… liegst dem Erdteil du inmitten

17. März 2018

Österreich – Grenzland oder Zentrum Europas

Im Jahre 1919, als sich der Umfang und die Grenzen  der heutigen Republik Österreich endgültig herauszukristallisieren begannen, erschien dieses territoriale Gebilde den meisten zeitgenössischen Beobachtern eher absurd: Die Zwei-Millionen-Stadt Wien nahe der östlichen Grenze und im Westen die schmale Landbrücke bis zum Bodensee, abgetrennt Südtirol und – das war noch vor der Kärntner Volksabstimmung – womöglich der Verlust Südkärntens und mit Sicherheit jener der Untersteiermark. Gewiss noch absurder wäre es gewesen, wenn sich die im November 1918 gegründete Republik Deutsch-Österreich mit den sudetendeutschen Territorien halten hätte können. Aber auch dieses kleine, sich entlang der Alpen erstreckende Länderkonglomerat, das sich nunmehr Republik Österreich nennen musste, hatte kaum natürliche Grenzen.
Heute haben wir uns an die territoriale Gestalt unseres Staatswesens gewöhnt, wobei wir durch den EU-Beitritt des Landes und durch die EU-Osterweiterung wiederum in eine geopolitische Mittellage innerhalb  des sich integrierenden Europas gekommen sind. In geopolitsicher und historischer Hinsicht war es ja stets die Frage, ob dieser Raum, den heute die Republik Österreich umfasst, Grenzland oder europäisches Zentrum darstellt. Die sich gegenwärtig andeutende Spaltung der EU in einen westlichen und östlichen Teil, der sich in Form der Visegrád-Staaten organisiert, zeigt allerdings, dass Österreich sich sehr rasch wieder in einer Grenzlandsituation wiederfi nden kann.
Die historische Entwicklung des Raumes hat Österreich, konkret die römischen Provinzen Binnennoricum und Ufernoricum, zu Anbeginn in eine Grenzlandsituation gestellt. Mehrere Jahrhunderte lang verteidigten die Römer an der Donau das Reich gegen Barbarenvölker wie die Markomannen und die Quaden. Dann, in fränkischer Zeit, war Karantanien für das Frankenreich Überschneidungsbereich zwischen germanisch-deutscher und alpenslawischer Welt, und dann später für das junge römisch-deutsche Reich war es schon Ostmark, Grenzmark also. Eine Grenzmark, die dann die Babenberger im Zuge der deutschen Ostkolonisation Schritt für Schritt donauabwärts in den slawischen und magyarischen Raum hineinschoben.
Bis hinein in die Zeit der Türkenkriege blieb dieses Österreich – auch das habsburgisch beherrschte Grenzlandbollwerk des Reiches im Osten, insbesondere gegen den osmanischen Vorstoß in Richtung Mitteleuropa. Die Steiermark nannte sich – auf der oststeirischen Riegersburg  kann man dies nachlesen – „Hofzaun des Heiligen römischen Reiches“, und insgesamt waren die habsburgischen Erblande in den Alpen und an der Donau so etwas wie ein Bollwerk der Christenheit gegen den osmanisch-islamischen Vormarsch. Das zweimal belagerte Wien und sein erfolgreicher Widerstand wurden zum Symbol für diese europäischechristliche Abwehrleistung.
Schon durch die Heiratspolitik des Habsburgers Maximilian wurde das Land aber auch zum Zentrum eines habsburgisch beherrschten Konglomerats an Territorien, das dem böhmischen Norden, die freien Teile Ungarns und auch Gebiete im Süden bis an die dalmatinische Küste umfasste. Vollends durch die siegreichen Türkenkriege des Savoyen-Prinzen Eugen wurden die heutigen österreichischen Lande zum Zentrum eines bis in den Karpatenbogen nach Galizien und im Süden in das serbische Siedlungsgebiet reichenden Herrschaftsgebiets. Zentrum deshalb, weil der habsburgische Anspruch auf politische Führung durch ihre Funktion als deutsche Könige und römisch-deutsche Kaiser natürlich auch für das gesamte Reichsgebiet galt.
Diese zentrale Rolle vermochten die deutschen Erblande der Habsburger mit dem Zentrum der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien bis zum Ende der Monarchie zu spielen. Natürlich war die Niederlegung der Reichskrone während der Napoleonischen Zeit durch Franz II. und die Errichtung des „Kaisertums Österreich“ ein Bruch, der das Schwergewicht für die gesamtösterreichische Staatlichkeit nach Osten verschob. Das Territorium der Erblande an der Donau und den Alpen wurde somit zur westlichen Peripherie dieses Kaisertums Österreich, zumindest in rein staatsrechtlicher Hinsicht. Die Mitgliedschaft der Habsburger Monarchie im Deutschen Bund bis 1866 und danach das Bündnis mit dem neuen Wilhelminischen deutschen Kaiserreich bewirkte jedoch, dass die deutschen Erblande der Monarchie insgesamt für die Mittelmächte in einer gewissen zentralen Position verblieben, wobei sie auch eine Brückenfunktion vom deutschen Raum in den slawischen und magyarischen Raum erlangten.
In beiden geopolitischen Rollen ergeben sich Möglichkeiten, eine solche Brückenfunktion auszuüben. Auch Grenzen sind ja kaum jemals hermetisch geschlossen, und grenzüberschreitender Austausch wirtschaftlicher und kultureller Natur läuft eben zwangsläufig über besagtes Grenzland. In einer Mittel- und Zentrallage allerdings kann eine solche Brückenfunktion wesentlich aktiver, gezielter und nachhaltiger wahrgenommen werden. Wien und die deutschen Erblande der Habsburger konnten diese Brückenfunktion, die Funktion des kulturellen und ökonomischen Austauschs, natürlich in der Monarchie und zuvor noch im Deutschen Bund beziehungsweise im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation in einer Art und Weise wahrnehmen, welche in den Phasen des Grenzlandes oder gar des Bollwerks nicht oder kaum möglich war. Durch diese Brückenfunktion und den damit verbundenen Austausch entwickelte sich ja erst das spezifisch Österreichische im Kultur- und Geistesleben, das, was insbesondere in den späten Jahrzehnten der Monarchie die kulturelle Dimension von „Wien um 1900“ bedeutete.
Über lange Jahrzehnte in der Phase des Kalten Krieges war Österreich wieder Grenzland, am Eisernen Vorhang gelegen, der die nördliche, östliche und auch einen Teil der südlichen Grenze des Landes umfasste, war Schaufenster, aber auch so etwas wie ein Bollwerk des freien Westens, hineinragend in die kommunistische Welt des real existierenden Sozialismus. Der Staatsvertrag von 1955 und die Neutralitätserklärung Österreichs zeitigten aber auch eine andere geopolitische Funktion der Republik. Gemeinsam mit der Schweiz waren sie nämlich so etwas wie ein neutraler Riegel in Mitteleuropa, der die NATO-Staaten im Norden, insbesondere die Bundesrepublik, von NATO-Mitgliedern im Süden trennte.
