Der Homo Austriacus

29. März 2018

Von Nörglern, Nebochanten und Leidgenossen und einem begnadeten Menschenschlag

Der Österreicher – wer ist das? Was zeichnet ihn aus und wodurch unterscheidet er sich von seinen europäischen Nachbarn? Gibt es ihn überhaupt als kulturellen Phänotypus, oder gibt es nur Steirer und Kärntner, Tiroler, Salzburger und Wiener? Und ist dieser Österreicher in unseren Tagen derselbe wie der in der Monarchie oder jener in kommenden Jahrzehnten? Welche guten Eigenschaften hat er, welche schlechten?
Fragen über Fragen, die natürlich nur mittels Klischees beantwortet werden können. Solche Klischees, die aus Pauschalurteilen, bisweilen sogar aus Vorurteilen bestehen, haben die merkwürdige Eigenschaft, dass sie im Einzelfall nie zutreffen, insgesamt aber doch mehr Wahrheit transportieren, als man glauben kann. Halten wir uns also an die Klischees!
Da wäre einmal das Klischee, dass die Österreicher ein freundliches Volk wären. Als Tourismusland bieten sie ja „Urlaub bei Freunden“ an, und schon aus Geschäftsgründen müssten sie liebenswürdig, freundlich und zuvorkommend gegenüber ihren Gästen sein. Man braucht sich allerdings nur an Mitterers „Piefke-Saga“ erinnern, um zu wissen, von welcher Qualität diese Freundlichkeit ist. Wer sich überdies vergegenwärtigt, mit welcher Inbrunst Touristen etwa am Ende der jeweiligen Saison verabscheut werden, weiß dies ebenso. Und wenn die vorgebliche Liebenswürdigkeit der Österreicher historisch aus dem Bereich der Habsburger Monarchie begründet wird, bleibt bei näherer Betrachtung auch nicht sehr viel übrig. Der Mythos von Sisi und Franzl wirkt eher hohl, wenn man bedenkt, mit welcher Brutalität etwa die Truppen des jugendlichen Kaisers Franz Joseph im Jahr 1848/49 den ungarischen Aufstand niedergeknüppelt haben – oder auch die Wiener Revolution. Das Bild von Mozartkugeln und Lipizzanern von der Insel der Seligen, bevölkert von weintrinkenden und lederbehosten Jodlern, ist sogar den Österreicher selbst längst fremd geworden.
Nächstes Klischee: Die Österreicher seien weltoffen und tolerant. Wer allerdings all die „Kosenamen“ bedenkt, mit denen die Österreicher ihre Nachbarn titulieren, kann rasch zur Ansicht kommen, dass von dieser Weltoffenheit und Toleranz wenig zu spüren ist. Da gibt es einmal die „Piefkes“, die man von Herzen verabscheut. Dann die „Katzelmacher“, denen man ein gebrochenes Verhältnis zur Unantastbarkeit des persönlichen Eigentums nachsagt. Dann die sogenannten „Tschuschen“, worunter man gleich alle Balkanvölker samt und sonders qualifiziert. Dann natürlich „Kümmeltürken“ und ähnliches bis hin zu den unsäglichen Resten antisemitischer Klischees. Natürlich sind diese Vorurteile gegenüber benachbarten Völkern und Kulturen historisch bedingt und zum großen Teil vor langen Generationen entstanden. Sie halten sich allerdings mit großer Beständigkeit und stellen der Weltoffenheit der Österreicher ein schlechtes Zeugnis aus. Unbestritten ist allerdings dennoch, dass es in Österreich noch aus Zeiten der Donaumonarchie herreichend ein gewisses Verständnis für die slawischen, die romanischen und die magyarischen Kulturen gibt, hat man doch selbst einen Teil der daher stammenden Einflüsse rezipiert und zu jenem Kulturmix gemacht, der eben typisch österreichisch ist.
