Ethno-Kriege und Ethno-Parteien

2. Juli 2020

Welche Konflikte haben wir uns schon importiert?

Das sei doch völlig harmlos gewesen, heißt es vor einigen Tagen aus dem Kreise der politisch korrekten Gutmenschen-Szene, was da in Stuttgart nächtens über die Bühne gegangen ist: Eine kleine Prügelei mit Polizisten, ein paar eingeschlagene Fensterscheiben, das war’s ja. Und im französischem Dijon, wo Tschetschenen mit Franzosen massive Konflikte hatten? Nicht der Rede wert! Mein Gott – und in Wien Favoriten haben halt brave Antifaschisten Solidarität mit den unterdrückten Kurden gezeigt. Und dagegen haben ein paar unverbesserliche Erdogan-Fans ihrerseits protestiert. Alles nicht so schlimm.

Dass der Gewaltausbruch in Stuttgart 24 Verhaftete zeitigte, wovon zwölf Asylanten waren und von den anderen zwölf auch nahezu die Hälfte Migrationshintergrund haben, dass also die dortigen „Jugendproteste“ veritable Migrantenkrawalle waren, wird fromm verschwiegen. Dass in Dijon die Tschetschenen nicht mit irgendwelchen Franzosen, sondern mit denen mit Migrationshintergrund, weitestgehend aus Nordafrika, um die Vorherrschaft auf der Straße kämpfen und das mit brutalsten Mitteln, wird auch klein geredet. Dort handelt es sich um einen veritablen Ethno-Krieg, in welchem die autochthonen Franzosen gar nicht vorkommen.

Und auch in Wien-Favoriten zeigt sich, dass die Massenzuwanderung die ethnischen Konflikte anderer Weltteile auch nach Österreich importiert hat: in diesem Fall eben Türken gegen Kurden. Graue Wölfe gegen PKK-Anhänger. Und das Ganze entspricht natürlich den in den USA, aber auch in anderen Teilen der Welt aufgeflammten Antirassismus-Krawallen, die trotz ihres wichtigen und durchaus verständlichen Grundanliegens nahezu überall in Gewaltexzesse ausgeartet sind. Dass die Menschen dort gegen Polizeigewalt auf die Straße gegangen sind, mag verständlich sein, dass dies dann in Straßenschlachten, Zerstörungen und Plünderungen endete, allerdings nicht mehr. Und dass gegen überbordende Polizeigewalt in den USA und gegen den dort sicher noch vorhandenen Rassismus gegenüber den „Schwarzen“ (darf man das noch sagen?) auch in europäischen Ländern, in denen es längst nicht diese Polizeigewalt gibt und keine Diskriminierung von „Schwarzen“ demonstriert wird, ist ebenfalls völlig unverständlich. Hierzulande sehen wir – und das Beispiel Favoriten zeigt es – dass jene politischen Kräfte, die unermüdlich Willkommenskultur predigen und der Zuwanderung das Wort reden, die sich unglaublich multikulturell, weltoffen und tolerant fühlen, plötzlich feststellen müssen, dass Teile der von ihnen willkommen Geheißenen durchaus auch mit Gewalt gegen sie selbst vorgehen. Türkische Nationalisten, die das Lebensrecht des kurdischen Volkes und dessen nationale Selbstbestimmung negieren und bis aufs Messer bekämpfen, gibt es massenweise eben auch längst in Österreich.

Sie dürften sich so ziemlich auch mit den Erdogan-Anhängern decken, die bei entsprechenden Veranstaltungen in Deutschland und Österreich immerhin schon Stadien füllen konnten. Wenn nun heimische Berufs-Antifaschisten, die sich beispielsweise im Wiener Kirchwegerhaus regelmäßig treffen und die in ihrer Mehrheit den Grünen, immerhin einer Regierungspartei, nahestehen dürften beziehungsweise auch von diesen unterstützt werden, für die Rechte der Kurden und gegen Rassismus demonstrieren, ist dies vielleicht lobenswert. Wenn sich auch viele Österreicher fragen: „Wo ist bei uns der Rassismus und was gehen uns die Kurden an?“ Dass diese braven und biederen Antifaschisten, die ihre Vermummung nahtlos in die Maskenpfl icht der Coronazeit übergehen ließen, nunmehr aber von jenen Menschen verprügelt werden und sich im Kirchwegerhaus gegen sie verschanzen müssen, die sie so heiß und herzlich willkommen geheißen haben, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Und da gibt es auch eine innenpolitische Komponente, weil die Erdogan-Sympathisanten eher der Wiener SPÖ nahe stehen und in diese Richtung ihre Netzwerke pfl egen.