Wenn heute Österreich unter der neuen Mitte- Rechts-Regierung in vielen politischen Fragen ähnliche Haltungen einnimmt wie die Visegrád- Staaten, also wie Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei, so könnte dies eine neue Hinneigung der Republik zu jenem historischen Raum bedeuten, den einst die Habsburger Monarchie umfasst hatte.
Vordergründig mag es in erster Linie eine ähnliche Haltung in der Problematik der Massenzuwanderung und des Asylwesens sein, was Österreich zunehmend nach Osten blicken lässt. Darüber hinaus aber sind es insgesamt zweifellos historische und kulturelle Traditionsstränge, welche die mitteleuropäische Variante für die geopolitische Positionierung Österreichs wieder in den Raum stellen. Das, was in den 80er und 90er Jahren von Politikern und Autoren wie Busek und Brix im Zusammenhang mit dem historisch-territorialen Phänomen Mitteleuropa stets gefordert wurde, nämlich eine verstärkte Hinwendung Wiens in Richtung Prag, Budapest und Preßburg anstelle einer allzu starken Orientierung an den bundesdeutschen Nachbarn konnte nunmehr Realität werden.
Kurioserweise allerdings wird dies nunmehr von den linksliberalen Mainstream-Medien im Westen als Hinwendung zur „illiberalen Demokratie“ eines Orbán und eines Kaczynski gegeißelt. Im Gegenteil, eine nähere Hinwendung Österreichs an die Visegrád-Staaten müsste vielmehr eine Stärkung der liberalen und demokratischen Traditionen in den betreffenden Ländern bedeuten, wenn diese nach der sowjetkommunistischen Zwangsherrschaft und einer chaotischen Phase des Übergangs nunmehr von starken – vielleicht allzu starken – patriotischen Parteien regiert werden. Der österreichische Einfluss könnte sie dazu bewegen, dennoch Gewaltenteilung, liberale Medienvielfalt und die Unabhängigkeit einer rechtsstaatlich orientierten Justiz zu respektieren.
Tatsache bleibt aber jedenfalls, dass Österreich sich neben der Orientierung am großen Bruder Bundesrepublik Deutschland eine weitere ost- und mitteleuropäische Option aufgetan hat. Zu beleuchten wäre allerdings noch eine weitere geopolitische Variante, nämlich die „der Insel der Seligen“, wie Papst Paul VI. Österreich 1971 bezeichnete.
Diese Vorstellung war und ist natürlich verlockend. Allein, sie hält vor der Realität nicht stand. Das Phäaken-Dasein immerwährend neutraler Alpenrepublikaner mochte zwar im Hinblick auf den Wohlstand und das österreichische Wirtschaftswunder realistisch gewesen sein, in Bezug auf Sicherheit und Unabhängigkeit war es das niemals. Im Falle einer militärischen Auseinandersetzung wäre die österreichische Neutralität nicht das Papier wert gewesen, auf dem sie gedruckt stand, man hätte wohl oder übel bei der NATO in München oder Heidelberg anrufen und um Beistand flehen müssen.
Überhaupt ist die Insel-Funktion nichts mehr als eine Illusion. In Zeiten der Europäisierung und Globalisierung ist das isolierte Dasein von staatlichen Gemeinwesen, sowohl von der Ökonomie her als auch von der Kommunikation und von der Mobilität der Menschen her absolut undenkbar. Die wahren Flüsse sind in den Zeiten des globalen Freihandels in erster Linie nur mehr durch den Markt beeinflussbar und kaum durch politische Entscheidungen einzelner Staaten.
Und die internationale Kommunikation über Medien und Internet machen an staatlichen Grenzen schon gar nicht halt. Österreich war und ist also von europäischen und weltweiten Entwicklungen niemals abgeschlossen gewesen und kann dies auch heute oder in Zukunft niemals sein. Internationale Krisen erfassen das Land genauso wie alle anderen Nationen, die europäische Konjunktur reißt das Land mit oder auch nicht, und allfällige sicherheitspolitische Gefahren, insbesondere militärische Krisen, tangieren die Österreicher genauso wie alle übrigen Europäer.
Heute scheint das Land wieder einmal vor der Entscheidung zu stehen, ob es primär seine europäische Mittellage nützen will oder ob es sich verstärkt seinen östlichen Nachbarn zuwendet. Die Idee, die europäische Mittellage insofern zu nützen, als man versucht hat, verstärkt EU-Institutionen ins Land zu bekommen, war bislang von wenig Erfolg gekrönt. Zwar hätte die EU-Osterweiterung denklogisch eine Verschiebung der Organisations- und Machtzentren der Union nach Osten, von der Achse Brüssel-Straßburg auf die Achse Berlin-Prag-Wien bringen müssen,  allein eine solche Verschiebung hat bislang nicht stattgefunden. Natürlich könnte ein ökonomisch und kommunikationsmäßig nach Deutschlang orientiertes Österreich mithilfe Berlins als kleiner und theoretisch neutraler Staat versuchen, jene Rolle einzunehmen, die in der 50er- und 60er Jahren Belgien, Luxemburg und eben das Elsass einzunehmen vermochten, nämlich Stätte europäischer und internationaler Organisationen zu sein. Für Berlin und die Bundesrepublik Deutschland, deren Dominanz zumindest in ökonomischer Hinsicht im neuen Europa unbestritten ist, hätte dies den Vorteil, dass die Optik eine bessere wäre, als wenn solche Institutionen auf deutschen Boden lägen, dass man aber in einem deutschsprechenden engverbunden Staat tätig wäre, allein für all dies gibt es kaum Ansätze.
Die Alternative wäre, wie gesagt, die Hinwendung zu den Visegrád-Staaten, wobei es durchaus als gefährliche Sache betrachtet werden kann, wenn Ungarns Viktor Orbán nun von einer neuen Spaltung Europas spricht, wobei er davon ausgeht, dass der Westen durch Massenzuwanderung und Dekadenz die eigenen Völker und Kulturen gewissermaßen aufgibt. Während der Osten, eben Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, womöglich Österreich und Staaten des Balkans so etwas wie eine volkserhaltende Politik betreiben und eine neue Einheit innerhalb der Union bilden würden. Dort, wo einst der Eiserne Vorhang verlief, würde man solcherart eine neue, zwar kaum sichtbare, dafür aber umso wirksamere Grenze hochziehen, wenn man solche Spaltungstendenzen zuließe. Insofern würde ein Österreich, das sich den Visegrád-Staaten zuneigt, in diesem Rahmen eher die Rolle der Mäßigung und des Verbindenden in Richtung Westen, in Richtung Berlin, Paris und Rom zufallen. Geopolitisch und auch geschichtspolitisch wäre das keine schlechte Rolle, da Österreich diese über Jahrhunderte bis hin zum Ersten Weltkrieg eingenommen hatte. Sicher ist jedenfalls, dass das Wahrnehmen geopolitscher Optionen, welcher auch immer, die künftige Entwicklung des Landes und seiner Menschen wesentlich beeinflussen wird.

