Schmuddelkinder der Republik?

9. November 2018

Das Gedenkjahr 2018 gibt den diversen Festrednern und Wortspendern zu den historischen Erinnerungstagen immer wieder Anlass, warnende Worte im Hinblick auf die gegenwärtige politische Situation auszusprechen. Nach dem Motto „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch“, wird da immer wieder von der angeblichen Renaissance des Nationalismus, vor Xenophobie und gewissermaßen faschistoider Migrationskritik gewarnt. Und recht unverhüllt richten sich diese Mahnungen vorrangig an den blauen Koalitionspartner der gegenwärtigen Mitte-Rechts-Regierung.
Verkürzt: Das nationale Lager sei schon 1938 Treiber für die Annexion des Landes an Hitler-Deutschland gewesen, stehe auch heute für Ausländerhass und Demokratiefeindlichkeit. Solcherart konnte man bislang in diesem Gedenkjahr schon den Eindruck erhalten, die Freiheitlichen als ideologische Erben des alten nationalliberalen, deutschnationalen Lagers seien so etwas wie die Schmuddelkinder der Republik.
In der Rede des Großpoeten Köhlmeier beim Märzgedenken kam dies ziemlich deutlich heraus und mutmaßlich wird dies wohl am 12. November beim Staatsakt in der Wiener Staatsoper in der Rede der Kärntner Slowenin Maja Haderlap­ ähnlich sein. Und die zentralen Wortspender im bisherigen Verlauf des Gedenkjahres, etwa Altbundespräsident Heinz Fischer oder der SPÖ-Historiker Oliver Rathkolb, lassen in ihren Darstellungen nichts wirklich Gegenteiliges durchscheinen.
Dabei stand das deutsch-freiheitliche Lager mit mehr als hundert Abgeordneten in der Provisorischen Nationalversammlung im Herbst 1918 als politisch stärkste Kraft an der Wiege des neuen Staats Deutsch-Österreich. Die Frage, warum diese dominierende Gruppierung sich nicht selbst gegenüber den wesentlich schwächeren Sozialdemokraten und Christlich-Sozialen an die Spitze des neuen Staatswesens gestellt hat und diesen Anspruch zu Gunsten der Sozialdemokratie­ und Karl Renners zurückgestellt hat, wird im heurigen Gedenkjahr nirgendwo gestellt. Dass es staatstragendes Verantwortungsbewusstsein war, das die angeblich ach so bösen Deutsch­nationalen dazu bewog, auf ihren Führungsanspruch zu verzichten, hört man nirgendwo. Sie waren von der Sorge getrieben, dass die ungarische Räterepublik des Bela Kun, die Münchner Rätepublik und das Beispiel der erst ein Jahr zuvor erfolgten russischen Revolution auch auf Österreich übergreifen könnte. Und sie waren der Meinung, dass die Sozialdemokratie und Karl Renner dies in führender Position verhindern würden, deshalb der Machtverzicht.
Und kaum wo im Gedenkjahr hört man etwas darüber, dass es Vertreter des nationalliberalen Lagers waren, die in den Schicksalsjahren 1933/1934 bis zuletzt für die Beibehaltung der parlamentarischen Demokratie kämpften. Dass es der Großdeutsche Nationalratsabgeordnete Hermann Foppa – im Übrigen der Taufpate von Jörg Haider – war, der zuletzt im Nationalrat eine flammende Protestrede gegen die autoritären, antidemokratischen Pläne des Dollfuß-Regimes hielt. Und natürlich ist auch nirgendwo zu lesen, dass es in den Nachkriegsjahren der Verband des Unabhängigen und danach dessen Nachfolgepartei – die FPÖ – waren, die nahezu eine Million Österreicher, die als minderbelastete ehemalige Nationalsozialisten vom politischen Geschehen und von den Bürgerrechten weitgehend ausgeschlossen waren, zurück ins demokratische Gefüge der Zweiten Republik geholt haben.
Statt dieses demokratiepolitisch höchst wichtige Projekt, das nicht umsonst von den beiden ehemaligen Widerstandskämpfern und VdU-Gründern Herbert Alois Kraus und Viktor Reimann begonnen wurde, zu würdigen, dreht man den Spieß um, und stellt den VdU und die frühe FPÖ gewissermaßen als NS-Nachfolgeorganisation dar. Das passt besser ins Bild von den Schmuddel­kindern der Zweiten Republik. Ein Geschichtsbild, welches man langsam korrigieren sollte.

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100 Jahre „Selbstfindung“?

26. Oktober 2018

Am vergangenen Sonntag, am 21. Oktober des Jahres 2018, wurde der Auftakt zu den Feiern zum 100. Geburstags der Republik begangen. Am 21. Oktober 1918 kamen bekanntlich die deutschen Abgeordneten des ehemaligen habsburgischen Reichsrats zusammen, um sich als Provisorische Nationalversammlung zu konstituieren. Am 30. Oktober kam es dann zur Staatsgründung Deutsch-Österreichs, am 12. November zur Ausrufung der Republik. Und bei all diesen Sitzungen der Provisorischen Nationalversammlung hatten die 111 deutsch-freiheitlichen Abgeordneten die klare Mehrheit. Dementsprechend war es auch Dinghofer, der deutsch-nationale Präsident der Provisorischen Nationalversammlung, der diese Sitzungen leitete und schließlich am 12. November 1918 die Republik ausrief.
Beim Auftakt der 100-Jahr-Feierlichkeiten nun hat Nationalratspräsident Sobotka erklärt, dass dieser 21. Oktober 1918 der Auftakt der „Selbstfindung als Nation“ gewesen sei. Und er hat natürlich insofern recht, als damals die deutschen Abgeordneten des ehemaligen cisleithanischen Reichsrats vor der Frage standen, was denn nun angesichts des Zerfalls des Habsburgerstaates zu tun sei. Ihre damalige Antwort war das Streben nach dem Anschluss an das ebenso wie die Habsburger Monarchie im Weltkriege schwer geschlagene Deutsche Reich. Nur so vermeinten sie den damals als nicht lebensfähig geltenden deutschen Rest der Habsburger Monarchie in die Zukunft führen zu können.
Dieser Wunsch wurde ihnen bekanntlich versagt, Deutsch-Österreich musste sich in Republik Österreich umbenennen und auf den Anschluss auf demokratischem und friedlichem Weg verzichten. Dieser kam dann dafür gewaltsam im März 1938.
Und was die „Selbstfindung“ als Nation betrifft, so sahen sich alle maßgeblichen politischen Kräfte in der ersten Republik als Teil der deutschen Nation. Dies wurde den Österreichern erst in den Jahren der NS-Despotie ausgetrieben und nach 1945 in den zehn Jahren der alliierten-Besatzung trug ein gerütteltes Maß an österreichischem Opportunismus dazu bei, das Bekenntnis zu einer ethnisch und kulturell eigenständigen „österreichischen Nation“ wachsen zu lassen. Wer gehört schon gern zu den Besiegten von 1945? Indessen aber, 100 Jahre nach der Republikgründung, dürfen wir stolz darauf sein, dass Österreich in der Zweiten Republik tatsächlich eine Erfolgsgeschichte geworden ist. Und natürlich hat dieses Österreich damit eine eigenständige unverwechselbare Identität entwickelt, die die allgemeine unbestrittene Zustimmung zu einer eigenständigen Staatsnation umfasst. Davon völlig unberührt bleibt die Tatsache, dass dieses Österreich in der Mehrheit seiner Bevölkerung zur deutschen Sprachgemeinschaft zählt und einen bedeutenden Anteil an der deutschen Geschichte sein eigen nennt. Das Sich-Hinausstehlen aus dieser deutschen Geschichte mittels Opfermythos ist spätestens seit der Waldheim-Affäre, seit dem Bekenntnis des damaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky zur österreichischen Mitverantwortung an den Verbrechen des Dritten Reichs und – das ist besonders bedeutsam – seit der Hinwendung des Dritten Lagers zum Österreich-Patriotismus unausgesprochen, aber denklogisch zur unbestreitbaren Tatsache geworden.
Heute allerdings ist diese „österreichische Nation“ in vielerlei Hinsicht gefährdet: Just ihre demonstrativsten Apologeten aus dem vormaligen rot–schwarzen Proporz-Establishment der Zweiten Republik haben sie einerseits der Europäisierung und damit der Nivellierung durch die Globalisierung preisgegeben und andererseits durch das Zulassen der Massenmigration mit dem Höhepunkt des Ansturms im Jahre 2015 der ganz offensichtlichen Ethnomorphose („Umvolkung“ ist ja ein Pfui-Wort).
100 Jahre nach der Republiksgründung befindet sich Österreich nunmehr in einer Transformation: Einerseits hat sich die scheinbar so festgefügte etablierte politische Landschaft der Zweiten Republik grundlegend verändert, und jenes nationalliberale Lager, das vor 100 Jahren an der Spitze der politischen Klasse stand, ist zurückgekehrt in die politische Verantwortung für diese Republik. Die Freiheitlichen des Heinz-Christian Strache sind bekanntlich in der Regierung. Andererseits ist Österreich zu einem De-Facto-Zuwanderungsland geworden, mit einer fragmentierten, zunehmend multiethnischen Bevölkerung, wobei die Kinderlosigkeit und Überalterung der autochthonen Bevölkerung von kinderreichen Migranten herausgefordert wird. Und parallel dazu ist dieses Land geprägt von einer Gesellschaft mit zunehmend folgenschweren Kultur- und Zivilisationsbrüchen, einerseits durch die Entchristianisierung der autochthonen Bevölkerung und die islamistische Radikalisierung in weiten Bereichen der Zuwanderungspopulation.
Die von Sobotka angesprochene „Selbstfindung“ Österreichs ist also ausgerechnet 100 Jahre nach der Republiksgründung in eine neue und womöglich viel dramatischere Phase getreten, als es sie jemals in den letzten 50, 60 Jahren gab. Feiern sollte man die Erfolgsgeschichte Österreich dennoch.


