Österreichs „liebe“ Nachbarn

19. Mai 2018

Umzingelt von „Tschuschen“, „Piefkes“ und „Katzelmachern“ – was tun?

Im Leben der Völker ist es offenbar ähnlich wie in jenem der menschlichen Individuen: Die meisten Morde gibt es innerhalb der Familie, den größten Hass in der Nachbarschaft. Und tatsächlich ist die europäische Geschichte voll von Erbfeindschaften, die vor allem und zuallererst unter Nachbarn gepflogen werden. Da war zuallererst die legendäre deutsch-französische Erbfeindschaft, dann natürlich – noch viel älter – der auf den Hundertjährigen Krieg zurückgehende Hass zwischen Franzosen und Briten, dann die Aversion zwischen Deutschen und Polen. Und so ließe sich die Liste allein für die europäischen Völker nahezu endlos fortsetzen.
Was unser kleines heutiges Österreich betrifft, so ist dies umso skurriler, da die meisten Nachbarn, mit denen uns über lange Generationen solche Erbfeindschaften verbanden, zumeist über Jahrhunderte auch im selben Staatsverband lebten. Es war also dieser Nachbarschaftshass und es waren die damit verbunden Vorurteile häufig auch eine gewisse Form von Selbsthass, der vielleicht aus dem Nationalitätenstreit der letzten Jahrzehnte der Habsburger Monarchie herrührte. Gewiss trifft dies für den Gegensatz zwischen Deutschen und Slawen innerhalb der Habsburger Monarchie zu, aber auch auf den Antagonismus zwischen Magyaren und österreichischen Cisleithaniern. Und ähnlich verhält es sich bei den Italienern, die zumindest, was Oberitalien betrifft, ebenso lange unter der Herrschaft Österreichs lebten. Und besonders skurril ist es natürlich, wenn es sich um die „Piefkes“ handelt, die über fast ein Jahrtausend innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit uns ein gemeinsames Staatswesen teilten.
Aber der Reihe nach: Neben den ganz realen Formen des Selbsthasses, der innerösterreichischen Vorurteilspflege, wie sie etwa die hauptstädtischen Wiener gegenüber den „Provinzlern“ hegen oder letztere umgekehrt gegenüber den „Wiener Bazis“, ist es schon die bemerkenswerte Aversion der Österreicher gegenüber den benachbarten Ausländern, die bis vor ein, zwei Generationen – vielleicht auch heute noch? – die spezielle Form der austriakischen Xenophobie ausmachte. Die „Deitschn“ beispielsweise oder die „Piefkes“, wie man so schön sagt, sie sprechen zwar dieselbe Sprache, sie waren und sind in vielerlei Hinsicht das große Vorbild für das kleine Österreich. Und zumindest bis 1938 wollten sich nahezu alle Österreicher unbedingt und mit heißem Herzen an sie anschließen! Und heute? Heute ist die Aversion gegen die „Piefkes“ die einzig tolerierte Form von Xenophobie, die es in Österreich gibt. Alles andere ist politisch korrekt tabuisiert und geächtet. Aber das, was für den Bayern der „Saupreiß“ war und ist, ist bis in unsere Tage der „Piefke“ oder „Scheipi“ (=Scheiß Piefke) für den Alpenrepublikaner. Ein unverbesserlicher „Besserwessi“, einer, der schon in den düsteren Tagen der NS-Despotie den „schlappen Ostmärkern“ zeigen wollte, was eine Harke ist. Und der heute noch durch unangenehme Rechthaberei auffällt, wobei das besonders Widerliche an ihm ist, dass er meistens tatsächlich recht hat. Und der natürlich tüchtiger, fleißiger und erfolgreicher ist als die schlampigen Österreicher.
In der Zwischenkriegszeit waren wir die besseren Deutschen, davor waren wir gar Vormacht in Deutschland und noch viel weiter davor waren wir eben Grenzland, Grenzmark, Ostmark für die Deutschen. Und wenn man es auch postmodern zeitgeistig nicht glauben mag, ist es auch kein Zufall, dass wir Deutsch sprechen. Und zwar in Form des Burgtheaterdeutsch, eine der edelsten Ausprägungen dieser Sprache, weil wir nämlich schlicht und einfach ethnisch und kulturell zu 90 Prozent – noch – eben Deutsche sind. Aber nachdem wir Ludwig van Beethoven als Österreicher betrachten und Adolf den Braunauer als deutschen Despoten, wollen wir das verständlicherweise nicht so gerne hören.
Dann sind da die „Katzelmacher“ oder die „Walschen“, wie der Tiroler guttural zu sagen pflegt. Sie galten noch vor ein, zwei Generationen als jene, die uns die Autos stehlen, die uns am Markt von Tarvis Milano Synthetics als Lederjacken verhökern und gepanschten Wein ausschenkten. Überdies waren sie jene, die uns Südtirol geraubt haben, das Kanaltal samt Tarviser Markt und Lussari-Berg. Und sie haben uns natürlich in zwei Weltkriegen verraten, sind überhaupt Gauner und Mafiosi.