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Die vermaledeiten 8er-Jahre

20. Januar 2018

Über Austro-Jubiläen und rot–weiß–rote Geschichtspolitik

100 Jahre Republik und dazu noch 80 Jahre Anschluss und 170 Jahre bürgerliche Revolution. Die Jahre 1848, 1918 und 1938 sind zweifellos Meilensteine in der jüngeren österreichischen Geschichte. Meilensteine, die höchst unterschiedlich bewertet werden und denen in absolut verschiedenartiger Weise gedacht wird. 1848, das war die bürgerliche Revolution, jenes Jahr, in dem sich in Österreich der Verfassungsstaat, die Demokratie und der Parlamentarismus auf den Weg machten. Es war das Jahr, in dem das Kommunistische Manifest veröffentlicht wurde, das Jahr, in dem auf den Barrikaden in der kaiserlichen Hauptund Residenzstadt gekämpft wurde und auf dem Stephansdom die deutsche Trikolore Schwarz–Rot–Gold gehisst worden war.
1918 schließlich die durch den militärischen Zusammenbruch der Habsburger Monarchie erzwungene Geburt der Republik Deutsch-Österreich, eines Staates, an dessen Überlebensfähigkeit damals so niemand recht glauben wollte. Eines Staates aber, der ein Jahrhundert später, im Jahr 2018, insgesamt als Erfolgsgeschichte gewürdigt werden darf.
Und schließlich das Jahr 1938, der Untergang des selbstständigen Österreichs durch den Anschluss, der von den Zeitgenossen – und nicht nur von den Nationalsozialisten – als Erfüllung des gesamtdeutschen Traumes von 1848 empfunden wurde und doch die Einbeziehung Österreichs als Ostmark in den braunen Terrorstaat bedeutete.
Diese für Österreich so bedeutsamen 8er Jahre wurden im Lande höchst unterschiedlich gewürdigt. Das offizielle habsburgische Österreich vor 1918 gedachte der Revolution von 1848 verständlicherweise überhaupt nicht. Das nationalliberale Lager allerdings, das in dieser bürgerlichen Revolution seine Geburtsstunde betrachtete, und die frühe Sozialdemokratie würdigten die darauf zurückgehenden revolutionären Traditionen. Die Arbeiter von Wien, die unter der Führung der Akademischen Legion – weitgehend Burschenschafter – auf den Barrikaden der Residenzstadt gekämpft hatten, waren für die Sozialdemokratie revolutionäre Helden. Und dass diese für Freiheitsrechte, aber auch für die deutsche Einheit eintraten, störte bis hin zum Ende der Ersten Republik niemand in den roten Reihen. Und schon gar nicht in jenen der nationalliberalen Gruppierungen oder gar im Kreise der illegalen Nationalsozialisten: Für diese waren die 48er-Revolutionäre hingegen allzu sehr auf Freiheitsrechte, Verfassungs- und Rechtsstaat fokussiert.
Aber auch im christlich-konservativen Lager gab es Vorbehalte gegen die bürgerliche Revolution von 1848. Der von den Revolutionären geführte Kampf gegen Thron und Altar war nicht das Anliegen der Anhänger Karl Luegers oder später Ignaz Seipels und Engelbert Dollfuß’. Und in der Zweiten Republik nach 1945 ließ man das Gedenken an diese bürgerliche Revolution von 1848 sanft entschlummern. Einzig die Freiheitlichen entsannen sich zunehmend ihrer liberalen Traditionen, die auf dieses Sturmjahr zurückgehen.
Was die Gründung der Republik betrifft, so vermochte man während der Dauer der Ersten Republik auch nicht viel Feiernswertes aus Anlass der entsprechenden Jahrestage zu finden. Allzu sehr waren die Gründungsakte erzwungen durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Monarchie. Das nationalliberale Lager, das aufgrund seiner Stärke bei den letzten freien Wahlen der Monarchie des Jahres 1911 rein zahlenmäßig führend an der Wiege dieser Republik stand, war so auf den von den Entente-Mächten verhinderten Anschluss an Deutschland versessen, dass es an der Existenz der eigenstaatlichen Republik keinen Anlass zum Jubilieren fand. Und die Sozialdemokraten, die allein durch die Person des Karl Renner ebenso führend an den Gründungsakten dieser Republik beteiligt waren, wurden in der Folge vom bürgerlichen Lager von der Verantwortung für dieses Staatswesen in einer Art und Weise fern gehalten, dass sie ebenso wenig Interesse an großen Republiksfeiern haben konnten. Erst die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik bis herauf in das 21. Jahrhundert schärfte das allgemeine Bewusstsein um den Wert dieses Staatswesens. Und heute, 100 Jahre nach der Republiksgründung, begehen alle politischen Lager des Landes diese Jubiläumsfeierlichkeiten im Wissen um einen gesunden und wohlverstandenen rot-weißroten Patriotismus.
