Sultan Tayyips Sorgen – Der Erdoganismus stößt an seine Grenzen

Der starke Mann am Bosporus hat Probleme. Nachdem die Türkei im vergangenen Jahrzehnt eine beeindruckende Erfolgsstory hingelegt hat, scheint sie nun in die Fallgrube, die durch die eigene Modernisierung entstanden ist, zu stürzen. Die dem Vernehmen nach „gemäßigt islamistische“ AKP des Recep Tayyip Erdogan hat zwar den herkömmlichen Laizismus der kemalistischen Türkei durch eine gewisse Re-Islamisierung abgelöst, sie hat durch den erfolgreichen wirtschaftlichen Aufstieg aber – insbesondere in den urbanen Zentren – nolens volens auch gesellschaftliche Modernisierung herbeigeführt. Die Früchte derselben sind die spontanen, aus der gesellschaftlichen Basis heraus wachsenden Demokratisierungs-Bestrebungen, wie sie in den gegenwärtigen Großdemonstrationen deutlich werden.

Und jener Mann, der die moderne Türkei neben dem Staatsgründer Kemal Atatürk am meisten prägt, nämlich Premierminister Erdogan, ist durch die Dynamik der für ihn so überraschenden Entwicklung offenbar absolut überfordert. Zwar vermochte er bislang die durchaus widersprüchlichen Entwicklungen wie die Re-Islamisierung und seine neo-osmanischen Außenpolitik mit der wirtschaftlichen Modernisierung und der EU-Annäherung unter einen Hut zu bringen. Die Bedürfnisse der Facebook-Generation nach Mitsprache und Liberalität im täglichen Leben überfordern ihn aber nun. Seine Reaktion auf die Protestbewegung, harte Sprüche und noch härterer Polizeieinsatz, beweisen dies deutlich.

Jene, die da meinen, die Massendemonstrationen würden einmal mehr beweisen, dass die Türkei alles andere als europareif sei, liegen falsch. Die Träger dieser Demonstrationen vertreten vielmehr ein gesellschaftliches Substrat, welches zweifellos im hohen Maße als europäisiert angesehen werden kann. Die fehlende Europareife der Türkei wird hingegen durch die Reaktionen Erdogans und der AKP-Machthaber wieder einmal aufs Neue demonstriert. Und es steht außer Zweifel, dass in der breiten Wählerbasis der AKP auf dem flachen Lande quer durch Anatolien Erdogans Haltungen und seine Reaktionen absolut gebilligt werden.

Während die Türkei in den vergangenen Jahren durch beeindruckende ökonomische Wachstumsraten von sich reden machte, sind einigermaßen still und leise tausende neue Moscheen im Lande gebaut worden. Die Armee als Hüter der kemalistischen Säkularisierung wurde Schritt für Schritt – durchaus unter Zustimmung des europäischen Mainstreams – aus den Schaltstellen der Macht verdrängt. Und im geopolitischen Umfeld, nicht zuletzt auch auf dem europäischen Balkan, hat Erdogans Türkei so etwas wie eine partielle Re-Osmanisierung eingeleitet. All das unter den Augen der EU-Kommission und der EU-Beitrittsverhandler. Leise moniert wurde all das allenfalls in den alljährlichen EU-Fortschrittsberichten, die man in Ankara allerdings nicht allzu ernst zu nehmen pflegt.

Ob nun Erdogan und die AKP-Machtelite in der Lage sein wird, die gegenwärtigen Massenprotestes auszusitzen oder durch teilweise Konzessionen zu neutralisieren, bleibt abzuwarten. Vorläufig deutet jedenfalls nichts darauf hin, dass sich der starke Mann am Bosporus von seinem politischen Gesamtkurs dadurch abbringen lassen könnte: Re-Islamisierung gepaart mit dynamischen wirtschaftlichem Aufschwung im Inneren. Und im Äußeren islamische Großmachtsallüren und das Auftreten einer starken Regionalmacht im mittelasiatischen Bereich der Turkstaaten, gepaart mit einer EU-Annäherung, die durchaus erahnen lässt, dass Ankara auch in Europa eine einigermaßen dominante Rolle spielen würde.

Sultan Tayyip hat sich weder von der Kurdenfrage noch von der türkischen Frontstellung im Syrien-Konflikt von seinem Kurs abbringen lassen. Wahrscheinlich wird er dies auch nicht wegen der gesellschaftlichen Modernisierungsbewegung. Und die europäischen Türken-Communities? Sie werden sich entscheiden müssen, ob sie auf den konkreten, vielfach geäußerten Wunsch Erdogans Bewahrer des Türkentums und damit osmanische Brückenköpfe im Abendland sein wollen, oder Botschafter westlicher demokratischer und säkularisierter Zivilisation in Richtung ihrer alten Heimat und damit durchaus im Gegensatz zu Sultan Tayyip.

Eine Antwort zu Sultan Tayyips Sorgen – Der Erdoganismus stößt an seine Grenzen

  1. Dr. Johannes Papazian sagt:

    Die Diskussion im ORF hat gezeigt, dass die Türkei und der übrige Orient einen Fremdkörper für Europa darstellen. Die von Ihnen getroffene Argumentation ist zu unterstreichen!

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