Bewahranstalt für Analphabeten?

9. September 2021

Das dritte Schuljahr im Zeichen der Corona-Pandemie hat begonnen, und das – vorläufig noch – ganz real in der Schule ohne Homeschooling und Online-Unterricht. Um jeden Preis müsse man die Schulen offenhalten, sind sich Regierung und Oppositionsparteien einig, wenngleich unterschiedliche Vorsichtsmaßnahmen gefordert werden: Vom bloßen Lüften der Klassenzimmer über die Forderung nach permanenten Tragen von Schutzmasken und ständigen Tests bis hin zum Ruf nach einer 1G-Regelung, also einem mehr oder weniger direkten Impfzwang, reichen hier die Forderungen. Dabei gibt es allenthalben Übereinstimmung, dass Österreichs Schüler in den letzten beiden Jahren katastrophale Versäumnisse erleiden mussten.
Versäumnisse im Bereich der Vermittlung des Unterrichtsstoffs, Versäumnisse auch, was die sozialen Kontakte betrifft und damit die allgemeine Entwicklung der jungen Menschen. Abgesehen davon aber erreichen uns in puncto Schule wenig erfreuliche Nachrichten: Bundesweit sind es mehr als ein Drittel der Schüler, in Wien gar mehr als 50 Prozent, deren Umgangssprache nicht Deutsch ist.
Und das sind in den allermeisten Fällen wohl solche Kinder, die keineswegs den Segen eines zweisprachigen Aufwachsens bekommen, sondern vielmehr, da sie zumeist auch aus bildungsfernen Schichten stammen, die Defizite des „Bilinguismus“ zu erleiden haben. Das heißt also, dass sie weder die Sprache ihres Herkunftslandes bzw. die ihrer Eltern noch die Staatssprache Österreichs in Wort, Schrift, Grammatik, Syntax und Wortschatz perfekt erlernen.
Überdies haben die vergangenen Corona-Schulzeiten dazu beigetragen, dass lernschwache Schüler durch das verordnete Homeschooling überhaupt weitgehend auf der Strecke geblieben sind. Zu glauben, dass die Sprösslingeaus den genannten bildungsfernen Schichten und jene aus den Zuwanderungs- Communities alle über den besten Laptop verfügen, mit diesem perfekt umzugehen wissen und sich den Lehrstoff mehr oder weniger in Eigenverantwortung aneignen, ist mehr als illusionär. Vielmehr dürfte ein tendenzieller Anstieg des Analphabetismus quer durchs Land zu verzeichnen sein. Was früher die Grundschule zu vermitteln hatte, unsere deutsche Muttersprache in Wort und Schrift, Schreiben und Lesen also, sowie die Grundrechnungsarten und über „Heimatkunde“ ein Basiswissen über unser Land, wird längst nicht mehr vermittelt.
Wer kann heute noch Kopfrechnen, wo er doch mit ein paar Berührungen des Zeigefingers am Handy alles ausrechnen kann? Welches Kind erlernt wirklich noch so etwas wie eine schöne Handschrift, wo doch nur mehr mit WhatsApp und SMS kommuniziert wird? Und all das in rudimentären Kurzmeldungen ohne Satzbau und Grammatik. Dieser tendenzielle Analphabetismus dürfte also weit über die Kinder aus diesen sogenannten bildungsfernen Schichten hinausgehen und längst auch die Sprösslinge besser situierter Österreicher erreicht haben.
Apropos besser situiert: Diese – das betrifft natürlich grün- und linksorientierte Eltern genauso – können ihre Kinder ohnedies nicht mehr in die öffentlichen Schulen geben, zumindest nicht in den Ballungsräumen und in der Bundeshauptstadt Wien. Dort müssen teure Privatschulen oder konfessionelle Schulen frequentiert werden, um noch irgendwo die vorgeschriebenen Bildungsziele des österreichischen Schulwesens für die Kinder erreichbar zu machen. Die öffentlichen Schulen mit ihren hohen Ausländeranteilen und den gesamten sozialen und kulturellen Problemen, die damit verbunden sind, sind längst so etwas wie Rest-Schulen geworden. Übertrieben und gespitzt gesagt könnte man also meinen, dass Österreichs traditionelles Schulwesen, über das wir seit Maria Theresias Tagen verfügen, Gefahr läuft, zu Bewahranstalten für tendenzielle Analphabeten zu werden.
Die Bildungsschichten und die begüterten Menschen des Landes bilden ihre Kinder in teuren Privatschulen aus, und der kleine Prozentsatz an intellektuellen Ambitionierten hat elitäre Bildungsmöglichkeiten, die er in Anspruch nehmen kann. Und die Masse der Bevölkerung darf, bewaffnet mit Handy und Tablet, im multikulturellen Paradies der Zuwanderungsgesellschaft verblöden und eine gewisse Zeit seines Lebens, eben vom sechsten bis zu 15. Lebensjahr, verbringt man zeitweise in öffentlichen Gebäuden, die man früher Schulen nannte. Eine traurige Vision.


