Chapeau, Hoheit!

Eine Mördergrube aus seinem Herzen hat Karel Schwarzenberg jedenfalls nicht gemacht: Als ihn sein Kontrahent bei den tschechischen Präsidentschaftswahlen Milos Zeman mit der Sudetendeutschen-Problematik konfrontierte erklärte er das, was schlicht und einfach Tatsache ist, dass nämlich Edvard Beneš heute ein Fall für das Haager Tribunal wäre – als Kriegsverbrecher nämlich. Milos Zeman, nunmehr Herr auf dem Prager Hradschin und genau der Präsident, den die Tschechen offenbar verdienen, ließ sich diesen aufgelegten Elfmeter natürlich nicht entgehen und polemisierte den böhmischen Fürsten schlicht und einfach an die Wand: Als Deutschtümmler und Verteidiger von Kriegsverbrechern gewissermaßen. Mit zehn Prozentpunkten Abstand gewann er dann die Stichwahl für das tschechische Präsidentenamt.

Die Tschechen können sich selbst offenbar nicht verzeihen, was sie ihren deutsch-böhmischen Landsleuten nach Kriegsende angetan haben: Entrechtung, Vertreibung, Enteignung, Ermordung und zwar von Millionen Zivilisten, Frauen, Kindern und Greisen, die keineswegs und schon gar nicht Kriegsverbrecher waren.

Das mag völkerpsychologisch ja noch verständlich sein. Ebenso wie die Angst davor, das zu Unrecht erworbene Gut der Sudetendeutschen wieder zurückgeben zu müssen. Eine Angst, mit der nun Milos Zeman sich in den Hradschin hinein manipulierte. Nicht verständlich ist allerdings, dass menschenrechtswidrige Unrechtsgesetze wie die Beneš Dekrete im ach so aufgeklärten EU-Europa zum nach wie vor gültigen Rechtsbestand eines demokratischen Mitgliedslandes gehören. Es geht nicht darum, die Geschichte zu revidieren und nicht wiedergutmachbares Unrecht in irgendeiner Form wieder gut zu machen. Es geht schlicht um Rechtsstaatlichkeit und die schamvolle Preisgabe von Unrechtsgesetzen, gewissermaßen ihre historische Schubladisierung. Das sind auch die Tschechen der europäischen Geschichte schuldig, ebenso wie Slowenen und Kroaten und Serben in Hinblick auf die unseligen AVNOJ-Beschlüsse. Kein Mensch würde es wagen, die unseligen Nürnberger Rassengesetze auch nur irgendwo zu verteidigen. Kein Mensch sollte es ebenso wagen, menschenrechtswidrige Nachkriegsgesetze, die im Zeichen der sowjetischen Siegermacht beschlossen wurden, im neuen Europa zu verteidigen.

Karel Schwarzenberg, der gewiss eine schillernde Persönlichkeit ist und als Angehöriger der alt-österreichischen Hoch-Aristokratie ein wechselvolles Schicksal durchlebte, hat jedenfalls unsere Hochachtung verdient. Er hat sich nicht in das höchste tschechische Staatsamt hinein-geschleimt, indem er den Tschechen in Sachen Beneš Dekrete nach dem Maul geredet hat. Er hat sich frank und frei zur historischen Wahrheit und zur Menschlichkeit bekannt. Diese gilt nämlich auch für die Kriegsverlierer von 1945. Und das ist dem Fürsten hochanzurechnen. Chapeau, Hoheit!

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