Österreichs „liebe“ Nachbarn

19. Mai 2018

Umzingelt von „Tschuschen“, „Piefkes“ und „Katzelmachern“ – was tun?

Im Leben der Völker ist es offenbar ähnlich wie in jenem der menschlichen Individuen: Die meisten Morde gibt es innerhalb der Familie, den größten Hass in der Nachbarschaft. Und tatsächlich ist die europäische Geschichte voll von Erbfeindschaften, die vor allem und zuallererst unter Nachbarn gepflogen werden. Da war zuallererst die legendäre deutsch-französische Erbfeindschaft, dann natürlich – noch viel älter – der auf den Hundertjährigen Krieg zurückgehende Hass zwischen Franzosen und Briten, dann die Aversion zwischen Deutschen und Polen. Und so ließe sich die Liste allein für die europäischen Völker nahezu endlos fortsetzen.
Was unser kleines heutiges Österreich betrifft, so ist dies umso skurriler, da die meisten Nachbarn, mit denen uns über lange Generationen solche Erbfeindschaften verbanden, zumeist über Jahrhunderte auch im selben Staatsverband lebten. Es war also dieser Nachbarschaftshass und es waren die damit verbunden Vorurteile häufig auch eine gewisse Form von Selbsthass, der vielleicht aus dem Nationalitätenstreit der letzten Jahrzehnte der Habsburger Monarchie herrührte. Gewiss trifft dies für den Gegensatz zwischen Deutschen und Slawen innerhalb der Habsburger Monarchie zu, aber auch auf den Antagonismus zwischen Magyaren und österreichischen Cisleithaniern. Und ähnlich verhält es sich bei den Italienern, die zumindest, was Oberitalien betrifft, ebenso lange unter der Herrschaft Österreichs lebten. Und besonders skurril ist es natürlich, wenn es sich um die „Piefkes“ handelt, die über fast ein Jahrtausend innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit uns ein gemeinsames Staatswesen teilten.
Aber der Reihe nach: Neben den ganz realen Formen des Selbsthasses, der innerösterreichischen Vorurteilspflege, wie sie etwa die hauptstädtischen Wiener gegenüber den „Provinzlern“ hegen oder letztere umgekehrt gegenüber den „Wiener Bazis“, ist es schon die bemerkenswerte Aversion der Österreicher gegenüber den benachbarten Ausländern, die bis vor ein, zwei Generationen – vielleicht auch heute noch? – die spezielle Form der austriakischen Xenophobie ausmachte. Die „Deitschn“ beispielsweise oder die „Piefkes“, wie man so schön sagt, sie sprechen zwar dieselbe Sprache, sie waren und sind in vielerlei Hinsicht das große Vorbild für das kleine Österreich. Und zumindest bis 1938 wollten sich nahezu alle Österreicher unbedingt und mit heißem Herzen an sie anschließen! Und heute? Heute ist die Aversion gegen die „Piefkes“ die einzig tolerierte Form von Xenophobie, die es in Österreich gibt. Alles andere ist politisch korrekt tabuisiert und geächtet. Aber das, was für den Bayern der „Saupreiß“ war und ist, ist bis in unsere Tage der „Piefke“ oder „Scheipi“ (=Scheiß Piefke) für den Alpenrepublikaner. Ein unverbesserlicher „Besserwessi“, einer, der schon in den düsteren Tagen der NS-Despotie den „schlappen Ostmärkern“ zeigen wollte, was eine Harke ist. Und der heute noch durch unangenehme Rechthaberei auffällt, wobei das besonders Widerliche an ihm ist, dass er meistens tatsächlich recht hat. Und der natürlich tüchtiger, fleißiger und erfolgreicher ist als die schlampigen Österreicher.
In der Zwischenkriegszeit waren wir die besseren Deutschen, davor waren wir gar Vormacht in Deutschland und noch viel weiter davor waren wir eben Grenzland, Grenzmark, Ostmark für die Deutschen. Und wenn man es auch postmodern zeitgeistig nicht glauben mag, ist es auch kein Zufall, dass wir Deutsch sprechen. Und zwar in Form des Burgtheaterdeutsch, eine der edelsten Ausprägungen dieser Sprache, weil wir nämlich schlicht und einfach ethnisch und kulturell zu 90 Prozent – noch – eben Deutsche sind. Aber nachdem wir Ludwig van Beethoven als Österreicher betrachten und Adolf den Braunauer als deutschen Despoten, wollen wir das verständlicherweise nicht so gerne hören.
Dann sind da die „Katzelmacher“ oder die „Walschen“, wie der Tiroler guttural zu sagen pflegt. Sie galten noch vor ein, zwei Generationen als jene, die uns die Autos stehlen, die uns am Markt von Tarvis Milano Synthetics als Lederjacken verhökern und gepanschten Wein ausschenkten. Überdies waren sie jene, die uns Südtirol geraubt haben, das Kanaltal samt Tarviser Markt und Lussari-Berg. Und sie haben uns natürlich in zwei Weltkriegen verraten, sind überhaupt Gauner und Mafiosi.
So war es einmal. Indessen ist natürlich längst die allgemeine und gesamtumfassende Italophilie ausgebrochen. Jeder Bildungsbürger besucht die Biennale und schlürft Sangiovese, gibt sich die weiße Alba-Trüffel und Capelunge und selbst das gemeine Volk aus Ottakring und Simmering, aus Kapfenberg und Fohnsdorf schlürft Suave und Chianti-Wein. Der Karneval in Venedig gehört zum Pflichtprogramm und den Samstagvormittag verbringt man zwischen Shopping und Cappuccino in Udine oder Triest. Die eigenen Söhne heißen längst nicht mehr Hans oder Franz, sondern Sandro und Mario und italienische Lebensart ist schlicht und einfach erstrebenswert, trotz Lega Nord und Silvio Berlusconi. Mit den Italienern haben wir uns also ausgesöhnt und das so richtig gründlich.
„I has Kolaric, du hast Kolaric, warum sagens zu dir Tschusch?“, so konnte man in den 70er Jahren auf Plakatwänden lesen. Der „Tschusch“ oder „Jugo“ hat sich längst ausdifferenziert, man ist Mitglied der serbischen Community oder der kroatischen, ist karrierebeflissener Slowene oder slowakische Rund-um-die-Uhr-Pflegerin. Als Feindbild – die haben unseren Thronfolger Franz Ferdinand erschossen – will er auch nicht mehr so recht taugen.
Seit der Slawe dem makronationalistischen Panslawismus abgeschworen hat und in mikronationalistische Kleinräumigkeit in die Balkan-Duodez-Fürstentümer geflüchtet ist, ist er uns längst ein zwar schrulliger, doch liebenswerter Nachbar geworden. Und am liebenswertesten ist er dann, wenn er einer in Österreich beheimateten serbischen-kroatischen-slowenischen oder wie auch immer balkanischen Community angehört, die man für sich und die eigene Partei als Wahlvolk lukrieren kann. Da beschwört man dann als österreichischer Politiker die Schlacht am Amselfeld, brüstet sich mit der entfernten Bekanntschaft mit dem General Zagorec oder singt als Bass-Bariton in einem Kärntner Chor das eine oder andere slowenische Lied’l.
