Der 8. Mai – die Toten und die Untoten

Als der greise deutsche Philosoph Ernst Jünger im Umfeld seines 100. Geburtstages im Zuge eines Interviews gefragt wurde, was er, der doch 1944 im Widerstand gewesen sei, an den Taten der Nazis für besonders verabscheuungswürdig gehalten habe, soll er lakonisch geantwortet haben: „Daß sie den Kriech verloren haben“.

Kein Völkermord, kein Holocaust, keine Nürnberger Rassegesetze, kein Rasse- und Vernichtungskrieg, nein, die Niederlage war es, die den Erlebnisgenerationen des Ersten und Zweiten Weltkriegs – zumindest in der breiten Mehrheit – als besondere Tragödie erschien. Darauf sollte die – wahre oder auch nur konstruierte – Aussage Ernst Jüngers hindeuten. Die „Besiegten von 1945“, für die das Datum des 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage war, haben die tragische Komponente ihrer Identität aus eben dieser Niederlage geschöpft.
Natürlich war es für den weitaus überwiegenden Anteil dieser Menschen und dieser Generation auch ein Tag großer Erleichterung, ja Befreiung wegen des Zusammenbruchs eines totalitären menschenmordenden Systems, dessen erstes Opfer – niemals vergessen! – ja nach 1933 die Deutschen selbst geworden sind. Das Kriegsende als Ende von Kampfhandlungen, als das Ende von Standgerichten und Blutvergießen, als das Ende des Terrors von SS und Feldgendarmerie, als das Ende von Bombenangriffen und Artilleriefeuer, war ganz sicher und natürlich für alle Deutschen und damit auch für alle Österreicher, sogar für die überzeugten Nationalsozialisten, ein Tag der Erleichterung, ja der Freude. Als Befreiung empfanden es die meisten damals aber wohl nicht.

Demgegenüber stand von Anbeginn der Zweiten Republik der rot-weiß-rote Opfermythos, wonach Österreich das erste Opfer des Hitlerschen Imperialismus gewesen sei. Und entgegen dem damaligen Empfinden der breiten Mehrheit der österreichischen Bevölkerung war demnach der 8. Mai 1945 von Anbeginn ein Tag der Befreiung. Welche Qualität diese Befreiung für die ausgebombte Zivilbevölkerung, für die kriegsgefangenen Soldaten und die vertriebenen Volksdeutschen gehabt hat, muß nicht näher erläutert werden. Wiewohl auch diese Menschen Opfer des von den Nationalsozialisten vom Zaun gebrochenen Krieges waren, dürfte der unmittelbare Charakter des Befreiungserlebnisses wirklich vorwiegend nur für die aus den Konzentrationslagern von den alliierten Kriegssiegern befreiten NS-Gegner und rassisch Verfolgten nachempfindbar gewesen sein. Der weitaus größte Teil der österreichischen Bevölkerung fühlte sich als Teil der Besiegten und ihre weltpolitische Lage als die einer epochalen Niederlage.
In der Geschichtspolitik der Nachkriegszeit war es zuerst vorwiegend Verdrängung der eigenen Rolle die das politisch-psychologische Überleben der Mehrheit der Österreicher in der neuen Ordnung ermöglichte. Erst eine gute Generation nach Kriegsende, mit der Waldheim-Affäre etwa, setzte jener Aufarbeitungsprozeß ein, der einerseits Mittäter- und Mitläuferschaft eines großen Teils der Österreicher ins Licht rückte. Und andererseits das Kriegsende und damit den 8. Mai als weltpolitische Zäsur der Überwindung eines einzigartigen totalitären Terrorregimes zugunsten einer neuen demokratischen Entwicklung darstellte. Naturgemäß rückten dabei die realen Opfer des Nationalsozialismus immer stärker in den Mittelpunkt des Gedenkens.