So war es einmal. Indessen ist natürlich längst die allgemeine und gesamtumfassende Italophilie ausgebrochen. Jeder Bildungsbürger besucht die Biennale und schlürft Sangiovese, gibt sich die weiße Alba-Trüffel und Capelunge und selbst das gemeine Volk aus Ottakring und Simmering, aus Kapfenberg und Fohnsdorf schlürft Suave und Chianti-Wein. Der Karneval in Venedig gehört zum Pflichtprogramm und den Samstagvormittag verbringt man zwischen Shopping und Cappuccino in Udine oder Triest. Die eigenen Söhne heißen längst nicht mehr Hans oder Franz, sondern Sandro und Mario und italienische Lebensart ist schlicht und einfach erstrebenswert, trotz Lega Nord und Silvio Berlusconi. Mit den Italienern haben wir uns also ausgesöhnt und das so richtig gründlich.
„I has Kolaric, du hast Kolaric, warum sagens zu dir Tschusch?“, so konnte man in den 70er Jahren auf Plakatwänden lesen. Der „Tschusch“ oder „Jugo“ hat sich längst ausdifferenziert, man ist Mitglied der serbischen Community oder der kroatischen, ist karrierebeflissener Slowene oder slowakische Rund-um-die-Uhr-Pflegerin. Als Feindbild – die haben unseren Thronfolger Franz Ferdinand erschossen – will er auch nicht mehr so recht taugen.
Seit der Slawe dem makronationalistischen Panslawismus abgeschworen hat und in mikronationalistische Kleinräumigkeit in die Balkan-Duodez-Fürstentümer geflüchtet ist, ist er uns längst ein zwar schrulliger, doch liebenswerter Nachbar geworden. Und am liebenswertesten ist er dann, wenn er einer in Österreich beheimateten serbischen-kroatischen-slowenischen oder wie auch immer balkanischen Community angehört, die man für sich und die eigene Partei als Wahlvolk lukrieren kann. Da beschwört man dann als österreichischer Politiker die Schlacht am Amselfeld, brüstet sich mit der entfernten Bekanntschaft mit dem General Zagorec oder singt als Bass-Bariton in einem Kärntner Chor das eine oder andere slowenische Lied’l.
Und überhaupt, warum hat es Slowenien im Jahre 1990 nicht geschafft, das zehnte österreichische Bundesland zu werden, oder die Slowakei, oder noch besser Kroatien mit seiner schönen dalmatinischen Küste? Nachdem aber etatistisches Denken und nationales Besitzstandsstreben ohnedies der Vergangenheit angehören, ist es ja völlig gleichgültig. Einen Luxus-Bungalow in dem Ferienwohnungskomplex, den die Kärntner Hypo im kroatischen Savudrija finanziert hat, ein Apartment in Portopiccolo nahe Triest, oder zumindest ein Kuraufenthalt in einer slowenischen oder kroatischen Therme ist allemal möglich, auch wenn das betreffende Territorium nicht unter österreichischem Hoheitszeichen
firmiert.
Und so werden die bis vor kurzem bösartig abwertend als „Tschuschen“ abgetanen Nachbarn zu einem ebenso liebenswerten Teil eines kulturellen Großraums, der sich in erster Linie durch Kulinarik, Kurzreisen, Weinverkostungen und Billigspirituosen definiert. Dass das Ganze im übergeordneten politischen Sinne noch durch das Phänomen der Visegrád-Staaten eine andere Bedeutung gewinnt, kümmert uns kaum. Kurioserweise sammeln sich dort jene politischen Kräfte Europas, die noch Europäer bleiben und keine türkischen, syrischen oder afghanischen Townships haben wollen. So wurde der einst als „Tschusch“ abgewertete Nachbar zum heldenhaften abendländischen Kämpfer gegen die Islamisierung. Der Polenkönig Johann Sobieski – oder ist es einer der beiden Kaczynski-Zwillinge? – als Schutzpatron der Kreuzritter gegen den Islam.
Nach „Piefkes“, „Katzelmachern“ und „Tschuschen“ bleibt nicht viel in der historisch gewachsenen Vorurteilslandschaft der Österreicher. Die Tschechen, im Wiener Volksmund auch nicht gerade lobpreisend als „Behm“ bezeichnet, geben nicht viel als Feindbild her, allzumal die Wiener ja selbst zum guten Teil tschechische Vorfahren haben. Die Ungarn als Widerpart in der k. u. k. Doppelmonarchie oder als Flüchtlinge von 1956 und heute als Orbán-Jünger gereichen den Österreichern weder zum Feindbild noch zum Vorbild in puncto Lebensart. Puszta, Plattensee und Budapest, Csárdás und Zigeunerprimas und – für die Gebildeten – das eine oder andere Gedicht von Nikolaus Lenau. Das war es aber auch schon.
