Nutztier Mensch

20. August 2020

Über Sklaverei, Knechtschaft und Selbst-Verhausschweinung

Die Sklaverei war zweifellos in allen archaischen Gesellschaften der Menschheitsgeschichte verbreitet. Ob sie in ihren Ursprüngen Frucht von Gewaltanwendung gegenüber fremden Sippen, Stämmen und Völkern war oder ob sie aus der Vormundschaft gegenüber schutzbefohlenen Frauen, Kindern, Mitglieder des eigenen Hausstands resultiert, ist schwer zu sagen. Fest steht allerdings, dass die Sklaverei auf Seiten der Sklavenhalter stets ein Gewaltmonopol beinhaltete und auf der Seite der Sklaven die Rechtlosigkeit.
Einerseits bedeutete es die Gewalt über Leib, Leben und Arbeitskraft des Sklaven, andererseits das Ausgeliefertsein desselben gegenüber seinem Herrn. Ob der Sklavenhalter nunmehr ein gütiger Herr war, der weise, gütig und verständnisvoll über die ihm Unterworfenen regierte, oder ob er ein sadistischer Gewalttäter war, ändert nichts an dieser Tatsache. Der Wert des versklavten Menschen selbst, als Arbeitskraft, als Sexualobjekt, oder gar als „Zuchttier“ für weitere Sklaven, gehörte zum verfügbaren Vermögen des Sklavenhalters.
Wesentliches Kriterium der Sklaverei war also stets das Fehlen persönlicher Freiheit. Dabei allerdings gab es, unterschiedlich in den jeweiligen Kulturen und Gesellschaften, die verschiedensten Abstufungen dieser Unfreiheit: Vom todgeweihten Galeerensklaven und Sklavenarbeitern in den Goldminen der Antike über versklavte Insassinnen orientalischer Frauenhäuser bis hin zu den leibeigenen Bauern in den feudalen Gesellschaften des Abendlands und zu den Lohnsklaven der frühen Industrialisierung reichen diese Abstufungen. Und die jeweilig dazugehörenden Gesellschaftssysteme funktionierten dann am besten und am klaglosesten, wenn es sich um „glückliche Sklaven“ handelte, die ihre Situation gewissermaßen als gottgegeben oder gesellschaftlich alternativlos betrachteten. Die ganze Spannbreite des Sklaven-Daseins reicht vom aufständischen römischen Sklaven Spartacus bis zur schwarzen Mammi mit Familienanschluss in „Vom Winde verweht“ der US-amerikanischen Südstaaten. Fest steht jedenfalls, dass dem Sklaven – gleich welcher Schattierungen und Nuance – die Ausübung seines individuellen freien Willens weitgehend verwehrt blieb.
Das Bestreben, andere Menschen zu beherrschen, sie zu entrechten, mit ihnen nach Gutdünken umzugehen, über sie ohne Einschränkung zu verfügen, scheint ein archaischer Trieb des Menschen zu sein. Daraus resultiert zweifellos die Versklavung von Untergebenen, von Gefangenen, von gesellschaftlich Schwachen, oder auch nur von Fremden.
Dazu gehört allerdings nicht nur die Bereitschaft des Versklavten, sich in sein Schicksal zu fügen, sondern auch das Selbstbewusstsein des Sklavenhalters, dass er legitimerweise, und sei es nur aufgrund größerer Stärke, befugt sei, andere Menschen zu versklaven.
Genauso, wie es ein archaischer Trieb sein mag, über Mitmenschen zu verfügen, ist dem Menschen gewiss von Anbeginn seines Bewusstseins das Wissen um die Unrechtmäßigkeit von Gewaltausübung über andere eingegeben. Dies mag dem sadistischen Sklavenhalter kaum bewusst geworden sein, für den „gütigen“ Sklavenhalter dürfte es indessen ständige Seelenqual gewesen sein.
Zweifellos war die Sklaverei, insbesondere in der Antike rund um das Mittelmeer, aber auch in anderen Kulturen, ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Gewisse Kulturleistungen, wie der Bau antikerGroßmonumente, von den Pyramiden, über die griechische Akropolis bis hin zur byzantinischen Hagia Sofia sind ohne Sklavenarbeit schlicht und einfach undenkbar.
Die römische Latifundien-Wirtschaft war nahezu ausschließlich auf Sklavenarbeit aufgebaut, genauso wie 2000 Jahre später das agrarische Wirtschaftsgefüge der US-amerikanischen Südstaaten. Natürlich war auch das alteuropäische Feudal-System des Mittelalters ohne leibeigene Bauern – gewiss eine gemilderte Form der Sklaverei – undenkbar. Wie weit die Lohnsklaven der frühen Industrialisierung mit 12-Stunden-Tag und Kinderarbeit in Bergwerken und Eisenhütten vor ihrer Emanzipation durch Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie mit klassischen Sklaven gleichgesetzt werden können, ist nicht ganz einfach zu sagen. Fest steht allerdings, dass ohne sie die Industrialisierung als solche nicht stattgefunden hätte.
Sklaverei als Wirtschaftsfaktor in der Antike steht außer Frage! Aber auch in der Geschichte der Neuzeit war sie stets ein großes Geschäft. Mit dem Genozid an der indigenen Bevölkerung des neuentdeckten Amerikas und der vermeintlichen Notwendigkeit, Schwarzafrikaner in die Neue Welt zu exportieren, tat sich bis hinein ins 19. Jahrhundert ein Geschäftsfeld auf, das beinahe schon globalisierte Dimensionen hatte: Miteinander verfeindete Stammeshäuptlinge verkauften ihre schwarzafrikanischen Gegner, arabische Sklavenhändler fingen sie und verfrachteten sie an die Küsten, die Kapitäne großer europäischer und nordamerikanischer Reedereien, deren Eigener zwischen Amsterdam und Boston saßen, verfrachteten sie nach Amerika, wo sie auf den karibischen und Südstaaten-Sklavenmärkten landeten. An die 70 oder 80 Millionen Afroamerikaner sind die Nachfahren der solcherart versklavten Schwarzen.
Auf der anderen Seite ist die Emanzipation von Sklaven und Leibeigenen aus der Gewalt ihrer Herren auch ein Phänomen, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht. Freigelassene konnten bereits in der römischen Republik zu Reichtum und Ansehen kommen. Ministeriale, also unfreie Gefolgsleute, stiegen im Hochmittelalter im christlichen Abendland in den Adelsstand auf. Und erst die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung, angeführt von Männern, wie Martin Luther King, erlangte einigermaßen Gleichberechtigung in „gods own country“.
Auch die Emanzipation der Arbeiterschaft durch die Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung entsprach in ihren Mechanismen der Befreiung vom Joch der Sklaverei. Die damit erreichte Sozialgesetzgebung und das allgemeine und gleiche Wahlrecht waren die wohl wichtigsten Errungenschaften dieser Emanzipation. Die von den Apologeten des Sozialismus, beziehungsweise des Kommunismus propagierte Diktatur des Proletariats allerdings sollte den Weg zurück in die Knechtschaft, in eine Sklaverei anderer Art, in die Staatssklaverei nämlich bedeuten. Der real existierende Sozialismus des 20. Jahrhunderts, allen voran in der Sowjetunion, war in seinem gesellschaftlichen und philosophischen Nukleus nichts anderes als Staatssklaverei. Und das Abschütteln des kommunistischen Jochs durch die Völker Osteuropas in den Jahren 1989 und folgende stellt daher nichts anderes dar als Emanzipation von dieser Staatssklaverei.
Wer nun glauben könnte, die Geschichte der Sklaverei, also der menschlichen Unfreiheit und der individuellen Entrechtung, der Unterdrückung des freien Willens des Einzelmenschen wäre damit zu Ende geschrieben, der irrt. In der globalisierten Welt, in der die ach so liberalen Demokratien westlicher Prägung das gesellschaftspolitische Idealbild darstellen, sind es indessen Medien-Manipulation und Meinungsmache durch die sogenannten sozialen Medien und das Internet, die die Menschen im politisch korrekten Sinne der eigenen Willensbildung und der freien Meinungsäußerungen berauben.
Mit subtilen Methoden und mittels diffiziler psychologischer Strategien werden damit die Menschen des 21. Jahrhunderts „gemainstreamt“, also gleichgeschaltet. Und dies betrifft vielleicht nicht einmal zuallererst das politische Verhalten, sondern vielmehr das ökonomische. Der Mensch des 21. Jahrhunderts befi ndet sich nämlich zuvorderst in einer Form von Konsum-Knechtschaft, in die er mittels Werbung und der Nutzung mathematischer Algorithmen hinein getrieben wird. Weltweit durchgeschaltene Kampagnen, die einerseits gesellschaftspolitisches Verhalten erzwingen – „Mee too“, „black lives matter“ etc. lassen grüßen – und die globalisierte Steuerung des Konsumverhaltens beziehungsweise dessen ökonomische Maximierung gehen da Hand in Hand.
Nun könnte man meinen, dass es da vom Galeeren-Sklaven über den leibeigenen Hintersassen und den schwarzen Baumwollpfl ücker in Louisiana bis hinauf zum Industriearbeiter, bis zum perfekt angepassten Konsumenten doch so etwas wie eine kulturelle Evolution gibt. Fest steht, dass die physische Gewalt geringer ist beziehungsweise kaum mehr gegeben ist. Die mentale Unfreiheit allerdings, die Versklavung von Geist und Seele – so könnte man kritisch meinen – hat allerdings eine Dimension angenommen, die sich Sklaven der Antike, Leibeigene des Mittelalters und Industriearbeiter des 19. Jahrhunderts gar nicht vorstellen konnten. Und da kommt wiederum ein Faktor ins Spiel, der bereits erwähnt wurde: Die glücklichen Sklaven, die sich ihr Schicksal nicht nur selbst aussuchen, sondern dieses auch noch bewusst herbeiführen und bejubeln. Die geistige Selbst-Verhausschweinung im Sinne des politisch korrekten Zeitgeistes und der damit verbundenen Denk- und Redeverbote ist nämlich zu einem Faktor im Zuge dieser modernen geistigen Sklaverei geworden, der sich als wesentlich effi zienter erweist als die antiken Trommeln der Galeeren-Kapitäne, das ius prima noctis mittelalterlicher Feudalherren, oder die Peitsche von Südstaaten-Plantagenbesitzern. Und wenn der Mensch in der Antike ganz reale Handelsware war, wie auch noch auf den Südstaaten-Sklavenmärkten des beginnenden 19. Jahrhunderts, wenn er eine primäre Einkommensquelle für Feudalherren im Mittelalter darstellte, so ist er heute als Verfügungsmasse für global agierende multinationale Konzerne auch nur ein ökonomischer Faktor. Der Konsum-Sklave unserer Tage gehört also genauso in die Kategorie „Nutztier Mensch“ wie seine unfreien Vorfahren in den Sklavenquartieren der Antike und des Mittelalters.