Damit ist man schon beim nächsten Klischee: Die Österreicher sind alles, nur keine Deutschen. Da gibt es dann den Scherz, wonach es die gemeinsame Sprache sei, die uns von den Deutschen trenne. Ganz so, als ob nicht Innviertler und Niederbayern wesentlich mehr gemeinsam hätten als letztere mit Nordfriesen und Holsteinern. Ganz so, als wären Vorarlberger und Baden-Württemberger einander nicht wesentlich ähnlicher als die Bewohner von Rostock und jene von Freiburg im Breisgau. Auch wenn sich Österreich längst nicht mehr als „deutscher Staat“ versteht wie in der Ersten Republik, sind die Überschneidungen Österreichs mit dem bundesdeutschen Nachbarn im Hinblick auf Wirtschaft, Kommunikation und auch persönliche Mobilität heute wesentlich intensiver als je zuvor. Tatsache bleibt es allerdings, dass die Österreicher wesentlich anders „ticken“ als ihre bundesdeutschen Nachbarn: Die Bundesdeutschen meinen, was sie sagen. Die Österreicher hingegen sagen keineswegs immer das, was sie meinen. In Deutschland ist die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos, in Österreicher ist sie hoffnungslos, aber keineswegs ernst. Das sind nun zweifellos alles Klischees, sie sind aber auch in hohem Maße zutreffend.
Zu den weiteren Klischees – in diesem Falle ein negatives –, die es zu hinterfragen gilt, gehört die Behauptung, dass die Österreicher Opportunisten wären. So im Sinne von Qualtingers „Herrn Karl“, der sich mit geradezu widerlicher Anpassungsfähigkeit allen herrschenden Regimen und allen Zeitgeistströmungen anzupassen weiß. Im März 1938 war man jubelnd am Heldenplatz, nach 1945 war man selbstverständlich Sozialist und gewerkschaftlich organisiert, in der Monarchie hätte man dem Bürgermeister Lueger die Hand geküsst und in der jüngeren Zeit hätte man zweifellos dem oppositionellen H.C. Strache zugejubelt. Natürlich sei man vehement gegen Fremdenfeindlichkeit, aber Türken und schwarze Drogendealer möge man halt einfach nicht. Dieses hässliche Bild des Österreichers ist zweifellos überzeichnet. Richtig ist allerdings, dass die Österreicher Überlebenskünstler sind, anpassungsfähig und flexibel. „Situationselastisch“, könnte man ihr Verhalten vielleicht da und dort bezeichnen, wenn man ihre politischen und weltanschaulichen Positionen betrachtet.
Zuerst war man natürlich für das Erzhaus, den Kaiser und das Vaterland, dann zwischen 1918 und 1938 entweder für den Schutzbund oder die Heimwehr und jedenfalls für den Anschluss, den man 1938 doch weitgehend bejubelt hat. Nach 45 war man für die Befreier, vor allem natürlich für die Amis und natürlich für den Staatsvertrag. Und dann war man für Karl Schranz und für Bruno Kreisky und in Cordoba für die Nationalmannschaft. Und natürlich war und ist man für Nationalhelden wie für Marcel Hirscher, Conchita Wurst und David Alaba. Haydn, Mozart und Beethoven sind da schon ein wenig weiter weg. Grillparzer, Hofmannsthal und Handke interessieren schon nur mehr Ö1-Hörer und andere Bildungsbürger.
Und damit sind wir bei einem weiteren Klischee: Die Österreicher seien eine Kulturnation. Und das stimmt natürlich auch, wiewohl das Gros an historisch gewachsener Kultur und an Manifestation sogenannter Hochkultur wie Burgtheater, Staatsoper, Kunsthistorisches Museum, Albertina etc. schlicht und einfach das Erbe der Monarchie darstellen. Die kleine Republik Österreich oder früher die kleinen Kronländer der Monarchie hätten das alleine nie zustande gebracht. Das ist eben das Erbe des Kaiserhauses, das Erbe der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien, das uns – ein wenig unverdient – in den republikanischen Schoß gefallen ist. Dieses Erbe wird allerdings von einem Großteil der Österreicher nur in sehr geringem Maße wahrgenommen und kaum konsumiert. Wieviele Prozente der Angehörigen dieser österreichischen Kulturnation waren schon in der Staatsoper oder bei einem Konzert im Musikvereinssaal? Wie viele haben die Schatzkammer in der Hofburg besucht oder die Salzburger Festspiele? Wenn man diese Fragen beantwortet, reduziert sich das Bild von der Kulturnation Österreich doch auf ein relativ bescheidenes Maß.
