Das Blockwart-Syndrom

13. Juni 2020

Wenn man die österreichische Seele analysieren will, beginnt man zwangsweise in gewissen Klischees zu denken. Einerseits gibt es da das Lipizzaner- und Mozartkugel-Image des walzerseligen, musikalischen und gastfreundlichen Austriaken, andererseits gibt es im entgegengesetzten Sinn das Klischee des Herrn Karl, des bösartigen Miesmachers und Denunzianten. Beide Klischees haben viel für sich und finden ihre Entsprechung tatsächlich zwischen Bodensee und Neusiedlersee. Beide Klischees sind aber auch unzutreffend und falsch, wenn man die Österreicher über einen Leisten legen wollte. Es gibt aber offenbar Situationen, in denen bei den Menschen manche Verhaltensweisen besonders stark hervortreten. Eine solche Situation gab es offenbar in den vergangenen Wochen und Monaten während des Lockdowns infolge der Coronaepidemie.
Wahrscheinlich war es die Politik der Angstmache, auf die unsere Bundesregierung gesetzt hatte, um die Menschen gefügig für die restriktiven Maßnahmen zu machen, die einen Charakterzug der Österreicher ans Tageslicht brachte, der ansonsten in normalen Zeiten eher verborgen bleibt: Der Typus des Blockwarts feierte fröhliche Urständ, und der mit der Handykamera bewaffnete Denunziant wurde zum Hauptinformanten der zürnenden Obrigkeit.
Wie es dazu kommen konnte, dass Tausende von Anzeigen bei den Behörden einlangten, wenn Menschen den geforderten Mindestabstand des lächerlichen „Baby-Elefanten“ nicht einhielten, wenn jedes Treffen von Bekannten als Corona-Party denunziert wurde und das Fehlen von Masken in Supermärkten und Lokalen als Staatsverbrechen geahndet wurde, ist nur schwer verständlich. Auch die Lust der Exekutive, gemäß den Empfehlungen des Herrn Innenministers Strafmandate in der Höhe bis zu 500 Euro für Nichtigkeiten auszustellen, wenn zwei Leutchen auf einer Parkbank gemeinsam saßen, wenn Mütter mit ihren Kindern in öffentlichen Anlagen Ball spielten, war in diesen Tagen gang und gäbe, erscheint uns heute allerdings schon wieder grotesk.
Und Geschichtskundige wiesen zu Recht darauf hin, dass man nunmehr verstehe, wie die Österreicher im Jahre 1938 nach dem Anschluss gegenüber irgendwelchen systemkritischen oder gar jüdischstämmigen Mitbürgern agiert hätten. Der Denunziant, der damals Juden bei der Gestapo verpfiffen hatte, der sich freudig an Arisierungsaktivitäten beteiligte und auf der Straße johlend applaudierte, wenn alte Rabbiner den Asphalt putzen mussten, dieser Typus feierte – wenn auch Gottlob wesentlich undramatischer – in Coronazeiten wieder fröhliche Urständ: Mitbürger beobachten, denunzieren, anzeigen und darauf drängen, dass er bestraft werde.
Nun muss das keine spezifisch österreichische Eigenschaft sein, dasselbe mag bei anderen Völkern unter ähnlichen Umständen genauso auftreten. Auch das Denunziantentum während der NS-Zeit gab es nicht nur hierzulande, es war in allen anderen totalitär regierten Staaten Europas ebenso vorhanden. Unbestreitbar ist allerdings, dass die Niedertracht unter entsprechenden Umständen ein Teil der österreichischen seelischen Volkstracht darstellt. Miesmachern, „Matschkern“ oder „Gesudere“, wie Alfred Gusenbauer das in Bezug auf seine Parteigenossen nannte, mekkern und lamentieren, sind den Österreichern nicht fremd. Ein gewisser Kulturpessimismus ist zweifellos Teil der österreichischen Seele, wie sie der Psychotherapeut Professor Ringel vor Jahrzehnten diagnostizierte.
Dementsprechend auf der anderen Seite tatsächlich ein gutmütiger, gastfreundlicher und geselliger Menschenschlag, der Musikalität, Sinnenfreude und künstlerisches Potenzial in sich vereint. Wenn wir allerdings an Ödon von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ denken, dann wissen wir, dass die Gemütlichkeit der österreichischen Volksseele sehr rasch in Brutalität umzuschlagen vermag. Der Blockwart in uns existiert, er schläft nur die meiste Zeit, und seien wir dankbar dafür, dass die Umstände, die ihn wecken, nur selten eintreten.
Die Coronazeit allerdings hat uns gelehrt, wozu die österreichische Seele in der Lage ist. Nun ist der Österreicher zweifellos ein Produkt einer Art von kulturellen Evolutionen, die im Wesentlichen im Zuge der Habsburger Monarchie stattgefunden hat. Die alemannischen, bajuwarischen und fränkischen Einwanderer des frühen Mittelalters, die Alpenslawen, die restromanische Bevölkerung auf keltischen Urgrund, sie alle haben zu diesem Volkscharakter beigetragen. Die slawischen Elemente, die ungarischen Einflüsse, die dann später im Zuge der Neuzeit dazu gekommen sind, sind zweifellos ebenso spürbar. Und natürlich auch die jüdischen Elemente, die auch in unserer Umgangssprache gut erkennbare Spuren hinterlassen haben. Die tschechische Zuwanderung nach Wien während der Industrialisierung hat viel zu diesem spezifischen Charakter beigetragen, und zweifellos werden noch die Wanderbewegungen unserer Generation das Ihre beisteuern. Wie weit die türkische Zuwanderung, die Zuwanderung vom Balkan und aus der jüngsten Zeit jene aus dem syrischen und afrikanischen Raum den österreichischen Charakter beeinflussen werden, bleibt abzuwarten.
Spurlos wird all dies jedenfalls nicht vorbeigehen. Ob der multikulturelle, multiethische Austriake künftiger Tage irgendeinem der Klischees, wie wir sie bis zur heutigen Zeit pflegen, entspricht, wissen wir nicht. Ob wir in ihm Helmut Qualtinger oder Hans Moser, Peter Alexander oder Heinz Conrads erkennen werden, oder vielmehr Falco, David Alaba oder Conchita Wurst, wir wissen es nicht.


„Team Strache“ …

21. Mai 2020

… hat sich mein alter Freund Heinz das wirklich verdient?

„Team Strache“, „Team Stronach“, „Bündnis Zukunft Österreich”, „Die Allianz für Österreich“ „Liberales Forum“ und was es da so alles gab und alles gibt, Spaltprodukte und Neugründung, die sich samt und sonders als politische Luftblasen, als Eintagsfliegen, als leichtgewichtige Parteienkonstrukte erwiesen, und wenn nunmehr der freiheitliche Langzeitobmann und Ibiza-geschädigte Heinz-Christian Strache als Namensgeber und Spitzenmann für eine neue dieser Splittergruppen ins Rennen geht, ist dies nicht wesentlich aussichtsreicher, als es für alle anderen genannten Gruppierungen der Fall war. Alles sind sie mehr oder weniger rasch von der politischen Bühne abgetreten.

Was unterscheidet das „Team Strache“ vom „Team Stronach“? Von der politischen Erfolgsaussicht kaum etwas – bis auf den feinen Unterschied, dass sich Sronach in seinen internationalen Konzern zurückziehen konnte, wohingegen Strache das allenfalls in Richtung eines Leasing-BMWs tun kann.

Und was unterscheidet das „Team Strache“ vom „Bündnis Zukunft Österreich“ von Jörg Haider? Dass Haider immerhin zur Zeit seiner Abspaltung Kärntner Landeshauptmann war, während sich Strache nur als einigermaßen belächelter Herausforderer des Wiener Bürgermeisters gerieren kann. Und was unterscheidet das „Team Strache“ dann vom nahezu in Vergessenheit geraten „Liberalen Forum“? Na, dass der liebe Heinz-Christian Strache nicht einmal annähernd so gute Beziehungen zu irgendwelchen SPÖ-Granden aufzuweisen vermag, wie die seinerzeitige LIF-Chefin Heide Schmidt gegenüber Heinz Fischer hatte. Aber eines ist vielleicht schon der Fall: Die Wiener SPÖ, die mit ziemlich großen Erfolgsaussichten bei den kommenden Winter Gemeinderatswahlen um die Bewahrung des überaus wichtigen Wiener Bürgermeistersessels kämpft, hat vielleicht auch diesmal ein Interesse am Antreten einer freiheitlichen Abspaltungs-Partei. Die Blauen haben nämlich bei den letzten Landtagswahlen immerhin fast 31 % der Wiener Bürger für sich gewinnen können. Wenn man diese allzu lästige Oppositionsgruppe noch mehr minimieren kann – sagen wir auf die Hälfte des letzten Ergebnisses – und wenn man dieses Wählerpotenzial dann noch durch eine Spaltung weiter schwächen kann, dann hat das für die roten Spindoktoren schon einiges für sich.
Und damit sind wir beim wirklichen Trauerspiel, das der vormalige Vizekanzler der Republik und Langzeit-Oppositionsführer der einstige FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache bindet: Seine Parteigründung, mit der er jetzt zur Wiener Landtagswahl antritt und bei der er möglicherweise auch bundesweit aktiv wird, ergibt nur wenig Sinn. Und das in dreierlei Hinsicht: Erstens mag sie ein politisches Projekt sein, mit dem Strache Rache nimmt an seiner vormaligen Partei, die ihn – aus seiner Sicht – im Stich gelassen hat, zweitens mag sie seinem persönlichen Bedürfnis nach Öffentlichkeit, nach Wichtigkeit und wohl auch nach einem Politikereinkommen nützlich sein – zumindest für einige Jahre. Und drittens dient sie den Interessen der politischen Gegner der Freiheitlichen. Ganz konkret einmal bei den Wiener Landtagswahlen, wo die herrschenden Sozialdemokraten den dadurch zersplitterten gefürchtetern Gegner deklassieren können, und in der Folge womöglich auch im bundespolitischen Bereich, das es die einzige Partei, die das politische Establishments von schwarz Rot und Grün gefährden kann, die Freiheitlichen nämlich, schwächt.

Und da muss man sich schon die Frage stellen – und diese stellt sich auch der Autor dieses Textes – wie weit dann sein alter Freund Heinz das verdient hat, dass der Name HC Strache nun mehr bloß für ein billiges Racheprojekt, für ein billiges Selbstbereicherungsprojekt und für ein billiges strategisches Konstrukt gegen die Freiheitlichen politisch instrumentalisiert wird. Sein alter Freund Heinz, der mit seinen Mitstreitern im Jahre 2005 die FPÖ nach der Abspaltung Haiders gerettet hat, der in opferreichem Einsatz diese FPÖ bis zum Jahre 2017 zu einer Mittelpartei wiederaufgebaut hat. Der sie in eine Mitte-Rechts-Regierung geführt hat und der sich vom radikalen Oppositionsführer zum gemäßigten patriotischen Staatsmann gemausert hat. Ob er das wirklich verdient hat, dass er nun mit einer Splittergruppe zum politischen Kleingeldwechsler degradiert wird, sich selbst dazu degradiert? Das „Liberale Forum“ der Heide Schmidt ist nicht einmal mehr eine Fußnote in der Geschichte der Zweiten Republik, das „Bündnis Zukunft Österreich“ eher eine peinliche Erinnerung an die strategischen Fehlleistungen des Bärentalers und das geradezu skurrile „DAÖ“, das sich nunmehr „Team Strache“ nennt, wird nur ein weiteres Meilensteinchen in der höchst uninteressanten Geschichte dieser freiheitlichen Abspaltungen sein. Das kann man schon heute sagen.

Hat Heinz-Christian Strache, mein alter Freund Heinz, – wie sich der Autor dieser Zeilen sagt, dies wirklich verdient? Hätte, der zweifellos durch kriminelle Machinationen und einigermaßen dämliche Selbstbeschädigungen in der Finca von Ibiza abtreten musste, nicht besser daran getan, sein Versprechen, sich aus der politischen Bühne zurückzuziehen, einzuhalten?

Aber es ist wie bei Jörg Haider – auch diese zerstörte, was er selbst aufgebaut hatte, beschädigte sein eigenes politisches Denkmal. Heinz-Christian Strache, „Heinrich der Glückliche“, wie er sich scherzhaft in Anlehnung an Nostradamus in jungen Jahren zu nennen pflegte, ist drauf und dran, das, was von seinem Denkmal, das trotz Ibiza übriggeblieben ist, zu devastieren. Lieber Heinz, hast du das wirklich verdient?


