Was wäre, wenn …

25. August 2017

Über spekulative Geschichtsbilder

Die Klage „was wäre, wenn“ ist in der Historiographie und in der Geschichtsbetrachtung an sich unzulässig. Dennoch wird sie immer wieder gestellt, wenn es darum geht, so etwas wie spekulative Geschichtsbilder zu skizzieren. Nun gibt es in der Menschheitsgeschichte zahllose Ereignisse, die gewissermaßen als historische Weggabelungen fungierten. Wenn etwa Arminius die Schlacht im Teutoburger Wald verloren hätte, wäre Germanien damals römisch geworden und in Deutschland würde man wohl ähnlich wie in Frankreich eine romanische Sprache sprechen und sich zum romanischen Kulturkreis zählen müssen. Oder wenn Karl Martell im achten Jahrhundert die Schlacht bei Tours und Poitiers verloren hätte, wäre das Frankenreich wohl mohammedanisch geworden, und der Islam würde den Westen Europas beherrschen. Dies sind nur zwei historische Weggabelungen, deren anderer Ausgang völlig andere historische Entwicklungen  nach sich gezogen hätte. Wenn man nun die Geschichte des 20. Jahrhunderts also jener Epoche heranzieht, die uns heute lebenden Zeitgenossen betrifft, so gibt es natürlich auch eine Reihe von eben solchen historischen Ereignissen. Grundlegend für die weitere Entwicklung ist zweifellos der Ausgang des Ersten Weltkriegs, und da ist es insbesondere das nunmehr gerade 100 Jahre zurückliegende Jahr 1917, dessen Ereignisse entscheidend waren. Natürlich könnte man sagen, dass bereits im Jahre 1914 bei einem Funktionieren  des Schlieffen-Planes ein für die Mittelmächte Deutschland und Österreich siegreicher Ausgang des Krieges möglich gewesen wäre. Die kaiserlichedeutsche Armee stand damals immerhin an der Marne vor Paris, dessen Vororte bereits beschossen wurden. Allerdings sollte es anders kommen, und der als kurzer Feldzug gedachte Krieg wurde zum globalen Völkerringen.
Im Jahre 1917 allerdings sah es so aus, als würden die Mittelmächte dieses Ringen für sich entscheiden können. Der Zusammenbruch der zaristischen Armee im Osten und der deutsch-österreichische Sieg bei der letzten Isonzoschlacht bedeuteten nicht mehr und nicht weniger, als dass Deutschland und Österreich an der Südfront und an der Ostfront gesiegt hatten. Und im Westen waren die französischen und britischen Kräfte ausgelaugt und entmutigt.
Nicht zu Unrecht konnte sich die oberste Heeresleitung um Hindenburg und Ludendorff der Illusion hingeben, dass ein Sieg-Frieden für die Deutschen in greifbare Nähe gerückt sei. Und was wäre im Falle eines solchen deutschen Sieges alles anders gelaufen. Die großen mitteleuropäischen Monarchien des Habsburger Reichs und das wilhelminische Deutschland würden nach wie vor bestehen. Die Pariser Diktate wären niemals zustande gekommen. Der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Diktatur wären uns vielleicht erspart geblieben. All das ist natürlich nicht mehr als historische Spekulation, Spekulation aber, die bereits vor einem Jahrhundert bei den Zeitgenossen für große Erregung sorgte. Als nämlich die Mittelmächte ein Jahr später, im Herbst 1918, kapitulieren mussten, kam es bald zu dem, was in der Folge als Dolchstoßlegende bezeichnet werden sollte. Das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt, konspirative Kräfte von Vaterlandsverrätern im Hinterland allerdings hätten es zur Kapitulation gezwungen. Die Hungerstreiks innerhalb der darbenden deutschen Zivilbevölkerung, die Revolten einzelner Truppenteile wie etwa der Kieler Matrosen und viele Äußerungen oppositioneller Politiker aus dem Kreise der Sozialdemokratie schienen bereits damals solche Verschwörungstheorien zu stützen. Heute ist sich die  Geschichtsschreibung  zwar darüber einig,  dass diese Dolchstoßlegende nur der Versuch der versagenden Obersten  Heeresleitung  war, die Schuld am negativen Kriegsausgang auf die zivile Politik abzuwälzen. Damals allerdings erschien vielen Patrioten ein  solcher mutmaßlicher Verrat keineswegs als unwahrscheinlich, zumal man ja ein Jahr zuvor noch glauben konnte, militärisch gesiegt zu haben.