Und überhaupt, warum hat es Slowenien im Jahre 1990 nicht geschafft, das zehnte österreichische Bundesland zu werden, oder die Slowakei, oder noch besser Kroatien mit seiner schönen dalmatinischen Küste? Nachdem aber etatistisches Denken und nationales Besitzstandsstreben ohnedies der Vergangenheit angehören, ist es ja völlig gleichgültig. Einen Luxus-Bungalow in dem Ferienwohnungskomplex, den die Kärntner Hypo im kroatischen Savudrija finanziert hat, ein Apartment in Portopiccolo nahe Triest, oder zumindest ein Kuraufenthalt in einer slowenischen oder kroatischen Therme ist allemal möglich, auch wenn das betreffende Territorium nicht unter österreichischem Hoheitszeichen
firmiert.
Und so werden die bis vor kurzem bösartig abwertend als „Tschuschen“ abgetanen Nachbarn zu einem ebenso liebenswerten Teil eines kulturellen Großraums, der sich in erster Linie durch Kulinarik, Kurzreisen, Weinverkostungen und Billigspirituosen definiert. Dass das Ganze im übergeordneten politischen Sinne noch durch das Phänomen der Visegrád-Staaten eine andere Bedeutung gewinnt, kümmert uns kaum. Kurioserweise sammeln sich dort jene politischen Kräfte Europas, die noch Europäer bleiben und keine türkischen, syrischen oder afghanischen Townships haben wollen. So wurde der einst als „Tschusch“ abgewertete Nachbar zum heldenhaften abendländischen Kämpfer gegen die Islamisierung. Der Polenkönig Johann Sobieski – oder ist es einer der beiden Kaczynski-Zwillinge? – als Schutzpatron der Kreuzritter gegen den Islam.
Nach „Piefkes“, „Katzelmachern“ und „Tschuschen“ bleibt nicht viel in der historisch gewachsenen Vorurteilslandschaft der Österreicher. Die Tschechen, im Wiener Volksmund auch nicht gerade lobpreisend als „Behm“ bezeichnet, geben nicht viel als Feindbild her, allzumal die Wiener ja selbst zum guten Teil tschechische Vorfahren haben. Die Ungarn als Widerpart in der k. u. k. Doppelmonarchie oder als Flüchtlinge von 1956 und heute als Orbán-Jünger gereichen den Österreichern weder zum Feindbild noch zum Vorbild in puncto Lebensart. Puszta, Plattensee und Budapest, Csárdás und Zigeunerprimas und – für die Gebildeten – das eine oder andere Gedicht von Nikolaus Lenau. Das war es aber auch schon.
Ja und im Westen unsere Nachbarn aus der Schweiz? Käsebohrer und Fremdwährungskredit–Profiteure! Das war es aber auch schon.
Soweit die alten Vorurteile und jene für den Österreicher offenbar typische negative Beurteilung all seiner Mitmenschen, wie sie bei Karl Kraus in den letzten Tagen der Menschen deutlich wird: Jedem Russ a Schuss, jedem Franzos an Stoß, jedem Brit an Tritt, Indien muss verschwindien, Serbien muss Sterbien, Sibieren muss erfrieren!
Irgendwo aber scheint es so, als hätte sich diese ressentimentgeladene Grundstimmung des Homo Austriacus in den letzten Jahren und Jahrzehnten im Hinblick auf die neuen Generationen gewandelt. Xenophilie gehört ja zum politisch korrekten Pflichtprogramm und ist zweifellos dort wirklich sinnvoll, wo es Nachbarn betrifft und nicht massenhafte Zuwanderung. Und wenn diese Nachbarn dann zunehmend Ziel von Wochenendausflügen, kulinarischen Reisen und Kulturtrips werden, ist mit den alten Ressentiments schon gar nichts mehr anzufangen. Der alte Spruch, wonach der Deutsche – in unserem Fall der Österreicher – alles Fremde hasse, es sei denn, es ließe sich trinken, ist also tatsächlich überholt und Vergangenheit. Im Gegenteil: Historische Gemeinsamkeiten, kulturelle Überschneidungen und soziologische Mixturen, wie wir sie aus den Jahrzehnten und Jahrhunderten der Habsburger Monarchie kannten, gewinnen eine neue Dimension, bewirken eine neues groß-regionales Lebensgefühl in Mitteleuropa rund um Österreich und eröffnen uns in diesem Teilbereich eine tatsächliche europäische Perspektive.
Gerade in Kenntnis der alten Vorurteile und der historisch gewachsenen Aversionen unter den Nachbarn, Aversionen, die immerhin zum Massensterben wie etwa in den Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs führten, hat das Wachsen dieses gut-nachbarlichen Lebensgefühls und der relativ jungen Sympathie für die Nachbarvölker irgendwo den Charakter einer kulturellen Evolution angenommen. Einer Evolution, die tatsächlich die Hoffnung aufkommen lässt, dass der Mensch – in unserem Fall eben auch der Homo Austriacus – lernfähig ist und sich zum Guten entwickelt.
Dass seit geraumer Zeit auch die politische Linke im Land in der Lage ist, die engen Bindungen zum benachbarten großen Deutschland als positiv zu empfinden und nicht als verdecktes Anschlussstreben definiert, ist in diesem Zusammenhang auch positiv. Natürlich liegt es darin, dass beispielsweise Österreichs Grüne in der erfolgreichen Grünbewegung in der benachbarten Bundesrepublik ein Vorbild sehen. Es liegt auch darin begründet, dass die heimische Sozialdemokratie historisch bedingt noch immer in der deutschen Sozialdemokratie – so sehr sie derzeit auch am Boden liegen mag – ein Vorbild sieht. Und es mag auch dadurch begründet sein, dass österreichische Gutmenschen in der bundesdeutschen Willkommenskultur die schönsten Ausformungen der Political Correctness zu sehen glauben. Tatsache aber bleibt, dass das, was man früher den rechten und nationalen Kräften in Österreich vorgeworfen hat, dass sie nämlich stets nach Deutschland schielen würden, nunmehr von der linken Seite durchaus positiv aufgenommen wurde.
Umgekehrt ist es ein Phänomen, dass das konservative, auch das nationalfreiheitliche Potential im Lande plötzlich nach Osten ins historisch gewachsene Mitteleuropa blickt und sich den Visegrád-Staaten annähern will. Nachbarn wie die Tschechen, die man früher wegen der Benes-Dekrete gegeißelt hat, oder auch die Slowenen mit ihren AVNOJ-Beschlüssen werden damit zu begehrten Partnern, denen man kluge politische Haltung, etwa in Sachen Zuwanderungspolitik attestiert. Solcherart vermag man an historisch gewachsene kulturelle und politischen Bindungen anzuschließen, wie wir sie aus der alten Monarchie eben kannten.
All das stellt einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die österreichische Position in geopolitischen Umfeld in Mitteleuropa dar: Dieses Beziehungsgeflecht ist von anderen und positiven Emotionen der Bevölkerung begleitet. Man schätzt die Nachbarn, Konfliktpotentiale werden historisiert, ein neues Miteinander entsteht und ein positives Aufeinanderzugehen, nun sind die Nachbarn tatsächlich „liebe Nachbarn“. Wenn das nicht erfreulich ist…