Ja und im Westen unsere Nachbarn aus der Schweiz? Käsebohrer und Fremdwährungskredit–Profiteure! Das war es aber auch schon.
Soweit die alten Vorurteile und jene für den Österreicher offenbar typische negative Beurteilung all seiner Mitmenschen, wie sie bei Karl Kraus in den letzten Tagen der Menschen deutlich wird: Jedem Russ a Schuss, jedem Franzos an Stoß, jedem Brit an Tritt, Indien muss verschwindien, Serbien muss Sterbien, Sibieren muss erfrieren!
Irgendwo aber scheint es so, als hätte sich diese ressentimentgeladene Grundstimmung des Homo Austriacus in den letzten Jahren und Jahrzehnten im Hinblick auf die neuen Generationen gewandelt. Xenophilie gehört ja zum politisch korrekten Pflichtprogramm und ist zweifellos dort wirklich sinnvoll, wo es Nachbarn betrifft und nicht massenhafte Zuwanderung. Und wenn diese Nachbarn dann zunehmend Ziel von Wochenendausflügen, kulinarischen Reisen und Kulturtrips werden, ist mit den alten Ressentiments schon gar nichts mehr anzufangen. Der alte Spruch, wonach der Deutsche – in unserem Fall der Österreicher – alles Fremde hasse, es sei denn, es ließe sich trinken, ist also tatsächlich überholt und Vergangenheit. Im Gegenteil: Historische Gemeinsamkeiten, kulturelle Überschneidungen und soziologische Mixturen, wie wir sie aus den Jahrzehnten und Jahrhunderten der Habsburger Monarchie kannten, gewinnen eine neue Dimension, bewirken eine neues groß-regionales Lebensgefühl in Mitteleuropa rund um Österreich und eröffnen uns in diesem Teilbereich eine tatsächliche europäische Perspektive.
Gerade in Kenntnis der alten Vorurteile und der historisch gewachsenen Aversionen unter den Nachbarn, Aversionen, die immerhin zum Massensterben wie etwa in den Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs führten, hat das Wachsen dieses gut-nachbarlichen Lebensgefühls und der relativ jungen Sympathie für die Nachbarvölker irgendwo den Charakter einer kulturellen Evolution angenommen. Einer Evolution, die tatsächlich die Hoffnung aufkommen lässt, dass der Mensch – in unserem Fall eben auch der Homo Austriacus – lernfähig ist und sich zum Guten entwickelt.
Dass seit geraumer Zeit auch die politische Linke im Land in der Lage ist, die engen Bindungen zum benachbarten großen Deutschland als positiv zu empfinden und nicht als verdecktes Anschlussstreben definiert, ist in diesem Zusammenhang auch positiv. Natürlich liegt es darin, dass beispielsweise Österreichs Grüne in der erfolgreichen Grünbewegung in der benachbarten Bundesrepublik ein Vorbild sehen. Es liegt auch darin begründet, dass die heimische Sozialdemokratie historisch bedingt noch immer in der deutschen Sozialdemokratie – so sehr sie derzeit auch am Boden liegen mag – ein Vorbild sieht. Und es mag auch dadurch begründet sein, dass österreichische Gutmenschen in der bundesdeutschen Willkommenskultur die schönsten Ausformungen der Political Correctness zu sehen glauben. Tatsache aber bleibt, dass das, was man früher den rechten und nationalen Kräften in Österreich vorgeworfen hat, dass sie nämlich stets nach Deutschland schielen würden, nunmehr von der linken Seite durchaus positiv aufgenommen wurde.
Umgekehrt ist es ein Phänomen, dass das konservative, auch das nationalfreiheitliche Potential im Lande plötzlich nach Osten ins historisch gewachsene Mitteleuropa blickt und sich den Visegrád-Staaten annähern will. Nachbarn wie die Tschechen, die man früher wegen der Benes-Dekrete gegeißelt hat, oder auch die Slowenen mit ihren AVNOJ-Beschlüssen werden damit zu begehrten Partnern, denen man kluge politische Haltung, etwa in Sachen Zuwanderungspolitik attestiert. Solcherart vermag man an historisch gewachsene kulturelle und politischen Bindungen anzuschließen, wie wir sie aus der alten Monarchie eben kannten.
All das stellt einen Paradigmenwechsel im Hinblick auf die österreichische Position in geopolitischen Umfeld in Mitteleuropa dar: Dieses Beziehungsgeflecht ist von anderen und positiven Emotionen der Bevölkerung begleitet. Man schätzt die Nachbarn, Konfliktpotentiale werden historisiert, ein neues Miteinander entsteht und ein positives Aufeinanderzugehen, nun sind die Nachbarn tatsächlich „liebe Nachbarn“. Wenn das nicht erfreulich ist…