Die Frage „was wäre, wenn“, also was wäre geschehen, hätten die Mittelmächte 1917 und 1918 die militärische Auseinandersetzung für sich entscheiden können, ist einerseits müßig, andererseits  aber gar nicht so leicht zu beantworten. Hätte man das besiegte Frankreich ebenso unterdrückt und gedemütigt, wie dies umgekehrt in der historischen Realität später mit Deutschland geschehen sollte? Wäre die Habsburger Monarchie doch auseinandergebrochen? Und wie wäre die Entwicklung in Russland weitergegangen, hätte man die Bolschewiki Lenins gewähren lassen, nachdem man sie ja zuerst mit deutscher Unterstützung an die Macht gebracht hatte, oder hätte man die Oktoberrevolution verhindert und aus Russland ein bürgerliches, postzaristisches Regime machen können? Und letztlich wäre die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten von Amerika ausgeblieben, deren Eingreifen in der historischen Realität ja den Krieg für die Entente-Mächte entschieden hatte. Fragen über Fragen.
Interessant ist auch, dass im Zuge solch spekulativer Geschichtsbetrachtungen häufig Verschwörungstheorien wuchern. Verschwörungstheorien wie die genannte Dolchstoßlegende führen in der Folge zu einer Art von politischem Realitätsverlust. Ein Realitätsverlust, der gerade in einer gedemütigten und verelendeten Nation, wie Deutschland es damals war, höchst unheilvolle Folgen haben konnte.
Andererseits schaffen derlei spekulative Geschichtsbilder auch Mythen, und diese Mythen zeugen ihrerseits wieder neue Realitäten. Der Mythos etwa von der Unbesiegbarkeit der deutschen Armeen im Ersten Weltkrieg wird kräftig in den Aufbau der deutschen Wehrmacht unter Adolf Hitler eingeflossen sein, und er schien sich ja in den Blitzkriegen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auch zu bestätigen. Spekulative Geschichtsbilder erzeugen also Verschwörungstheorien und diese politischen Realitätsverlust.
Überhaupt sind Geschichtsbilder in der Lage, einerseits Nationen oder gesellschaftliche Gruppen auseinander zu dividieren. Ihre konsensuale Vereinheitlichung, so etwas wie ein gesamtgesellschaftliches Übereinkommen auf gemeinsame Geschichtsbilder, kann allerdings auch in hohem Maße sozialen  Frieden und gemeinsame Identität schaffen. Derlei Geschichtsbilder differieren zumeist nach Nationalität, sie unterscheiden sich aber auch je nach Generation. Ältere Menschen haben andere Geschichtsbilder als junge, und sie klaffen auseinander, wenn es um die Menschen verschiedener Ideologie geht. Und schließlich differieren diese Geschichtsbilder auch nach der gesellschaftlichen Klasse, nach der sozialen Herkunft. Bei der historischen Aufarbeitung von gewaltsamen oder anderen schweren Konflikten ist daher so etwas wie eine Harmonisierung der Geschichtsbilder eine der vornehmsten Aufgaben.
Der Erste Weltkrieg ist nun gewiss in Hinblick auf seine Aufarbeitung in einem Stadium der Historisierung, welches eine solche Harmonisierung der Geschichtsbilder ermöglicht: Einerseits sind die europäischen Nationen 100 Jahre später alles andere als gegnerische Kriegsparteien, sie befinden sich vielmehr in einem gemeinsamen supranationalen Staatswesen. Die Erlebnisgeneration des Völkerringens von 1914 bis 1918 ist auch längst abgetreten. Und die unmittelbaren Auswirkungen dieses Weltkrieges sind ebenfalls längst verklungene Geschichte. So kann man nunmehr die Ereignisse dieses Ersten Weltkriegs leidenschaftslos und nüchtern betrachten. Man kann die gegensätzlichen Geschichtsbilder von Franzosen und Deutschen, von Italienern und Österreichern, von Briten und Russen auf der Basis eines gemeinsamen historischen Erkenntnisstandes zusammenführen. Und man kann auch die ideologischen und klassenspezifischen Unterschiede in diesen Geschichtsbildern überwinden.
Somit stellt sie also nicht mehr die Frage, was wäre gewesen, wenn, sondern vielmehr das Problem, wie gehen nachgeborene Generationen mit den Folgen der Ereignisse von damals gemeinsam um. Tatsache bleibt allerdings, dass Geschichtspolitik und das Bilden von Geschichtsbildern eine der zentralsten metapolitischen Aufgaben überhaupt darstellt.

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