Angesichts dieser Verhältnisse stellt sich allerdings die Frage, wann es auch bei uns in Österreich zur „Ethnisierung“ der Parteipolitik kommt. Das heißt also, wann Migranten-Parteien die politische Bühne betreten und nicht nur wie jetzt auf der Straße, sondern auch im Parlament, um die Dominanz kämpfen. So wie es der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem Roman „Submission“ („Unterwerfung“) schilderte, wonach es in Frankreich in absehbarer Zeit die Wahl zwischen einer starken rechtspopulistischen Gruppe und einer islamisch dominierten Migrantenpartei geben werde, wobei sich die Linke des Landes auf Seiten der Migrantenpartei schlagen und somit deren Machtübernahme ermöglichen würde. Nun gibt es ja bereits eine Migrationspartei in unserem Lande, die vorläufi g aber politisch bedeutungslos ist. Ebenso die eine oder andere türkische Regional-Wahlliste, wie in Vorarlberg. Die Tatsache, dass Wiens Volksschüler heute zu 52 Prozent nicht deutscher Muttersprache sind, weist darauf hin, dass wir vielleicht in einigen Jahrzehnten sehr wohl gewichtigere ethnische Parteien im Lande haben könnten. Vielleicht ringt dann im Nationalrat eine türkische Partei mit einer kurdischen um die Vorherrschaft und eine syrische bildet die Spitze der Opposition. Gottlob im Augenblick unrealistisch für Österreich.

Zu denken sollte es uns aber schon geben, wohin uns die schrankenlose Willkommenspolitik gebracht haben. Die Antirassismus-Demonstrationen mit ihren Ausschreitungen im Anschluss in den USA sind eine Sache, die zweifellos dadurch motivierten Demonstrationen in europäischen, auch deutschen und österreichischen Städten samt den darauf folgenden Migranten-Krawallen sind eine andere Sache. Die USA bezahlen einen hohen Preis für ihre historische Todsünde, für die Sklaverei. Wir in Europa hingegen – völlig ungerechtfertigterweise – für die Aufnahme von angeblich Schutzsuchenden, von Asyl bedürftigen. Wahrlich ein politisch-historisches Paradoxon. Und vielleicht auch ein Gradmesser für das Maß an Dekadenz der europäischen Völker, die sich das gefallen lassen.


Denkmalsturm – Sinn und Unsinn

2. Juli 2020

Black Lives Matter, Pharao Echnaton und Karl Lueger

Die indessen weltweit geradezu zur Pflichtübung gewordenen Antirassismus-Demonstrationen infolge der „Black Lives Matter“-Bewegung haben auch hierzulande eine Diskussion über Sinn und Unsinn, Berechtigung und Ablehnung diverser Denkmäler geführt. Natürlich gab es Bilderstürmer und Denkmalschänder mit mehr oder weniger guten Gründen schon immer. Bereits im alten Ägypten hat man jene Hieroglyphen, die an missliebige Pharaonen erinnerten, aus den Stelen und Obelisken herausgemeißelt.

Pharao Echnaton etwa, der kurzfristig den Sonnenkult einführte, wurde von den Priestern des Ammon und Re posthum aus den Pharaonenlisten getilgt. Und das junge Christentum hat, nachdem es in der späten römischen Kaiserzeit zur Staatsreligion wurde, die Erinnerung an heidnische Götter und an die Cäsaren der Christenverfolgung genauso gnadenlos getilgt. Die Damnatio memoriae, die Verdammung des Andenkens, ist also ein – beinahe könnte man sagen – altehrwürdiger Brauch in der Menschheitsgeschichte. Und auch in jüngerer Zeit ist es so, dass Denkmäler gestützt werden, wenn ein Regime durch Umsturz, Revolution oder ähnliches beendet wird. Nicht auszudenken, wenn die diversen Hitlerund Mussolini-Denkmäler nicht gestürzt worden wären. Und Denkmalsturz betrifft natürlich auch Ortsnamen und die Bezeichnung von Straßen und Plätzen. Auch wir haben ja in Österreich seit vielen Jahren die Debatte über topographische Bezeichnungen. Alle Adolf-Hitler-Plätze wurden natürlich schon im Frühjahr 1945 umbenannt. Alle anfälligen Namensgebungen, die sich auf einstige Nationalsozialisten bezogen, wurden auch schon recht bald umbenannt. Antisemiten, die eher der roten oder schwarzen Reichshälfte zugehörten, folgten. Karl Lueger, der Begründer der christlich-sozialen Bewegung, der aber zweifellos auch ein Antisemit war, folgte. Sein Denkmal, das nach wie vor steht, ist heftig umstritten.

