Vom Los der Kassandra

Es ist nicht sonderlich originell, wenn sich eine oppositionelle Kraft durch Kassandra-Rufe bemerkbar macht. Der typisch oppositionelle Reflex, dass alles was die Regierung tue falsch sei, kommt wenig überraschend für den Beobachter. Und dass Oppositionsparteien dazu neigen, immer und überall dagegen zu sein, auch nicht.

Eher schon überraschend – wenn auch keineswegs erfreulich für das Land – ist es da, dass die oppositionellen Kassandra-Rufe sich in letzter Zeit mit geradezu mathematischer Regelmäßigkeit zu bewahrheiten pflegen: Nehmen wir etwa die Euro-Krise. Wenn wir das was die freiheitliche Opposition im Lande vor Jahr und Tag gesagt hat, dass nämlich die Griechenland-Hilfe verfehlt sei, heute auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen, müssen wir feststellen, dass sich dieser Kassandra-Ruf eins zu eins erfüllt hat. Und wenn wir die oppositionellen Aussagen etwa zum Euro-Schutzschirm, zum sogenannten „europäischen Stabilitätsmechanismus“, die in diesen Tagen fallen hernehmen, dürften wir in wenigen Monaten feststellen, dass diese Kassandra-Rufe auch der Wahrheit entsprechen.

Nun ist es keineswegs erfreulich, wenn man mit seinen pessimistischen Prognosen stets Recht hat. Es wäre ja durchaus wünschenswert und schön, wenn die Euro-Euphoriker Recht hätten und Griechenland so – mir nichts, dir nichts – gerettet werden könnte. Es wäre ja schön, wenn sich der Euro als starke Währung erwiese, die allen Stürmen trotz und unsere ökonomischen Interessen quer durch die Welt in der Lage ist, durchzusetzen. Und es wäre schön, wenn diese Europäische Union in der wir zurzeit leben das Land wäre, in dem Milch und Honig fließt, in dem Freiheit, Sicherheit und Wohlstand herrscht. Und das auf Dauer.

Allein, den Menschen fehlt daran der Glauben. Die Griechen demonstrieren täglich, dass sie schlicht und einfach nicht in der Lage sind, die harten Sparziele zu erfüllen. Und sei es nur darum, weil sie eben ihrer Grundmentalität widersprechen. Die political correctness erfordert natürlich darüber zu schweigen, dass es bei den „pittoresken Bankrotteuren“ an der europäischen Südflanke Völker gibt, die in Sachen Produktivität, Fleiß und Arbeitsgesinnung eben unseren Standards und auch jenen des Internationalen Währungsfonds nicht ganz entsprechen. Als Kanzlerin Angela Merkel dieser Tage sagte, die Griechen müssten eben arbeiten, wurde sie prompt gescholten wegen dieses angeblich diskriminierenden Ausfalls. Aber so ist es eben. Von den politisch und medial etablierten Kräften her will man die Realität nicht sehen. Der Kassandra-Rufer hingegen erweist sich immer mehr als Realist und nicht nur als missgünstiger Oppositioneller.

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Ein ganz schwacher Kassandra-Ruf, den sich der Autor dieser Zeilen vor einer Woche erlaubte an dieser Stelle anzubringen, nämlich die ein wenig bange Frage, ob die zweifelsohne bei den nächsten Wahlgängen erfolgreichen Freiheitlichen dann wohl auch die entsprechenden Reformkonzepte für die Sanierung des Landes vorzuweisen hätten, erwies sich als Aufreger. Die medialen Gegner der Freiheitlichen – mit einem Wort nahezu alle Medien – griffen dies auf und behaupteten, er hätte die Regierungsfähigkeit der Freiheitlichen samt und sonders verneint. Was dem Vernehmen nach innerhalb der Führungsspitze der Oppositionspartei auch nicht gerade Wohlgefallen auslöste. Vielleicht fürchtet man dort ja auch insgeheim, dass mancher Kassandra-Rufer Recht haben könnte.

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Eine Lächerlichkeit der Sonderklasse spielt sich dieser Tage quer durchs Land ab: Demonstrativ werden wirkliche oder auch nur vermeintliche Ehrenbürgerschaften des im April 1945 verblichenen Braunauers durch Gemeinderatsbeschlüsse getilgt. Wenn dann verwerflicherweise da und dort ein oppositioneller FPÖ-Gemeinderat der Meinung sei, man solle doch jene Rechtsmeinung beherzigen, nach dem die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod des Unaussprechlichen ohnedies erloschen sei und man nicht den Eindruck erwecken dürfe, die eigene Gemeinde hätte diese Ehrenbürgerschaft über 60 Jahre nach Kriegsende weiter gewissermaßen positiv aufrechterhalten, dann wird sofort gemutmaßt, diese Stimmen seien verkappte Anhänger des Braunauers. Aber genau diese Unterstellung sollte sich letztlich ja als nützlich erweisen, im Kampf gegen die oppositionelle FPÖ und ihre erfolgreichen Kassandra-Rufe. Oder etwa nicht?

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One Response to Vom Los der Kassandra

  1. Bloody Mary sagt:

    Als mich EU-Befürworter (zu denen ja auch der Betreiber dieses Blogs gehört!!!) fragten, warum ich so vehement gegen ein „einiges Europa“ sei und lauthals NEIN schrie, bei der Abstimmung für den EU-Beitritt, sagte ich immer wieder schlicht: „Weil es mir im Traum nicht einfallen würde, mit einem faulen Südländer ein Geschäft aufzumachen!“ Jetzt haben wir den Salat. 😀 🙄 ❗

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