Oskar Deutsch, die deutschnationalen Burschenschafter und Theodor Herzl

Man wolle mit den freiheitliche Bundesministern seitens der Israelitischen Kultusgemeinde keinesfalls in Kontakt treten, wenn es denn – wohl für Subventionen beispielsweise – notwendig sei, dann werde man höchstens auf Beamtenebene mit diesen Ministerien reden, so der Präsident der Kultusgemeinde, der Kaffeeröster Oskar Deutsch. Warum diese Kontaktsperre? Weil es nach Ansicht des Herrn Deutsch in den Reihen der blauen Regierungspartei keine Distanz gäbe zu jenen „deutschnationalen Burschenschaftern, die die Theoretiker des Antisemitismus“ gewesen seien. Und man wolle den freiheitlichen Regierungsmitgliedern kein „Koscher-Zertifikat“ ausstellen.
Da erweist sich der Herr Präsident als echter „Schmock“ in Sachen Geschichtskenntnisse. Diese ach so bösen Burschenschaften haben sich nämlich in ihrer 200-jährigen Geschichte vielfach gewandelt, und sie haben, wie alles Menschenwerk, gute Seiten und weniger gute und auch schlechte. Und sie haben Positives geleistet und schiere Irrwege beschritten.
Als etwa die akademischen Legionäre während der bürgerlichen Revolution von 1848 in Wien – weitgehend Burschenschafter – unter der Führung des Juden Dr. Goldmark den Kampf für den Verfassungsstaat aufnahmen, konnten sie mit Recht für sich den Anspruch erheben, die ersten Kämpfer für Recht und Freiheit, für Bürgerrechte, Verfassung und Rechtsstaat im Lande zu sein. Als der junge Jude Theodor Herzl, immerhin später der Begründer des Zionismus und damit der Urvater des Staates Israel, im Jahre 1881 bei der Burschenschaft Albia in Wien das Band aufnahm, wusste er natürlich, dass er bereits damals einer deutschnationalen Vereinigung beitrat, das fand er offenbar höchst erstrebenswert. Als er zwei Jahre später allerdings das Albenband zurücklegte, tat er dies wegen der zunehmenden antisemitischen Tendenzen innerhalb der Burschenschaften, ähnlich wie die beiden Gründer der Sozialdemokratie, Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer. Und tatsächlich entwickelten sich die deutschen Burschenschaften in Österreich im Zuge der unseligen Waidhofener Beschlüsse in eine antisemitische und rassistische Richtung, die Jahrzehnte später darin gipfeln sollte, dass viele Burschenschafter und Korpsstudenten der totalitären Versuchung des Nationalsozialismus erliegen sollten und Anteil an schweren Verbrechen der Weltgeschichte haben sollten. Dass Burschenschafter, etwa in der Person des Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung Franz Dinghofer, aber auch an der Wiege der Republik standen, in der Ersten Republik höchst verantwortungsvolle Rolle in Regierungsfunktion ausübten, und dass sie bis zuletzt um die Erhaltung des demokratischen Parlamentarismus gegen den Klerikalfaschismus kämpften, ist ebenso eine Tatsache. Und dass diese Burschenschaften im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung von den NS-Behörden verboten wurden, weil sie verdächtig waren, ein Hort der Freigeisterei und des Individualismus zu sein, ist auch eine Tatsache.
Und insbesondere übersieht der Herr Deutsch, dass die Burschenschaften heute zwar deutsches Geschichts- und Kulturbewusstsein pflegen und damit zu jenen Österreichern zählen, die auch bereit sind, die Verantwortung für die deutsche Geschichte in ihren Höhen, aber auch in ihren schrecklichen Tiefen zu übernehmen, ignoriert er.
Vor allem aber, dass diese Burschenschafter in der Zweiten Republik seit Jahrzehnten zu ihren edlen Wurzeln zurückgekehrt sind, lupenreine Demokraten und pflichtgetreue Staatsbürger sind, dass in ihren Reihen Antisemitismus genauso geächtet ist wie in allen anderen ernstzunehmenden Bereichen unserer Gesellschaft. Und noch etwas sollte der Herr Präsident vielleicht beherzigen: Nicht einmal seine gehässigen Attacken und Denunziationen etwa in israelischen Medien werden es schaffen, antisemitische Reflexe in den Reihen der von ihm so gehassten deutschen Burschenschaften hervorzurufen und schon gar nicht bei den freiheitlichen Regierungsmitgliedern.