Was man den Österreicher allerdings unbestreitbar nachsagen kann ist, dass sie Bürger einer stabilen Demokratie mit einem gesicherten republikanischen Patriotismus und einem funktionierenden Rechtsstaat sind. Die Republik gehört zu den reichsten Ländern der Welt, ihre Bürger verfügen über ein hohes Maß an relativer Freiheit, relativem Frieden und relativem Wohlstand. Hier leben zu dürfen, ist am Beginn des 21. Jahrhunderts im globalen Vergleich zweifellos ein Privileg.
Wenn man also die autochthone Bevölkerung des heutigen Österreich definieren will, muss man zuerst sagen, dass sie die Nachkommen jener Menschen sind, die in den deutschen Erblanden der Habsburger Monarchie über Jahrhunderte den Kernbereich des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation getragen haben und zuletzt ein Jahrhundert bis hin zum Ende des Ersten Weltkriegs den schwergewichtigsten Teil einer multinationalen, auf den ganzen Donauraum erstreckten Monarchie darstellten. Sie waren also Träger einer übernationalen Reichsidee, offen, aber auch ausgesetzt allen kulturellen Einflüssen aus den Bereichen dieser Monarchie. Aber sie waren natürlich auch Deutsche, eine Tatsache, die bis hinein in die düsteren Jahre des NS-Regimes von kaum jemand bezweifelt wurde. Diese Menschen in den deutschen Kronländern der Habsburger Monarchie, zuerst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dann der Doppelmonarchie, zeichneten sich schon sehr früh durch Besonderheiten aus, etwa durch ein katholisch fundiertes barockes Lebensgefühl. Danach gab es die Einflüsse der Aufklärung, des Josephinismus, dann der privatisierenden Kultur des Biedermeier und schließlich jenen der Gründerzeit, in der Wien als Hauptstadt des multinationalen Reiches tatsächlich zu einer Weltstadt wurde.
Dass dieses spezifisch österreichische Lebensgefühl nach 1945 ein auf den Staat, auf die Republik zentriertes Nationalbewusstsein werden konnte, ist also nicht verwunderlich. Gewiss spielte dabei der Opportunismus eine Rolle, mit dem man sich von den geschlagenen Deutschen und deren Verantwortung für historisch einzigartige Verbrechen zu distanzieren versuchte. Die Erfolgsstory aber, als die die Geschichte der Zweiten Republik betrachtet werden kann, hat das breite und fundierte Bewusstsein in der Bevölkerung geschaffen, Bürger eines funktionierenden, sinnvollen und sinnstiftenden Staatswesen zu sein. Das ist wohl die Basis des heutigen österreichischen Lebensgefühls.
Und dann sind da noch Eigenheiten, welche man sich klischeehaft selbst zuordnet: Angehöriger jener Nation zu sein, die alljährlich das Neujahrkonzert der Philharmoniker über den Äther in alle Welt hinaustönen lässt. Angehöriger jenes Landes zu sein, dessen Schifahrer regelmäßig Weltmeister und Olympiasieger werden. Angehöriger jener Republik, wo der Salzburger „Jedermann“ gespielt wird und die Lipizzaner in der Hofreitschule auftänzeln, Bürger eines Landes zu sein, dass EU-Nettozahler ist, das sich durch ein hohes Maß an sozialem Frieden und wirtschaftlichem Wachstum auszeichnet. Schließlich auch Bürger eines Landes zu sein, das als Sehnsuchtsziel für hunderttausende Flüchtlinge – aus welchen Gründen auch immer, zumeist wohl aus wirtschaftlichen – aus aller Welt gilt.
Und damit sind wir bei einem weiteren entscheidenden Thema, welches die Identität des Österreicher der Gegenwart beeinflusst: die Massenzuwanderung. Bereits die Gastarbeiterströme der 60er und 70er Jahre hatten den Zustrom fremder Populationen mit sich gebracht. Während die Wanderungsbewegungen der Nachkriegszeit die Vertriebenen und geflohenen Angehörigen des Ostdeutschtums, aus dem Sudetenland oder vom Balkan nach Österreich schwemmten und kaum soziokulturelle Probleme mit sich brachten, war die Gastarbeiterzuwanderung bereits ein Faktor ethnischer rund kultureller Veränderung. Aber erst die Massenzuwanderung der letzten Jahre, insbesondere der Jahre 2015 und 2016, zeitigte einen quantitativ tatsächlich massiven Faktor, der die ethnische Substanz der österreichischen Wohnbevölkerung verändern wird. Rund ein Viertel der Wohnbevölkerung dürfte bereits Migrationshintergrund haben und deren höhere Geburtenrate, der Familiennachzug und ein anhaltender – wenn auch gebremster – weiterer Zustrom könnte die autochthone Bevölkerung des Landes tatsächlich in ein, zwei Generationen in die Defensive drängen. Wie sich der Charakter des Homo Austriacus ändern wird, kann man nur vermuten. Zweifellos wird es stärker islamische Einflüsse geben, das traditionell katholische Österreich mit seinen protestantischen Enklaven wird also in religiöser Hinsicht zunehmend muslimisch beeinflusst werden.