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Michael Köhlmeier und Arik Brauer

17. Mai 2018

Nun haben wir also einen wesentlichen Bereich des heurigen Gedenkjahres hinter uns gebracht. Dabei war es im Hinblick auf den Sturz des Hitlerregimes und das Kriegsende gar kein rundes Jubiläum – 73 Jahre ist es her – aber es war doch von besonderer Bedeutung, weil der 8. Mai erstmals im Zeichen der türkis–blauen Bundesregierung begangen wurde.
Während das bisherige Parteienestablishments der Zweiten Republik sich bekanntlich zunehmend als „Mitsieger von 1945“ fühlt, hat man dem Dritten Lager im Lande seit Jahrzehnten so etwas wie die Rolle der Ex-Offo-Verteidiger der „Besiegten von 1945“ zugeordnet. Als solche hatten und haben sie sich gewissermaßen als Erbfolger des NS-Regimes an den Pranger stellen zu lassen und allein schon, dass freiheitliche Parteienvertreter – und sei es auch in Regierungsfunktion – bei den Befreiungsfeiern auch als Gäste auftreten könnten, wird angeblich von den Überlebenden bereits als Demütigung empfunden.
Nun konnte diese Haltung im Hinblick auf die von der Bundesregierung selbst organisierten Feierlichkeiten nicht völlig durchgezogen werden, da durfte sich auch der freiheitliche Vizekanzler äußern und klarlegen, dass man sehr wohl auch von freiheitlicher Seite mit den Opfern des Nationalsozialismus trauere, die Trauer aber um die eigenen Opfer der Jahre zwischen 1938 und 1945, die Trauer um die Gefallenen, die Kriegsgefangen, die Ausgebombten, die Vertriebenen, die vergewaltigten Frauen wurde von offizieller Seite kaum angesprochen.
Es blieb dem alten weisen Maler und Liedermacher Arik Brauer, einem jüdischen Überlebenden, vorbehalten, auch diese Opfer anzusprechen. Er war es, der als Einziger klar erklärte, dass die ganz gewöhnlichen Österreicher, eben jene, deren Väter und Söhne gefallen waren oder schwer verletzt waren, die ausgebombt waren, die in Gefangenschaft saßen oder vertrieben worden waren, keine große Euphorie empfinden konnten angesichts der Befreiung in den Frühlingstagen 1945, sondern weitgehend dachten: „Jetzt haben wir den Krieg verloren, jetzt haben wir den Scherben auf“ (O-Ton Arik Brauer).
Natürlich ist Arik Brauer alles andere als ein FPÖ-Sympathisant, er ist aber ein Mensch (im Gegensatz zu den vielen Gutmenschen). Ein Mensch, der in der Lage ist, auch dem Vizekanzler die Hand zu reichen, ein Mensch, der selbst natürlich den
8. Mai 1945 als Befreiung empfunden hatte, der aber Verständnis für andere aufbringen kann und der heute für Versöhnung und gegen die Spaltung des Landes argumentiert.
Ganz anders die gerade in diesen Tagen so lautstarken Gutmenschen etwa – der Staatskünstler Köhlmeier, der im heuchlerisch sanften Ton eines Großinquisitors den Freiheitlichen vor versammelter Staatsspitze jeglichen guten Willen und das pauschal absprach. Er ist von einer kompromisslosen Unversöhnlichkeit, die ihresgleichen sucht. In den freiheitlichen Reihen aber durfte sich so etwas wie eine gewisse Ratlosigkeit breit machen. Nach dem Motto: Was soll man denn noch alles tun, wie oft soll man sein Bedauern und die Distanzierung noch ausdrücken, wie oft soll Strache noch nach Israel pilgern, wie oft muss er in Yad Vashem Kränze niederlegen und wie viele Förderungsmillionen soll man noch mit bewilligen, um den Willen der Versöhnung nicht nur von der eigenen Seite zu demonstrieren, sondern ihn auch auf der Seite der Gutmenschen-Fraktion zu wecken?


