Österreich, alles in allem ein gutes Land…

29. Juni 2018

Können wir es erhalten?

Gesetzt den Fall, ein beliebiger Erdenbürger könnte sich heute, zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes, also im Frühjahr des Jahres 2018, aussuchen, auf welchem Flecken dieses Planeten er gerne leben möchte, so müsste er eigentlich auf Österreich kommen. Alles in allem, von der Landschaft, von den Menschen, von der Kultur, vom Sozialsystem, vom Rechtsgefüge, von der Lebensqualität und allen anderen Kriterien her ist unsere Heimat wahrscheinlich jener Flecken auf diesem Planeten, der am lebens- und liebenswertesten ist. Und das nicht nur für den gelernten Österreicher, der seine Heimat mit einer gewissen Zwangsläufigkeit liebt, sondern tatsächlich nach objektiven Kriterien.
Nach wie vor ist die heimische Naturlandschaft schlicht und einfach zauberhaft. In erster Linie ist Österreich ein Bergland. Nun sind die Alpen das am meisten und lückenlosest durchsiedelte Hochgebirge der Erde. Vor allem im bajuwarischen Bereich hat die bäuerliche Siedlung den alpinen Raum hoch bis über die Waldgrenze durchdrungen. Bergbauern und noch höher gelegene Almwirtschaft haben dieses Hochgebirge, das sich auf österreichischem Territorium an die 4.000 Meter erhebt, kultiviert. Die Ebenen und Flusstäler des Landes sind nicht minder reizvoll. Das fruchtbare Alpenvorland, welches das nördliche Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich prägt, die Ebenen des Marchfeldes und des Weinviertels, das größte inneralpine Talbecken in Kärnten mit seinen Seen und sanften Hügeln, darin verstreut wie Perlen Dörfer und Landstädte.
Diese erlesene Naturlandschaft und ihre Kultivierung ist von Zersiedlung und schrankenlosem Zubetonieren gefährdet. Das Bauernsterben stellt überdies die alpine Kulturlandschaft in Frage, da es schlicht niemanden mehr geben wird, der Hochwälder und Almen kultiviert und bearbeitet. Und die Abwanderung aus den ländlich geprägten Tälern, den Dörfern und kleineren Städten des flachen Landes bedingt ebenso den sukzessiven Verlust der kultivierenden Kraft durch den Menschen.
Droht also eine Zukunft, in der die österreichische Landschaft von verlassenen und verödeten Almen, von ungepflegten Wäldern, dafür aber von auswuchernden Ballungsräumen, brutal zugebauten Seen, von zu Tode gestauten und regulierten Flüssen, dafür aber von verödeten Tälern, Dörfern und Landstädten geprägt ist? In den letzten Jahrzehnten gab es zahllose Programme zur Rettung und Belebung des ländlichen Raums – sowohl auf EU-Ebene als auch auf nationaler österreichischer Ebene. Die Ausdünnung und Verödung dieses ländlichen Raumes schreitet dennoch offenbar unaufhaltsam voran. Dass damit die kultivierte Naturlandschaft Österreichs gefährdet ist, steht außer Frage.

„Österreich – eine Provokation“

Unter diesem Titel werden die Texte, die Andreas Mölzer im letzten halben Jahr zum Thema Österreich geschrieben hat, im Herbst in umfangreicherer und tiefschürfenderer Form als Buch erscheinen. Dieser Text ist der letzte in dieser Reihe.
Das Buch wird über www.ZurZeit.at/Buchladen zu beziehen sein

Dem gegenüber steht das massive Zubetonieren weiterer Fläche des Landes durch Straßen, Industriebauten und Gewerbegebiete sowie eine Zersiedelung, die im Umfeld der Ballungsräume allzu häufig planlos und ohne die Schaffung von quasidörflichen Strukturen vonstattengeht. Während die Täler veröden, wuchern die Vorstädte. Rund um Wien, rund um Linz und Graz, in Kärnten zwischen Villach und Klagenfurt, rund um die Stadt Salzburg und auch um Innsbruck und Bregenz wachsen Vorortsiedlungen ohne Gesicht, ohne Kultur, ohne die Möglichkeit zu menschlicher Kommunikation und vor allem ohne jeglichen architektonisch-baukulturellen Reiz. Ob diese Entwicklung noch zu stoppen ist oder umkehrbar wäre?
Und die Menschen? Was ist mit den Bewohnern dieses nach wie vor schönen Landes? Der autochthone Österreicher mit seinen weitgehend bajuwarischen, in Vorarlberg auch alemannischen sowie in Niederösterreich und im Burgenland auch fränkischen Wurzeln, mit den vielfältigen Einsprengseln aus anderen, benachbarten Nationalitäten, die aus der Monarchie stammen und mit den autochthonen Volksgruppen ist alles in allem ein liebenswerter  Menschenschlag. Begabt und kreativ, aber auch zum Kulturpessimismus und zur Miesmacherei sowie zu Vorurteilen neigend, zweifellos auch mit negativen Eigenschaften behaftet, die allerdings durch eine gewisse Skurrilität auch liebenswert wirken können. Heute ist tendenziell ein Viertel der Wohnbevölkerung von ausländischer Herkunft. Die Gastarbeiterzuwanderung seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und die Massenimmigration, wie sie erst in den Jahren 2015 und 2016 einen apokalyptischen Höhepunkt erreicht hat, sind die Ursachen für diesen großen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund. Familiennachzug und eine höhere Geburtenrate der Zuwanderungsbevölkerung dürften diesen Anteil in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch dramatisch steigern und die Gefahr, dass die autochthone Bevölkerung zur Minderheit im eigenen Land werden kann, ist ganz real gegeben.
Natürlich war Österreich, sowohl die Erste und Zweite Republik als auch das alte Habsburgische Österreich, ein Ein- und Zuwanderungsland. Im Hochmittelalter war es die deutsche Ostsiedlung, die das ursprünglich keltoromanisch und slawisch dünnbesiedelte Land durchdrang. In späteren Jahrhunderten war es der stete Zuzug aus den westlichen, nördlichen deutschen Territorien, der durch die Anziehungskraft der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien bedingt war. Vor dem Ersten Weltkrieg waren es massenhaft Menschen, die in den nicht-deutschen Kronländern der Monarchie kein Auskommen zu finden glaubten, und nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Vertreibung der Volksdeutschen, die hunderttausende Neubürger nach Österreich schwemmte.
Die gegenwärtige Zuwanderung allerdings schwemmt Menschen aus allen Teilen der Welt, häufig auch aus nicht europäischen Bereichen, der Dritten Welt insbesondere, aber auch Menschen aus Anatolien und aus anderen islamischen Weltgegenden nach Österreich. Die Motive für ihre Migration, seien es nun tatsächliche politische und religiöse Verfolgung oder das bloße Streben nach einem ökonomisch besseren Leben, sind vielfältig.
Die moralische und rechtliche Berechtigung, nach Österreich zu kommen, variieren ebenso. Abgesehen davon aber ist es eine Tatsache, dass sich hier erstmals seit Jahrhunderten eine die kritische Masse längst übersteigende Anzahl von Menschen im Lande gesammelt hat, die nicht aus der genetischen Nachbarschaft des europäischen Umfelds stammen, sondern eine völlige Veränderung der biologisch-ethnischen Struktur der Bevölkerung mit sich bringen könnten und überdies von ihrem kulturellen, häufig auch religiösen Hintergrund kaum mehr in unsere Gesellschaft integrierbar, geschweige denn, assimilierbar sind. Da es sich bei diesen Zuwanderern allerdings auch nicht um eine homogene Gruppe handelt, sondern um viele Ethnien und Zuwanderer, ist die Bildung von Parallelgesellschaften, von verschiedensten „Communities“ und Ghettos mit all den sozialen und ökonomischen und sicherheitspolitischen Problemen, die damit verbunden sind, unausweichlich.
Ob also der künftige Österreicher ein ethnisch-kulturelles Amalgam aus der autochthonen Bevölkerung und den diversen Zuwanderungspopulationen von weitgehend südländischem Aussehen, einer Umgangssprache, gemischt aus Pidgin, Englisch und Türkisch-Deutsch sein wird oder ob es zu einer segregierten Gesellschaft kommt, in der sozial und kulturell abgegrenzt einerseits die autochthone Bevölkerung, andererseits die Zuwanderungsethnien in verschiedensten Gemeinschaften nebeneinander und gegeneinander leben, wir wissen es nicht! Wenn in der Bundeshauptstadt Wien die Kinder unter zehn Jahren bereits zu 70 Prozent Migrationshintergrund haben, muss jedenfalls klar sein, dass es in den kommenden ein, zwei Jahrzehnten, also im Grunde im Zeitraum einer Generation, österreichweit zu einer massiven Veränderung der Bevölkerungsstruktur kommen wird. Ob damit der liebenswürdige Volkscharakter, wie er sich in Österreich historisch entwickelt hat – und das sind jetzt natürlich Klischees – erhalten bleiben wird, ist eine andere Frage.
Und damit sind wir bei der Kultur und beim sozialen Gefüge. Natürlich hat Österreich bereits in vergangenen Jahrhunderten vielfältige kulturelle Einflüsse von außen aufgenommen.
Dass tschechisches, slowakisches und polnisches Kulturgut, magyarische Einflüsse, solche vom Balkan und natürlich auch aus dem benachbarten Oberitalien in die österreichische Kultur, in das österreichische Geistesleben eingeflossen sind, dass dieses in hohem Maße von jüdischen intellektuellen Kulturschaffenden mitgeprägt wurde, steht außer Zweifel. Ebenso bewusst sollte uns allerdings sein, dass es „reichsdeutsche“ Einflüsse sonder Zahl gibt, die im alten Österreich, aber auch heute, in der Zweiten Republik, wirkmächtig geworden sind. All das hat jedenfalls das österreichische Geistes- und Kulturleben wesentlich geprägt.
Durch die massive Zuwanderung aus Bereichen, die nicht aus dem mitteleuropäischen, benachbarten Umfeld stammen, dürfte sich das aber nunmehr nachhaltig ändern. Moslemische Werthaltungen und die Einflüsse aus archaischen, nach wie vor patriarchalisch organisierten Gesellschaften könnten unser durch Christentum und Aufklärung nachhaltig geprägtes Geistesleben massiv beeinflussen. So wie im Gesundheitsbereich Keuchhusten und Kinderlähmung nahezu ausgerottet waren, gab es seit vielen Generationen keine Zwangsheirat, keine zu Blutrache gesteigerten Familienfehden und ähnlich Archaisches in unserer Gesellschaft. Nun sind all diese Phänomene zurückgekehrt. Ehrenmorde, Zwangsheiraten, Entrechtung der Frauen und ähnliches sind in den islamischen Parallelgesellschaften an der Tagesordnung, wie es auch übrigens im Gesundheitsbereich wieder das Auftreten von Krankheiten gibt, die man längst vergessen hatte, wie Tuberkulose und ähnliches.
Ob die schöpferische Potenz, die Kreativität dieser Zuwanderungspopulationen ein ähnliches Niveau erreichen wird, wie es im Laufe des jahrhundertelangen Kulturschaffens der autochthonen österreichischen Bevölkerung zustande gebracht wurde, ist ebenso fraglich. Und ob islamische Intellektuelle hierzulande eine Rolle spielen könnten, wie es die jüdischen in der Monarchie und in der Zwischenkriegszeit taten, darf wohl auch bezweifelt werden. Letztlich aber ist noch nicht abzusehen, wie fruchtbar in kultureller und geisteswissenschaftlicher Hinsicht die gegenwärtigen Überschichtungsprozesse sein werden. Kommt es zu einer „Fellachisierung“ der österreichischen Bevölkerung durch überbordende Zuwanderung, Familiennachzug und Kinderreichtum  der Bevölkerung mit Migrationshintergrund  oder können sich durch Integration und Assimilation neue fruchtbare, zivilisatorische und kulturelle Phänomene entwickeln?