Was schließlich den Anschluss des Jahres 1938 an das Deutsche Reich betrifft, so wissen wir, dass dieser von den Zeitgenossen zu einem hohen Prozentsatz befürwortet wurde. Selbst Gegner der nationalsozialistischen Ideologie und des Hitlerischen Führerstaates glaubten, mit dem Anschluss eine Entwicklung von historischer Folgerichtigkeit begrüßen zu müssen. Die Sozialdemokraten Karl Renner und Otto Bauer, der Kirchenfürst Kardinal Innitzer stellen sattsam bekannte Belege für diese Haltung dar. Das damals längst geschwächte nationalliberale Lager und die neue, bis zum Anschluss illegale NSDAP, beziehungsweise deren Anhänger, mussten das Ganze ohnedies als epochalen historischen Erfolg empfinden. Ein Erfolg, der dann durch die Ereignisse der Kriegsjahre und die Ernüchterung einer durch Diktatur, totalitären Terror und Kriegseinwirkungen leidenden Bevölkerung rasch in Vergessenheit geriet.
Und schon mit der Moskauer Deklaration der späteren Siegermächte durfte sich Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus definieren, das im Zuge des Anschlusses vom März 1938 gewissermaßen vergewaltigt worden war. Und auch wenn in den letzten 20 Jahren die österreichischen Mittäterschaft an den Verbrechen des Nationalsozialismus breit diskutiert wurde, wird der Anschluss von 1938 als Schrekkensereignis gesehen, durch das die Eigenstaatlichkeit gewaltsam ausgelöscht und das Land einem Terrorsystem unterworfen wurde. In dieser Einschätzung sind sich alle maßgeblichen politischen Lager des Landes – auch das national-freiheitliche – völlig einig. NSNostalgie, Reste der alten Anschlusssehnsucht gibt es allenfalls noch in den hauchdünnen Narrensäumen der politischen Landschaft.
Allerdings wurde und wird Geschichtspolitik in Österreich immer wieder dazu missbraucht, politisches Kleingeld zu wechseln. Allzu bequem war es etwa, die unbequeme freiheitliche Fundamentalopposition aus Anlass der diversen Anschlussgedenktage als einzigen Erbfolger des NS-Terrors an den Pranger zu stellen. Und umgekehrt wurden natürlich der nationalfreiheitliche Anteil an der Republiksgründung und die Verdienste dieses Lagers bei der Entwicklung des Rechts- und Verfassungsstaates in der Folge der Revolution von 1848 totgeschwiegen. Folgerichtig finden sich auf dem Denkmal zur Republiksgründung auf der Wiener Ringstraße unmittelbar vor dem Parlament zwar die Namen der sozialdemokratischen und christlich-sozialen Gründerväter der Republik. Aber jener von Franz Dinghofer, der am 12. November 1918 auf der Rampe des Parlaments die Republik ausgerufen hatte, wird verschwiegen.
Und auch die Versuche der großdeutschen Abgeordneten in den Jahren 1933/1934, die parlamentarische Demokratie im Lande gegen den autoritären Kurs von Engelbert Dollfuß und seiner Christlich-Sozialen zu retten, werden in der offiziellen Geschichtsschreibung der Republik kaum erwähnt. Stattdessen wird natürlich breit darüber diskutiert, dass der Gründungsobmann der Freiheitlichen Partei NSMinister im Anschlusskabinett im Frühjahr 1938 war und in der Folge im Dritten Reich Staatssekretär für Bergbauernfragen. Hier wird also selektives Erinnern zum Zwecke parteipolitischer Vorteilsnahme instrumentalisiert. Die verflixten 8er-Jahre sind aber auch für die jüngere Geschichte der Zweiten Republik von einer gewissen Bedeutung: Im Jahre 1948 etwa, also vor 70 Jahren, hat sich das Dritte Lager, die nationalfreiheitliche Gesinnungsgemeinschaft, wieder auf der politischen Bühne des Landes zurückgemeldet. Mit der Gründung des Verbandes der Unabhängigen schaltete sich die Vorläuferorganisation der Freiheitlichen Partei in die politische Debatte ein und hat seitdem die Republik vorwiegend als oppositionelle Bewegung mitgeprägt.
Das Jahr 1968 schließlich gilt als Geburtsstunde der neuen Linken, die auch hierzulande den Marsch durch die Institutionen geschafft haben. Die darauffolgende Ära Kreisky, in welcher der Sozialdemokratismus das Land dominierte, ist ohne die Studentenrevolte von 1968, die nach Österreich übergeschwappt war, kaum denkbar. Das Jahr 1978 schließlich mit der Volksabstimmung über Zwentendorf kann als Geburtsstunde der Grünbewegung gelten, welche neben der Sozialdemokratie als eine Facette der extremen Linken bis zum heutigen Tag parlamentarisch und allgemeinpolitisch den Diskurs im Lande mitbestimmte.
Die vermaledeiten 8er-Jahre stellen also Schicksalsjahre für Österreich dar. Und ob das Jahr 2018 mit dem Antreten einer neuen Bundesregierung, bestehend aus Volkspartei und Freiheitlichen, ebenso zum Schicksalsjahr für das Land werdenwird, werden wohl erst dereinst  die Historiker beurteilen können.Eine Zäsur stellt die Ablösungder alten rot–schwarzenKoalition allemal für das Landdar. Sicher ist allerdings, dass es wieder einmal eines dieser kuriosen  8er-Jahre ist, in denen die Weichen für die Entwicklung des Landes neu gestellt werden.