Die Verblödung als Pandemie

10. März 2017

Ein Misere über den Niedergang unseres Bildungssystems

Wie lautete der alte bildungsbürgerliche deutsche Sinnspruch so schön: „Arbeit adelt – Bildung macht frei“. Die Befreiung des Menschen aus den Fesseln von Feudalismus und den Schranken der alten Klassengesellschaft und der Unmündigkeit durch Umbildung, durch Lernen, Bilden und Erkenntnisstreben – das war das Programm der bürgerlichen Bildungsgesellschaft, die sich seit dem aufgeklärten Absolutismus in den deutschsprachigen Landen Mitteleuropas herausbildete. Seit der Einführung der Schulpflicht unter Maria Theresia und den josephinischen Reformen bis hin zur Humboldtschen Universitätsreform, der in Österreich die Thun-Hohensteinsche Reform entsprach, entwickelte sich ein System der Volksbildung  mittels allgemein verpflichteter Grundschulen, welches den Menschen – und zwar allen, unabhängig von Stand, Herkunft und finanziellen Verhältnissen – die grundlegenden Techniken des Schreibens, Lesens und Rechnens vermittelte. Darauf aufbauend gab es jene Bildung, die die höheren Schulen vermittelten. Und nach dem Besuch einer Bürgerschule oder gar eines Gymnasiums und der Absolvierung eines Abiturs, einer Reifeprüfung, einer Matura, verfügte man im deutschsprachigen Raum über eine solide Allgemeinbildung, wobei das wirkliche Bildungsideal ein humanistisches war, dem allerdings eine technisch höhere Bildung, wie sie auf den Ingenieurs-Schulen vermittelt wurde, nicht nachstand. Neben dem Bildungsbürgertum war es aber auch die Arbeiterbewegung, die dafür sorgte, dass dieses Bildungsideal im Zuge der Industrialisierung auch in den proletarischen Schichten Eingang fand. Das Motto „Bildung macht frei“ sollte insbesondere in der Arbeiterklasse eine besondere Wertigkeit erhalten.
Darüber aufbauend gab es dann ein Universitätssystem, in dem Lehre und Forschung sowohl in den Geisteswissenschaften als auch in den Naturwissenschaften Weltgeltung erlangten. Die Anzahl deutschsprachiger Nobelpreisträger ist der beste Beleg dafür. Überdies war die universitas magistrorum et scolarium zwischen der Ostsee und den Alpen, zwischen Maas und Memel ein Hort des freien Denkens, der Aufklärung und des unabhängigen Geisteslebens. Kritisch gegenüber den Mächtigen und vereint gegen jede dogmatische Einengung, daran ändern auch die dunklen Stunden des deutschen Geisteslebens, in denen Bücher verbrannt und Denker vertrieben wurden, im Grunde nichts.
Dieses weltweit wohl einzigartige Bildungssystem überlebte die verschiedensten politischen Systeme. Entwickelt in der Monarchie und weitergeführt in der Republik, hat es die Räterepublik etwa in Bayern genauso überlebt wie die NS-Diktatur oder den österreichischen Ständestaat, die Weltwirtschaftskrise und das Wirtschaftswunder bis herauf in das geistige Umfeld des unseligen Jahres 1968. Da gelang es der vielzitierten „Frankfurter Schule“, ihr Gedankengut wie ein Virus in das Bildungs- und Schulsystem des deutschsprachigen Raumes zu implementieren. Und dieses Virus hat in den Jahrzehnten seitdem reichen Nährboden gefunden. Den Nährboden des Egalitarismus, der Elitenfeindlichkeit und schließlich der Political Correctness in all ihren grotesken Ausformungen. Pflicht-Antifaschis-mus, Feminismus, Genderismus, hysterischer Antirassismus und dogmatische Menschenrechtsreligion, all das sind die Krankheitsbilder, die seitdem von diesem Virus mehr oder minder verursacht wurden. Diese Formitis, die sich seit dem sozialdemokratischen Jahrzehnt der Ära Willy Brandts und Bruno Kreiskys im Schul und Bildungsbereich ausbreitete, war das Werkzeug des solcherart eingeleiteten Zerstörungsprozesses. Ein Schulversuch hetzte den anderen, bewährte Schultypen und Bildungswege wurden unter dem Vorwand der Chancengleichheit zerschlagen und durch untaugliche Alternativen ersetzt, das Niveau des Grundschulwesens wurde ausgedünnt, jenes der Reifeprüfung auf ein beschämendes Maß reduziert, und der Begriff akademisches Proletariat wurde auch im deutschsprachigen Raum zur höchst unerfreulichen Realität.