Warum Ursula Stenzel kandidieren soll

20. August 2020

Über Jugendlichkeitswahn und Seniorität in der Politik

Unser Bundeskanzler ist erst in den Anfang-Dreißigern. Ein adretter junger Mann mit bestens gegelter Frisur, dessen Slimfit-Anzüge man früher Firmlingen zugeordnet hätte, eloquent, dynamisch und politisch sehr geschickt. Allerdings ohne Familie oder Beruf oder Studienabschluss, in keiner Weise leidgeprüft, schlicht und einfach ohne Lebenserfahrung.
Dieser, unser Regierungschef, Sebastian Kurz, ist der Prototyp des jugendlichen Teflon-Politikers, der – unabhängig von Ideologie und politischem Programm – für politische Erneuerung und Zukunftsorientierung steht. Der Zauber der Jugend ist seine Stärke und sein Argument. Er ist allerdings auch jener Politiker-Typ, der für eine gewisse Form des Jugendlichkeits-Wahns, für ein Juvenilitäts-Prinzip steht, das es immer wieder in der Geschichte gegeben hat und gibt. Kaiser Franz Joseph war 18 Jahre alt, als er – von Gottes Gnaden allerdings – österreichischer Kaiser wurde.
Napoleon Bonaparte war mit 20 Jahren General – und allenthalben als militärisches Genie anerkannt. Und im Zuge der 68er  Revolte, die die neue Linke motivierte, hieß es: „Trau keinem über 30!“ Nun sind unser Bundeskanzler und seine Buberlpartie, sein intimer Beraterkreis nämlich, in keiner Weise „von Gottes Gnaden“ legitimiert und als politisch-militärische Genies gelten sie auch nicht. Sie sind aber jung, das steht außer Zweifel, und sie zehren vom  Bonus dieser Jugendlichkeit.  Andererseits war Konrad Adenauer weit über 70, als er deutscher Bundeskanzler wurde.
Kaiser Franz Joseph war bis zu seinem 86. Lebensjahr österreichischer  Kaiser. In der KPdSU unter Leonid Breschnew galt von den Mitgliedern des Zentralkomitees  jeder unter 80 als Lausbub. Und derlei Beispiele für die Wertschätzung von Alter, Erfahrung und Weisheit in der Politik gibt es sonder Zahl.
Wenn in unseren Tagen nun – allerdings ohne jegliche welthistorische Dimension – für die ins Haus stehenden Wiener Landtags-und Gemeinderatswahlen die 74-jährige Ursula Stenzel kandidiert,  werden kritische Stimmen laut, dass die vor einigen Jahren von der ÖVP zu den Freiheitlichen gewechselte einstige ORF-Sprecherin zu alt sei.
Tatsache ist allerdings, dass die aus einer jüdische Familie stammende, mit dem unvergessenen Schauspieler Heinrich Schweiger lange Jahre verheiratete Ursula Stenzel nicht nur über große politische Erfahrung verfügt, sondern auch über den altersbedingten Mut, die Dinge beim Namen zu nennen.
Und dann gibt es dafür natürlich noch ein weiteres Argument: Nahezu die Hälfte der österreichischen Wähler ist über 60, sind also ältere oder alte Mitbürger, und sie haben das Recht, in einer repräsentativen Demokratie vertreten zu werden. Aber auch die Alten haben das unbestreitbare Recht vertreten zu sein.
Ein Gemeinwesen, konkret unsere Republik, oder auch die Gemeinde Wien, das die Erfahrung, das Wissen und die Weisheit der älteren Generation nicht nützt und nicht respektiert, ist schlecht beraten.  Dies gilt natürlich parteien- und  ideologieübergreifend. Darum: „Chapeau, Frau Stenzel!“


Corona-Lage: Hoffnungslos, aber nicht ernst

20. August 2020

Der alte Witz ist ja allenthalben bekannt: Bei den Preußen hieß es immer, die Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos, bei den Österreichern hingegen, sie sei hoffnungslos, aber nicht ernst. Selbiges könnte man nunmehr auf die Lage in  der Corona-Pandemie sagen, nur, dass die skurrile Aussage, wonach die Lage hoffnungslos sei, aber nicht ernst, keineswegs auf Österreich alleine zutrifft, sondern eigentlich globale Gültigkeit besitzt.

Da geht die Zahl der Hospitalisierten und jene der Menschen, die auf Intensivstationen liegen, langsam, aber stetig zurück und jenes Argument, das ursprünglich im März des Jahres für den Lockdown ausschlaggebend war, wonach es darum gehe, unser Gesundheitssystem, insbesondere die Anzahl der Intensivbetten in den Spitälern nicht  zu überlasten, ist längst völlig hinfällig. Kaum fünf Prozent der Intensivbetten sind hierzulande durch Coronapatienten belegt. Die Zahl der Infizierten steigt allerdings und das – so lässt uns unsere Bundesregierung wissen, in besorgniserregendem Maße.

Nur, dass es immer mehr Infizierte sind, die keinerlei Symptome aufweisen. Das liege daran, dass es nunmehr die Jungen betreffe, die bei Parties, im Urlaub und in Diskotheken angesteckt würden.

Und schon werden die Daumenschrauben angezogen: Reisewarnungen für mehrere Dutzend Länder, insbesondere auch für unsere beliebten Urlaubsländer am Mittelmeer, Maskenzwang mittels einigermaßen wirrer Verordnungen.

Kein Mensch weiß mehr, wo er maskiert beziehungsweise unmaskiert auftreten müsse oder dürfe und dann dieses skurrile Ampelsystem, wo sich überhaupt keiner mehr auskennen wird. Überdies der Schulbeginn, der laut Unterreichtsminister „normal“ über die Bühne gehen solle und in Wahrheit zu einer Verwirrung von Schülern, Lehrern und Eltern führen dürfte.

Dabei sagt man uns, dass ernsthafte Fortschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen gemacht werden. Die Russen haben bereits einen. Skeptiker meinen, das sei wahrscheinlich eine Wodka-Infusion, die Inder verkünden mit stolzgeschwellter Brust, sie hätten ebenso Impfstoffe und im deutschen Tübingen entwickelt eine Firma, die Donald Trump, wie wir gehört haben, samt und sonders aufkaufen hatte wollen, einen zweifellos ernstzunehmenden Impfstoff, der spätestens im nächsten Frühjahr auf den Markt kommen solle. Medikamente, wie das Ebola-Medikament Remdesivir gibt es längst, Therapien mit Blutplasma von vormalig Infi zierten gibt es ebenso.

Wozu also eigentlich weiter die Corona-Hysterie, die die Regierenden und die Mainstream-Medien verkünden? Bei allen anderen Epidemien wird gemeinhin die Zahl der Toten gezählt, oder zumindest die der Hospitalisierten oder jene der Schwerkranken auf Intensivstationen.

