Daniel Kehlmann – politisch-korrekt

13. September 2018

Er war auch für wertkonservative Zeitgenossen so etwas wie eine wirkliche Entdeckung: Als man vor einigen Jahren – zumeist wohl über sein Buch „Vermessung der Welt“ – vom jungen Autor Daniel Kehlmann Notiz nahm, war die Freude groß. Mit diesem jungen Daniel Kehlmann äußerte sich endlich ein Schriftsteller, ja Dichter, der in der Lage war, mit moderner, aber doch klassischer Sprache, fesselnd und raffiniert konstruiert, historisch und allgemein-menschliche Inhalte in Romanform zu bringen.
Und als Kehlmann vor einigen Jahren bei einer Eröffnungsrede zu einem großen Kulturfestival dann noch die zeitgeistige Political Correctness kritisierte, wähnte man, endlich einen modernen Literaten vor sich zu haben, der zusätzlich neben seiner literarischen Qualitäten den Mut aufbrächte, Nonkonformist zu sein angesichts der allzu opportunistischen Zwänge des zeitgenössischen Literatur- und Kulturbetriebs. Weit gefehlt! Alles Illusion!
Der „Erfolgsautor“ Daniel Kehlmann hat seine Lektion indessen gelernt, die Aufführung seines Theaterstücks „Die Reise der Verlorenen“ am Wiener Theater an der Josefstadt und die dabei – auch vom Autor selbst – breit getretene politische Konnotation zeigen uns leider, dass auch Kehlmann sein Lehrgeld bereit ist zu bezahlen. Seine Darstellung des Flüchtlingsschicksals aus dem Jahre 1939, wo vor dem NS-Gewaltregime fliehende Juden versuchen, auf einem Schiff die Freiheit und das Überleben zu erlangen, wird allzu rasch und allzu leicht mit den in der jüngsten politischen Debatte aufscheinenden Flüchtlingsschiffen vor Malta und der italienischen Küste verglichen.
Kehlmann und mit ihm der Theaterdirektor Herbert Föttinger setzen die vor der Vernichtung durch den Holocaust fliehenden Juden gleich mit Wirtschaftsmigranten aus Schwarzafrika, denen einen Anlandung in Malta nicht gut genug erscheint, die unbedingt nach Italien wollen und dort die Unterbringung in Flüchtlingsheimen mit W-LAN und passender Verpflegung samt Gewährleistung der Weiterreise nach Österreich oder Deutschland verlangen. Ob Kehlmann sich eigentlich bewusst ist, das er mit dieser Gleichsetzung den Holocaust verharmlost?
Und dann setzte er noch eines drauf, bei seiner Eröffnungsrede des Bruckner-Festes in Linz: Er sprach unmittelbar die Asylpolitik des Bundeskanzlers Sebastian Kurz an. Dieser sei stolz, mit dem „Quasi-Diktator Orban“ die Balkanroute geschlossen zu haben, was Kehlmann unmittelbar an die Haltung vieler Politiker in den späten 30er Jahren erinnere, als die Fluchtbewegung aus Nazi-Deutschland einsetzte.
Auch damit setzt Kehlmann wiederum jene Testosteron-gesteuerten jungen Männer, die da mithilfe krimineller Schlepper, ausgestattet mit Smartphones und einigen tausend Dollar Reisegeld nach Europa, ins Land, wo Milch und Honig fließen, gelangen wollen, gleich mit den vor der Vernichtung fliehend Juden der späten 30er Jahre. Na, damit wird Daniel Kehlmann jedenfalls schlagartig zum Liebling der linksgepolten politisch-korrekten Kulturschickeria werden. Und die Verleihung der diversen Literaturpreise und die Jubelberichterstattung in den zeitgeistigen Gazetten, den durch ideologische Selbstverhausschweinung gleichgeschalteten öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsendern werden auch nicht auf sich warten lassen. Die Wiener Festwochen werden anklopfen, und der Friedenspreis des deutschen Buchhandels winkt. Und gewiss hat er damit auch einen wesentlichen Schritt in Richtung hin zum Literaturnobelpreis gemacht. Ohne Konformismus geht eben nichts, auch in der edlen Welt der hohen Literatur. Und im Übrigen noch eine Fußnote: Theaterdirektor Herbert Föttinger hat auch die Bundesregierung zur Premiere des Flüchtlingsdramas von Kehlmann eingeladen, und keiner ist gekommen. Die Herren und Damen hätten etwas lernen können, meinte Föttinger. Die Minister und -Innen haben darauf verzichtet. Solche Kulturbanausen – oder etwa doch nicht?

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