Teufel und Beelzebub

22. August 2011

Die Spitzen-Eurokraten versuchen gegenwärtig, Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Sie, die durch vorschnelle Vereinheitlichung und Zentralisierung der europäischen Währungen zentral an der gegenwärtigen Finanz- und Staatsschuldenkrise schuld sind, versuchen nunmehr mit eben weiterer und verschärfter Zentralisierung, die Krise zu lösen. Frankreichs Staatspräsident Sarkozy und Deutschlands Kanzlerin Merkel haben uns vor wenigen Tagen verkündet, dass eine europäische Wirtschaftsregierung die Lösung der Krise herbeiführen würde. Statt vernünftigem Rückbau der Eurozone also weitere Zentralisierung und weitere zentrale politische Lenkung. Den Teufel der Krise eben mit dem Beelzebub des Zentralismus zu vertreiben versuchen.

Das Perfide an der Angelegenheit ist nun, dass die politischen Spitzen der EU den Bürgern quer durch Europa die alles andere als zentralistische Planwirtschaft wollen, nunmehr eben diese zentralistische Planwirtschaft als alternativlose Lösung für die Krise anpreisen: Um eine europäische Wirtschaftsregierung – geleitet noch von dem unglaublich dynamischen Herren Van Rompuy – kämen wir schlicht und einfach nicht herum, heißt es. Und wir dürfen darauf wetten, dass es in wenigen Wochen heißen wird: Um Eurobonds kommen wir auch nicht herum. Täglich grüßt das Murmeltier: Die Deutschen und die übrigen Nettozahler sollen wiederrum brennen.

Einkehr und Selbstbesinnung oder gar Umkehr und politische Richtungsänderung zeichnen sich nirgendwo in den europäischen Staatskanzleien und in den Amtsräumen der Brüsseler Kommissare ab. Im Gegenteil: Wenn die Götter strafen wollen, schlagen sie mit Blindheit. Und Blindheit greift zunehmend um sich. Aus der Ratlosigkeit geboren gehen die politischen Verantwortlichen der Europäischen Union und der Eurozone nur stets mit größerer Hast und zunehmender Hysterie auf ihrem Irrweg in die Sackgasse weiter. Von einer Diversifizierung der Eurozone oder deren Teilung in einen Nord- und einen Süd-Euro oder gar dem Ausscheiden einzelner bankrotter EU-Mitgliedsstaaten wagt kein verantwortlicher Politiker zu sprechen. Stattdessen wiegt man sich illusionär in Sicherheit: Die US-Amerikaner würden ihr Tripple A Rating ohnedies behalten, von Irland und Portugal hört man in den Medien kaum etwas und über Griechenland schreibt gegenwärtig auch niemand. Also ist das Problem offenbar gelöst. Italien hat ohnedies ein rigides Sparpaket verabschiedet. Berlusconis finanzpolitisches Bunga Bunga wird das Land schon retten und Spanien scheint aus dem Schneider zu sein. Alles eitle Wonne also und wenn es dann kritisch wird machen wir eben gemeinsam Eurobonds und haben das Problem gelöst.

Oder etwa doch nicht? Taumeln wir nicht mehr weiter auf den Abgrund zu oder auf den totalen Crash des Weltwirtschaftssystems und des globalen Finanzsystems? „Geht die Welt Bankrott?“ hat der Spiegel vor zwei Wochen getitelt. Und was würde das bedeuten, müssen wir uns fragen. Hyperinflation? Breitflächige Verarmung und neues Massenelend wie man es aus den Zeiten der Weltwirtschaftskrise in den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts kannte?

Die verantwortlichen Politiker wagen es jedenfalls nicht, darauf eine Antwort zu geben. Ja sie wagen es nicht einmal, diese Fragen zu stellen. Sie denken allenfalls an die kommenden Wahlgänge. Herr Sarkozy an seine Präsidentschaftswahlen, Frau Merkel an irgendwelche Urnengänge in einem deutschen Bundesland, Berlusconi an seinen nächsten Prozess und Barack Obama natürlich auch an seine Wiederwahl. Große Perspektiven, große Lösungs-Entwürfe hat niemand von ihnen aufzuweisen. Stattdessen fromme Sprüche, aalglatte Reden und zunehmend lahmer werdende Beschwichtigung der Bürger und Wähler.

Das Bittere ist, dass sich auch nirgendwo so etwas wie eine Stunde Null mit der Chance auf einen völligen Neubeginn abzeichnet. Es gibt keine Katharsis, keine Läuterung im Feuer einer gewaltigen Katastrophe. Undenkbar sind – gottlob – in den westlichen Industriestaaten wirkliche Revolutionen oder gar vernichtende Kriege, nach denen es eine solche Stunde Null und deren entsprechenden solidarischen Neubeginn geben kann. Stattdessen überall das gerade uns Österreichern höchst vertraute Prinzip des Weiterwurschtelns und des Hinausschiebens der Probleme. Mit diesen – auch im Bereich der Staatsfinanzen und der Währungspolitik – ist es aber wie mit der Kernschmelze im japanischen Kernkraftwerk Fukushima. Sie geht mit physikalischer Gnadenlosigkeit weiter von statten, auch wenn die Medien nichts darüber berichten und die Menschen das Problem verdrängen. Wohin soll das führen?