Die österreichische Kultur, das österreichische Geistesleben, werden sich verändern.

Was das Sozialgefüge im Lande betrifft, so dürfte unser österreichisch gewachsenes Sozialsystem, das auf der – horribile dictu – „Volksgemeinschafts-Ideologie“ und auf dem Gedanken der Solidargemeinschaft fußt, schon rein mathematisch-statistisch nicht haltbar sein. Der diesem Sozialgefüge zugrunde liegende Generationenvertrag ist nämlich nur dann tragfähig, wenn tatsächlich über Generationen in ein gemeinsames Sozialsystem eingezahlt wird, wenn dafür generationenübergreifend Leistungen erbracht werden. Nur dann ist ein Gesundheitssystem, ein Pensionssystem und die Fürsorge für sozial und beruflich schwächere Schichten und für unverschuldete Armut und Not Geratene gewährleistet. Wenn ein guter Teil oder sogar der Großteil der Gesellschaft neu zu diesem Sozialsystem hinzukommt ohne generationenübergreifende Leistungen dafür zu erbringen, dafür aber überproportional solche Leistungen in Anspruch nimmt, muss dieses Sozialsystem zwangsläufig kollabieren.
Damit fragt sich, ob in einer ethnisch-kulturell segregierten Gesellschaft, die durch Ghettobildungen und Parallelgesellschaften gekennzeichnet ist, nicht auch ein Mehrklassensozialsystem und ein Mehrklassenbildungssystem überhandnimmt. Die alte harmonische und offene Gesellschaft, die Österreich  in den Jahrzehnten der Zweiten Republik prägte, scheint damit Geschichte zu sein.  Trotz all dieser bedenklichen Entwicklungen, die nicht nur möglich, sondern eher sogar wahrscheinlich sind, ist Österreich nach wie vor ein gutes Land.
Vielleicht das Beste in Europa, vielleicht eines der besten auf diesem Planeten. Ein Land, in dem wir leben wollen, für das wir zu arbeiten und zu kämpfen bereit sind. Nicht der typische Pessimismus des gelernten Österreichers sollte uns dabei bewegen, sondern Dankbarkeit für das Gute, Realismus im Hinblick auf die Gefahren und ein optimistischer Glaube in die Fähigkeiten und in das Potential von Land und Leuten. Trotz alledem …

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Österreich – deine Juden

16. Juni 2018

Von Pogromen und Symbiosen

Wien war zweifellos eine der Hauptstädte des jüdischen Geisteslebens – zumindest in den letzten Jahrzehnten der Habsburger Monarchie, vom Toleranzpatent Josephs II. über die judenfreundliche Politik Kaiser Franz Josephs bis hin in die Erste Republik. Der Einfluss jüdischer Intellektueller und Künstler auf die österreichische Kultur in diesem Zeitraum ist gewaltig. Und in Wien wirkte auch der Gründervater des Zionismus, Theodor Herzl, der den Staatsgedanken des neuen Israels entwickelte.
Das Wien Georg Ritter von Schönerers und des jungen Gelegenheitsmaler aus Braunau war aber auch eine der geistigen Pflanzstätten des Rassenantisemitismus und des daraus resultierenden Holocaust, eines singulären Menschheitsverbrechens.  Dass Wien heute wieder eine jüdische Gemeinde von 8.000 bis 15.000 (laut Wikipedia) Menschen aufweisen kann, ist eigentlich unter Berücksichtigung dieser leidvollen Geschichte ein wahres Mirakel.

Von Hofjuden, blutigen Pogromen und vorbildlicher Emanzipation

In der Monarchie waren bis zum Zusammenbruch, also bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, etwa 200.000 Juden allein in der Reichs- und Residenzstadt ansässig. Diese waren zumeist im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung aus dem Osten des habsburgischen Territoriums zugezogen und vermochten im Kulturleben und im Wirtschaftsleben der Stadt bedeutenden Einfluss zu gewinnen. Zwei Drittel dieser jüdischen Bevölkerung musste rund um den Anschluss der Alpenrepublik an Hitler-Deutschland emigrieren, ein Drittel, etwa 66.000 Menschen, wurden im Zuge der systematischen Vernichtung der Juden durch das Dritte Reich ermordet.
Jüdische Präsenz auf dem Territorium Österreichs dürfte es bereits zur Römerzeit gegeben haben. Im Frühmittelalter haben mit Sicherheit jüdische Kaufleute auch im Alpen- und Donauraum gelebt. Der erste namentliche erwähnte Jude in Österreich war ein gewisser Schlom, der vom Babenberger-Herzog Leopold V. zum Münzmeister und zum Verwalter des herzögliche Vermögens ernannt wurde. Leopold V. bekam damals das englische Lösegeld für die Freilassung von König Richard Löwenherz. Besagter Schlom wurde dann allerdings zusammen mit 15 anderen Juden im Jahre 1196 von österreichischen Rittern ermordet, deren Anführer allerdings wiederum vom Babenberger-Herzog Friedrich I. deswegen zum Tode verurteilt wurden.
Bereits im Jahre 1204 war in Wien eine Synagoge urkundlich belegt und 1230 entstand eine jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt, 1237 in Tulln, wobei der Großteil der damaligen jüdischen Bevölkerung aus den rheinischen Städten Worms, Mainz und Trier stammte, die sie wegen der Verfolgungen während des ersten Kreuzzug verlassen hatten müssen. Schon am Beginn des 13. Jahrhunderts war es am Herzogshof in Wien üblich, dass Juden als Berater in Wirtschafts- und Finanzfragen tätig waren.
Während die Juden ursprünglich durchaus in hohe Stellungen aufsteigen konnten, gerieten sie im ausgehenden Hochmittelalter zwischen die Mühlsteine der Machtpolitik. Im Streit zwischen dem Babenberger Herzog Friedrich II. und dem letzten Stauferkaiser Friedrich II. wurden die Wiener Juden abwechselnd diskriminiert und privilegiert. Im Jahre 1238erließ der Staufer ein Privileg für die Wiener Juden,  welches auf einem im Jahre 1236 ausgestellten Privileg  für die Juden im Reich basierte. Wenige Jahre  später, im Jahre 1244, erließ dann der Babenberger- Herzog Friedrich II. seinerseits ein Privileg für die  Juden in ganz Österreich, das sogenannte „Fridericianum“.  Dies konnte allerdings nicht verhindern,  dass Legenden über Hostienfrevel und Blutbeschuldigungen  – wahrscheinlich auch im Zuge von wirtschaftlichen  Krisen – ein Anwachsen des Hasses auf die Juden verursachten.
Vollends entflammte dieser Judenhass in den Jahren der Hussitenkriege, da die jüdische Gemeinde in Wien verdächtigt wurde, mit den Ketzern zusammenzuarbeiten und ihnen Waffen zu verkaufen. Im Frühjahr des Jahres 1420 befahl Herzog Albrecht V. (Albrecht II. als deutscher König) die Verhaftung aller Juden in Österreich. In der Folge wurden mittellose Juden donauabwärts vertrieben und jüdische Kinder zwangsgetauft. Am 12. März 1421 schließlich verkündete ein Dekret Herzog Albrechts, dass die Juden zum Tode verurteilt seien. Neben der allgemeinen „Bosheit“ der Juden führte man als Begründung vor allem Hostienfrevel an. 92 Männer und 120 Frauen wurden an diesem Tag auf der Gänseweide in Erdberg hingerichtet. Diese „Wiener Geserah“ ist in ihrer Brutalität in der frühen österreichischen Geschichte einmalig.
Im Jahre 1496 wurden die Juden auf Drängen der Stände von Kaiser Maximilian aus der Steiermark und Kärnten vertrieben. Sie durften sich aber am Ostrand des Reichs, also etwa auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands ansiedeln. Ab 1551 mussten sie beim Aufenthalt in Städten und Märkten den „gelben Fleck“ tragen. Dennoch stieg die Anzahl der in Wien lebenden Juden am Ende des 16. Jahrhunderts wieder an und 1624 wurde von Kaiser Ferdinand II. dekretiert, dass sie sich auf dem Gebiet der heutigen Leopoldstadt ansiedeln durften. Dennoch wurden sie in den Jahren 1669/70 neuerlich aus Österreich vertrieben, obgleich bereits zehn Jahre später mit Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer in Wien bedeutende „Hofjuden“ wirkten.
Das Toleranzpatent Josephs II. schließlich leitet die Emanzipation der etwa 1,5 Millionen Juden der Habsburger Monarchie ein. Zwar war es ursprünglich nur für die christlichen Minderheiten im Reich erlassen worden, 1781 allerdings wurde das Hofdekret für die Juden Böhmens erlassen und gleichzeitig wurden sie zu allen Schulen und Hochschulen zugelassen und erhielten weitgehend Gewerbefreiheit. Das Ziel der josephinischen Politik war es, die Juden zu handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen zu bewegen, um sie im Sinne des Merkantilismus für den Staat nützlich zu machen. Einwanderung war ihnen aber weiterhin verboten, ebenso der Erwerb von Haus- und Grundbesitz und die Einfuhr jüdischer Schriften. Dafür mussten sie allerdings ab 1788 Militärpflicht leisten. In der Folge schränkten zwar zahlreiche Sondergesetze die jüdische Emanzipation weiter ein, dennoch gelang es in Wien einer Reihe jüdischer Familien, einen bemerkenswerten sozialen und ökonomischen Aufstieg zu erreichen.
Bis 1848 stieg der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Wien auf rund 4.000 Personen an. In der Märzrevolution von 1848 engagierten sich jüdische Akademiker wie Adolf Fischhof und Josef Goldmark besonders stark, da sie eine Öffnung hin zur vollständigen Emanzipation des Judentums erhofften. Nach der Beerdigung der März-Gefallenen wurde von der burschenschaftlich geprägten Akademischen Legion tatsächlich auch eine Petition zur Emanzipation des Judentums verfasst. Demgemäß kam es in der Pillersdorf‘schen Verfassung tatsächlich zur ersehnten vollen Gleichstellung der Juden bei den Bürgerrechten und in der Frage der Religionsfreiheit. Nach dem Scheitern der Revolution allerdings gab es erneut Diskriminierung, indem etwa den Juden im Jahr 1853 wiederum der Grunderwerb verboten wurde.
Dennoch war die Emanzipation der Juden in der Habsburger Monarchie nicht aufzuhalten. Insbesondere vom Kaiser selbst wurde eine eher judenfreundliche Politik betrieben, die schließlich im Jahre 1890 zu dem noch heute geltenden Israelitengesetz führte, welches die äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft regeln sollte und auf eine einheitliche Rechtsgrundlage stellte.