Österreichs verlorene Söhne

13. Mai 2018

Restvolksgruppen – die Altösterreicher deutscher Muttersprache

Sie leben zumeist in unmittelbarer Nachbarschaft der Alpenrepublik. In den Jahrzehnten des Kommunismus hat man sie, als Teil des Ostblocks, jenseits des Eisernen Vorhangs beinahe vergessen. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus schöpften sie kurz Hoffnung auf eine Renaissance. Alte versuchten, zumeist kümmerliche Reste ihrer Identität und Kultur zu bewahren: Die Altösterreicher deutscher Muttersprache in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie jenseits der heutigen österreichischen Grenzen.
Banater-Schwaben und Siebenbürger Sachsen, Banater Bergland-Deutsche, Gottscheer, Deutsch-Untersteirer, Ungarndeutsche, Zipser, Mährer, Südböhmen, Reste in den sudetendeutschen Gruppen, Karpaten-Deutsche in der heutigen Ukraine, Buchenland-Deutsche in der Bukowina, die kleine Gruppe der Deutschen in Tischelwang südlich der Kärntner Grenze, die Kanaltaler und natürlich die Südtiroler, sie alle sind Altösterreicher, das ist eine zweifelsfreie Tatsache. Altösterreicher sind allerdings die Tschechen, Slowaken, Ungarn, Slowenen, Kroaten etc. auch, die vorher Genannten allerdings sind Altösterreicher deutscher Muttersprache. Sie waren Angehörige des dominierenden Staatsvolks der cisleithanischen Reichshälfte der Habsburger Monarchie, der Deutsch-Österreicher nämlich, und sie wurden mit den Pariser Vorortverträgen im Jahre 1919 vom österreichischen Mutterland abgetrennt. Und zumeist verloren sie nach dem Zweiten Weltkrieg dann durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung vollends ihre Heimat. Sie, beziehungsweise die Reste dieser Volksgruppen, die heute noch in ihren angestammten Siedlungsgebieten leben, sind Österreichs verlorene Söhne.
Österreich, beziehungsweise die babenbergische Ostmark des Hochmittelalters, war ein Teil der deutschen Ostsiedlung. Entlang der Donau schoben sich deutsche Siedler hinein ins östliche Mitteleuropa, entlang von Mur und Drau drangen sie in den Südosten vor. Das Herzogtum Kärnten, das Herzogtum Krain, das Herzogtum Steiermark, später dann die Militärgrenze am Balkan und nach den Türkenkriegen die Besiedlung durch die Banater Schwaben, sie ergänzten uralte hochmittelalterliche Siedlungen wie jener der Siebenbürger Sachsen im Karpatenbogen, die rheinfränkischen Ursprungs ist. Und weit im slawischen Bereich Böhmens und Mährens, aber auch Kroatiens und Sloweniens und auch hinein in die ungarische Tiefebene bildeten sich durch diese jahrhundertelange Ostsiedlung deutsche Sprachinseln, kleinere und größere deutsche Siedlungsgebiete. Sie waren des Kaisers treue Kolonisten und häufig auch des Kaisers treueste Soldaten. Und sie bildeten ein Netz deutscher Kultur, braven Christentums und großen Arbeitsfleißes quer über den Donau- und Karpatenraum. Ein Netz, das wie kaum ein anderes den habsburgischen Herrschaftsgebieten zu Stabilität und Stärke verhalf. Sie hatten im frühen Hochmittelalter gegen die Magyaren, dann später gegen Hussiten und Kuruzzen und insbesondere gegen die Osmanen zu kämpfen. Ihnen war Tod und Not und das Ringen um den eigenen Siedlungsraum stets Begleiter ihrer gesamten Existenz. Und sie wurden vom österreichischen Mutterland, auch von der heutigen Republik, nur allzu oft vergessen.
Natürlich waren diese deutschen Volksgruppen nach 1918 in den neuen Nationalstaaten der Slawen und der Magyaren häufig auch beliebte Mitbürger, da sie tüchtig und zuverlässig waren. Letztlich aber waren sie doch Opfer der tragischen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie mussten für deutschen Größenwahn und deutschen Imperialismus durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung büßen. Und jene deutschen Restvolksgruppen, die nach 1945 auf dem Boden der ehemaligen Habsburger Monarchie noch weiter existierten, sie hatten häufig unter Diskriminierung und Entrechtung zu leiden – bis heute.
Im Nachkriegsösterreich waren zwar die volksdeutschen Vertriebenen, die ja in den ersten Nachkriegsjahren zu hunderttausenden ins Land kamen, ein zwar nicht immer beliebter, aber wirtschaftlich höchst wichtiger Faktor, sie waren treibende Kräfte des Wiederaufbaus und integrierten sich innerhalb kürzester Zeit problemlos in die angestammte Bevölkerung der österreichischen Bundesländer. Ihre Selbstorganisation in Landsmannschaften und Vertriebenenverbände war zumeist ziemlich unpolitisch, ja geradezu spießig bieder und ohne nennenswerten Revanchismus. Nun, im achten Jahrzehnt nach Kriegsende sind diese Verbände längst zu überalterten Trachten- und Brauchtumsgruppen geschrumpft. Jene Versuche, die man nach dem Zusammenbruch des Kommunismus da und dort startete, um verlorenes Vermögen, enteignetes Gut und widerrechtlich unter fremde Herrschaft gekommenes Eigentum zurück zu erhalten, waren von mäßigem Erfolg begleitet. Zwar gab es die eine oder andere Geste, wirklich erfolgreich aber waren nur Kirche und aristokratische Großgrundbesitzer – zumindest in Böhmen. Man war schon froh, wenn Länder wie Kroatien sich von den titoistischen AVNOJ-Beschlüssen distanzierten und überdies einigermaßen ohnmächtig, wenn Länder wie Tschechien die alten Beneš-Dekrete kaltschnäuzig beibehielten.
Neben den Folgen von Flucht und Vertreibung und dem Druck der kommunistischen Diktaturen war es aber paradoxerweise das bundesdeutsche Grundgesetz, das zum Schwinden dieser Volksgruppen entscheidend beitrug. Die Bestimmung, dass jedem Deutschen, aus welchem Lande der Welt auch immer, auch die deutsche Staatsbürgerschaft mit all ihren Benefizien zusteht, sorgte beispielsweise für die brutale Ausdünnung der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben in Rumänien. Trotz brutalster Behandlung der Siebenbürger Sachsen durch die sowjetische Rote Armee und trotz Flucht und Vertreibung waren es noch an die 900.000 Siebenbürger Sachsen, die in den Nachkriegsjahren das Land zwischen Hermannstadt und Kronstadt bevölkerten. Ebenso war das rumänische Banat rund um Temeschwar noch von einer starken deutschen Volksgruppe bewohnt. Sie wurden dann in der Folge in den 70er- und 80er- Jahren von der Bundesrepublik aus Ceausescu-Rumänien geradezu herausgekauft. Ein blendendes Geschäft für die roten Despoten und der Tod für die historischen deutschen Volksgruppen.
Heute sind es Reste von Resten, die in alten deutschen Städten wie Hermannstadt in Rumänien oder Iglau in Tschechien, in der Zips in der Slowakei oder in den Dörfern der Karpato-Ukraine, aber auch in der slowenischen Gottschee, in Marburg und Abstall die Existenz einer deutschen Volksgruppe zu behaupten zu versuchen. Und das zumeist gegen staatliche Schikanen und gegen mangelnde Hilfe aus Österreich. Zumeist war das Wiener Außenamt der Ansicht, dass sich doch die Bundesdeutschen um diese Restvolksgruppen kümmern sollten, auch wenn diese völlig klar und zweifelsfrei Altösterreicher waren und sind. Zwar gab und gibt es immer wieder das eine oder andere freundliche Wort, die eine oder andere zaghafte Initiative des österreichischen Außenministeriums, etwa den restlichen deutschsprachigen Altösterreichern in Slowenien Volksgruppenrechte zu verschaffen. Appelle an die Verantwortlichen in Laibach sind allerdings bislang stets ohne Ergebnis verhallt. Und mit Prag, Budapest, Bukarest oder gar mit Kiew hat man diesbezüglich wohl noch nie wirklich über die Problematik und die Rechte dieser versprengten Altösterreicher verhandelt. Es handelt sich eben um Österreichs verlorene Söhne, verraten, verkauft und vergessen.
Irgendwo scheint bei dieser Verweigerung der Zweiten Republik, die Verantwortung für diese altösterreichischen Restvolksgruppen zu übernehmen, auch die Angst mitzuspielen, dass man damit implizit ja die deutsche Identität Österreichs zugeben würde. Tatsächlich müsste man sich logischerweise die Frage stellen, warum sollte sich Österreich denn um deutsche Volksgruppen kümmern, wenn es selbst nicht in irgendeiner bestimmenden Weise auch „deutsch“ wäre?
Dieselbe Frage muss man natürlich im Hinblick auf Südtirol stellen. Da stand es zwar seit der Wiedergründung der Zweiten Republik stets außer Frage, dass Österreich so etwas wie eine Schutzmachtfunktion für die Südtiroler, die Deutschsprachigen, aber auch die Ladiner zu übernehmen hatte. Und man war ja auch tatsächlich Verhandlungspartner Italiens, als es um die Autonomie für Südtirol ging. Ein wirkliches Herzensbedürfnis allerdings war auch Südtirol nur dem nationalliberalen Lager und dessen politischen Vertretern. Kein Wunder auch, dass die neue türkis-blaue Bundesregierung Österreichs unter freiheitlichem Einfluss nunmehr das Recht auf eine Doppelstaatsbürgerschaft für die Südtiroler einfordert. Die Autonomie Südtirols allerdings ist eine derart starke und mit wirklichem Recht und wirklicher Eigenverantwortung so positiv abgesicherte, dass man mutmaßen muss, dass die Mehrheit auch der deutschsprachigen Südtiroler heute eine Rückkehr zum österreichischen Mutterland gar nicht mehr wirklich für wünschenswert erachten.
Heute sind die geschrumpften und marginalisierten Restvolksgruppen der deutschsprachigen Altösterreicher in der Situation, dass sie sich allesamt fragen müssen, ob sie in der kommenden Generation überhaupt noch existieren werden. In Ungarn, wo es an die 200.000 Ungarndeutsche gibt, ist die kulturelle Nivellierung längst soweit fortgeschritten, dass man davon ausgehen muss, dass diese eigentlich keine deutschen Muttersprachler sind, sondern Deutsch allenfalls als Fremdsprache in der Schule lernen. Sie sind also eigentlich nur mehr deutschstämmig und keine Deutschen mehr, Altösterreicher allerdings sind sie in jedem Falle.
Und was die kleineren Restvolksgruppen in Tschechien, in der Slowakei, in Slowenien, in Kroatien und in Rumänien betrifft, so ist deren Existenz insgesamt für die Zukunft mehr als gefährdet. Für sie besteht die Gefahr, dass sie nur mehr als historische Reminiszenz und als Teil einer historischen Gendenkkultur in Restbeständen überleben. Und das auch nur mit massiver Förderung jener Staaten, auf deren Territorium sie existieren und mit massiver Förderung aus Österreich. Eine solche allerdings zeichnet sich bislang nicht wirklich ab. Zwar gibt es Brosamen aus dem Bereich der staatlichen Auslandskulturarbeit und es gibt natürlich zivilgesellschaftliche Initiativen wie etwa jene des Kärntner Heimatdienstes für die Slowenien-Deutschen. Insgesamt aber sind die Mittel, die hier fließen für die Erhaltung einer kulturell gefestigten ethnischen Minderheit viel zu gering.
Nach Wegfall der nachbarschaftlichen Aversionen und der alten Erbfeindschaften, die die Österreicher gegenüber vielen ihrer Nachbarn, zu Tschechen und Slowaken, zu den Südslawen und zu den Ungarn und Italienern auch hegten – und das trotz der gemeinsamen Geschichte innerhalb der Habsburger Monarchie – könnten diese kleinen Restvolksgruppen der Altösterreicher deutscher Muttersprache allerdings eine kulturelle und auch soziologische Brückenfunktion zwischen Österreich und seinen Nachbarn einnehmen.
All dies war in vergangenen Jahrzehnten und für vergangene Generationen Argument für territoriale Ansprüche und nationales Besitzstandsdenken. Diese Brückenfunktion, die Österreichs verlorene Kinder ausfüllen könnten, ist aber nur dann möglich, wenn sich die Menschen dieser kleinen ethnischen Restminderheiten und die Menschen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung gemeinsam, vor allem im zivilgesellschaftlichen Bereich, zur Aufarbeitung der leidvollen Geschichte des 20. und 19. Jahrhunderts finden.
Die Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs müssen Österreicher und Italiener längst nicht mehr trennen. Im Gegenteil, sie können gemeinsam der Opfer dieser Schlachten gedenken und den Wahnsinn der alten nationalen Antagonismen ächten. Ebenso verhält es sich mit den Benes-Dekreten, die man als das betrachten kann, was sie sind: Eine historische Hypothek, die keine Rolle mehr spielen darf. Und ähnlich wird es mit den AVNOJ-Beschlüssen sein, wenn die kleine deutsche Restminderheit in Slowenien doch noch so wie die Ungarn und die Italiener die Rechte einer ethnischen Minderheit und die dazugehörende Förderung seitens der Zentrale in Laibach/Ljubljana erhält.
Dazu wird es notwendig sein, dass seitens der führenden Persönlichkeiten dieser Restminderheit jeder Verdacht, sie würden revanchistische Gelüste oder ähnliches hegen, ausgeräumt wird. Und seitens der Mehrheitsbevölkerung beziehungsweise der Regierenden in den betreffenden Staaten wird es notwendig sein, vergangenes Unrecht wie Vertreibung, Entrechtung und Enteignung zu bedauern und die Restminderheit als wertvollen Bestandteil der eigenen Bevölkerung und als wertvollen Teil der historischen gewachsenen kulturellen Vielfalt des eigenen Landes zu begreifen.


