Gegen die Kriminalisierung des Dritten Lagers

1. Februar 2018

Die Idee des Vizekanzlers und Bundesparteiobmanns der Freiheitlichen, Heinz-Christian Strache, so etwas wie eine Historikerkommission einzusetzen, um sich proaktiv mit jenen Vorwürfen auseinanderzusetzen, die immer wieder – zumeist ausgerechnet vor Wahlen – gegen die freiheitliche Gesinnungsgemeinschaft und das Dritte Lager erhoben werden, ist zweifellos begrüßenswert. Wenn es Institutionen gibt, die zwar im Grunde private Vereine sind, allerdings seit Jahrzehnten mit hohen staatlichen Subventionen arbeiten und deren Hauptziel es zu sein scheint, die freiheitliche Partei und ihr zivilgesellschaftliches Umfeld zu diskreditieren, wäre es zweifellos vernünftig, hier nicht nur passiv zuzuwarten, sondern viel mehr mit eigenen Kräften jene historischen Bereiche aufzuarbeiten, die tatsächlich oder auch nur vorgeblich mehr als nur Schattenseiten der eigenen Geschichte darstellen. Das Gedenkjahr 2018 mit seinen historischen Ereignissen 1848, 1918, 1938, aber auch 1968, bietet zweifellos entsprechenden Anlass dafür.
Nun heißt es natürlich schon, dass Straches Absage an Antisemitismus und Totalitarismus, wie er sie couragiert bei seiner Eröffnungsrede am Wiener Akademikerball tätigte, zwar lieb und nett sei, aber natürlich zu wenig. Und eine Historikerkommission könne ja nur glaubwürdig sein, wenn sie nicht aus Sympathisanten der FPÖ bestünde, sondern aus „objektiven“, außenstehenden Persönlichkeiten. Da wird so getan, als hätte der Bund Sozialistischer Akademiker die Aufarbeitung seiner braunen Flecken ausschließlich durch ÖVP-nahe Historiker tätigen lassen. Und als würde sich die Volkspartei die Rolle des christlich-sozialen Lagers während des Austrofaschismus ausschließlich von Oliver Rathkolb und Anton Pelinka erklären lassen.
Das kann es natürlich nicht sein, dass die FPÖ und das Dritte Lager eine Kommission einsetzen, die ein Scherbengericht über sie veranstalten soll. Es wird eine solche Kommission vielmehr das Vertrauen der freiheitlichen Gesinnungsgemeinschaft und des Dritten Lagers und insbesondere auch der Burschenschaften haben müssen. Natürlich sind intellektuelle Redlichkeit und die Maximen wissenschaftlicher Arbeit vonnöten, damit die Kommission und ihr Ergebnis ernstzunehmen sein werden. Dass aber in diese Kommission Historiker, Publizisten und Wissenschafter berufen werden, die Kenntnisse über dieses Dritte Lager und die FPÖ haben, auch Kenntnisse von innen heraus, und die ein gewisses Verständnis für den Untersuchungsgegenstand mitbringen, ist völlig klar. Das Ergebnis dieser Kommission muss schließlich auch von der freiheitlichen Gesinnungsgemeinschaft und dem Dritten Lager als solches akzeptiert werden, damit es dann auch zu einer Umsetzung kommen kann, zur Distanzierung nämlich von den angesprochenen Schattenseiten. Natürlich aber sollte man die dezidierten Kritiker und Gegner dieses Lagers und dieser politischen Bewegung zu Wort kommen lassen, ihre Ansichten und auch ihre Anwürfe ernst nehmen und in eine Untersuchung einbeziehen.
Insgesamt aber wird es darum gehen, sich der eigenen Geschichte – auch der jüngeren und jüngsten – offen, ehrlich und vorbehaltlos zu stellen und dort, wo es Aktivitäten und Verhaltensweisen oder auch nur verbale Ausritte gegen den Geist der Humanität und gegen die Prinzipien der österreichischen Verfassung und des österreichischen Rechtsstaats gegeben hat, auch zu benennen, sich davon loszusagen und sie künftig hin zu meiden. Die Vergangenheit kann man bekanntlich ja nicht ändern, den eigenen Weg in die Zukunft allerdings können wir selbst gestalten und diesen sollten wir uns nicht durch Tugendterror von den Gralshütern der Political Correctness und des spätlinken Gutmenschentums diktieren lassen und auch nicht durch die taktischen Machinationen parteipolitischer Gegner.