Nunmehr lassen wir uns durch den Anstieg der Anzahl der Infi zierten in Angst und Schrecken versetzen, nicht achtend, dass dieselben zumeist keinerlei Krankheitssymptome aufweisen. Die Annahme von ernstzunehmenden Experten, dass das Virus nach und nach seine bösartige Wirkungskraft verliere, wie es auch bei der Spanischen Grippe am Beginn der Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts der Fall war, werden ignoriert. Stattdessen wird unser angestammtes Gesellschaftsleben, von der Wirtschaft gar nicht zu sprechen, in den Graben gefahren. Und Pessimisten nehmen an, dass sich dies auch nicht mehr ändern werde, wenn wirklich vorbeugende Impfung und Heilung von Coronapatienten gewährleistet sind. Dann wird es halt etwas anderes sein, meinen diese Pessimisten: Die angebliche Klimakatastrophe – wo blieb eigentlich der schreckliche Tropensommer in diesem Jahr? – oder irgendein neues Virus. Man weiß zwar nicht warum und möchte ja nicht als Verschwörungstheoretiker gelten, aber erklärlich ist das schon sehr schwer, weshalb man von der etablierten Politik und den etablierten Medien unsere ganze Gesellschaft und unser gestammtes Wirtschaftsleben wegen einer Pandemie in den Graben fahren will, mit der man schlicht und einfach leben werde müsse.


Somalier in Wien vs. Kärntner Slowenen

5. August 2020

Über „Migranten-Communities“ und autochthone Volksgruppen

Eine Meldung dieser Tage in der „Presse“ gibt zu denken. Dort hieß es, dass jüngst in Wien-Fünfhaus ein von Migranten aus Somalia betriebener Imbissstand abgebrannt sei und wenige Wochen zuvor ein Heim der somalischösterreichischen Freundschaftsgesellschaft. Brandstiftung werde vermutet, wobei die Polizei einen – wie stets zuallererst vermutet wird – rechtsextremen Hintergrund ausschließt, allerdings ausländerfeindliche Vorfälle registriert wurden. Sie seien als „Scheiß Ne…“ bezeichnet worden, heißt es aus Kreisen der „somalischen Community“ und diese wurde in der renommierten, konservativen Tageszeitung mit rund 8.000 Personen beziffert.
Und das ist es, was nunmehr zu denken geben sollte: Wenn die „somalische Community“ schon 8.000 Köpfe umfasst, wie viele sind dann in der nigerianischen oder der syrischen oder der afghanischen – gar nicht zu reden von der türkischen? Da handelt es sich zweifelsohne um ethnische Gruppierungen mit einer Stärke von jeweils zwischen 10.000 bis zu 400.000 oder 500.000 Menschen. Und insgesamt dürfte es tendenziell wohl nahezu ein Viertel der Wohnbevölkerung sein, die hier sogenannten „Migrationshintergrund“ hat.
Und all diese ethnischen Gruppierungen – „Communities“, wie das auf Neudeutsch so schön heißt – haben natürlich das Recht, ihre kulturelle und sprachliche Identität zu wahren und müssen ihre Herkunft nicht verleugnen. Und wenn sie in geschlossenen Gruppen leben, wie offenbar bereits in Rudolfsheim-Fünfhaus in Wien, werden sie über kurz oder lang auch Gruppen-Rechte einfordern. Möglicherweise von der öffentlichen Hand subventionierte Institutionen von irgendwelchen Gemeinschaftseinrichtungen, über Würstelstände, wie im gegenständlichen Fall der Brandlegung, bis hin zu Gebetshäusern und Moscheen. Und dabei stellen sich schon einige gewichtige Fragen: Werden diese „Communities“ demnächst auch so etwas wie Volksgruppenrechte beanspruchen?
Wenn wir die Situation und den Umfang der autochthonen Volksgruppen in Österreich betrachten, zeigt sich erst, wie problematisch diese Entwicklung sein könnte: Wenn es tatsächlich 8.000 Somalier in der Bundeshauptstadt gibt, wo ist dann – provokant gefragt – der Unterschied zu jenen etwas mehr als 12.000 Menschen, die im Jahre 2001, laut Wikipedia, in Kärnten Slowenisch als Umgangssprache angegeben haben, also zur autochthonen slowenischen Volksgruppe im Lande gehören? Warum genießen diese umfangreiche und vielfältige staatliche Förderungen, haben ein eigenes Schulwesen und bekommen ihre Existenz legitimerweise auch durch eigene topographische Aufschriften, Ortstafeln eben, dokumentiert?
Nun wissen wir alle, dass beispielsweise diese Kärntner slowenische Volksgruppe seit rund 1.500 Jahren im Land lebt und dass sie noch vor gut einem Jahrhundert in Kärnten ein Vielfaches von  Köpfen aufzuweisen vermochte, wahrscheinlich nur zu einem Teil nationalbewusste Slowenen, aber doch in der Landbevölkerung in der Form des schwebenden Volkstums einen großen Bereich slawischstämmiger Bevölkerung, deren Muttersprache eben slawisch-slowenische Dialekte waren.
Seitdem ist das schreckliche 20. Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen, Diktaturen und Verfolgung vorübergegangen und dann noch die langen, friedvollen Jahre der Zweiten Republik, die durch ökonomische Zwänge und Auflösung des geschlossenen Siedlungsraums die Assimilierung der Volksgruppe beschleunigte. Und heute sind es eben kaum mehr Kärntner Slowenen als Somalier in Wien. Daraus ergibt sich die geradezu groteske Tatsache, dass wir dramatisch schrumpfende autochthone Volksgruppen im Lande haben, während wir wachsende Migranten-Communities verzeichnen.
Eine höhere Geburtenrate und weitere Migrationsströme werden diese Zuwanderungs-Communities zweifellos stärken. Die Tendenz der autochthonen Volksgruppen zur Assimilation in das muttersprachlich deutsche Kulturgefüge der österreichischen Mehrheitsbevölkerung ist ebenfalls Faktum und dürfte diese weiter schwächen.
Diese Entwicklung muss uns allen, insbesondere aber den Vertreter der autochthonen Volksgruppen im Lande, den Kärntner Slowenen, den burgenländischen Kroaten und wie sie alle heißen,zu denken geben. Insbesondere der sogenannte Volksgruppenbeirat, der vor Jahren beim Bundeskanzleramt eingerichtet wurde und in dem die sechs autochthonen Volksgruppen, die es in Österreich gibt, vertreten sind, sollte diese Problematik im Auge haben.
Um zum Anlass dieser Überlegungen zurückzukommen: Selbstverständlich sind Angriffe auf Einrichtungen oder einzelne Mitglieder irgendwelcher Zuwanderer- Communities auf das Schärfste abzulehnen und auch rechtstaatlich zu bekämpfen! Die gesellschaftspolitisch relevante Frage allerdings, wie viele und wie starke Communities diese Art wir noch im Lande haben wollen, muss auch gestellt werden.
Die zeitgeistigen Verfechter der multikulturellen „Bereicherung“ unserer Gesellschaft übersehen nämlich gerne, welche sozialen Probleme und kulturellen Verwerfungen, ganz abgesehen von den hohen Kosten der Integration, diese Gruppen nämlich für die Republik verursachen.