Der 8. Mai im Gedenkjahr

2. Mai 2018

Und wieder nähern wir uns dem 8. Mai, jenem Tag, der weltweit von Feiern der Kriegssieger von 1945 geprägt ist, jenem Tag, der hierzulande – und das durchaus mit Recht – als Tag der Befreiung gefeiert wird. Jenem Tag, an dem bis vor wenigen Jahren noch am Heldenplatz ein Totengedenken der Wiener nationalfreiheitlichen Korporationen stattfand, das stets für massive Proteste aus dem politisch-korrekten und linken Bereich sorgte.
Heuer im Gedenkjahr 2018 wird man zweifellos mit besonderer Intensität an die historischen Ereignisse erinnern: Der vor 80 Jahren erfolgte „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und die sieben Jahre später erfolgte Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime stellen ja tatsächlich Erinnerungsdaten dar, die man nicht vergessen soll. Nun wissen wir natürlich, dass der „Anschluss“ von der Mehrheit der Österreicher im März 1938 bejubelt wurde. Wir wissen auch, dass eine ebensolche Mehrheit im Laufe des Krieges bei Erkenntnis über den Charakter des NS-Regimes und durch das Kriegsleid diesen Jubel der Märztage von 1938 zunehmend bedauerte. Wir wissen auch, dass für einen Großteil der Österreicher das Kriegsende zweifellos ein Tag der Freude war, endlich Schluss mit Kampfhandlungen und angloamerikanischem Bombenterror und natürlich endlich Schluss mit dem Terror des braunen Regimes. Genauso aber wissen wir natürlich, dass dieses Kriegsende für die meisten Österreicher mit großem Leid verbunden war, viele waren ausgebombt, viele beklagten gefallene Väter, Brüder und Söhne. Zehntausend derselben waren in deutscher Uniform in die Gefangenschaft gegangen und sollten noch jahrelang nicht heimkehren, Hunderttausende wurden vertrieben und aus benachbarten deutschen Siedlungsgebieten nach Österreich deportiert. Und zehntausende Frauen, insbesondere im Machtbereich der Sowjetarmee, wurden Opfer von Vergewaltigungen. Angesichts dieses Leids dürfte das Gefühl der Befreiung damals für die betroffenen Menschen wohl eher in den Hintergrund getreten sein.
Es müssten alle Österreicher an diesem Tag ebenso trauern! Natürlich nicht über das Ende des NS-Regimes, natürlich nicht über die Niederlage des Großdeutschen Reiches! Wohl aber – und das mit jeder moralischen Berechtigung – über das damalige Leid der betroffenen Menschen, über das Leid der Opfer des Nationalsozialismus, der aus rassischen Gründen ermordeten Menschen und der als politische Gegner des Nationalsozialismus Verfolgten. Aber auch über das Leid der ganz normalen Österreicher, der gefallenen Soldaten, der Kriegsgefangenen, der Ausgebombten, der Vertriebenen!
Das durchaus tragische und leidvolle Schicksal der durchschnittlichen Österreicher in den Jahren rund um den Zweiten Weltkrieg wurde bislang bei den offiziellen Feiern in Gedenkjahr 2018 nur allzu häufig ausgeklammert beziehungsweise nur am Rande erwähnt. An diesem 8. Mai sollten wir uns allerdings alle gemeinsam daran erinnern und uns in Trauer vor den betroffenen Menschen verneigen und danach dürfen wir uns gemeinsam über die wiedererrungene Freiheit freuen und diese auch entsprechend feiern.
Zusätzlich sei angemerkt, dass aus Befreiungsfeiern, wie sie hierzulande durchaus mit historischer Legitimität begangen werden dürfen, keine Beteiligung an den Siegesfeiern werden sollten. Von bundesdeutscher Seite ist man ja bereits übergegangen, sich an den alliierten Siegesfeiern als Mitsieger von 1945 zu beteiligen, irgendwo ein pietätloser Akt gegenüber dem Leid des eigenen Volkes, könnte man meinen.