„Es ist ein gutes Land …“

29. April 2020

Über die österreichische Staatlichkeit und 75 Jahre Zweite Republik

Ein Dreiviertel Jahrhundert existiert unsere Zweite Republik nun schon und sie feiert diesen großen Geburtstag in Zeiten der Krise. Diesmal ist es keine militärische Krise, kein Krieg, keine Besetzung, es ist auch keine politische Krise, nein, es ist eine durch eine Seuche verursachte Krise mit ihren Folgeerscheinungen im gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich. Und Krisen sind es, die gewissermaßen als Stationen die Geschichte österreichischen Staatlichkeit begleiten: Wiedergeboren aus dem Zusammenbruch des Dritten Reichs und der Niederlage der NS-Despoten,  konnte das Land durch Jahrzehnte bis zum heutigen Tag eine an sicht beispiellose Erfolgsgeschichte hinlegen. Frieden, Freiheit und Wohlstand konnte sich die Bevölkerung erarbeiten. Nach den Kriegszerstörungen, nach der Besatzungszeit, ging es im Grunde kontinuierlich bergauf. Eine entwikkelte Demokratie, eine funktionierende und sehr exportorientierte Marktwirtschaft und ein auf Ausgleich und Kompromiss orientiertes Parteiengefüge in einer relativ harmonischen Gesellschaft prägten das Land. Und die Zustimmung der Bevölkerung zu dieser, ihrer Republik, stolz auf das eigene Land, erreichte bis zum heutigen Tag schwindelnde Höhen.

 

27. April 1945

Am 27. April 1945 wird ein Schriftstück unterzeichnet, das es in sich hat: die Urkunde, die als „Unabhängigkeitserklärung“ bekannt ist. Unterzeichnet wurde das Dokument von Karl Renner, Adolf Schärf ( beide SPÖ), Leopold Kunschak (ÖVP) und Johann Koplenik (KPÖ). Der Kommunist Koplenig ist ein Stalin-Verehrer, erst wenige Tage davor aus Moskau nach Wien gekommen ist, mit dem Kreml-Auftrag, in Österreich eine bolschewistische Diktatur aufzurichten.

 

Das war nicht immer so: Die Erste Republik, ebenfalls geboren in einer krisenhaften Situation im Zusammenbruch der Donaumonarchie, konnte die positive Identifikation der Menschen mit dem Staat niemals zustande bringen. Insofern war sie Erbe der Donaumonarchie, die sich selbst in ihren letzten Jahrzehnten als der „kranke Mann an der Donau“ verstand, wobei das Bewusstsein ihrer Völker, dass der gemeinsame Staat in Zeiten des Nationalismus dem Untergang geweiht sei, beständig wuchs. Zwar meinen manche Historiker, dass die Habsburger Monarchie ohne den militärischen Zusammenbruch Ende des Ersten Weltkriegs weiter existiert hätte, die innere Legitimation, der innere Zusammenhalt dieses Vielvölkerstaats aber war längst zerbrochen. Dennoch hat der österreichische Kaiserstaat ein gutes Jahrhundert vom Wiener Kongress bis zum Ende des Ersten Weltkriegs existiert. Trotz vieler Krisen, trotz verlorener Kriege und trotz der bürgerlichen Revolution von 1848.

Und dieser österreichische Kaiserstaat war der Erbe des alten Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, das immerhin fast neun Jahrhunderte existierte. Und über viele Jahrhunderte waren die deutschen Erblande der Habsburger gewissermaßen die Kernregion dieses Heiligen Reiches, die Machtbastion der Kaiserdynastie. Wie weit die Menschen während dieser Jahrhunderte in diesen habsburgischen Erblanden glücklich waren und sich mit ihrer Rolle als Kernland und Drehscheibe des heiligen Reiches wohl fühlten, ist eine ganz andere Frage. Zumeist waren es wohl Opfer, die sie zu erbringen hatten: militärische, wirtschaftliche und psychologische. Diese Tatsache erwies sich noch am Ende der Monarchie, am Ende des Ersten Weltkriegs, als die deutschen Erblande – beispielsweise das Herzogtum Kärnten – den höchsten Blutzoll an den Fronten zu entrichten hatten. Für die Endphase der Habsburger Monarchie prägte Karl Kraus den Spruch, wonach Österreich „eine Versuchsstation für Weltuntergänge“ sei. Das mag in vielerlei Hinsicht in mancher Phase unserer Geschichte mit allen Höhen und Tiefen durchaus zutreffend gewesen sein. Andererseits hatte Grillparzer davon gesprochen, Österreich sei „die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“, und er meinte es durchaus nicht negativ. Übertragen auf die europäische Integration dieser Tage könnte man meinen, dass das alte Österreich, die Habsburger Monarchie mit ihren zahlreichen Völkern, den damit verbundenen Schwierigkeiten und dem somit auch immer wieder zu erringenden Ausgleich zwischen den Interessen eine historische Probebühne für die europäische Integration unserer Tage sein könnte.

Wie wir heute im Nachhinein wissen, hat die Monarchie dabei aber auch in vielerlei Hinsicht versagt, und genau das muss man heute im Hinblick auf die Europäische Union ebenso beobachten. Gerade in der Krise, beispielsweise in der Seuchenkrise unserer Tage, scheint sie völlig hilflos zu sein und tatsächlich zu versagen. Eine andere Frage bei der Betrachtung österreichischer Staatlichkeit im Zuge ihrer tausendjährlichen Geschichte ist die Frage der Staatsräson: Während das alte Heilige Römische Reich Deutscher Nation eben ein sakral legitimiertes Staatsgebilde war und der Herrscher, der deutsche König, als römischer Kaiser von Gottes Gnaden regierte, war es mit der Republikgründung der Demos, das Volk, das den Souverän darstellte. Und dieser Demos empfand sich im Jahre 1918 bei der Republikgründung eben als Teil der deutschen Nation. Und die Republik Deutsch-Österreich konstituierte sich auch bewusst als Teil der großen Deutschen Republik. Dazu teilten alle politischen Kräfte, mit Ausnahme der relativ unerheblichen Kommunisten, diese Identifikation. Bis in das Dollfuß-Schuschnig-Regime hinein war man der Meinung, dass Österreich der „bessere deutsche Staat“ sei. Dies änderte sich nach 1945 grundlegend. Wohl war es Überlebenswille und so etwas wie politischhistorischer Opportunismus, der die politische Kaste der wiedergegründeten Republik dazu bewog, sich von dieser deutschen Identität der Menschen, aber auch des Staatswesens loszusagen. Die wiedergegründete Zweite Republik durfte alles sein, nur nicht deutsch. Und nach dem Staatsvertrag wurde sie auch neutral, womit sie sich in dem über Jahrzehnte dauernden Kalten Krieg eine klare Parteinahme zu ersparen hoffte. Und das glücklicherweise durchaus mit Erfolg.

In den letzten Jahren war diese unsere Zweite Republik nunmehr europäisch. Ein kurz angedachter mitteleuropäischer Sonderweg, etwa an der Seite der Visegrad-Staaten, kam nie zustande, stattdessen pflegte man das Image des Brüsseler Vorzugsschülers. Und dass sich dieser nunmehr in der Coronakrise so rasch von dieser europäische Rolle abnabelte, war doch erstaunlich. Plötzlich sind die staatlichen Autoritäten, sind die Bürger des Landes wieder auf ihre kleine Republik zurückgeworfen. Plötzlich ist es wieder Österreich und zwar nur Österreich, das sich der Krise, also dem Kampf gegen die Seuche stellen musste. Und das bis zum heutigen Tag mit erstaunlichem Erfolg, wesentlich erfolgreicher als viele andere europäische Länder. Und im Zuge dieser Entwicklung dürfte die Identifikation der Menschen mit ihrer Republik, aber auch mit dem politischen System trotz aller fragwürdigen Regierungspolitik wieder gewaltig angewachsen sein. Ironisch könnte man sagen, von Leopold, dem Heiligen, der auf den Mauern von Akkon kämpfte, bis zu Sebastian, dem Scheinheiligen, dergegen Corona kämpft, scharen sich die Menschen um die Führerfigur und um die Fahne. Ein gerütteltes Maß an Opportunismus, aber ein starker und unerschütterlicher Patriotismus ist es wohl, der die Überlebensfähigkeit dieser Staatlichkeit garantiert.


Vom Ende der Globalisierung

20. März 2020

Die möglichen Folgen der Corona-Pandemie

Eine weltweite Pandemie hält uns in ihren Klauen. Ein hochinfektiöses Virus breitet sich – ausgehend vom kommunistischen China – rasend schnell um die Welt aus und versetzt insbesondere die liberalen Demokratien in einen seit Jahrzehnten nicht gekannten Ausnahmezustand. Die nicht kontrollierbare Ansteckungsgefahr und die hohe Mortalität der älteren Generation rechtfertigen massive Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bürger, führen zur Absage demokratischer Wahlen und beenden die überstaatliche Mobilität, wie sie insbesondere in der EU gang und gäbe war.
Die Seuche ist unbestreitbar eine Folge der Globalisierung. Sie selbst ist global, ihre Verbreitung die Folge einer globalisierten Wirtschaft. Ganz gleich welchen Ursprungs das Virus ist, Tatsache bleibt, dass es über die wirtschaftlichen Kontakte zwischen China und den oberitalienischen Industrieregionen auf die Apennin-Halbinsel nach Europa kam.
Eine andere Verbreitungsmöglichkeit war der internationale Tourismus. Und die globalisierte Wirtschaft über multinationale Konzerne bedingt es, dass beispielsweise China, Korea und Taiwan zu verlängerten Werkbänken europäischer Produzenten wurden. Dass andererseits zehntausend chinesische Arbeiter, legal, aber auch illegal, sowie viele Schicksalsgenossen aus anderen Ländern und Staaten der Dritten Welt in Europa und in den westlichen Staaten arbeiteten. Die gegenwärtige herrschende Pandemie führt zudem deutlich die Schattenseiten der Globalisierung, der globalisierten Wirtschaft, aber auch des immer preiswerteren weltumspannenden Tourismus vor Augen. Die Abwehrmaßnahmen gegen diese Pandemie finden nun keineswegs auf der globalisierten Ebene statt, sie werfen uns vielmehr auf die regionale, innerstaatliche Ebene zurück. Grenzen werden geschlossen, der Reiseverkehr wird eingestellt und die meisten europäischen Staaten verfügen ohne Rücksicht auf ihre Nachbarländer, die ja allesamt ja auch EU-Länder sind, jeweils eigene Maßnahmen. Eine der negativen Folgen der Globalisierung ist dabei auch insofern vorstellbar, als beispielsweise die Grundstoffe für vielerlei Medikamente gar nicht mehr in Europa erzeugt werden, sondern auch in China und anderen ostasiatischen Ländern. In Zeiten von Reisebeschränkungen und der Einstellung des internationalen Warenverkehrs werden hier die Lieferketten schlicht und einfach unterbrochen und die Abhängigkeit Europas wird schmerzlich deutlich. Noch ist zwar in den betroffenen europäischen Ländern, insbesondere auch in Österreich, die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet. Bei längerer Dauer des Ausnahmezustandes könnte sich jedoch auch dies ändern. Bei allgemeiner Isolierung der Bevölkerung ist es ja nur eine Frage der Zeit, bis sich Supermarkt-Kassiererinnen, Bankangestellte und Tankwarte überlegen, ob sie sich für ihr geringes Gehalt der mutmaßlichen Todesgefahr des Virus aussetzen. Und die grenzüberschreitende Versorgung mit Gütern aus dem internationalen Warenverkehr dürfte bei zunehmender Sperre der Grenzen ohnedies nach und nach ausfallen. Da erweist sich dann die Anfälligkeit unserer vernetzten und globalisierten Gesellschaft, da so etwas wie eine autarke und regionale Lebensmittelversorgung kaum mehr möglich ist. Was in den 50er, 60er, 70er Jahren des letzten Jahrhunderts selbstverständlich war, die Deckung des Nahrungsmittelbedarfs mit landwirtschaftlichen Produkten aus dem eigenen Land, ist heute schlicht und einfach kaum mehr möglich, und ein Zurückgehen auf diese Selbstversorgermöglichkeit dürfte äußerst kompliziert sein und lange dauern. Dennoch dürfte der Ausnahmezustand, wie er in Folge der Pandemie gegenwärtig über Europa herrscht, ein Umdenken in diese Richtung nach sich ziehen: Stärkere Unabhängigkeit der europäischen Produktion von außereuropäischen Zulieferern, eine stärkere Regionalisierung der Nahrungsmittelproduktion und ein stärkeres Bewusstsein in Sachen Zivilschutz der einzelnen Haushalte könnte die Folge sein. Was in der Klimakrise bereits propagiert wurde, nämlich eine Abkehr von den langen und häufig auch unnötigen Transportwegen im Nahrungsmittelbereich und die verstärkte Nutzung regionaler Ressourcen zwecks Schonung des Klimas, könnte solcherart verstärkt werden.
Ein weiterer überaus problematischer Aspekt der Globalisierung sind die globalen Migrationsbewegungen. Ausgelöst durch kriegerische Situationen oder Bürgerkriegsereignisse, durch Umweltkatastrophen, haben sich in den letzten Jahren Millionen Menschen auf Asien, Afrika, aber auch Lateinamerika in Bewegung gesetzt, allzu häufig aus Angst um Leib und Leben, hoffend auf den Schutz, den ihnen die Genfer Flüchtlingskonvention zu versprechen schien. Überdies ist es aber die weltweite Kommunikation über Internet und Fernsehen, die Millionen Menschen in allen Teilen der Dritten Welt in Europa und der westlichen Welt insgesamt ein Leben vorgaukelt, in dem Milch und Honig fließen. Wohlstandssicherheit, Libertinage, sexuelle Freizügigkeit, schöne Frauen, schnelle Autos, luxuriöse Wohnungen, Partys und Urlaubsfreuden. Dieses Bild vom Leben in der westlichen Welt, insbesondere in Europa, motiviert Millionen von potentiellen Wirtschaftsmigranten sich auf den Weg zu machen. Tausende von Kilometer und dutzende Staatsgrenzen werden dabei überwunden, um in Richtung Europa zu gelangen. Durchmischt mit echten Kriegs-, Bürgerkriegs- oder Katastrophenflüchtlingen, stellen diese Wirtschaftsmigranten, die zu allererst die westlichen Sozialsysteme migrieren, ein überaus explosives gesellschaftliches Potential dar, dessen Bewältigung bislang weder kulturell noch ökonomisch gelungen ist.
Die Abkehr von den Mechanismen der Globalisierung, wie sie tendenziell als Folge der Corona-Pandemie auf uns zukommen könnte, dürfte auch eine veränderte Betrachtungsweise des globalen Migrationstriebs nach sich ziehen. Geschlossene Grenzen bedingen eben nicht nur die Abwehr von infizierten Einreisenden, sondern neben der Reduktion des internationalen Warenverkehrs auch ein Hemmnis für Migrantenströme. Und das Bewusstsein der Bevölkerung, dass mit diesen Migranten keineswegs multikulturelle Bereicherung in Sachen Kulinarik und Lifestyle importiert wird, sondern sehr wohl auch in Europa längst ausgestorbene Krankheiten und Seuchen, dürfte ein Übriges tun. Die Flüchtlingsaufnahme aus türkischen Camps dürfte in Europa in der Zeit des Corona-Ausnahmezustandes in etwa so populär sein wie ein Alkoholverbot am Münchner Oktoberfest.
Und was die ökonomische Situation der Menschen in den europäischen Demokratien, insbesondere in Österreich, betrifft, so dürfte dieser Corona-Ausnahmezustand derartige Kosten verursachen und wirtschaftliche Schwierigkeiten verursachen, dass es unumgänglich sein wird, den Ruin der eigenen Klein- und Mittelbetriebe aufzufangen, die Arbeitslosigkeit im eigenen Bereich zu bekämpfen und sozial Bedürftige zu unterstützen. Die damit auf den Staatshaushalt zukommenden Belastungen werden in der Öffentlichkeit, in den Medien, in den politischen Kreisen, aber insbesondere in der Bevölkerung zweifellos das Bewusstsein wecken, dass das eigene Steuergeld eben auch im Lande verwendet werden muss und weder in die EU-Heranführungshilfe für die Türkei noch in den Merkel-Erdogan-Deal fließen sollte.
Alles in allem, könnte die Corona-Pandemie als Auslöser so etwas wie einen „Rollback“ der Globalisierung bedeuten und eine Hinwendung, insbesondere der europäischen Nationen, zu mehr Regionalität, zu stärkerer nationaler Souveränität und zu tendenzieller Autarkie. Dass diese Tendenz durchaus auch der Bekämpfung der Klimakrise nützlich sein könnte, erhöht nur ihre Sinnhaftigkeit.


