Unsere Sorgen möchte‘ ich haben…

14. Juli 2011

Nun wird also unsere Bundeshymne „gegendert“. „Heimat bist du großer Töchter, Söhne, Volk begnadet für das Schöne“ wird es also künftig heißen. Und die Debatte darüber war den Medien zufolge brisant und hoch emotional. Weibliche Abgeordnete – no na – von ÖVP, SPÖ und den Grünen haben den Antrag eingebracht, nahezu jeder etablierte Wortspender hat sich dazu geäußert und die Debatte hat die erste Woche des politischen Sommerlochs absolut dominiert.

Dass gleichzeitig die europäische Staatsschuldenkrise aus dem Ruder läuft, dass nach der evidenten Griechenland-Pleite Irland ins Desaster taumelt und nunmehr Italien ins Visier der Ratingagenturen und der Spekulanten geraten ist, scheint hierzulande kaum jemanden aufzuregen. Dass damit nicht nur die Zukunft der Einheitswährung Euro, sondern schlicht und einfach das Schicksal der europäischen Integration auf der Kippe steht, ist offenbar zweitrangig. Hauptsache der Pseudo-Feminismus irgendwelcher mäßig wichtiger Polit-Tanten feiert Triumphe.

Dabei ist unsere Bundeshymne ohnedies so eine eigene Sache: Die Musik Mozarts, „die kleine Freimaurerkantate“, sollte möglicherweise schon ein Signal sein, als man sie damals wählte. Und Schöpfer des Textes war – blöd für die Pseudo-Feministinnen – Paula von Preradovic, also eine Frau, der man Chauvinismus wohl nicht vorwerfen kann. Nach der Kaiserhymne „Gott erhalte…“, der Kernstockhymne, dem Deutschlandlied, gepaart mit Horst Wessels unseligen Versen, dann also unsere nunmehr umoperierte – pardon „gegenderte“ – Bundeshymne, die doch eigentlich längst von Schillers „Ode an die Freiheit“, vertont von Ludwig van Beethoven, als Europahymne abgelöst wurde. Symbolpolitik der aller unwichtigsten Art.

Und dann ist da noch das zweite aufregende Thema dieser Tage: das Habsburg-Begräbnis. Mit imperialem Pomp wird der Sohn des letzten Kaisers in Österreich zu Grabe getragen. Und die Republik feiert mit. „Ja dürfen‘s denn das?“, könnte man mit Ferdinand dem Schwachsinnigen – pardon, Ferdinand dem Gütigen, wir sind ja jetzt wieder pro-habsburgisch – sagen. Ist es nicht unangebracht für jemand der nie gekrönt war, nie regiert hat, ihn wie ein Staatsoberhaupt zu Grabe zu tragen? Und überhaupt, wer trägt die Kosten? Ist es nicht womöglich doch der österreichische Steuerzahler, der hier für Habsburgs Glanz und Gloria aufzukommen hat?

Wohl kaum. Und wenn, dann bekommt er ein Vielfaches dafür zurück. Nach den beiden Adelshochzeiten der vergangenen Wochen ist nun das Adelsbegräbnis für Österreich zweifellos ein „Medien-Hype“, ein Ereignis das weltweite Aufmerksamkeit erregen wird und damit auch die heimischen Kassen klingen lassen dürfte.

Ganz abgesehen davon, das Otto von Habsburg zweifellos das war, was der gewohnt kluge steirische Diözesan-Bischof Egon Kapellari in Maria Zell über ihn sagte, nämlich „ein Kämpfer gegen die spirituelle Immunschwäche Europas“, ganz abgesehen davon ist das imperiale Begräbnis für die meisten schlicht und einfach ein medialer Groß-Event. Etwas das die Gazetten füllt, die Sensationslust des Publikums befriedigt, das mediale Sommerloch füllt und die Tratsch-Sucht der Österreicher stillt.

Unsere Sorgen möchte ich haben, könnte man als gelernter Österreicher angesichts dieser beiden Haupt-Themen der vergangenen Tage seufzen. Europa geht unter und wir zanken uns über Hymnen-Texte und Begräbniskosten.


Jahrhundert-Gestalten

12. Juli 2011

Von 1912 bis 2011, nahezu ein Jahrhundert also, hat Otto von Habsburg gelebt. Eine Persönlichkeit, die tief in der alt-österreichischen Geschichte wurzelte, die noch auf den Knien von Kaiser Franz Josef geschaukelt wurde und deren Lebensspanne bis weit in das 21. Jahrhundert hinein reichte. Ein Zeitzeuge einer Vielzahl von Epochen, insbesondere des für Österreich so schwierigen 20. Jahrhunderts. Und obwohl er der Erbe eines Versunkenen und einer abgedankten Familie war, vermochte er es aus einer schier hoffungslosen Position – Regent zu werden in einem der alten habsburgischen Lande schaffte er niemals – seine Epoche mitzuprägen. Und natürlich war dieser Sohn des letzten österreichischen Kaisers auch eine historisch ambivalente Gestalt. Seine vor dem Zweiten Weltkrieg getätigten Bemühungen um jeden Preis – gleich welchen auch immer – doch noch irgendwo die Monarchie zu restituieren waren eine Seite seiner politischen Existenz, seine europäische Karriere nach 1945, insbesondere seine Funktion im Zuge des Zusammenwachsens von Ost- und Westeuropa nach dem Fall der Berliner Mauer, eine andere Sache. Beeindruckend als Persönlichkeit war Otto von Habsburg jedenfalls dann als reifer Mann, wenn nicht gar als alter Mann. Umfassendes Wissen, abgeklärte Toleranz und Verständnis für die Völker Europas, für die verschiedensten politischen Gruppierungen waren die Eigenheiten, durch die er uns beeindruckte. Auch gegenüber Österreichs national-freiheitlichem Lager zeigte er weit größeres Verständnis, weit mehr Toleranz als es sonst Vertreter des politischen Establishments taten und als es die Geschichte der letzten Jahrzehnte der Habsburger Monarchie vermuten hätten lassen.