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Vom Ende der Mauschelei

27. Januar 2018

Die Republik zwischen Konsens und Konflikt

Die Zweite Republik, das war der Start der Sozialpartner, die Republik des schwarz–roten beziehungsweise des rot–schwarzen Parteienproporzes.
Im zerbombten und zerstörten Österreich der unmittelbaren Nachkriegszeit, besetzt von den vier alliierten Siegermächten, hatte man die Lehren aus dem Scheitern der Ersten Republik, aus Parteienhader und Bürgerkrieg gezogen: Der große Konsens der staatstragenden Kräfte sollte es sein, der das Gemeinwesen tragen müsste. Politik im Konsens, wobei man die ständestaatlichen Restpositionen in Form der Sozialpartnerschaft und mittels eines fein austarierten Kammersystems – hie die Arbeiterkammer, dort Wirtschafts- und Landwirtschaftskammer – übernahm, sollte den zerstörerischen Parteienhader, der die Erste Republik zugrunde gerichtet hatte, verhindern. Angeblich war es die Gemeinschaft der Lagerstraße des Konzentrationslagers Dachau, jener Geist, der unter dem Druck des nationalsozialistischen Terrors schwarze und rote Ex-Politiker aus Österreich zusammengeführt hatte, der nun an der Wiege der Zweiten Republik stand.
In den Gründungsjahren der Zweiten Republik, als das Land zerstört und besetzt war, als hunderttausende der jungen Männer sich in Kriegsgefangenschaft befanden, und es in erster Linie um den Wiederaufbau und auch um die Wiedererlangung des staatlichen Souveränität, sprich das Ende der Besatzungsherrschaft ging, in dieser Phase war dieser Konsens der beiden staatstragenden Parteien, wie er sich in der großen Koalition manifestierte, nicht zuletzt auch eine staatspolitische Notwendigkeit, der Ausfl uss pragmatischer politischer Vernunft. Abgesegnet durch die Moskauer Deklaration der Siegermächte aus dem Jahre 1943 durfte man sich als erstes Opfer Hitlerdeutschlands betrachten. Dazu bedurfte es nur der Lossagung von der deutschen Nation, der deutschen Geschichte und damit auch der deutschen Verantwortung, was unter den Zwängen des Pragmatismus und wohl auch des Opportunismus zwecks Bewältigung der Kriegsfolgen offenbar ein Leichtes war. Und nach einer anfänglich überaus harten Entnazifi zierung mit zahlreichen Todesurteilen und schweren Sühnemaßnahmen für belastete ehemalige Nationalsozialisten schaffte man es auch einigermaßen problemlos, jene breite Schicht der Österreicher, die als Mitläufer das NS-System in den „Donau- und Alpengauen“ lebten, in die politische Landschaft zu integrieren. Dass mit dem Auftreten des Verbands der Unabhängigen und den etwa zwölf Prozent an Wählerstimmen, die er zu erringen vermochte, die – aus schwarzer und roter Sicht – unbelehrbaren ehemaligen Nationalsozialisten auch integriert werden konnten, war ein Teil der sozialen und politischen Befriedung der Republik. Dass der VdU nur zwölf Prozent erlangte und die Nachfolgepartei, die FPÖ, in ihren Anfangsjahren immer nur bei rund fünf bis sechs Prozent der Wählerstimmen herumkrebste, beweist allerdings rein mathematisch, dass die breite Mehrheit der österreichischen NS-Mitläufer und -Sympathisanten sehr wohl bei Rot und Schwarz gelandet war.
