Ganz Österreich ist ein Hütteldorf

Kulturlandschaft – zersiedelt, zubetoniert, zerstört

Vielleicht sind es romantische Wunschträume und irreale Bilder, die man sich von der Schönheit der historisch gewachsenen Kulturlandschaft, wie sie einmal war, macht. Gewiss, die Städte waren von Mauern und Gräben, Wehrtürmen und häufig prunkvoll gestalteten Toren eingefasst, gotische oder barocke Bürgerhäuser gruppierten sich um einen Stadtplatz, der mit Kirche oder gar Kathedrale und Rathaus prunkte.
Die Dörfer waren Kleinode, die Bauernhöfe im alpinen, bajuwarischen oder fränkisch geprägten Stil. Und Burgen und Schlösser lagen wie Perlen verstreut im Lande. Soweit das idealisierte Bild der Vergangenheit. In Wahrheit allerdings stank es fürchterlich in den Städten, es gab keine Kanalisation, Fäkalienfässer standen vor den Häusern, Senkgruben und Plumpsklos dominierten diese unsere Kulturlandschaft bis weit über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Die Straßen und Gassen in den Dörfern waren morastige Löcher. Wenn es regnete, und es regnete immer, versank man im Schlamm. Aber wie auch immer, es war jedenfalls eine Kulturlandschaft. Eine Baukultur mit dem unverwechselbaren Stil der Alpen- und Donauländer, geprägt vom jeweils baulich-kulturellen Zeitgeist, von der Gotik, von der Romantik, dann vom Barock, Rokoko und so weiter.
Und heute, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die kaum von Kampfhandlungen, vielmehr vom Bombenterror der angloamerikanischen Luftangriffe hervorgerufen wurden und den noch viel schlimmeren Zerstörungen des Wiederaufbaus, des Wirtschaftswachstums und der Zeitgeist-Architektur heute sieht unser Land zwischen Bodensee und Neusiedler See zwar relativ wohlhabend und wohl auch sauberer als in früheren Zeiten aus, es ist aber zersiedelt und zubetoniert und die historisch gewachsene Kulturlandschaft ist weitgehend zerstört.
Angeblich sind es bis zu zwanzig Hektar, also die Fläche von dreißig Fußballfeldern, die täglich in Österreich zubetoniert und damit baulich versiegelt werden. Fläche, auf der man nie mehr etwas anbauen wird können, Fläche, die für die Nahrungsmittel- Produktion des Landes verloren gegangen ist.
Das Phänomen dabei ist, dass immer neue Gewerbe- und Industriehallen errichtet werden, während viele alte leer stehen und vor sich hin verrotten. Ebenso werden ständig neue Wohnblöcke und Satellitenstädte errichtet, während in den historischen Innenstädten Wohnraum ungenutzt leer steht und ebenso verkommt. Nun ist zwar die Wohnbevölkerung in Österreich wegen des Massenzustroms von Migranten zwischen zehn und zwanzig Prozent gewachsen und der höhere Bedarf an Wohnraum dürfte weitgehend darauf zurückzuführen sein, dennoch ist die Ausweitung von Wohnsiedlungen eine ungleich größere und man fragt sich, wer dies eigentlich benötigt.
Die Schaffung von zusätzlichem Wohnraum ist also nur durch die Zuwanderung begründbar. Dennoch werden die Speckgürtel rund um die großen Ballungszentren weiter zubetoniert und in Zeiten instabiler Börsen gilt „Betongold“, also die Investition in Wohnraum, nach wie vor als lukratives Geschäft. Was hier an Bauten entsteht, der Stil, in dem gebaut wird, ist allerdings seit Jahren von einem platten architektonischen Utilitarismus geprägt. Zunehmend prägen Betonkisten mit Stahl-Glas-Fassaden das Bild von Vorstädten und Zwischenräumen zwischen den Ballungsräumen. Parallel zur Verödung des ländlichen Raumes entstehen in den Ballungsräumen Satellitenstädte ohne Struktur und ohne Plan, wird die Landschaft zersiedelt, ohne dass dabei auch jene Faktoren entstehen, die menschliche Gemeinschaft eben nötig hat, nämlich Dorfplätze, Gasthäuser, Kirchen, Zentren und menschliche Treffpunkte. Das Bild der österreichischen Kulturlandschaft, das solcherart entstanden ist, ist von Widersprüchlichkeit, Konzept- und Geschmacklosigkeit geprägt. Da haben wir einerseits die historisch gewachsenen städtischen und dörflichen Strukturen, die allerdings häufig nach den Kriegszerstörungen durch einen allzu billigen und allzu pseudomodernen Wiederaufbau ergänzt wurden. Und dazu gibt es Wohnsiedlungen mit einem kunterbunten Chaos von Baustilen: Da gibt es Architektenvillen aus der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Sie sind aber – leider – die Ausnahme.
Dann gibt es Häuser im Lederhosenstil mit alpin bemühten Walmdächer. Dazwischen Bungalows im Stil der 70er- und 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und nunmehr zunehmend Bauten mit Flachdächern und sich selbst als „Niedrig-Energie-Häuser“ stilisierende Zündholzschachteln. Und all dies ohne eine erkennbar sinnvolle Flächenwidmung, ohne dass dörfliche Strukturen entwikkelt werden und ohne städtebauliche Gesamtkonzeption.
Ganz Österreich ist also Hütteldorf. Nun prägen Bauten das Land, die zwischen San Francisco und Wladiwostok weltweit ähnlich ausschauen. Die agierenden Architekten sind Konformisten, wie man sie kaum in einem anderen Bereich findet. Ursächlich waren einmal die gewaltigen Kriegszerstörungen: Wer sich Städte wie Wiener Neustadt, Villach oder Knittelfeld ansieht, die am stärksten vom Bombenterror betroffen waren und die stärksten Zerstörungen aufzuweisen hatten, der weiß, dass die Verletzungen bis heute nicht wirklich vernarbt sind. Die Erfordernisse eines auf das Existenzminimum reduzierten Wiederaufbaus vom Wohnraum haben in den unmittelbaren Nachkriegsjahren keine sehr schöne neue Bausubstanz geschaffen.
Das danach kommende Wirtschaftswunder in den 50er- und 60er-Jahren hat für Kaufhausketten und Banken Platz gemacht, die zwar dann häufig mit teureren Materialien, deswegen aber keineswegs geschmackvoller gebaut haben. Der österreichische Denkmalschutz, der einen historisch authentischen Wiederaufbau auch weitgehend verhindert hat, tat ein Übriges. Erneuerte historische Stadtkerne, wie sie etwa in Polen in Städten wie Breslau in einer zweiten Wiederaufbauphase völlig historisch getreu renoviert wurden, gab und gibt es in Österreich nicht. Wer wie der Kärntner Uhrenproduzent Riedl etwa eine historische Burg sanieren und restaurieren will – im konkreten Fall etwa die Ruine Taggenbrunn bei St. Veit –, der darf zwar einen Glasbeton-Kobel in das gotische Gemäuer stellen, dieses aber historisch getreu wiederaufzubauen, ist ihm untersagt.
Ein weiterer destruktiver Faktor für Österreichs Kulturlandschaft ist der Massentourismus. Was zwischen Bergen und Seen da in den letzten Jahrzehnten gebaut wurde, ist ebenso ein bedauerlicher Beitrag zur Verschandelung des Landes. Der Klimawandel in den Alpen, die überbordende Vielzahl von Liftbauten und Skipisten und die für den Tourismus vermeintlich erforderlichen Hotelbauten und Apartment-Häuser zerstören die alpine Naturlandschaft.
Insgesamt ist Österreich nach wie vor ein schönes Land. Die Verbauung und das Zubetonieren habe aber eine Dimension angenommen, die dringend gestoppt gehört. Bodenrecycling wäre angesagt, um den Raubbau der vergangenen Jahrzehnte umzudrehen. Und gleichzeitig ginge es um eine Revitalisierung der historischen Alt- und Innenstädte, um den grenzenlosen Neubau sinnloser Satellitenstädte und hässlicher Massenwohnsiedlungen unnötig zu machen. Wohnungsleerstände gehören aufgelöst, was wohl auch mit einem Mietrecht zu tun hat, das eindeutig nachteilig für die Hauseigentümer ist und spätsozialistischen Vorstellungen folgt.
Österreichs Kapital als Tourismusland ist eine unzerstörte Naturlandschaft. Sie gilt es zu erhalten, beziehungsweise wieder herzustellen. Österreichs Kapital als Kulturnation ist eine historisch gewachsene, liebevoll gepflegte und erweiterte Kulturlandschaft und ein niveauvoller Städtebau. Hier gilt es, die historische Substanz zu erhalten und zu revitalisieren und zeitgenössische Erneuerungen von einem platten und allzu häufig wechselnden Zeitgeist zu befreien. Dies wären die Erfordernisse! Allein die Hoffnung auf ihre Realisierung ist gering.