Der Antisemitismus

Politisch waren die meisten österreichischen Juden damals eher deutschliberal gesinnt, weshalb zum religiös motivierten Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert auch eine antisemitische Komponente im Zusammenhang mit der Liberalismus-Kritik aufkam. Ökonomische und soziale Konflikte wurden diesbezüglich dann vor allem in der jungen christlichsozialen Bewegung unter dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger gegen die Juden instrumentalisiert. Der Rassenantisemitismus, basierend auf biologistischen Fehldeutungen des Darwinismus, der dann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts von Georg Ritter von Schönerer und seinen alldeutschen Gefolgsleuten kultiviert wurde, machte aus dem ursprünglich religiösen Antisemitismus und dem darauf entstandenen wirtschaftlichen Antisemitismus ein unheilvolles ideologisches Gebräu, welches bis hin zum Holocaust – zur Vernichtung des europäischen Judentums – führen sollte.
Gewissermaßen als Gegenbewegung entflammten auch jüdisch nationalistische Bestrebungen. Diese gipfelten in der Begründung des theoretischen Zionismus durch den Wiener Journalisten Theodor Herzl, häufig in Anlehnung an Ideen der Burschenschaft, der auch Herzl für einige Jahre angehört hatte. Und 1917 setzte sich auch in der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens der Zionismus durch. Im Ersten Weltkrieg dienten immerhin rund 300.000 jüdische Soldaten in der K.u.K. Armee.
25.000 davon als Reserveoffiziere. Antisemitismus wurde in der K.u.K. Armee offiziell nicht toleriert, obgleich den Juden der Aufstieg in die höchsten militärischen Ränge verwehrt blieb. Allerdings unterstützte die habsburgische Armeeführung jüdische Soldaten darin, ihre religiösen Traditionen aufrecht zu erhalten. So gab es ab 1916 koschere Küchen hinter den Frontlinien und die israelitische Kultusgemeinde konnte kleinformatige Gebetsbücher an die Soldaten verteilen. Bis zu Kriegsende wirkten immerhin 79 jüdische Geistliche in der K. u. K. Armee. All das führte dazu, dass seitens der Juden in Österreich ein hohes Maß an Loyalität gegenüber der Monarchie bestand. Eine stärkere gesellschaftliche Integration resultierte aus dieser guten Behandlung in der K.u.K. Armee allerdings nicht.
Das politische Engagement der österreichischen Juden begann ursprünglich eher im liberalen Bereich, um sich schließlich nahezu vollständig auf die Sozialdemokratie zu konzentrieren. Vom Parteigründer Victor Adler angefangen, über den „Chefideologen“ der Sozialdemokratie in der Ersten Republik Otto Bauer, bis hin zu Hugo Breitner, Robert Danneberg, Julius Deutsch und Julius Tandler prägten jüdische Politiker die austromarxistisch orientierte Sozialdemokratie. Eine Ausnahme war der Prager Jude Ignaz Kuranda, der Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche war und später als Abgeordneter der Verfassungspartei im Reichsrat wirkte, wo er maßgeblichen Anteil an der Dezember-Verfassung von 1867 hatte. Er galt als maßgeblicher Vertreter der deutschliberalen Gruppierungen und wurde schließlich im Jahr 1872 zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien gewählt.
Der Antisemitismus war zweifellos in der österreichischen Gesellschaft der ausgehenden Habsburger Monarchie in der Ersten Republik ein nahezu flächendeckendes Phänomen. Die christlichsoziale Partei und die Großdeutsche Volkspartei hatten beide einen nahezu wortgleichen Arierparagraphen. Undd sogar in er Sozialdemokratie galt das ungeschriebene Gesetz, dass der Anteil von Juden im Parteivorstand nicht über ein gewisses Maß anwachsen dürfe. Aus dieser Haltung erwuchs zweifellos die Politik der SPÖ nach 1945, welche die Rückkehr prominenter jüdischer Migranten nach Österreich eher unterbinden wollte.

Auf der Basis des Rassenantisemitismus, der in weiten Bereich des deutschnationalen Lagers salonfähig geworden war, auf dem noch älteren christlichkatholischen Antisemitismus aufbauend und auch auf wirtschaftlich-beruflichem Konkurrenzdenken fußend, hatte sich so in Österreich ein Judenhass aufgebaut, der den unseligen Humus für die Politik des Nationalsozialismus bildete. Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich begann sehr rasch die Ausgrenzung, Diskriminierung und schließlich auch brutale Verfolgung der österreichischen Juden. Im Jahre 1938 hatten im Lande zwischen 201.000 und 214.000 Menschen jüdischer Abstammung gelebt, die gemäß den unseligen „Nürnberger Gesetzen“ als „Voll-, Halb-, Viertel-, Achteljuden“ galten, davon nahezu 182.000 „Volljuden“.
Es kam sehr schnell zu Enteignungen und Pogromen und insbesondere im Zuge des sogenannten „Novemberpogroms“ Anfang November des Jahres 1938 wurden dann 27 Juden getötet, 88 verletzt, 6.547 verhaftet. Es wurden 4.000 Geschäfte geplündert und 42 Tempel und Bethäuser zerstört. Damit war der Weg des österreichischen Judentums in die NS-Konzentrationslager bis hin zur industriell geplanten massenhaften Vernichtung vorgezeichnet. Nahezu 66.000 jüdische Österreicher sollten in der Folge tatsächlich ums Leben kommen.

Jüdisches Geistesleben

Es ist nun zweifellos problematisch, den Anteil von Menschen jüdischer Herkunft in Kunst, Kultur und Wissenschaft unter dem Vorzeichen „jüdisches Geistesleben“ zu betrachten, da es sich ja weitestgehend um emanzipierte Juden handelte, die kaum mehr Bindung zur mosaischen Religion hatten. Erst durch die Vertreibung dieser Menschen durch die NS-Despotie wurde die jüdische Herkunft dieser Geistesgrößen wieder von Bedeutung und so wirklich bewusst. Im Bereich der Medizin etwa kann ein guter Teil der prominentesten österreichischen Ärzte auf jüdische Herkunft zurückblicken. Viktor Frankl etwa oder Sigmund Freud, die Nobelpreisträger Robert Barany und Otto Loewi, Julius Tandler, Emil Zukkerkandl, Josef Bräuer, Ludwig von Mautner sind bis heute klingende Namen im Bereich der Wissenschaft. Der Erfinder des Automobils Siegfried Marcus, die Physikerin Lise Meitner, der Biochemiker Max Perutz waren Geistesgrößen der österreichischen Wissenschaft.
Eindrucksvoll ist auch der Beitrag der Wiener Juden zu Musik, Literatur und Publizistik. Komponisten wie Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Emmerich Kálmán, Dichter wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und Stefan Zweig, Franz Kafka, Elias Canetti. Josef Roth und Jura Soyfer, Alfred Polgar, Karl Krauss und Peter Altenberg, sie bilden Monumente in der Ruhmeshalle der österreichisch-deutschen Literatur. Egon Friedell, die Philosophen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper, Martin Buber und schließlich die Kabarettisten – diese sind in Österreich wie gesagt, nicht zu verachten – von Karl Farkas über Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi bis Georg Kreisler und Hugo Wiener, allesamt Intellektuelle und Denker von weltkulturellem Format.
Nun wäre es zwar eine gewisse Hybris, das gesamte österreichische Geistesleben der ausgehenden Habsburger Monarchie und der Ersten Republik auf jüdische Einflüsse zu reduzieren. Zweifelsfrei ist aber, dass dieses österreichische Geistesleben ohne diese Einflüsse wesentlich ärmer, wesentlich weniger faszinierend, wesentlich weniger schillernd und beeindruckend gewesen wäre. Die Vertreibung des jüdischen Geistes aus Österreich, wie sie nach 1938 erfolgte, bewirkte daher zweifellos einen wesentlichen Einbruch in das geistig-kulturelle Potential des Landes.

Und heute?