Koalition zwecks Machterhalt – Und obwohl man sich in den beiden staatstragenden Parteien, innerhalb der christlich-sozialen ÖVP, innerhalb der ehemals austromarxistischen SPÖ, zur großkoalitionären Zusammenarbeit niemals aus ideologischer oder programmatischer Übereinstimmung entschlossen hatte, sondern immer nur aus dem Pragmatismus der gemeinsamen staatstragenden Machtausübung, entwickelte sich solcherart ein politisches System, welches das gesamte Staatswesen in einen schwarzen und in einen roten Bereich aufteilte. Alle öffentlichen und halböffentlichen Bereiche, von der verstaatlichten Industrie bis zum Bankensektor und zum Bereich der Versicherungen, vom Bildungswesen, den Schulen und Universitäten bis zum Gesundheitswesen, bei den Krankenhäusern und Sozialversicherungsanstalten, den Gewerkschaften und natürlich auch dem Kulturbetrieb, sie alle waren durch einen roten oder einen schwarzen Bereich dominiert. Und im Rahmen der Sozialpartnerschaft der realen Ausübung des Parteienproporzes und eben der großen Regierungskoalition stritt man sich immer wieder zusammen.
Die ungeliebte Erste Republik – Auch der Beginn der Ersten Republik im Jahre 1918, stand im Zeichen einer militärischen Niederlage. Mit dem Auseinanderbrechen des habsburgischen Vielvölkerstaats bildete der deutsche Rest die junge Republik Deutsch-Österreich. Dabei war die ursprünglich stärkste Kraft, nämlich die in sich zersplitterte und fragmentierte deutschnational-freiheitliche Bewegung, von Anfang an bereit, die Sozialdemokratie vorangehen zu lassen, damit diese ein Übergreifen kommunistischer, räterepublikanischer Verhältnisse, wie sie in Ungarn und München unmittelbar nach Kriegsende herrschten, auf Österreich verhindern könnte. Nachdem diese Sozialdemokratie nach den ersten Wahlen wesentlich gestärkt wurde, bildete sie mit den Christlich-Sozialen eine Koalition, wobei die Nationalliberalen zur dritten Kraft degradiert wurden. Nach dem eher kurzfristigen Scheitern dieser rot–schwarzen Zusammenarbeit waren wechselnde Koalitionen zwischen dem christlich-sozialen Lager und den Nationalliberalen, sowie phasenweise mit Gruppen, die von der Heimwehr getragen wurden, die dominante Kraft dieser Ersten Republik bis hin zu ihrem Ende in den Jahren 1933/34.
Abgesehen aber von den Regierungen und der parlamentarischen Politik war diese junge Republik von Anbeginn durch eine gewisse Militarisierung geprägt. Die heimgekehrten Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs konnten sich rasch in paramilitärischen Verbänden der Parteien zusammenfinden, die Heimwehren auf der bürgerlichen Seite, der Schutzbund auf der linken. Waren es anfangs Grenzkämpfe wie etwa der Kärntner Abwehrkampf, die diese Militarisierung beförderten, so war es später das militärische Auftreten kommunistische Putschversuche wie etwa in der Steiermark im Jahre 1919 oder eben dann in der Folge der Bürgerkrieg des Februars 1934 oder – dann bereits mit nationalsozialistischer Beteiligung – der Juliputsch des Jahres 1934. Zuvor waren noch die Ereignisse von Schattendorf und der Justizpalastbrand mit seinen Unruhen beängstigende Zeichen für die radikale Konfrontation zwischen den großen politischen Lagern. So war diese Erste Republik ein Staat im Zustand des latenten Bürgerkriegs, der schließlich auch ganz real ausbrach und das Ende der demokratischen Republik mit sich brachte.
Gleichzeitig zu dieser Konfrontation zwischen dem bürgerlichen Lager und der sozialdemokratisch dominierten Linken gab es aber eine andere Frontlinie, die auch auf die Konflikte der vormaligen Monarchie zurückging: Die des Kulturkampfs zwischen christlich-konservativen Kräften und dem nationalliberalen Lager. Dieser Kulturkampf äußerte sich zwar primär im Antagonismus zwischen den Bereichen des deutschnational-freiheitlichen Vereins- und Verbändewesen auf der einen Seite und dem klerikal geprägten Vereinigung auf der anderen.
Primär im akademischen Bereich zwischen den waffenstudentischen Kooperation, den Burschenschaften, Corps und Landsmannschaften einerseits, und andererseits dem katholischen Kartellverband. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Gruppierungen hat es bereits in der Monarchie gegeben, sie häuften sich in der jungen Republik und gipfelten zur Zeit des klerikofaschistischen Ständestaats in den Kämpfen zwischen den illegalen Nationalsozialisten und den christlich-sozial orientierten Heimwehren beziehungsweise dann später den Kräften der Vaterländischen Front.