Wie auch immer. Einer der letzten großen Zeugen der österreichischen Geschichte ist abgetreten. Und überhaupt treten die Vertreter der Erlebens- und Erleidens-Generation nunmehr endgültig ab. Franz Olah, der von der roten Sorte Österreichs Geschichte in all ihrer Schwierigkeit mitprägte, ist tot. Hans Dichand, der als Journalist ebenso von der Ersten Republik bis herauf ins 21. Jahrhundert Beobachter und Analytiker dieser österreichischen Geschichte war, ist verstorben. Aus dem deutsch-national-freiheitlichen Eck ist es nur noch Otto Scrinzi, der als ein solcher Jahrhundert-Zeitzeuge lebt. Und auch er ist schon um die Mitte Neunzig.

Wenn man die Herkunft, die politische Prägung, das Wirken letztlich insgesamt den politisch-menschlichen Lebensweg der drei genannten Persönlichkeiten verfolgt, sieht man zwangsläufig in erster Linie die Gegensätze. Als Teile der politischen Lager die sie repräsentierten standen sie in scheinbar unversöhnlichen Fronten gegeneinander. In den letzten Jahrzehnten ihres Lebens jedoch waren gerade Habsburg, Olah und Scrinzi Versöhner. Sie standen für Verständnis und gegen Ausgrenzung. Und das vielleicht nicht nur aufgrund der Abgeklärtheit des Alters, sondern eben wegen des leidvollen Erlebens, das sie hinter sich hatten. Österreich brauchte solche Persönlichkeiten, um über den Hass der 30-er und 40-er Jahre hinweg kommen zu können. Österreich benötigte sie, um das auseinanderklaffen der Geschichtsbilder einigermaßen zu heilen. Das war ihre große Funktion und damit wurden sie zu Zeugen nicht nur der leidvollen antagonistischen Geschichte, sondern auch der österreichischen Kunst, der wahren rot-weiß-roten Größen, der Toleranz des Ausgleichs und des Humanismus.

Ob es solche Gestalten in den nachfolgenden Generationen auch noch gibt, ist nicht so leicht zu beantworten. Man kann über die gegenwärtigen politischen Akteure und auch über die bereits abgetretenen Vertreter der Nachkriegsgenerationen noch kein abschließendes Urteil sprechen. Werden sie weiter Vertreter des Parteienstreits und des Gezänks bleiben oder letztlich zu einer übergeordneten Haltung heranreifen, vielleicht erst in den letzten Lebensjahren? Die Chance auf zunehmende Langlebigkeit gilt ja auch für die Politik und damit die Möglichkeit noch zu entsprechender Größe und Weisheit zu reifen.

Was die historische Zeugenschaft der drei genannten großen alten Männer betrifft, ist eigentlich alles aufs beste dokumentiert. Von frühen Filmaufnahmen bis hin zu lückenlosen Dokumentation wie wir sie heute im Internet finden ist alles vorhanden. Allein die Tabus im Bezug auf die jüngere Geschichte bleiben natürlich aufrecht, die Schwarz-Weiß-Malerei, die Kategorisierung in Gut und Böse, in Sieger und Verlierer, zumindest was die beiden Weltkriege betrifft, ebenso. Das reicht von der Frage ob jetzt Altösterreich für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs wirklich verantwortlich war bis hin zur Rolle Otto von Habsburgs im Frühjahr 1938 und letztendlich zur Frage, ob Österreich nach 1945 befreit oder besetzt wurde. Hier bestehen trotz besten Informations- und Forschungsstandes weiter Denkverbote, Tabus und politisch-korrekte Sprachregelungen. Daran hat auch das Wirken und die Zeitzeugenschaft von Jahrhundert-Persönlichkeiten wie der drei Genannten nichts geändert. Historisierung, wie sie etwa im Bereich der französischen Gesellschaft im Bezug auf die napoleonische Zeit längst stattgefunden hat, wird es im Bezug auf diese historischen Schlüsselbereiche wohl kaum in absehbarer Zeit geben. Vielmehr stehen wir mitten in einer Phase der Moralisierung dieser Frage. Der volkspädagogische Ansatz überwiegt den historischen. Aber so ist es nun einmal.