Der Narrentanz der Konformisten

Über die Versuchungen des Zeitgeists und des Opportunismus

Die meisten Menschen sind gerne „bei den Mehreren“, also bei der Mehrheit, bei denen, die das Sagen haben, die Unterstützung der Medien haben und dem jeweiligen Zeitgeist entsprechen. Die Ausnahme sind nur jene Menschen, die gewissermaßen mit so etwas wie einem Querulanten-Gen gesegnet sind, Nonkonformisten also, Widerspruchsgeister, Nonkonformisten eben. Wenn man das Phänomen im historischen Querschnitt untersucht, dann ist dabei nicht so sehr die Psychologie des Menschen interessant, dieser reagiert im Wesentlichen immer ähnlich, es geht vielmehr darum, welcher Art von Zeitgeist sich der Mensch da opportunistisch und konformistisch unterordnet. Die Verhaltensweisen des Individuums und der Gruppe, von der Familie bis hin zum Volk, zur Nation, folgen jeglichem Muster. Einerseits ist da die Individualpsychologie, andererseits die Psychologie der Massen, die dieses Verhalten bestimmt. Ändern tun sich dabei nur die Uniformen, die Zeitumstände, der gesellschaftliche Hintergrund, der Mensch selbst nur im geringen Maße.
Wenn man heute Aufmärsche aus der Kaiserzeit sieht, die Uniformierung und Disziplin der Menschen, erscheint uns das lächerlich. Wenn wir Heinrich Manns Roman „Der Untergang“ lesen und die „devote Seele“ des Diederich Heßling betrachten, glauben wir in einer gewissen Arroganz, dass solcher Untertanengeist der Vergangenheit angehört und wir so aufgeklärt, tolerant und weltoffen, wie wir uns wähnen, in keiner Weise gefährdet wären, uns ähnlich zu verhalten.
Großer Irrtum. Der Untertanengeist der alten feudalen Gesellschaft, danach die radikale Uniformierung der Menschen in den Ideologien der Zwischenkriegszeit, in Bolschewismus und Faschismus, all das entsprach dem damaligen Zeitgeist und der Verdacht liegt nahe, dass jene Charaktere, die den damaligen Zeitgeist kritiklos frönten, mit dem seinerzeitigen Zeitgeist in der Monarchie oder in der Zwischenkriegszeit auch die totalitären Systemen ähnlich gehuldigt hätten.
Man muss sich nicht Qualtingers „Herr Karl“ zu Gemüte führen, um zu erkennen, in welch hohem Maßen der Opportunismus an den jeweiligen Zeitgeist und den Konformismus die Mehrheit der Menschen in jenen Zeiten motiviert hat, die von uns als düster, dunkel und totalitär qualifiziert werden. Der Faschist in uns als autoritärer Typus mit narzisstischem Charakter mag ein zeitloses menschliches Phänomen sein, Tatsache ist aber, dass der Zeitgeist der 20er und 30er Jahre des vormaligen Jahrhunderts, als Faschismus und Nationalsozialismus in aller Munde war, von jenen Charakteren, die zum Konformismus neigen, mindestens in ebenso hohen Maße mit Begeisterung getragen wurde, wie dies auch für den heutigen Zeitgeist typisch ist.
Eine Zivilreligion wie etwa der Klimaschutz und allgemein die political correctnes funktioniert heute nach ähnlichen Mustern wie der Faschismus als Zivilreligion der 20er Jahre oder der feudale Untertanengeist und vaterländische Patriotismus als Zivilreligion des 19. Jahrhunderts. Da gibt es Dogmen, Kultstätten, Säulenheilige und jede Menge Gläubige, und es gibt natürlich für jede dieser Zivilreligionen, wie heute dem Klimaschutz, so damals für Gott, Kaiser und Vaterland Rituale, Festtage und Veranstaltungen, bei denen das Individuum und die Masse in das jeweilige Gedankengebäude integriert werden. „Black Lives Matter“-Demonstration in irgendeiner US-amerikanischen Großstadt sind gewiss von ähnlich rationalem Denken getragen wie eine Militärparade vor dem Ersten Weltkrieg. Und ein Grünen-Parteitag, in welchem deutschen Bundesland auch immer, ist gewiss von kaum größerem Geist der Toleranz durchflutet als ein NVA-Aufmarsch am 1. Mai im damaligen Ostberlin – könnte man zynisch annehmen.