Konsens oder Konfrontation? – Im Gegensatz zur Ersten Republik war das politische System der Zweiten Republik also durch den Konsens der staatstragenden Kräfte gekennzeichnet. Und mit Ausnahme des kommunistischen Putschversuchs im Jahr 1950 war die Zweite Republik niemals von der Gefahr eines Bürgerkriegs bedroht. Der soziale Frieden wurde durch die Sozialpartnerschaft zweifellos in vorbildlicher Art und Weise gesichert, die Konfrontation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wurde stets auf dem Verhandlungswege gelöst. Die Schattenseite dieser konsensualen Form des politischen Lebens in der Republik bestand aber darin, dass die eigentlichen, verfassungsmäßig dafür vorgesehen Instrumentarien, insbesondere der Parlamentarismus und die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Justiz ausgehöhlt wurden und dass Mauschelei hinter den Kulissen an deren Stelle traten.
Was die Sozialpartner allzu oft hinter verschlossenen Türen aushandelten und im großkoalitionären Regierungsgetriebe im Sinne des Proporzes abgemacht wurde, wurde dann im Parlament häufig nur noch durchgewinkt und mittels Klubzwang in den Fraktionen der beiden Regierungsparteien abgesegnet. An die Stelle eines lebendigen Parlamentarismus trat dadurch eine demokratiepolitische Fassade, hinter der eher alles ausgemauschelt als ausgehandelt wurde, ohne wirkliche Beteiligung der Volksvertreter oder der Bevölkerung selbst.
Störenfriede dieses Proporzsystems wie eben das Dritte Lager, wie es sich in Form des VdU im Jahre 1949 und ab 1956 im Gewande der Freiheitlichen Partei auf die politische Bühne zurückkämpfte, wurden von diesem konsensualen Proporzsystem der beiden großen Parteien entweder heftig bekämpft und ausgegrenzt oder aber auch instrumentalisiert, um den jeweiligen Partner zu schaden oder zu erpressen. So glaubte man zeitweise aufseiten der SPÖ, mit der indirekten Förderung des freiheitlichen Lagers eine Spaltung des bürgerlichen Bereichs herbeiführen zu können, oder man nutzte die blaue Opposition, wie in der Ära Kreisky, um die ÖVP in die Opposition zu zwingen.
Zweimal allerdings wurde dieses konsensuale Politsystem durchbrochen: Am Ende der Ära Kreisky, als es nach der langjährigen stillschweigenden Kooperation von Freiheitlichen und Sozialdemokraten unter Friedrich Peter und Bruno Kreisky zu einer ganz realen rot–blauen Koalition unter Fred Sinowatz und Norbert Steger kam. Damals hoffte die Führung der FPÖ, mittels eines „lupenrein liberalen Kurses“ eine dauerhafte linksliberale sozialistischliberale Kooperation zustande bringen zu können, wie sie in diesen Jahren in der Koalition zwischen SPD und FDP auch in der Bundesrepublik bestand.
Als dieses Experiment nach nur drei Jahren scheiterte, kam es bekanntlich zur Neuauflage der großen Koalition. Diese wurde erst wieder beendet, als Jörg Haider und Wolfgang Schüssel im Jahre 2000 die erste blau–schwarze Koalition bildeten und damit erstmals in der Zweiten Republik die wirkliche Option auf eine konfrontative Politik eröffneten: Auf der einen Seite eine Mitte-Rechts-Regierung, auf der anderen Seite die linke Opposition, bestehend aus Sozialdemokraten und Grünen. Die vonseiten der ÖVP wohl stillschweigend geförderte Implosion der Freiheitlichen in der Folge der Ereignisse von Knittelfeld machten dieses politische Modell allerdings sehr rasch zunichte. Und es kam wiederum zur Neuauflage der großen Koalition, diese blieb Österreich mehr als ein Jahrzehnt erhalten und sie zeigte, dass die konsensuale Politik des rot–schwarzen Proporzsystems sich überlebt hatte. Gegenseitiges Blockieren und ständiger Streit stand an der Tagesordnung, das konsensuale große Projekte für das Land und seine Menschen fand de facto nicht mehr statt.
