Das libysche Lehrstück

Muammar Gaddafi ist also wieder ein Schurke, das, was er zu Beginn seiner politischen Karriere war. Nach einigen kurzen Jahren, in denen er als geradezu geachteter älterer Staatsmann galt – als Wirtschaftspartner und Öl-Lieferant war er ohnedies stets begehrt – ist er nunmehr gegen Ende seines politischen Lebens wieder in die Schurkenrolle zurückgekehrt. Er lässt regimekritische Demonstranten aus Dieselflugzeugen angreifen, verhöhnt die internationale Staatenwelt und wiederholt sich in der Behauptung, lieber ein Blutbad anzurichten, als dem Druck der Demonstranten und der Regime-Gegner zu weichen.

Gaddafi ist jedenfalls ein Despot, der nicht vor Gewalttätigkeit zurückschreckt, mag er auch ein geradezu bizarrer Irrer sein, eines ist er sicher nicht, ein politisches Weichei. So mir nichts, dir nichts ins Exil verschwindet er mit Sicherheit nicht. Vielmehr scheint er darauf zu vertrauen, dass es ihm gelingen könnte, die wichtigsten Positionen im Lande und das ist neben der Herrschaft über die Hauptstadt Tripolis die Kontrolle über die Erdölförderung, zurück zu erobern. Und da stellt sich dann die Frage, wie die internationale Staatenwelt, insbesondere die Europäer, sich dann gegenüber dem politischen Stehaufmännchen – so er es schafft – verhalten würde. Würde man wieder gute Miene zum bösen Spiel machen und dem Schurken sein Öl gegen harte Petro-Dollars abkaufen? Würde man seiner politischen Scharade wiederrum mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination zuschauen, seine Auftritte vor internationalen Gremien tolerieren, gar wiederrum Staatsbesuche mit Amazonen-Garde und Beduinenzelt in Kauf nehmen? Was weiß man.

Tatsache ist, dass Gaddafi schon vor Jahrzehnten mehr als nur verbale Sympathien für den arabischen Terrorismus übrig hatte, dass er sich selbst für Terroranschläge verantwortlich zeichnete und Regimegegner im eigenen Land stets gewaltsam unterdrückte. Was keineswegs hinderlich war, ihn international zu hoffieren. Und wir Österreicher haben dabei eine Vorreiterrolle gespielt. Bruno Kreisky und die ÖMV, Jörg Haider und die Hypo-Alpe-Adria, politische Sympathien für den Wüsten-Diktator und florierende Geschäfte mit dem Ölexporteur waren stärker als jegliche politische Moral und moralinsaure Demokratie-Bekundungen. Und natürlich waren wir Österreicher nicht die einzigen. Im Gegenteil: Vertreter aus nahezu allen europäischen Staatskanzleien und natürlich Repräsentanten der internationalen Konzerne, insbesondere jene die Erdöl verarbeiten, gaben sich in Tripolis die Türklinke in die Hand. Und der eine oder andere von Haider bis Berlusconi brüstete sich gar der Freundschaft Gaddafis und durfte sich angeblich sogar größerer finanzieller Zuwendungen erfreuen.

Heute ist das wieder aller anders. Nach tausenden Toten und hundertausenden Flüchtlingen, nach einem veritablen Krieg gegen das eigene Volk ist eben derselbe Gaddafi zum internationalen Paria geworden. Seine Konten werden eingefroren und möglicherweise gibt es demnächst einen internationalen Haftbefehl mit der Aussicht auf einen Prozess in Den Haag, wenn nicht vorher ein militärischer Schlag durch Amerikaner oder NATO durchgeführt wird. Dem alternden Berber-Löwen scheint all dies in seiner Blutrünstigkeit noch anzustacheln. Und Europa, der Westen insgesamt, auch die US-Amerikaner, schauen einigermaßen hilflos zu. Große Glaubwürdigkeit haben sie mit ihrer Empörung ohnedies nicht. Wirkliche Angst vermögen sie trotzt aller Drohgebärden dem lybischen Diktator auch nicht zu machen. Und Hilfe für die Aufständischen gibt es auch nicht. Nicht einmal ein Flugverbot über Lybien traut sich die Weltgemeinschaft zu, geschweige denn eine Bodenoffensive. Das überstiege – so Militärexperten – die gegenwärtigen militärischen Potentiale der Amerikaner. Kein Wunder, dass Gaddafi sich selbst in Auftritten vor der Fernsehkamera in höhnischem Gelächter ergeht, angesichts so viel internationaler Schwäche, Heuchelei und Haltlosigkeit. Damit drohen die lybischen Ereignisse aber zu einer Art Lehrstück für Dritt-Welt-Diktatoren aller Schattierungen zu werden. Für ein Lehrstück wie man mit diesem ohnmächtigen Westen, insbesondere mit den paralysierten Europäern umzugehen hat.

3 Antworten zu Das libysche Lehrstück

  1. Franz L. sagt:

    In Libyen fährt sozusagen „die Eisenbahn drüber“. Gaddafi ist ein Despot wie er im Bilderbuch steht und schreckt wirklich vor nichts zurück. Doch wer wird es sich jetzt zur Aufgabe machen dieses Blutbad zu beenden und der lybischen Bevölkerung den Frieden zu bringen???

  2. Der Bub sagt:

    Bomben fallen auf die Bevölkerung – dem Westen scheint’s wurscht zu sein. Jetzt schicken UN und EU mal Beobachter – vernünftig, da werden sich die Einheimischen aber freuen!
    Bomben fallen auf die Ölfelder – die USA und die NATO erwägen ein ernsthaftes einschreiten. Truppen stehen wahrscheinlich bereits Gewehr bei Fuß…
    Traurig, was Menschenleben im Vergleich zu Öl wert sind, nämlich nichts!
    Die bevölkerung wird es nicht freuen, denn ihnen bleibt ein Lnad voller verbrannter Erde…

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