Sorge und Solidarität

19. März 2020

Der Ausnahmezustand herrscht im Land, das öffentliche Leben ist erloschen, Schulen und Universitäten geschlossen, die Ämter verwaist, die Rollläden der Geschäfte sind unten, Restaurants und Cafés sind dicht, und die Menschen sitzen verängstigt in ihren Häusern und Wohnungen.
Was ist passiert? Haben fundamentalistische Terroristen im Zentrum Wiens eine Atombombe gezündet, um die UNO-City in die Luft zu jagen? Sind uns die Atomkraftwerke in Mochovce oder in Krsko um die Ohren gefl ogen? Oder hat gar der Polsprung stattgefunden und liegt Österreich plötzlich am Äquator? Nein, nichts von alledem. Ein heimtückisches Virus hat das Land, darüber hinaus ganz Europa und die restlichen Staaten des Planeten, in seinen Klauen (Zeit der Abfassung diese Textes). Vier Todesopfer dieses Virus und um die 1.000 Infi zierte – zumeist mit leichten Krankheitsverläufen, also nicht die Beulenpest, keine Choleraepidemie und auch nicht Ebola . Corona, so lautet die Chiffre des Unheils.
Nun sind die Maßnahmen, die die Regierung in diesen Tagen verhängt hat, zweifellos vernünftig und notwendig – vielleicht ein paar Tage zu spät, aber im Nachhinein sind wir alle klüger. Und die Hoffnung besteht, dass man dadurch die Infektionskurve abflachen kann, um die Überlastung des heimischen Gesundheitssytems zu verhindern. Zwangsläufi g wird die Epidemie damit länger dauern, aber sie wird, so hoffen wir, nicht jene dramatischen Konsequenzen haben, wie wir sie etwa gegenwärtig in der Lombardei beobachten müssen. Und um hier in Österreich das Ärgste zu verhindern, ist Solidarität gefragt. Solidarität, Klugheit und Besonnenheit der Bevölkerung: Die Jungen müssen trotz der leichten Verläufe, die ihnen drohen, bereit sein, aus Solidarität mit der älteren Generation auf längere Zeit auf ein normales Leben zu verzichten, und die Alten müssen sich in Klausur, in Quarantäne begeben, um der Gefährdung aus dem Weg zu gehen.
Und all jene, die den Rest des Alltagslebens aufrechterhalten, die Verkäuferinnen im Supermarkt, die Tankwarte, die Bankangestellten, die Apotheker und vor allem das Gesundheitspersonal, sie müssen in hohem Maße Opferbereitschaft, ja sogar die Selbstgefährdung aufbringen und riskieren. Wir stehen also vor der paradoxen Notwendigkeit, dass eine Gesellschaft von sich isolierenden Einzelmenschen und -Familien größtmögliche Solidarität und Gemeinsinn aufbringen muss. Hoffentlich ist das zu schaffen. Andererseits gibt es da die Sorge. Sorge nicht nur um die eigene Gesundheit und um das Leben der Risikogruppe der älteren Mitbürger, sondern auch die Sorge, wann und ob wir jemals wieder zur Normalität, wie sie vor dem Ausbruch der Coronaepidemie geherrscht hat, zurückkehren können. Werden wir wieder unbeschränkt reisen können, werden wir wieder in Italien auf Cappuccino und Pasta gehen können? Am Strand von Jesolo in der Sonne liegen? Werden wir Paris, Rom und Athen wieder für ein Wochenende besuchen können?
Werden wir Geschäftskontakte in Peking, Tokio, New York oder L.A. wieder wahrnehmen können? Und werden bei uns wieder Restaurants und Cafes offen haben? Wird es wieder volle Fußballstadien geben, werden Fußball-EM und die Olympischen Spiele stattfinden? Werden wir uns wieder mit Freunden treffen können? Unsere Großeltern besuchen? Und gesellig auf den Straßen und Plätzen unserer Städte flanieren dürfen?
Und dann gibt es da auch die Sorge um unsere Demokratie und unsere Bürgerrechte: Werden wieder wie gewohnt Wahlen stattfi nden? Werden Gesetze wieder auf die rechtsstaatlich vorgegebene Weise beschlossen, mit Fristen und Begutachtungen und nicht innerhalb eines Tages durchgepeitscht? Werden wir uns wieder frei und unkontrolliert im öffentlichen Raum bewegen können? Werden wir Grundrechte, wie die Versammlungsfreiheit, die in der Europäischen Union verbriefte Reisefreiheit wieder wahrnehmen können?
Und schließlich die Sorge um die Wirtschaft – wird sie nicht wieder gutzumachenden Schaden nehmen? Rutschen wir in eine Rezession, in eine neue Weltwirtschaftskrise mit großfl ächigem Vermögensverlust und Massenarbeitslosigkeit? Wie viele kleine und mittlere Betriebe werden insolvent werden? Und welchen Schaden werden die Staatsfi nanzen und die Staatshaushalte nehmen?
Solidarität und Sorge prägen derzeit – nicht nur auf Österreich beschränkt – das Leben der Menschen.


Wir, die „bösen Jungs“ von „Zur Zeit“, und die Meinungsfreiheit

19. Oktober 2018

Jetzt haben wir den Scherben aber auf: Da hat doch tatsächlich eine unglaublich bedeutende sozialistische Nationalratsabgeordnete, deren Namen dem Verfasser dieser Zeilen bedauerlicherweise entfallen ist, am Montag in einer Presseaussendung geradezu weinerlich erklärt, dass es „das falsche Signal im Gedenkjahr 2018“ sei, wenn „Zur Zeit“ in den Räumen des Parlaments eine Auszeichnung erhalte. Unser Blatt habe nämlich immer wieder „rassistische, deutschnationale und antisemitische Texte“ veröffentlicht.
Worum geht es? Tatsächlich hat man vor einigen Monaten angefragt, ob wir bereit wären, im Herbst des Jahres einen neu geschaffenen Franz-Dinghofer-Medienpreis entgegenzunehmen, eine Ehrung, die im Namen eines der wichtigsten Gründungsväter der Republik, des nationalliberalen Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Franz Dinghofer, ausgesprochen wird. Wir erklärten, dass es uns eine Ehre wäre. Und das, obwohl wir auf jene Journalistenpreise, die sich die Mainstream-Journaille gegenseitig in Österreich zuzuschieben pflegen, nicht heiß sind.
Wie wir überhaupt derlei Ehrungen keine sonderliche Bedeutung zumessen. So hat der Autor dieser Zeilen vor wenigen Jahren die ihm nach zehn Parlamentsjahren laut Usance zustehende Verleihung des „Großen Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich“ durch die damalige Parlamentspräsidentin abgelehnt mit dem Hinweis, dass eine ähnliche Ehrung seinem Bundesparteiobmann damals verwehrt wurde. (Dieser hat nun als Regierungsmitglied bereits einen weit höheren Orden erhalten).
Uns war natürlich klar, dass jede Honorierung unserer Arbeit bei der linken Opposition und in den politisch-korrekten Mainstream-Medien für geheuchelte Empörung sorgen würde. Genauso, wie wir bislang auf jegliches Inserat aus den freiheitlichen Ministerbüros bewusst verzichteten, weil dies naturgemäß dieselbe Folge hätte.
Und tatsächlich ist es ja so, dass wir, die „bösen Jungs“ von „Zur Zeit“, deutschnationale, rassistische und antisemitische Texte publizieren. Ja, wir sind tatsächlich der Meinung, dass Österreich historisch einen großen Anteil an der deutschen Geschichte hat und dass wir ethnisch und kulturell der deutschen Kulturnation zugehören. Und ja, wir sind tatsächlich der Meinung, dass die Massenzuwanderung mittel- und längerfristig so etwas wie einen Bevölkerungsaustausch nach sich ziehen könnte und dass wir daher für den Schutz der autochthonen Bevölkerung eintreten. Wenn man so will, ist das rassistisch. Und ja, wir haben auch immer wieder israelkritische Beiträge im Blatt, die bei aller prinzipiellen Zustimmung zum Überlebensrecht des Judenstaats beispielsweise israelisches Vorgehen gegenüber den Palästinensern kritisieren. Und das gilt in unserem Falle natürlich schon als antisemitisch.
Aber in der nunmehr 21-jährigen Geschichte der „Zur Zeit“ mit nahezu 1.000 Einzelausgaben gab es keine einzige Verurteilung des Blattes wegen Verhetzung, Verleumdung, Verstößen gegen das Pressegesetz oder gar das Verbotsgesetz. Im Gegenteil, wir bekommen seit nahezu 20 Jahren die staatliche Presseförderung, weil wir deren Kriterien entsprechen. Als vor wenigen Jahren unter dem Kanzleramtsminister Ostermayer – wer entsinnt sich noch seiner? – das gesetzliche Regelwerk für die Presseförderung verschärft wurde, wurde dies auf Medienanfrage vom Minister selbst als eine „Lex Zur Zeit“ bezeichnet, weil Medien, die wegen Verhetzung oder dergleichen mehr verurteilt wurden, von der staatlichen Presseförderung ausgeschlossen sein sollten. Pech nur, dass dies auf „Zur Zeit“ nie zutraf und auch nicht zutrifft und dass wir deshalb den formalen Kriterien für die Presseförderung bis zum heutigen Tag entsprechen. Wir stehen also als Medium sehr wohl innerhalb des „Verfassungsbogens“.
Die gegenwärtige Empörung der sozialistischen Abgeordneten und der kleinkarierte Sturm im Wasserglas der sozialen Medien und der Mainstream-Medien – der ORF tut naturgemäß fleißig mit – entspringt nun dem ungeheuren Skandal, dass in der Ausgabe 40/2018 ein zweifellos missglückter Text unkontrolliert ins Blatt geriet, eine Folge unserer chronischen redaktionellen Unterbesetzung, da wir schlicht und einfach nicht die Millionen haben, die die Mainstream-Medien nicht zuletzt auch aufgrund von staatlichen Förderungen und Inseraten haben. Unter dem Titel „Mehr Recht, Ruhe und Ordnung im Land“ hat da ein freier Mitarbeiter, der sporadisch bei uns publizierte, beinahe schon ins satirisch übersteigerte radikale Forderungen in Richtung „Law and Order“ skizziert. Dabei forderte er Dinge wie etwa „Beweislastumkehr bei Berufsverbrechern“, oder die Reduzierung der Justiz auf einen nur mehr „zweistufigen Instanzenzug“, die dem rechtsstaatlichen Empfinden des Autors dieser Zeilen absolut widersprechen. Weitere extreme Forderungen, wie jene nach „geschlossenen Sonderschulen“, die Säuberung des Staatsrundfunks nach ideologischen Kriterien, eine „Untauglichen-Steuer“ und Ähnliches wären absolute Gegensätze zu freiheitlich-rechtsstaatlichen Denken.
Schlicht und einfach widersprach dieser Beitrag grundsätzlich der Blattlinie von „Zur Zeit“ und wäre bei entsprechender Prüfung so nicht ins Blatt geraten. Deshalb haben wir uns auch davon distanziert und dafür entschuldigt. Auch wenn das Ganze als „geheime Wünsche des Otto Normalverbraucher“ vom Autor selbst als Satire dargestellt wurde.
Wenn man aber nun mehr versucht, eine Hexenjagd nach dem Muster des vor wenigen Monaten erfolgen Vorgehens gegen die „Aula“ zu veranstalten, indem man die freiheitliche Parteispitze unter Druck setzt, müssen wir diesenorts schon feststellen:
lErstens einmal gibt es in unserem Land noch immer die verfassungsmäßig garantierte Meinungsfreiheit. Und diese inkludiert auch das Recht auf den Zeitgeist absolut zuwiderlaufende Meinungen, ja sogar das Recht auf Dummheit, solange es nicht dem Strafrecht oder anderen gesetzlichen Normen widerspricht.
lZweitens sind Räume des Parlaments allen demokratisch gewählten Parteien zugänglich und überdies prinzipiell wohl allen unbescholtenen Staatsbürgern. Und dazu dürfen wir, die „bösen Jungs“ von „Zur Zeit“, uns zählen.
lUnd drittens sollte jede Gesinnungsgemeinschaft, wie überhaupt jede Gemeinschaft unbescholtener, österreichischer Staatsbürger, die Freiheit haben, Persönlichkeiten und Institutionen gut zu heißen und auch zu ehren, wie es ihr jeweils beliebt.
Und deshalb sagen wir nunmehr auch bewusst Ja zur Ehrung durch den Franz-Dinghofer-Medienpreis! Und wir sagen Ja zur staatlichen Pressförderung, wenn uns diese nach Recht und Gesetz wie anderen Medien zu steht! Und wir werden auch Ja sagen zu Inseraten und Beiträgen aus dem Regierungsbereich, wenn diese im Zuge von Informationskampagnen auch anderen Medien zugestanden werden! Gleiches Recht für alle! Wir lassen uns nicht zu Schmuddel­kindern dieser Republik degradieren!