Insgesamt dürfte es eine Gesellschaft mit vielerlei Parallelgesellschaften werden, einerseits mit integrierten Communities wie etwa jenen, die vom Balkan stammen (Serben, Kroaten), und andererseits mit ghettoisierten Minderheiten, die sich von der autochthonen Bevölkerung abschotten. Dies betrifft weitgehend den Bereich der türkischen Zuwanderer, aber auch jener, der in jüngster Zeit aus dem arabisch-syrischen Bereich gekommen sind. Einen weiteren Faktor stellen dabei Menschen aus Zentralasien (Afghanistan, Pakistan) und aus Schwarzafrika dar. Assimilation und Vermischung wird dabei natürlich auch stattfinden, Konflikte zwischen den einzelnen Zuwanderergruppen, aber auch mit der autochthonen Bevölkerung werden dabei unvermeidbar sein. Ob es dabei bei sozialen Verteilungskämpfen bleibt oder ob es tatsächlich auch zu Gewalt und Ausschreitungen kommt, ist eine weitere Frage.

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Ostarrichi – Austria – Österreich

13. Januar 2018

Von der Vielschichtigkeit eines Begriffs

Österreich, das Wort und die Begrifflichkeit, die dahinter stehen, haben für die, die in diesem Land leben, eine gewisse Wärme. Heimeligkeit ist es, Beheimatung, Behausung, die dieses Wort für uns ausstrahlt.
Es ist dieses unser Land, das wir kennen, das Staatswesen, diese Republik seit nun mehr hundert Jahren, diese kleine Insel (der Seligen??) im tobenden Sturm der Weltpolitik, mit seinen Bewohnern, all jenen Menschen, von denen wir beinahe das Gefühl haben, sie samt und sonders mit Vornamen zu kennen, ein Streifen auf der europäischen Landkarte, den wir einfach verinnerlicht haben, jedes Städtchen, jedes Dorf, jedes Tal, jeden Fluss, jeden Berg, und wenn nicht durch die eigene Begehung, dann durch „Bundesland heute“ im Staatsfunk oder durch irgendeine Universum-Doku.
Dieses Österreich, es ist für uns das Eigene, wir verbinden es mit Sicherheit und Frieden und gutem Leben, mit Weihnachtskeksen und Osterschinken, mit Wiener Schnitzel und Erdäpfelgulasch, mit Ottakringer und Puntigamer, mit grünem Veltliner, Welschriesling und Zweigelt, mit Almdudler und Vöslauer, mit Staus auf der Südost-Tangente und Schneefahrbahn auf der Tauernautobahn, mit Sozialpartnerschaft und Opernball, der Rapid-Viertelstunde und dem Berg-Isel-Springen, kurzum: Dieses Wort bedeutet uns Heimat. Und Gewissheit und Sicherheit, Rechtsstaat, Wahlrecht, Krankenversicherung, Pensionsgarantie, Studienbeihilfe und Pflegegeld, ein gutes Leben eben in einem guten Land.
So dürfte es für die meisten von uns heute sein. Es war aber auch anders, weniger erfreulich, ja sogar ausgesprochen negativ: Da war Österreich der „Völkerkerker“ oder der „Staat, den keiner wollte“. „L’Autriche c‘est le reste“, wie Georges Clemenceau angeblich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sagte.