Bei Kriegsende lebten in Österreich vielleicht noch an die 5.000 Juden. Davon sollen 1.000 bis 2.000 im Krieg in Wien als „Mitglieder des Ältesten-Rates der israelitischen Kultusgemeinde“, in „geschützten Ehen“ oder auch als „U-Boote“ überlebt haben, der Rest von ihnen kam aus den Konzentrationslagern zurück. Das streng orthodoxe Judentum war fast völlig ausgerottet und die israelitische Kultusgemeinde, die im April 1945 aus den von den Nationalsozialisten installierten „Ältestenrat“ neu entstanden war, musste zuerst vor allem Alte und Kranke betreuen und den wenigen Rückkehrern aus dem Exil und aus den Konzentrationslagern bei der Eingliederung in die Gesellschaft helfen. Die Verantwortlichen dieser Israelitischen Kultusgemeinde waren bei Kriegsende weitgehend davon überzeugt, dass in Wien in Zukunft keine jüdische Gemeinde mehr entstehen würde. Daher hatten alle ihre Handlungen eher provisorischen Charakter und man war bestrebt, das Eigentum, Liegenschaften etc. zu verkaufen. Auch das Archiv der Kultusgemeinde wurde im Jahre 1952 nach Jerusalem überstellt.
Insgesamt allerdings weilten während der zehnjährigen Besatzungszeit an die 300.000 „displaced Persons“, auch viele Juden, in Lagern in Österreich, von wo sie weiter in den Westen oder auch nach Palästina in den jungen Staat Israel zogen. Etwa 3.000 von ihnen blieben allerdings in Österreich, weshalb sich in Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck kleine israelitische Kultusgemeinden bildeten. Nach dem ungarischen Aufstand von 1956 flüchteten etwa 17.000 Juden nach Österreich und durch den Zuzug aus dem Osten vergrößerte sich diese jüdische Gemeinde auf 8.000 bis 15.000 Juden. 1975 konstituierte sich in Wien dann eine bucharische Gemeinde und seit den 80er Jahren blüht ein vielfältiges, eigenständiges jüdisches Leben in Wien, das sich durch Schulgründungen, Gemeindezentren, Sportvereine und zahlreiche kulturelle Aktivitäten auszeichnet. Das im Jahre 1980 gegründete Jewish Welcome Service hat sich die Aussöhnung zwischen den während der NS-Herrschaft in Österreich vertriebenen Juden und den Österreichern sowie eine Verbesserung des Verständnisses zwischen Juden und Nichtjuden zum Ziel gesetzt. Eine Reihe von Schulen, vom Kindergarten über die Volksschule bis zum Gymnasium und das Hakoah-Sportzentrum sowie Altersheime und Pensionistenheime stehen der Kultusgemeinde zur Verfügung. Ab dem Jahre 1991 setzt eine Zuwanderung von Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ein, die die bislang zahlenmäßige schwache jüdische Gemeinschaft wesentlich gestärkt hat. Die letzte Volkszählung vom Jahr 2001, bei der die Religionszugehörigkeit amtlich erfasst wurde, hat 8.140 Juden in Österreich ausgewiesen. Die Israeltische Kultusgemeinde geht jedoch von rund 15.000 Juden, manche auch von 20.000 aus.
Die Bemühungen der öffentlichen Hand in Österreich, sowohl des Bundes als auch der Stadt Wien und anderer Institutionen zur Unterstützung der jüdischen Gemeinde in der Bundeshauptstadt und in der Republik insgesamt sind also mannigfaltig. Auch die Pflege der Erinnerungskultur für die im Holocaust umgekommenen österreichischen Juden ist von großer, immer wieder neu wachsender Vielfalt gekennzeichnet. Wenn die gegenwärtige Bundesregierung eine Gedenkmauer mit den Namen aller ermordeten Juden plant, ist dies ein weiterer Schritt. Das Museum, das im Jahre 2000 auf dem Judenplatz errichtet wurde, das Hrdlicka-Denkmal auf dem Albertinaplatz und die zahllosen Stolpersteine für österreichische Holocaust-Opfer, die es quer durchs Land gibt, sind weitere Belege für diese bewusst gepflogene Erinnerungskultur.
Dass die Israelitische Kultusgemeinde in der gegenwärtigen Gesellschaft und in der politisch-gesellschaftlichen Landschaft Österreich nicht frei von parteipolitischen Präferenzen ist, muss bedauert werden. Die Politik der IKG, deren Präsident unter anderem der deutschliberale Politiker Ignaz Kuranda – ein überzeugter Deutschnationaler – war, und die spätestens seit der Präsidentschaft von Ariel Muzicant und nunmehr unter dem Vorsitz von Oskar Deutsch proaktiv und demonstrativ gegen die Freiheitliche Partei agiert, darf kritisch hinterfragt werden. Noch unter Muzicants Vorgänger Paul Grosz hielt sich die Kultusgemeinde vornehm aus den Niederungen der Tagespolitik zurück. Muzicant mit seinen intensiven Beziehungen zur Wiener Sozialdemokratie und nunmehr offensichtlich auch Oskar Deutsch beschwören hingegen immer wieder das Gespenst eines von den bösen „Rechtspopulisten“ angeheizten Antisemitismus im Lande herauf. Dies gipfelt in der demonstrativen Gesprächsverweigerung gegenüber der nunmehrigen Regierungspartei. Diese lässt sich indessen nicht dazu hinreißen, mit antijüdischen Aussagen oder auch nur Emotionen darauf zu reagieren.
Das wahre Problem aber der nunmehr so wohlintegrierten jüdischen Gemeinschaft in Österreich ist das Anwachsen des politischen Islams im Lande. Hunderttausende Zuwanderer, die einem zunehmend fundamentalistisch geprägten Islam huldigen, bis hin zum radikalen Islamismus, vertreten weitgehend antisemitische, zumindest aber anti-israelische Haltungen. Diese äußern sich auch in einer anwachsenden Vielzahl von antisemitischen Aussagen und Ausfällen im öffentlichen Raum. Eine Entwicklung, der Österreich nicht tatenlos zuschauen darf.
Die Bemühung, insbesondere der freiheitlichen Regierungspartner, in den vergangenen Jahren bei ihrem Kampf gegen die Islamisierung Europas und gegen den politischen Islam in der Zuwandererpopulation Verbündete in der politischen Landschaft Israels zu finden, werden wahrscheinlich innerhalb des österreichischen Judentums hinter vorgehaltener Hand durchaus positiv registriert. Nach außen hin aber scheint die von der IKG-Spitze verordnete Kontaktsperre aufrecht zu bleiben. Ob die jüdische Gemeinde in Österreich wiederum zu jener geistig intellektuellen Kapazität heranzuwachsen vermag, die sie am Ende der Habsburger Monarchie und in der Ersten Republik hatte und ob die Republik selbst von ihren jüdischen Bürgern wieder in  jenem Maße profitieren kann, wie sie dies vor 1938 tat, hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Israelitischen Kultusgemeinde ab.
Und es hängt auch von deren Fähigkeit ab, mit allen Bereichen der österreichischen Bevölkerung in einen konstruktiven und offenen Dialog zu treten. Gesprächsverweigerung und Ausgrenzung gegenüber einem Bereich, der nun noch dazu in der Regierung vertreten ist, wäre diesbezüglich wohl eher hinderlich.


Böse Menschen haben keine Lieder

7. Juni 2018

Über das Musikland Österreich, Mozart, Falco und Musikkapellen

Wolfgang Amadeus Mozart hat man leichterdings zum Österreicher gemacht. Und das, obwohl er bekanntlich im reichsunmittelbaren und unabhängigen Fürsterzbistum Salzburg als Untertan des Primas Germaniae, des Erzbischofs von Salzburg, das Licht der Welt erblickte. Und Ludwig van Beethoven gilt ebenso als österreichisches Musikgenie, obwohl er aus dem Rheinland stammt. Dafür hat man ebenso leichterdings den Braunauer zum ultimativ bösen Deutschen ausgebürgert. Typisch österreichische Chuzpe, könnte man meinen, eben ein „Wiener Schmäh“. Die Einbürgerung Mozarts und Beethovens allerdings ist für das österreichische Selbstverständnis tatsächlich von eminenter Bedeutung, denn was wäre das Musikland Österreich ohne diese beiden ultimativen Genies? Wenn Bach und später Wagner zweifelsfrei als Deutsche firmieren, müssen Mozart und Beethoven schon Österreicher bleiben dürfen (auch wenn sie damit natürlich zu ihren Lebzeiten auch ebenso zweifelsfrei Deutsche waren).
So bleibt es jedenfalls eine Tatsache, dass sich das kleine Österreich als Musikland von Weltrang betrachten darf. Mozart, Haydn, Beethoven, Liszt, Schubert, Brahms (auch so ein zugereister Deutscher) Bruckner, Richard Strauss – das ist schon die Creme de la Creme der klassischen Musik, die Spitzenleistung eben eines wesentlichen Bereichs der Menschheitskultur.
Die Werke dieser österreichischen Meister stellen bis zum heutigen Tag einen Großteil des Repertoires der Konzert- und Opernhäuser dieses Planeten dar, und verglichen mit der musikalischen Potenz, die sie repräsentieren, ist das übrige europäische Musikschaffen von Vivaldi bis Tschaikowsky, von Edvard Grieg bis Claude Debussy nur – wenn auch besonders beeindruckende – Begleitmusik. Und auf dem entsprechenden Niveau befindet sich auch die Pflege dieser klassischen Musik, die Wiener Staatsoper ist nach wie vor eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Die Wiener Philharmoniker sind im langfristigen Vergleich wahrscheinlich das beste Orchester des Planeten. Da erweist sich das kleine Österreich als Weltmacht in Sachen klassischer Musik.
Daneben waren die Alpen- und Donauländer aber auch immer ein Hort der leichten Muse. Operettenmelodien und Walzerklänge von den Gebrüdern Strauß bis zu Franz Lehár sind Zeugen eines scheinbar verspielten Lebensstils und eines beschwingten Musikgeschmacks, der musikalische Leichtigkeit mit tonschöpferischem Tiefgang zu verbinden wusste. Dazu kommt Schrammel- und Heurigenmusik, die über Generationen das Wiener Lebensgefühl bestimmten.
Der liebe Augustin, jener österreichische Nationalheld, der aus der Pestgrube der frühen Neuzeit in unsere Zeit herüber grüßt, war nicht zufällig ein Spielmann, er blies auf dem Dudelsack, und der kleine Wolfgang Amadeus Mozart war auch so etwas wie ein kindlicher Spielmann, der als junges Genie der Kaiserin Maria Theresia am Piano Forte vorspielen durfte. Spielleute waren auch die Gebrüder Strauß, die in ihren Wiener Walzer-Etablissements der tanzwütigen besseren Gesellschaft der k. u. k. Haupt- und Residenzstadt aufspielen durften. Aber auch typisch österreichische Liedermacher der jüngeren Generation, von Hansi Hölzel vulgo Falco bis zu Wolfgang Ambros, Georg Danzer und den anderen Austropopern, auch sie sind Spielleute, die so etwas wie eine typisch österreichische Klangwelt vertreten. Gewiss, zwischen den Schubertliedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder oder „Skifoan“ von Wolfgang Ambros liegen Welten, beides ist aber Teil eines spezifisch österreichischen Liedguts, das im Zeitraum von zwei Jahrhunderten die Menschen des Landes auf ihre ganz verschiedene und irgendwie doch ähnliche Weise er fasste und bewegte.
Was ist nun der Humus, auf dem diese Musikalität des Landes und seiner Menschen wächst? Zuerst war da wohl einmal ein sangesfreudiges Völkchen, das da auf seinem keltoromanischen, alpenslawischen Urgrund die bajuwarischfränkische Landbevölkerung ausmachte. Gesang und Musik auf einfachen rustikalen Instrumenten, die zuerst im ländlichen Gemeinschaftsleben gepflegt wurden, darüber natürlich die Musikpflege auf Adelssitzen und Fürstenhöfen bis hin zum kaiserlichen Hof in Wien. Zum einen zog der Kaiserhof große musikalische Genies an, die dort auch Aufträge und entsprechende Honorierung erhielten, zum anderen war diese aristokratische und höfische Musikpflege in der Folge dann auch Vorbild für die Musikpflege in bürgerlichen Häusern.
Im Biedermeier und dann später der Gründerzeit wurde in den großbürgerlichen Salons ebenso wie im biederen Familienkreis Musik gemacht und Musik konsumiert. Und natürlich war es immer auch Unterhaltungsmusik, Tanzmusik sowohl für den höfischen Adel, als auch dann für die bürgerlichen Schichten und auch für die einfache Landbevölkerung, welche die musikalische Grundstimmung des Landes und seiner Menschen prägte. Von der Walzerseligkeit des 19. Jahrhunderts bis zum Austropop des ausgehenden 20. Jahrhundert hat mehr oder weniger hochstehende oder mehr oder weniger triviale Unterhaltungsmusik in das Musikland Österreich mitgeprägt.
Quer übers Land gab und gibt es außerdem Chöre und Musikkapellen, jede bessere Gemeinde verfügt über eine Blaskapelle und jede Schule über einen Chor. In den Wirtshäusern, an Kirchtagen und anderen ländlichen Festen wurde gesungen, organisiert oder auch spontan in launiger Runde. Die Studenten sangen auf ihren Verbindungshäusern, die Zecher beim Heurigen, die Bauersleute bei schweißtreibender Erntearbeit und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter am 1. Mai. Am Kirchtag marschierte die Blaskapelle durch die Ortschaft und am Abend spielte sie mit Landler und Polka zum Tanz auf, und mit der Erfindung des Radios im frühen 20. Jahrhundert kam die Musik auch noch massenhaft in die privaten Haushalte. Und überall im Lande gab und gibt es Musikschulen, die neben den Chören und Orchestern für Nachwuchs bei Gesang und Instrumentenspiel sorgen.
Dass die Musik Österreichs Image im europäischen, aber auch im überseeischen, Ausland prägt, ist völlig klar. Mozart und seine Zauberflöte, „The Sound of Music“ der Familie Trapp, die Wiener Sängerknaben mit ihren Konzertauftritten zwischen Kalifornien und Japan und das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das Jet-Set-Getriebe bei den Salzburger Festspielen, die Fledermaus auf der Seebühne von Mörbisch und der Videoclip von Falco als Amadeus, das sind die musikalischen Bilder, welche die Erwähnung des Musiklandes Österreich weltweit in den Köpfen der Menschen hervorruft. Dass die damit verbundenen Klischees im Zuge der Tourismuswerbung auch vermarktet werden und dass Orchester von Weltformat gewaltige Budgets verschlingen, steht allerdings auch außer Zweifel. Auch die Einrichtung und der Betrieb von Musikschulen kosten Geld, und zwar Steuergeld, und das nicht wenig, und Jahr für Jahr muss die Kulturpolitik viele Steuermillionen für Kulturförderung, sei es im Bereich der Hochkultur oder auch der volkstümlichen breiten Kultur, zur Verfügung stellen, um das Niveau, das Österreich in diesem Bereichen erreicht hat, zu halten. Letztlich aber sind dies Investitionen, die dem Land und seinen Menschen einen unglaublich großen Gewinn in kultureller und moralischer Hinsicht, aber auch ganz realer wirtschaftlicher – man denke an den Tourismus – bringen.
Wenn heute immer wieder die Binsenweisheit zu hören ist, dass das größte Kapital eines Landes und eines Volkes die Bildung und die Pflege der Wissenschaft und Erforschung sei, so ist hinzuzufügen, dass die Pflege unserer Musikkultur, das Fördern musikalischer Talente und die gezielte Ausbildung im musikalischen Bereich – sowohl was den Gesang als auch das Spielen von Instrumenten betrifft –ein wichtiger und insbesondere für Österreich zentraler Bestandteil einer solchen Bildungsförderung sein muss. Das weltweit anerkannte Musikland Österreich ist in weit höherem Maße von dieser Pflege der musikalischen Kultur abhängig als andere Länder. Das sollte uns bewusst sein.