Ostarrichi – Austria – Österreich

13. Januar 2018

Von der Vielschichtigkeit eines Begriffs

Österreich, das Wort und die Begrifflichkeit, die dahinter stehen, haben für die, die in diesem Land leben, eine gewisse Wärme. Heimeligkeit ist es, Beheimatung, Behausung, die dieses Wort für uns ausstrahlt.
Es ist dieses unser Land, das wir kennen, das Staatswesen, diese Republik seit nun mehr hundert Jahren, diese kleine Insel (der Seligen??) im tobenden Sturm der Weltpolitik, mit seinen Bewohnern, all jenen Menschen, von denen wir beinahe das Gefühl haben, sie samt und sonders mit Vornamen zu kennen, ein Streifen auf der europäischen Landkarte, den wir einfach verinnerlicht haben, jedes Städtchen, jedes Dorf, jedes Tal, jeden Fluss, jeden Berg, und wenn nicht durch die eigene Begehung, dann durch „Bundesland heute“ im Staatsfunk oder durch irgendeine Universum-Doku.
Dieses Österreich, es ist für uns das Eigene, wir verbinden es mit Sicherheit und Frieden und gutem Leben, mit Weihnachtskeksen und Osterschinken, mit Wiener Schnitzel und Erdäpfelgulasch, mit Ottakringer und Puntigamer, mit grünem Veltliner, Welschriesling und Zweigelt, mit Almdudler und Vöslauer, mit Staus auf der Südost-Tangente und Schneefahrbahn auf der Tauernautobahn, mit Sozialpartnerschaft und Opernball, der Rapid-Viertelstunde und dem Berg-Isel-Springen, kurzum: Dieses Wort bedeutet uns Heimat. Und Gewissheit und Sicherheit, Rechtsstaat, Wahlrecht, Krankenversicherung, Pensionsgarantie, Studienbeihilfe und Pflegegeld, ein gutes Leben eben in einem guten Land.
So dürfte es für die meisten von uns heute sein. Es war aber auch anders, weniger erfreulich, ja sogar ausgesprochen negativ: Da war Österreich der „Völkerkerker“ oder der „Staat, den keiner wollte“. „L’Autriche c‘est le reste“, wie Georges Clemenceau angeblich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sagte.
Oder aber es war das „Haus Österreich“, der Name des Erzhauses Habsburg bzw. dann der von Habsburg-Lothringen. Und da war dieses Österreich als Donaumonarchie ein Vielvölkerstaat in Mittel- und Ostmitteleuropa, zwischen Karpaten und Alpen, zwischen Inn und Leitha, zwischen Erzgebirge und Balkan. Ein Vielvölkerstaat, der das Erbe des alten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen anzutreten hatte und somit bis zum Ersten Weltkrieg der Traditionswahrer des alteuropäischen Imperium Romanum war, universell und übernational. Auch das war Österreich. Zuletzt wurde es eben von vielen seiner Völker als „Völkerkerker“ empfunden, als ein reaktionäres Gebilde, das man glaubte, zerstören zu müssen. Wobei das Haus Österreich gleichzeitig entthront, entmachtet, des Landes verwiesen werden sollte. Und noch früher war dieses Österreich, das im zehnten Jahrhundert als „Ostarrichi“ erstmals urkundlich erwähnt wird, die kleine babenbergische Ostmark, die sich der Donau entlang hin in Richtung Ungarland vorschob.
Ein kleines wehrhaftes Bollwerk, das in dem von Ottonen, Saliern und Stauffern beherrschten Reich gleichwertig der Steiermark, dem Herzogtum Krain oder dem Herzogtum Kärnten war. Und doch wurde diese kleine Ostmark, wurde das Land Österreich nach dem Interregnum und nach der Übernahme durch die Schweizer Habsburger zum Kerngebiet jener Kronländer, die die Macht des Herzogs Rudolf IV., das Kernland des Hauses Habsburg, von dem der lange regierende aber weitgehend machtlose Friedrich III. formulierte, das ihm „alles Erdreich Untertan“ sei, und dessen Urenkel Karl V. tatsächlich ein Imperium von Südund Mittelamerika über die Iberische Halbinsel, Burgund und Deutschland bis nach Böhmen und Ungarn zu regieren hatte.
Diese habsburgischen Erblande aber, Österreich ob und Österreich unter der Enns also, das Herzogtum Steiermark, das Herzogtum Kärnten, die Grafschaft Tirol, sie sollten jene Einheit bilden, jenes Gemeinschaftsbewusstsein entwickeln, welches letztlich die territoriale Gestalt der heutigen Republik Österreich prägte und ermöglichte. Gewiss, die unterschiedlichen Identitäten der österreichischen Bundesländer sind historisch gewachsen und nicht zu unterschätzen. Ihre gemeinsame Aversion gegen den „Wasserkopf Wien“ ist auch – wenn auch vielleicht unterschwellig – bis zum heutigen Tag wirkmächtig. Und dennoch haben Nieder- und Oberösterreicher, Steirer und Kärntner, Tiroler, Vorarlberger und Salzburger, diese erst seit der Napoleonischen Zeit, und zu allerletzt Burgenland, das ehemalige Deutsch-Westungarn, welches nach dem Ersten Weltkrieg zur Republik geschlagen wurde, ein gemeinsames österreichisches Staatsgefühl, eine gemeinsame (staats) nationale Identität entwikkelt, die heute unbestritten und allgemein wertgeschätzt als die österreichische gilt. Natürlich ist die Entwicklung einer eigenständigen österreichischen Staatsnation immer auch eine Funktion der deutschen Nationalgeschichte, ist die österreichische Identität, wie wir sie durch die Jahrhunderte verfolgen bis herauf den heutigen Tag, immer auch eine