Das Türken-Trauma

5. August 2020

Über Janitscharen, Gastarbeiter und Graue Wölfe

Von großem Hass zeugt der Spruch, der sich auf dem Südturm des Wiener Stephansdoms findet: „Schau Muhamed, du Hund“. Und wenn dieser auch von den politisch korrekten Kirchenoberen unserer Tage stets aufs Neue übermalt wird, ist er doch eine unleugbare Erinnerung daran, dass der „Goldene Apfel“, also Wien, zwei Mal von osmanischen Heerscharen belagert und beinahe eingenommen wurde. Sowohl 1529 als auch 1683 war dieses Wien für die türkischen Eroberer nicht nur das Einfallstor nach Mitteleuropa, sondern als Haupt- und Residenzstadt des römisch-deutschen Kaisers eine Stadt von hohem Symbolwert, deren Eroberung den Triumph des osmanischen Islams über die Christenheit bedeutet hätte.
Überhaupt waren die Türkenkriege vom ausgehenden Spätmittelalter bis hinein ins 18. Jahrhundert primär so etwas wie ein Kampf der Kulturen zwischen christlicher und islamischer Welt. So wie Jahrhunderte zuvor das Vordringen des Islams über Nordafrika und die Iberische Halbinsel auf fränkisches Territorium bei der Schlacht von Tours und Poitiers durch Karl Martell, dem Karolinger, gestoppt wurde, sollte es zur Aufgabe der Habsburger werden, das Vordringen dieses Islams über die östliche Flanke Europas, also über den Balkan, zu verhindern. Was Karl Martell im 8. Jahrhundert für das christliche Abendland bedeutete, sollten der Wien-Verteidiger Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg, der Polenkönig Johann Sobieski und zu guter Letzt Prinz Eugen für die habsburgischen Lande des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation werden: Retter des Abendlands eben.
Diese letztlich siegreichen Türkenkriege waren für das Österreich der Habsburgermonarchie, aber auch jenes der ersten Republik, identitätsstiftend. Türkensagen, Abbilder von „Tatarmännern“ in den entlegensten Kärntner und steirischen Gräben, Jubiläumsfeiern zur Schlacht am Kahlenberg und Schaustücke in Wiener Museen, wie etwa das Zelt des Wien-Belagerers Kara Mustafa, symbolisierten dies. Keineswegs hinderlich war das allerdings für das Bündnis der späten Habsburgermonarchie mit dem späten Osmanischen Reich, welches bis hin zur Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg führte. Nicht hinderlich war das auch dafür, dass die frühe kemalistische Türkei von ihrer Gründung bis weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus eine ausgesprochene Germanophilie pflegte, also eine Deutschfreundlichkeit, welche wohl auch der Grund für die ursprüngliche Neutralität der Türkei im Krieg gegen Hitler-Deutschland war.
Dennoch, insbesondere für die Österreicher blieben die Türken der verdichtete Inbegriff des Antagonismus zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Islam und Christenheit, zwischen Orient und Okzident. Als dann ab den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts Gastarbeiter nach Mitteleuropa, insbesondere in die Bundesrepublik Deutschland und nach Österreich, geholt wurden, um als kostengünstige Arbeitskräfte der boomenden Wirtschaftswunder-Industrie dienlich zu sein, schien dieser jahrhundertelange „Clash of Civilizations“ keine Rolle zu spielen. Es handelte sich dabei ja doch um bescheidene, anpassungswillige und durch ihre islamische Religion so gar nicht auffällige Menschen, die ohnedies nach einigen Jahren der Erwerbstätigkeit in ihren Gastländern wieder zurück in ihre Heimat kehren sollten.
Allein es kam völlig anders. Diese Deutsch-Türken und Austro-Türken, indessen Millionen Menschen, allein in Österreich an die 500.000, blieben auf Dauer. Indes in der dritten Generation sind sie zumeist eingebürgert, wobei sie häufig insgeheim eine Doppelstaatsbürgerschaft ihr eigen nennen können und jedenfalls zu allermeist ihre Bindungen an die anatolische Heimat, an ihre türkische Herkunft in keiner Weise aufgegeben haben. Die von ihnen gebildeten Parallelgesellschaften sind überdies der zunehmenden Islamisierung ausgesetzt, die in der zweiten und dritten Generation dieser türkischen Zuwanderer in vielen Bereichen auch zu einer religiösen und politischen Radikalisierung geführt haben. Die in der Türkei selbst seit Jahren über die Erdogan-Partei AKP feststellbare Islamisierung hat parallel dazu auch in der türkischen Diaspora in Mitteleuropa stattgefunden. Dass dann in der Folge innertürkische Konflikte, wie etwa der mit den Kurden, die von Ankara ja als „Berg-Türken“ betrachtet werden, auch auf österreichischem und deutschem Boden ausgetragen werden, ist nur die logische Folge dieser Entwicklung. Die jüngsten Ausschreitungen in Wien-Favoriten sind nur der jüngste Beleg dafür.
Bei der historischen Türkenbelagerung im Jahre 1529 und danach im Jahre 1683 haben die osmanischen Heerführer die Elitetruppen des Sultans vor die Mauern Wiens geführt. Janitscharen waren es, die den Kern dieser türkischen Armeen gebildet haben. Sie entstammten der sogenannten „Knabenlese“, die die osmanischen Besatzer, insbesondere in den von ihnen dominierten christlichen Ländern auf dem Balkan, durchführten, um solcher Art Nachschub für ihre Elitetruppen zu bekommen.
Heute sind es keine Janitscharen, sondern die Söhne und Enkel der biederen anatolischen Gastarbeiter, die da bescheiden in den 60er- und 70er-Jahren ins Land gekommen sind, die nunmehr für Probleme sorgen. Und sie bilden die fünfte Kolonne für Erdogans Machtpolitik in Richtung EUEuropa.
Trotz der Islamisierung des Landes und trotz seiner Ansprüche als regionale Großmacht in Richtung islamische und arabische Welt hat Erdogan den Anspruch auf den EU-Beitritt der Türkei nicht ad acta gelegt. Einerseits sind da sicher die vielen Milliarden an EU-Heranführungshilfe, die Ankara damit kassieren kann, andererseits aber ist es nach wie vor die Verlockung, durch einen EU-Eintritt zum größten und bevölkerungsstärksten Land der Union zu werden, was hier als Motivation im Hintergrund wirken dürfte.
Die Politik der modernen Türkei ist alles andere als stringent. Einerseits gefällt sich Erdogan in der Rolle eines neuen autokratisch herrschenden Sultans, andererseits als Erbe der Hohen Pforte in Form seiner neoosmanischen politischen Ansätze. Überdies will er den Protektor der Turkvölker weit hinein nach Zentralasien spielen und gleichzeitig Mitglied der Europäischen Union werden. Tatsache ist aber, bei all diesen Widersprüchen, dass die Türkei als Schwellenland zwischen Europa und Asien, zwischen islamischer Welt und den westlichen Demokratien der Europäischen Union ein neues Gewicht und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt hat. Manche – allerdings auch in Brüssel seltener werdende Stimmen – meinen, dass dieses neue Gewicht auch zu Gunsten Europas in der weltpolitischen Waagschale wirksam werden könnte. Skeptiker hingegen sehen zu Recht, dass die Türkei primär die Islamisierung Europas und die dahinter stehenden Kräfte fördert, dass sie in militärischen Konflikten von Syrien bis Libyen überaus eigennützig nur die eigenen türkischen machtpolitischen Interessen im Auge hat. Nun ist kaum anzunehmen, dass der Machthaber in Ankara Recep Tayyip Erdogan den „Goldenen Apfel“ auf den Spuren von Großwesir Kara Mustafa neuerlich erobern möchte. Dass er ihn aber von innen her mit Hilfe der türkischen Diaspora etwa in Wien-Favoriten gerne aushöhlen und damit für sich beanspruchen würde, dürfte schon stimmen. Mehrere Millionen Deutsch-Türken und Austro-Türken wären für Erdogans Türkei im Falle eines EU-Beitritts oder auch nur einer engeren Assoziation ein nicht zu übergehender Beeinflussungs- und Machtfaktor. Das steht außer Frage.
So hat also jenes Türken-Trauma, das insbesondere wir Österreicher aus den jahrhundertelangen Abwehrkriegen gegen die Osmanen historisch entwikkelt haben, in unseren Tagen neue Nahrung bekommen. Gute drei Jahrhunderte nach dem Friede von Passarowitz im Jahre 1718, durch den die osmanische Macht am Balkan durch den siegreichen Prinzen Eugen und seine Heere zurückgedrängt wurde, stehen die Türken nicht vor unseren Toren, sie befinden sich bereits massiv im inneren unseres Kulturraums. Die Frage ist nun, ob sie sich zu einem integrierten Bestandteil dieses unseres Kulturraums entwickeln oder ob sie ein Fremdkörper mit zunehmenden Ansprüchen bleiben.