Österreichs „liebe“ Nachbarn

19. Mai 2018

Umzingelt von „Tschuschen“, „Piefkes“ und „Katzelmachern“ – was tun?

Im Leben der Völker ist es offenbar ähnlich wie in jenem der menschlichen Individuen: Die meisten Morde gibt es innerhalb der Familie, den größten Hass in der Nachbarschaft. Und tatsächlich ist die europäische Geschichte voll von Erbfeindschaften, die vor allem und zuallererst unter Nachbarn gepflogen werden. Da war zuallererst die legendäre deutsch-französische Erbfeindschaft, dann natürlich – noch viel älter – der auf den Hundertjährigen Krieg zurückgehende Hass zwischen Franzosen und Briten, dann die Aversion zwischen Deutschen und Polen. Und so ließe sich die Liste allein für die europäischen Völker nahezu endlos fortsetzen.
Was unser kleines heutiges Österreich betrifft, so ist dies umso skurriler, da die meisten Nachbarn, mit denen uns über lange Generationen solche Erbfeindschaften verbanden, zumeist über Jahrhunderte auch im selben Staatsverband lebten. Es war also dieser Nachbarschaftshass und es waren die damit verbunden Vorurteile häufig auch eine gewisse Form von Selbsthass, der vielleicht aus dem Nationalitätenstreit der letzten Jahrzehnte der Habsburger Monarchie herrührte. Gewiss trifft dies für den Gegensatz zwischen Deutschen und Slawen innerhalb der Habsburger Monarchie zu, aber auch auf den Antagonismus zwischen Magyaren und österreichischen Cisleithaniern. Und ähnlich verhält es sich bei den Italienern, die zumindest, was Oberitalien betrifft, ebenso lange unter der Herrschaft Österreichs lebten. Und besonders skurril ist es natürlich, wenn es sich um die „Piefkes“ handelt, die über fast ein Jahrtausend innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit uns ein gemeinsames Staatswesen teilten.
Aber der Reihe nach: Neben den ganz realen Formen des Selbsthasses, der innerösterreichischen Vorurteilspflege, wie sie etwa die hauptstädtischen Wiener gegenüber den „Provinzlern“ hegen oder letztere umgekehrt gegenüber den „Wiener Bazis“, ist es schon die bemerkenswerte Aversion der Österreicher gegenüber den benachbarten Ausländern, die bis vor ein, zwei Generationen – vielleicht auch heute noch? – die spezielle Form der austriakischen Xenophobie ausmachte. Die „Deitschn“ beispielsweise oder die „Piefkes“, wie man so schön sagt, sie sprechen zwar dieselbe Sprache, sie waren und sind in vielerlei Hinsicht das große Vorbild für das kleine Österreich. Und zumindest bis 1938 wollten sich nahezu alle Österreicher unbedingt und mit heißem Herzen an sie anschließen! Und heute? Heute ist die Aversion gegen die „Piefkes“ die einzig tolerierte Form von Xenophobie, die es in Österreich gibt. Alles andere ist politisch korrekt tabuisiert und geächtet. Aber das, was für den Bayern der „Saupreiß“ war und ist, ist bis in unsere Tage der „Piefke“ oder „Scheipi“ (=Scheiß Piefke) für den Alpenrepublikaner. Ein unverbesserlicher „Besserwessi“, einer, der schon in den düsteren Tagen der NS-Despotie den „schlappen Ostmärkern“ zeigen wollte, was eine Harke ist. Und der heute noch durch unangenehme Rechthaberei auffällt, wobei das besonders Widerliche an ihm ist, dass er meistens tatsächlich recht hat. Und der natürlich tüchtiger, fleißiger und erfolgreicher ist als die schlampigen Österreicher.
In der Zwischenkriegszeit waren wir die besseren Deutschen, davor waren wir gar Vormacht in Deutschland und noch viel weiter davor waren wir eben Grenzland, Grenzmark, Ostmark für die Deutschen. Und wenn man es auch postmodern zeitgeistig nicht glauben mag, ist es auch kein Zufall, dass wir Deutsch sprechen. Und zwar in Form des Burgtheaterdeutsch, eine der edelsten Ausprägungen dieser Sprache, weil wir nämlich schlicht und einfach ethnisch und kulturell zu 90 Prozent – noch – eben Deutsche sind. Aber nachdem wir Ludwig van Beethoven als Österreicher betrachten und Adolf den Braunauer als deutschen Despoten, wollen wir das verständlicherweise nicht so gerne hören.
Dann sind da die „Katzelmacher“ oder die „Walschen“, wie der Tiroler guttural zu sagen pflegt. Sie galten noch vor ein, zwei Generationen als jene, die uns die Autos stehlen, die uns am Markt von Tarvis Milano Synthetics als Lederjacken verhökern und gepanschten Wein ausschenkten. Überdies waren sie jene, die uns Südtirol geraubt haben, das Kanaltal samt Tarviser Markt und Lussari-Berg. Und sie haben uns natürlich in zwei Weltkriegen verraten, sind überhaupt Gauner und Mafiosi.
So war es einmal. Indessen ist natürlich längst die allgemeine und gesamtumfassende Italophilie ausgebrochen. Jeder Bildungsbürger besucht die Biennale und schlürft Sangiovese, gibt sich die weiße Alba-Trüffel und Capelunge und selbst das gemeine Volk aus Ottakring und Simmering, aus Kapfenberg und Fohnsdorf schlürft Suave und Chianti-Wein. Der Karneval in Venedig gehört zum Pflichtprogramm und den Samstagvormittag verbringt man zwischen Shopping und Cappuccino in Udine oder Triest. Die eigenen Söhne heißen längst nicht mehr Hans oder Franz, sondern Sandro und Mario und italienische Lebensart ist schlicht und einfach erstrebenswert, trotz Lega Nord und Silvio Berlusconi. Mit den Italienern haben wir uns also ausgesöhnt und das so richtig gründlich.
„I has Kolaric, du hast Kolaric, warum sagens zu dir Tschusch?“, so konnte man in den 70er Jahren auf Plakatwänden lesen. Der „Tschusch“ oder „Jugo“ hat sich längst ausdifferenziert, man ist Mitglied der serbischen Community oder der kroatischen, ist karrierebeflissener Slowene oder slowakische Rund-um-die-Uhr-Pflegerin. Als Feindbild – die haben unseren Thronfolger Franz Ferdinand erschossen – will er auch nicht mehr so recht taugen.
Seit der Slawe dem makronationalistischen Panslawismus abgeschworen hat und in mikronationalistische Kleinräumigkeit in die Balkan-Duodez-Fürstentümer geflüchtet ist, ist er uns längst ein zwar schrulliger, doch liebenswerter Nachbar geworden. Und am liebenswertesten ist er dann, wenn er einer in Österreich beheimateten serbischen-kroatischen-slowenischen oder wie auch immer balkanischen Community angehört, die man für sich und die eigene Partei als Wahlvolk lukrieren kann. Da beschwört man dann als österreichischer Politiker die Schlacht am Amselfeld, brüstet sich mit der entfernten Bekanntschaft mit dem General Zagorec oder singt als Bass-Bariton in einem Kärntner Chor das eine oder andere slowenische Lied’l.
Und überhaupt, warum hat es Slowenien im Jahre 1990 nicht geschafft, das zehnte österreichische Bundesland zu werden, oder die Slowakei, oder noch besser Kroatien mit seiner schönen dalmatinischen Küste? Nachdem aber etatistisches Denken und nationales Besitzstandsstreben ohnedies der Vergangenheit angehören, ist es ja völlig gleichgültig. Einen Luxus-Bungalow in dem Ferienwohnungskomplex, den die Kärntner Hypo im kroatischen Savudrija finanziert hat, ein Apartment in Portopiccolo nahe Triest, oder zumindest ein Kuraufenthalt in einer slowenischen oder kroatischen Therme ist allemal möglich, auch wenn das betreffende Territorium nicht unter österreichischem Hoheitszeichen
firmiert.
Und so werden die bis vor kurzem bösartig abwertend als „Tschuschen“ abgetanen Nachbarn zu einem ebenso liebenswerten Teil eines kulturellen Großraums, der sich in erster Linie durch Kulinarik, Kurzreisen, Weinverkostungen und Billigspirituosen definiert. Dass das Ganze im übergeordneten politischen Sinne noch durch das Phänomen der Visegrád-Staaten eine andere Bedeutung gewinnt, kümmert uns kaum. Kurioserweise sammeln sich dort jene politischen Kräfte Europas, die noch Europäer bleiben und keine türkischen, syrischen oder afghanischen Townships haben wollen. So wurde der einst als „Tschusch“ abgewertete Nachbar zum heldenhaften abendländischen Kämpfer gegen die Islamisierung. Der Polenkönig Johann Sobieski – oder ist es einer der beiden Kaczynski-Zwillinge? – als Schutzpatron der Kreuzritter gegen den Islam.
Nach „Piefkes“, „Katzelmachern“ und „Tschuschen“ bleibt nicht viel in der historisch gewachsenen Vorurteilslandschaft der Österreicher. Die Tschechen, im Wiener Volksmund auch nicht gerade lobpreisend als „Behm“ bezeichnet, geben nicht viel als Feindbild her, allzumal die Wiener ja selbst zum guten Teil tschechische Vorfahren haben. Die Ungarn als Widerpart in der k. u. k. Doppelmonarchie oder als Flüchtlinge von 1956 und heute als Orbán-Jünger gereichen den Österreichern weder zum Feindbild noch zum Vorbild in puncto Lebensart. Puszta, Plattensee und Budapest, Csárdás und Zigeunerprimas und – für die Gebildeten – das eine oder andere Gedicht von Nikolaus Lenau. Das war es aber auch schon.
Ja und im Westen unsere Nachbarn aus der Schweiz? Käsebohrer und Fremdwährungskredit–Profiteure! Das war es aber auch schon.
Soweit die alten Vorurteile und jene für den Österreicher offenbar typische negative Beurteilung all seiner Mitmenschen, wie sie bei Karl Kraus in den letzten Tagen der Menschen deutlich wird: Jedem Russ a Schuss, jedem Franzos an Stoß, jedem Brit an Tritt, Indien muss verschwindien, Serbien muss Sterbien, Sibieren muss erfrieren!
Irgendwo aber scheint es so, als hätte sich diese ressentimentgeladene Grundstimmung des Homo Austriacus in den letzten Jahren und Jahrzehnten im Hinblick auf die neuen Generationen gewandelt. Xenophilie gehört ja zum politisch korrekten Pflichtprogramm und ist zweifellos dort wirklich sinnvoll, wo es Nachbarn betrifft und nicht massenhafte Zuwanderung. Und wenn diese Nachbarn dann zunehmend Ziel von Wochenendausflügen, kulinarischen Reisen und Kulturtrips werden, ist mit den alten Ressentiments schon gar nichts mehr anzufangen. Der alte Spruch, wonach der Deutsche – in unserem Fall der Österreicher – alles Fremde hasse, es sei denn, es ließe sich trinken, ist also tatsächlich überholt und Vergangenheit. Im Gegenteil: Historische Gemeinsamkeiten, kulturelle Überschneidungen und soziologische Mixturen, wie wir sie aus den Jahrzehnten und Jahrhunderten der Habsburger Monarchie kannten, gewinnen eine neue Dimension, bewirken eine neues groß-regionales Lebensgefühl in Mitteleuropa rund um Österreich und eröffnen uns in diesem Teilbereich eine tatsächliche europäische Perspektive.
Gerade in Kenntnis der alten Vorurteile und der historisch gewachsenen Aversionen unter den Nachbarn, Aversionen, die immerhin zum Massensterben wie etwa in den Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs führten, hat das Wachsen dieses gut-nachbarlichen Lebensgefühls und der relativ jungen Sympathie für die Nachbarvölker irgendwo den Charakter einer kulturellen Evolution angenommen. Einer Evolution, die tatsächlich die Hoffnung aufkommen lässt, dass der Mensch – in unserem Fall eben auch der Homo Austriacus – lernfähig ist und sich zum Guten entwickelt.
Dass seit geraumer Zeit auch die politische Linke im Land in der Lage ist, die engen Bindungen zum benachbarten großen Deutschland als positiv zu empfinden und nicht als verdecktes Anschlussstreben definiert, ist in diesem Zusammenhang auch positiv. Natürlich liegt es darin, dass beispielsweise Österreichs Grüne in der erfolgreichen Grünbewegung in der benachbarten Bundesrepublik ein Vorbild sehen. Es liegt auch darin begründet, dass die heimische Sozialdemokratie historisch bedingt noch immer in der deutschen Sozialdemokratie – so sehr sie derzeit auch am Boden liegen mag – ein Vorbild sieht. Und es mag auch dadurch begründet sein, dass österreichische Gutmenschen in der bundesdeutschen Willkommenskultur die schönsten Ausformungen der Political Correctness zu sehen glauben. Tatsache aber bleibt, dass das, was man früher den rechten und nationalen Kräften in Österreich vorgeworfen hat, dass sie nämlich stets nach Deutschland schielen würden, nunmehr von der linken Seite durchaus positiv aufgenommen wurde.
Umgekehrt ist es ein Phänomen, dass das konservative, auch das nationalfreiheitliche Potential im Lande plötzlich nach Osten ins historisch gewachsene Mitteleuropa blickt und sich den Visegrád-Staaten annähern will. Nachbarn wie die Tschechen, die man früher wegen der Benes-Dekrete gegeißelt hat, oder auch die Slowenen mit ihren AVNOJ-Beschlüssen werden damit zu begehrten Partnern, denen man kluge politische Haltung, etwa in Sachen Zuwanderungspolitik attestiert. Solcherart vermag man an historisch gewachsene kulturelle und politischen Bindungen anzuschließen, wie wir sie aus der alten Monarchie eben kannten.
All das stellt einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die österreichische Position in geopolitischen Umfeld in Mitteleuropa dar: Dieses Beziehungsgeflecht ist von anderen und positiven Emotionen der Bevölkerung begleitet. Man schätzt die Nachbarn, Konfliktpotentiale werden historisiert, ein neues Miteinander entsteht und ein positives Aufeinanderzugehen, nun sind die Nachbarn tatsächlich „liebe Nachbarn“. Wenn das nicht erfreulich ist…