Das neuerliche Anwachsen der freiheitlichen Oppositionsbewegung unter Heinz-Christian Strache nach der Abspaltung Haiders und des BZÖ und die Krise der beiden Altparteien, die über weite Bereiche in den Umfragen keine gemeinsame Mehrheit mehr hatten, sowie der Führungswechsel in der völlig maroden Volkspartei hin zum jungen Sebastian Kurz, ermöglichten schließlich eine Neuauflage einer Mitte-Rechts-Koalition und damit des konfrontativen Politikmodells. Damit hat Österreich wiederum eine Mitte-Rechts-Regierung, welcher eine gegenwärtig eher desorientierte und geschwächte linke Opposition gegenübersteht. Dies sollte eine neuerdings scharfe Abgrenzung der politischen Projekte und der ideologischen Zielsetzungen ermöglichen: Auf der einen Seite eine leistungsorientierte, dem sozialen Wohlergehen und der kulturellen Identität der eigenen Bevölkerung verpflichtete Mitte-Rechts-Regierung, dort eineLinke, die nach wie vor auf Umverteilungsrezepte, Massenzuwanderung und Nivellierung zu schwören  scheint. Ob diese Mitte-Rechts-Regierung in schwierigen Zeiten reüssieren wird, bleibt abzuwarten, und ob die linke Opposition klug und staatstragend genug sein wird, der Versuchung zu widerstehen, den verbalen Bürgerkrieg mittels politisch-korrekter Medien gegen diese Regierung zu entfachen, wissen wir auch noch nicht. Tatsache ist jedenfalls, dass nach dem jahrzehntelangen Proporzsystem und der damit zusammenhängenden Schattenregierung der Sozialpartner nach der Periode des Mauschelns die Zeit eines konfrontativen demokratischen Systems angebrochen ist. Eines Systems, in dem der Parlamentarismus gewiss eine neue stärkere Rolle spielen wird, eine Periode, in der sich der Bürger zwischen zwei tatsächlich antagonistischen, politischen Programmen entscheiden wird können.


Oskar Deutsch, die deutschnationalen Burschenschafter und Theodor Herzl

18. Januar 2018

Man wolle mit den freiheitliche Bundesministern seitens der Israelitischen Kultusgemeinde keinesfalls in Kontakt treten, wenn es denn – wohl für Subventionen beispielsweise – notwendig sei, dann werde man höchstens auf Beamtenebene mit diesen Ministerien reden, so der Präsident der Kultusgemeinde, der Kaffeeröster Oskar Deutsch. Warum diese Kontaktsperre? Weil es nach Ansicht des Herrn Deutsch in den Reihen der blauen Regierungspartei keine Distanz gäbe zu jenen „deutschnationalen Burschenschaftern, die die Theoretiker des Antisemitismus“ gewesen seien. Und man wolle den freiheitlichen Regierungsmitgliedern kein „Koscher-Zertifikat“ ausstellen.
Da erweist sich der Herr Präsident als echter „Schmock“ in Sachen Geschichtskenntnisse. Diese ach so bösen Burschenschaften haben sich nämlich in ihrer 200-jährigen Geschichte vielfach gewandelt, und sie haben, wie alles Menschenwerk, gute Seiten und weniger gute und auch schlechte. Und sie haben Positives geleistet und schiere Irrwege beschritten.