Trotz Corona und alledem …

5. August 2020

Angeblich nur „Covidioten“, aber doch 20.000 Menschen, haben am vergangenen Wochenende in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen der bundesdeutschen Regierung protestiert. Es könnten jedoch auch zehn- bis fünfzig Mal mehr gewesen seien. Es seien dies Obskuranten, Sektierer, Reichsbürger, Rechtsextreme, Impfgegner etc., die den Ernst der Pandemie nicht begreifen würden, heißt es.
76.000 Tickets haben die Salzburger Festspiele dieses Jahr zum Verkauf gestellt.
76.000 Menschen werden also in Salzburg dem Kunstgenuss frönen und damit mehr oder weniger direkt den restriktiven Corona-Maßnahmen die Stirne bieten. Auch sie also – unausgesprochen – Protestierer gegen die Corona-Maßnahmen. Sie werden allerdings nicht von den Mainstream-Medien beschimpft, repräsentieren sie doch die Crème de la Crème der Gesellschaft, die Schönen und Reichen, die kunstsinnige Oberschicht. Eines aber haben die beiden Gruppierungen, die hier – mehr oder weniger offen – gegen die Corona-Maßnahmen auftreten, gemeinsam: Sowohl von den Berliner „20.000“, die auf Masken und Abstandsregelung gepfiffen haben, als auch von den Salzburger 76.000, die es sich nicht nehmen ließen, Hugo von Hofmannsthal und Wolfgang Amadé Mozart zu genießen, dürfte ein gewisser Prozentsatz Corona-positiv sein.
Würde man alle 76.000 Salzburger Festspielgäste testen, wären gewiss ein bis zwei Prozent Coronapositiv – das wären dann schon mehr als 1.000 Fälle – und das gleiche kann man gewiss von den Berliner Demonstranten sagen. Wirklich krank aber oder gar hospitalisiert oder noch schlimmer, auf Intensivstation wird – hoffentlich – kaum jemand von ihnen sein.
Und da liegt der Hund begraben. Wir werden mit Corona leben müssen. Wenn die Weltgesundheitsorganisation dieser Tage angstschürend verkündet, dass wir mit der Seuche noch ein Jahrzehnt rechnen müssen, mag das stimmen. Allerdings lernt man indessen, wie man medizinisch mit ihr umzugehen hat, wie man die Patienten behandeln kann, und Impfstoffe sind ja auch auf dem Weg.
Und nachdem wir auch erkennen konnten, dass es sich nicht um die Beulenpest handelt und auch nicht um Ebola, sondern in den meisten Fällen um eine leichte Erkrankung – wenn überhaupt, mit relativ geringer Mortalität –, sollte es auch möglich sein, mit Corona zu leben. Zu leben, ohne die Wirtschaft völlig zu ruinieren, zu leben, ohne unser Sozialleben auf ein unerträgliches Maß einzuschränken, zu leben, ohne das menschliche Miteinander auf Null herunterzufahren. So banal es klingt und so sehr die Vergleiche hinken mögen, aber weder die Ausbreitung von Aids noch irgendeine lokale Masernepidemie – und schon gar nicht irgendeine Grippewelle – haben uns genötigt, Wirtschaft und Gesellschaft in dem Maße zu ruinieren, wie wir dies in diesem Jahr durch Corona glaubten, tun zu müssen. Und das Bedenkliche ist, dass uns die Mainstream-Medien und die Regierenden mehr oder minder deutlich signalisieren, dass dies so weitergehen soll, dass eine drohende zweite Welle oder die Verlängerung der Pandemie auf das nächste Jahrzehnt uns dazu zwingt, mit Social Distancing, Homeoffice, Maskenpflicht, Reisebeschränkungen und ähnlichem weiterzuleben. Wahrlich eine Horrorvision! Die durch ihre sozi-ökonomischen Folgen möglicherweise weit mehr Menschenleben kosten könnte als COVID19.
Und das ist auch der Grund, weshalb der mehr oder weniger offene Protest gegen die COVID-Maßnahmen, wie er durch die Salzburger Festspielgäste gelebt wird, und wie er durch die – mögen sie auch noch so irrational sein – Berliner Demonstranten an den Tag gelegt wird, nicht nur verständlich ist, sondern eigentlich begrüßt und unterstützt werden sollte: Trotz Wien, Berlin und alledem, trotz Klimakatastrophe, Black Lives Matter, Corona und alledem …


Von der Lichtgestalt zur Unperson?