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2 Responses to Oskar Deutsch, die deutschnationalen Burschenschafter und Theodor Herzl

  1. Dr. H. Ernst Pollan sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Mölzer!

    Welch böse Ironie des Schicksals, dass einige Tage nach Abfassung dieses Ihres Artikels der Falter, natürlich rein zufällig drei Tage vor der niederösterreichischen Landtagswahl, die Vorkommnisse bei der niederösterreichischen Burschenschaft aufdeckt. Trotz aller Gehässigkeiten der Medien und Aufgeregtheiten der Anständigen und Guten: Solche Vorfälle darf es bei den Korporationen einfach nicht geben! Das ist einfach unglaublich, dass sowas solange unentdeckt bleibt und scheinbar stillschweigend geduldet wird! Das ist mehr als unappetitlich und abstoßend. Damit gibt man den Gegnern auch jene Munition in die Hand, auf die sie gewartet haben und zum gegebenen Zeitpunkt einsetzen.

    Was wäre jetzt zu tun: sofortige Einsetzung einer Kommission zur Aufarbeitung der Vorfälle, Offenlegung der Versäumnisse, schonungslose Durchforstung aller Ecken und Enden nach Resten solcher Unappetitlichkeiten, lückenlose Beseitigung aller Dinge, die nur irgendwie einen Bezug zu jener unsäglichen Zeit aufweisen, neue Konzepte für eine neue Zeit.

    Und: Neubesinnung auf jene Werte, wie sie 1817, 1848, meinetwegen 1918 maßgeblich geprägt und definiert wurden. Modernisierung und Anpassung an unsere Zeit, was nicht wertelos oder „zeitgeistig“ heißen soll.

    Sie als Angehöriger einer Korporation und geistiges Oberhaupt der national-freiheitlichen Gesinnungsgemeinschaft können, ja müssen hier federführend tätig werden.

    Denn über eines müssen wir uns klar sein, dass hier ein gnadenloser Kampf der linksextremen, anarchistischen, wertezerstörenden, den eigenen Untergang herbeisehnenden, gewaltbereiten Szene, unterstützt von den Schmierfinken der Medien, dem internationalen Kapital und dem unendlich großen Lager der naiv Gutbewegten, die das alles nicht durchschauen, gegen das wertkonservative, patriotisch gesinnte Lager stattfindet. Und dieser Kampf wird bis zum bitteren Ende geführt werden, wobei die Gegner durchaus gewichtige Vorteile und Verbündete, zB den Zeitgeist, auf ihrer Seite haben. Geben wir ihnen nicht auch noch die Waffen, mit denen sie uns bekämpfen, selber in die Hand!

    Mit den besten Wünschen
    Dr. H. Ernst Pollan

  2. Dr. H. Ernst Pollan sagt:

    Nachhang zu Vorstehendem:

    Ich mag Herrn Landbauer schon glauben, dass er von den widerwärtigen Liedern nichts gewusst hat. Nur: es gibt außer der Verschuldensform des Vorsatzes auch noch die der Fahrlässigkeit.

    Als Mitglied des Vorstandes jener unglücklichen Burschenschaft hat er sich um seinen Verein zu kümmern und darauf zu achten, dass keine Gesetze verletzt und auch sonst der Geschäftsbetrieb ordentlich geführt wird. Für eine Verletzung in diesen Überwachungs- und Kontrollpflichten besteht eine rechtliche, zumindest aber moralische Verantwortlichkeit. Wer hat jemals die jetzt aufgetauchten Liederbücher auf ihre Aktualität und Vertretbarkeit hin überprüft? Wer kann gewährleisten, dass nicht noch andere „Leichen im Keller“ vorhanden sind?

    ME nach müsste Herr Landbauer die Verantwortung für seinen Verein übernehmen und sich aus seinen politischen Funktionen zurückziehen, mag er auch sonst ein untadeliger und aufrechter Mensch sein.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. H. Ernst Pollan

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