Schluss mit lustig

11. Februar 2021

Von der Spaßgesellschaft zur Angst-Gemeinschaft

Noch vor Jahr und Tag, also vor dem Ausbruch der Coronapandemie, feierte die Spaßgesellschaft – zumindest in den Wohlstandsgesellschaften der westlichen Hemisphäre – richtiggehende Hochämter, der Karneval, der Fasching, zwischen Mainz, Köln und Villach und Rio de Janeiro, bot in Form wahrer Saturnalien ekstatische Unterhaltungen für Millionen. Zu Blasmusik und zu Sambaklängen wurde hier gefeiert und in den Jahrzehnten davor hatte sich längst die sogenannte „Fun Generation“ etabliert, die den Hedonismus zur Zivilreligion erhoben hat. „Party, Party, Party“ lautete die Devise, „Wellness“ die Freizeitbeschäftigung und die diversen Events prägten den Lebensrythmus der Menschen. Das wichtigste war eben Spaß und
„Entertainment“.
Mit dem Ausbreiten der chinesischen Epidemie zu einer weltweiten Pandemie im März des Jahres 2020 ahnte anfangs kaum jemand, dass dies das soziale und gemeinschafts-psychologische Klima in den westlichen Industriestaaten grundlegend ändern würde. Gewiss, der erste Lockdown im Frühjahr 2020 bedeutete unangenehme Einschränkungen und massive Einbrüche für das Wirtschaftswachstum. Nach Ostern aber sollte es, so hieß es , zur Auferstehung kommen und einige Wochen würde man es schon aushalten, so glaubte man. Dass die Lockerungen danach über den Sommer 2020 auch nur halbherzig waren und eine wirkliche Rückkehr zur alten Normalität, insbesondere im Bezug auf die Reisetätigkeit und auf das Gemeinschaftsleben der Menschen, keine wirkliche war, ermöglichte eine Rückkehr zum Status quo ante nicht. Und die zweite Welle, die im Herbst 2020 ausbrach und bereits ab Oktober weltweit lockdownartige Zustände erzwang, machte mit seiner langanhaltenden Dauer klar, dass damit nachhaltige Veränderungen des gesamtgesellschaftlichen Klimas verbunden sein werden: In einem relativ kurzen Zeitraum wurde aus der herkömmlichen Spaßgemeinschaft so etwas wie eine globale Angst-Gemeinschaft.
Begonnen hatte es mit den apokalyptischen Prognosen, wie sie etwa der österreichische Bundeskanzler von sich gab, wo mit Hunderttausend Toten gedroht wurde. Dann ging es weiter mit dem drohenden Zusammenbruch der Gesundheitssysteme. Weiter ging es mit der Horrorvision von Triage, wonach die Ärzte entscheiden müssten, wer auf dem Gang zu sterben habe und wer noch Intensivpflege bekäme. Die Bilder von Massengräbern in den USA und von Hunderten aufgereihten Särgen im italienischen Piemont taten ein Übriges. Und die Regierungen, insbesondere auch jene in Österreich, setzten auf eine Strategie der Angst und des Schreckens, um die Bürger gegenüber den einschränkenden Maßnahmen willfährig zu machen.
Von Seiten der Staatsmacht traten hier sehr rasch obrigkeitsstaatliche, paternalistische, ja autoritäre Verhaltensweisen zu Tage. Da wurde mit Sanktionen gedroht, das Strafmaß für vergleichsweise harmlose Verstöße gegen die Regierungsverordnungen wurde drastisch erhöht und die Menschen wurden im Hinblick auf ihre Grund- und Freiheitsrechte massiv eingeschränkt. Solcherart wurde neben der Seuchenangst der Menschen noch die Angst vor dem Obrigkeitsstaat erzeugt, wonach man bei den harmlosesten Tätigkeiten und Bewegungen im öffentlichen Raum womöglich gegen Ordnung und Gesetz verstoße und gleichzeitig mit Bestrafung zu rechnen hätte. Gleichzeitig wurde allerdings insbesondere in Österreich der zivile Ungehorsam der Bevölkerung und die traditionell ja ohnedies übliche Negierung von Vorschriften gestärkt.
In diesem neuen Klima der Angst traten aber auch höchst unerfeuliche Eigenschaften der Menschen zutage. Das Denunziantentum und so etwas wie ein gewisse Blockwart-Mentalität griffen um sich. Anonyme Anzeigen gegen Coronasünder und die Vernaderung unter Nachbarn wurden in den Zeiten des Lockdowns zur alltäglichen Gewohnheit. Damit fand der neue Obrigkeitsstaat seine Entsprechung in einer neuen Niedertracht eines Teils der Untertanen.
Wenn die vorhergehende Spaßgesellschaft von den politisch korrekten zeitgeistkonformen Schichten der Bevölkerung getragen wurde, so kann man dies nunmehr auch im Hinblick auf die neue Angst-Gemeinschaft sagen. Es gilt gewissermaßen als politisch korrekt, sich als Pandemie-Verängstigter zu erklären und zu deklarieren, wohingegen Kritiker oder Gegner der Regierungsmaßnahmen zur Seuchenbekämpfung sehr schnell als Extremisten oder gar Psychopathen abqualifiziert werden. Damit sind die Apologeten der politischen Korrektheit von einem Extrem, nämlich jenem der Spaßgesellschaft, ins andere Extrem, nämlich jenem der „Angst-Community“, gefallen.
Damit ist der neue Zeitgeist bereit, Geselligkeit und Gemeinschaftsleben widerstandslos preiszugeben. Zusammenkünfte aller Art, Veranstaltungen kultureller oder sportlicher Natur, Familientreffen, ja sogar Stammtische, fallen nun unter den Generalverdacht, „Hot Spots“ der Virusverbreitung zu sein. Auch die touristischen Vergnügungen, die für die „Fun Generation“ selbstverständlich waren, der Badeurlaub auf den Malediven, die Safari in Kenia, das Wochenende in New York, gelten in unserer angstgetriebenen Gesellschaft als gefährliche, ja verantwortungslose Vergnügungen. Die Isola­tion des Einzelnen im Home-Office, der Kinder im Homeschooling und der Alten im Pflegeheim mit Besuchsverbot, wird von dieser angstgetriebenen Gesellschaft als selbstverständlich hingenommen. Und die Angstmache der Obrigkeit samt der ihr angegliederten Wissenschaft, Virologen, Epidemiologie etc. wird als alternativlos akzeptiert. Nachdem indessen ja auch die Durchimpfung der Bevölkerung ganz offensichtlich nicht die Rückkehr zur alten Normalität ermöglichen dürfte, wird all das wohl mehr oder minder zum Dauerzustand werden. Und die neue politische Korrektheit in der Corona-Angst-Gesellschaft scheint kaum Widerstand gegen diese Entwicklung aufzubringen.