Österreichs verlorene Söhne

13. Mai 2018

Restvolksgruppen – die Altösterreicher deutscher Muttersprache

Sie leben zumeist in unmittelbarer Nachbarschaft der Alpenrepublik. In den Jahrzehnten des Kommunismus hat man sie, als Teil des Ostblocks, jenseits des Eisernen Vorhangs beinahe vergessen. Nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus schöpften sie kurz Hoffnung auf eine Renaissance. Alte versuchten, zumeist kümmerliche Reste ihrer Identität und Kultur zu bewahren: Die Altösterreicher deutscher Muttersprache in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie jenseits der heutigen österreichischen Grenzen.
Banater-Schwaben und Siebenbürger Sachsen, Banater Bergland-Deutsche, Gottscheer, Deutsch-Untersteirer, Ungarndeutsche, Zipser, Mährer, Südböhmen, Reste in den sudetendeutschen Gruppen, Karpaten-Deutsche in der heutigen Ukraine, Buchenland-Deutsche in der Bukowina, die kleine Gruppe der Deutschen in Tischelwang südlich der Kärntner Grenze, die Kanaltaler und natürlich die Südtiroler, sie alle sind Altösterreicher, das ist eine zweifelsfreie Tatsache. Altösterreicher sind allerdings die Tschechen, Slowaken, Ungarn, Slowenen, Kroaten etc. auch, die vorher Genannten allerdings sind Altösterreicher deutscher Muttersprache. Sie waren Angehörige des dominierenden Staatsvolks der cisleithanischen Reichshälfte der Habsburger Monarchie, der Deutsch-Österreicher nämlich, und sie wurden mit den Pariser Vorortverträgen im Jahre 1919 vom österreichischen Mutterland abgetrennt. Und zumeist verloren sie nach dem Zweiten Weltkrieg dann durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung vollends ihre Heimat. Sie, beziehungsweise die Reste dieser Volksgruppen, die heute noch in ihren angestammten Siedlungsgebieten leben, sind Österreichs verlorene Söhne.
Österreich, beziehungsweise die babenbergische Ostmark des Hochmittelalters, war ein Teil der deutschen Ostsiedlung. Entlang der Donau schoben sich deutsche Siedler hinein ins östliche Mitteleuropa, entlang von Mur und Drau drangen sie in den Südosten vor. Das Herzogtum Kärnten, das Herzogtum Krain, das Herzogtum Steiermark, später dann die Militärgrenze am Balkan und nach den Türkenkriegen die Besiedlung durch die Banater Schwaben, sie ergänzten uralte hochmittelalterliche Siedlungen wie jener der Siebenbürger Sachsen im Karpatenbogen, die rheinfränkischen Ursprungs ist. Und weit im slawischen Bereich Böhmens und Mährens, aber auch Kroatiens und Sloweniens und auch hinein in die ungarische Tiefebene bildeten sich durch diese jahrhundertelange Ostsiedlung deutsche Sprachinseln, kleinere und größere deutsche Siedlungsgebiete. Sie waren des Kaisers treue Kolonisten und häufig auch des Kaisers treueste Soldaten. Und sie bildeten ein Netz deutscher Kultur, braven Christentums und großen Arbeitsfleißes quer über den Donau- und Karpatenraum. Ein Netz, das wie kaum ein anderes den habsburgischen Herrschaftsgebieten zu Stabilität und Stärke verhalf. Sie hatten im frühen Hochmittelalter gegen die Magyaren, dann später gegen Hussiten und Kuruzzen und insbesondere gegen die Osmanen zu kämpfen. Ihnen war Tod und Not und das Ringen um den eigenen Siedlungsraum stets Begleiter ihrer gesamten Existenz. Und sie wurden vom österreichischen Mutterland, auch von der heutigen Republik, nur allzu oft vergessen.
Natürlich waren diese deutschen Volksgruppen nach 1918 in den neuen Nationalstaaten der Slawen und der Magyaren häufig auch beliebte Mitbürger, da sie tüchtig und zuverlässig waren. Letztlich aber waren sie doch Opfer der tragischen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie mussten für deutschen Größenwahn und deutschen Imperialismus durch Flucht, Vertreibung und Ausmordung büßen. Und jene deutschen Restvolksgruppen, die nach 1945 auf dem Boden der ehemaligen Habsburger Monarchie noch weiter existierten, sie hatten häufig unter Diskriminierung und Entrechtung zu leiden – bis heute.
Im Nachkriegsösterreich waren zwar die volksdeutschen Vertriebenen, die ja in den ersten Nachkriegsjahren zu hunderttausenden ins Land kamen, ein zwar nicht immer beliebter, aber wirtschaftlich höchst wichtiger Faktor, sie waren treibende Kräfte des Wiederaufbaus und integrierten sich innerhalb kürzester Zeit problemlos in die angestammte Bevölkerung der österreichischen Bundesländer. Ihre Selbstorganisation in Landsmannschaften und Vertriebenenverbände war zumeist ziemlich unpolitisch, ja geradezu spießig bieder und ohne nennenswerten Revanchismus. Nun, im achten Jahrzehnt nach Kriegsende sind diese Verbände längst zu überalterten Trachten- und Brauchtumsgruppen geschrumpft. Jene Versuche, die man nach dem Zusammenbruch des Kommunismus da und dort startete, um verlorenes Vermögen, enteignetes Gut und widerrechtlich unter fremde Herrschaft gekommenes Eigentum zurück zu erhalten, waren von mäßigem Erfolg begleitet. Zwar gab es die eine oder andere Geste, wirklich erfolgreich aber waren nur Kirche und aristokratische Großgrundbesitzer – zumindest in Böhmen. Man war schon froh, wenn Länder wie Kroatien sich von den titoistischen AVNOJ-Beschlüssen distanzierten und überdies einigermaßen ohnmächtig, wenn Länder wie Tschechien die alten Beneš-Dekrete kaltschnäuzig beibehielten.
Neben den Folgen von Flucht und Vertreibung und dem Druck der kommunistischen Diktaturen war es aber paradoxerweise das bundesdeutsche Grundgesetz, das zum Schwinden dieser Volksgruppen entscheidend beitrug. Die Bestimmung, dass jedem Deutschen, aus welchem Lande der Welt auch immer, auch die deutsche Staatsbürgerschaft mit all ihren Benefizien zusteht, sorgte beispielsweise für die brutale Ausdünnung der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben in Rumänien. Trotz brutalster Behandlung der Siebenbürger Sachsen durch die sowjetische Rote Armee und trotz Flucht und Vertreibung waren es noch an die 900.000 Siebenbürger Sachsen, die in den Nachkriegsjahren das Land zwischen Hermannstadt und Kronstadt bevölkerten. Ebenso war das rumänische Banat rund um Temeschwar noch von einer starken deutschen Volksgruppe bewohnt. Sie wurden dann in der Folge in den 70er- und 80er- Jahren von der Bundesrepublik aus Ceausescu-Rumänien geradezu herausgekauft. Ein blendendes Geschäft für die roten Despoten und der Tod für die historischen deutschen Volksgruppen.