Michael Köhlmeier und Arik Brauer

17. Mai 2018

Nun haben wir also einen wesentlichen Bereich des heurigen Gedenkjahres hinter uns gebracht. Dabei war es im Hinblick auf den Sturz des Hitlerregimes und das Kriegsende gar kein rundes Jubiläum – 73 Jahre ist es her – aber es war doch von besonderer Bedeutung, weil der 8. Mai erstmals im Zeichen der türkis–blauen Bundesregierung begangen wurde.
Während das bisherige Parteienestablishments der Zweiten Republik sich bekanntlich zunehmend als „Mitsieger von 1945“ fühlt, hat man dem Dritten Lager im Lande seit Jahrzehnten so etwas wie die Rolle der Ex-Offo-Verteidiger der „Besiegten von 1945“ zugeordnet. Als solche hatten und haben sie sich gewissermaßen als Erbfolger des NS-Regimes an den Pranger stellen zu lassen und allein schon, dass freiheitliche Parteienvertreter – und sei es auch in Regierungsfunktion – bei den Befreiungsfeiern auch als Gäste auftreten könnten, wird angeblich von den Überlebenden bereits als Demütigung empfunden.
Nun konnte diese Haltung im Hinblick auf die von der Bundesregierung selbst organisierten Feierlichkeiten nicht völlig durchgezogen werden, da durfte sich auch der freiheitliche Vizekanzler äußern und klarlegen, dass man sehr wohl auch von freiheitlicher Seite mit den Opfern des Nationalsozialismus trauere, die Trauer aber um die eigenen Opfer der Jahre zwischen 1938 und 1945, die Trauer um die Gefallenen, die Kriegsgefangen, die Ausgebombten, die Vertriebenen, die vergewaltigten Frauen wurde von offizieller Seite kaum angesprochen.
Es blieb dem alten weisen Maler und Liedermacher Arik Brauer, einem jüdischen Überlebenden, vorbehalten, auch diese Opfer anzusprechen. Er war es, der als Einziger klar erklärte, dass die ganz gewöhnlichen Österreicher, eben jene, deren Väter und Söhne gefallen waren oder schwer verletzt waren, die ausgebombt waren, die in Gefangenschaft saßen oder vertrieben worden waren, keine große Euphorie empfinden konnten angesichts der Befreiung in den Frühlingstagen 1945, sondern weitgehend dachten: „Jetzt haben wir den Krieg verloren, jetzt haben wir den Scherben auf“ (O-Ton Arik Brauer).
Natürlich ist Arik Brauer alles andere als ein FPÖ-Sympathisant, er ist aber ein Mensch (im Gegensatz zu den vielen Gutmenschen). Ein Mensch, der in der Lage ist, auch dem Vizekanzler die Hand zu reichen, ein Mensch, der selbst natürlich den
8. Mai 1945 als Befreiung empfunden hatte, der aber Verständnis für andere aufbringen kann und der heute für Versöhnung und gegen die Spaltung des Landes argumentiert.
Ganz anders die gerade in diesen Tagen so lautstarken Gutmenschen etwa – der Staatskünstler Köhlmeier, der im heuchlerisch sanften Ton eines Großinquisitors den Freiheitlichen vor versammelter Staatsspitze jeglichen guten Willen und das pauschal absprach. Er ist von einer kompromisslosen Unversöhnlichkeit, die ihresgleichen sucht. In den freiheitlichen Reihen aber durfte sich so etwas wie eine gewisse Ratlosigkeit breit machen. Nach dem Motto: Was soll man denn noch alles tun, wie oft soll man sein Bedauern und die Distanzierung noch ausdrücken, wie oft soll Strache noch nach Israel pilgern, wie oft muss er in Yad Vashem Kränze niederlegen und wie viele Förderungsmillionen soll man noch mit bewilligen, um den Willen der Versöhnung nicht nur von der eigenen Seite zu demonstrieren, sondern ihn auch auf der Seite der Gutmenschen-Fraktion zu wecken?


