Die bürgerliche Feigheit

Es ist bekanntlich strittig, ob der Begriff „bürgerlich“ überhaupt noch so etwas wie eine politisch-soziologische Aussagekraft hat. Die neuen Bürgerlichen, das sind wahrscheinlich die linken Spießer, die sich rund um die Grünbewegung sammeln. Das was man früher unter Bürgerlich verstand, nämlich christlich-konservative Menschen, Gewerbetreibende, Freiberufler, Bauern, Beamten, das gibt es wahrscheinlich nur noch in Restbeständen, vielleicht im Kernwählerbereich der Volkspartei. Früher hätte man eine Kooperation zwischen National-Liberalen und Christlich-Konservativen, eine „bürgerliche Koalition“ genannt, da einer solchen Regierung die konservativen Werte des christlichen Abendlands, die Werte der Familie und des Patriotismus gemeinsam gewesen wären. Heute ist das alles vielleicht noch ein schöner Wunschtraum.

Nun plakatieren die Sozialdemokraten den Angst-Slogan „gegen Schwarz-Blau“ und sie wollen damit wahrscheinlich die Mobilisierung ihrer roten Kernwählerschichten bewirken. Von der Realität ist so eine schwarz-blaue Koalition nämlich ebenso weit entfernt wie ein rot-blaue, da die Freiheitlichen und Heinz-Christian Strache offenbar die einzige politische Kraft darstellen, die nicht mit dem politischen Mainstream und der Political Correctness mitschwimmt. Glaubt man den etablierten Gazetten und politischen Meinungsmachern, so kann man mit allen zusammenarbeiten, nur nicht mit den freiheitlichen Schmuddelkindern. Kooperation mit den altkommunistischen Grünen, mit den Stronach-Opportunisten, mit irgendwelchen Piraten oder Neos, alles ist denkbar. Nur Straches Freiheitliche, das sind die Bösen. Die Anti-Europäer, die Extremisten und Rassisten. So zumindest, wenn man den etablierten Meinungsmachern glaubt. Bei den Freiheitlichen selbst hieß es früher immer: Im Zweifelsfall lieber mit Rot als mit Schwarz, was in den 80er Jahren auch zur sozial-liberalen Koalition unter Sinowatz und Steger geführt hatte. Diese Haltung resultierte aus der Erfahrung des frühen 20. Jahrhunderts, dass die Nationalfreiheitlichen mit den Sozialisten eher konnten, weil diese zumindest Handschlagqualität hatten, während die Schwarzen als „hinterfotzig“ und unzuverlässig galten. Selbiges scheint sich in den Jahren 2000 bis 2006 bestätigt zu haben, als Schüssels ÖVP Haiders Freiheitliche ganz schön aufs Glatteis führten und schließlich zur Parteispaltung und zum Absturz in der Wählergunst brachten.

Demgemäß ist es in der Strache FPÖ „common sence“, dass es eine Koalition mit der ÖVP nur mehr geben könnte, wenn die Freiheitlichen die stärkere und bestimmende Kraft wären. Ob sich dies aufgrund der Wahlarithmetik und der Wählerstimmen irgendwann einmal, eventuell bereits nach dem kommenden September, ergeben kann, weiß man nicht. Und ob die ÖVP – gleich unter welcher neuen Führung – opportunistisch genug wäre, ihre politisch korrekten Standpunkte zugunsten einer gemeinsamen österreich-patriotischen Politik aufzugeben, oder zumindest zu relativieren weiß man ebenso wenig. Zuzutrauen ist den Schwarzen – man entsinne sich an Wolfgang Schüssel im Jänner des Jahres 2000 – jedenfalls alles wenn es darum geht, ihnen die Macht oder gar das Kanzleramt zu sichern. Nur genau das wird Strache sicher nicht machen.

Deshalb gibt es nur mehr einen Grund, weswegen die ÖVP eine Koalition mit den Freiheitlichen nicht ausschließt, so wie es Faymann und die rote Parteispitze vom schwarzen Koalitionspartner verlangt: Nicht dass Spindelegger und seine schwarzen Brüder ernsthaft daran dächten, mit der Strache FPÖ zu koalieren. Nein, sie wollen nur ein Drohpotential gegenüber der SPÖ aufrechterhalten. Die schwarz-blaue Variante, die die SPÖ als Menetekel auf ihre Plakate pinselt, ist für die ÖVP Spitze nicht mehr und nicht weniger als die Möglichkeit, die roten Großkoalitionäre später bei den Regierungsverhandlungen unter Druck zu setzen. Und selbst das wird nur funktionieren, wenn es eine knappe schwarz-blaue Mehrheit gäbe. Denn die Variante Schwarz-Blau-Stronach ist mehr als illusionär. Stronach wurde nämlich vom Establishment in die österreichische Politik gelassen nicht um den Freiheitlichen zum Mitregieren zu verhelfen, sondern um genau das zu verhindern. Da dürften sich Rot und Schwarz in schöner Einigkeit treffen. Den Mut auf der schwarzen Seiten jedenfalls, irgendetwas im wertkonservativen Sinne in Österreich zu verändern, den gibt es längst nicht mehr. Wenn es bei der ÖVP noch ein bürgerliches Element gibt, dann ist es die altbekannte bürgerliche Feigheit. Diese kann man allenthalben immer wieder feststellen.

2 Antworten zu Die bürgerliche Feigheit

  1. Bertha sagt:

    Dass man die Adjektive „bürgerlich“ und „spießig“ als Synonyme voneinander ansieht, kann ich leider auch persönlicher Erfahrung bestätigen!
    Heutzutage muss man hipp, alternativ und frei-denkend sein, damit man in so manchen Alltagssituationen nicht als unmodern oder eben spießig gilt. Hart arbeiten, selbst seinen Unterhalt verdienen oder sich etwas aufzubauen erscheint für so manchen „modernen Menschen“ nicht mehr erstrebenswert…

  2. Maria Klingler sagt:

    Keine Sorge; Wir bekommen ja von der EU eine „Wahlaufsicht“ wie die Russen.Die wird es schon richten, daß Österreich eine Rot-schwarz-grüne Regierung bekommt! Es ist zum …

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