Österreich, alles in allem ein gutes Land…

29. Juni 2018

Können wir es erhalten?

Gesetzt den Fall, ein beliebiger Erdenbürger könnte sich heute, zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes, also im Frühjahr des Jahres 2018, aussuchen, auf welchem Flecken dieses Planeten er gerne leben möchte, so müsste er eigentlich auf Österreich kommen. Alles in allem, von der Landschaft, von den Menschen, von der Kultur, vom Sozialsystem, vom Rechtsgefüge, von der Lebensqualität und allen anderen Kriterien her ist unsere Heimat wahrscheinlich jener Flecken auf diesem Planeten, der am lebens- und liebenswertesten ist. Und das nicht nur für den gelernten Österreicher, der seine Heimat mit einer gewissen Zwangsläufigkeit liebt, sondern tatsächlich nach objektiven Kriterien.
Nach wie vor ist die heimische Naturlandschaft schlicht und einfach zauberhaft. In erster Linie ist Österreich ein Bergland. Nun sind die Alpen das am meisten und lückenlosest durchsiedelte Hochgebirge der Erde. Vor allem im bajuwarischen Bereich hat die bäuerliche Siedlung den alpinen Raum hoch bis über die Waldgrenze durchdrungen. Bergbauern und noch höher gelegene Almwirtschaft haben dieses Hochgebirge, das sich auf österreichischem Territorium an die 4.000 Meter erhebt, kultiviert. Die Ebenen und Flusstäler des Landes sind nicht minder reizvoll. Das fruchtbare Alpenvorland, welches das nördliche Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich prägt, die Ebenen des Marchfeldes und des Weinviertels, das größte inneralpine Talbecken in Kärnten mit seinen Seen und sanften Hügeln, darin verstreut wie Perlen Dörfer und Landstädte.
Diese erlesene Naturlandschaft und ihre Kultivierung ist von Zersiedlung und schrankenlosem Zubetonieren gefährdet. Das Bauernsterben stellt überdies die alpine Kulturlandschaft in Frage, da es schlicht niemanden mehr geben wird, der Hochwälder und Almen kultiviert und bearbeitet. Und die Abwanderung aus den ländlich geprägten Tälern, den Dörfern und kleineren Städten des flachen Landes bedingt ebenso den sukzessiven Verlust der kultivierenden Kraft durch den Menschen.
Droht also eine Zukunft, in der die österreichische Landschaft von verlassenen und verödeten Almen, von ungepflegten Wäldern, dafür aber von auswuchernden Ballungsräumen, brutal zugebauten Seen, von zu Tode gestauten und regulierten Flüssen, dafür aber von verödeten Tälern, Dörfern und Landstädten geprägt ist? In den letzten Jahrzehnten gab es zahllose Programme zur Rettung und Belebung des ländlichen Raums – sowohl auf EU-Ebene als auch auf nationaler österreichischer Ebene. Die Ausdünnung und Verödung dieses ländlichen Raumes schreitet dennoch offenbar unaufhaltsam voran. Dass damit die kultivierte Naturlandschaft Österreichs gefährdet ist, steht außer Frage.

„Österreich – eine Provokation“

Unter diesem Titel werden die Texte, die Andreas Mölzer im letzten halben Jahr zum Thema Österreich geschrieben hat, im Herbst in umfangreicherer und tiefschürfenderer Form als Buch erscheinen. Dieser Text ist der letzte in dieser Reihe.
Das Buch wird über www.ZurZeit.at/Buchladen zu beziehen sein

Dem gegenüber steht das massive Zubetonieren weiterer Fläche des Landes durch Straßen, Industriebauten und Gewerbegebiete sowie eine Zersiedelung, die im Umfeld der Ballungsräume allzu häufig planlos und ohne die Schaffung von quasidörflichen Strukturen vonstattengeht. Während die Täler veröden, wuchern die Vorstädte. Rund um Wien, rund um Linz und Graz, in Kärnten zwischen Villach und Klagenfurt, rund um die Stadt Salzburg und auch um Innsbruck und Bregenz wachsen Vorortsiedlungen ohne Gesicht, ohne Kultur, ohne die Möglichkeit zu menschlicher Kommunikation und vor allem ohne jeglichen architektonisch-baukulturellen Reiz. Ob diese Entwicklung noch zu stoppen ist oder umkehrbar wäre?
Und die Menschen? Was ist mit den Bewohnern dieses nach wie vor schönen Landes? Der autochthone Österreicher mit seinen weitgehend bajuwarischen, in Vorarlberg auch alemannischen sowie in Niederösterreich und im Burgenland auch fränkischen Wurzeln, mit den vielfältigen Einsprengseln aus anderen, benachbarten Nationalitäten, die aus der Monarchie stammen und mit den autochthonen Volksgruppen ist alles in allem ein liebenswerter  Menschenschlag. Begabt und kreativ, aber auch zum Kulturpessimismus und zur Miesmacherei sowie zu Vorurteilen neigend, zweifellos auch mit negativen Eigenschaften behaftet, die allerdings durch eine gewisse Skurrilität auch liebenswert wirken können. Heute ist tendenziell ein Viertel der Wohnbevölkerung von ausländischer Herkunft. Die Gastarbeiterzuwanderung seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und die Massenimmigration, wie sie erst in den Jahren 2015 und 2016 einen apokalyptischen Höhepunkt erreicht hat, sind die Ursachen für diesen großen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund. Familiennachzug und eine höhere Geburtenrate der Zuwanderungsbevölkerung dürften diesen Anteil in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch dramatisch steigern und die Gefahr, dass die autochthone Bevölkerung zur Minderheit im eigenen Land werden kann, ist ganz real gegeben.
Natürlich war Österreich, sowohl die Erste und Zweite Republik als auch das alte Habsburgische Österreich, ein Ein- und Zuwanderungsland. Im Hochmittelalter war es die deutsche Ostsiedlung, die das ursprünglich keltoromanisch und slawisch dünnbesiedelte Land durchdrang. In späteren Jahrhunderten war es der stete Zuzug aus den westlichen, nördlichen deutschen Territorien, der durch die Anziehungskraft der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien bedingt war. Vor dem Ersten Weltkrieg waren es massenhaft Menschen, die in den nicht-deutschen Kronländern der Monarchie kein Auskommen zu finden glaubten, und nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Vertreibung der Volksdeutschen, die hunderttausende Neubürger nach Österreich schwemmte.
Die gegenwärtige Zuwanderung allerdings schwemmt Menschen aus allen Teilen der Welt, häufig auch aus nicht europäischen Bereichen, der Dritten Welt insbesondere, aber auch Menschen aus Anatolien und aus anderen islamischen Weltgegenden nach Österreich. Die Motive für ihre Migration, seien es nun tatsächliche politische und religiöse Verfolgung oder das bloße Streben nach einem ökonomisch besseren Leben, sind vielfältig.
Die moralische und rechtliche Berechtigung, nach Österreich zu kommen, variieren ebenso. Abgesehen davon aber ist es eine Tatsache, dass sich hier erstmals seit Jahrhunderten eine die kritische Masse längst übersteigende Anzahl von Menschen im Lande gesammelt hat, die nicht aus der genetischen Nachbarschaft des europäischen Umfelds stammen, sondern eine völlige Veränderung der biologisch-ethnischen Struktur der Bevölkerung mit sich bringen könnten und überdies von ihrem kulturellen, häufig auch religiösen Hintergrund kaum mehr in unsere Gesellschaft integrierbar, geschweige denn, assimilierbar sind. Da es sich bei diesen Zuwanderern allerdings auch nicht um eine homogene Gruppe handelt, sondern um viele Ethnien und Zuwanderer, ist die Bildung von Parallelgesellschaften, von verschiedensten „Communities“ und Ghettos mit all den sozialen und ökonomischen und sicherheitspolitischen Problemen, die damit verbunden sind, unausweichlich.
Ob also der künftige Österreicher ein ethnisch-kulturelles Amalgam aus der autochthonen Bevölkerung und den diversen Zuwanderungspopulationen von weitgehend südländischem Aussehen, einer Umgangssprache, gemischt aus Pidgin, Englisch und Türkisch-Deutsch sein wird oder ob es zu einer segregierten Gesellschaft kommt, in der sozial und kulturell abgegrenzt einerseits die autochthone Bevölkerung, andererseits die Zuwanderungsethnien in verschiedensten Gemeinschaften nebeneinander und gegeneinander leben, wir wissen es nicht! Wenn in der Bundeshauptstadt Wien die Kinder unter zehn Jahren bereits zu 70 Prozent Migrationshintergrund haben, muss jedenfalls klar sein, dass es in den kommenden ein, zwei Jahrzehnten, also im Grunde im Zeitraum einer Generation, österreichweit zu einer massiven Veränderung der Bevölkerungsstruktur kommen wird. Ob damit der liebenswürdige Volkscharakter, wie er sich in Österreich historisch entwickelt hat – und das sind jetzt natürlich Klischees – erhalten bleiben wird, ist eine andere Frage.
Und damit sind wir bei der Kultur und beim sozialen Gefüge. Natürlich hat Österreich bereits in vergangenen Jahrhunderten vielfältige kulturelle Einflüsse von außen aufgenommen.
Dass tschechisches, slowakisches und polnisches Kulturgut, magyarische Einflüsse, solche vom Balkan und natürlich auch aus dem benachbarten Oberitalien in die österreichische Kultur, in das österreichische Geistesleben eingeflossen sind, dass dieses in hohem Maße von jüdischen intellektuellen Kulturschaffenden mitgeprägt wurde, steht außer Zweifel. Ebenso bewusst sollte uns allerdings sein, dass es „reichsdeutsche“ Einflüsse sonder Zahl gibt, die im alten Österreich, aber auch heute, in der Zweiten Republik, wirkmächtig geworden sind. All das hat jedenfalls das österreichische Geistes- und Kulturleben wesentlich geprägt.
Durch die massive Zuwanderung aus Bereichen, die nicht aus dem mitteleuropäischen, benachbarten Umfeld stammen, dürfte sich das aber nunmehr nachhaltig ändern. Moslemische Werthaltungen und die Einflüsse aus archaischen, nach wie vor patriarchalisch organisierten Gesellschaften könnten unser durch Christentum und Aufklärung nachhaltig geprägtes Geistesleben massiv beeinflussen. So wie im Gesundheitsbereich Keuchhusten und Kinderlähmung nahezu ausgerottet waren, gab es seit vielen Generationen keine Zwangsheirat, keine zu Blutrache gesteigerten Familienfehden und ähnlich Archaisches in unserer Gesellschaft. Nun sind all diese Phänomene zurückgekehrt. Ehrenmorde, Zwangsheiraten, Entrechtung der Frauen und ähnliches sind in den islamischen Parallelgesellschaften an der Tagesordnung, wie es auch übrigens im Gesundheitsbereich wieder das Auftreten von Krankheiten gibt, die man längst vergessen hatte, wie Tuberkulose und ähnliches.
Ob die schöpferische Potenz, die Kreativität dieser Zuwanderungspopulationen ein ähnliches Niveau erreichen wird, wie es im Laufe des jahrhundertelangen Kulturschaffens der autochthonen österreichischen Bevölkerung zustande gebracht wurde, ist ebenso fraglich. Und ob islamische Intellektuelle hierzulande eine Rolle spielen könnten, wie es die jüdischen in der Monarchie und in der Zwischenkriegszeit taten, darf wohl auch bezweifelt werden. Letztlich aber ist noch nicht abzusehen, wie fruchtbar in kultureller und geisteswissenschaftlicher Hinsicht die gegenwärtigen Überschichtungsprozesse sein werden. Kommt es zu einer „Fellachisierung“ der österreichischen Bevölkerung durch überbordende Zuwanderung, Familiennachzug und Kinderreichtum  der Bevölkerung mit Migrationshintergrund  oder können sich durch Integration und Assimilation neue fruchtbare, zivilisatorische und kulturelle Phänomene entwickeln?