Dazu kamen dann die großen Umbrüche, die zuerst das Fernsehzeitalter und dann jenes der neuen elektronischen Medien mit sich brachten. Waren es zuerst ein bis zwei öffentlich-rechtliche Sendeanstalten, die von den 60er Jahren an in das Familienleben einbrachen – für die Kinder in Österreich einmal die Woche mit Kasperl und täglich mit Betthupferl – wurden es gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bald dutzende Privatsender, die die Medienlandschaft prägten. Hatten die Öffentlich-Rechtlichen noch ein gewisses Minimalerfordernis in Sachen Qualität, so entwickelte sich mit den Privatsendern tatsächlich so etwas wie „Unterschicht-Fernsehen“, das nicht zuletzt Kinder und Jugendliche in seinen Bann zog und bis heute zieht. Heftig wurde über die Auswirkungen des täglich stundenlangen TV-Konsums auf die kindliche Psyche diskutiert, und dennoch wurde der Fernseher mehr und mehr zum Kindermädchen für überlastete berufstätige Mütter.
Und dann kamen nach den heute einigermaßen harmlos erscheinenden Computerspielen das Internet via Smartphone, Tablet und allseits nutzbarem EDV-Zugang dazu. Die Nutzung von W-LAN, „surfen“, „chatten“ und „bloggen“ gehören nunmehr zunehmend zu den primären Kommunikationstechniken von Kindern und Jugendlichen auch im deutschsprachigen Mitteleuropa. Das Absetzen von massenhaften SMS in verballhornter Kurzsprache, das kostenlose Kommunizieren über WhatsApp und vieles mehr prägen nunmehr die zwischenmenschlichen Beziehungen gerade der jüngsten Generationen.
So ist nunmehr das gesamte Wissen der Menschheit, die Weltgeschichte, alle Gesetze von Physik, Chemie und Biologie abrufbar und das für jeden Volksschüler. Die Fähigkeit, einen geraden Satz orthographisch und grammatikalisch richtig zu bilden, beginnt allerdings auszusterben. Die einfachsten Rechenvorgänge im Kopf gelten als ebenso sinnlose wie exotische Hirnakrobatik, die man mittels Handy in Sekundenschnelle ersetzen kann, und humanistische Bildung ist vollends zum Auslaufmodell geworden.
Die Kenntnis von Fremdsprachen gilt zwar als „Must“, sie ist aber zumeist nicht mehr verbunden mit dem Eindringen in die Literatur, in die Geistesgeschichte, in die Kulturlandschaft und Mentalität des Landes und des Volkes, woher die Sprache, die man zu erlernen bemüht ist, stammt. Überhaupt sind Kenntnisse in jenen Fachgebieten, die einst zur Allgemeinbildung gehörten, Geschichte, Geographie, Biologie, Physik, Chemie, Kunstgeschichte, Musik zu so etwas wie exotischen Orchideen-Fächern geworden, denen sich nunmehr „Nerds“ nähern. Der klassische Bildungskanon, der den deutschsprachigen Bildungsbürger über Generationen auszeichnete, ist vollends als Reaktionär abgehakt und abgeschafft worden. Die Kenntnis der Klassiker beschränkt sich auf jenes Maß, das man allenfalls für eine TV-Millionenshow benötigt.
Philosophie wird zur zeitgeistigen Lebenshilfe degradiert und allenfalls durch esoterischen Unsinn ersetzt. Und so wird Unbildung zum allseits achselzuckend akzeptierten Normalzustand einer Gesellschaft, die sich so unglaublich aufgeklärt und modern erachtet wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. In solcher Gesellschaft ohne Bildung aber muss die Dummheit, die wahre Geißel des Menschengeschlechtes, das Regiment übernehmen, und die Verblödung wird zur epidemischen Krankheit. Der faustische Mensch aber, der nach Erkenntnis strebt, ist aufgerufen, dagegen anzukämpfen. Zynismus und innere Emigration sind zwar Versuchung für ihn, aber keine Lösung. Zum Kampf um Erkenntnis gibt es für ihn keine Alternative.