Heute sind es Reste von Resten, die in alten deutschen Städten wie Hermannstadt in Rumänien oder Iglau in Tschechien, in der Zips in der Slowakei oder in den Dörfern der Karpato-Ukraine, aber auch in der slowenischen Gottschee, in Marburg und Abstall die Existenz einer deutschen Volksgruppe zu behaupten zu versuchen. Und das zumeist gegen staatliche Schikanen und gegen mangelnde Hilfe aus Österreich. Zumeist war das Wiener Außenamt der Ansicht, dass sich doch die Bundesdeutschen um diese Restvolksgruppen kümmern sollten, auch wenn diese völlig klar und zweifelsfrei Altösterreicher waren und sind. Zwar gab und gibt es immer wieder das eine oder andere freundliche Wort, die eine oder andere zaghafte Initiative des österreichischen Außenministeriums, etwa den restlichen deutschsprachigen Altösterreichern in Slowenien Volksgruppenrechte zu verschaffen. Appelle an die Verantwortlichen in Laibach sind allerdings bislang stets ohne Ergebnis verhallt. Und mit Prag, Budapest, Bukarest oder gar mit Kiew hat man diesbezüglich wohl noch nie wirklich über die Problematik und die Rechte dieser versprengten Altösterreicher verhandelt. Es handelt sich eben um Österreichs verlorene Söhne, verraten, verkauft und vergessen.
Irgendwo scheint bei dieser Verweigerung der Zweiten Republik, die Verantwortung für diese altösterreichischen Restvolksgruppen zu übernehmen, auch die Angst mitzuspielen, dass man damit implizit ja die deutsche Identität Österreichs zugeben würde. Tatsächlich müsste man sich logischerweise die Frage stellen, warum sollte sich Österreich denn um deutsche Volksgruppen kümmern, wenn es selbst nicht in irgendeiner bestimmenden Weise auch „deutsch“ wäre?
Dieselbe Frage muss man natürlich im Hinblick auf Südtirol stellen. Da stand es zwar seit der Wiedergründung der Zweiten Republik stets außer Frage, dass Österreich so etwas wie eine Schutzmachtfunktion für die Südtiroler, die Deutschsprachigen, aber auch die Ladiner zu übernehmen hatte. Und man war ja auch tatsächlich Verhandlungspartner Italiens, als es um die Autonomie für Südtirol ging. Ein wirkliches Herzensbedürfnis allerdings war auch Südtirol nur dem nationalliberalen Lager und dessen politischen Vertretern. Kein Wunder auch, dass die neue türkis-blaue Bundesregierung Österreichs unter freiheitlichem Einfluss nunmehr das Recht auf eine Doppelstaatsbürgerschaft für die Südtiroler einfordert. Die Autonomie Südtirols allerdings ist eine derart starke und mit wirklichem Recht und wirklicher Eigenverantwortung so positiv abgesicherte, dass man mutmaßen muss, dass die Mehrheit auch der deutschsprachigen Südtiroler heute eine Rückkehr zum österreichischen Mutterland gar nicht mehr wirklich für wünschenswert erachten.
Heute sind die geschrumpften und marginalisierten Restvolksgruppen der deutschsprachigen Altösterreicher in der Situation, dass sie sich allesamt fragen müssen, ob sie in der kommenden Generation überhaupt noch existieren werden. In Ungarn, wo es an die 200.000 Ungarndeutsche gibt, ist die kulturelle Nivellierung längst soweit fortgeschritten, dass man davon ausgehen muss, dass diese eigentlich keine deutschen Muttersprachler sind, sondern Deutsch allenfalls als Fremdsprache in der Schule lernen. Sie sind also eigentlich nur mehr deutschstämmig und keine Deutschen mehr, Altösterreicher allerdings sind sie in jedem Falle.
Und was die kleineren Restvolksgruppen in Tschechien, in der Slowakei, in Slowenien, in Kroatien und in Rumänien betrifft, so ist deren Existenz insgesamt für die Zukunft mehr als gefährdet. Für sie besteht die Gefahr, dass sie nur mehr als historische Reminiszenz und als Teil einer historischen Gendenkkultur in Restbeständen überleben. Und das auch nur mit massiver Förderung jener Staaten, auf deren Territorium sie existieren und mit massiver Förderung aus Österreich. Eine solche allerdings zeichnet sich bislang nicht wirklich ab. Zwar gibt es Brosamen aus dem Bereich der staatlichen Auslandskulturarbeit und es gibt natürlich zivilgesellschaftliche Initiativen wie etwa jene des Kärntner Heimatdienstes für die Slowenien-Deutschen. Insgesamt aber sind die Mittel, die hier fließen für die Erhaltung einer kulturell gefestigten ethnischen Minderheit viel zu gering.
Nach Wegfall der nachbarschaftlichen Aversionen und der alten Erbfeindschaften, die die Österreicher gegenüber vielen ihrer Nachbarn, zu Tschechen und Slowaken, zu den Südslawen und zu den Ungarn und Italienern auch hegten – und das trotz der gemeinsamen Geschichte innerhalb der Habsburger Monarchie – könnten diese kleinen Restvolksgruppen der Altösterreicher deutscher Muttersprache allerdings eine kulturelle und auch soziologische Brückenfunktion zwischen Österreich und seinen Nachbarn einnehmen.
All dies war in vergangenen Jahrzehnten und für vergangene Generationen Argument für territoriale Ansprüche und nationales Besitzstandsdenken. Diese Brückenfunktion, die Österreichs verlorene Kinder ausfüllen könnten, ist aber nur dann möglich, wenn sich die Menschen dieser kleinen ethnischen Restminderheiten und die Menschen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung gemeinsam, vor allem im zivilgesellschaftlichen Bereich, zur Aufarbeitung der leidvollen Geschichte des 20. und 19. Jahrhunderts finden.
Die Isonzoschlachten des Ersten Weltkriegs müssen Österreicher und Italiener längst nicht mehr trennen. Im Gegenteil, sie können gemeinsam der Opfer dieser Schlachten gedenken und den Wahnsinn der alten nationalen Antagonismen ächten. Ebenso verhält es sich mit den Benes-Dekreten, die man als das betrachten kann, was sie sind: Eine historische Hypothek, die keine Rolle mehr spielen darf. Und ähnlich wird es mit den AVNOJ-Beschlüssen sein, wenn die kleine deutsche Restminderheit in Slowenien doch noch so wie die Ungarn und die Italiener die Rechte einer ethnischen Minderheit und die dazugehörende Förderung seitens der Zentrale in Laibach/Ljubljana erhält.
Dazu wird es notwendig sein, dass seitens der führenden Persönlichkeiten dieser Restminderheit jeder Verdacht, sie würden revanchistische Gelüste oder ähnliches hegen, ausgeräumt wird. Und seitens der Mehrheitsbevölkerung beziehungsweise der Regierenden in den betreffenden Staaten wird es notwendig sein, vergangenes Unrecht wie Vertreibung, Entrechtung und Enteignung zu bedauern und die Restminderheit als wertvollen Bestandteil der eigenen Bevölkerung und als wertvollen Teil der historischen gewachsenen kulturellen Vielfalt des eigenen Landes zu begreifen.


