Der 8. Mai – Sinn und Unsinn

9. Mai 2011

Sie seien „besonders aus der Welt gefallen“, jene Korporationsstudenten, die da am 8. Mai jährlich auf dem Wiener Heldenplatz ein Totengedenken begehen. Dies schrieb dieser Tage ein ebenso prominenter wie kompetenter und an sich auch grundvernünftiger österreichischer Journalist in der dem Vernehmen nach seriösesten Tageszeitung des Landes. Sagen wollte er damit, dass ein Gedenken an die Toten des Zweiten Weltkriegs schlicht und einfach nicht mehr zum Zeitgeist passe.

Dass gleichzeitig in diesen Tagen die Befreiung jedes einzelnen NS-Konzentrationslagers in breiter Öffentlichkeit mit entsprechendem Medienecho begangen wurde, ist ihm offenbar nicht aufgefallen. Nun soll dies nicht heißen, dass entsprechende Trauerfeiern, die der Opfer der NS-Tyrannei gedenken, nicht absolut notwendig und legitim seien. Wenn aber dies nach 66 Jahren noch angebracht ist, muss es auch gestattet sein, der Opfer des Zweiten Weltkriegs insgesamt und damit natürlich auch jener des eigenen Volkes zu gedenken.

Nicht mehr und nicht weniger tun die waffenstudentischen Korporationen jährlich am Heldenplatz. Sie betrauern nicht die Niederlage des Dritten Reiches, wie es von Seiten der linken Tugendterroristen stets heißt, sie bedauern auch nicht die Niederlage der Deutschen Wehrmacht, sie ehren schlicht die Opfer. Jene, die ohne persönliche Schuld in diesem Völkerringen ihr Leben lassen mussten.

Nun kann man das zweifellos als „freiheitliche Folklore“ bezeichnen, wie es besagter Kommentator auch tat, es aber leichterdings in den Bereich des Skurrilen abzuqualifizieren, könnte sich als zeitgeistiger Trugschluss erweisen: Natürlich ist die Kriegsgeneration rein biologisch gesehen im Abtreten begriffen. Jene, die den Zweiten Weltkrieg zumindest noch als Kind erlebt haben, sind 70 Jahre und älter. Demnach gibt es aber kaum eine Familie im Lande – sieht man von den Zuwanderern ab – die in diesem mörderischen Völkerringen nicht Opfer, Gefallene, Vermisste, Verwundete zu beklagen hätte oder aus der nicht der eine oder andere Großvater, Großonkel in den militärischen Formationen des Großdeutschen Reiches gedient hätte. Und diese österreichischen Familien werden großteils ein gewisses Verständnis haben, dass man auch dieser Schicksale gedenkt.

In Hinblick auf das Gedenken und auf die Verantwortung für die Opfer des Nationalsozialismus kann es keinen Schlussstrich geben, hörten wir dieser Tage aus dem Munde der Nationalratspräsidentin. Das ist gut und richtig. Es gibt aber auch keinen Schlussstrich im Hinblick auf die Trauer für die Opfer aus dem eigenen Volk.

Die Opfer sind im Tode aber auch im posthumen Gedenken nämlich alle gleich: Das grausam zu Tode gebrachte jüdische Kind in einem NS-Vernichtungslager ebenso wie jenes deutsche Kind, das im Zuge von Flucht und Vertreibung bei Kriegsende aus dem Sudetenland umkam. Der russische Kriegsgefangene, der im deutschen Kriegsgefangenenlager krepierte, genauso wie der gefangene SS-Soldat der in den von der US-Army eingerichteten Lagern im Frühling 1945 in den Rheinauen der Ruhr erlag. Wir dürfen nicht nur, wir müssen ihrer gedenken. Da können die politischen Beobachter sich darüber ironisch auslassen soviel sie wollen und da können die Analytiker einmal mehr behaupten, dass all dies dem FPÖ-Chef bei der Stimmenmaximierung nicht helfen werde. Es ist vielleicht nicht opportun, aber es ist moralische Verpflichtung! Und das ist gut so!