Der Homo Austriacus

29. März 2018

Von Nörglern, Nebochanten und Leidgenossen und einem begnadeten Menschenschlag

Der Österreicher – wer ist das? Was zeichnet ihn aus und wodurch unterscheidet er sich von seinen europäischen Nachbarn? Gibt es ihn überhaupt als kulturellen Phänotypus, oder gibt es nur Steirer und Kärntner, Tiroler, Salzburger und Wiener? Und ist dieser Österreicher in unseren Tagen derselbe wie der in der Monarchie oder jener in kommenden Jahrzehnten? Welche guten Eigenschaften hat er, welche schlechten?
Fragen über Fragen, die natürlich nur mittels Klischees beantwortet werden können. Solche Klischees, die aus Pauschalurteilen, bisweilen sogar aus Vorurteilen bestehen, haben die merkwürdige Eigenschaft, dass sie im Einzelfall nie zutreffen, insgesamt aber doch mehr Wahrheit transportieren, als man glauben kann. Halten wir uns also an die Klischees!
Da wäre einmal das Klischee, dass die Österreicher ein freundliches Volk wären. Als Tourismusland bieten sie ja „Urlaub bei Freunden“ an, und schon aus Geschäftsgründen müssten sie liebenswürdig, freundlich und zuvorkommend gegenüber ihren Gästen sein. Man braucht sich allerdings nur an Mitterers „Piefke-Saga“ erinnern, um zu wissen, von welcher Qualität diese Freundlichkeit ist. Wer sich überdies vergegenwärtigt, mit welcher Inbrunst Touristen etwa am Ende der jeweiligen Saison verabscheut werden, weiß dies ebenso. Und wenn die vorgebliche Liebenswürdigkeit der Österreicher historisch aus dem Bereich der Habsburger Monarchie begründet wird, bleibt bei näherer Betrachtung auch nicht sehr viel übrig. Der Mythos von Sisi und Franzl wirkt eher hohl, wenn man bedenkt, mit welcher Brutalität etwa die Truppen des jugendlichen Kaisers Franz Joseph im Jahr 1848/49 den ungarischen Aufstand niedergeknüppelt haben – oder auch die Wiener Revolution. Das Bild von Mozartkugeln und Lipizzanern von der Insel der Seligen, bevölkert von weintrinkenden und lederbehosten Jodlern, ist sogar den Österreicher selbst längst fremd geworden.
Nächstes Klischee: Die Österreicher seien weltoffen und tolerant. Wer allerdings all die „Kosenamen“ bedenkt, mit denen die Österreicher ihre Nachbarn titulieren, kann rasch zur Ansicht kommen, dass von dieser Weltoffenheit und Toleranz wenig zu spüren ist. Da gibt es einmal die „Piefkes“, die man von Herzen verabscheut. Dann die „Katzelmacher“, denen man ein gebrochenes Verhältnis zur Unantastbarkeit des persönlichen Eigentums nachsagt. Dann die sogenannten „Tschuschen“, worunter man gleich alle Balkanvölker samt und sonders qualifiziert. Dann natürlich „Kümmeltürken“ und ähnliches bis hin zu den unsäglichen Resten antisemitischer Klischees. Natürlich sind diese Vorurteile gegenüber benachbarten Völkern und Kulturen historisch bedingt und zum großen Teil vor langen Generationen entstanden. Sie halten sich allerdings mit großer Beständigkeit und stellen der Weltoffenheit der Österreicher ein schlechtes Zeugnis aus. Unbestritten ist allerdings dennoch, dass es in Österreich noch aus Zeiten der Donaumonarchie herreichend ein gewisses Verständnis für die slawischen, die romanischen und die magyarischen Kulturen gibt, hat man doch selbst einen Teil der daher stammenden Einflüsse rezipiert und zu jenem Kulturmix gemacht, der eben typisch österreichisch ist.
Damit ist man schon beim nächsten Klischee: Die Österreicher sind alles, nur keine Deutschen. Da gibt es dann den Scherz, wonach es die gemeinsame Sprache sei, die uns von den Deutschen trenne. Ganz so, als ob nicht Innviertler und Niederbayern wesentlich mehr gemeinsam hätten als letztere mit Nordfriesen und Holsteinern. Ganz so, als wären Vorarlberger und Baden-Württemberger einander nicht wesentlich ähnlicher als die Bewohner von Rostock und jene von Freiburg im Breisgau. Auch wenn sich Österreich längst nicht mehr als „deutscher Staat“ versteht wie in der Ersten Republik, sind die Überschneidungen Österreichs mit dem bundesdeutschen Nachbarn im Hinblick auf Wirtschaft, Kommunikation und auch persönliche Mobilität heute wesentlich intensiver als je zuvor. Tatsache bleibt es allerdings, dass die Österreicher wesentlich anders „ticken“ als ihre bundesdeutschen Nachbarn: Die Bundesdeutschen meinen, was sie sagen. Die Österreicher hingegen sagen keineswegs immer das, was sie meinen. In Deutschland ist die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos, in Österreicher ist sie hoffnungslos, aber keineswegs ernst. Das sind nun zweifellos alles Klischees, sie sind aber auch in hohem Maße zutreffend.
Zu den weiteren Klischees – in diesem Falle ein negatives –, die es zu hinterfragen gilt, gehört die Behauptung, dass die Österreicher Opportunisten wären. So im Sinne von Qualtingers „Herrn Karl“, der sich mit geradezu widerlicher Anpassungsfähigkeit allen herrschenden Regimen und allen Zeitgeistströmungen anzupassen weiß. Im März 1938 war man jubelnd am Heldenplatz, nach 1945 war man selbstverständlich Sozialist und gewerkschaftlich organisiert, in der Monarchie hätte man dem Bürgermeister Lueger die Hand geküsst und in der jüngeren Zeit hätte man zweifellos dem oppositionellen H.C. Strache zugejubelt. Natürlich sei man vehement gegen Fremdenfeindlichkeit, aber Türken und schwarze Drogendealer möge man halt einfach nicht. Dieses hässliche Bild des Österreichers ist zweifellos überzeichnet. Richtig ist allerdings, dass die Österreicher Überlebenskünstler sind, anpassungsfähig und flexibel. „Situationselastisch“, könnte man ihr Verhalten vielleicht da und dort bezeichnen, wenn man ihre politischen und weltanschaulichen Positionen betrachtet.
Zuerst war man natürlich für das Erzhaus, den Kaiser und das Vaterland, dann zwischen 1918 und 1938 entweder für den Schutzbund oder die Heimwehr und jedenfalls für den Anschluss, den man 1938 doch weitgehend bejubelt hat. Nach 45 war man für die Befreier, vor allem natürlich für die Amis und natürlich für den Staatsvertrag. Und dann war man für Karl Schranz und für Bruno Kreisky und in Cordoba für die Nationalmannschaft. Und natürlich war und ist man für Nationalhelden wie für Marcel Hirscher, Conchita Wurst und David Alaba. Haydn, Mozart und Beethoven sind da schon ein wenig weiter weg. Grillparzer, Hofmannsthal und Handke interessieren schon nur mehr Ö1-Hörer und andere Bildungsbürger.