Funktion deutscher Identität. Aber nicht nur – es ist genauso eine Funktion europäischer, mitteleuropäischer und südosteuropäischer Identität. Und diese „Österreichische Nation“ und diese österreichische Identität sind dort, wo sie in Abhängigkeit oder in Wechselwirkung zur deutschen Nation und zur deutschen Identität stehen, stets von so großer Besonderheit und so großem Eigengewicht, dass sie in vielen Bereichen sogar prägend für die deutsche Nation oder die deutsche Identität insgesamt waren oder durch dieses besondere Gewicht sogar eine von der deutschen Entwicklung unabhängige Eigenart bekamen. Dass das frühe Ostarrichi als bajuwarische Ostmark ein Teil des sich damals gerade frisch formierenden deutschen Königreichs war, steht außer Zweifel, getragen und geprägt von bajuwarischer und fränkischer Besiedelung, kirchlich organisiert vom Erzbistum Salzburg und dem Erzbistum Passau.
Und natürlich spielten die Babenberger als Herzöge von Österreich vorwiegend eine historische Rolle im Zuge der Entwicklung des hochmittelalterlichen römisch-deutschen Reichs und der bajuwarisch- deutschen Ostsiedlung.
Natürlich auch waren die habsburgischen Erblande zwischen Donau und Alpen über Jahrhunderte so etwas wie das Kerngebiet der deutschen Könige und römisch-deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg. Und so war Wien natürlich die Haupt- und Residenzstadt des römisch-deutschen Reiches. Genauso steht außer Streit, dass die Habsburger auch nach der Niederlegung der deutschen Kaiserkrone, die durch Napoleon erzwungen wurde, primär deutsche Fürsten blieben. Deshalb waren sie auch Präsidialmacht im Deutschen Bund und ihr nach der Niederlage von Königgrätz erzwungenes Ausscheiden aus demselben wurde von den Zeitgenossen häufig auch als eine Art deutscher Teilung empfunden. Weshalb man bei den Anschlussbestrebungen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1918/19 zeitgenössisch auch von einer „Wiedervereinigung“ sprach. Und nachdem diese von den Siegermächten untersagt wurde, empfand sich die Erste Republik zweifellos als „deutscher Staat“, wenn nicht gar unter Dollfuß und Schuschnigg als der „bessere deutsche Staat“. Und das hat sich erst nach der Diskreditierung des Alldeutschtums durch die vom Nationalsozialismus verschuldete historische Tragödie grundlegend geändert.
Heute indessen ist deutsches Kulturbewusstsein, Verwurzelung in der deutschen Muttersprache und Mobilität im ganzen deutschen Sprach- und Kulturraum selbstverständlich bei gleichzeitiger bewusster Pflege von Österreichpatriotismus und staatsnationalem Österreich-Bewusstsein möglich. Ja, so ein solcher Österreichpatriotismus und ein deutsches Kulturbewusstsein bedingen einander sogar im wohlverstandenen Sinne. So lässt sich insgesamt sagen, dass österreichische Identität, sowohl die alte historische, aus der Donaumonarchie stammende als auch die seit 1918 entwickelte republikanische-österreichische, zweifelsfrei eine Funktion der deutschen Geschichte und der deutschen Identität darstellen, dass sie aber ein derartiges Eigengewicht entwickelt haben, dass sie schließlich auch als eigenständiger Faktor betrachtet werden müssen. Als ein Faktor mit unverwechselbarer, eben spezifi sch österreichischer Eigenheit, was kulturelles Nationalbewusstsein und republikanischen Patriotismus betrifft. Dieses Österreichbewusstsein ist heute versöhnt mit dem Bewusstsein, zum gemeinsamen großen deutschen Kulturraum zu gehören.
Zum einen ist die kleine Alpenrepublik eben nach wie vor der Erbe der multinationalen Donaumonarchie, die ihrerseits der Nachlassverwalter des alten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war, zum anderen ist das Land durch die sprachlichen und ethnisch-kulturellen Gegebenheiten eben auch Teil der „German speaking world“ und damit auch im Besonderen in ökonomischer und organisatorischer Hinsicht so etwas wie ein verkleinertes Modell Deutschlands.
Die Gesellschafsstruktur und die politische Landschaft, das Bildungsniveau und die Leistungsbereitschaft, all diese Faktoren sprechen für diese Parallelität. Und überdies ist Österreich so etwas wie eine europäische Kulturgroßmacht. Das kulturelle Erbe, die künstlerischen Leistungen von Menschen, die in Österreich beheimatet waren, prägen einen überdimensionalen Teil des Kulturerbes der Menschheit.
Die Namen einzigartiger Musikgenies wie Haydn, Mozart, Beethoven stehen genauso für Österreich (wenn auch Mozart im reichsfreien Salzburg gebürtig war, Beethoven in Bonn und Haydn in Deutsch-Westungarn) wie der Name des singulären Finsterlings der Weltgeschichte – Adolf Hitler. Und so hat der österreichische Name der Weltgeschichte aber auch in der heutigen Völkergemeinschaft ein Gewicht, das mit der territorialen Größe des Landes nur sehr nebensächlich zu tun hat. Österreich ist mehr und Österreich ist Vieles – das sollten wir uns im hundertsten Jahr der Existenz der Republik vor Augen halten und vor allem zu schätzen wissen.