Der 8. Mai im Gedenkjahr

2. Mai 2018

Und wieder nähern wir uns dem 8. Mai, jenem Tag, der weltweit von Feiern der Kriegssieger von 1945 geprägt ist, jenem Tag, der hierzulande – und das durchaus mit Recht – als Tag der Befreiung gefeiert wird. Jenem Tag, an dem bis vor wenigen Jahren noch am Heldenplatz ein Totengedenken der Wiener nationalfreiheitlichen Korporationen stattfand, das stets für massive Proteste aus dem politisch-korrekten und linken Bereich sorgte.
Heuer im Gedenkjahr 2018 wird man zweifellos mit besonderer Intensität an die historischen Ereignisse erinnern: Der vor 80 Jahren erfolgte „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und die sieben Jahre später erfolgte Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime stellen ja tatsächlich Erinnerungsdaten dar, die man nicht vergessen soll. Nun wissen wir natürlich, dass der „Anschluss“ von der Mehrheit der Österreicher im März 1938 bejubelt wurde. Wir wissen auch, dass eine ebensolche Mehrheit im Laufe des Krieges bei Erkenntnis über den Charakter des NS-Regimes und durch das Kriegsleid diesen Jubel der Märztage von 1938 zunehmend bedauerte. Wir wissen auch, dass für einen Großteil der Österreicher das Kriegsende zweifellos ein Tag der Freude war, endlich Schluss mit Kampfhandlungen und angloamerikanischem Bombenterror und natürlich endlich Schluss mit dem Terror des braunen Regimes. Genauso aber wissen wir natürlich, dass dieses Kriegsende für die meisten Österreicher mit großem Leid verbunden war, viele waren ausgebombt, viele beklagten gefallene Väter, Brüder und Söhne. Zehntausend derselben waren in deutscher Uniform in die Gefangenschaft gegangen und sollten noch jahrelang nicht heimkehren, Hunderttausende wurden vertrieben und aus benachbarten deutschen Siedlungsgebieten nach Österreich deportiert. Und zehntausende Frauen, insbesondere im Machtbereich der Sowjetarmee, wurden Opfer von Vergewaltigungen. Angesichts dieses Leids dürfte das Gefühl der Befreiung damals für die betroffenen Menschen wohl eher in den Hintergrund getreten sein.
Es müssten alle Österreicher an diesem Tag ebenso trauern! Natürlich nicht über das Ende des NS-Regimes, natürlich nicht über die Niederlage des Großdeutschen Reiches! Wohl aber – und das mit jeder moralischen Berechtigung – über das damalige Leid der betroffenen Menschen, über das Leid der Opfer des Nationalsozialismus, der aus rassischen Gründen ermordeten Menschen und der als politische Gegner des Nationalsozialismus Verfolgten. Aber auch über das Leid der ganz normalen Österreicher, der gefallenen Soldaten, der Kriegsgefangenen, der Ausgebombten, der Vertriebenen!
Das durchaus tragische und leidvolle Schicksal der durchschnittlichen Österreicher in den Jahren rund um den Zweiten Weltkrieg wurde bislang bei den offiziellen Feiern in Gedenkjahr 2018 nur allzu häufig ausgeklammert beziehungsweise nur am Rande erwähnt. An diesem 8. Mai sollten wir uns allerdings alle gemeinsam daran erinnern und uns in Trauer vor den betroffenen Menschen verneigen und danach dürfen wir uns gemeinsam über die wiedererrungene Freiheit freuen und diese auch entsprechend feiern.
Zusätzlich sei angemerkt, dass aus Befreiungsfeiern, wie sie hierzulande durchaus mit historischer Legitimität begangen werden dürfen, keine Beteiligung an den Siegesfeiern werden sollten. Von bundesdeutscher Seite ist man ja bereits übergegangen, sich an den alliierten Siegesfeiern als Mitsieger von 1945 zu beteiligen, irgendwo ein pietätloser Akt gegenüber dem Leid des eigenen Volkes, könnte man meinen.