Österreichs verlorene Söhne

13. Mai 2018

Restvolksgruppen – die Altösterreicher deutscher Muttersprache

Sie leben zumeist in unmittelbarer Nachbarschaft der Alpenrepublik. In den Jahrzehnten des Kommunismus hat man sie, als Teil des Ostblocks, jenseits des Eisernen Vorhangs beinahe vergessen. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus schöpften sie kurz Hoffnung auf eine Renaissance. Alte versuchten, zumeist kümmerliche Reste ihrer Identität und Kultur zu bewahren: Die Altösterreicher deutscher Muttersprache in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie jenseits der heutigen österreichischen Grenzen.
Banater-Schwaben und Siebenbürger Sachsen, Banater Bergland-Deutsche, Gottscheer, Deutsch-Untersteirer, Ungarndeutsche, Zipser, Mährer, Südböhmen, Reste in den sudetendeutschen Gruppen, Karpaten-Deutsche in der heutigen Ukraine, Buchenland-Deutsche in der Bukowina, die kleine Gruppe der Deutschen in Tischelwang südlich der Kärntner Grenze, die Kanaltaler und natürlich die Südtiroler, sie alle sind Altösterreicher, das ist eine zweifelsfreie Tatsache. Altösterreicher sind allerdings die Tschechen, Slowaken, Ungarn, Slowenen, Kroaten etc. auch, die vorher Genannten allerdings sind Altösterreicher deutscher Muttersprache. Sie waren Angehörige des dominierenden Staatsvolks der cisleithanischen Reichshälfte der Habsburger Monarchie, der Deutsch-Österreicher nämlich, und sie wurden mit den Pariser Vorortverträgen im Jahre 1919 vom österreichischen Mutterland abgetrennt. Und zumeist verloren sie nach dem Zweiten Weltkrieg dann durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung vollends ihre Heimat. Sie, beziehungsweise die Reste dieser Volksgruppen, die heute noch in ihren angestammten Siedlungsgebieten leben, sind Österreichs verlorene Söhne.
Österreich, beziehungsweise die babenbergische Ostmark des Hochmittelalters, war ein Teil der deutschen Ostsiedlung. Entlang der Donau schoben sich deutsche Siedler hinein ins östliche Mitteleuropa, entlang von Mur und Drau drangen sie in den Südosten vor. Das Herzogtum Kärnten, das Herzogtum Krain, das Herzogtum Steiermark, später dann die Militärgrenze am Balkan und nach den Türkenkriegen die Besiedlung durch die Banater Schwaben, sie ergänzten uralte hochmittelalterliche Siedlungen wie jener der Siebenbürger Sachsen im Karpatenbogen, die rheinfränkischen Ursprungs ist. Und weit im slawischen Bereich Böhmens und Mährens, aber auch Kroatiens und Sloweniens und auch hinein in die ungarische Tiefebene bildeten sich durch diese jahrhundertelange Ostsiedlung deutsche Sprachinseln, kleinere und größere deutsche Siedlungsgebiete. Sie waren des Kaisers treue Kolonisten und häufig auch des Kaisers treueste Soldaten. Und sie bildeten ein Netz deutscher Kultur, braven Christentums und großen Arbeitsfleißes quer über den Donau- und Karpatenraum. Ein Netz, das wie kaum ein anderes den habsburgischen Herrschaftsgebieten zu Stabilität und Stärke verhalf. Sie hatten im frühen Hochmittelalter gegen die Magyaren, dann später gegen Hussiten und Kuruzzen und insbesondere gegen die Osmanen zu kämpfen. Ihnen war Tod und Not und das Ringen um den eigenen Siedlungsraum stets Begleiter ihrer gesamten Existenz. Und sie wurden vom österreichischen Mutterland, auch von der heutigen Republik, nur allzu oft vergessen.
Natürlich waren diese deutschen Volksgruppen nach 1918 in den neuen Nationalstaaten der Slawen und der Magyaren häufig auch beliebte Mitbürger, da sie tüchtig und zuverlässig waren. Letztlich aber waren sie doch Opfer der tragischen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie mussten für deutschen Größenwahn und deutschen Imperialismus durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung büßen. Und jene deutschen Restvolksgruppen, die nach 1945 auf dem Boden der ehemaligen Habsburger Monarchie noch weiter existierten, sie hatten häufig unter Diskriminierung und Entrechtung zu leiden – bis heute.
Im Nachkriegsösterreich waren zwar die volksdeutschen Vertriebenen, die ja in den ersten Nachkriegsjahren zu hunderttausenden ins Land kamen, ein zwar nicht immer beliebter, aber wirtschaftlich höchst wichtiger Faktor, sie waren treibende Kräfte des Wiederaufbaus und integrierten sich innerhalb kürzester Zeit problemlos in die angestammte Bevölkerung der österreichischen Bundesländer. Ihre Selbstorganisation in Landsmannschaften und Vertriebenenverbände war zumeist ziemlich unpolitisch, ja geradezu spießig bieder und ohne nennenswerten Revanchismus. Nun, im achten Jahrzehnt nach Kriegsende sind diese Verbände längst zu überalterten Trachten- und Brauchtumsgruppen geschrumpft. Jene Versuche, die man nach dem Zusammenbruch des Kommunismus da und dort startete, um verlorenes Vermögen, enteignetes Gut und widerrechtlich unter fremde Herrschaft gekommenes Eigentum zurück zu erhalten, waren von mäßigem Erfolg begleitet. Zwar gab es die eine oder andere Geste, wirklich erfolgreich aber waren nur Kirche und aristokratische Großgrundbesitzer – zumindest in Böhmen. Man war schon froh, wenn Länder wie Kroatien sich von den titoistischen AVNOJ-Beschlüssen distanzierten und überdies einigermaßen ohnmächtig, wenn Länder wie Tschechien die alten Beneš-Dekrete kaltschnäuzig beibehielten.
Neben den Folgen von Flucht und Vertreibung und dem Druck der kommunistischen Diktaturen war es aber paradoxerweise das bundesdeutsche Grundgesetz, das zum Schwinden dieser Volksgruppen entscheidend beitrug. Die Bestimmung, dass jedem Deutschen, aus welchem Lande der Welt auch immer, auch die deutsche Staatsbürgerschaft mit all ihren Benefizien zusteht, sorgte beispielsweise für die brutale Ausdünnung der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben in Rumänien. Trotz brutalster Behandlung der Siebenbürger Sachsen durch die sowjetische Rote Armee und trotz Flucht und Vertreibung waren es noch an die 900.000 Siebenbürger Sachsen, die in den Nachkriegsjahren das Land zwischen Hermannstadt und Kronstadt bevölkerten. Ebenso war das rumänische Banat rund um Temeschwar noch von einer starken deutschen Volksgruppe bewohnt. Sie wurden dann in der Folge in den 70er- und 80er- Jahren von der Bundesrepublik aus Ceausescu-Rumänien geradezu herausgekauft. Ein blendendes Geschäft für die roten Despoten und der Tod für die historischen deutschen Volksgruppen.
Heute sind es Reste von Resten, die in alten deutschen Städten wie Hermannstadt in Rumänien oder Iglau in Tschechien, in der Zips in der Slowakei oder in den Dörfern der Karpato-Ukraine, aber auch in der slowenischen Gottschee, in Marburg und Abstall die Existenz einer deutschen Volksgruppe zu behaupten zu versuchen. Und das zumeist gegen staatliche Schikanen und gegen mangelnde Hilfe aus Österreich. Zumeist war das Wiener Außenamt der Ansicht, dass sich doch die Bundesdeutschen um diese Restvolksgruppen kümmern sollten, auch wenn diese völlig klar und zweifelsfrei Altösterreicher waren und sind. Zwar gab und gibt es immer wieder das eine oder andere freundliche Wort, die eine oder andere zaghafte Initiative des österreichischen Außenministeriums, etwa den restlichen deutschsprachigen Altösterreichern in Slowenien Volksgruppenrechte zu verschaffen. Appelle an die Verantwortlichen in Laibach sind allerdings bislang stets ohne Ergebnis verhallt. Und mit Prag, Budapest, Bukarest oder gar mit Kiew hat man diesbezüglich wohl noch nie wirklich über die Problematik und die Rechte dieser versprengten Altösterreicher verhandelt. Es handelt sich eben um Österreichs verlorene Söhne, verraten, verkauft und vergessen.
Irgendwo scheint bei dieser Verweigerung der Zweiten Republik, die Verantwortung für diese altösterreichischen Restvolksgruppen zu übernehmen, auch die Angst mitzuspielen, dass man damit implizit ja die deutsche Identität Österreichs zugeben würde. Tatsächlich müsste man sich logischerweise die Frage stellen, warum sollte sich Österreich denn um deutsche Volksgruppen kümmern, wenn es selbst nicht in irgendeiner bestimmenden Weise auch „deutsch“ wäre?
Dieselbe Frage muss man natürlich im Hinblick auf Südtirol stellen. Da stand es zwar seit der Wiedergründung der Zweiten Republik stets außer Frage, dass Österreich so etwas wie eine Schutzmachtfunktion für die Südtiroler, die Deutschsprachigen, aber auch die Ladiner zu übernehmen hatte. Und man war ja auch tatsächlich Verhandlungspartner Italiens, als es um die Autonomie für Südtirol ging. Ein wirkliches Herzensbedürfnis allerdings war auch Südtirol nur dem nationalliberalen Lager und dessen politischen Vertretern. Kein Wunder auch, dass die neue türkis-blaue Bundesregierung Österreichs unter freiheitlichem Einfluss nunmehr das Recht auf eine Doppelstaatsbürgerschaft für die Südtiroler einfordert. Die Autonomie Südtirols allerdings ist eine derart starke und mit wirklichem Recht und wirklicher Eigenverantwortung so positiv abgesicherte, dass man mutmaßen muss, dass die Mehrheit auch der deutschsprachigen Südtiroler heute eine Rückkehr zum österreichischen Mutterland gar nicht mehr wirklich für wünschenswert erachten.
Heute sind die geschrumpften und marginalisierten Restvolksgruppen der deutschsprachigen Altösterreicher in der Situation, dass sie sich allesamt fragen müssen, ob sie in der kommenden Generation überhaupt noch existieren werden. In Ungarn, wo es an die 200.000 Ungarndeutsche gibt, ist die kulturelle Nivellierung längst soweit fortgeschritten, dass man davon ausgehen muss, dass diese eigentlich keine deutschen Muttersprachler sind, sondern Deutsch allenfalls als Fremdsprache in der Schule lernen. Sie sind also eigentlich nur mehr deutschstämmig und keine Deutschen mehr, Altösterreicher allerdings sind sie in jedem Falle.
Und was die kleineren Restvolksgruppen in Tschechien, in der Slowakei, in Slowenien, in Kroatien und in Rumänien betrifft, so ist deren Existenz insgesamt für die Zukunft mehr als gefährdet. Für sie besteht die Gefahr, dass sie nur mehr als historische Reminiszenz und als Teil einer historischen Gendenkkultur in Restbeständen überleben. Und das auch nur mit massiver Förderung jener Staaten, auf deren Territorium sie existieren und mit massiver Förderung aus Österreich. Eine solche allerdings zeichnet sich bislang nicht wirklich ab. Zwar gibt es Brosamen aus dem Bereich der staatlichen Auslandskulturarbeit und es gibt natürlich zivilgesellschaftliche Initiativen wie etwa jene des Kärntner Heimatdienstes für die Slowenien-Deutschen. Insgesamt aber sind die Mittel, die hier fließen für die Erhaltung einer kulturell gefestigten ethnischen Minderheit viel zu gering.
Nach Wegfall der nachbarschaftlichen Aversionen und der alten Erbfeindschaften, die die Österreicher gegenüber vielen ihrer Nachbarn, zu Tschechen und Slowaken, zu den Südslawen und zu den Ungarn und Italienern auch hegten – und das trotz der gemeinsamen Geschichte innerhalb der Habsburger Monarchie – könnten diese kleinen Restvolksgruppen der Altösterreicher deutscher Muttersprache allerdings eine kulturelle und auch soziologische Brückenfunktion zwischen Österreich und seinen Nachbarn einnehmen.
All dies war in vergangenen Jahrzehnten und für vergangene Generationen Argument für territoriale Ansprüche und nationales Besitzstandsdenken. Diese Brückenfunktion, die Österreichs verlorene Kinder ausfüllen könnten, ist aber nur dann möglich, wenn sich die Menschen dieser kleinen ethnischen Restminderheiten und die Menschen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung gemeinsam, vor allem im zivilgesellschaftlichen Bereich, zur Aufarbeitung der leidvollen Geschichte des 20. und 19. Jahrhunderts finden.
Die Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs müssen Österreicher und Italiener längst nicht mehr trennen. Im Gegenteil, sie können gemeinsam der Opfer dieser Schlachten gedenken und den Wahnsinn der alten nationalen Antagonismen ächten. Ebenso verhält es sich mit den Benes-Dekreten, die man als das betrachten kann, was sie sind: Eine historische Hypothek, die keine Rolle mehr spielen darf. Und ähnlich wird es mit den AVNOJ-Beschlüssen sein, wenn die kleine deutsche Restminderheit in Slowenien doch noch so wie die Ungarn und die Italiener die Rechte einer ethnischen Minderheit und die dazugehörende Förderung seitens der Zentrale in Laibach/Ljubljana erhält.
Dazu wird es notwendig sein, dass seitens der führenden Persönlichkeiten dieser Restminderheit jeder Verdacht, sie würden revanchistische Gelüste oder ähnliches hegen, ausgeräumt wird. Und seitens der Mehrheitsbevölkerung beziehungsweise der Regierenden in den betreffenden Staaten wird es notwendig sein, vergangenes Unrecht wie Vertreibung, Entrechtung und Enteignung zu bedauern und die Restminderheit als wertvollen Bestandteil der eigenen Bevölkerung und als wertvollen Teil der historischen gewachsenen kulturellen Vielfalt des eigenen Landes zu begreifen.