Die Leiden der Masse der österreichischen Bevölkerung, jene der gefallenen, verwundeten und kriegsgefangenen Soldaten, die der ausgebombten Zivilbevölkerung und der vertrieben Volksdeutschen geriet mit dem Abtreten der Erlebnisgenerationen zunehmend in den Hintergrund, ja nahezu in Vergessenheit. Die alliierten Armeen, die im Frühjahr 1945 ins Land rückten, hatte man gefälligst nicht mehr als Sieger oder Besatzer zu betrachten, sondern ausschließlich als Befreier. Die Kriegsgefangenen in sowjetischen Straflagern sollten nicht mehr ihrer Leiden jener Jahre gedenken, sondern den Sieg der Roten Armee beklatschen. Vertriebene Volksdeutsche hätten demnach nicht mehr den Verlust ihrer Heimat, dem Sudetenland oder anderswo, betrauern dürfen, nein ausschließlich der Befreiung Österreichs sollte ihr Gedenken gelten. Und die ausgebombte Zivilbevölkerung sollte sich nicht mehr der Hungerwinter der unmittelbaren Nachkriegsjahre entsinnen, sondern ausschließlich der Care-Pakete und des Marshall-Plans.
Die realen Toten, die Opfer des menschen- und völkermordenden Weltkrieges, insbesondere jene aus dem eigenen Volk, wurden damit gewissermaßen historisiert. Die Untoten der politisch korrekten Geschichtsbetrachtung, nämlich die NS-Verbrecher, hingegen wurden durch mediale Dauerbearbeitung zum ewigen Leben erweckt.

Wenn es dann im Zuge dieser staatlich und zeitgeistig dogmatisierten Geschichtspolitik darum ging, Reminiszenzen und Sentimentalitäten im Hinblick auf das Erleben und das Leid der eigenen Bevölkerung auszumerzen, gab es und gibt es kein Pardon. Gruppen wie etwa der Wiener Korporationsring der nationalfreiheitlichen Studentenverbindungen, die über Jahrzehnte den 8. Mai – noch dazu auf dem Wiener Heldenplatz – als Gedenken an alle Toten der Weltkriege begingen, waren da natürlich Todsünder wider das neue Geschichtsbild. Flugs warf man ihnen vor, den Untergang des Naziregimes zu betrauern und damit als unverbesserliche Ewiggestrige dem braunen Ungeist zu huldigen.
Daß es im Zuge dieser jahrzehntelangen Festveranstaltung auf dem Heldenplatz wohl keine einzige Festrede gab, in der auch nur andeutungsweise eine solche Sicht der Dinge vertreten wurde, tut und tat da nichts zur Sache. Und daß es ja alle Jahre wieder anarchistischer Mob war, der eine ruhige und würdige Trauerveranstaltung gewaltsam zu stören versuchte, gewaltigen Sachschaden anrichtete und der Polizei Straßenschlachten lieferte, war und ist offenbar auch unerheblich.
Wer nicht bereit ist, dogmatisch verordnete, politisch korrekte Geschichtsbilder samt und sonders und kritiklos mitzutragen, muß gnadenlos ausgegrenzt werden. Daß an der Spitze dieser Ausgrenzungsstrategen die Tugendterroristen im grünen Mäntelchen stehen, verwundert wenig. Daß ein roter Verteidigungsminister am Heldenplatz eine Mahnwache für die Opfer des Nationalsozialismus’ – auch für die Gefallenen, die Ausgebombten und die Vertriebenen? – aufziehen läßt, ist auch naheliegend. Und daß die zeitgeistige Kunstszene, zu der eben auch diverse Symphonieorchester zählen, Freudenkonzerte auf dem Heldenplatz zum Besten gibt, mag auch legitim sein.
Wenn hier die Veranstalter der bisherigen Trauerkundgebung zum 8. Mai, die akademischen Korporationen Wiens nämlich, gute Miene zum bösen Spiel machen und bekunden, die Mahnwache des Bundesheeres, die ja hoffentlich allen Opfern und allen Toten gelte, sei eigentlich das, was sie gewollt hätten, muß man das nicht als Eingeständnis des Scheiterns bewerten. Es macht aber deutlich, daß das betonte Gedenken patriotischer Gruppierungen an die Opfer des eigenen Volkes in unseren Tagen nicht mehr möglich ist. Sich an die Terrorangriffe der angloamerikanischen Luftwaffe auf deutsche und österreichische Wohnviertel zu erinnern, des Brünner Todesmarsches der Sudetendeutschen zu gedenken oder des Hungertods zehntausender Österreicher in sowjetischen Kriegsgefangenenlager, grenzt heute bereits an nationalsozialistische Wiederbetätigung. Wer dies tut – so die Meinung der Tugendterroristen – verharmlose die NS-Verbrechen.
Dabei muß man legitimerweise die Frage stellen: Wäre es nicht Zeit, daß man so etwas wie die Egalität der Verbrechensopfer, der Terroropfer des 20. Jahrhunderts anerkennt? Deutsche Kinder, die im Feuersturm der Bombenangriffe auf Dresden und Hamburg, aber auch auf Wiener Neustadt oder Villach umgekommen sind, sind Opfer von der gleichen Qualität wie jene Kinder jüdischer Herkunft, die in NS-Konzentrationslagern grauenhaft zu Tode kamen. Die Opfer der rassistischen NS-Zigeunervernichtung sind ebenso beklagenswert wie jene der tschechischen oder jugoslawischen Vertreibungspolitik gegenüber den Volksdeutschen.
Der Holocaust, der industriell organisierte Massenmord am europäischen Judentum, ist historisch einzigartig, mit anderen Völkermordverbrechen des 20. Jahrhunderts von der Dimension und Qualität nicht vergleichbar. Die Opfer als solche aber, hingemordete Menschen, ob Armenier durch die Osmanen oder Juden durch die Deutschen, ob Sudetendeutsche durch die Tschechen oder ungarische Zigeuner, russische oder deutsche Kriegsgefangene, Bombenopfer in Coventry oder in Dresden, sie alle sind gleichermaßen Opfer, ihrer sollte man gleichermaßen gedenken dürfen. Zu dieser Erkenntnis müßten wir möglicherweise am 8. Mai kommen, jenseits aller Grenzen von Parteien und Ideologien.