Die österreichische Kultur, das österreichische Geistesleben, werden sich verändern.

Was das Sozialgefüge im Lande betrifft, so dürfte unser österreichisch gewachsenes Sozialsystem, das auf der – horribile dictu – „Volksgemeinschafts-Ideologie“ und auf dem Gedanken der Solidargemeinschaft fußt, schon rein mathematisch-statistisch nicht haltbar sein. Der diesem Sozialgefüge zugrunde liegende Generationenvertrag ist nämlich nur dann tragfähig, wenn tatsächlich über Generationen in ein gemeinsames Sozialsystem eingezahlt wird, wenn dafür generationenübergreifend Leistungen erbracht werden. Nur dann ist ein Gesundheitssystem, ein Pensionssystem und die Fürsorge für sozial und beruflich schwächere Schichten und für unverschuldete Armut und Not Geratene gewährleistet. Wenn ein guter Teil oder sogar der Großteil der Gesellschaft neu zu diesem Sozialsystem hinzukommt ohne generationenübergreifende Leistungen dafür zu erbringen, dafür aber überproportional solche Leistungen in Anspruch nimmt, muss dieses Sozialsystem zwangsläufig kollabieren.
Damit fragt sich, ob in einer ethnisch-kulturell segregierten Gesellschaft, die durch Ghettobildungen und Parallelgesellschaften gekennzeichnet ist, nicht auch ein Mehrklassensozialsystem und ein Mehrklassenbildungssystem überhandnimmt. Die alte harmonische und offene Gesellschaft, die Österreich  in den Jahrzehnten der Zweiten Republik prägte, scheint damit Geschichte zu sein.  Trotz all dieser bedenklichen Entwicklungen, die nicht nur möglich, sondern eher sogar wahrscheinlich sind, ist Österreich nach wie vor ein gutes Land.
Vielleicht das Beste in Europa, vielleicht eines der besten auf diesem Planeten. Ein Land, in dem wir leben wollen, für das wir zu arbeiten und zu kämpfen bereit sind. Nicht der typische Pessimismus des gelernten Österreichers sollte uns dabei bewegen, sondern Dankbarkeit für das Gute, Realismus im Hinblick auf die Gefahren und ein optimistischer Glaube in die Fähigkeiten und in das Potential von Land und Leuten. Trotz alledem …


Österreich – deine Juden

16. Juni 2018

Von Pogromen und Symbiosen

Wien war zweifellos eine der Hauptstädte des jüdischen Geisteslebens – zumindest in den letzten Jahrzehnten der Habsburger Monarchie, vom Toleranzpatent Josephs II. über die judenfreundliche Politik Kaiser Franz Josephs bis hin in die Erste Republik. Der Einfluss jüdischer Intellektueller und Künstler auf die österreichische Kultur in diesem Zeitraum ist gewaltig. Und in Wien wirkte auch der Gründervater des Zionismus, Theodor Herzl, der den Staatsgedanken des neuen Israels entwickelte.
Das Wien Georg Ritter von Schönerers und des jungen Gelegenheitsmaler aus Braunau war aber auch eine der geistigen Pflanzstätten des Rassenantisemitismus und des daraus resultierenden Holocaust, eines singulären Menschheitsverbrechens.  Dass Wien heute wieder eine jüdische Gemeinde von 8.000 bis 15.000 (laut Wikipedia) Menschen aufweisen kann, ist eigentlich unter Berücksichtigung dieser leidvollen Geschichte ein wahres Mirakel.

Von Hofjuden, blutigen Pogromen und vorbildlicher Emanzipation

In der Monarchie waren bis zum Zusammenbruch, also bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, etwa 200.000 Juden allein in der Reichs- und Residenzstadt ansässig. Diese waren zumeist im Laufe des 19. Jahrhunderts auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung aus dem Osten des habsburgischen Territoriums zugezogen und vermochten im Kulturleben und im Wirtschaftsleben der Stadt bedeutenden Einfluss zu gewinnen. Zwei Drittel dieser jüdischen Bevölkerung musste rund um den Anschluss der Alpenrepublik an Hitler-Deutschland emigrieren, ein Drittel, etwa 66.000 Menschen, wurden im Zuge der systematischen Vernichtung der Juden durch das Dritte Reich ermordet.
Jüdische Präsenz auf dem Territorium Österreichs dürfte es bereits zur Römerzeit gegeben haben. Im Frühmittelalter haben mit Sicherheit jüdische Kaufleute auch im Alpen- und Donauraum gelebt. Der erste namentliche erwähnte Jude in Österreich war ein gewisser Schlom, der vom Babenberger-Herzog Leopold V. zum Münzmeister und zum Verwalter des herzögliche Vermögens ernannt wurde. Leopold V. bekam damals das englische Lösegeld für die Freilassung von König Richard Löwenherz. Besagter Schlom wurde dann allerdings zusammen mit 15 anderen Juden im Jahre 1196 von österreichischen Rittern ermordet, deren Anführer allerdings wiederum vom Babenberger-Herzog Friedrich I. deswegen zum Tode verurteilt wurden.
Bereits im Jahre 1204 war in Wien eine Synagoge urkundlich belegt und 1230 entstand eine jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt, 1237 in Tulln, wobei der Großteil der damaligen jüdischen Bevölkerung aus den rheinischen Städten Worms, Mainz und Trier stammte, die sie wegen der Verfolgungen während des ersten Kreuzzug verlassen hatten müssen. Schon am Beginn des 13. Jahrhunderts war es am Herzogshof in Wien üblich, dass Juden als Berater in Wirtschafts- und Finanzfragen tätig waren.
Während die Juden ursprünglich durchaus in hohe Stellungen aufsteigen konnten, gerieten sie im ausgehenden Hochmittelalter zwischen die Mühlsteine der Machtpolitik. Im Streit zwischen dem Babenberger Herzog Friedrich II. und dem letzten Stauferkaiser Friedrich II. wurden die Wiener Juden abwechselnd diskriminiert und privilegiert. Im Jahre 1238erließ der Staufer ein Privileg für die Wiener Juden,  welches auf einem im Jahre 1236 ausgestellten Privileg  für die Juden im Reich basierte. Wenige Jahre  später, im Jahre 1244, erließ dann der Babenberger- Herzog Friedrich II. seinerseits ein Privileg für die  Juden in ganz Österreich, das sogenannte „Fridericianum“.  Dies konnte allerdings nicht verhindern,  dass Legenden über Hostienfrevel und Blutbeschuldigungen  – wahrscheinlich auch im Zuge von wirtschaftlichen  Krisen – ein Anwachsen des Hasses auf die Juden verursachten.
Vollends entflammte dieser Judenhass in den Jahren der Hussitenkriege, da die jüdische Gemeinde in Wien verdächtigt wurde, mit den Ketzern zusammenzuarbeiten und ihnen Waffen zu verkaufen. Im Frühjahr des Jahres 1420 befahl Herzog Albrecht V. (Albrecht II. als deutscher König) die Verhaftung aller Juden in Österreich. In der Folge wurden mittellose Juden donauabwärts vertrieben und jüdische Kinder zwangsgetauft. Am 12. März 1421 schließlich verkündete ein Dekret Herzog Albrechts, dass die Juden zum Tode verurteilt seien. Neben der allgemeinen „Bosheit“ der Juden führte man als Begründung vor allem Hostienfrevel an. 92 Männer und 120 Frauen wurden an diesem Tag auf der Gänseweide in Erdberg hingerichtet. Diese „Wiener Geserah“ ist in ihrer Brutalität in der frühen österreichischen Geschichte einmalig.
Im Jahre 1496 wurden die Juden auf Drängen der Stände von Kaiser Maximilian aus der Steiermark und Kärnten vertrieben. Sie durften sich aber am Ostrand des Reichs, also etwa auf dem Gebiet des heutigen Burgenlands ansiedeln. Ab 1551 mussten sie beim Aufenthalt in Städten und Märkten den „gelben Fleck“ tragen. Dennoch stieg die Anzahl der in Wien lebenden Juden am Ende des 16. Jahrhunderts wieder an und 1624 wurde von Kaiser Ferdinand II. dekretiert, dass sie sich auf dem Gebiet der heutigen Leopoldstadt ansiedeln durften. Dennoch wurden sie in den Jahren 1669/70 neuerlich aus Österreich vertrieben, obgleich bereits zehn Jahre später mit Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer in Wien bedeutende „Hofjuden“ wirkten.
Das Toleranzpatent Josephs II. schließlich leitet die Emanzipation der etwa 1,5 Millionen Juden der Habsburger Monarchie ein. Zwar war es ursprünglich nur für die christlichen Minderheiten im Reich erlassen worden, 1781 allerdings wurde das Hofdekret für die Juden Böhmens erlassen und gleichzeitig wurden sie zu allen Schulen und Hochschulen zugelassen und erhielten weitgehend Gewerbefreiheit. Das Ziel der josephinischen Politik war es, die Juden zu handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen zu bewegen, um sie im Sinne des Merkantilismus für den Staat nützlich zu machen. Einwanderung war ihnen aber weiterhin verboten, ebenso der Erwerb von Haus- und Grundbesitz und die Einfuhr jüdischer Schriften. Dafür mussten sie allerdings ab 1788 Militärpflicht leisten. In der Folge schränkten zwar zahlreiche Sondergesetze die jüdische Emanzipation weiter ein, dennoch gelang es in Wien einer Reihe jüdischer Familien, einen bemerkenswerten sozialen und ökonomischen Aufstieg zu erreichen.
Bis 1848 stieg der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Wien auf rund 4.000 Personen an. In der Märzrevolution von 1848 engagierten sich jüdische Akademiker wie Adolf Fischhof und Josef Goldmark besonders stark, da sie eine Öffnung hin zur vollständigen Emanzipation des Judentums erhofften. Nach der Beerdigung der März-Gefallenen wurde von der burschenschaftlich geprägten Akademischen Legion tatsächlich auch eine Petition zur Emanzipation des Judentums verfasst. Demgemäß kam es in der Pillersdorf‘schen Verfassung tatsächlich zur ersehnten vollen Gleichstellung der Juden bei den Bürgerrechten und in der Frage der Religionsfreiheit. Nach dem Scheitern der Revolution allerdings gab es erneut Diskriminierung, indem etwa den Juden im Jahr 1853 wiederum der Grunderwerb verboten wurde.
Dennoch war die Emanzipation der Juden in der Habsburger Monarchie nicht aufzuhalten. Insbesondere vom Kaiser selbst wurde eine eher judenfreundliche Politik betrieben, die schließlich im Jahre 1890 zu dem noch heute geltenden Israelitengesetz führte, welches die äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft regeln sollte und auf eine einheitliche Rechtsgrundlage stellte.