Oder aber es war das „Haus Österreich“, der Name des Erzhauses Habsburg bzw. dann der von Habsburg-Lothringen. Und da war dieses Österreich als Donaumonarchie ein Vielvölkerstaat in Mittel- und Ostmitteleuropa, zwischen Karpaten und Alpen, zwischen Inn und Leitha, zwischen Erzgebirge und Balkan. Ein Vielvölkerstaat, der das Erbe des alten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen anzutreten hatte und somit bis zum Ersten Weltkrieg der Traditionswahrer des alteuropäischen Imperium Romanum war, universell und übernational. Auch das war Österreich. Zuletzt wurde es eben von vielen seiner Völker als „Völkerkerker“ empfunden, als ein reaktionäres Gebilde, das man glaubte, zerstören zu müssen. Wobei das Haus Österreich gleichzeitig entthront, entmachtet, des Landes verwiesen werden sollte. Und noch früher war dieses Österreich, das im zehnten Jahrhundert als „Ostarrichi“ erstmals urkundlich erwähnt wird, die kleine babenbergische Ostmark, die sich der Donau entlang hin in Richtung Ungarland vorschob.
Ein kleines wehrhaftes Bollwerk, das in dem von Ottonen, Saliern und Stauffern beherrschten Reich gleichwertig der Steiermark, dem Herzogtum Krain oder dem Herzogtum Kärnten war. Und doch wurde diese kleine Ostmark, wurde das Land Österreich nach dem Interregnum und nach der Übernahme durch die Schweizer Habsburger zum Kerngebiet jener Kronländer, die die Macht des Herzogs Rudolf IV., das Kernland des Hauses Habsburg, von dem der lange regierende aber weitgehend machtlose Friedrich III. formulierte, das ihm „alles Erdreich Untertan“ sei, und dessen Urenkel Karl V. tatsächlich ein Imperium von Südund Mittelamerika über die Iberische Halbinsel, Burgund und Deutschland bis nach Böhmen und Ungarn zu regieren hatte.
Diese habsburgischen Erblande aber, Österreich ob und Österreich unter der Enns also, das Herzogtum Steiermark, das Herzogtum Kärnten, die Grafschaft Tirol, sie sollten jene Einheit bilden, jenes Gemeinschaftsbewusstsein entwickeln, welches letztlich die territoriale Gestalt der heutigen Republik Österreich prägte und ermöglichte. Gewiss, die unterschiedlichen Identitäten der österreichischen Bundesländer sind historisch gewachsen und nicht zu unterschätzen. Ihre gemeinsame Aversion gegen den „Wasserkopf Wien“ ist auch – wenn auch vielleicht unterschwellig – bis zum heutigen Tag wirkmächtig. Und dennoch haben Nieder- und Oberösterreicher, Steirer und Kärntner, Tiroler, Vorarlberger und Salzburger, diese erst seit der Napoleonischen Zeit, und zu allerletzt Burgenland, das ehemalige Deutsch-Westungarn, welches nach dem Ersten Weltkrieg zur Republik geschlagen wurde, ein gemeinsames österreichisches Staatsgefühl, eine gemeinsame (staats) nationale Identität entwikkelt, die heute unbestritten und allgemein wertgeschätzt als die österreichische gilt. Natürlich ist die Entwicklung einer eigenständigen österreichischen Staatsnation immer auch eine Funktion der deutschen Nationalgeschichte, ist die österreichische Identität, wie wir sie durch die Jahrhunderte verfolgen bis herauf den heutigen Tag, immer auch eine Funktion deutscher Identität. Aber nicht nur – es ist genauso eine Funktion europäischer, mitteleuropäischer und südosteuropäischer Identität. Und diese „Österreichische Nation“ und diese österreichische Identität sind dort, wo sie in Abhängigkeit oder in Wechselwirkung zur deutschen Nation und zur deutschen Identität stehen, stets von so großer Besonderheit und so großem Eigengewicht, dass sie in vielen Bereichen sogar prägend für die deutsche Nation oder die deutsche Identität insgesamt waren oder durch dieses besondere Gewicht sogar eine von der deutschen Entwicklung unabhängige Eigenart bekamen. Dass das frühe Ostarrichi als bajuwarische Ostmark ein Teil des sich damals gerade frisch formierenden deutschen Königreichs war, steht außer Zweifel, getragen und geprägt von bajuwarischer und fränkischer Besiedelung, kirchlich organisiert vom Erzbistum Salzburg und dem Erzbistum Passau.