30. Juli 2020

Hans Steinacher: Versuch einer Ehrenrettung

Ein „fanatisierter völkischer Ideologe“ sei er gewesen und habe in seiner Person „alle Facetten des völkischen Milieus“ verkörpert, ließ uns der Kärntner Historiker Alfred Elste dieser Tage über Hans Steinacher wissen. Und durchaus zustimmend zitiert er den Altmeister der linksorientierten österreichischen Politikwissenschaften Anton Pelinka, der den Heros des Kärntner Abwehrkampfes einen „militanten Nationalsozialisten“ genannt hatte. Ein deklarierter Nazi also, dieser im Jahre 1892 im Kärntner Bleiberg-Kreuth geborene Hans Steinacher, der entsprechend dem „common sense“ unserer Tage zweifellos der Damnatio memoriae verfallen müsste. Er, der wegen seines Einsatzes im Kärntner Abwehrkampf und seiner Leistungen in der Organisation der darauf folgenden Volksabstimmungspropaganda als so etwas wie ein Heros der jüngeren Kärntner Landesgeschichte galt und der auch noch in seinen späten Tagen in der Zweiten Republik von den etablierten politischen Kräften, sowohl von der Volkspartei als auch von der Sozialdemokratie, hofiert wurde. Im Volksgruppenstreit, der in Kärnten ja erst mit der Ortstafel-Lösung vor wenigen Jahren endete, galt Steinacher zwar für die slowenische Seite als Hassobjekt, umgekehrt aber auf der Deutschkärntner Seite, mitgetragen von allen maßgeblichen politischen Kräften des Landes, als Lichtgestalt. Nunmehr, just in den Tagen des Hundertjahr-Jubiläums der Kärntner Volksabstimmung von 1920, läuft er im Zuge von Geschichtsdebatten, wie sie im Umfeld von globalen Phänomenen wie etwa „Black Lives Matter“ geführt werden, Gefahr, zur Unperson erklärt zu werden.
Elste lieferte dieser Tage eben einen zwar facetten- und faktenreichen, deswegen aber nicht minder tendenziösen Beitrag dazu. So bezeichnet er Hans Steinacher gewissermaßen als Prototypen des von ihm zweifelsfrei negativ konnotierten „völkischen Milieus“. Dabei erwähnt er natürlich nicht, dass es ausschließlich diese von ihm stigmatisierend als „völkisches Milieu“ bezeichnete Gesinnung war, welche Voraussetzung und treibender Motor für den Abwehrkampf und auch für die Organisation der Kärntner Volksabstimmung bildete. Es ist ein historisches Faktum, dass, angefangen vom Landesverweser Arthur Lemisch, über wichtige Mitglieder der damaligen Kärntner Landesregierung wie Vinzenz Schumy bis hin zu den jungen Frontoffizieren, die sich im Abwehrkampf bewährt hatten und dann auch im historischen Heimatdienst rund um Hans Steinacher aktiv wurden, großdeutsche und deutschnationale Wertvorstellungen dominierten.
Konfliktlinien, die bereits aus dem Nationalitätenstreit der Habsburger Monarchie stammten, setzten sich in jenem Kampf um das „Grenzland- Deutschtum“, wie er nach Ende des Ersten Weltkriegs zwischen Baltikum und Balkan in einer Vielzahl militärischer Konflikte und darauf folgender Plebiszite tobte, fort und trafen sich in Kärnten eben mit dem Ringen um die Erhaltung der Landeseinheit. Der damit verbundene Landespatriotismus, auch weiter Teile der genuin slawischen Bevölkerung, sollte zur Basis für den Abstimmungserfolg vom 10. Oktober 1920 werden. Die wesentlichen Akteure der damaligen Kärntner Landespolitik und auch die Offiziere im Abwehrkampf sowie Aktivisten in der Landesagitationsleitung und darauf im historischen Heimatdienst gehörten zweifellos dem von Elste zitierten „völkischen Milieu“ an. Die Kärntner waren damit aber keineswegs alleine. Gesamtdeutsches Denken und damit nach heutiger Terminologie „völkische“ Orientierung war ja in allen wesentlichen politischen Bereichen dominant. Insbesondere die Sozialdemokratie um Karl Renner und Otto Bauer bildete in jenen Tagen die Speerspitze der Anschlussbewegung. Und die Orientierung der jungen Kärntner, allen voran Hans Steinachers, in Richtung Berlin war gewissermaßen Staatsdoktrin. Die junge Republik nannte sich ja nicht umsonst „Deutsch-Österreich“, und der Anschluss des Landes an die Weimarer Republik konnte nur durch den Diktatfrieden von St. Germain verhindert werden.
Hans Steinacher selbst schildert in seiner Darstellung der Ereignisse, wie ihn Landesverweser Arthur Lemisch 1920 nach Berlin entsandte, wo er bei der Pfingsttagung des „Deutschen Schutzbundes“ um Bereitstellung von Geldern für die Kärntner Abstimmungspropaganda werben sollte. Tatsächlich erschienen im September 1920, also unmittelbar vor der Volksabstimmung, Vertreter dieses „Deutschen Schutzbundes“ mit zahlreichen Vertretern der reichsdeutschen Presse in Klagenfurt, wobei – so Steinacher – die reichsdeutschen Finanzhilfen bescheiden ausfielen.
Insgesamt muss zum Fragenkomplex dieses von Elste zitierten „völkischen Milieus“ und dessen Einfluss auf den Kärntner Abwehrkampf und die Kärntner Volksabstimmung wohl gesagt werden, dass es ohne die dementsprechende Gesinnung der politischen, aber auch der intellektuellen Träger der damaligen Kärntner Bewegung jene historischen Ereignisse, derer wir heute zum 100. Jahrestag gedenken, schlicht und einfach nicht gegeben hätte. Sowohl die politischen Verantwortungsträger als auch die militärischen und propagandistischen Akteure jener Tage dachten weitgehend deutschnational und gesamtdeutsch, wie auch der Dichter Josef Friedrich Perkonig oder der Historiker Martin Wutte. Diesbezüglich war Hans Steinacher schlicht und einfach ein Kind seiner Zeit.
Steinachers Verdienste im Kärntner Abwehrkampf und bei der Organisation der Kärntner Volksabstimmung stehen im Grunde außer Zweifel und werden auch von kritischen, zeitgenössischen Historikern kaum in Frage gestellt. Im Fokus ihrer Kritik steht vielmehr der weitere berufliche und politische Lebensweg des Kärntners. Vor dem Kriege war Steinacher als Grenzlandlehrer in Südtirol tätig gewesen, nach seinem Einsatz im Abwehrkampf und bei der Organisation der Volksabstimmung als treibende Kraft im historischen Kärntner Heimatdienst engagierte er sich in einer Reihe weiterer Plebiszite, die im Gefolge der Pariser Vorortfriedensverträge stattfanden. So im Jahre 1921 in Oberschlesien und im westungarischen Ödenburg, aber auch bei der Organisation des Plebiszits in Tirol für den Anschluss an das Deutsche Reich und schließlich im Jahre 1923 im so genannten „Ruhrkampf“ gegen die französischbelgische Besetzung.
Kurz war er auch Geschäftsführer des „Deutschen Schulverein Südmark“ in Wien, danach arbeitete er als Grenzlandreferent im Rang eines Ministerialrats des preußischen Innenministeriums. Im Jahre 1930 wurde er ins reichsdeutsche Außenministerium überstellt. Im Jahre 1931 schließlich wurde er das jüngste Vorstandsmitglied des „Volksbundes für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) und im April 1933, also wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, formell dessen stellvertretender Vorsitzender, schließlich „Reichsführer“ des VDA. Steinacher war also gewissermaßen hauptberuflich Volkstums- und Volksgruppen-Funktionär.
Spätestens nach Hitlers Machtübernahme im Reich sah offenbar auch Hans Steinacher im Nationalsozialismus die einzige Möglichkeit, den ab 1918 so heiß ersehnten Anschluss von Österreich an Deutschland zu realisieren. Überdies war er als Vorsitzender des VDA geradezu gezwungen, Kontakte mit dem neuen politischen Machthaber zu knüpfen. Eigenen Angaben zufolge – und Elste erwähnt dies ja auch – betrieb er also bereits im März 1933 über Kärntner Kontakte seine Aufnahme in die NSDAP. Die Konflikte allerdings, in die er sehr rasch mit Spitzen der Partei und auch der SS wegen seiner grundlegend anderen Überzeugungen von Volkstum und Volkstumspolitik geriet und innerparteiliche Streitigkeiten, dürften seine Parteimitgliedschaft verzögert, wenn nicht gar verhindert haben. Angeblich galt er aber mit Wirkung vom 1. Mai 1940 als NSDAP-Mitglied und habe selbst zur Frage, in welcher NS-Gliederung er aktiv gewesen sei, erklärt: „1934 gemeldet bei der SS in Kärnten“.
Tatsächlich geriet Steinacher in ernsthafte Gegensätze mit der NS-Volkstumspolitik, weil er insbesondere die Überlassung Südtirols an das faschistische Italien Mussolinis ablehnte. Es gehörte in den Jahren vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erhebliche Zivilcourage und großer persönlicher Mut dazu, gegen die Bevormundung des VDA durch die Partei und gegen Schikanen seitens der SS, die bis zum Ausreiseverbot, zu Verhaftungen und zur Drohung mit dem Konzentrationslager gingen, anzukämpfen, wie dies Steinacher damals tat. Steinachers volkstumspolitische Vorstellungen erwiesen sich als ganz realer Antagonismus zu den imperialistischen Lebensraumplänen Hitlers und der NSDAP. Und sein im Oktober 1937 erzwungener Rücktritt als Vorsitzender des VDA war nur die logische Folge dieses Gegensatzes.
Steinachers Eintritt in die Deutsche Wehrmacht, und zwar in das Gebirgsjägerregiment 137 als Oberleutnant, sicherte ihm nahezu so etwas wie politisches Exil. An der Eismeerfront sollte er es bis Kriegsende zum Oberstleutnant bringen.
Die SS hatte indessen mit ihrer „Volksdeutschen Mittelstelle“ den VDA übernommen und eine Radikalisierung der Umsiedlungs- und Eindeutschungspolitik erzwungen. Die im April 1942 eingeleitete Aussiedlung der Kärntner Slowenen war die Folge. Aus dem norwegischen Kirkenes, wo Steinacher als Festungskommandant Dienst tat, protestierte er dem Vernehmen nach persönlich beim Kärntner Gauleiter Friedrich Rainer auf das Schärfste gegen diese Vorgänge. Die Rücksiedlung von Familien betroffener Wehrmachtsangehörige soll dadurch herbeigeführt worden sein. Ob Steinacher, wie da und dort kolportiert wird, direkt in Berlin gegen die Aussiedlung der Kärntner Slowenen protestiert hat, ist offenbar schwer belegbar. Tatsache ist jedenfalls, dass er in einer Zeit, als das NS-Regime und mit ihm Hitler-Deutschland auf dem Höhepunkt seiner militärischen Erfolge stand, die Zivilcourage hatte, gegen die rassistische Eindeutschungs- und Vertreibungspolitik der SS zu protestieren.
Er mag also, wie es Alfred Elste dieser Tage schrieb, „ein Promotor der NS-Bewegung“ gewesen sein. Ein gesamtdeutsch denkender Deutschnationaler konservativer Prägung war er allemal. Und wenn Elste ihn als „fanatisierten, völkischen Ideologen“ bezeichnet, ist dies die aus heutiger Sicht ins Negative gewandte Definition eines „idealistischen Volkstumskämpfer“. Nicht mehr und nicht weniger: Ein Kind seiner Zeit! Einer Zeit, in der Nationalismus die herrschende Zivilreligion war! Steinacher war aber auch einer, dem offenbar nach Ansicht seiner Zeitgenossen – und zwar auch jener aus den anderen politischen Parteien, die in der Zweiten Republik federführend waren – ein Entnazifizierungsverfahren erspart blieb. Und auch die Kärntner Sozialdemokratie, die ihm unter Hans Sima eine Ehrenpension zubilligte, tat dies in Kenntnis des Lebensweges dieses ebenso verdienten wie schillernden Kärntners.
Wenn man heute Hans Steinacher der „Damnatio memorie“ ausliefern würde, müsste man allerdings auch seine unbestreitbaren Verdienste im Kärntner Abwehrkampf und bei Organisation der Kärntner Volksabstimmung grundsätzlich in Frage stellen. Und dies würde den Sinn der gegenwärtig im Land ablaufenden Hundertjahrfeier insgesamt in Frage stellen: Was würde, was könnte Kärnten dann feiern?
Zweifellos hat dieses vermaledeite 20. Jahrhundert, beziehungsweise seine erste Hälfte, den Kärntner Hans Steinacher mit in seinen Strudel gezogen. Und der Freicorpskämpfer der frühen 20er-Jahre, der Volkstumspolitiker der 30er-Jahre und der hohe Wehrmachtsoffizier der Kriegsjahre, kann seine Hände wohl kaum in Unschuld waschen. Seine Verdienste um Kärnten aus den Tagen vor 100 Jahren bleiben aber bestehen! Hans Steinacher ist eben ein Kärntner Held in Licht und Schatten.