Österreich – nur ein Alpen-Disneyland?

4. Mai 2018

Es war Ignaz Seipel, jene so dominante politische Persönlichkeit, die in der Ersten Republik alle anderen überragte – Prälat, Theologie-Professor und Bundeskanzler, der einmal in aller Entschiedenheit äußerte: Es könne nicht die Mission der Erben der Türkenbezwinger sein, ihr Vorgärtlein gegen Eintrittsgeld zur Schau zu stellen. Und damit meinte er, dass die alte Ostmark des fränkischen und des frühen deutschen Reiches und das spätere Kernland der römisch-deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg sich nicht bloß dem Fremdenverkehr verschreiben könne, sondern eine andere darüberhinausgehende, eine höhere Mission zu erfüllen habe.
Heute, im postmodernen EU-Europa und einer weitgehend globalisierten Welt, nahezu ein Jahrhundert nach der Aussage Seipels, scheint Österreich genau diesen Daseinszweck zu haben und genau nur diese Mission zu erfüllen, nämlich die, eines der wichtigsten Tourismusländer Europas zu sein. Und in erster Linie als touristische Attraktion betrachtet zu werden, also eine Art Alpen-Disneyland.
Tatsächlich sind es ja die Schönheiten der österreichischen Natur, vom Hochgebirge Vorarlbergs, Tirols, Salzburgs und Kärntens bis hin zu den Ausläufern der Alpen im Wiener Wald, die Flusslandschaft rund um die Donau, die Seen Kärntens und des Salzkammerguts und die milden Hügeln mit ihren Weingärten der südlichen Steiermark und des Burgenlands, die Österreich zu einem Traumziel für Erholungssuchende und Urlauber machen. Als zweites ist es das kulturelle Erbe, welches das Land in der Nachfolge der Habsburger Monarchie und des Heiligen Römischen Reiches aufzuweisen hat, welches kulturbeflissene Menschen aus aller Welt anzieht. Dieses kulturelle Erbe und die daraus resultierende Bausubstanz, aber auch die Hochkultur etwa im Bereich der Musik von der Staatsoper bis zu den Salzburger Festspielen, im Bereich der Malerei – man denke an die Sammlungen des Kunsthistorischen Museums und des Belvederes – und natürlich auch die Volkskultur mit ihren alpin-bodenständigen Ausformungen, all das sind Attraktionen für Fremde aus nah und fern.
Und dann sind es natürlich die Menschen, gastfreundlich und überhaupt sehr offen für ihre Mitmenschen. Und der Lebensstil dieser Bewohner des Landes, die Kulinarik, der Wein, die Geselligkeit, was ideale Voraussetzung für ein Tourismusland ausmacht.
Und schließlich ist es die Gegensätzlichkeit der Jahreszeiten, die das Land einerseits zu einer bevorzugten Destination im Winter und für den Wintersport machen und andererseits mit warmen, milden Sommern Badevergnügen, Wandererlebnisse und althergebrachte Sommerfrische ermöglichen.
All das sind die Ingredienzien, die ein Ferien- und Urlaubsparadies ausmachen. Und unabhängig davon, an welcher Stelle sich das Land gerade in den internationalen Rankings der Urlaubsdestinationen befindet, kann man feststellen, dass Österreich zweifellos optimalste Voraussetzungen für ein Urlaubsparadies mit sich bringt. Das einzige was ihm fehlt, ist Meer und Küste. Und dennoch kann die Alpenrepublik es im touristischen Wettbewerb locker mit den meisten Küstenanrainerstaaten aufnehmen. Und tatsächlich ist die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus und der Tourismuswirtschaft für Österreich eminent hoch und übersteigt wahrscheinlich alle anderen Erwerbsbereiche.
Damit ist allerdings auch ein überaus starker gesellschaftlicher Wandel einhergegangen: Aus Bauern wurden Hoteliers, aus Landarbeitern wurden Liftwarte, aus Bergwerken wurden Museen, aus stillgelegten Industriegeländen Erlebnisparks. Schotterwerke mutierten zu Schotterteichen und schließlich zu Badeseen, Adelssitze, also Schlösser und Palais, wurden zu Tummelplätzen für Kulturtouristen. Und die einstigen imperialen Prunkbauten, die Kaiser und Reich symbolisierten, sind erstrangige touristische Attraktionen.
Dort, wo es also einst produzierende Industrie gab, Bergbau und Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe, dort sind heute Dienstleistungen im Tourismus nunmehr primären Erwerbsquelle für viele Menschen geworden. Ganze Berufsstände, eben Bergknappen, Bauern, Stahlarbeiter, Handwerker sind einer breiten Schicht von Dienstleistern gewichen. Und überspitzt könnte man sagen, die Österreicher seien ein Volk von Museumswärtern, Skiliftbilleteuren, und Oberkellnern geworden.
Das mag nun übertrieben sein, Tatsache bleibt es aber, dass Schuster und Schneider, Bergknappen und Almsenner sich in der heimischen Berufsstatistik kaum mehr finden, während die Gastronomie und das tourismusorientiere Dienstleistungsgewerbe einen zunehmend größeren Bereich eingenommen haben.
Der Tourismus hat natürlich auch Auswirkungen auf die charakterliche Beschaffenheit einer Bevölkerung, die hauptsächlich von ihm lebt: Während Gastfreundschaft im klassischen europäischen Sinne selbstlos zu sein hatte und ohne unmittelbar erwartete Gegenleistung funktionieren musste, basiert der moderne Tourismus natürlich genau auf dem Prinzip der Entgeltlichkeit. Da hat alles seinen Preis und wer entsprechend bezahlen kann, erhält auch alles. Da gibt es kaum Schamgrenzen und auch keine Tabus im Hinblick auf die Käuflichkeit. Damit gibt es aber auch zwangsläufig Abneigung gegen jene, denen man zu Diensten sein muss. Wer sich vor Augen hält, mit welchen Aversionen Gästen am Ende einer Saison in hochtouristischen Regionen begegnet wird, der weiß wovon da die Rede ist. Man braucht nicht die „Pfiefke-Sager“ des Tiroler Schriftstellers Felix Mitterer gesehen zu haben, um zu wissen, wie sehr die „bundesdeutschen Gäste“ im Hochtourismus Land Tirol nicht nur ausgenommen, sondern auch verabscheut werden.
So etwas wie ein parasitäres Verhältnis zur Tourismuswirtschaft hat naturgemäß der Spitzensport, aber auch der Kunst- und Kulturbetrieb. Dass etwa die heimischen Spitzensportler im Bereich des Wintersports, des Skilaufs, des Skispringens für den Wintertourismus eine eminent wichtige Rolle spielen, liegt auf der Hand. Spektakuläre Erfolge der österreichischen Sportler bei großen internationalen Wettbewerben wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen haben für die heimischen Wintertourismus zweifellos eminenten Werbewert. Und umgekehrt war es natürlich auch der Tourismus, der durch die breitflächige Erschließung der alpinen Landschaft für den Wintersport erst die Grundlage geboten hat dafür, dass Bauernbuben eben zu Skifahrern und Spitzensportlern werden konnten.
Gleichermaßen gibt es natürlich ein solch symbiotisches, böse könnte man sagen parasitäres Verhältnis, auch des Kunst- und Kulturbetriebs mit der Tourismuswirtschaft. Außer Zweifel steht, dass die Hochkultur eben kulturbeflissene Reisende anzieht und dass etwa der Wiener Städtetourismus nicht zuletzt von der Kunst und nicht nur vom kulturellen Erbe lebt. Am deutlichsten wird diese wechselseitige Abhängigkeit im Bereich der diversen Festspiele und großen Ausstellungen.
Von den Salzburger Festspielen bis zur Bregenzer Seebühne am Bodensee oder und bis zur Mörbischer Bühne am Neusiedler See reisen alljährlich zahlungskräftige Kultur­konsumenten und die Wertschöpfung solcher kultureller Großereignisse für den Tourismus ist eminent.
Während diese Symbiose zwischen Tourismuswirtschaft und Sport für den Spitzensport wahrscheinlich eher eine stimulierende Wirkung hat, hat dieses symbiotische Verhältnis zwischen Kulturbetrieb und Tourismuswirtschaft eher einen nivellierenden Einfluss. Von den Kulturtouristen wird doch zumeist das konsumiert, was gefällig ist. Und von den Kulturschaffenden wird das produziert, was Quote, sprich Umsatz und Gewinn bringt.
Besonders kritisch ist der Einfluss der Tourismuswirtschaft auf das historisch gewachsene Brauchtum und auf die Sitten der ländlichen Bevölkerung zu bewerten. Brauchtumsgroßereignisse wie etwa der Villacher Kirchtag ziehen Hunderttausende an und sorgen für Millionen-Umsätze. Authentisches Brauchtum aber wird hier zum vorwiegenden Tourismusstimulator degradiert. Da, werden alpine Trachten zum modischen Accessoire, Volkstanz zur Showdarbietung und Volksmusik zur volks-dümmlichen Massenunterhaltung. Der Tourismus spielt hier die Rolle des trivialen Turbo, diese Welt eines verkitschten und kommerzialisierten Brauchtums am Leben hält und antreibt.
In gewisser Weise also hat der Tourismus sehr viel mit Prostitution zu tun. Man vermietet die eigene gute Stube, verhökert altehrwürdige Bausubstanz, vom Wiener Ringstraßen Palais bis zur Tiroler Almhütte und vermarktet die eigenen Sitten und Gebräuche. Aus Kirchtagen und kirchlichen Festen werden Events und die Ereignisse des bäuerlichen Jahrlaufes werden zu „Highlights“ im örtlichen Tourismuskalender. Und während wir solcherart unser Land und unsere Kultur zur käuflichen Ware für Fremde, für erholungssuchende Urlauber und Reisende machen, die aus allen Teilen der Welt kommen, gemacht wird, sind wir selbst gleichermaßen unterwegs in Mallorca, an der Algarve oder in Griechenland.
Und solcherart können wir erkennen, dass diese Form von Massentourismus die auch Österreich längst erfasst hat, ein Phänomen der Globalisierung ist und ein solches der Kommerzialisierung. Der entwurzelte und desorientierte Mensch des 21.Jahrhunderts versucht sich, für die kurze Zeit einer Reise, eines Urlaubs, eines Ferienaufenthalts, eine kleine Illusion von Heimat zu erhaschen. Und genau diese Illusion bietet das Tourismusland Österreich.