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5 Responses to Der 8. Mai – die Toten und die Untoten

  1. O. S. Wald sagt:

    Wenn man der eigenen Opfer nicht mehr gedenken darf, führt dies schlußendlich dazu, daß auch die Verbrechen unserer „Befreier“ dem Vergessen anheimfallen. Und genau das wollen die Moral- und Tugendwächter der Political Correctness erreichen. Denn nur dann, wenn unsere „Befreier“ eine blütenweiße Weste haben, läßt auch 68 Jahre nach dem Ende des Weltkrieges der deutsche Schuldkomplex auch weiterhin instrumentalisieren.

  2. Der Bub sagt:

    Ich finde es tragisch, dass man heute, über 60 Jahre nach Kriegsende, immer noch nicht seinem toten Großvater (oä) gedenken darf, nur weil er auf der „falschen“ Seite im Feld gestanden ist und gekämpft hat. Viele Soldaten, viele Menschen, wussten nicht viel über die Ideologie und doch gelten sie bis heute als das absolut Böse. Mich stimmt sowas immer wieder traurig! Das Schwarz-Weiß-Denken der Menschen muss endlich aufhören, um Geschichte und ihre Folgen verstehen zu können und eine Widerholung selbiger zu verhindern.

  3. Bertha sagt:

    Viele Menschen mussten im Krieg ihr Leben lassen! Aber ich sehe es als „Totenbeleidigung“ an, dass man nur bestimmten gedenken darf und anderen nicht! Ist der Tod all jener Soldaten die unser Land verteidigt haben weniger wert als jener von Zivilisten?
    Wie viele Väter, Großväter, Onkel und Brüder konnten es sich nicht aussuchen in den Krieg zu ziehen und sind von den Schlachtfeldern nicht mehr heim gekehrt? Ihnen zu gedenken soll den Holocaust verherrlichen?

  4. Horrido sagt:

    So eine verlogene Diskussion, die uns der linke Meinungsmainstream hier aufoktruyiert. Das Tragische ist, dass hier infamerweise sämtliche Opfer des Völkerschlachtens – egal, ob Juden, Deutsche, Soldaten, Zivilisten etc. – von moralinsauren, linken Tugendterroristen zum Spielball von Politik (die sich in diesem Fall gegen die FPÖ richtet) gemacht werden, anstatt diesen würdig zu gedenken. Das ist der eigentliche Skandal und für mich verabscheuenswert und pietätlos…