Der Antisemitismus

Politisch waren die meisten österreichischen Juden damals eher deutschliberal gesinnt, weshalb zum religiös motivierten Antisemitismus im ausgehenden 19. Jahrhundert auch eine antisemitische Komponente im Zusammenhang mit der Liberalismus-Kritik aufkam. Ökonomische und soziale Konflikte wurden diesbezüglich dann vor allem in der jungen christlichsozialen Bewegung unter dem Wiener Bürgermeister Karl Lueger gegen die Juden instrumentalisiert. Der Rassenantisemitismus, basierend auf biologistischen Fehldeutungen des Darwinismus, der dann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts von Georg Ritter von Schönerer und seinen alldeutschen Gefolgsleuten kultiviert wurde, machte aus dem ursprünglich religiösen Antisemitismus und dem darauf entstandenen wirtschaftlichen Antisemitismus ein unheilvolles ideologisches Gebräu, welches bis hin zum Holocaust – zur Vernichtung des europäischen Judentums – führen sollte.
Gewissermaßen als Gegenbewegung entflammten auch jüdisch nationalistische Bestrebungen. Diese gipfelten in der Begründung des theoretischen Zionismus durch den Wiener Journalisten Theodor Herzl, häufig in Anlehnung an Ideen der Burschenschaft, der auch Herzl für einige Jahre angehört hatte. Und 1917 setzte sich auch in der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens der Zionismus durch. Im Ersten Weltkrieg dienten immerhin rund 300.000 jüdische Soldaten in der K.u.K. Armee.
25.000 davon als Reserveoffiziere. Antisemitismus wurde in der K.u.K. Armee offiziell nicht toleriert, obgleich den Juden der Aufstieg in die höchsten militärischen Ränge verwehrt blieb. Allerdings unterstützte die habsburgische Armeeführung jüdische Soldaten darin, ihre religiösen Traditionen aufrecht zu erhalten. So gab es ab 1916 koschere Küchen hinter den Frontlinien und die israelitische Kultusgemeinde konnte kleinformatige Gebetsbücher an die Soldaten verteilen. Bis zu Kriegsende wirkten immerhin 79 jüdische Geistliche in der K. u. K. Armee. All das führte dazu, dass seitens der Juden in Österreich ein hohes Maß an Loyalität gegenüber der Monarchie bestand. Eine stärkere gesellschaftliche Integration resultierte aus dieser guten Behandlung in der K.u.K. Armee allerdings nicht.
Das politische Engagement der österreichischen Juden begann ursprünglich eher im liberalen Bereich, um sich schließlich nahezu vollständig auf die Sozialdemokratie zu konzentrieren. Vom Parteigründer Victor Adler angefangen, über den „Chefideologen“ der Sozialdemokratie in der Ersten Republik Otto Bauer, bis hin zu Hugo Breitner, Robert Danneberg, Julius Deutsch und Julius Tandler prägten jüdische Politiker die austromarxistisch orientierte Sozialdemokratie. Eine Ausnahme war der Prager Jude Ignaz Kuranda, der Abgeordneter in der Frankfurter Paulskirche war und später als Abgeordneter der Verfassungspartei im Reichsrat wirkte, wo er maßgeblichen Anteil an der Dezember-Verfassung von 1867 hatte. Er galt als maßgeblicher Vertreter der deutschliberalen Gruppierungen und wurde schließlich im Jahr 1872 zum Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien gewählt.
Der Antisemitismus war zweifellos in der österreichischen Gesellschaft der ausgehenden Habsburger Monarchie in der Ersten Republik ein nahezu flächendeckendes Phänomen. Die christlichsoziale Partei und die Großdeutsche Volkspartei hatten beide einen nahezu wortgleichen Arierparagraphen. Undd sogar in er Sozialdemokratie galt das ungeschriebene Gesetz, dass der Anteil von Juden im Parteivorstand nicht über ein gewisses Maß anwachsen dürfe. Aus dieser Haltung erwuchs zweifellos die Politik der SPÖ nach 1945, welche die Rückkehr prominenter jüdischer Migranten nach Österreich eher unterbinden wollte.

Auf der Basis des Rassenantisemitismus, der in weiten Bereich des deutschnationalen Lagers salonfähig geworden war, auf dem noch älteren christlichkatholischen Antisemitismus aufbauend und auch auf wirtschaftlich-beruflichem Konkurrenzdenken fußend, hatte sich so in Österreich ein Judenhass aufgebaut, der den unseligen Humus für die Politik des Nationalsozialismus bildete. Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich begann sehr rasch die Ausgrenzung, Diskriminierung und schließlich auch brutale Verfolgung der österreichischen Juden. Im Jahre 1938 hatten im Lande zwischen 201.000 und 214.000 Menschen jüdischer Abstammung gelebt, die gemäß den unseligen „Nürnberger Gesetzen“ als „Voll-, Halb-, Viertel-, Achteljuden“ galten, davon nahezu 182.000 „Volljuden“.
Es kam sehr schnell zu Enteignungen und Pogromen und insbesondere im Zuge des sogenannten „Novemberpogroms“ Anfang November des Jahres 1938 wurden dann 27 Juden getötet, 88 verletzt, 6.547 verhaftet. Es wurden 4.000 Geschäfte geplündert und 42 Tempel und Bethäuser zerstört. Damit war der Weg des österreichischen Judentums in die NS-Konzentrationslager bis hin zur industriell geplanten massenhaften Vernichtung vorgezeichnet. Nahezu 66.000 jüdische Österreicher sollten in der Folge tatsächlich ums Leben kommen.

Jüdisches Geistesleben

Es ist nun zweifellos problematisch, den Anteil von Menschen jüdischer Herkunft in Kunst, Kultur und Wissenschaft unter dem Vorzeichen „jüdisches Geistesleben“ zu betrachten, da es sich ja weitestgehend um emanzipierte Juden handelte, die kaum mehr Bindung zur mosaischen Religion hatten. Erst durch die Vertreibung dieser Menschen durch die NS-Despotie wurde die jüdische Herkunft dieser Geistesgrößen wieder von Bedeutung und so wirklich bewusst. Im Bereich der Medizin etwa kann ein guter Teil der prominentesten österreichischen Ärzte auf jüdische Herkunft zurückblicken. Viktor Frankl etwa oder Sigmund Freud, die Nobelpreisträger Robert Barany und Otto Loewi, Julius Tandler, Emil Zukkerkandl, Josef Bräuer, Ludwig von Mautner sind bis heute klingende Namen im Bereich der Wissenschaft. Der Erfinder des Automobils Siegfried Marcus, die Physikerin Lise Meitner, der Biochemiker Max Perutz waren Geistesgrößen der österreichischen Wissenschaft.
Eindrucksvoll ist auch der Beitrag der Wiener Juden zu Musik, Literatur und Publizistik. Komponisten wie Gustav Mahler, Arnold Schönberg und Emmerich Kálmán, Dichter wie Arthur Schnitzler, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und Stefan Zweig, Franz Kafka, Elias Canetti. Josef Roth und Jura Soyfer, Alfred Polgar, Karl Krauss und Peter Altenberg, sie bilden Monumente in der Ruhmeshalle der österreichisch-deutschen Literatur. Egon Friedell, die Philosophen Ludwig Wittgenstein und Karl Popper, Martin Buber und schließlich die Kabarettisten – diese sind in Österreich wie gesagt, nicht zu verachten – von Karl Farkas über Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi bis Georg Kreisler und Hugo Wiener, allesamt Intellektuelle und Denker von weltkulturellem Format.
Nun wäre es zwar eine gewisse Hybris, das gesamte österreichische Geistesleben der ausgehenden Habsburger Monarchie und der Ersten Republik auf jüdische Einflüsse zu reduzieren. Zweifelsfrei ist aber, dass dieses österreichische Geistesleben ohne diese Einflüsse wesentlich ärmer, wesentlich weniger faszinierend, wesentlich weniger schillernd und beeindruckend gewesen wäre. Die Vertreibung des jüdischen Geistes aus Österreich, wie sie nach 1938 erfolgte, bewirkte daher zweifellos einen wesentlichen Einbruch in das geistig-kulturelle Potential des Landes.

Und heute?

Bei Kriegsende lebten in Österreich vielleicht noch an die 5.000 Juden. Davon sollen 1.000 bis 2.000 im Krieg in Wien als „Mitglieder des Ältesten-Rates der israelitischen Kultusgemeinde“, in „geschützten Ehen“ oder auch als „U-Boote“ überlebt haben, der Rest von ihnen kam aus den Konzentrationslagern zurück. Das streng orthodoxe Judentum war fast völlig ausgerottet und die israelitische Kultusgemeinde, die im April 1945 aus den von den Nationalsozialisten installierten „Ältestenrat“ neu entstanden war, musste zuerst vor allem Alte und Kranke betreuen und den wenigen Rückkehrern aus dem Exil und aus den Konzentrationslagern bei der Eingliederung in die Gesellschaft helfen. Die Verantwortlichen dieser Israelitischen Kultusgemeinde waren bei Kriegsende weitgehend davon überzeugt, dass in Wien in Zukunft keine jüdische Gemeinde mehr entstehen würde. Daher hatten alle ihre Handlungen eher provisorischen Charakter und man war bestrebt, das Eigentum, Liegenschaften etc. zu verkaufen. Auch das Archiv der Kultusgemeinde wurde im Jahre 1952 nach Jerusalem überstellt.
Insgesamt allerdings weilten während der zehnjährigen Besatzungszeit an die 300.000 „displaced Persons“, auch viele Juden, in Lagern in Österreich, von wo sie weiter in den Westen oder auch nach Palästina in den jungen Staat Israel zogen. Etwa 3.000 von ihnen blieben allerdings in Österreich, weshalb sich in Wien, Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck kleine israelitische Kultusgemeinden bildeten. Nach dem ungarischen Aufstand von 1956 flüchteten etwa 17.000 Juden nach Österreich und durch den Zuzug aus dem Osten vergrößerte sich diese jüdische Gemeinde auf 8.000 bis 15.000 Juden. 1975 konstituierte sich in Wien dann eine bucharische Gemeinde und seit den 80er Jahren blüht ein vielfältiges, eigenständiges jüdisches Leben in Wien, das sich durch Schulgründungen, Gemeindezentren, Sportvereine und zahlreiche kulturelle Aktivitäten auszeichnet. Das im Jahre 1980 gegründete Jewish Welcome Service hat sich die Aussöhnung zwischen den während der NS-Herrschaft in Österreich vertriebenen Juden und den Österreichern sowie eine Verbesserung des Verständnisses zwischen Juden und Nichtjuden zum Ziel gesetzt. Eine Reihe von Schulen, vom Kindergarten über die Volksschule bis zum Gymnasium und das Hakoah-Sportzentrum sowie Altersheime und Pensionistenheime stehen der Kultusgemeinde zur Verfügung. Ab dem Jahre 1991 setzt eine Zuwanderung von Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ein, die die bislang zahlenmäßige schwache jüdische Gemeinschaft wesentlich gestärkt hat. Die letzte Volkszählung vom Jahr 2001, bei der die Religionszugehörigkeit amtlich erfasst wurde, hat 8.140 Juden in Österreich ausgewiesen. Die Israeltische Kultusgemeinde geht jedoch von rund 15.000 Juden, manche auch von 20.000 aus.
Die Bemühungen der öffentlichen Hand in Österreich, sowohl des Bundes als auch der Stadt Wien und anderer Institutionen zur Unterstützung der jüdischen Gemeinde in der Bundeshauptstadt und in der Republik insgesamt sind also mannigfaltig. Auch die Pflege der Erinnerungskultur für die im Holocaust umgekommenen österreichischen Juden ist von großer, immer wieder neu wachsender Vielfalt gekennzeichnet. Wenn die gegenwärtige Bundesregierung eine Gedenkmauer mit den Namen aller ermordeten Juden plant, ist dies ein weiterer Schritt. Das Museum, das im Jahre 2000 auf dem Judenplatz errichtet wurde, das Hrdlicka-Denkmal auf dem Albertinaplatz und die zahllosen Stolpersteine für österreichische Holocaust-Opfer, die es quer durchs Land gibt, sind weitere Belege für diese bewusst gepflogene Erinnerungskultur.
Dass die Israelitische Kultusgemeinde in der gegenwärtigen Gesellschaft und in der politisch-gesellschaftlichen Landschaft Österreich nicht frei von parteipolitischen Präferenzen ist, muss bedauert werden. Die Politik der IKG, deren Präsident unter anderem der deutschliberale Politiker Ignaz Kuranda – ein überzeugter Deutschnationaler – war, und die spätestens seit der Präsidentschaft von Ariel Muzicant und nunmehr unter dem Vorsitz von Oskar Deutsch proaktiv und demonstrativ gegen die Freiheitliche Partei agiert, darf kritisch hinterfragt werden. Noch unter Muzicants Vorgänger Paul Grosz hielt sich die Kultusgemeinde vornehm aus den Niederungen der Tagespolitik zurück. Muzicant mit seinen intensiven Beziehungen zur Wiener Sozialdemokratie und nunmehr offensichtlich auch Oskar Deutsch beschwören hingegen immer wieder das Gespenst eines von den bösen „Rechtspopulisten“ angeheizten Antisemitismus im Lande herauf. Dies gipfelt in der demonstrativen Gesprächsverweigerung gegenüber der nunmehrigen Regierungspartei. Diese lässt sich indessen nicht dazu hinreißen, mit antijüdischen Aussagen oder auch nur Emotionen darauf zu reagieren.
Das wahre Problem aber der nunmehr so wohlintegrierten jüdischen Gemeinschaft in Österreich ist das Anwachsen des politischen Islams im Lande. Hunderttausende Zuwanderer, die einem zunehmend fundamentalistisch geprägten Islam huldigen, bis hin zum radikalen Islamismus, vertreten weitgehend antisemitische, zumindest aber anti-israelische Haltungen. Diese äußern sich auch in einer anwachsenden Vielzahl von antisemitischen Aussagen und Ausfällen im öffentlichen Raum. Eine Entwicklung, der Österreich nicht tatenlos zuschauen darf.
Die Bemühung, insbesondere der freiheitlichen Regierungspartner, in den vergangenen Jahren bei ihrem Kampf gegen die Islamisierung Europas und gegen den politischen Islam in der Zuwandererpopulation Verbündete in der politischen Landschaft Israels zu finden, werden wahrscheinlich innerhalb des österreichischen Judentums hinter vorgehaltener Hand durchaus positiv registriert. Nach außen hin aber scheint die von der IKG-Spitze verordnete Kontaktsperre aufrecht zu bleiben. Ob die jüdische Gemeinde in Österreich wiederum zu jener geistig intellektuellen Kapazität heranzuwachsen vermag, die sie am Ende der Habsburger Monarchie und in der Ersten Republik hatte und ob die Republik selbst von ihren jüdischen Bürgern wieder in  jenem Maße profitieren kann, wie sie dies vor 1938 tat, hängt nicht zuletzt von der Entwicklung der Israelitischen Kultusgemeinde ab.
Und es hängt auch von deren Fähigkeit ab, mit allen Bereichen der österreichischen Bevölkerung in einen konstruktiven und offenen Dialog zu treten. Gesprächsverweigerung und Ausgrenzung gegenüber einem Bereich, der nun noch dazu in der Regierung vertreten ist, wäre diesbezüglich wohl eher hinderlich.