Und natürlich spielten die Babenberger als Herzöge von Österreich vorwiegend eine historische Rolle im Zuge der Entwicklung des hochmittelalterlichen römisch-deutschen Reichs und der bajuwarisch- deutschen Ostsiedlung.
Natürlich auch waren die habsburgischen Erblande zwischen Donau und Alpen über Jahrhunderte so etwas wie das Kerngebiet der deutschen Könige und römisch-deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg. Und so war Wien natürlich die Haupt- und Residenzstadt des römisch-deutschen Reiches. Genauso steht außer Streit, dass die Habsburger auch nach der Niederlegung der deutschen Kaiserkrone, die durch Napoleon erzwungen wurde, primär deutsche Fürsten blieben. Deshalb waren sie auch Präsidialmacht im Deutschen Bund und ihr nach der Niederlage von Königgrätz erzwungenes Ausscheiden aus demselben wurde von den Zeitgenossen häufig auch als eine Art deutscher Teilung empfunden. Weshalb man bei den Anschlussbestrebungen unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg im Jahre 1918/19 zeitgenössisch auch von einer „Wiedervereinigung“ sprach. Und nachdem diese von den Siegermächten untersagt wurde, empfand sich die Erste Republik zweifellos als „deutscher Staat“, wenn nicht gar unter Dollfuß und Schuschnigg als der „bessere deutsche Staat“. Und das hat sich erst nach der Diskreditierung des Alldeutschtums durch die vom Nationalsozialismus verschuldete historische Tragödie grundlegend geändert.
Heute indessen ist deutsches Kulturbewusstsein, Verwurzelung in der deutschen Muttersprache und Mobilität im ganzen deutschen Sprach- und Kulturraum selbstverständlich bei gleichzeitiger bewusster Pflege von Österreichpatriotismus und staatsnationalem Österreich-Bewusstsein möglich. Ja, so ein solcher Österreichpatriotismus und ein deutsches Kulturbewusstsein bedingen einander sogar im wohlverstandenen Sinne. So lässt sich insgesamt sagen, dass österreichische Identität, sowohl die alte historische, aus der Donaumonarchie stammende als auch die seit 1918 entwickelte republikanische-österreichische, zweifelsfrei eine Funktion der deutschen Geschichte und der deutschen Identität darstellen, dass sie aber ein derartiges Eigengewicht entwickelt haben, dass sie schließlich auch als eigenständiger Faktor betrachtet werden müssen. Als ein Faktor mit unverwechselbarer, eben spezifi sch österreichischer Eigenheit, was kulturelles Nationalbewusstsein und republikanischen Patriotismus betrifft. Dieses Österreichbewusstsein ist heute versöhnt mit dem Bewusstsein, zum gemeinsamen großen deutschen Kulturraum zu gehören.
Zum einen ist die kleine Alpenrepublik eben nach wie vor der Erbe der multinationalen Donaumonarchie, die ihrerseits der Nachlassverwalter des alten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war, zum anderen ist das Land durch die sprachlichen und ethnisch-kulturellen Gegebenheiten eben auch Teil der „German speaking world“ und damit auch im Besonderen in ökonomischer und organisatorischer Hinsicht so etwas wie ein verkleinertes Modell Deutschlands.
Die Gesellschafsstruktur und die politische Landschaft, das Bildungsniveau und die Leistungsbereitschaft, all diese Faktoren sprechen für diese Parallelität. Und überdies ist Österreich so etwas wie eine europäische Kulturgroßmacht. Das kulturelle Erbe, die künstlerischen Leistungen von Menschen, die in Österreich beheimatet waren, prägen einen überdimensionalen Teil des Kulturerbes der Menschheit.
Die Namen einzigartiger Musikgenies wie Haydn, Mozart, Beethoven stehen genauso für Österreich (wenn auch Mozart im reichsfreien Salzburg gebürtig war, Beethoven in Bonn und Haydn in Deutsch-Westungarn) wie der Name des singulären Finsterlings der Weltgeschichte – Adolf Hitler. Und so hat der österreichische Name der Weltgeschichte aber auch in der heutigen Völkergemeinschaft ein Gewicht, das mit der territorialen Größe des Landes nur sehr nebensächlich zu tun hat. Österreich ist mehr und Österreich ist Vieles – das sollten wir uns im hundertsten Jahr der Existenz der Republik vor Augen halten und vor allem zu schätzen wissen.