2 Responses to Ganz Österreich ist ein Hütteldorf

  1. Waltraut Kupf sagt:

    So richtig das alles ist, was der Autor hier schreibt: warum erwähnt er nicht den bevorstehenden Verlust des Kulturerbes Historische Innennstadt Wien, der zu einem Dammbruch in Richtung Stadtverhunzung führen würde. Es handelt sich hier um einen perfiden Verstoß gegen den Staatsvertrag mit der UNESCO, wobei das unselige und monströs häßliche und einfallslose Projekt Heumarkt das Faß zum Überlaufen bringt. Es geht hier auch um die Nichteinhaltung der Wiener Bauordnung, Vorspiegelung falscher Tatsachen, den dringenden Verdacht auf massive Korruption insbesondere in den Reihen der Wiener Stadtregierung und einiger Magistratsabteilungen. Die Sache ist bereits bei der Korruptionsstaaqtsanwaltschaft anhängig. Der Kuturminister bzw. die Bundesregierung hätten durchaus rechtliche Instrtumente, hier einzuschrejten und das auf keiner Rechtsgrundlage stehende Bauprojekt Heumarkt zu stoppen, es wird aber parteiübergreifend gemauert unddarauf gepocht, daß man da leider, leider nichts machen könne. Die Politiker versichern treuherzig, alles in ihrer Macht Stehende zur Erhaltung des Weltkulöturerbes und vor allem auch des ohnedies schon ramponierten Statbildes zu tun, das ist jedoch Schall und Rauch, und das gegenseitige Abschieben der Verantwortung hat Methode. Man kann hier nur den Schluß ziehen, daß der Investor bereits halb Österreich gekauft hat, und dem konnte sich offenbar kaum jemand entziehen. Es gibt Stellungnahmen von prominenter Seite aus dem In- und Ausland, rechtliche Analysen etc. etc., das alles wird aber von den Medien (offenbar auftragsgemäß) totgeschwiegen. Ob die Staatsanwaltschaft gewisse Untersuchungen zu verschleppen gedenkt, wird man sehen. Man sollte allerdings eine Auswirkung auf die Wienwahl nicht völlig unterschätzen. Die Angelegenheit schwappte bekanntlich auf die Bundesebene über und hat zum Verschwinden der Grünen nach Meinung vieler Leute maßgeblich beigetragen.

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