Was wäre, wenn …

25. August 2017

Über spekulative Geschichtsbilder

Die Klage „was wäre, wenn“ ist in der Historiographie und in der Geschichtsbetrachtung an sich unzulässig. Dennoch wird sie immer wieder gestellt, wenn es darum geht, so etwas wie spekulative Geschichtsbilder zu skizzieren. Nun gibt es in der Menschheitsgeschichte zahllose Ereignisse, die gewissermaßen als historische Weggabelungen fungierten. Wenn etwa Arminius die Schlacht im Teutoburger Wald verloren hätte, wäre Germanien damals römisch geworden und in Deutschland würde man wohl ähnlich wie in Frankreich eine romanische Sprache sprechen und sich zum romanischen Kulturkreis zählen müssen. Oder wenn Karl Martell im achten Jahrhundert die Schlacht bei Tours und Poitiers verloren hätte, wäre das Frankenreich wohl mohammedanisch geworden, und der Islam würde den Westen Europas beherrschen. Dies sind nur zwei historische Weggabelungen, deren anderer Ausgang völlig andere historische Entwicklungen  nach sich gezogen hätte. Wenn man nun die Geschichte des 20. Jahrhunderts also jener Epoche heranzieht, die uns heute lebenden Zeitgenossen betrifft, so gibt es natürlich auch eine Reihe von eben solchen historischen Ereignissen. Grundlegend für die weitere Entwicklung ist zweifellos der Ausgang des Ersten Weltkriegs, und da ist es insbesondere das nunmehr gerade 100 Jahre zurückliegende Jahr 1917, dessen Ereignisse entscheidend waren. Natürlich könnte man sagen, dass bereits im Jahre 1914 bei einem Funktionieren  des Schlieffen-Planes ein für die Mittelmächte Deutschland und Österreich siegreicher Ausgang des Krieges möglich gewesen wäre. Die kaiserlichedeutsche Armee stand damals immerhin an der Marne vor Paris, dessen Vororte bereits beschossen wurden. Allerdings sollte es anders kommen, und der als kurzer Feldzug gedachte Krieg wurde zum globalen Völkerringen.
Im Jahre 1917 allerdings sah es so aus, als würden die Mittelmächte dieses Ringen für sich entscheiden können. Der Zusammenbruch der zaristischen Armee im Osten und der deutsch-österreichische Sieg bei der letzten Isonzoschlacht bedeuteten nicht mehr und nicht weniger, als dass Deutschland und Österreich an der Südfront und an der Ostfront gesiegt hatten. Und im Westen waren die französischen und britischen Kräfte ausgelaugt und entmutigt.
Nicht zu Unrecht konnte sich die oberste Heeresleitung um Hindenburg und Ludendorff der Illusion hingeben, dass ein Sieg-Frieden für die Deutschen in greifbare Nähe gerückt sei. Und was wäre im Falle eines solchen deutschen Sieges alles anders gelaufen. Die großen mitteleuropäischen Monarchien des Habsburger Reichs und das wilhelminische Deutschland würden nach wie vor bestehen. Die Pariser Diktate wären niemals zustande gekommen. Der Zweite Weltkrieg und die nationalsozialistische Diktatur wären uns vielleicht erspart geblieben. All das ist natürlich nicht mehr als historische Spekulation, Spekulation aber, die bereits vor einem Jahrhundert bei den Zeitgenossen für große Erregung sorgte. Als nämlich die Mittelmächte ein Jahr später, im Herbst 1918, kapitulieren mussten, kam es bald zu dem, was in der Folge als Dolchstoßlegende bezeichnet werden sollte. Das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt, konspirative Kräfte von Vaterlandsverrätern im Hinterland allerdings hätten es zur Kapitulation gezwungen. Die Hungerstreiks innerhalb der darbenden deutschen Zivilbevölkerung, die Revolten einzelner Truppenteile wie etwa der Kieler Matrosen und viele Äußerungen oppositioneller Politiker aus dem Kreise der Sozialdemokratie schienen bereits damals solche Verschwörungstheorien zu stützen. Heute ist sich die  Geschichtsschreibung  zwar darüber einig,  dass diese Dolchstoßlegende nur der Versuch der versagenden Obersten  Heeresleitung  war, die Schuld am negativen Kriegsausgang auf die zivile Politik abzuwälzen. Damals allerdings erschien vielen Patrioten ein  solcher mutmaßlicher Verrat keineswegs als unwahrscheinlich, zumal man ja ein Jahr zuvor noch glauben konnte, militärisch gesiegt zu haben.