Und nun sind es eben die Denkmäler von wirklichen oder auch nur mutmaßlichen Rassisten, die gestürzt werden sollen. Dass da die Statuen von einstigen britischen oder amerikanischen Sklavenhändlern vom Sockel gestoßen werden, mag verständlich sein. Dass aber Winston Churchill der gleichen Verdammnis anheimfallen soll wie der belgische König Leopold II., der den Kongo ausgebeutet hat, ist dann doch einigermaßen seltsam. Und dass man den Entdecker Amerikas Christoph Kolumbus nunmehr schlicht zum Urheber des Völkermords an der indigenen Bevölkerung erklärt, ist auch grotesk. Wenn alle Sklavenhalter früherer Zeiten dieser Damnatio memoriae anheimfallen sollten, müssten die größten Philosophen der Antike, Platon und Aristoteles, genauso verdammt werden wie die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, George Washington und Thomas Jefferson.
Sie alle hatten Sklaven und ließen sich von ihnen bedienen. Und wenn man schließlich alle großen Geister der Vergangenheit, die antisemitische oder judenfeindliche Vorteile pflegten, ihrer Denkmäler berauben wollte, müsste man William Shakespeare bis Martin Luther, Karl Marx bis Richard Wagner aus der Erinnerung im öffentlichen Raume tilgen.
Dass jede Zeit, jede Epoche, jede Generation sich ihr eigenes Geschichtsbild erarbeiten muss und dabei natürlich aufgefordert ist, Ressentiments und Vorurteile abzubauen, ist klar. Und so mag es berechtigt sein, etwa bei den genannten großen Geistern der Menschheitsgeschichte, denen man derlei Vorurteile nachsagt, zeitgemäße Erklärungen bei ihren Denkmälern hinzuzufügen. Sie aber insgesamt vom Sockel zu stürzen und damit gewissermaßen aus der Geschichte oder der Geistesgeschichte zu tilgen, wäre geradezu bizarr.

Merkwürdig ist auch, dass dieser ganze Denkmalsturm relativ einseitig ist. Die Gedenktafel, die etwa für den Sowjetdiktator Josef Stalin in Wien-Meidling an der Mauer eines Hauses prangt, in dem er im Jahre 1913 – lang vor der Russischen Revolution – sein Werk über die „Nationalitätenfrage und den Sozialismus“ geschrieben hat, wird von niemandem beanstandet.

Und in dem angeblich ach so nationalistischen Kroatien unserer Tage gibt es, wie man in der altösterreichischen Hafenstadt Pula schön sehen kann, erneuerte Denkmäler des kommunistischen Diktators Tito, der immerhin für die Ermordung zehntausender Kroaten durch Partisanen nach Kriegsende verantwortlich zeichnet. Und irgendwelche Jung-Linke wollten dem Vernehmen nach in der Bundesrepublik Deutschland gerade wieder eine monumentale Lenin-Statue errichten. Beide, Lenin und Stalin, sind immerhin verantwortlich für Millionen von Toten in der Sowjetdiktatur. All das ist für politisch korrekte Post-Achtundsechziger kein Problem. Jedes Kriegerdenkmal auf einem heimischen Dorffriedhof aber, das an die Gefallenen der beiden Weltkriege erinnert, wird mit antifaschistischer Empörung abgelehnt.

Und gewiss wird es nicht lange dauern, bis die beiden großen Denkmäler auf dem Heldenplatz in Wien in Frage gestellt werden. Prinz Eugen hat immerhin die Türken über Jahrzehnte bekämpft und vom Balkan verdrängt. Ein solcher Feldherr kann ja schwerlich als Vorbild für die heutige Integration türkischer und anderer muslimischer Zuwanderer herhalten. Und das Reiterstandbild des Erzherzogs Karl am Heldenplatz müsste aus dieser Sicht ohnedies längst überfällig sein. Dort steht doch glatt am Sockel, er sei ein „Kämpfer für Deutschlands Ehre“ gewesen. Dass da die Grünen in der Wiener Stadtregierung noch nicht tätig wurden, ist ein Wunder, denn für sie muss es ja fast so schlimm sein wie ein Hitler-Denkmal. Aber Ironie beiseite. Das Anprangern von Diskriminierung, Rassismus oder gar Antisemitismus ist nicht nur legitim, es ist überaus wichtig. Deswegen aber die Geschichte umschreiben zu wollen und mit den (pseudo-)moralischen Standards unsere Tage das Leben, Wirken und Denken von Menschen früherer Epochen zu verdammen, ist nicht viel mehr als Heuchelei.