„Es ist ein gutes Land …“

Über die österreichische Staatlichkeit und 75 Jahre Zweite Republik

Ein Dreiviertel Jahrhundert existiert unsere Zweite Republik nun schon und sie feiert diesen großen Geburtstag in Zeiten der Krise. Diesmal ist es keine militärische Krise, kein Krieg, keine Besetzung, es ist auch keine politische Krise, nein, es ist eine durch eine Seuche verursachte Krise mit ihren Folgeerscheinungen im gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich. Und Krisen sind es, die gewissermaßen als Stationen die Geschichte österreichischen Staatlichkeit begleiten: Wiedergeboren aus dem Zusammenbruch des Dritten Reichs und der Niederlage der NS-Despoten,  konnte das Land durch Jahrzehnte bis zum heutigen Tag eine an sicht beispiellose Erfolgsgeschichte hinlegen. Frieden, Freiheit und Wohlstand konnte sich die Bevölkerung erarbeiten. Nach den Kriegszerstörungen, nach der Besatzungszeit, ging es im Grunde kontinuierlich bergauf. Eine entwikkelte Demokratie, eine funktionierende und sehr exportorientierte Marktwirtschaft und ein auf Ausgleich und Kompromiss orientiertes Parteiengefüge in einer relativ harmonischen Gesellschaft prägten das Land. Und die Zustimmung der Bevölkerung zu dieser, ihrer Republik, stolz auf das eigene Land, erreichte bis zum heutigen Tag schwindelnde Höhen.

 

27. April 1945

Am 27. April 1945 wird ein Schriftstück unterzeichnet, das es in sich hat: die Urkunde, die als „Unabhängigkeitserklärung“ bekannt ist. Unterzeichnet wurde das Dokument von Karl Renner, Adolf Schärf ( beide SPÖ), Leopold Kunschak (ÖVP) und Johann Koplenik (KPÖ). Der Kommunist Koplenig ist ein Stalin-Verehrer, erst wenige Tage davor aus Moskau nach Wien gekommen ist, mit dem Kreml-Auftrag, in Österreich eine bolschewistische Diktatur aufzurichten.

 

Das war nicht immer so: Die Erste Republik, ebenfalls geboren in einer krisenhaften Situation im Zusammenbruch der Donaumonarchie, konnte die positive Identifikation der Menschen mit dem Staat niemals zustande bringen. Insofern war sie Erbe der Donaumonarchie, die sich selbst in ihren letzten Jahrzehnten als der „kranke Mann an der Donau“ verstand, wobei das Bewusstsein ihrer Völker, dass der gemeinsame Staat in Zeiten des Nationalismus dem Untergang geweiht sei, beständig wuchs. Zwar meinen manche Historiker, dass die Habsburger Monarchie ohne den militärischen Zusammenbruch Ende des Ersten Weltkriegs weiter existiert hätte, die innere Legitimation, der innere Zusammenhalt dieses Vielvölkerstaats aber war längst zerbrochen. Dennoch hat der österreichische Kaiserstaat ein gutes Jahrhundert vom Wiener Kongress bis zum Ende des Ersten Weltkriegs existiert. Trotz vieler Krisen, trotz verlorener Kriege und trotz der bürgerlichen Revolution von 1848.

Und dieser österreichische Kaiserstaat war der Erbe des alten Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, das immerhin fast neun Jahrhunderte existierte. Und über viele Jahrhunderte waren die deutschen Erblande der Habsburger gewissermaßen die Kernregion dieses Heiligen Reiches, die Machtbastion der Kaiserdynastie. Wie weit die Menschen während dieser Jahrhunderte in diesen habsburgischen Erblanden glücklich waren und sich mit ihrer Rolle als Kernland und Drehscheibe des heiligen Reiches wohl fühlten, ist eine ganz andere Frage. Zumeist waren es wohl Opfer, die sie zu erbringen hatten: militärische, wirtschaftliche und psychologische. Diese Tatsache erwies sich noch am Ende der Monarchie, am Ende des Ersten Weltkriegs, als die deutschen Erblande – beispielsweise das Herzogtum Kärnten – den höchsten Blutzoll an den Fronten zu entrichten hatten. Für die Endphase der Habsburger Monarchie prägte Karl Kraus den Spruch, wonach Österreich „eine Versuchsstation für Weltuntergänge“ sei. Das mag in vielerlei Hinsicht in mancher Phase unserer Geschichte mit allen Höhen und Tiefen durchaus zutreffend gewesen sein. Andererseits hatte Grillparzer davon gesprochen, Österreich sei „die kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“, und er meinte es durchaus nicht negativ. Übertragen auf die europäische Integration dieser Tage könnte man meinen, dass das alte Österreich, die Habsburger Monarchie mit ihren zahlreichen Völkern, den damit verbundenen Schwierigkeiten und dem somit auch immer wieder zu erringenden Ausgleich zwischen den Interessen eine historische Probebühne für die europäische Integration unserer Tage sein könnte.

