Der 8. Mai im Gedenkjahr

2. Mai 2018

Und wieder nähern wir uns dem 8. Mai, jenem Tag, der weltweit von Feiern der Kriegssieger von 1945 geprägt ist, jenem Tag, der hierzulande – und das durchaus mit Recht – als Tag der Befreiung gefeiert wird. Jenem Tag, an dem bis vor wenigen Jahren noch am Heldenplatz ein Totengedenken der Wiener nationalfreiheitlichen Korporationen stattfand, das stets für massive Proteste aus dem politisch-korrekten und linken Bereich sorgte.
Heuer im Gedenkjahr 2018 wird man zweifellos mit besonderer Intensität an die historischen Ereignisse erinnern: Der vor 80 Jahren erfolgte „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und die sieben Jahre später erfolgte Befreiung vom nationalsozialistischen Terrorregime stellen ja tatsächlich Erinnerungsdaten dar, die man nicht vergessen soll. Nun wissen wir natürlich, dass der „Anschluss“ von der Mehrheit der Österreicher im März 1938 bejubelt wurde. Wir wissen auch, dass eine ebensolche Mehrheit im Laufe des Krieges bei Erkenntnis über den Charakter des NS-Regimes und durch das Kriegsleid diesen Jubel der Märztage von 1938 zunehmend bedauerte. Wir wissen auch, dass für einen Großteil der Österreicher das Kriegsende zweifellos ein Tag der Freude war, endlich Schluss mit Kampfhandlungen und angloamerikanischem Bombenterror und natürlich endlich Schluss mit dem Terror des braunen Regimes. Genauso aber wissen wir natürlich, dass dieses Kriegsende für die meisten Österreicher mit großem Leid verbunden war, viele waren ausgebombt, viele beklagten gefallene Väter, Brüder und Söhne. Zehntausend derselben waren in deutscher Uniform in die Gefangenschaft gegangen und sollten noch jahrelang nicht heimkehren, Hunderttausende wurden vertrieben und aus benachbarten deutschen Siedlungsgebieten nach Österreich deportiert. Und zehntausende Frauen, insbesondere im Machtbereich der Sowjetarmee, wurden Opfer von Vergewaltigungen. Angesichts dieses Leids dürfte das Gefühl der Befreiung damals für die betroffenen Menschen wohl eher in den Hintergrund getreten sein.
Es müssten alle Österreicher an diesem Tag ebenso trauern! Natürlich nicht über das Ende des NS-Regimes, natürlich nicht über die Niederlage des Großdeutschen Reiches! Wohl aber – und das mit jeder moralischen Berechtigung – über das damalige Leid der betroffenen Menschen, über das Leid der Opfer des Nationalsozialismus, der aus rassischen Gründen ermordeten Menschen und der als politische Gegner des Nationalsozialismus Verfolgten. Aber auch über das Leid der ganz normalen Österreicher, der gefallenen Soldaten, der Kriegsgefangenen, der Ausgebombten, der Vertriebenen!
Das durchaus tragische und leidvolle Schicksal der durchschnittlichen Österreicher in den Jahren rund um den Zweiten Weltkrieg wurde bislang bei den offiziellen Feiern in Gedenkjahr 2018 nur allzu häufig ausgeklammert beziehungsweise nur am Rande erwähnt. An diesem 8. Mai sollten wir uns allerdings alle gemeinsam daran erinnern und uns in Trauer vor den betroffenen Menschen verneigen und danach dürfen wir uns gemeinsam über die wiedererrungene Freiheit freuen und diese auch entsprechend feiern.
Zusätzlich sei angemerkt, dass aus Befreiungsfeiern, wie sie hierzulande durchaus mit historischer Legitimität begangen werden dürfen, keine Beteiligung an den Siegesfeiern werden sollten. Von bundesdeutscher Seite ist man ja bereits übergegangen, sich an den alliierten Siegesfeiern als Mitsieger von 1945 zu beteiligen, irgendwo ein pietätloser Akt gegenüber dem Leid des eigenen Volkes, könnte man meinen.

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