus ab? Selbsthass der Deutsch-Österreicher, Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem großen Bruder, erfolgreiche Umerziehung nach 1945 oder schlicht historische Unkenntnis?

Normalerweise wäre es das Natürlichste vom Natürlichsten, dass man zum großen Bruder hält, wenn man selbst als kleinerer Bruder nicht dabei ist. Dass man für jene die Daumen drückt, die der eigenen Sprach- und Kulturnation angehören. Aber im postnationalen Österreich des 21. Jahrhunderts ist eben nichts normal bzw. natürlich.

Dabei ist die gegenwärtige bundesdeutsche Fußballmannschaft ohnedies ein höchst zeitgeistiges Beispiel einer Multikulti-Truppe: zwei Schwarzafrikaner, ein Türke stürmen da mit und Klose und Podolski werden ohnedies als Polen gehandelt, auch wenn sie in Wahrheit wahrscheinlich biedere Schlesier sind. So brave Durchschnittsdeutsche wie der Jungstar Müller, wie Schweinsteiger, wie Mertesacker, gehören bereits geradezu zur Minderheit in dieser Mannschaft.
Aber wie auch immer. Diese deutsche Mannschaft spielt jedenfalls hervorragend, bietet eine gute Show und kurioserweise die Möglichkeit zu nationaler Identifikation. In Österreich sind es die wenigen bewussten Deutsch-Nationalen – der freiheitliche Nationalratsabgeordnete Harald Stefan lässt grüßen – die der Meinung sind: „Wir gewinnen“. Und in der Bundesrepublik zeigt sich nahezu so etwas wie eine nationale Euphorie, wie fahnenschwingender Patriotismus, der allerfröhlichsten, allerdings auch allerseichtesten Art und Weise, durchaus erfreulich, aber wenig gewichtig.


Nationalspieler oder Gladiatoren?

14. Juni 2010

Alle vier Jahre wieder präsentieren sich bei den Fußball-Weltmeisterschaften die Fahnen und Farben der Nationen bzw. Fußball-Nationen dieses Planeten. Da kochen patriotische Emotionen hoch, Fahnen und Farben werden stolz präsentiert, Hymnen mit großem Pathos abgespielt. Kritiker jedoch lassen uns wissen, dass nationale Wettkämpfe, Länderspiele also längst überholt sind. Und die Realitäten etwa in der Zusammensetzung der Fußballmannschaften scheinen ihnen Recht zu geben: Da besteht die französische Mannschaft nahezu insgesamt aus Schwarzafrikaner, da zeigt sich bei den meisten Teilnehmermannschaften die multikulturelle Gesellschaft, die weltweite Migrationsgesellschaft, in all ihren Facetten. Und sogar die deutsche Nationalelf hat bei ihrem ersten Spiel den Triumph gegen Australien mit zwei Türken und einem Schwarzafrikaner reüssiert. Ist es also wirklich sinnlos noch von Nationalmannschaften, von nationalen Wettkämpfen zu sprechen?

Die Alternative zu diesen Wettkämpfen der Völker und Nationen sind Gladiatoren-Kämpfe wie wir sie etwa von der Formel Eins des Motorsports kennen. Dort treten die Mannschaften großer Konzerne an. Red Bull, Ferrari, Mercedes, Renault, BMW und was auch immer konkurrieren hier, wobei die Fahrer zwar als Stars gehandelt werden, in Wirklichkeit aber die Maschinen, die Motoren gegeneinander prestige- und gewinnträchtig antreten. Neben dem finanziellen Rummel und dem Mediengetöse sind es aber sogar dort bei diesen Gladiatorenspielen der Autorennfahrer nationale Emotionen, die sich von Seiten des Publikums entfalten. Die Deutschen halten zu ihrem „Schumi“, die Italiener – weniger personenbezogen sondern mehr konzernorientiert – zu Ferrari und so weiter und so fort.

Nun ist es zweifellos eine Form von Pseudo-Patriotismus, der sich bei derlei Sportwettkämpfen entwickelt. Für Afrika etwa gestehen selbst die schärfsten Zeitgeistler und Gutmenschen zu, sind die Fußball-Wettkämpfe am Kap der guten Hoffnung eine Möglichkeit, neue Identität und neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Da ist es legitim wenn sich nationale ja gar auf die „schwarze Rasse“ insgesamt fokussierte Emotionen hochranken. Anders natürlich bei den Europäern, wo man sehr wohl die Gefahr des Chauvinismus sieht, wenn die eigene Mannschaft allzu sehr bejubelt wird.

Tatsache bleibt allerdings, dass beispielsweise in Deutschland nach dem fulminanten Eröffnungsspiel nationale Emotionen und schwarz-rot-goldene Fahnen in einem Maße auftreten, wie wir sie sonst im Alltag nicht finden. Nationale Emotionen der aller trivialsten Art und Weise allerdings. Emotionen, die sowohl von autochthonen Deutschen als auch von zugewanderten Türken geteilt werden. Emotionen, die von der Medien- und Unterhaltungsindustrie entsprechend genutzt und vermarktet werden. Aber zweifelsfrei sind es nationale Emotionen. Das „Wunder von Bern“ in den 50-er Jahren brachte den Deutschen nach dem Krieg und den schweren Nachkriegsjahren neues Selbstbewusstsein. Die Fußball-WM in unserer post-nationalen europäisierten Welt des 21. Jahrhunderts lässt immerhin alle paar Jahre wieder ein bisschen Patriotismus und Nationalstolz aufflackern. Das ist auch schon etwas und man sollte es nicht zu gering achten.