Wie wir heute im Nachhinein wissen, hat die Monarchie dabei aber auch in vielerlei Hinsicht versagt, und genau das muss man heute im Hinblick auf die Europäische Union ebenso beobachten. Gerade in der Krise, beispielsweise in der Seuchenkrise unserer Tage, scheint sie völlig hilflos zu sein und tatsächlich zu versagen. Eine andere Frage bei der Betrachtung österreichischer Staatlichkeit im Zuge ihrer tausendjährlichen Geschichte ist die Frage der Staatsräson: Während das alte Heilige Römische Reich Deutscher Nation eben ein sakral legitimiertes Staatsgebilde war und der Herrscher, der deutsche König, als römischer Kaiser von Gottes Gnaden regierte, war es mit der Republikgründung der Demos, das Volk, das den Souverän darstellte. Und dieser Demos empfand sich im Jahre 1918 bei der Republikgründung eben als Teil der deutschen Nation. Und die Republik Deutsch-Österreich konstituierte sich auch bewusst als Teil der großen Deutschen Republik. Dazu teilten alle politischen Kräfte, mit Ausnahme der relativ unerheblichen Kommunisten, diese Identifikation. Bis in das Dollfuß-Schuschnig-Regime hinein war man der Meinung, dass Österreich der „bessere deutsche Staat“ sei. Dies änderte sich nach 1945 grundlegend. Wohl war es Überlebenswille und so etwas wie politischhistorischer Opportunismus, der die politische Kaste der wiedergegründeten Republik dazu bewog, sich von dieser deutschen Identität der Menschen, aber auch des Staatswesens loszusagen. Die wiedergegründete Zweite Republik durfte alles sein, nur nicht deutsch. Und nach dem Staatsvertrag wurde sie auch neutral, womit sie sich in dem über Jahrzehnte dauernden Kalten Krieg eine klare Parteinahme zu ersparen hoffte. Und das glücklicherweise durchaus mit Erfolg.

In den letzten Jahren war diese unsere Zweite Republik nunmehr europäisch. Ein kurz angedachter mitteleuropäischer Sonderweg, etwa an der Seite der Visegrad-Staaten, kam nie zustande, stattdessen pflegte man das Image des Brüsseler Vorzugsschülers. Und dass sich dieser nunmehr in der Coronakrise so rasch von dieser europäische Rolle abnabelte, war doch erstaunlich. Plötzlich sind die staatlichen Autoritäten, sind die Bürger des Landes wieder auf ihre kleine Republik zurückgeworfen. Plötzlich ist es wieder Österreich und zwar nur Österreich, das sich der Krise, also dem Kampf gegen die Seuche stellen musste. Und das bis zum heutigen Tag mit erstaunlichem Erfolg, wesentlich erfolgreicher als viele andere europäische Länder. Und im Zuge dieser Entwicklung dürfte die Identifikation der Menschen mit ihrer Republik, aber auch mit dem politischen System trotz aller fragwürdigen Regierungspolitik wieder gewaltig angewachsen sein. Ironisch könnte man sagen, von Leopold, dem Heiligen, der auf den Mauern von Akkon kämpfte, bis zu Sebastian, dem Scheinheiligen, dergegen Corona kämpft, scharen sich die Menschen um die Führerfigur und um die Fahne. Ein gerütteltes Maß an Opportunismus, aber ein starker und unerschütterlicher Patriotismus ist es wohl, der die Überlebensfähigkeit dieser Staatlichkeit garantiert.

2 Responses to „Es ist ein gutes Land …“

  1. Waltraut Kupf sagt:

    Der scheinheilige Sebastian hat eine gewisse Genialität darin, die Leute im Unklaren zu lassen, ob er nun die EU pflanzt oder die österreichische Bevölkerung, und er laviert je nach Opportunität. Da die glühenden Europäer schon etwas verhaltener glühen, wird er die österreichische Bevölkerung mittelofristig nicht in dem Maße ignorieren können, wie das etwa Merkel und Macron tun (die sich zum Schein jetzt etwas konzilianter geben). Ich befinde mich in der obergescheit anmutenden Position, daß ich gegen den EU Beitritt gestimmt habe und mich in immer höherem Maße darin bestärkt sehe. Man sollte dem Beispiel Großbritanniens folgen und gleich auch Italien und die Visegrad-Staaten dazu veranlassen. Leichter gesagt als getan, aber wo ein Wille ist (der vorderhand leider noch sehr zaghaft und lau ist), müßte auch ein Weg sein. Derzeit trompeten die Internationalisten, man könne nur „gemeinsam“ anstehende Probleme lösen, die allerdings erst durch ein Zuviel an Gemeinsamkeit entstanden sind.

  2. […] Neu Denken: 75 Jahre Zweite Republik Seite 38–39 […]

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