Die Frage „was wäre, wenn“, also was wäre geschehen, hätten die Mittelmächte 1917 und 1918 die militärische Auseinandersetzung für sich entscheiden können, ist einerseits müßig, andererseits  aber gar nicht so leicht zu beantworten. Hätte man das besiegte Frankreich ebenso unterdrückt und gedemütigt, wie dies umgekehrt in der historischen Realität später mit Deutschland geschehen sollte? Wäre die Habsburger Monarchie doch auseinandergebrochen? Und wie wäre die Entwicklung in Russland weitergegangen, hätte man die Bolschewiki Lenins gewähren lassen, nachdem man sie ja zuerst mit deutscher Unterstützung an die Macht gebracht hatte, oder hätte man die Oktoberrevolution verhindert und aus Russland ein bürgerliches, postzaristisches Regime machen können? Und letztlich wäre die Konfrontation mit den Vereinigten Staaten von Amerika ausgeblieben, deren Eingreifen in der historischen Realität ja den Krieg für die Entente-Mächte entschieden hatte. Fragen über Fragen.
Interessant ist auch, dass im Zuge solch spekulativer Geschichtsbetrachtungen häufig Verschwörungstheorien wuchern. Verschwörungstheorien wie die genannte Dolchstoßlegende führen in der Folge zu einer Art von politischem Realitätsverlust. Ein Realitätsverlust, der gerade in einer gedemütigten und verelendeten Nation, wie Deutschland es damals war, höchst unheilvolle Folgen haben konnte.
Andererseits schaffen derlei spekulative Geschichtsbilder auch Mythen, und diese Mythen zeugen ihrerseits wieder neue Realitäten. Der Mythos etwa von der Unbesiegbarkeit der deutschen Armeen im Ersten Weltkrieg wird kräftig in den Aufbau der deutschen Wehrmacht unter Adolf Hitler eingeflossen sein, und er schien sich ja in den Blitzkriegen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auch zu bestätigen. Spekulative Geschichtsbilder erzeugen also Verschwörungstheorien und diese politischen Realitätsverlust.
Überhaupt sind Geschichtsbilder in der Lage, einerseits Nationen oder gesellschaftliche Gruppen auseinander zu dividieren. Ihre konsensuale Vereinheitlichung, so etwas wie ein gesamtgesellschaftliches Übereinkommen auf gemeinsame Geschichtsbilder, kann allerdings auch in hohem Maße sozialen  Frieden und gemeinsame Identität schaffen. Derlei Geschichtsbilder differieren zumeist nach Nationalität, sie unterscheiden sich aber auch je nach Generation. Ältere Menschen haben andere Geschichtsbilder als junge, und sie klaffen auseinander, wenn es um die Menschen verschiedener Ideologie geht. Und schließlich differieren diese Geschichtsbilder auch nach der gesellschaftlichen Klasse, nach der sozialen Herkunft. Bei der historischen Aufarbeitung von gewaltsamen oder anderen schweren Konflikten ist daher so etwas wie eine Harmonisierung der Geschichtsbilder eine der vornehmsten Aufgaben.
Der Erste Weltkrieg ist nun gewiss in Hinblick auf seine Aufarbeitung in einem Stadium der Historisierung, welches eine solche Harmonisierung der Geschichtsbilder ermöglicht: Einerseits sind die europäischen Nationen 100 Jahre später alles andere als gegnerische Kriegsparteien, sie befinden sich vielmehr in einem gemeinsamen supranationalen Staatswesen. Die Erlebnisgeneration des Völkerringens von 1914 bis 1918 ist auch längst abgetreten. Und die unmittelbaren Auswirkungen dieses Weltkrieges sind ebenfalls längst verklungene Geschichte. So kann man nunmehr die Ereignisse dieses Ersten Weltkriegs leidenschaftslos und nüchtern betrachten. Man kann die gegensätzlichen Geschichtsbilder von Franzosen und Deutschen, von Italienern und Österreichern, von Briten und Russen auf der Basis eines gemeinsamen historischen Erkenntnisstandes zusammenführen. Und man kann auch die ideologischen und klassenspezifischen Unterschiede in diesen Geschichtsbildern überwinden.
Somit stellt sie also nicht mehr die Frage, was wäre gewesen, wenn, sondern vielmehr das Problem, wie gehen nachgeborene Generationen mit den Folgen der Ereignisse von damals gemeinsam um. Tatsache bleibt allerdings, dass Geschichtspolitik und das Bilden von Geschichtsbildern eine der zentralsten metapolitischen Aufgaben überhaupt darstellt.