Der Breivik in uns

21. November 2011

Mord ist durch nichts zu rechtfertigen. Nicht durch Rassenhaß und nicht durch Klassenkampf. Beides hat bekanntlich im 20. Jahrhundert zu massenhaften Mordhandlungen geführt, in den Konzentrationslagern und im Archipel Gulag.

Wenn man aber heute mit der Gnade der späten Geburt in moralischer Empörung über die Verbrechen der totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts spricht, sollte man nicht vorschnell glauben, daß all dies unter anderen Umständen nicht auch heute möglich wäre. Rudolf Augstein, der legendäre Spiegel-Gründer hat vor langen Jahren in einer Betrachtung über die beiden Großverbrecher Stalin und Hitler darauf hingewiesen, daß „der Mensch an sich ein Kriegsverbrecher“ sei, also potentiell zu derlei Taten fähig wäre. Und zwar jeder Mensch unter den entsprechenden Umständen.

Gegenwärtig beginnt das Verfahren gegen den 70- oder 80-fachen Mörder Breivik in Norwegen. Und in Deutschland ist man schockiert über das Bekanntwerden einer nahezu dutzendfachen Mordserie an türkischen Zuwanderern aus dem vergangenen Jahrzehnt. Geradezu reflexhaft werden beide verbrecherische Wahnsinnstaten in den Verantwortungsbereich der „rechtsextremen Szene“ geschoben. Und natürlich können das politische Establishment, die Gutmenschen-Szene und linke Medien der Versuchung nicht widerstehen, in diesem Zusammenhang die ach so bösen Rechtspopulisten quer durch Europa an den Pranger zu stellen. Die norwegische Fortschrittspartei, die dänische Volkspartei, die Schwedendemokraten, der Vlaams Belang und wie sie alle heißen, sie seien für Breiviks Massenmord verantwortlich und natürlich jede deutsche rechte Splitterpartei von Pro Köln bis zur NPD, von den Republikanern bis zu Deutschen Volksunion. Sie seien verantwortlich für das Mord-Trio aus Zwickau. Daß man nach der selben Logik alle linken Parteien von der Sozialdemokratie bis zu den Grünen für die Morde der Bader-Meinhof-Bande verantwortlich machen müsse und den Islam insgesamt für 9-11, tut in der gegenwärtig medial aufheizten Stimmung nichts zur Sache.

Die Frage, warum und auf welche Weise durchschnittliche junge Menschen zu ideologisch motivierten, in diesem Falle wohl rechtsextremistisch motivierten, werden können, wird dadurch allerdings verdeckt. Die Frage, wie wir den Breivik in uns bekämpfen, wie wir die grundsätzlich einmal allen Menschen innewohnende Neigung zu Vorurteil, Ablehnung und Haß im Zaum halten, wird gar nicht überlegt. Das Phänomen, wonach man „dem Anderen“, dem vermeintlichen „Gegner“ im eigenen Denken das Menschsein abspricht, weswegen man ihn dann auch meint wie einen Hund abknallen, ermorden zu können, wird gar nicht diskutiert. Wirklicher Ausländerhaß impliziert dieses Phänomen mit Sicherheit, möglicherweise aber auch der gegenwärtig wieder so heftig propagierte „Kampf gegen Rechts“. Alle Menschen sind eben potentielle Kriegsverbrecher – Rudolf Augstein schau herunter – und auf den Breivik in uns müßten wir vielleicht alle aufpassen.


In der Geiselhaft des Norwegers

1. August 2011

Da setzt ein Psychopath, beheimatet in einem der liberalsten Länder Europas, eine 1.500 seitige Kompilation aus den verschiedensten im Internet erhältlichen Texten ins Netz, um wenige Tage später das Regierungsviertel seines Landes in die Luft zu jagen und die Massenhinrichtung von fast 100 wehrlosen Jugendlichen zu inszenieren. So wie er seine Tat durchführte, nämlich kalt, gnadenlos und triumphierend, wahnsinnig eben, so hat er auch die pseudo-ideologische Pseudo-Legitimation seines Mordens via Internet organisiert: Da bringt er gezielt junge Menschen um ihr Leben, dort nimmt er gezielt Millionen andere in politische Geiselhaft.

Ja Geiselhaft ist es, in der sich nunmehr all jene Europäer befinden, welche die Massenzuwanderung in soziokultureller Hinsicht für bedrohlich halten und den nach Europa strömenden radikalen Islam für gefährlich. All jene, die bewusst für die Erhaltung des christlichen Abendlandes eintreten und für die Erhaltung ihrer national-kulturellen Identität als Europäer, sie stehen nun im Verdacht, Gesinnungsgenossen des Herrn Breivik zu sein. An ihrer Spitze die Ikonen der europäischen rechtsdemokratischen Bewegungen wie der Holländer Geert Wilders, die Französin Marine Le Pen, der Österreicher Heinz Christian Strache, der Finne Timo Soini oder eben die Vorsitzende der norwegischen Fortschrittspartei Siv Jensen selbst.