Die Regierung als Wehrdienstverweigerer

30. Juli 2020

Es scheint unausgesprochene Regierungslinie – abgemacht zwischen Türkis und Grün – zu sein, unser Bundesheer auf ein technisches Hilfswerk, allenfalls auf eine Katastrophenschutz-Truppe und eine Hilfspolizei zu reduzieren. Die militärische Landesverteidigung, wie sie uns von der Verfassung und aufgrund der immerwährenden Neutralität vorgeschrieben ist, und damit eine klassische Armee, ist für unsere gegenwärtig Regierenden offenbar verzichtbar. Die einigermaßen skurril auftretende Verteidigungsministerin, Frau Tanner, scheint für diese Pläne nur das ziemlich untaugliche Sprachrohr darzustellen. Bereits in den Tagen von Corona haben wir gesehen, wohin das Ganze führen soll: Da werden Grundwehrdiener als Hilfspolizisten an den Grenzen eingesetzt und Milizsoldaten spielen „Packelschupfer“ in Postverteilungs-Zentren. Brauchbare moderne Panzer gibt es ohnedies längst nicht mehr, und unsere letzten Düsenflugzeuge sollen nach Indonesien (!) verhökert werden. Kasernen werden geschlossen und der ohnedies überaltete Fuhrpark rostet vor sich hin, weil das Geld für den Sprit nicht mehr vorhanden ist. Junge Männer, die noch im geradezu naiv anmutenden Glauben sind, eine patriotische Pflicht erfüllen zu müssen, indem sie ihren Wehrdienst ableisten, verlieren dadurch nur sechs Monate ihrer Lebenszeit – und das offenbar schon völlig sinnlos –, wenn es nach unserer Bundesregierung geht. Bezeichnend und sogar erfreulich ist da, dass sich gegen diese Pläne unkonventionelle politische Allianzen bilden. Da tun sich die beiden vormaligen Verteidigungsminister Doskozil und Kunasek, der eine ein in der Wolle gefärbter Roter, der andere ein Spitzen-Blauer, zusammen, um gemeinsam mit dem ehemaligen Generalstabschef Entacher, der als SPÖ-nahe gilt, gegen die Demontage des Bundesheeres zu demonstrieren. Und sie stehen damit natürlich absolut auf dem Boden der Verfassung und des Neutralitätsgesetzes, während die Bundesregierung offenbar glaubt, diese missachten zu können.
Entacher sprach es in diversen Zeitungsinterviews pointiert aus: „Bubis und Bobos sind gegen das Bundesheer.“ Mit Bubis meint er offenbar die Buberlpartie des türkisen Bundeskanzlers Kurz und dessen Beratertruppe. Diese scheint ja tatsächlich den traditionell bundesheerfeindlichen grünen „Bobos“ entgegenzukommen.
Letztere haben ja bereits als junge Linke, als sie noch „revolutionäre Marxisten“, „Maoisten“ oder „Trotzkisten“ waren, skandiert: „Bundesheer ist ungeheuer, erstens Scheiße, zweitens teuer.“ Und diese Haltung scheint sich nunmehr in der Bundesregierung durchgesetzt zu haben.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer ist es, dass der Bundespräsident als Oberbefehlshaber des Heeres bei der vorschnellen Bekanntgabe dieser Pläne durch die Verteidigungsministerin ablehnend reagierte.
Dies vielleicht zwar nur deshalb, da diese Pläne nicht mit ihm abgesprochen waren. Nachdem das Staatsoberhaupt ja auch aus diesen grünen Reihen kommt, könnte man annehmen, dass er mit der grünen Ablehnung der Wehrpflicht und der militärischen Landesverteidigung insgeheim sympathisiert. Andererseits hat gerade der vormalige Verteidigungsminister Starlinger, bekanntlich der militärische Adjutant des Bundespräsidenten, in seiner kurzen Amtszeit während der Beamten-Regierung am klarsten die Mängel des gegenwärtigen Bundesheers und dessen Unterfinanzierung aufgezeigt und auch deutlich signalisiert, was es für eine vernünftige Landesverteidigung bräuchte.
In früheren Zeiten wurde immer wieder die wehrhafte Neutralität der benachbarten Schweiz als Vorbild für Österreich zitiert. Und obwohl die Schweiz, so wie Österreich auch, von friedliebenden und befreundeten EU-Nachbarstaaten umgeben ist, leistet man sich bis zum heutigen Tag eine effiziente und gut ausgerüstete Armee und nimmt die allgemeine Wehrpflicht ernst. In Österreich hingegen hat man die Armee seit ihrer Aufstellung in den späten 50er-Jahren niemals wirklich ausreichend finanziert. Man hat sie vielmehr mit zahllosen Scheinreformen zu Tode umstrukturiert.
Und man hat damit jene jungen Österreicher, die ihre patriotische Pflicht, nämlich den Wehrdienst, geleistet haben, missbraucht. Und in einem – gegenwärtig zwar nicht sehr wahrscheinlichen – militärischen Ernstfall würde man sie auch kaltlächelnd verheizen, da sie kaum ausgebildet und nicht zeitgemäß bewaffnet wären.
Neu ist nun aber doch, dass sich eine Bundesregierung nunmehr ganz offiziell zum Wehrdienstverweigerer macht.


Osmanische Wunschträume

17. Juli 2020

Was Favoriten, die Hagia Sophia und Libyen miteinander verbindet

Wenn testosterongesteuerte junge Austrotürken nächtens durch den alten Wiener Arbeiterbezirk Favoriten ziehen, um sich mit der Polizei und linksradikalen pro-kurdischen Demonstranten Straßenschlachten zu liefern, ist dies in erster Linie ein Beweis für gescheiterte Integration. Es ist darüber hinaus aber auch der Beweis dafür, dass es einen neuen türkischen Nationalismus gibt, der über die Grenzen des türkischen Staatswesens weit hinausgeht.
Kenner des kleinasiatischen Staatswesens sprechen gar davon, dass sich unter dem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan so etwas wie „neo-osmanische“ Tendenzen in der türkischen Politik entwickelt hätten.
Zur Erinnerung: Das Osmanische Reich beherrschte von Istanbul aus in der Zeit seiner größten Ausdehnung Kleinasien, nahezu den gesamten Balkan, den gesamten Nahen Osten und Afrika nördlich der Sahara. Im Jahre 1453 hatten die Osmanen Konstantinopel, das alte Byzanz, die Hauptstadt des Oströmischen Reiches, erobert, und von Istanbul regierten sie dann bis zum Ende des Ersten Weltkriegs dieses islamische Weltreich. Als Bundesgenosse der Mittelmächte, des Deutschen Reichs und der Habsburger Monarchie büßte das Osmanische Reich die Niederlage mit seiner Zerschlagung. Im Pariser Vorortvertrag von Sèvres wurde es zerstückelt, Kemal Pascha, in der Folge „Atatürk“ genannt, führte einen erfolgreichen Befreiungskrieg und konnte im Jahre 1923 im Vertrag von Lausanne die Türkei in ihren bis heute existenten Staatsgrenzen sichern.
Die kemalistische Türkei verstand sich bewusst als laizistischer Staat mit Distanz zum Islam und versuchte sich zunehmend dem Westen, insbesondere Europa, zuzuwenden. Das Streben nach einem EU-Beitritt ist gewissermaßen bis zum heutigen Tag ein Erbe dieser kemalistischen Politik. Unter der islamisch- religiös orientierten Partei Erdogans, der AKP, aber änderte sich dies im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte grundlegend. Zwar schien es anfangs so, als wollte Erdogan die EU-Orientierung des Landes massiv vorantreiben und bis zum heutigen Tag tritt er auch für den Beitritt zur Europäischen Union ein.
Bald aber setzten massive Islamisierungstendenzen ein. Das westliche Erscheinungsbild der türkischen Oberschicht wich zunehmend dem Bild von Kopftuchträgerinnen, zahlreiche neue Moscheen wurden errichtet und Präsident Erdogan selbst bezog sich in seiner Politik zunehmen auf den sunnitischen Islam. Überdies entwickelt er in immer stärkerem Maße den Anspruch der Türkei, eine regionale Großmacht, gewissermaßen im Erbe des alten Osmanischen Reichs, sein zu wollen. Während Ankara zuvor ein überaus loyaler und wichtiger NATO-Partner und somit eine Stütze für das westliche Militärbündnis war, dominiert nun immer häufiger eine Politik, die sich auf den islamischen Bereich, insbesondere auch auf den arabischen Raum, konzentriert. Das Engagement der Türken im syrischen Bürgerkrieg ist der schlagende Beweis dafür. Während türkische Gastarbeiter in Deutschland, Österreich und auch in anderen Teil Europas seit den Sechziger-Jahren als überaus brauchbare und bescheidene Arbeitskräfte geschätzt waren, hat sich in den letzten Jahren auch dort eine Art von zunehmend islamisch orientierten Parallelgesellschaften entwickelt, welche die Tendenzen von Erdogans Türkei selbst nachvollziehen. Von Integration ist da kaum mehr die Rede, vielmehr davon, auch in Europa „stolze Türken“ bleiben zu wollen. Erdogan selbst schürt dies mit seinen Auftritten – etwa im deutschen Köln.
Und die auch hierzulande ohne Probleme zu empfangenden türkischen Medien verstärken diese Entwicklungen. Natürlich hat Erdogan nicht vor, so wie seinerzeit der Sultan den „goldenen Apfel“, also Wien, zur erobern, die türkische Diaspora aber in Mitteleuropa scheint für Erdogan ein Faktor massiver politischer Einflussnahme innerhalb der EU zu sein. Wenn die Türkei in jüngster Zeit nunmehr im libyschen Bürgerkrieg militärisch interveniert, ist dies ohne Zweifel auch Ausfluss dieser neoosmanischen Politik Erdogans.
Und da geht es keineswegs nur um wirtschaftliche Interessen oder um das libysche Erdöl.
Die Türkei will vielmehr in Libyen auch einen Luft- und einen Marinestützpunkt errichten. Dass die Türkei hier mit militärischen Interessen Russlands kollidiert, scheint für Erdogans Politik kein Problem zu sein, auch in Syrien hat er sich ja massiv gegen die russische Linie, welche bekanntlich das Assad-Regime unterstützt, gestellt. Und nun will Präsident Erdogan auch das wichtigste Symbol der kemalistischen Politik kippen, beziehungsweise für sich vereinnahmen: Die Hagia Sophia, dieses 1.500 Jahre alte sakrale Gebäude.
Errichtet unter dem oströmischen Kaiser Justinian und nahezu 1.000 Jahre bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 die größte Kirche der Christenheit, war sie in der Folge nahezu 500 Jahre die Hauptmoschee des Osmanischen Reiches. Und dann wurde sie im Jahre 1934 von Kemal Atatürk in ein Museum umgewandelt. Nunmehr will Erdogan wieder eine Moschee daraus machen. Sowohl der Turk-Chauvinismus, der sich in Wien-Favoriten gegen eine pro-kurdische Demonstration richtete, als auch das militärische Engagement in Syrien und Libyen und natürlich auch das Streben nach Wiedereroberung der Hagia Sophia für den Islam sind Belege für diese neo-osmanischen Tendenzen der Politik von Präsident Erdogan. Und als offenbar überzeugter, wenn nicht sogar fanatischer Vertreter islamischer Politik befördert er mehr oder weniger offen natürlich auch alle Tendenzen zur Verbreitung des Islams innerhalb Europas. Wenn die saudi-arabischen Wahhabiten am Balkan, insbesondere in Bosnien und in Kosovo, tausende neue Moscheen errichten ließen und für den finanziellen Rückhalt sorgten, ist es die neo-osmanische Politik Erdogans, die hier an der Südostflanke der europäischen Union auf Territorien, die ja über Jahrhunderte türkisch waren, Einfluss gewinnt.
Und wenn die Deutsch-Türken oder Austro-Türken zunehmen Dominanz auf der Straße gewinnen, stärken sie somit den Einfluss der Türkei innerhalb der EU. Dies mag auch der Grund sein, warum Erdogan offiziell das Ansinnen, der Europäischen Union beitreten zu wollen, noch nicht ad acta gelegt hat. Einerseits sind es die vielen Milliarden Euro an „Heranführungshilfe“, andererseits die Möglichkeit, auch innerhalb der Europäischen Union ein dominanter Faktor zu werden. Aber unabhängig davon trachtet Ankara offensichtlich danach, in der islamischen Welt, insbesondere auch in Richtung der arabischen Staaten, zur führenden Regionalmacht zu werden. Und das ohne Rücksicht darauf, dass es dort mit geopolitischen Interessen Russlands, aber auch den starken arabischen Mächten Saudi-Arabien und Ägypten auf Kollisionskurs liegen muss.
Und eine weitere Dimension dieser großtürkischen Politik besteht darin, dass sich Ankara natürlich als Führungsmacht für alle anderen Turkstaaten versteht, sind dies Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Turkmenistan. Konkrete Versuche der Türkei, eine Allianz diese Turkstaaten zu bilden, scheiterten bisher ebenfalls an den kollidierenden Interessen Russlands, das diese Staaten – samt und sonders ehemalige Sowjetrepubliken – auch als ihr Einflussgebiet betrachtet. Die Türkei hat also in ihren neo-osmanischen Bestrebungen drei Optionen: Die europäische Option, gestützt von der türkischen Diaspora in Mitteleuropa und ihrem Streben nach einem EU-Beitritt. Dann die islamische Option, die sich in erster Linie auf die arabische Welt, aber auch auf Nordafrika richtet. Und die Option einer Zusammenarbeit mit eben diesen Turkstaaten. Aufgrund dieser historischen und geopolitischen Fakten haben die türkisch-kurdischen Unruhen von Wien Favoriten mehr als nur eine lokale Dimension, sind sie mehr als nur Anzeichen für die misslungene Integration der Zuwanderungstürken. Sie sind ein Teil der neo-osmanischen Strategie der Erdogan-Türkei.


