Nach Corona ist alles anders

25. November 2020

Die großen Seuchen der europäischen Geschichte zeitigten stets auch gewaltige gesellschaftliche, kulturelle und politische Veränderungen. Wie Egon Friedell, der große jüdisch-österreichische Geschichtsdenker etwa behauptet in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“, dass der Beginn eben dieser Neuzeit mit Renaissance, Humanismus und Reformation eine Folge der großen Pestepidemien des 14. Jahrhunderts gewesen sei. Und wir wissen, dass die aus Amerika importierte Geschlechtskrankheit Syphilis nach ihrer rasend schnellen Ausbreitung quer über Europa das Gesellschaftsleben und insbesondere die Sexualmoral des Abendlandes radikal veränderte. Nach der Freizügigkeit der Badehäuser des Spätmittelalters und einer Frauenmode mit tiefen Dekolletés breitete sich eine bigotte und puritanische Lebenseinstellung aus, die Sexualität weitgehend tabuisierte. Und die Pockenepidemien führten in Nordamerika weitgehend zum Aussterben der indigenen Bevölkerung.
Ebenso dürfte die Corona-Pandemie, die in unseren Tagen in einer zweiten Welle über den Globus rollt, schwerwiegende soziokulturelle Folgen nach sich ziehen. Welche das sein werden, können wir vorläufig nur erahnen.
Die wichtigste Konsequenz jedenfalls kann man schon benennen: Wohlfahrt geht vor Freiheit! Wobei unter Wohlfahrt zuallererst die Volksgesundheit zu verstehen ist, der zuliebe bürgerliche Grundrechte leichterdings eingeschränkt, wenn nicht sogar abgeschafft werden. Der Erhaltung der Gesundheit und im ultimativen Falle des Menschenlebens, werden Freiheitsrechte nachgeordnet. Und das kann man in unseren Tagen global feststellen. Das politisch mediale Establishment hierzulande, in Europa insgesamt, aber auch in den meisten westlichen Industriestaaten handelt in der Seuchenbekämpfung gemäß dieser Maxime.
Was das im Hinblick auf unsere Demokratie bedeutet, ist wohl noch nicht letztendlich abzuschätzen.
Dass es jedenfalls eher in Richtung auf Freiheitseinschränkungen und einen neuen paternalistischen, tendenziell sogar autoritären Stil des Regierens hindeutet, ist allerdings klar. Eine weitere sich jetzt deutlich abzeichnende Folge ist die Digitalisierung des Lebens. Home­office, E-Learning und E-Business im weitesten Sinne und Einkauf von Konsumgütern bis hin zur Abwicklung, von Bankgeschäften und Zahlungen des täglichen Lebens ist alles über den eigenen Rechner, über Laptop, iPad oder das Handy machbar.
Und diese Digitalisierung führt zweifellos zur zunehmenden Vereinzelung des Menschen. Im schlimmsten Fall zur Isolierung des Individuums in den eigenen vier Wänden, wie wir sie im Lockdown dieser Tage erleben. Der Mensch als soziales Wesen braucht bekanntlich Kontakte mit seinesgleichen. Diese werden nun zu Surrogat-Welten, wie wir sie im Fernsehen, Streamen im Internet bis hin zum Cybersex theoretisch in Anspruch nehmen könnten. In Pervertierung des Grillparzer-Dramas „Der Traum ein Leben“ könnte so die Horrorvorstellung von der individuellen Existenz in physischer Isolation Realität werden, wobei man am realen Leben und an menschlicher Gesellschaft nur mehr in digitaler Form Anteil hätte.
Zeitgenossen nun, die sich diesen Tendenzen, die wir in Ansätzen ja bereits im Seuchenjahr 2020, insbesondere während der Lockdowns erleben, widersetzen wollen, werden schnell als Coronaleugner, Verschwörungstheoretiker, Extremisten und insgesamt als Gesellschaftsfeinde abgestempelt. Auch dies ist ein deutliches Indiz für eine zunehmend autoritäre Gesellschaftsstruktur. Wir kennen dies aus der Geschichte des real existierenden Sozialismus. Auch dort wurden Nonkonformisten als Geisteskranke und Gesellschaftsfeinde stigmatisiert. Insgesamt dürfte also die Coronapandemie zu einem Prüfstein werden. Sowohl für unsere Demokratien als auch insgesamt für unsere offene Gesellschaft. Werden wir den sich ergebenden autoritären Tendenzen widerstehen können? Und werden wir den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft bewahren? Werden wir das Bewusstsein erhalten können, dass der Kampf für die Freiheit im schlimmsten Falle eben auch lebensgefährlich sein kann? Und werden wir nicht vergessen, dass der unlügbare Kontakt mit unseren Mitmenschen durch das Internet nicht zu ersetzen ist? Große Fragen, vor denen wir stehen, auch dann, wenn Corona durch neue Medikamente oder durch Impfstoffe längst ­besiegt ist.