Und damit sind wir bei einem weiteren Klischee: Die Österreicher seien eine Kulturnation. Und das stimmt natürlich auch, wiewohl das Gros an historisch gewachsener Kultur und an Manifestation sogenannter Hochkultur wie Burgtheater, Staatsoper, Kunsthistorisches Museum, Albertina etc. schlicht und einfach das Erbe der Monarchie darstellen. Die kleine Republik Österreich oder früher die kleinen Kronländer der Monarchie hätten das alleine nie zustande gebracht. Das ist eben das Erbe des Kaiserhauses, das Erbe der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien, das uns – ein wenig unverdient – in den republikanischen Schoß gefallen ist. Dieses Erbe wird allerdings von einem Großteil der Österreicher nur in sehr geringem Maße wahrgenommen und kaum konsumiert. Wieviele Prozente der Angehörigen dieser österreichischen Kulturnation waren schon in der Staatsoper oder bei einem Konzert im Musikvereinssaal? Wie viele haben die Schatzkammer in der Hofburg besucht oder die Salzburger Festspiele? Wenn man diese Fragen beantwortet, reduziert sich das Bild von der Kulturnation Österreich doch auf ein relativ bescheidenes Maß.
Was man den Österreicher allerdings unbestreitbar nachsagen kann ist, dass sie Bürger einer stabilen Demokratie mit einem gesicherten republikanischen Patriotismus und einem funktionierenden Rechtsstaat sind. Die Republik gehört zu den reichsten Ländern der Welt, ihre Bürger verfügen über ein hohes Maß an relativer Freiheit, relativem Frieden und relativem Wohlstand. Hier leben zu dürfen, ist am Beginn des 21. Jahrhunderts im globalen Vergleich zweifellos ein Privileg.
Wenn man also die autochthone Bevölkerung des heutigen Österreich definieren will, muss man zuerst sagen, dass sie die Nachkommen jener Menschen sind, die in den deutschen Erblanden der Habsburger Monarchie über Jahrhunderte den Kernbereich des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation getragen haben und zuletzt ein Jahrhundert bis hin zum Ende des Ersten Weltkriegs den schwergewichtigsten Teil einer multinationalen, auf den ganzen Donauraum erstreckten Monarchie darstellten. Sie waren also Träger einer übernationalen Reichsidee, offen, aber auch ausgesetzt allen kulturellen Einflüssen aus den Bereichen dieser Monarchie. Aber sie waren natürlich auch Deutsche, eine Tatsache, die bis hinein in die düsteren Jahre des NS-Regimes von kaum jemand bezweifelt wurde. Diese Menschen in den deutschen Kronländern der Habsburger Monarchie, zuerst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dann der Doppelmonarchie, zeichneten sich schon sehr früh durch Besonderheiten aus, etwa durch ein katholisch fundiertes barockes Lebensgefühl. Danach gab es die Einflüsse der Aufklärung, des Josephinismus, dann der privatisierenden Kultur des Biedermeier und schließlich jenen der Gründerzeit, in der Wien als Hauptstadt des multinationalen Reiches tatsächlich zu einer Weltstadt wurde.
Dass dieses spezifisch österreichische Lebensgefühl nach 1945 ein auf den Staat, auf die Republik zentriertes Nationalbewusstsein werden konnte, ist also nicht verwunderlich. Gewiss spielte dabei der Opportunismus eine Rolle, mit dem man sich von den geschlagenen Deutschen und deren Verantwortung für historisch einzigartige Verbrechen zu distanzieren versuchte. Die Erfolgsstory aber, als die die Geschichte der Zweiten Republik betrachtet werden kann, hat das breite und fundierte Bewusstsein in der Bevölkerung geschaffen, Bürger eines funktionierenden, sinnvollen und sinnstiftenden Staatswesen zu sein. Das ist wohl die Basis des heutigen österreichischen Lebensgefühls.
Und dann sind da noch Eigenheiten, welche man sich klischeehaft selbst zuordnet: Angehöriger jener Nation zu sein, die alljährlich das Neujahrkonzert der Philharmoniker über den Äther in alle Welt hinaustönen lässt. Angehöriger jenes Landes zu sein, dessen Schifahrer regelmäßig Weltmeister und Olympiasieger werden. Angehöriger jener Republik, wo der Salzburger „Jedermann“ gespielt wird und die Lipizzaner in der Hofreitschule auftänzeln, Bürger eines Landes zu sein, dass EU-Nettozahler ist, das sich durch ein hohes Maß an sozialem Frieden und wirtschaftlichem Wachstum auszeichnet. Schließlich auch Bürger eines Landes zu sein, das als Sehnsuchtsziel für hunderttausende Flüchtlinge – aus welchen Gründen auch immer, zumeist wohl aus wirtschaftlichen – aus aller Welt gilt.
Und damit sind wir bei einem weiteren entscheidenden Thema, welches die Identität des Österreicher der Gegenwart beeinflusst: die Massenzuwanderung. Bereits die Gastarbeiterströme der 60er und 70er Jahre hatten den Zustrom fremder Populationen mit sich gebracht. Während die Wanderungsbewegungen der Nachkriegszeit die Vertriebenen und geflohenen Angehörigen des Ostdeutschtums, aus dem Sudetenland oder vom Balkan nach Österreich schwemmten und kaum soziokulturelle Probleme mit sich brachten, war die Gastarbeiterzuwanderung bereits ein Faktor ethnischer rund kultureller Veränderung. Aber erst die Massenzuwanderung der letzten Jahre, insbesondere der Jahre 2015 und 2016, zeitigte einen quantitativ tatsächlich massiven Faktor, der die ethnische Substanz der österreichischen Wohnbevölkerung verändern wird. Rund ein Viertel der Wohnbevölkerung dürfte bereits Migrationshintergrund haben und deren höhere Geburtenrate, der Familiennachzug und ein anhaltender – wenn auch gebremster – weiterer Zustrom könnte die autochthone Bevölkerung des Landes tatsächlich in ein, zwei Generationen in die Defensive drängen. Wie sich der Charakter des Homo Austriacus ändern wird, kann man nur vermuten. Zweifellos wird es stärker islamische Einflüsse geben, das traditionell katholische Österreich mit seinen protestantischen Enklaven wird also in religiöser Hinsicht zunehmend muslimisch beeinflusst werden.
Insgesamt dürfte es eine Gesellschaft mit vielerlei Parallelgesellschaften werden, einerseits mit integrierten Communities wie etwa jenen, die vom Balkan stammen (Serben, Kroaten), und andererseits mit ghettoisierten Minderheiten, die sich von der autochthonen Bevölkerung abschotten. Dies betrifft weitgehend den Bereich der türkischen Zuwanderer, aber auch jener, der in jüngster Zeit aus dem arabisch-syrischen Bereich gekommen sind. Einen weiteren Faktor stellen dabei Menschen aus Zentralasien (Afghanistan, Pakistan) und aus Schwarzafrika dar. Assimilation und Vermischung wird dabei natürlich auch stattfinden, Konflikte zwischen den einzelnen Zuwanderergruppen, aber auch mit der autochthonen Bevölkerung werden dabei unvermeidbar sein. Ob es dabei bei sozialen Verteilungskämpfen bleibt oder ob es tatsächlich auch zu Gewalt und Ausschreitungen kommt, ist eine weitere Frage.