Österreich wächst – durch Migration

17. Juli 2020

Wir gehen auf die neun Millionen zu. Das Land hat seit dem vorigen Jahr um nahezu 50.000 Bewohner mehr. Warum? Ist auf einmal der Babyboom ausgebrochen? Nein, dieser Bevölkerungszuwachs ist größtenteils auf Zuwanderung, auf Migration zurückzuführen. Nun heißt es zwar, dass die Bundesdeutschen mit nahezu 200.000 Menschen den größten Ausländeranteil im Lande stellen würden, wir alle wissen aber, dass diese vom sozialen und kulturellen her kein Problem sind. Die gleiche Sprache und die gleiche Kultur bedingen eben absolut problemlose Integration. Die „Piefkes“, wie der österreichische Volksmund sagt, sind allenfalls ein bisschen besserwisserisch, „obergscheit“, aber ansonsten zweifellos ein positiver Faktor in unserer Gesellschaft und insbesondre im Wirtschaftsleben. Anders sieht es da mit anderen Zuwanderergruppen aus, die nicht nur unser Sozialsystem durch hohe Integrationskosten und überproportionale Arbeitslosigkeit belasten, sondern auch Konfl ikte aus ihren Heimatregionen nach Österreich importieren.
Die jüngsten Beispiele sind wohl der Tschetschenen-Mord und die türkisch-kurdischen Zusammenstöße in Wien-Favoriten.
Ganz abgesehen davon, ob es sich wirklich um einen politischen Auftragsmord handelte oder „nur“ um einen Mord im Zuge einer Blutrache oder eines ähnlichen Konfl ikts, ist natürlich völlig klar, dass der Mord an dem tschetschenischen Regimekritiker durch zwei Landsleute eine eindeutige Folge der Zuwanderung der letzten Jahre und Jahrzehnte darstellt. Wenn es beispielsweise in Kärnten mutmaßlich mehr Tschetschenen gibt als Angehörige der seit 1.500 Jahren im Land lebenden autochthonen slowenischen Volksgruppe, sagt dies einiges.
Und warum die Kriminalstatistik tschetschenischen Jugendlichen zum Teil erhöhte Gewaltbereitschaft attestiert, mag an der bürgerkriegsbedingten Traumatisierung aus dem Herkunftsland oder auch am Fehlen wirklicher Perspektiven im Gastland Österreich liegen. Diese erhöhte Gewaltbereitschaft bleibt jedenfalls eine Tatsache und sie gipfelte jüngst eben wieder in einem politischen oder auch privat motiviertenMord.
Auch der Konfl ikt zwischen türkischen Nationalisten und Kurden hat vielfältige historische, kulturelle und soziale Wurzeln. Und dass die Kurden diskriminiert sind, steht außer Zweifel.
Dies berechtigt allerdings in keiner Weise dazu, diesen Konflikt auf österreichischem Boden, konkret im alten Wiener Arbeiterviertel Favoriten, auszutragen. Der nächste Schritt wäre dann wohl, dass die syrischen Bürgerkriegsparteien ihre militärischen Fäden auf österreichischem Boden weiterführen oder dass kosovarische Familienclans Blutrache-Konfl ikte hierzulande austragen und schwarzafrikanische Stammesfehden ihre Fortsetzung in heimischen Asylantenheimen finden.
Diese bitteren Früchte der globalisierten Wanderungsbewegungen, deren Ziel allzu häufig Europa und somit auch Österreich ist, stellen zweifelsohne ein wachsendes Konfl iktpotenzial dar. Natürlich resultieren sie nur aus extremistischen Randbereichen der neo-österreichischen Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund und ein Pauschalurteil gegen alle Migranten samt und sonders verbietet sich. Dennoch sind diese Ereignisse ein Grund, weshalb wir uns über den aktuellen Bevölkerungszuwachs durch Zuwanderung in nur sehr beschränktem Maße freuen können.
Neben der stärksten Gruppe ausländischer Staatsbürger, den Bundesdeutschen nämlich mit nahezu 200.000 Menschen, sind die Rumänen mit 123.000 in Österreich lebenden Menschen die zweitstärkste Gruppe. Nach ihnen kommen 122.000 Serben und etwa 117.00 Türken. Mitgezählt sind da natürlich nicht jene Personen rumänischer, serbischer oder türkischer Herkunft, die bereits die österreichische Staatbürgerschaft haben.
Der sogenannte Migrationshintergrund wird nämlich von der Statistik Austria nicht wirklich ausgewiesen. Die Geburtenbilanz war in Österreich im Jahre 2019 zwar positiv, das heißt, es gab um nahezu 2.000 Geburten mehr als Sterbefälle, insgesamt ist aber die Zahl der Geburten mit rund 84.000 weiter zurückgegangen. Aber auch bei den Geburten dürfte die Anzahl der Neugeborenen aus Familien mit Migrationshintergrund überproportional hoch sein. Wenn gegenwärtig 52 Prozent der Kinder in Wiener Volksschulen eine nichtdeutsche Muttersprache haben, so dürfte sich diese Entwicklung durch die aktuelle Geburtensituation noch verstärken.
Es ist eine Tatsache, dass die Geburtenrate bei Frauen mit Migrationshintergrund gut um die Hälfte höher ist als jene von autochthonen Österreicherinnen. Österreich wächst also weiter – durch Zuwanderer und Menschen mit Migrationshintergrund. Die Anzahl der autochthonen Österreichern geht hingegen zurück.