Was heißt „neue Normalität“?

23. April 2020

Bundeskanzler Sebastian Kurz erklärt uns in letzter Zeit wiederholt und stereotyp, dass die relativ erfreuliche Entwicklung der Corona-Seuche in Österreich nunmehr ein schrittweises Herunterfahren der Einschränkungen ermögliche. Es gehe nun aber nicht um die Rückkehr zum Status quo ante, sondern um den Weg hin zu einer „neuen Normalität“.

Was das denn sei, erläutert Herr Kurz nicht näher. Nur, dass es ganz anders sein werde als unser Leben zuvor. Da sind Abstandhalten, Händewaschen und allenfalls beim Einkauf eine Maske zu tragen nur die harmlosen Dinge. Herr Kurz scheint da weiterreichende Maßnahmen im Auge zu haben. Nicht nur die Einschränkung oder gar das Ende der grenzüberschreitenden Reisefreiheit, die wir als eines unserer europäischen Grundrechte erachten, nein, scheinbar das Ende jeglicher Geselligkeit, des Vereinslebens, der Versammlungsfreiheit und der menschlichen Nähe, die das Herdentier Mensch so dringend braucht.

Und Herr Kurz sagt auch kein Wort davon, dass diese neue Normalität dann der wirklichen Normalität, nämlich dem Leben, das wir vor Corona hatten, weichen könnte, weil es einen Impfstoff gibt. Wenn es nach ihm geht, soll diese neue Realität auf Dauer bestehen. Und betrifft diese neue Normalität auch unser politisches Gefüge? Hat Herr Kurz die ersten Tropfen aus dem Kelch der autoritären Versuchung geschlürft und mundet ihm dieses Getränk? Goutiert er es nunmehr in paternalistischer Manier als starker „Leader“ – das deutsche Wort Führer ist ja verpönt – Politik zu machen?

Die Umfragen scheinen ihm gegenwärtig Recht zu geben. Die Österreicher scheinen momentan in der Mehrheit nichts dagegen zu haben, wenn unsere parlamentarische Demokratie in eine Verordnungsdiktatur der ministeriellen Erlässe umgewandelt wird. Aber werden die Menschen auf Dauer hinnehmen, dass ihr historisch gewachsenes gesellschaftliches Leben, das gesamte Sozialgefüge, von den Familien bis hin zum Vereinsleben und zur Zivilgesellschaft reglementiert und aufgelöst wird?

Werden sie es auf Dauer hinnehmen, dass ihr Parlament zur reinen Abstimmungsmaschinerie zwecks Durchwinken von Regierungsverordnungen wird? Und werden sie es auf Dauer hinnehmen, dass ein so junger Politiker diktiert, wie sie ihr Leben zu leben haben? Das sollte der Herr Bundeskanzler bei allem Respekt für seine instinktsichere Vorgangsweise in Sachen Corona-Bekämpfung vielleicht in Demut und Bescheidenheit bedenken.