Tatsache ist, dass die jeweilige Zivilreligion und der jeweilige Zeitgeist, sei nun die political correctnes unserer Tage, der vaterländische Patriotismus der Monarchie oder der Rassismus der NS-Zeit, von der Mehrheit nicht hinterfragt wird und kritiklos als gegeben, als alleinseligmachende Wahrheit akzeptiert wird. Und der Mensch als soziales Wesen, im gewissen Sinne als Herdentier, neigt dazu, sich die entsprechenden Denkweisen in zu hohen Maße zu eigen zu machen, dass Kritik an dieser jeweiligen Zivilreligion und Kritiker derselben als abwegig, wenn nicht gar als verbrecherisch oder geisteskrank empfunden werden. Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, dass beispielsweise Dissidenten des Sowjetkommunismus nicht im Gulag endeten, sondern auf der Psychiatrie festgehalten wurden. Und auch heute sieht man, dass die Neigung, nach diesem Verhaltensmuster dissidente und nonkonformistische Kräfte zu behandeln, ungebrochen existiert. Die Kritiker der Corona-Maßnahmen etwa in unseren Tagen werden leicht und allzu oft als Aluhut-Träger, Narren und Esoteriker abgetan.
Die Adepten und Jünger des jeweiligen Zeitgeistes hingegen, und in unseren Tagen ist es zweifellos der politisch korrekte Klimaschutz, geht völlig unreflektiert davon aus, dass sie die alleinseligmachende Wahrheit ihr eigen nennen können und dass das, was sie vertreten, in keiner Weise zur Disposition oder zur Diskussion stehen dürfe. Verräterisch ist in diesem Zusammenhang auch die Terminologie. Heute sind es „Klima-Leugner“ und „Corona-Leugner“, die von den Jüngern des herrschenden Zeitgeistes an den Pranger gestellt werden. Die Kriterien der herkömmlichen Logik von These, Antithese und Synthese und die allgemein anerkannten Gesetze der Wissenschaft, wonach jedes Aktion hinterfragt, überprüft und auch kritisiert werden darf, dürfen natürlich im Zusammenhang mit dieser herrschenden Zivilreligion in keiner Weise abgewendet werden. Allein der Versuch dies zu tun, wird bereits als Ketzerei gegen den Zeitgeist empfunden und entsprechend pönalisiert.
Besonders grotesk ist dies deshalb, da wir ja heute nicht im finsteren Mittelalter sind – so glauben wir zumindest. Wenn man aufgeklärt, tolerant, umfassend informiert und wissenschaftsbasiert ist wie wir es heute von uns annehmen, ist es umso grotesker, wenn Dogmen nicht mehr hinterfragt werden dürfen und Glaubenssätze keiner Diskussion unterworfen werden sollen.
Dass im 15., 16., 17. Jahrhundert um theologische Fragen blutige Kriege tobten, ist für uns insofern nicht verständlich, als wir ja davon ausgehen, dass dies dem Zeitgeist vor der Aufklärung entsprach. Dass heute Intoleranz und dogmatisches Verhalten triumphieren, ist hingegen wesentlich schwerer verständlich und erscheint im weitführenden Maße paradox.
Gerade in den letzten Jahrzehnten ist feststellbar, dass diese dogmatische Erstarrung und Verfestigung in den zeitgeistigen Gesellschaftsschichten um sich greift und immer stärker wird. Grüne Zeitgeistjünger und Kulturbolschewisten aller Facetten sind in unseren Breiten längst nicht mehr in der Lage und willens, mit Andersdenkenden zu diskutieren oder sich überhaupt mit ihnen auseinanderzusetzen. Der Faschist, der Rassist, der Antisemit, der xenophobe Nazi und zu guter Letzt eben auch der Corona-Leugner und Klima-Leugner wird nicht mehr als Mensch, geschweige denn als gleichberechtigter Mitbürger empfunden, er gehört viel mehr einer Spezies an, die umerzogen, oder eingesperrt gehört. Demokratischer Pluralismus, eine Vielfalt der Argumente und des Denkens der ideologischen Einstellungen sind längst nicht mehr erwünscht und schon gar nicht mehr denkbar.
Der Narrentanz der Zeitgeist-Konformisten hat die Gesellschaft erfasst – nicht nur im deutschsprachigen Mitteleuropa, wohl auch insgesamt in der westlichen Welt.

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