Neidgenossen & Nebelgranaten

17. Januar 2012

Wieder einmal tobt die rot-weiß-rote Neidgenossenschaft und die Schlagzeilen nicht nur der Boulevardblätter, auch des „großen Horizonts“ beschäftigen sich mit dem unglaublichen Skandal um die heimischen Diplomatenpässe. Das rot-weiß-rote Dokument sei – oh Schande – auch von Ex-Ministern genützt worden und sogar Graf Ali, der Prinzgemahl der ÖVP-Langzeit-Ministerin habe als österreichischer Diplomat durch die Lande zu reisen vermocht, möglicherweise mit prall gefüllten Geldkoffern, mutmaßt man im Volke. Überhaupt: Was die da oben sich wieder erlauben, warten nicht mehr in der Schlange auf den Flugplätzen, können ihr Gepäck an den Zollkontrollen vorbeii schleusen, fahren ohne Stau mit dem Auto über Grenzübergänge und werden überall bevorzugt behandelt.

So stellt sich das eben das Durchschnittsmitglied der heimischen Neidgenossenschaft vor. In Wahrheit bringt dieser Diplomatenpass kaum Vorteile und Alt-Kanzler Franz Vranitzky, dem gemeinhin vom Autor dieser Zeile wenig politische Sympathie entgegengebracht wird, hat es auf den Punkt gebracht: Während etwa bundesdeutsche Ex-Kanzler über ein Büro im Bundestag und entsprechendes Personal, über Securities und ähnliches verfügen, bleibt den ehemaligen Repräsentanten der österreichischen Bundesregierung gerade noch ein hellroter Paß, damit man an der Hotelrezeption wenigstens weiß, wer er ist. Wahrlich ein Bild des Jammers.

Aber um vom Diplomatenpaß über Graf Ali und seine Gemahlin Frau Rauch-Kallat auf ein anderes, mindestens ebenso brisantes Thema zu kommen, auf die Änderung der Bundeshymne: Das sind die Themen, die Österreich erschüttern. Ein Amtspapierl, das die Republik nichts kostet und eine sinnlose literarisch verstümmelnde Änderung der Bundeshymne. Das sind die Diskussionen, die wir führen – in der Insel der Saumseligen.

Und es sind zweifellos Nebelgranaten, die die Menschen von den tatsächlichen Problemen des Landes und seiner Wirtschaft ablenken sollen. Wir haben nahezu genauso viele Schulden wie Griechenland, unsere Medien sind mindestens genauso von der Regierungspartei besetzt wie jene des vielgescholtenen Ungarns und die Reformfreude unserer Regierung läßt sich mit jener der KPdSU unter Breschnew vergleichen, unser Schulsystem ist zu Tode reformiert worden, unser Pensionssystem ist längst unfinanzierbar, unser Gesundheitswesen wird systematisch ruiniert – alles Bereiche, in denen wir einst einmal Weltspitze waren. Aber die Österreicher diskutieren über Diplomatenpässe und die Bundeshymne. Ein Land, das sich diesen Luxus erlauben kann, hat wahrscheinlich eine Regierung wie jene, die wir mit Herrn Faymann und Herrn Spindelegger an der Spitze haben, verdient. Wie man überhaupt sagen kann, die Menschen haben genau jene politische Repräsentanz, die sie verdienen. Nicht nur, weil sie sie wählen, sondern auch – und jetzt wird der Autor dieser Zeilen beleidigend – weil sie in der Masse offenbar den gleichen Charakter haben.

PS: Auch der Autor dieser Zeilen ist als freiheitlicher Leiter im Europaparlament Inhaber eines Diplomatenpasses. Er wurde ihm ungefragt nach seiner Wahl vom Außenministerium zugestellt. Durch diesen Paß hat er bisher allerdings nur Nachteile zu gewärtigen: Während die Inhaber ganz normaler Pässe an den innereuropäischen Grenzen, an denen er zumeist reist, zum großen Teil durchgewinkt werden, ist er mit dem Diplomatenpaß noch immer angehalten worden, weil die Beamten einfach neugierig waren und nachsehen wollten, was da drinnen steht. So weit, so uninteressant.