Böse Menschen haben keine Lieder

7. Juni 2018

Über das Musikland Österreich, Mozart, Falco und Musikkapellen

Wolfgang Amadeus Mozart hat man leichterdings zum Österreicher gemacht. Und das, obwohl er bekanntlich im reichsunmittelbaren und unabhängigen Fürsterzbistum Salzburg als Untertan des Primas Germaniae, des Erzbischofs von Salzburg, das Licht der Welt erblickte. Und Ludwig van Beethoven gilt ebenso als österreichisches Musikgenie, obwohl er aus dem Rheinland stammt. Dafür hat man ebenso leichterdings den Braunauer zum ultimativ bösen Deutschen ausgebürgert. Typisch österreichische Chuzpe, könnte man meinen, eben ein „Wiener Schmäh“. Die Einbürgerung Mozarts und Beethovens allerdings ist für das österreichische Selbstverständnis tatsächlich von eminenter Bedeutung, denn was wäre das Musikland Österreich ohne diese beiden ultimativen Genies? Wenn Bach und später Wagner zweifelsfrei als Deutsche firmieren, müssen Mozart und Beethoven schon Österreicher bleiben dürfen (auch wenn sie damit natürlich zu ihren Lebzeiten auch ebenso zweifelsfrei Deutsche waren).
So bleibt es jedenfalls eine Tatsache, dass sich das kleine Österreich als Musikland von Weltrang betrachten darf. Mozart, Haydn, Beethoven, Liszt, Schubert, Brahms (auch so ein zugereister Deutscher) Bruckner, Richard Strauss – das ist schon die Creme de la Creme der klassischen Musik, die Spitzenleistung eben eines wesentlichen Bereichs der Menschheitskultur.
Die Werke dieser österreichischen Meister stellen bis zum heutigen Tag einen Großteil des Repertoires der Konzert- und Opernhäuser dieses Planeten dar, und verglichen mit der musikalischen Potenz, die sie repräsentieren, ist das übrige europäische Musikschaffen von Vivaldi bis Tschaikowsky, von Edvard Grieg bis Claude Debussy nur – wenn auch besonders beeindruckende – Begleitmusik. Und auf dem entsprechenden Niveau befindet sich auch die Pflege dieser klassischen Musik, die Wiener Staatsoper ist nach wie vor eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Die Wiener Philharmoniker sind im langfristigen Vergleich wahrscheinlich das beste Orchester des Planeten. Da erweist sich das kleine Österreich als Weltmacht in Sachen klassischer Musik.
Daneben waren die Alpen- und Donauländer aber auch immer ein Hort der leichten Muse. Operettenmelodien und Walzerklänge von den Gebrüdern Strauß bis zu Franz Lehár sind Zeugen eines scheinbar verspielten Lebensstils und eines beschwingten Musikgeschmacks, der musikalische Leichtigkeit mit tonschöpferischem Tiefgang zu verbinden wusste. Dazu kommt Schrammel- und Heurigenmusik, die über Generationen das Wiener Lebensgefühl bestimmten.
Der liebe Augustin, jener österreichische Nationalheld, der aus der Pestgrube der frühen Neuzeit in unsere Zeit herüber grüßt, war nicht zufällig ein Spielmann, er blies auf dem Dudelsack, und der kleine Wolfgang Amadeus Mozart war auch so etwas wie ein kindlicher Spielmann, der als junges Genie der Kaiserin Maria Theresia am Piano Forte vorspielen durfte. Spielleute waren auch die Gebrüder Strauß, die in ihren Wiener Walzer-Etablissements der tanzwütigen besseren Gesellschaft der k. u. k. Haupt- und Residenzstadt aufspielen durften. Aber auch typisch österreichische Liedermacher der jüngeren Generation, von Hansi Hölzel vulgo Falco bis zu Wolfgang Ambros, Georg Danzer und den anderen Austropopern, auch sie sind Spielleute, die so etwas wie eine typisch österreichische Klangwelt vertreten. Gewiss, zwischen den Schubertliedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ oder oder „Skifoan“ von Wolfgang Ambros liegen Welten, beides ist aber Teil eines spezifisch österreichischen Liedguts, das im Zeitraum von zwei Jahrhunderten die Menschen des Landes auf ihre ganz verschiedene und irgendwie doch ähnliche Weise er fasste und bewegte.
Was ist nun der Humus, auf dem diese Musikalität des Landes und seiner Menschen wächst? Zuerst war da wohl einmal ein sangesfreudiges Völkchen, das da auf seinem keltoromanischen, alpenslawischen Urgrund die bajuwarischfränkische Landbevölkerung ausmachte. Gesang und Musik auf einfachen rustikalen Instrumenten, die zuerst im ländlichen Gemeinschaftsleben gepflegt wurden, darüber natürlich die Musikpflege auf Adelssitzen und Fürstenhöfen bis hin zum kaiserlichen Hof in Wien. Zum einen zog der Kaiserhof große musikalische Genies an, die dort auch Aufträge und entsprechende Honorierung erhielten, zum anderen war diese aristokratische und höfische Musikpflege in der Folge dann auch Vorbild für die Musikpflege in bürgerlichen Häusern.
Im Biedermeier und dann später der Gründerzeit wurde in den großbürgerlichen Salons ebenso wie im biederen Familienkreis Musik gemacht und Musik konsumiert. Und natürlich war es immer auch Unterhaltungsmusik, Tanzmusik sowohl für den höfischen Adel, als auch dann für die bürgerlichen Schichten und auch für die einfache Landbevölkerung, welche die musikalische Grundstimmung des Landes und seiner Menschen prägte. Von der Walzerseligkeit des 19. Jahrhunderts bis zum Austropop des ausgehenden 20. Jahrhundert hat mehr oder weniger hochstehende oder mehr oder weniger triviale Unterhaltungsmusik in das Musikland Österreich mitgeprägt.
Quer übers Land gab und gibt es außerdem Chöre und Musikkapellen, jede bessere Gemeinde verfügt über eine Blaskapelle und jede Schule über einen Chor. In den Wirtshäusern, an Kirchtagen und anderen ländlichen Festen wurde gesungen, organisiert oder auch spontan in launiger Runde. Die Studenten sangen auf ihren Verbindungshäusern, die Zecher beim Heurigen, die Bauersleute bei schweißtreibender Erntearbeit und gewerkschaftlich organisierte Arbeiter am 1. Mai. Am Kirchtag marschierte die Blaskapelle durch die Ortschaft und am Abend spielte sie mit Landler und Polka zum Tanz auf, und mit der Erfindung des Radios im frühen 20. Jahrhundert kam die Musik auch noch massenhaft in die privaten Haushalte. Und überall im Lande gab und gibt es Musikschulen, die neben den Chören und Orchestern für Nachwuchs bei Gesang und Instrumentenspiel sorgen.
Dass die Musik Österreichs Image im europäischen, aber auch im überseeischen, Ausland prägt, ist völlig klar. Mozart und seine Zauberflöte, „The Sound of Music“ der Familie Trapp, die Wiener Sängerknaben mit ihren Konzertauftritten zwischen Kalifornien und Japan und das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das Jet-Set-Getriebe bei den Salzburger Festspielen, die Fledermaus auf der Seebühne von Mörbisch und der Videoclip von Falco als Amadeus, das sind die musikalischen Bilder, welche die Erwähnung des Musiklandes Österreich weltweit in den Köpfen der Menschen hervorruft. Dass die damit verbundenen Klischees im Zuge der Tourismuswerbung auch vermarktet werden und dass Orchester von Weltformat gewaltige Budgets verschlingen, steht allerdings auch außer Zweifel. Auch die Einrichtung und der Betrieb von Musikschulen kosten Geld, und zwar Steuergeld, und das nicht wenig, und Jahr für Jahr muss die Kulturpolitik viele Steuermillionen für Kulturförderung, sei es im Bereich der Hochkultur oder auch der volkstümlichen breiten Kultur, zur Verfügung stellen, um das Niveau, das Österreich in diesem Bereichen erreicht hat, zu halten. Letztlich aber sind dies Investitionen, die dem Land und seinen Menschen einen unglaublich großen Gewinn in kultureller und moralischer Hinsicht, aber auch ganz realer wirtschaftlicher – man denke an den Tourismus – bringen.
Wenn heute immer wieder die Binsenweisheit zu hören ist, dass das größte Kapital eines Landes und eines Volkes die Bildung und die Pflege der Wissenschaft und Erforschung sei, so ist hinzuzufügen, dass die Pflege unserer Musikkultur, das Fördern musikalischer Talente und die gezielte Ausbildung im musikalischen Bereich – sowohl was den Gesang als auch das Spielen von Instrumenten betrifft –ein wichtiger und insbesondere für Österreich zentraler Bestandteil einer solchen Bildungsförderung sein muss. Das weltweit anerkannte Musikland Österreich ist in weit höherem Maße von dieser Pflege der musikalischen Kultur abhängig als andere Länder. Das sollte uns bewusst sein.


Österreichs „liebe“ Nachbarn

19. Mai 2018

Umzingelt von „Tschuschen“, „Piefkes“ und „Katzelmachern“ – was tun?

