Eine Ahnung von Ragnarök

Ein isländischer Vulkan bricht aus, schleudert Tonnen von Steinpartikeln und Asche in die Atmosphäre und schon ist es aus mit unserer Mobilität – zumindest in den Lüften. Schon treten die Apokalyptiker auf den Plan und befürchten entweder den Ausbruch eines zweiten Vulkans oder zumindest ein langes Andauern des Ausbruchs und damit die dauerhafte Lahmlegung des europäischen Flugverkehrs. Jeder Tag bringt Milliardenschäden für Fluglinien und Flughafenbetreiber und die pessimistischen Prognostiker sprechen davon, dass ein längeres Andauern der Blockierung des Flugverkehrs eine Weltwirtschaftskrise auslösen müsste, da Produktion, Handel und Tourismus ohne Flugverkehr kaum denkbar seien.

Wie auch immer sich die isländische Aschewolke in den nächsten Tagen und Wochen gestalten mag, ob das Ganze in wenigen Tagen als harmlos eingestuft wird oder ob es doch zu wochenlangen oder gar längeren Blockaden des Flugverkehrs kommt, fest steht, dass die Natur wieder einmal deutlich gemacht hat, wie ohnmächtig wir ihr gegenüber sind, wie hilflos selbst modernste Technologie, wie ausgeliefert der Mensch mit seiner Zivilisation den natürlichen Regungen unseres Mutterplaneten Erde ist. Je technologisch hochstehender, desto verletzlicher. Gegenwärtig sehen wir dies nur im Bereich des Flugverkehrs. Mit Schiff, Bahn und Automobil lässt sich – Aschewolke hin, Aschewolke her – weiterhin trefflich reisen. Das aber genügt unserer hoch mobilen und allzu schnellen Welt offensichtlich nicht. Was machen die Mächtigen, wenn sie nicht zu den Gipfeltreffen kommen? Was tun die Wirtschaftsbosse, wenn sie ihre Aufsichtsratssitzungen nicht besuchen können? Was ist, wenn die ganzen Lufttransporte, die rasch benötigte Güter und verderbliche Waren quer über den Globus transportieren, ausfallen? Ganz zu schweigen davon, dass die Pauschalflugreisen von Otto Normalverbraucher ausfallen müssen und der wieder in den Wienerwald oder an den Neusiedlersee fahren muss, um seine Urlaubstage zu verbringen? Eine Katastrophe – zumindest dann, wenn dies länger dauert.

Dennoch ist das Ganze noch halb so schlimm. Es gibt nämlich noch ganz andere Horrorszenarien. Der Ausbruch eines Supervulkans könnte etwa die globale Sonneneinstrahlung so vermindern, dass es jahrelange Winter auf unserem Planeten geben müsste. Die viel diskutierte Erderwärmung – wenn es sie denn überhaupt gibt – könnte zum Abschmelzen der Polkappen und zu weltweiten Überschwemmungen führen. Klimaschwankungen der entgegengesetzten Art könnten zu arktischen Wintern führen, die in den bislang gemäßigten Breiten der Industriestaaten gewaltige Schneemengen bringen würden. Man erinnere sich daran, dass vor wenigen Jahren in Norddeutschland das gesamte Stromnetz durch den Zusammenbruch veralterter Strommasten über Wochen ausfiel und man überlege sich, was es in unserer Hightech-Zivilisation bedeuten würde, wenn Millionen Menschen in den europäischen und nordamerikanischen Großstädten über Wochen ohne elektrischen Strom auskommen müssten. Wie viele Menschen verfügen überhaupt noch über die Möglichkeit fossile Brennstoffe, schlicht und einfach Holz zu verheizen, um sich Wärme zu verschaffen und um etwas kochen zu können? Überdies gibt es Horrorszenarien wonach es zu einem Ausfall der Funk- und Sendekapazitäten kommen könnte, wodurch die weltweite Kommunikation zusammenbrechen müsste. Wer kann sich heute etwa den Ausfall des Internets vorstellen, den Ausfall der Mobiltelefonnetze, den Ausfall von Fernseh- und Rundfunksendestationen?

Undenkbar. Bis in die 50-er / 60-er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren auch die modernen westlichen Industriestaaten für die Masse der Bevölkerung in technologisch-zivilisatorischer Hinsicht noch auf einem relativ einfachem Niveau. Man heizte mit Kohle, Wasserkraftwerke versorgten die Haushalte mit Strom und wenn dieser einmal über Tage ausgefallen wäre, wäre das keine Katastrophe gewesen. Die Lebensmittelversorgung erfolgte unmittelbar über kleinere Läden oder über die Landwirtschaft. Heute wäre ein Zusammenbruch der Infrastruktur auch mit dem Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung gekoppelt – eine kaum vorstellbare Katastrophe.

Je komplexer, je technisierter eine Gesellschaft ist, desto anfälliger ist sie für brachiale Naturereignisse. Sollte wirklich eine der vorher angedeuteten Katastrophen eintreten, würden die ärmsten Gesellschaften, die ärmsten Länder des Planeten, am ehesten überleben. Und das viel gescholtene Streben nach proper key, nach der Fähigkeit zu nationaler oder regionaler Selbstversorgung würde fröhliche Urstände feiern.

Apropos. Katastrophen wie die gegenwärtige sollten uns daran erinnern, dass der Zivilschutz, der Katastrophenschutz in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich eines der zentralen Aufgaben der modernen Industriestaaten, auch der europäischen, werden wird. Und es sollte uns daran erinnern, dass wir wieder ein gewisses Maß an Selbstversorgung im Bereich von Energie und Nahrung erarbeiten müssten. Die Globalisierung, ja sogar die Europäisierung könnte sich angesichts großer Naturkatastrophen als überaus verhängnisvoll erweisen. Die kleine Einheit, der überschaubare Nationalstaat, die Heimatregion, ja die eigene Kommune und die eigenen vier Wände müssten sich nach Möglichkeit wieder zu sich selbst versorgenden Einheiten entwickeln.

Eine Antwort zu Eine Ahnung von Ragnarök

  1. mrs.poppins sagt:

    Ich musste eben sehr über Ihren vortrefflichen Kommentar schmunzeln. Wahrlich treffend!
    Ich für meinen Teil finde die beinahe ans hysterische grenzende Panik ja fast amüsant und muss mir nebenbei die Frage stellen, wann und ob die Menschen jemals begreifen werden, dass sie eben doch nicht allmächtig sind. Einmal mehr zeigt sich Mutter Natur von ihrer gewaltigen Seite und uns damit deutlich unsere Grenzen.
    Keine Frage, der wirtschaftliche Schaden, der passiert ist, ist natürlich enorm. Trotzdem oder besser: genau deshalb muss ein Umdenken in unseren Köpfen passieren! Schnell!
    Denn es ist davon auszugehen, dass weitere Katastrophen auf uns zu kommen werden. Prävention ist kaum möglich, aber ein schnelles und organisiertes Handeln danach wird zur Prämisse.

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