Als etwa die akademischen Legionäre während der bürgerlichen Revolution von 1848 in Wien – weitgehend Burschenschafter – unter der Führung des Juden Dr. Goldmark den Kampf für den Verfassungsstaat aufnahmen, konnten sie mit Recht für sich den Anspruch erheben, die ersten Kämpfer für Recht und Freiheit, für Bürgerrechte, Verfassung und Rechtsstaat im Lande zu sein. Als der junge Jude Theodor Herzl, immerhin später der Begründer des Zionismus und damit der Urvater des Staates Israel, im Jahre 1881 bei der Burschenschaft Albia in Wien das Band aufnahm, wusste er natürlich, dass er bereits damals einer deutschnationalen Vereinigung beitrat, das fand er offenbar höchst erstrebenswert. Als er zwei Jahre später allerdings das Albenband zurücklegte, tat er dies wegen der zunehmenden antisemitischen Tendenzen innerhalb der Burschenschaften, ähnlich wie die beiden Gründer der Sozialdemokratie, Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer. Und tatsächlich entwickelten sich die deutschen Burschenschaften in Österreich im Zuge der unseligen Waidhofener Beschlüsse in eine antisemitische und rassistische Richtung, die Jahrzehnte später darin gipfeln sollte, dass viele Burschenschafter und Korpsstudenten der totalitären Versuchung des Nationalsozialismus erliegen sollten und Anteil an schweren Verbrechen der Weltgeschichte haben sollten. Dass Burschenschafter, etwa in der Person des Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Franz Dinghofer, aber auch an der Wiege der Republik standen, in der Ersten Republik höchst verantwortungsvolle Rolle in Regierungsfunktion ausübten, und dass sie bis zuletzt um die Erhaltung des demokratischen Parlamentarismus gegen den Klerikalfaschismus kämpften, ist ebenso eine Tatsache. Und dass diese Burschenschaften im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung von den NS-Behörden verboten wurden, weil sie verdächtig waren, ein Hort der Freigeisterei und des Individualismus zu sein, ist auch eine Tatsache.
Und insbesondere übersieht der Herr Deutsch, dass die Burschenschaften heute zwar deutsches Geschichts- und Kulturbewusstsein pflegen und damit zu jenen Österreichern zählen, die auch bereit sind, die Verantwortung für die deutsche Geschichte in ihren Höhen, aber auch in ihren schrecklichen Tiefen zu übernehmen, ignoriert er.
Vor allem aber, dass diese Burschenschafter in der Zweiten Republik seit Jahrzehnten zu ihren edlen Wurzeln zurückgekehrt sind, lupenreine Demokraten und pflichtgetreue Staatsbürger sind, dass in ihren Reihen Antisemitismus genauso geächtet ist wie in allen anderen ernstzunehmenden Bereichen unserer Gesellschaft. Und noch etwas sollte der Herr Präsident vielleicht beherzigen: Nicht einmal seine gehässigen Attacken und Denunziationen etwa in israelischen Medien werden es schaffen, antisemitische Reflexe in den Reihen der von ihm so gehassten deutschen Burschenschaften hervorzurufen und schon gar nicht bei den freiheitlichen Regierungsmitgliedern.


Feindbild Burschenschaft

15. November 2017

Die linke Strategie gegen die neue Mitte-Rechts-Regierung – eine Analyse

Die Linke im Lande liegt danieder: Die Grünen aus dem Parlament geflogen, die Liste Pilz in der Sexismus-Falle, und die SPÖ völlig desorientiert. Die gerade um ihr Aktionsprogramm ringende neue Mitte-Rechts-Koalition hat gegenwärtig keine besonders gefährliche parlamentarische Opposition zu fürchten. Bekämpft wird sie dennoch von den Gutheuchlern und Tugendterroristen, von den Jüngern der Political Correctness und spätlinken Kulturmarxisten und insbesondere natürlich von der linken Journaille.
Und in den Spalten der linken Mainstream-Gazetten vermeint man den Feind bereits dingfest gemacht zu haben: Es sind die ach so bösen „völkischen Burschenschafter“, welche in einmalig hoher Anzahl freiheitliche Parlamentsmandate einnehmen und möglicherweise auch bald Regierungssitze beanspruchen werden. Deutschnational seien sie und damit gewissermaßen zwangsläufig Österreich-Verächter, Rassisten und Ausländerhasser, möglicherweise gar Antisemiten.
Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Kampagne aus der Werkstatt des Herrn Silberstein, wird gegenwärtig über die linkslinke Stadtgazette „Falter“, über den „Standard“ und den angeblich bürgerlichen „Kurier“ kommuniziert. Flankiert natürlich pflichtschuldig vom ORF und dem einen oder anderen Privatsender.
Hier glaubt man, die Sollbruchstelle der neuen Mitte-Rechts-Koalition entdeckt zu haben, die Schwachstelle des neuen Regierungsbündnisses.
Und um diese Schwachstelle sturmreif zu schießen, sind den politisch- korrekten Angreifern kein Klischees und keine Unterstellungen zu billig. Da werden altehrwürdige Tradition, studentische Folklore, die aus dem 19. Jahrhundert stammt, Lieder, deren Text aus der Feder von Dichtern der deutschen Romantik stammt, und traditionelle Grußformeln mit Heils-Wünschen wider besseres Wissen als NS-Apologie missinterpretiert.
