Wenn der Mensch Gott spielt

28. März 2011

Er solle sich die Natur Untertan machen, heißt es im Alten Testament über das Verhältnis des Menschen zu seiner materiellen Umwelt. Offenbar aber gibt es da Grenzen, dort wo unsere Spezies wähnt, gottgleich sein zu können, dort lauert dann die Katastrophe. Nukleartechnologie als Freisetzung titanischer Urgewalten einerseits und Gentechnologie als manipulative Veränderung des Schöpfungsplans andererseits sind offenbar solche Bereiche.

Der Horror von Fukushima macht uns in diesen Tage deutlich, dass wir allesamt Zauberlehrlinge sind, wo wir doch wähnten, gottgleich gewaltige Kräfte entfesseln zu können. Hilflos stehen die finanzstärksten Konzerne und die modernste Technik vor außer Rand und Band geratenen Atomreaktoren. Vergeblich keuchen die Manager und Spitzentechniker der Nuklearkonzerne „Besen, Besen sei’s gewesen“. Mit mitleidloser und unabänderlicher Konsequenz vollziehen sich physikalische und chemische Prozesses, derer der Mensch mit all seiner Technik des 21. Jahrhunderts nicht mehr Herr werden kann.

Und ähnlich könnte es uns in der Gentechnologie ergehen, wo unser Eingreifen in das evolutionär entstandene Leben, allenfalls pflanzliche, tierische oder gar – da sei Gott wirklich vor – menschliche Monster erzeugt. Die geradezu naiv anmutenden Schreckgeschichten von Frankenstein und Co. demonstrieren uns nur die untergründigen Ängste der Menschheit vor derlei Entwicklungen.

Aber natürlich gibt es auch weitere Bereiche, die sich menschlichen Eingriffen bislang entziehen und deren Steuerung uns vorenthalten bleiben sollte. Was ist mit den Sonnenaktivitäten, den großen geologischen Abläufen, denen unser Planet unterworfen ist, dem weltweiten Wettergeschehen, den furcht- oder unheilbringenden Meeresströmungen wie die Golfströmung, können, sollen, dürfen wir Menschen in diese Phänomene eingreifen? Beherrschen wir gegebenenfalls das, was es dabei an Nebenwirkungen geben kann? Auch in diesen Bereichen mutete es frevelhaft an, derlei Erscheinungen dem menschlichen Willen und unserem kurzfristigen Nutzen und Frommen unterwerfen zu wollen.

Und damit wirft sich eine weitere Frage auf: Gibt es einen strafenden Gott, der das Öffnen der Büchse der Pandora über uns kommen lässt, oder ist es nur das unendlich komplizierte Gefüge des Universums, der Evolution und der Natur, das jedwede Störung bestraft? Fragen, die wir nicht beantworten können und wohl auch nicht sollen, sie werfen sich allerdings auf, wenn wir Katastrophen erleben, wie etwa jene in Japan.

Das Erdbeben, das im 18. Jahrhundert Lissabon vernichtete warf noch die Frage der Theodizee auf, also die Frage, wie ein allwissender und allgütiger, gleichzeitig allmächtiger Gott all dieses Leid, das dabei über Unschuldige kam, zulassen könne. Leid, das damals wirklich unschuldig über die Menschen kam. Die Eingriffe des modernen Menschen in seiner Wissenschaft in die letzten Abläufe von Natur und Schöpfung könnten diese Frage heute beantworten. Solche Eingriffe tragen in sich nämlich den Kern des Frevels.