  5. Dr. Fred Duswald sagt:

    Es sollte Konsens darüber bestehen, daß das Ergebnis einer Befreiung die Freiheit sein muß. Zehn Jahre nach der angeblichen Befreiung war Österreich noch immer ein besetztes Land. So beklagte der damalige Abgeordnete und spätere Bundeskanzler Alfons Gorbach am 2. April 1952 im Parlament, daß „wir Osterreicher achteinhalb Jahre nach der Verlautbarung der Moskauer Deklaration und fast sieben Jahre nach Kriegsende weder frei noch unabhängig“ sind: „In den letzten Jahren wurden innerhalb des österreichischen Bundesgebietes von den Besatzungsmächten insgesamt 1779 österreichische Staatsangehörige verhaftet: vom amerikanischen Element 99, vom britischen Element 26, vom französischen Element 86 und vom sowjetischen Element 1568. Nach längerer oder kürzerer Dauer wurden wieder freigelassen: von den Amerikanern 65, von den Briten 15, von den Franzosen 44 und von den Sowjets 722. Noch in alliiertem Gewahrsam sind: bei den Amerikanern 34, bei den Briten 11, bei den Franzosen 42 und bei den Sowjets 821.
    Die Zahl der im Auftrag der sowjetischen Besatzungsstellen verhafteten und nach Rußland gebrachten Österreicher bezieht sich nur auf jene, die den österreichischen Behörden bekannt sind. Es langen noch immer Nachrichten über österreichische Staatsbürger ein, die seinerzeit nach Kriegsschluß von sowjetischen Besatzungsorganen angehalten und, unbekannt wohin, weggebracht Worden sind. Über das Schicksal der verhafteten Personen kam den österreichischen Behörden, mit Ausnahme von der sowjetischen Besatzungsmacht, Nachricht zu. In keinem einzigen Fall wird der Aufenthalt der in die UdSSR gebrachten österreichischen Staatsbürger bekanntgegeben.
    Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf verweisen, daß nach den bisherigen Auskünften des sowjetischen Außenamtes 14 Österreicher, die zur Strafverbüßung in die UdSSR verbracht worden sind, verstorben sind. 19 Österreicher, die die über sie verhängten Strafen zum Teil schon über Jahresfrist verbüßt haben, können nicht in die Heimat zurück, trotz der Anstrengungen unserer Regierung, weil ihnen das sowjetische Auslandsvisum bisher verweigert worden ist.“
    Eine der schlimmsten Einschränkungen der österreichischen Souveränität besteht in der Kontrolle der Gesetzgebung: “ Man verfügt dann und wann über uns und man verfährt mit uns, als ob wir halbwilde Einwohner eines Koralleneilandes wären. Statt der Freiheit und der Unabhängigkeit hat man uns ein Statut beschert, das deswegen das schlechteste in der ganzen Welt ist, weil es gleichzeitig von vier einander widerstreitenden Kolonialherren mit entgegengesetzen Zielen gehandhabt wird.“
    Am 24. Februar 1954 definierte Gorbach die Moskauer Deklaration als reine Propagandaversprechung: „Jene Großmächte; die diesen Satz formulierten, sie haben gesiegt und sind heute die Herren der Welt. Sie haben ihre Versprechungen jedoch bis heute nicht eingelöst, und es ist gar nicht abzusehen, wann sie diese in die Tat umsetzen werden.“
    Sie können ihre Versprechungen nicht einhalten, sagte Gorbach, „weil das Recht und die Freiheit der Völker für sie nur leere Phrasen sind, die zugunsten machtpolitischer und strategischer Überlegungen weggeworfen werden wie abgebrannte Zigarettenstummel. Es geht ihnen um Absatzmärkte und um die politische und wirtschaftliche Beherrschung der Welt. In diesem Kampfe darf natürlich keine der bereits errungenen Positionen aufgegeben werden, insonderheit keine strategisch wichtige. Und Österreich, dieses unser Vaterland, ist eine solche strategisch wichtige Position.“
    Das, so Gorbach, ist die nüchterne und nackte Wahrheit, und wir Österreicher werden gut daran tun, ihr endlich einmal voll ins Gesicht zu sehen: „Neun Jahre lang haben wir tiefe Bücklinge gemacht, für jede Erbse und Konservenbüchse, die vom Tischrand der Siegermächte für uns abfiel, während Ströme österreichischen Volksgutes unbezahlt über die Grenzen flossen.
    Neun Jahre lang haben wir uns mit überschwenglichen Worten für eine Befreiung bedankt, die keine war. Neun Jahre haben wir uns demütig vor jenen Siegermächten gebeugt, die wir für Befreier hielten, während sie uns schon länger in Unfreiheit halten als jene, von denen sie uns zu befreien vorgaben. Machen wir nun also dieser österreichischen Illusion ein Ende, da sie nur noch Würdelosigkeit bedeuten würde und sonst nichts! Sehen wir die Dinge endlich einmal so, wie sie sind.“
    Bar jeder Würde verbeugen sich die Herren Faymann und Spindelegger noch heute.

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