Da werden linksradikale Berufsantifaschisten als politikwissenschaftliche Autoritäten medial vermarktet, deren Expertisen von Halbwissen und Vorurteilen nur so strotzen. Alexander Pollak von SOS-Mitmensch, Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, der unter dem Künstlernamen Doktor Heribert Schiedel auftritt, Hans-Henning Scharsach, erprobter Autor denunziatorischer Literatur, Peter Michael Lingens, Altmeister der FPÖ-Hasser unter den Kolumnisten, und natürlich der im antifaschistischen Kampf ergraute Hans Rauscher. Sie alle überschlagen sich angesichts von Angst und Schrecken, den die Burschenschafter im Parlament und Regierung offenbar verbreiten.
Teile des unbedarften, mit geringem historischen Wissen ausgestatteten Publikums, möglicherweise auch große Teile der ÖVP-Wählerschaft und vielleicht sogar der eine oder andere aus dem Kreis der freiheitlichen Sympathisanten mögen ein gewisses Unbehagen über die angeblich Vielzahl und Stärke der Burschenschafter in der Politik verspüren.
Viele glauben die Diffamierung vielleicht sogar teilweise, obwohl für diese natürlich auch gilt, dass sie durch allzu häufige Wiederholung nicht richtiger wird. Dies mag daran liegen, dass manches vom studentisch-akademischen Brauchtum der national-freiheitlichen Korporationen für den Durchschnittsbürger des 21. Jahrhunderts nur mehr schwer verständlich ist. Der Männerbund mit lebenslanger Freundschaft und seinen archaischen Initiationsritualen wirkt auf den ersten Blick für den Durchschnittsbürger wie aus der Zeit gefallen, dass das Gleiche für die Rituale der Freimaurerlogen gilt, wird medial von niemanden skandalisiert. Die studentische Mensur als ebenso archaisches Rituale der Mutprobe und des Beweises der Hingabe an den Bruderbund ist ebenso wenig leicht verständlich, dazu kommt die Verschwiegenheit und Diskretion, mit der die national-freiheitlichen Verbindungen ihr Verbandsleben gestalten. Und Attribute wie „völkisch“ oder „deutschnational“ werden von den Kritikern und Gegnern der Korporationen entsprechend negativ konnotiert. Dass sich das deutsche Bekenntnis der national-freiheitlichen Korporationen in Österreich ausschließlich und zweifelsfrei auf die Kulturnation, die historisch gewachsene nationalkulturelle Identität der autochthonen Bevölkerung bezieht und keinerlei Gegensatz zu staatsbürgerlicher Loyalität und Österreich-Patriotismus darstellt, wird dem unbedarften Medienkonsumenten natürlich nicht vermittelt. Es geht ja darum, die „Burschenschaften“, womit in großer Unwissenheit alle national-freiheitlichen Korporationen, Sängerschaften, Turnerschaften etc. gemeint sind, an den Pranger zu stellen. Das man für diese studentisch-akademische Rest- und Sonderkultur schon einmal deshalb Respekt aufbringen sollte, weil sie einerseits wertvolles historisches Erbe bewahrt und andererseits eine Randgruppe mit hohem staatsbürgerlichem Ethos darstellt, wird völlig übersehen.