Keine Zukunft ohne Herkunft

28. Oktober 2017

Gedanken zu Ahnenkult und nationalen Mythen

Nationen, die ihre Geschichte nicht kennen, seien dazu verdammt, sie erneut zu durchleiden, meinte der amerikanische Philosoph George Santayana.
Das, was für Völker und Kulturen stimmt, trifft auch auf das Individuum, auf den Einzelmenschen, zu: Wer Leben und Erfahrung seiner Vorfahren – zumindest der unmittelbaren – nicht kennt, läuft Gefahr, deren Tragödien selbst auch zu erleiden. Aber so ist es eben, wie der Satiriker formuliert: Die Geschichte lehrt ständig. Kaum jemand ist allerdings bereit, aus ihr zu lernen.
Völkerschicksale werden häufig durch historische Erfahrungen und daraus destillierte nationale Mythen bestimmt. Dass etwa Frankreich in seinem Selbstverständnis als „Grande Nation“ eine gewisse prestigebehaftete Position im heutigen EUEuropa verlangt, resultiert aus dem nationalen Mythos einer europäischen Hegemonie, wie sie eben der Sonnenkönig Ludwig XIV. anstrebte oder Napoleon tatsächlich für seine Epoche zu erlangen vermochte. Und der verinnerlichte deutsche Mythos, das „Volk der Dichter und Denker“ zu sein, bringt es mit sich, bloß als Kulturnation Größe zu zeigen, während man als Macht-Staat versagt.
Derlei identitätsstiftende Mythen setzen ein kollektives nationales Geschichtsbewusstsein voraus, welches neben Faktenwissen auch das Bewusstsein verlangt, selbst Teil eines großen historischen Kontinuums zu sein, eines nationalen Schicksals gewissermaßen.
Auch Familienbewusstsein als Basis einer individuellen Identität erfordert das Wissen, das man neben dem genetischen Erbe Kenntnis über das Schicksal, den Lebensweg und den Charakter seiner Vorfahren haben muss. In Kreisen des europäischen Adels, insbesondere im Bereich vom regierenden oder ehemals herrschenden Dynastien ist solches Bewußtsein idealtypisch vorzufinden. Genealogien und Ahnengalerien, Bindungen, Familien und Familiensitze und Stammschlösser ermöglichen hier Kontinuität über viele Generation, und zwar über Jahrhunderte.
Im bäuerlichen Urgrund der europäischen Völker gibt es solches generationenüberdauerndes Bewußtsein naturbedingt – aufgrund geringerer Bildung in historischer Zeit – im wesentlich schwächerem Ausmaß. Hier ersetzt die geradezu ethisch motivierte Verpflichtung, den ererbten Hof in einer Generationenkette jeweils an den Sohn weiterzugeben. Das weiter zurückgreifende Wissen über die eigenen Vorfahren, familiäre Kontinuität und damit soziokulturelle Prägung sind dennoch – allerdings bei wesentlich geringerem Bewußstseinsstand wie beim Adel – gegeben.
Das Bürgertum, insbesondere das Großbürgertum ist im Hinblick auf Familienmythen und Wissen um die eigenen Altforderen stets so etwas wie ein Nachahmer des Adels. Familiäre Traditionen können hier jedoch zumeist nur über wenige Traditionen real zurückverfolgt werden. In der vorindustriellen Gesellschaft Alteuropas ergibt allerdings die ständische Bindung, insbesondere im Bereich des Bürgertums, die Einbindung in Gilden und Zünfte einen zusätzlichen identitätsstiftenden Faktor.
Erst die Industrialisierung mit der Entstehung eines massenhaft entwurzelten Proletariats bricht jene familiären Kontinuitäten, wie sie etwa in bäuerlichen und ländlichen Gesellschaften zuvor vorhandne waren. Vollends geht generationsübergreifender Familiensinn, gehen familiäre Traditionen und das Wissen um die eigenen Ahnen in der Gesellschaft des entorteten Menschen der Moderne verloren. Der Massenmensch, der in urbaner Anonymität in großen Metropolen lebt, als sogenannter „Single“ oder bestenfalls als Teil einer Kleinst- und Restfamilie reduziert sein familiäres Bewußtsein gerade noch auf die eigenen Eltern und die eigenen Sprösslinge. Alles was davor und danach kommt, spielt für ihn kaum eine Rolle. Da gibt es dann keine familiären Mythen, keine Prägung durch die eigene Ahnen, keine ethische Bindung als Glied einer Generationenkette.
Das solcherart entwurzelte Individuum ist nicht mehr in einen Stand hineingeboren, trägt keine nationalkulturelle Identität, hat keine Bindung an Zünfte, Gilden oder andere berufsständische Gruppierungen, verfügt über keine familiäre Prägung und kann demgemäß eine solche auch nicht weitergeben.
Die Identität eines solchen postmodernen Massenmenschen ist allenfalls jene einer Ameise in einem Ameisenstaat. Willfährige Manövriermasse für die Formung eines „neuen Menschen“, wer aus immer aus welcher ideologischen Ecke auch immer, derlei unmenschliche Monstrositäten anstrebt. Der Mensch als soziales Wesen ist zuallererst in seine Familie hineingeboren. Parallel zu seinem individuell genetischen Erbe bedarf er der kulturellen Prägung durch diese Familie, und das heißt nicht nur der Eltern, sondern auch der Generationen davor. Überspitzt könnte man sagen: Wer nicht um seinen Ahnen weiß, kennt seine eigene Identität nicht.