Wer den Fehler begeht, sich angesichts dieser Geiselhaft offensiv in jene Richtung hin wehren zu wollen, die da lautet, alles das was der Norweger in seiner Kompilation zum Besten gibt, sei ja nicht falsch, die Bezugnahme auf Winston Churchill, auf Thomas Jefferson, auf Otto von Bismarck, wäre ja nicht grundsätzlich abzulehnen. Eine Kritik des extremistischen Islamismus, der ja etwa die Anschläge von 9/11 zu verantworten hat, müsse ja erlaubt sein. Und die sozialen, kulturellen und politischen Probleme, die die ungebremste Migration nach Europa gebracht hat, seien ja evident! Eine solche Verteidigung führt gegenwärtig offenbar unmittelbar auf das politisch-mediale Schafott. Vertreter der Lega Nord und des Front National können gegenwärtig ein Lied davon singen. Und selbst die strikte und hoch emotionale Distanzierung, wie sie etwa der Niederländer Wilders praktiziert, ändert nichts daran, dass er der geistigen Komplizenschaft mit dem norwegischen Massenmörder bezichtigt wird. Was Wunder, dass Österreichs Freiheitliche sich da gegenwärtig den erhobenen Zeigefinger ihrer politischen Mitbewerber gefallen lassen müssen und sich die Schelte vom Bundespräsident abwärts über die gesamte Gutmenschen-Gemeinschaft bis hin zu selbsternannten Rechtsextremismus-Experten, wie dem unter falschen Namen segelnden Heribert Schiedel aus dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, anhören müssen.

Die Situation erinnert an die Tage des Briefbombenterrors Mitte der 90-er Jahre, als die Haider-FPÖ in ähnlicher Geiselhaft des Briefbombenattentäters Franz Fuchs bzw. seiner nach wie vor nicht völlig auszuschließenden Hintermänner stand. Die indessen längst vergessenen Bekennerschreiben der obskuren Bajuwarischen Befreiungsarmee zitierten ja seitenweise freiheitliche Elaborate, um hier eine zumindest geistige Urheberschaft zu konstruieren. Aus welcher Hexenküche diese Bekennerschreiben wirklich kamen, wurde letztlich nie wirklich geklärt. Nach dem Prinzip „cui bono“ kann jedenfalls gesagt werden, dass sie nur den Gegnern der Freiheitlichen nützten.

Ähnlich ist es mit dem 1.500-seitigen Wirrsinns-Elaborat des norwegischen Psychopathen. Nützen tut dieses primär den Gegnern der rechtspopulistischen Bewegungen Europas. Und diese Gegner zeigen bislang auch kaum Hemmung diesen taktischen Nutzen voll als Wasser auf ihre Mühlen zu leiten.

Was hilft es da, wenn man darauf hinweist, dass Habermas und Marcuse keineswegs für den blutigen Terror der Roten Armeefraktion der 70-er Jahre verantwortlich gemacht werden können? Was nützt es – um weiter in der Geschichte zurück zu gehen – wenn man darauf hinweist, dass der heilige Augustinus und die anderen Kirchenväter wohl kaum für die Hexenverbrennungen oder den jahrhundertelangen blutigen Terror der Inquisition verantwortlich seien? Was ändert es da – um wieder in die jüngere Geschichte zurück zu kehren – wenn man erklärt, dass Friedrich Nietzsche nicht für den Holocaust und Karl Marx nicht für den Archipel Gulag haftbar gemacht werden können?

Das Geschäft des politischen Kleingeldwechselns blüht in diesen Tagen. Und jene eher kleinkarierten Spindoktoren im etablierten Politbereich, die nunmehr eine günstige Gelegenheit für ihren „Kampf gegen Rechts“ sehen, haben eben keine moralische Hemmung, die ideologische Geiselnahme des Norwegers für sich zu nutzen. Es liegt nunmehr an den potentiellen politisch-ideologischen Geiseln, sich moralisch einwandfrei und politisch taktisch klug aus dieser Falle zu befreien. Dies wird sicher nicht gelingen, wenn man radikal-cholerisch auf die Attacken reagiert. Und es wird auch nicht gelingen, wenn man sich kleinmütig von bisherigen politischen Haltungen distanziert. Jene Probleme im Bereich der Massenmigration und der Islamisierung, die man bislang mit großem Beifall des Wählerpublikums thematisierte, sie bleiben bestehen – auch trotz der norwegischen Tragödie. Ob man in der politischen Kommunikation, im Tonfall, eben in der Sprache, beim Aufzeigen dieser Problemfelder nicht maßvoller werden sollte, muss diskutiert werden. Dasselbe betrifft aber auch die Gegner der ach so bösen Rechtspopulisten quer durch Europa. Diese werden ihre Terminologie der Ausgrenzung ebenso mäßigen müssen.