Im Leben der Völker ist es offenbar ähnlich wie in jenem der menschlichen Individuen: Die meisten Morde gibt es innerhalb der Familie, den größten Hass in der Nachbarschaft. Und tatsächlich ist die europäische Geschichte voll von Erbfeindschaften, die vor allem und zuallererst unter Nachbarn gepflogen werden. Da war zuallererst die legendäre deutsch-französische Erbfeindschaft, dann natürlich – noch viel älter – der auf den Hundertjährigen Krieg zurückgehende Hass zwischen Franzosen und Briten, dann die Aversion zwischen Deutschen und Polen. Und so ließe sich die Liste allein für die europäischen Völker nahezu endlos fortsetzen.
Was unser kleines heutiges Österreich betrifft, so ist dies umso skurriler, da die meisten Nachbarn, mit denen uns über lange Generationen solche Erbfeindschaften verbanden, zumeist über Jahrhunderte auch im selben Staatsverband lebten. Es war also dieser Nachbarschaftshass und es waren die damit verbunden Vorurteile häufig auch eine gewisse Form von Selbsthass, der vielleicht aus dem Nationalitätenstreit der letzten Jahrzehnte der Habsburger Monarchie herrührte. Gewiss trifft dies für den Gegensatz zwischen Deutschen und Slawen innerhalb der Habsburger Monarchie zu, aber auch auf den Antagonismus zwischen Magyaren und österreichischen Cisleithaniern. Und ähnlich verhält es sich bei den Italienern, die zumindest, was Oberitalien betrifft, ebenso lange unter der Herrschaft Österreichs lebten. Und besonders skurril ist es natürlich, wenn es sich um die „Piefkes“ handelt, die über fast ein Jahrtausend innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit uns ein gemeinsames Staatswesen teilten.
Aber der Reihe nach: Neben den ganz realen Formen des Selbsthasses, der innerösterreichischen Vorurteilspflege, wie sie etwa die hauptstädtischen Wiener gegenüber den „Provinzlern“ hegen oder letztere umgekehrt gegenüber den „Wiener Bazis“, ist es schon die bemerkenswerte Aversion der Österreicher gegenüber den benachbarten Ausländern, die bis vor ein, zwei Generationen – vielleicht auch heute noch? – die spezielle Form der austriakischen Xenophobie ausmachte. Die „Deitschn“ beispielsweise oder die „Piefkes“, wie man so schön sagt, sie sprechen zwar dieselbe Sprache, sie waren und sind in vielerlei Hinsicht das große Vorbild für das kleine Österreich. Und zumindest bis 1938 wollten sich nahezu alle Österreicher unbedingt und mit heißem Herzen an sie anschließen! Und heute? Heute ist die Aversion gegen die „Piefkes“ die einzig tolerierte Form von Xenophobie, die es in Österreich gibt. Alles andere ist politisch korrekt tabuisiert und geächtet. Aber das, was für den Bayern der „Saupreiß“ war und ist, ist bis in unsere Tage der „Piefke“ oder „Scheipi“ (=Scheiß Piefke) für den Alpenrepublikaner. Ein unverbesserlicher „Besserwessi“, einer, der schon in den düsteren Tagen der NS-Despotie den „schlappen Ostmärkern“ zeigen wollte, was eine Harke ist. Und der heute noch durch unangenehme Rechthaberei auffällt, wobei das besonders Widerliche an ihm ist, dass er meistens tatsächlich recht hat. Und der natürlich tüchtiger, fleißiger und erfolgreicher ist als die schlampigen Österreicher.
In der Zwischenkriegszeit waren wir die besseren Deutschen, davor waren wir gar Vormacht in Deutschland und noch viel weiter davor waren wir eben Grenzland, Grenzmark, Ostmark für die Deutschen. Und wenn man es auch postmodern zeitgeistig nicht glauben mag, ist es auch kein Zufall, dass wir Deutsch sprechen. Und zwar in Form des Burgtheaterdeutsch, eine der edelsten Ausprägungen dieser Sprache, weil wir nämlich schlicht und einfach ethnisch und kulturell zu 90 Prozent – noch – eben Deutsche sind. Aber nachdem wir Ludwig van Beethoven als Österreicher betrachten und Adolf den Braunauer als deutschen Despoten, wollen wir das verständlicherweise nicht so gerne hören.
Dann sind da die „Katzelmacher“ oder die „Walschen“, wie der Tiroler guttural zu sagen pflegt. Sie galten noch vor ein, zwei Generationen als jene, die uns die Autos stehlen, die uns am Markt von Tarvis Milano Synthetics als Lederjacken verhökern und gepanschten Wein ausschenkten. Überdies waren sie jene, die uns Südtirol geraubt haben, das Kanaltal samt Tarviser Markt und Lussari-Berg. Und sie haben uns natürlich in zwei Weltkriegen verraten, sind überhaupt Gauner und Mafiosi.
So war es einmal. Indessen ist natürlich längst die allgemeine und gesamtumfassende Italophilie ausgebrochen. Jeder Bildungsbürger besucht die Biennale und schlürft Sangiovese, gibt sich die weiße Alba-Trüffel und Capelunge und selbst das gemeine Volk aus Ottakring und Simmering, aus Kapfenberg und Fohnsdorf schlürft Suave und Chianti-Wein. Der Karneval in Venedig gehört zum Pflichtprogramm und den Samstagvormittag verbringt man zwischen Shopping und Cappuccino in Udine oder Triest. Die eigenen Söhne heißen längst nicht mehr Hans oder Franz, sondern Sandro und Mario und italienische Lebensart ist schlicht und einfach erstrebenswert, trotz Lega Nord und Silvio Berlusconi. Mit den Italienern haben wir uns also ausgesöhnt und das so richtig gründlich.
„I has Kolaric, du hast Kolaric, warum sagens zu dir Tschusch?“, so konnte man in den 70er Jahren auf Plakatwänden lesen. Der „Tschusch“ oder „Jugo“ hat sich längst ausdifferenziert, man ist Mitglied der serbischen Community oder der kroatischen, ist karrierebeflissener Slowene oder slowakische Rund-um-die-Uhr-Pflegerin. Als Feindbild – die haben unseren Thronfolger Franz Ferdinand erschossen – will er auch nicht mehr so recht taugen.
Seit der Slawe dem makronationalistischen Panslawismus abgeschworen hat und in mikronationalistische Kleinräumigkeit in die Balkan-Duodez-Fürstentümer geflüchtet ist, ist er uns längst ein zwar schrulliger, doch liebenswerter Nachbar geworden. Und am liebenswertesten ist er dann, wenn er einer in Österreich beheimateten serbischen-kroatischen-slowenischen oder wie auch immer balkanischen Community angehört, die man für sich und die eigene Partei als Wahlvolk lukrieren kann. Da beschwört man dann als österreichischer Politiker die Schlacht am Amselfeld, brüstet sich mit der entfernten Bekanntschaft mit dem General Zagorec oder singt als Bass-Bariton in einem Kärntner Chor das eine oder andere slowenische Lied’l.
Und überhaupt, warum hat es Slowenien im Jahre 1990 nicht geschafft, das zehnte österreichische Bundesland zu werden, oder die Slowakei, oder noch besser Kroatien mit seiner schönen dalmatinischen Küste? Nachdem aber etatistisches Denken und nationales Besitzstandsstreben ohnedies der Vergangenheit angehören, ist es ja völlig gleichgültig. Einen Luxus-Bungalow in dem Ferienwohnungskomplex, den die Kärntner Hypo im kroatischen Savudrija finanziert hat, ein Apartment in Portopiccolo nahe Triest, oder zumindest ein Kuraufenthalt in einer slowenischen oder kroatischen Therme ist allemal möglich, auch wenn das betreffende Territorium nicht unter österreichischem Hoheitszeichen
firmiert.
Und so werden die bis vor kurzem bösartig abwertend als „Tschuschen“ abgetanen Nachbarn zu einem ebenso liebenswerten Teil eines kulturellen Großraums, der sich in erster Linie durch Kulinarik, Kurzreisen, Weinverkostungen und Billigspirituosen definiert. Dass das Ganze im übergeordneten politischen Sinne noch durch das Phänomen der Visegrád-Staaten eine andere Bedeutung gewinnt, kümmert uns kaum. Kurioserweise sammeln sich dort jene politischen Kräfte Europas, die noch Europäer bleiben und keine türkischen, syrischen oder afghanischen Townships haben wollen. So wurde der einst als „Tschusch“ abgewertete Nachbar zum heldenhaften abendländischen Kämpfer gegen die Islamisierung. Der Polenkönig Johann Sobieski – oder ist es einer der beiden Kaczynski-Zwillinge? – als Schutzpatron der Kreuzritter gegen den Islam.
Nach „Piefkes“, „Katzelmachern“ und „Tschuschen“ bleibt nicht viel in der historisch gewachsenen Vorurteilslandschaft der Österreicher. Die Tschechen, im Wiener Volksmund auch nicht gerade lobpreisend als „Behm“ bezeichnet, geben nicht viel als Feindbild her, allzumal die Wiener ja selbst zum guten Teil tschechische Vorfahren haben. Die Ungarn als Widerpart in der k. u. k. Doppelmonarchie oder als Flüchtlinge von 1956 und heute als Orbán-Jünger gereichen den Österreichern weder zum Feindbild noch zum Vorbild in puncto Lebensart. Puszta, Plattensee und Budapest, Csárdás und Zigeunerprimas und – für die Gebildeten – das eine oder andere Gedicht von Nikolaus Lenau. Das war es aber auch schon.
Ja und im Westen unsere Nachbarn aus der Schweiz? Käsebohrer und Fremdwährungskredit–Profiteure! Das war es aber auch schon.
Soweit die alten Vorurteile und jene für den Österreicher offenbar typische negative Beurteilung all seiner Mitmenschen, wie sie bei Karl Kraus in den letzten Tagen der Menschen deutlich wird: Jedem Russ a Schuss, jedem Franzos an Stoß, jedem Brit an Tritt, Indien muss verschwindien, Serbien muss Sterbien, Sibieren muss erfrieren!
Irgendwo aber scheint es so, als hätte sich diese ressentimentgeladene Grundstimmung des Homo Austriacus in den letzten Jahren und Jahrzehnten im Hinblick auf die neuen Generationen gewandelt. Xenophilie gehört ja zum politisch korrekten Pflichtprogramm und ist zweifellos dort wirklich sinnvoll, wo es Nachbarn betrifft und nicht massenhafte Zuwanderung. Und wenn diese Nachbarn dann zunehmend Ziel von Wochenendausflügen, kulinarischen Reisen und Kulturtrips werden, ist mit den alten Ressentiments schon gar nichts mehr anzufangen. Der alte Spruch, wonach der Deutsche – in unserem Fall der Österreicher – alles Fremde hasse, es sei denn, es ließe sich trinken, ist also tatsächlich überholt und Vergangenheit. Im Gegenteil: Historische Gemeinsamkeiten, kulturelle Überschneidungen und soziologische Mixturen, wie wir sie aus den Jahrzehnten und Jahrhunderten der Habsburger Monarchie kannten, gewinnen eine neue Dimension, bewirken eine neues groß-regionales Lebensgefühl in Mitteleuropa rund um Österreich und eröffnen uns in diesem Teilbereich eine tatsächliche europäische Perspektive.
Gerade in Kenntnis der alten Vorurteile und der historisch gewachsenen Aversionen unter den Nachbarn, Aversionen, die immerhin zum Massensterben wie etwa in den Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs führten, hat das Wachsen dieses gut-nachbarlichen Lebensgefühls und der relativ jungen Sympathie für die Nachbarvölker irgendwo den Charakter einer kulturellen Evolution angenommen. Einer Evolution, die tatsächlich die Hoffnung aufkommen lässt, dass der Mensch – in unserem Fall eben auch der Homo Austriacus – lernfähig ist und sich zum Guten entwickelt.
Dass seit geraumer Zeit auch die politische Linke im Land in der Lage ist, die engen Bindungen zum benachbarten großen Deutschland als positiv zu empfinden und nicht als verdecktes Anschlussstreben definiert, ist in diesem Zusammenhang auch positiv. Natürlich liegt es darin, dass beispielsweise Österreichs Grüne in der erfolgreichen Grünbewegung in der benachbarten Bundesrepublik ein Vorbild sehen. Es liegt auch darin begründet, dass die heimische Sozialdemokratie historisch bedingt noch immer in der deutschen Sozialdemokratie – so sehr sie derzeit auch am Boden liegen mag – ein Vorbild sieht. Und es mag auch dadurch begründet sein, dass österreichische Gutmenschen in der bundesdeutschen Willkommenskultur die schönsten Ausformungen der Political Correctness zu sehen glauben. Tatsache aber bleibt, dass das, was man früher den rechten und nationalen Kräften in Österreich vorgeworfen hat, dass sie nämlich stets nach Deutschland schielen würden, nunmehr von der linken Seite durchaus positiv aufgenommen wurde.
Umgekehrt ist es ein Phänomen, dass das konservative, auch das nationalfreiheitliche Potential im Lande plötzlich nach Osten ins historisch gewachsene Mitteleuropa blickt und sich den Visegrád-Staaten annähern will. Nachbarn wie die Tschechen, die man früher wegen der Benes-Dekrete gegeißelt hat, oder auch die Slowenen mit ihren AVNOJ-Beschlüssen werden damit zu begehrten Partnern, denen man kluge politische Haltung, etwa in Sachen Zuwanderungspolitik attestiert. Solcherart vermag man an historisch gewachsene kulturelle und politischen Bindungen anzuschließen, wie wir sie aus der alten Monarchie eben kannten.
All das stellt einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die österreichische Position in geopolitischen Umfeld in Mitteleuropa dar: Dieses Beziehungsgeflecht ist von anderen und positiven Emotionen der Bevölkerung begleitet. Man schätzt die Nachbarn, Konfliktpotentiale werden historisiert, ein neues Miteinander entsteht und ein positives Aufeinanderzugehen, nun sind die Nachbarn tatsächlich „liebe Nachbarn“. Wenn das nicht erfreulich ist…