Und auch die Frage, warum relativ viele Angehörige von Korporationen über die Freiheitliche Partei in politische Verantwortung gelangen, wird einseitig und negativ beantwortet: Es handle sich um eine „Machtübernahme“ der Burschenschaften. Dass es schlicht und einfach ein Faktum ist, dass die Korporationen seit mehr als 150 Jahren in der Mitte des nationalliberalen Lagers und der freiheitlichen Gesinnungsgemeinschaft stehen und deren akademisches Potential ausmachen und damit auch so etwas wie eine politische Elite dieses Lagers darstellen, das will man nicht verstehen. Von den führenden Persönlichkeiten der Bürgerlichen Revolution in Wien im Jahre 1848 bis in unsere Tage waren es stets Angehörige von Korporationen, zumeist Burschenschafter, die dieses Lager und seine politischen Bewegungen und Parteien an der Spitze repräsentiert. Der Führer des Aufstands von 1848 gegen die kaiserlichen Truppen Wenzel Messenhauser, der Paulskirchen-Abgeordnete Robert Blum, der in Wien erschossen wurde, sie waren Burschenschafter. Die Repräsentanten der deutsch-freiheitlichen Parteien, die in den letzten Jahren der Monarchie den freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat und den Parlamentarismus entwickelten, sie waren zumeist Burschenschafter. Genauso wie übrigens die beiden Gründer der Sozialdemokratie, Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer. Die Parteiführer der nationalliberalen Parteien der Zwischenkriegszeit waren ebenso zumeist Burschenschafter. Franz Dinghofer, Präsident der Provisorischen Nationalversammlung, hat am 12. November 1918 von der Rampe des Parlaments die Republik ausgerufen, Hermann Foppa hat als letzter Abgeordneter im Nationalrat 1934 gegen die Ausschaltung des Parlaments protestiert – beide waren sie Burschenschafter.
Die eben genannten Namen stehen für eine politische Bewegung, die einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des österreichischen Rechtsstaates und der demokratischen Verfassung beigetragen hat. Aber natürlich gib es auch Namen, die die dunklen Schattenseiten der Geschichte der Korporationen repräsentieren.
Dass Georg Ritter von Schönerer, wiewohl er der politische Mentor nicht nur der Nationalliberalen, sondern auch der Sozialdemokraten Adler und Pernerstorfer sowie des Christlichsozialen Lueger war, der eigentliche Promotor des Rassenantisemitismus des endenden 19. Jahrhundert war, soll nicht geleugnet werden. Und dass viele Kooperierte, die aus dem nationalliberalen Lager stammen, im Chaos der Nachkriegsjahre nach dem Ersten Weltkrieg und dem Elend der Wirtschaftskrise den totalitären Irrweg in den Nationalsozialismus beschritten, muss auch ebenso offen wie reumütig bekannt werden. Auch der in Nürnberg hingerichtete Hauptkriegsverbrecher Ernst Kaltenbrunner war Burschenschafter sowie eine Reihe von Persönlichkeiten, die in verbrecherischen Organisationen wie der SA, der SS oder des SD Karriere während des Dritten Reiches gemacht haben. Dennoch darf auch nicht verschwiegen werden, dass die Korporationen und ihre Dachverbände vom Naziregime verboten wurden, weil sie als Hort bürgerlichen Denkens und widerspenstigen Freisinns betrachtet wurden. Aber dieser Sündenfall – nicht der Burschenschaften und Korporationen selbst, sie waren verboten, sondern einer Vielzahl einzelner Burschenschafter, Korporierter – darf nicht verschwiegen und nicht verharmlost werden. Getragen kann diese historische Verantwortung und die damit verbundene Schuld nur dadurch werden, dass sich die Korporierten heute als vorbildliche Staatsbürger, als opferbereite Diener des republikanischen Gemeinwesens und als Verfechter bürgerlichen Pflichtbewusstseins erweisen.
Jene, die versehen mit der „Gnade der späten Geburt“ auf die Verfehlungen vergangener Generationen weisen, darf Konformismus und Zeitgeist-Opportunisten vorgeworfen werden. Konformismus hingegen kann man den Korporierten, den Burschenschaftern eben, jedenfalls nicht nachsagen. Ihnen bläst der Wind des Zeitgeistes scharf ins Gesicht, sie müssen sich doppelt und dreifach beweisen – auch in der Politik –, wohingegen die Schönredner des politisch korrekten Zeitgeists a priori immer auf der richtigen Seite stehen.
So mag die Burschenschaft als wohlfeiles Feindbild für die Verfechter des spätlinken Zeitgeists herhalten und die Angriffsfläche für die desolate linke Opposition im Lande bieten. Sie hat in ihrer nahezu 200-jährigen Geschichte schon mehr ausgehalten. Sie hat ein halbes Dutzend von Staatsformen überdauert, zwei Weltkriege, Wirtschaftskrisen und den gesellschaftlichen Wandel vom Feudalismus hin zur postmodernen digitalisierten Gesellschaft. Sie wird auch die Attacken von „Falter“ und SOS Mitmensch überstehen, das steht außer Zweifel.