Die alte Tante SPÖ

24. März 2018

Über Glanz und Elend des Austromarxismus

Es begann vor 130 Jahre in der kleinen Ortschaft Hainfeld im Wienerwald: Der Armenarzt Victor Adler vermochte die verschiedenen Gruppierungen und Strömungen der Arbeiterbewegung in den habsburgischen Landen zu einer einzigen sozialdemokratischen Partei zu einigen. Der Mediziner mit großbürgerlichem Hintergrund aus jüdischer Familie und sein Mitstreiter Engelbert Pernerstorfer waren ursprünglich Mitkämpfer des alldeutschen Georg Ritter von Schönerer gewesen. Sie hatten noch in den frühen 80er Jahren am Linzer Programm Schönerers mitgearbeitet und waren als Studenten für wenige Jahre Burschenschafter gewesen. Liberales Denken und deutschnationales Fühlen waren den Parteigründern also nicht fremd. Ab der Parteigründung des Jahres 1888 aber, war es der Marxismus, der – wenn auch in relativ gemäßigter Art und Weise – Adlers und Pernerstorfers Denken bestimmen sollte.
Von Anbeginn an orientierte sich die österreichische Sozialdemokratie an der reichsdeutschen Schwesterpartei. Diese war vom Burschenschafter Ferdinand Lassalle, ebenfalls Jude, der nach einer Frauengeschichte in einem Duell fallen sollte, gegründet worden und in ihrer Frühzeit maßgeblich vom Corpsstudenten August Bebel beeinflusst. Diese Bindungen zur deutschen Sozialdemokratie fanden einen ersten Höhepunkt in den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, als die österreichischen Sozialdemokraten die primäre treibende Kraft des Anschlusses an die damals ebenso sozialdemokratisch regierte Weimarer Republik waren.
Noch in den Tagen Bruno Kreiskys gab es so etwas wie ein Sonderverhältnis zwischen der österreichischen SPÖ und der bundesdeutschen SPD des Willy Brandt. Die große deutsche Sozialdemokratie war eben das leuchtende Vorbild für die österreichischen „Roten“.
Diese allerdings waren aber in ideologischer Hinsicht um einiges radikaler als die reichsdeutschen Genossen, was sich insbesondere in der Ersten Republik in der Person des Chefideologen Otto Bauer manifestierte. Diese Radikalität, die sich im Theoriegebäude des Austromarxismus niederschlug, deckte aber das gesamte linke Spektrum derartig umfassend ab, dass in der Ersten Republik in Österreich keine nennenswerte kommunistische Partei Fuß fassen konnte.
Die roten Garden, wie sie etwa unter der Teilnahme des „fliegenden Reporters“ Egon Erwin Kisch bei der Ausrufung der Republik am 12. November 1918 eine Schießerei vom Zaun brachen, sollten eine Kleingruppe bleiben. Eine Kleingruppe allerdings, die während der Ersten Republik als einzige neben den habsburgischen Legitimisten gegen den Anschluss an Deutschland auftrat und die ab 1945 unter der Patronanz der sowjetischen Besatzungsmacht für die Anfangsjahre der Zweiten Republik ein nicht unwesentlicher Faktor sein sollte. Ein Faktor, der im Jahre 1950 noch einmal so etwas wie einen Putschversuch unternahm, der jedoch von Innenminister Franz Olah rigoros unterbunden wurde.
Doch zurück zu den Gründerjahren: Neben dem Kampf um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der arbeitenden Menschen, wie etwa einer Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, des Verbots von Kinderarbeit und anderen Arbeitnehmerrechten, war es vor allem der Kampf um das allgemeine und gleiche Wahlrecht, der von der Sozialdemokratie in den letzten Jahrzehnten der Monarchie vorangetragen wurde.
Erst mit der Abschaffung des Zensuswahlrechts, das ja bekanntlich die vermögenderen Bevölkerungsschichten, insbesondere das Bürgertum, bevorzugt hatte, vermochte die Sozialdemokratie zu einer nicht zu übersehenden Kraft im Reichsrat der cisleithanischen Reichshälfte aufzusteigen. Gemindert wurde diese Stärke allerdings bald durch die Abspaltung der nichtdeutschen sozialdemokratischen Parteien, die in der österreichischen Reichshälfte der Monarchie ihren eigenen Weg zu gehen trachteten.
Trotz des theoretischen revolutionären Impetus des Austromarxismus war die „k. u. k.-Sozialdemokratie“ des Victor Adler dem Kaiserhaus gegenüber weitgehend loyal. Nach Erlangung des allgemeinen gleichen Wahlrechts für Männer wurde die Sozialdemokratie bei den Wahlen des Jahres 1911 zur stärksten Partei im Reichsrat, wobei allerdings die in eine Reihe von Clubs und Einzelparteien zerfallenen deutschnationalen und deutschliberalen Parteien insgesamt stärker waren.
Trotz ihrer extrem linken Ausrichtung geriet die österreichische Sozialdemokratie in den Monaten nach dem Ersten Weltkrieg niemals in Versuchung, so wie in München oder in Budapest ein räterepublikanisches System nach Sowjetmuster aufzuziehen. Als klug erwies sich in diesem Zusammenhang die Entscheidung der bürgerlichen Parteien, einen Exponenten der Sozialdemokratie, nämlich den hochrangigen Parlamentsbeamten Karl Renner, zum Vorsitzenden des Staatsrats der provisorischen Regierung zu wählen. Mit dieser Maßnahme bewegte man die Sozialdemokratie dazu, die Straße und allfällige Protestdemonstrationen unter Kontrolle zu halten und eine tatsächliche Revolution zu verhindern.
Zweimal stand die Sozialdemokratie federführend an der Wiege der Republik. Und sowohl im Herbst 1918 als auch im Frühling 1945 war es die Person des Karl Renner, der die Staatsspitze stellte.
Als Staatsratsvorsitzender des Jahres 1918 arbeitete er die erste provisorische Verfassung aus und leitete die österreichische Delegation bei den Friedensverhandlungen in Saint-Germain-en-Laye. Im Jahr 1920 allerdings musste sich die gesamte Sozialdemokratie in die Opposition verabschieden. Die Koalition mit den Christlichsozialen war geplatzt, und diese sollten für die weiteren Jahre der Ersten Republik bis 1934 mit den nationalliberalen Parteien und danach in Form des autoritären Ständestaats an der Regierung bleiben.
Karl Renner, der in die Jahre des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit in seiner Villa in Gloggnitz verbracht hatte, sollte dann auch wieder an der Wiege der Zweiten Republik stehen und das nicht zuletzt, weil er als politischer Pragmatiker – ein Pragmatismus, der bisweilen schon an Opportunismus grenzte – den „Genossen Stalin“ briefliche Lobeshymnen übermittelte und solcherart mit der Bildung einer provisorischen Staatsregierung betraut wurde.
Deshalb wurde er auch zum ersten Bundespräsident der Zweiten Republik. Unmittelbar nach der Gründung der Republik im Herbst 1918 gaben sich die Sozialdemokraten als die Anschluss-Partei schlechthin. Neben den Deutschnationalen waren sie es, die bis zum Jahre 1933 am entschiedensten für die Vereinigung mit dem Deutschen Reich eintraten. Die Sozialdemokratie hatte den Anschluss jedenfalls bis zum Jahre 1933, bis zur Machtübernahme durch Hitler, verfochten, und noch im Jahre 1938, nach dem Anschluss an das Reich, erklärte der führende Theoretiker der Sozialdemokratie Otto Bauer im Pariser Exil: Es könne nicht die „reaktionäre Parole“ der Wiedererrichtung eines unabhängigen Österreich sein, sondern vielmehr die gesamtdeutsche Revolution, die die Sozialdemokratie anzustreben habe. Nach dem Krieg wurde die Sozialdemokratie gemeinsam mit ihrem Koalitionspartner ÖVP zum entschiedenen Verfechter einer ethnisch eigenständigen „österreichischen Nation“ und des „österreichischen Menschen“, der alles sein konnte, nur kein Deutscher. Einzig Friedrich Adler, der Sohn des Parteigründers erklärte, dass er, vor die Wahl gestellt, ob er sich für die Nation Goethes, Schillers und jene Sprache, in der Freiligrath seine revolutionären Lieder geschrieben habe, entscheiden müsse oder für eine österreichische Nation, dass er dies vorbehaltlos für erstere tun würde.
In ideologischer Hinsicht war die Sozialdemokratie während der Ersten Republik – wie gesagt –relativ radikal. Noch im Parteiprogramm von 1926 erklärte sie, die „Diktatur des Proletariats“ zum politischen Ziel. Der Weg dorthin allerdings sei die Demokratie, was aber die Sozialdemokraten nicht hinderte, im Februar 1934 mit ihrer paramilitärischen Formation, dem Schutzbund nämlich, in den Bürgerkrieg zu ziehen.
Dieser wurde insbesondere im „roten Wien“ besonders heftig ausgefochten. Dieses „rote Wien“ war überhaupt die Hochburg der Sozialdemokratie und zwischen 1920 und 1934 so etwas wie das sozialdemokratische Gegenmodell zur Bürgerblock-Regierung. Neben dem sozialen Wohnbau, wie er sich in den großen Gemeindebauten manifestierte, waren es vor allem Projekte der Arbeiterbildung und der Arbeiterwohlfahrt, die in Wien unter sozialdemokratischer Führung der Ersten Republik vorbildlich verwirklicht wurden. Und auch nach 1945 blieb dieses „rote Wien“ bis zum heutigen Tag die eigentliche Hochburg der österreichischen Sozialdemokratie.
In der Ersten Republik wurde die Sozialdemokratie als „Judenpartei“ geschmäht. Tatsächlich gab es von der Gründung an eine Reihe von bedeutenden jüdischen Funktionären, angefangen von Victor Adler bis hin zu Otto Bauer und in der Zweiten Republik Bruno Pittermann und Bruno Kreisky. Der Antisemitismus aber, der sich im 19. Jahrhundert von einer religiösen Motivation hin zu einer rassisch-begründeten entwickelte, machte auch vor der österreichischen Sozialdemokratie nicht halt. Während die deutschfreiheitlichen Parteien in der Ersten Republik, also die Großdeutsche Volkspartei und der Landbund ebenso einen Arierparagraphen gegen die Aufnahme von jüdischen Mitgliedern hatten wie die Christlichsozialen, gab es in der SPÖ allerdings nur die informelle Vereinbarung, dass im Parteivorstand nicht mehr als eine gewisse Anzahl jüdischer Funktionäre sitzen sollten, um deren Einfluss in Grenzen zu halten.
Und nach 1945 ließ der Parteivorsitzende Adolf Schärf immerhin noch Briefe an im ausländischen Exil befindlichen Genossen jüdischer Herkunft schreiben, sie mögen doch nicht nach Österreich zurückkommen, da sie der SPÖ schaden würden. In der Zweiten Republik war die SPÖ, waren die „Sozialisten“ , wie sie sich nunmehr nannten, über mehr als zwei Jahrzehnte von 1945 bis 1966 in einer von der christlichsozialen ÖVP geführten Regierungskoalition. Den ÖVP-Spitzenpolitikern Figl, Raab, Gorbach und Klaus standen von SPÖ-Seiten neben den beiden altgedienten Staatsmännern Karl Renner und Theodor Körner die Parteivorsitzenden Adolf Schärf, Bruno Pittermann und Bruno Kreisky gegenüber. Ihnen folgten dann Fred Sinowatz, Franz Vranitzky, Viktor Klima, Alfred Gusenbauer, Werner Faymann und schließlich Christian Kern.
Von Anbeginn der Zweiten Republik verstand sich die Sozialdemokratie als staatstragende Partei und sui generis auch als Regierungspartei.
Nur in den Jahren zwischen 1966 und 1970 und dann wieder von 2000 bis 2006 war die SPÖ nicht in der Bundesregierung vertreten. Der schwarz- rote bzw. rot- schwarze Proporz und die Sozialpartnerschaft, bei der die SPÖ durch die Gewerkschaft und die Arbeiterkammer entsprechend vertreten waren, bilden dabei einen Macht- und Repräsentationsanspruch der SPÖ, von dem viele Sozialdemokraten bis zum heutigen Tag glauben, dass sie durch den kurz- oder mittelfristigen Wählerwillen gar nicht abgelöst oder gar getilgt werden können.
Die bislang prägendste Persönlichkeit in den Reihen der Sozialdemokratie in der Geschichte der Zweiten Republik ist zweifellos Bruno Kreisky: Der Spross aus jüdisch-großbürgerlicher Familie, der lange Jahre im schwedischen Exil verbracht hatte und sich in Österreich erst als Außenpolitiker bereits bei den Staatsvertragsverhandlungen profilieren konnte, war der politische „Sonnenkönig“ jeder sozialdemokratischen Ära, die in den 70er Jahren in Europa von Willy Brandt und Olaf Palme, aber eben auch von Bruno Kreisky selbst geprägt wurde. Seine Nachfolger von Fred Sinowatz bis Christian Kern brachten es allesamt nicht mehr zustande, so wie er das Bild eines charismatischen, sozialdemokratischen Spitzenpolitikers zu bieten.
Heute ist die SPÖ in der Opposition, und allenthalben wird darüber diskutiert, dass sie sich neu erfinden müsse. Eine Arbeiterklasse im historischen Sinne, gibt es kaum mehr. Die einstigen Proletarier sind längst kleinbürgerliche Konsumenten geworden und das Gutmenschen-Postulat, die Partei der sozialen Gerechtigkeit und des konsequenten Antifaschismus sein zu wollen, scheint auch nicht zu reichen.
Ob also die parlamentarische Opposition für die Sozialdemokratie eine Art politischer Frischzellenkur sein wird oder die politische Palliativstation, bleibt abzuwarten.